29. November 2007: Erich Wolfgang Korngold (1897-1957)
Travi (29.11.2007, 08:57): Ein Beitrag zum 50. Todestag
Da mich Filmmusik generell interessiert und ich zudem seit geraumer Zeit eine Schwäche für Korngold habe, und zwar durchaus nicht nur für seine Filmmusik, möchte ich das heutige Datum dazu nutzen, um in diesem Forum auf diesen Komponisten aufmerksam zu machen.
Als Korngold, der in den 30iger Jahren in die USA emigriert war, nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal wieder Wiener Boden betrat, da soll er begrüßt worden sein mit den Worten: "Jessas - der Herr Professor Korngold! Das ist aber nett! Wann fahr'n S' wieder weg?" Die Anekdote zeigt, dass man sich zwar noch gern an den Menschen Korngold erinnerte, er aber für die Musikwelt buchstäblich bereits gestorben war: ein ehemaliges Wunderkind, im 20. Jahrhundert als Spätromantiker kategorisiert, als romantischer Eklektizist abgetan, ein Unzeitgemäßer. Am 29. November 1957 starb Korngold, der im Exil Karriere als amerikanischer Filmkomponist gemacht hatte, in Hollywood, und dort ist er auch begraben.
Anlässlich seines 100. Geburtstags im Jahre 1997 waren seine Werke wieder häufiger zu hören. Im englischen Sprachraum erschienen kurz hintereinander zwei Biografien, eine von der Musikjournalistin Jessica Duchen und eine von Brendan G. Carroll, dem Präsidenten der Internationalen Korngold-Gesellschaft. In mehreren Filmen seit den 70er Jahren wird die berühmte Arie "Glück das mir verblieb" aus seiner Oper Die tote Stadt für den Soundtrack verwendet. Die Brüder Coen bauen sie 1998 als Track Nr. 10 ein in The Big Lebowski, mittlerweile ein Kultfilm. Nach dem Jubiläumsjahr tritt im Grunde jedoch abermals Ebbe ein.
Nun, im Jahre 2007, bringt man ihn wieder verstärkt auf die Bühne und in die Konzertsäle: in Deutschland, Frankreich, England, Amerika usw. überschlägt man sich, ihm die Ehre zu erweisen. CDs erscheinen und eine DVD mit einer Einführung in sein Werk; die BBC macht ihn zum Komponisten des Monats (wobei er sich diesen Titel allerdings mit Miklós Rósza teilen muss, ebenfalls europäischer Emigrant und ebenfalls Schöpfer von Filmmusik); es kommt zu Artikeln, Vorträgen und Podiumsdiskussionen, so von und mit seiner britischen Biografin anlässlich der ersten UK-Aufführung seiner Oper Das Wunder der Heliane in der Londoner Royal Albert Hall am 21. November. Im deutschsprachigen Raum erscheint jetzt von Guy Wagner erstmals auch eine ausführliche Biografie; sie trägt den Titel Korngold. Musik ist Musik (im Verlag Matthes & Seitz, Berlin). Vom 28. November 2007, also seit gestern, bis zum 18. Mai 2008 wird im Jüdischen Museum in Wien eine Korngold-Ausstellung gezeigt: "Die Korngolds - Klischees, Kritik und Komposition." Bonn plant für den 20. Januar 2008 die Aufführung der mystischen Oper Die Tote Stadt, ein Werk, das nicht erst seit heute als fast nicht aufführbar gilt, weil sich die extrem schwierig zu singenden Hauptfiguren kaum besetzen lassen (unglaublicherweise stellte ich übrigens soeben fest, dass zum Zeitpunkt des Schreibens hier diese beiden Rollen in Bonn mit N.N. besetzt sind... ).
Und so weiter. Die Liste ließe sich fortführen. Aber wer war der Mann denn nun eigentlich?
Das Wiener Wunderkind
Alles hatte äußerst vielversprechend angefangen. Als Sohn des einflussreichen jüdischen Musikkritikers Julius Korngold war ihm die Wunderkindkarriere geradezu vorgezeichnet. Dem 1897 im damals habsburgischen Brünn (heute Brno, Tschechische Republik) Geborenen standen nach dem Umzug nach Wien Türen und Tore offen. Der Vater interessiert sich vor allem für die spätromantische Tradition, das heißt, für Gustav Mahler (der damalige Wiener Hofoperndirektor und persönliche Bekannte von Julius) und Brahms. Der musikalische Geschmack des Vaters prägt die Arbeiten des talentierten Jungen. Auf Vermittlung von Mahler begann Korngold im Jahre 1908 bei Alexander von Zemlinksy zu studieren und konnte seine Ballettpantomime Der Schneemann bereits 1910 auf der Bühne der Wiener Hofoper erleben; da ist er dreizehn Jahre alt. Es lässt sich vermuten, dass der Vater, von Haus aus Jurist, auch eigene Träume und Ambitionen durch die Karriere des Sohnes verwirklicht hat. Das Libretto zur Oper Die tote Stadt verfassten Vater und Sohn jedenfalls gemeinsam unter dem Pseudonym Paul Schott.
Komponist, Dirigent und Lehrer in Europa
Auch als er älter wird, reißt der Erfolg nicht ab; im Gegenteil: Er wird neben Richard Strauss zum meistgespielten Opernkomponisten Österrreichs und Deutschlands mit den Opern Der Ring des Polycrates und Violanta (beide 1916) und Das Wunder der Heliane (1927), vor allem aber mit Die tote Stadt (1920) nach dem berühmten symbolistischen Roman Bruges-la-Morte des Belgiers Georges Rodenbach. Zwischen 1932 und 1937 entsteht Die Kathrin, eine weitere Oper, nach dem Roman Die Magd von Aachen (1931) von Heinrich Eduard Jacob (1889–1967). Ein fast zur gleichen Zeit erscheinendes Werk von Ernst Krenek, das zum ersten Mal Jazz-Elemente integriert, Jonny spielt auf, verhindert allerdings, dass Korngolds Oper größere Beachtung erfährt.
Korngolds Opern sind beinflusst von Wagner, Strauss und Puccini. Sein Talent, wunderschöne Melodien zu erfinden, wird man zeitlebens an ihm rühmen. Später wird man von seiner Filmmusik sagen, es handle sich eigentlich um durchkomponierte Opern, ohne dass diesen Werken jemals die entsprechende Anerkennung zuteil würde. Sein Lehrer Zemlinksy war im Übrigen auch der von Arnold Schoenberg, hat sich aber nicht mit Zwölf-Ton-Musik befasst, so auch nicht der junge Korngold, der sich zum Entsetzen seines Vaters allerdings durchaus für moderne Musik interessiert haben soll.
Korngold schreibt nicht nur Opern, sondern schon als Kind auch Orchester- und Kammermusik: Es entstehen Klaviersonaten, eine Schauspiel-Ouvertüre, eine Sinfonietta. Außerdem dirigiert er und unterrichtet.
Leben und Arbeiten in Hollywood
Der berühmte Theaterregisseur Max Reinhardt holt Korngold 1935 nach Hollywood. Für den Film A Midsummer Night's Dream, die glamouröse Umsetzung von Reinhardts eigenem, für die Wiener Bühne geschaffenen Sommernachtstraum, soll er Mendelssohn arrangieren. Korngold ist zu dem Zeitpunkt in Österreich sehr erfolgreich und betrachtet den Aufenthalt in den USA als Dienstreise: Er ist Professor an der Wiener Hochschule für Musik. Als der Anschluss Österreichs ausgerufen wird, muss er in Amerika bleiben und ein ganz neues Leben beginnen.
Im Laufe der Exiljahre wird er zum Schöpfer eines amerikanischen Filmmusikstils, dessen Einfluss bis heute gewaltig ist, und das, obwohl von 1934-46 insgesamt für Warner Brothers nur zirka 20 Partituren (eine Quelle behauptet sogar nur 17) entstanden. Für zwei Filme, The Adventures of Robin Hood (1938) und Anthony Adverse (1936), wird er den Oscar erhalten. Da er seinem eigenen Verständnis nach Komponist "ernster" Musik ist und bleibt, hätte er sich mit dem Komponieren von Filmmusik zwar eigentlich fast nicht befassen dürfen, aber er tut es unter dem Druck der Verhältnisse. Er hat eine Familie und er will in seinem Beruf arbeiten. Qualitativ stellt er Zeit seines Lebens höchste Ansprüche an sich selbst, also auch an seine in Amerika geschaffene Filmmusik, aber aufgrund seiner Vorgeschichte wird die Arbeit zum Spagat. Für Hollywood zu komponieren war (und ist es teilweise noch) mit dem Makel des zu Leichten, des eben nicht Ernsthaften behaftet. Die Kombination von Wiener Romantik und Hollywood wird zeitlebens verhindern, dass er so ernst genommen wird, wie er es verdient - obwohl er sich ab den 40er Jahren wieder der reinen Musik zuwendet.
Die Musik - zwei Beispiele aus der Spätzeit
Beispiel 1: The Sea Wolf (1941; Regie: Michael Curtiz)
The Sea Wolf nach dem Roman von Jack London ist einer der meistverfilmten Kinostoffe; es soll mindestens zehn Versionen geben. Edward G. Robinson spielte in dieser Version die Hauptrolle. Die Handlung: Drei Schiffbrüchige - der Schriftsteller Humphrey van Weyden (Alexander Knox), Ruth Webster (Ida Lupino) und George Leach (John Garfield) werden von dem geheimnisvollen Robbenfänger "Ghost" an Bord genommen. Wolf Larsen, der Kapitän (Edward G. Robinson), ist ein Sadist, gegen den die Mannschaft schließlich meutert. Die drei Hauptfiguren versuchen ihm zu entkommen, können sich einer gewissen Anziehungskraft aber nicht entziehen. Die Geschichte endet mit dem Tod von van Weyden und Larsen, als das Schiff sinkt. Ruth und George werden im Gegensatz zur Buchvorlage zum tragischen Liebespaar, können sich aber retten.
Ich beziehe mich auf die Aufnahme des BBC Philharmonic Orchestra, dirigiert von Rumon Gamba. Die Einspielung dauert insgesamt 55:04 Minuten und bringt zum ersten Mal seit 1941 den vollständigen Soundtrack zu Gehör, inclusive der 12 Minuten, um die Warner Bros. den Film für die Fassung, die 1947 wieder in die Kinos kam, gekürzt hatten. Die CD enthält ein ausführliches Beiheft, dessen englische Originalfassung vom Verfasser einer der zwei Korngold-Biografien und Präsidenten der Korngold Society stammt, Brendan G. Carroll. Bisher habe ich nur die CD gehört und den Film noch nicht sehen können. Wie ich hoffe im Folgenden zeigen zu können, wirkt die Musik Korngolds allerdings derart anregend, dass ich bisher eigentlich den Film gar nicht nötig hatte, um beim Hören auch zu "sehen"...
Das Werk wird gespielt von einem großen Orchester mit üppiger Blechbläser- und Schlagzeugbesetzung, Klavier, Harfe, Celesta, Vibraphon und, was ungewöhnlich ist, einem Novacord, dem ersten Synthesizer der Welt. Dieses heute veraltete Instrument machte es mit seinen oberen Registern möglich, den Wahnsinn und die beginnende Blindheit des Kapitäns Larsen auf effektvolle Weise anzudeuten und hat zu einer Tradition in der amerikanischen Filmmusik beigetragen, die für psychologische Thriller besonders beliebt wurde.
Die Zeiten im Einzelnen:
1. Main Title
2. The Fog
3. The 'Ghost' - Collision
4. 'You still feel like refusing?' - Larsen's Headache
5. Larsen's Room - The Patient
6. 'Put some bars on her window'
7. Louie's Death
8. Love Scene - Mutiny - Headache / Blindness
9. Man Overboard
10. Escape - The 'Ghost' in Trouble
11. Return to the 'Ghost' - Trapped - Larsen and Van Weyden
12. Gunshot - Final Blindness
13. The Ship goes down - End Titles / Cast List
Korngolds Musik ist im Vergleich zu seinen anderen Filmkompositionen relativ kurz, sie ist sowohl dramatisch als auch lyrisch, und sie arbeitet nicht allein mit dem Ton, sondern auch mit der Stille, dem effektvoll eingesetzten Nicht-Ton, z.B. wenn nur das knarrende Geräusch des alten Schiffs zu hören ist.
Korngolds Arbeitsweise war eine ganz besondere. Während der Dreharbeiten und nach dem Studium des fertigen Drehbuchs legte er die Grundzüge der Komposition fest. Dann ließ er sich im Gegensatz zur gängigen Praxis den Film immer wieder vorspielen und improvisierte im Vorführraum mit einem Klavier so lange, bis Musik und Bild perfekt zusammenpassten. Anschließend schrieb er zu Hause die so erarbeiteten Teile aus dem Gedächtnis nieder; jede Filmrolle wurde sekundenweise markiert. Sein Timing war perfekt und auch beim Dirigieren und bei der späteren Aufnahme der Musik nicht auf mechanische Hilfsmittel angewiesen.
Als die Partitur vollendet war, war die Arbeit für Korngold übrigens noch nicht zu Ende. Er arbeitete mit mehreren Arrangeuren zusammen, vor allem mit dem von ihm besonders geschätzten Hugo Friedhofer, ferner mit Ray Heindorf und Milan Roder. Friedhofer erzählte später, dass Korngold ihm jede Sequenz einzeln vorspielte und dabei die von ihm gewünschten Instrumentaleffekte beschrieb. Korngold soll die Fähigkeit besessen haben, dabei das Klavier wie ein ganzes Orchester klingen zu lassen. Als äußerst ungewöhnlich sei hier aber hervorgehoben, dass der Komponist nicht nur auch selbst als Arrangeur tätig wurde, sondern bei den Aufnahmen obendrein noch spontan völlig neue Abschnitte kreierte.
Es leuchtet ein, wenn Carroll schreibt, die Musik für diesen Film mute an wie eine sinfonische Dichtung. Sie ist durchkomponiert wie die meisten Korngoldfilme und arbeitet mit Leitmotiven, die einzelnen Figuren, Situationen und Stimmungen zugeordnet werden können. Korngold bezeichnete seine Filmmusiken als "Opern ohne Gesang" und soll sogar vorgehabt haben, den Soundtrack zu The Sea Wolf zu einer Oper umzuarbeiten, aber dazu kam es nicht. Die Musik zu diesem Film weicht von dem opernähnlichen Konzept nach Carrolls Meinung allerdings insofern ab, als weite Strecken eher abstrakt wirken, wie reine Stimmungsmusik, wobei das aus Sechs Noten bestehende Motiv für Larsens Schiff 'Ghost' unzählige Male variiert wird.
Korngolds Lieblingsintervalle, Quarten und Quinten, beherrschen die Melodien. Die Titelmusik fasziniert mit einem dramatischen Quintenpaar (gespielt mit Hörnern, Trompeten und Posaunen) und erinnert an den Beginn seines Klavierkonzerts für die linke Hand von 1923. Korngold hat sich oft selbst zitiert. Die in The Sea Wolf für das Liebespaar geschaffene Musik arbeitet mit blanken, aufsteigenden Quarten und ist für Mundharmonika und Streicher gesetzt. Ihr lyrischer Ausdruck kontrastiert mit der düster-brutalen Grundstimmung. Dieser Abschnitt wird wenige Jahre später zur Grundlage für den langsamen Satz seines dritten Streichquartetts (1944).
Beispiel 2: Konzert für Violine und Orchester in D-Dur, op. 35 (1945)
Es war ursprünglich für den polnischen Geigervirtuosen Bronislaw Huberman gedacht, spiegelt aber laut Verfasser des deutschen Textes im Beiheft die schier unglaubliche Virtuosität von Jascha Heifetz wider, ebenfalls ein europäischer Immigrant. 1947 spielte er es in St Louis zum ersten Mal; das Jahr, in dem Huberman stirbt. Mit diesem Werk, das Alma Mahler gewidmet ist, wandte sich Korngold wieder der absoluten Musik zu, wobei er etliche seiner preisgekrönten Filmmelodien in die klassische Konzertform einbaute.
Diese drei Aufnahmen habe ich für diesen Artikel oft gehört:
*Jascha Heifetz / Los Angeles Philharmonic Orchestra / Alfred Wallenstein 10. Januar 1953, Republic Studios, Sound Stage 9, Hollywood
*Gil Shaham / London Symphony Orchestra / André Previn Juni 1993, Henry Wood Hall, London
*Chantal Juillet / Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / John Mauceri April 1995, Funkhaus Berlin Köpenick
Es besteht aus drei Sätzen (die Angaben in Klammern beziehen sich auf Heifetz - Shaham - Juillet):
1. Moderato nobile
2. Romance: Andante
3. Finale: Allegro assai vivace
Michael Struck-Schloen beschreibt im Beiheft zur Einspielung mit Shaham, wie Korngold seine eigenen Filmkompositionen integriert. Da wäre im ersten Satz ein "schwärmerisch auffliegendes" Motiv aus Another Dawn (1937), "eine Scherzando-Überleitung und das schmachtende Seitenthema aus Juarez (1939)"; alles wird melodisch transformiert. Im folgenden "Romance" ist es "vor allem kantables, vibratoreiches Spiel in höchster Lage, das in einen exotisch-farbigen Orchesterklang aus Solostreichern, Harfe, Vibraphon und gedämpften Hörnern eingebettet ist." Die Musik zum oben bereits genannten Film Anthony Adverse von 1936 liefert hierzu Material. Im Finale dann "schickt Korngold ein rustikales Thema aus dem Film The Prince and the Pauper (1937) auf eine geigerische Tour de Force mit aberwitzigen Läufen, Doppelgriffen, Spiccato-, Pizzicato- und Flageolett-Effekten." Es sind zwei Volkstänze und ein Volkslied, die hier zitiert werden. Struck-Schloen ist sich mit dem Verfasser des englischen Textes einig (der französische ist aus dem Englischen übersetzt), der sich für den Spätromantiker Korngold begeistert.
Die Rezeption
Es hätte im Widerspruch zu Korngolds Arbeitsethos gestanden, wenn er nicht auch in Hollywood höchste Qualität angestrebt hätte. Der Tonfilm, den es seit 1928 gab, bot Korngold in Ermangelung einer fertig ausgebildeten Tradition die Möglichkeit, diese selbst zu erschaffen. Er behielt, was sehr wichtig war, auch in Hollywood die Kontrolle über seine Werke - ein Zugeständnis, zu dem Produzenten nur äußerst selten bereit waren. Verbreitung fanden seine Filmkompositionen vor allem durch das Fernsehen, womit er sicher nicht gerechnet hätte.
Innere Befriedigung und äußere Anerkennung dürften für Korngold dennoch nur in der Wunderkindphase deckungsgleich gewesen sein (wenngleich er unter dem Druck des Vaters stand). Filmkompositionen werden traditionell nicht als Werke ernster Musik anerkannt - auch heute noch nicht. Selbst heute dürfen diese Werke beispielsweise nicht als sinfonische Dichtungen bezeichnet werden. Sein Violinkonzert wurde laut Norman Lebrecht als "more corn than gold" verhöhnt. Für die vorbehaltlose Anerkennung eines Komponisten von Hollywood-Soundtracks, gleichberechtigt neben der "ernsten Musik", war es für ihn bis an sein Lebensende zu früh. Ich meine allerdings, es wäre ihm posthum zu wünschen, dass die derzeitigen Bemühungen um Korngold zu einer schubladenfreien Anerkennung führen. Ob es sich angesichts der derzeitigen Aktivitäten um eine dauerhafte Wiederentdeckung handelt, wird abzuwarten sein.
Was nun die von mir gewählten Aufnahmen betrifft, so finde ich es schwierig, Partei zu ergreifen, und möchte das auch gar nicht. Im Falle von The Sea Wolf ist es einfach, da ich nur die oben genannte kenne. Ich kann nur empfehlen, die Musik in Ruhe zu hören und sich auf sie einzulassen. Ihr werdet spätestens im zweiten Abschnitt überrascht sein, wenn Ihr hört, wie ganz allmählich ein Bild evoziert wird, nämlich das des Schiffes "Ghost", das langsam aus dem Nebel auftaucht... Derartige Erlebnisse hatte ich beim Hören ganz oft.
Bei Korngolds Violinkonzert dagegen habe ich drei Versionen gehört, und mir klang schon beim Schreiben die Frage nach der besseren oder interessanteren Interpretation im Ohr. Ohne Heifetz ist das Violinkonzert natürlich nicht denk- und nicht hörbar, und es ist unendlich schwer, die "anderen" zu würdigen, ohne in Sätze zu verfallen wie: Meiner Meinung nach machen "die anderen" ihre Sache "auch" sehr gut. Obendrein fehlen mir für einen echten Vergleich die Kenntnis und die Erfahrung. Was mir auffiel: Heifetz, der von den Zeiten her deutlich rasanter ist und genau diesen Ruf ja auch hat, schien mir schon einen sehr anderen Stil zu verfolgen als Shaham. Heifetz wirkt auf mich noch virtuoser, falls es da eine Steigerung gibt, aber auch - natürlich nicht durchgehend in gleichem Maße, aber - irgendwie "feiner"? "eleganter"?? wienerischer??? (Jetzt stehe ich schon mitten auf dem Glatteis...). Shaham wirkt auf mich "irgendwie kratziger", aber nicht im negativen Sinne, sondern im Sinne von "fetziger", "moderner" (Ich glaube, jetzt knackt das Eis schon...). Juillet steht für mich irgendwo dazwischen, was seltsamerweise zumindest auf die Zeiten tatsächlich zutrifft. Eigentlich würde ich mich am liebsten nur an den Komponisten halten, und der war ja auch der Anlass für diesen Beitrag. Auf jeden Fall hat Korngold es geschafft, dass ich dieses Konzert sehr gern und sehr oft höre. Und ich höre jedesmal mehr.
Nun bin ich natürlich wahnsinnig gespannt, was Ihr meint... :hello
Meine Aufnahmen
The Film Music of Erich Wolfgang Korngold BBC Philharmonic O, Rumon Gamba DDD Chandos CHAN 10336
Concerto for violin and orchestra in D major op. 35 Heifetz, Los Angeles Philharmonic, Wallenstein ADD RCA Victor Gold Seal The Heifetz Collection (vol. 21) 09026617522 Shaham, LSO, Previn DDD DG 4398862 Juillet, Rundfunk-Sinfonie O Berlin, Mauceri DDD Decca Entartete Musik 4524812
Weitere Aufnahmen in meinem Besitz
Symphony in F sharp major op. 40 Philadelphia O, Welser-Möst DDD EMI Nipper Collection 724358610222
Between Two Worlds: Judgement Day*, Symphonic Serenade op. 39, Theme and Variations op. 42 Frey*, Deutsches Symphonie-O Berlin, Rundfunk-Sinfonie O Berlin*, Mauceri DDD Decca Entartete Musik 4441702
Sextet for two violins, two violas and two cellos in D major op. 10 Flesch Quartet, Humphries, Bucknall DDD Brilliant 8549 Wiener Streichsextett DDD Pan Classics 510120
String quartet No. 1 in A major op. 16 Flesch Quartet DDD Brilliant 8549
String quartet No. 2 in E flat major op. 26 (1934) Flesch Quartet DDD Brilliant 8549 Brodsky Quartet DDD Vanguard Classics 99209
String quartet No. 3 in D major op. 34 Flesch Quartet DDD Brilliant 8549
Piano trio in D major op. 1 Beaux Arts Trio DDD Philips 4340722
Sonata for violin and piano op. 6 Lefèvre, Gastaldi DDD Zig-Zag Territoires ZZT030503
Much Ado About Nothing Suite op. 11 Shaham, Previn DDD DG 4398862
Garden scene: Heifetz, Smith ADD RCA Victor Gold Seal The Heifetz Collection (vol. 40) 09026617712
3 Hungarian folk dances (arr. Feighin) Oistrakh, Yampolsky ADD EMI Great Recordings of the Century 724356291423
6 Einfache Lieder op. 9: No. 1: Schneeglöckchen, No. 3: Ständchen, No. 4: Liebesbriefchen, No. 6: Sommer, Die tote Stadt op. 12: Glück, das mir verlieb (Mariettas Lied) Hendricks, Philadelphia O, Welser-Möst DDD EMI Nipper Collection 724358610222
Literatur
Duchen, Jessica, "Composer of the Month: Erich Wolfgang Korngold. Post-Romantic Film Music Pioneer." BBC Music Magazine, vol. 16, no. 3 (November 2007), p.64ff.
Lebrecht, Norman, The Life and Death of Classical Music. New York 2007.
Beihefte zu den besprochenen Aufnahmen
Weblinks
http://www.korngold-society.org/
http://jessicamusic.blogspot.com/ Jessica Duchens klassischer Musik-Blog. Mit zahlreichen weiteren Links zu aktuellen Korngold-Rezensionen in der britischen Presse.
http://www.jmw.at/de/die_korngolds.html Website des Jüdischen Museums Wien: zur Korngold-Ausstellung
http://www.oper.bonn.de/index_1280.php?hd_id=5 Ankündigung der Premiere von Korngolds Die Tote Stadt am 20.01.2008 im Opernhaus Bonn
außerdem: diverse Wikipedia-Artikel
HenningKolf (29.11.2007, 09:24): Meine Hochachtung für diesen Artikel. Sei völlig unbesorgt, da knackt kein Eis, der Boden auf dem Du stehst ist ausgesprochen fest, wie mir scheint. Das wenige, was ich zum Thema beitragen kann, folgt heute Abend nach der Arbeit....
Gruß Henning
Travi (29.11.2007, 09:27): Guten Morgen Henning,
nur kurz: Ich danke Dir für Deine positive Rückmeldung und freue mich auf das, was Du noch schreiben wirst!!!
Gruß, Travi
nikolaus (29.11.2007, 20:44): Wow, gut recherchiert und verfasst! :down
Ich muss gestehen, daß ich mich mit Korngold bisher nicht beschäftigt habe. Nach der Lektüre Deines Beitrags sollte ich ein "noch" ergänzen.
:thanks Nikolaus.
HenningKolf (29.11.2007, 21:34): Bis jetzt habe ich davor zurückgeschreckt, mir einen vollständigen Soundtrack von The Sea Wolf oder auch The Sea Hawk, kürzlich bei Naxos erschienen, zuzulegen, weil ich doch die Gefahr sehe, dass manches Füllstoff ist. Vergleichbar finde ich sind Ballette, bei denen, ohne dass man dem Tanz zuschauen kann, häufig auch die Suiten die bessere Wahl darstellen.
Vielleicht werde ich ja aufgrund Deiner Begeisterung doch noch mal einen Versuch starten. Ich hätte in diesem Falle auch nichts gegen eine gute Aufnahme im Sinne von "The Best Of Korngolds Filmmusik" einzuwenden, auch wenn ich solche rudimentären Auswahlzusammenstellungen sonst nicht mag.
Sehr mag ich das Violinkonzert und die Suite "Viel Lärm um Nichts", welches ich in der von Dir angesprochenen Einspielung mit Shaham habe
Da auch im Violinkonzert die filmusikalische Patenschaft nicht zu verleugnen ist und insoweit Kitschgefahr droht - besonders in den ersten drei Minuten des dritten Satzes - finde ich es sehr passend, dass Shaham keinen süßlichen Geigenton hat, sondern "knarzig-fetzend" spielt.
Heifetz habe ich mal mit dem VK gehört, wenn ich mich recht entsinne klang die Aufnahme schon recht historisch, was mir nie gefällt (wobei ich jetzt nicht weiß, ob dies die von Dir genannte Einspielung war).
Auf jeden Fall hat Korngold es schon wegen dieses Violinkonzerts nicht verdient, vergessen zu werden oder als "bloßer" Filmmusikomponist in Erinnerung zu bleiben.
Gruß Henning
Jürgen (30.11.2007, 07:26): Moin,
einst hatte ich hier geschrieben:
Original von Jürgen Ich habe gestern mal wieder Radio gehört. Es gab das Violinkonzert D-Dur Op.35 von Erich Wolfgang Korngold. Ich muss gestehen, dass ich den Namen zwar kenne, aber bewusst noch nichts von Korngold gehört hatte. Bis gestern.
Und ich war überrascht, wie gut mir diese Musik gefällt. Das Konzert hörte sich an, wie eine Mischung aus Prokofiew und James Horner (Filmmusikkomponist).
Ich hatte noch keine Zeit zu diesem Thema zu googeln. Ich frage lieber in die Runde, was zu Korngold und welche Einspielungen zu diesem Werk Ihr noch empfehlen könnt.
Danke Jürgen
Das ist nun 8 Monate her und Korngold hat nichts mehr von sich hören lassen. Schade. Könnte ein Vorsatz für 2008 werden, aber ich halte nicht viel von Vorsätzen.
Grüße Jürgen
teleton (30.11.2007, 09:12): Hallo Travi,
Dein vorbildlicher Korngoldbeitrag war für dieses Forum fällig.
Erst letztes Jahr hatte ich mein erstes Hörerlebnis mit Korngold. Wegen der Besprechnungen des Violinkonzertes, das sein meistgespieltes Werk ist, wurde ich auf ihn aufmerksam. Inzwischen habe ich eine ganze Reihe weiterer Korngold-CD´s, da mir der Komponist gefällt.
Das Violinkonzert hatte ich in der neuen Aufnahme mit Mutter / Previn (DG) bekommen. Ob das letztendlich die ideale Aufnahme ist, wage ich zu bezweifeln, denn man hört bei einem Werk, das man nur in dieser Aufnahme kenne, ob da vielleicht "noch mehr drin" wäre. Bei Previn könnte ich mir orchestral so einiges noch feuriger vorstellen. Mutter hingegen finde ich sehr brillant. http://ecx.images-amazon.com/images/I/41S892APPYL._AA240_.jpg Korngold und Tschaikowsky - VC LSO, Andre Previn DG, 2004, DDD
Nicht erwähnt hast Du sein sinfonisches Jugendmeisterwerk, das aber schon total reif wirkt: :) Seine Sinfonietta, die ich in dieser fantastischen Aufnahme habe. Ein Werk das sich direkt nach dem ersten Hören erschließt und das ich zuerst sogar der Sinfonie fis-Dur vorgezogen habe.
:) Die Sinfonie fis-Dur habe ich zuerst in der Albert-Aufnahme (cpo) gehört. :thanks Bewundernswert ist, das Korngold im 20.Jahrhundert ein Werk schafft, dass so Eigenständig komponiert ist. Eventuelle Anklänge an andere Komponisten sind kaum festzustellen. Eventuell hatte ich bei einigen Flötenstellen noch an Aaron Copland gedacht, doch diese scheinbaren Anklänge änderten sich umgehend in "Korngold Pur". Diese CD, die Du auch hast, habe ich seit einer Woche:
Diese Aufnahme gefällt mir wirklich sehr gut. Genau wie ich angenommen hatte - Albert ist auch hier wiedermal zu sehr ohne Emotionen. Das hört man, auch wenn man keine andere Aufnahme von dem Werk vorher kannte. Trotzdem ist Albert nicht schlecht, da er sehr schöne Orchesterfarben "malt". Die straffen Tempi und der zupackende Gestus bei Welser-Möst kommen meinem Geschmack sehr entgegen und das Werk wirkt so ungleich aufregender - sehr gute Aufnahme.
:hello Ich habe noch drei weitere Korngold-CD´s. So auch die tolle Robin-Hood-Musik, auf die ich später eingehen möchte. Ich habe aber auch schon Werke von ihm gehört, die ich total überromatisch, kitschig finde - dazu später.
Rachmaninov (30.11.2007, 12:52): @Travi,
toller Thread, klasse Eileitung!
Original von teleton Hallo Travi,
Dein vorbildlicher Korngoldbeitrag war für dieses Forum fällig.
Das Violinkonzert hatte ich in der neuen Aufnahme mit Mutter / Previn (DG) bekommen. Ob das letztendlich die ideale Aufnahme ist, wage ich zu bezweifeln, denn man hört bei einem Werk, das man nur in dieser Aufnahme kenne, ob da vielleicht "noch mehr drin" wäre. Bei Previn könnte ich mir orchestral so einiges noch feuriger vorstellen. Mutter hingegen finde ich sehr brillant. http://ecx.images-amazon.com/images/I/41S892APPYL._AA240_.jpg Korngold und Tschaikowsky - VC LSO, Andre Previn DG, 2004, DDD
In diese Aufnahme hörte ich einst rein. IMO eine der besseren Aufnahmen von ASM.
Eigentlich kenne ich von Korngold lediglich das VK. Es gefällt mir, ohne jedoch zu den Werken zu gehören, die mich in den Bann ziehen.
Aufnahmen kennen ich lediglich von
B. Schmid Heifet Shaham
Um eine Favoriten zu haben höre ich das Konzert nicht oft genug.
Heifet und Shaham spielen, sofern ich mich erinnern kann, brilliant.
R
Travi (30.11.2007, 15:41): Hallo Henning, nikolaus, Jürgen, teleton, Rachmaninov!
Herzlichen Dank für Eure freundlichen Rückmeldungen. Dass es offenbar doch ein Interesse an diesem Komponisten gibt, freut mich sehr – ich hatte schon befürchtet, Korngold würde hier gar nicht oder kaum gehört. Eine Sache ist ja auch die, dass vieles von seiner Filmmusik durch das Fernsehen bekannt ist und dadurch bei manchen Leuten schon "im Ohr" ist, ohne dass sie es wissen. Und dieser gigantische Einfluss, den er auf die Nachfolger (und ihre Produkte unterschiedlicher Qualität) in Hollywood hatte, macht es auch nicht gerade leicht, "das Original" zu würdigen.
@nikolaus: Sagst Du Bescheid, wenn Du Dein erstes Korngold-Hörerlebnis hinter Dir hast? :)
@Henning: „Füllstoff“ habe ich beim Sea Wolf wirklich nicht gehört; mir scheint jede einzelne Note notwendig. Der Sea Hawk steht für mich noch aus.
@Jürgen: Hör Korngold doch einfach mal ohne jede Vorsätze … einfach so, zum Vergnügen. ;-)
@teleton: Danke für das Kompliment und den Hinweis auf Mutter. Ich mag diese Geigerin sehr. Bei der Kombination mit Tschaikowsky kommen mir allerdings Zweifel, ob Korngold das unbedingt gut tut …
Ja, die Sinfonietta ist wohl ein „Jugend“-Kapitel für sich; das weiß ich wohl. Es heißt ja, die Bezeichnung sei viel zu bescheiden und es handle sich eigentlich um eine „ausgewachsene“ Symphonie.
Die Robin-Hood-Musik ist übrigens auch auf meiner Sea-Wolf-CD, aber leider zu wenig davon, denn das Wenige, was sie bietet, ist wirklich toll, genau wie Du schreibst. Wenn Du darauf zurückkommen könntest, würde ich mich sehr freuen.
Was hast Du von Korngold denn gehört, was Du „total überromantisch und kitschig“ findest? Würde mich wirklich interessieren.
Zuletzt noch eine Frage, die sich aus dem Blick auf Deinen Wohnort ergibt: Hast Du zufällig etwas über die Vorbereitungen der Toten Stadt gehört? Ich wollte schon fast Karten kaufen, aber das N.N. hat mich doch ganz schön stutzig gemacht. Die Preise sind ja nicht ganz ohne.
@Rachmaninov: Danke nochmals für das Feedback!
Cetay (inaktiv) (01.12.2007, 09:56): Hallo Travi,
eigentlich habe ich zu dem Thema Korngold fast nichts zu sagen, aber ein solch toller und arbeitsintensver Beitrag kann nicht unbeantwortet bleiben. Ich kenne Korngold lediglich aus der Dokumentation über Hilary Hahn. Dort bildet ein Mischnitt des Violinkonzerts die "Rahmenhandlung", die durch Interviews und Filmszenen unterbrochen wird. Leider hat die Protagonistin das Werk noch nicht auf CD eingespielt und es zur Überbrückung von einem anderen Interpreten anzuschaffen, scheitert an meinem Wunschzettel, der andere Prioritäten vermeldet.
Viele Grüße Jochen
Travi (06.12.2007, 10:59): Hallo Dox,
und tausend Dank für die Anerkennung. Ja, arbeitsintensiv war's, das kann mal wohl sagen... :) Übrigens hätte ich in meiner Fadeneröffnung gern noch ein Beispiel für ein Jugendwerk gebracht, z.B. die Sinfonietta, die ja schon von jemandem angesprochen wurde. Aber das war mir dann doch zuviel.
Nun hoffe ich nicht, dass Korngold wieder "einschläft"!!! Ich selbst habe in letzter Zeit intensiv eine weitere Filmpartitur gehört: Between Two Worlds, über die ich gern noch berichten würde. Es gibt so ungeheuer viel Spannendes, was Korngold angeht, und im Grunde geht es um eine ganze Generation mit teils ähnlichem Schicksal ("Wunderkind" - klassische Jugendwerke - Emigrant - Übergang zu Filmkompositionen - die Folgen für die Reputation - gleichzeitig Pioniertätigkeit für das Genre usw.).
Apropos "Wunderkind": Wäre das nicht auch mal ein Thema ähnlich den "5 Pianisten" oder "5 Violonisten", wie ich es anderswo in diesem Forum gesehen habe?? Die Entscheidung (die es natürlich eh nicht ernsthaft geben kann) würde bestimmt ähnlich schwer fallen, denn allein bei der Beschäftigung mit Korngold sind mir mindestens 5 Wunderkinder begegnet - sogar eins, das später strikt dagegen gewesen sein soll, die scharenweise zu ihm pilgernden und um Unterricht ersuchenden Sprößlinge zu bedienen...).
:D
Beste Grüße, Travi
Travi (29.11.2007, 08:57): Ein Beitrag zum 50. Todestag
Da mich Filmmusik generell interessiert und ich zudem seit geraumer Zeit eine Schwäche für Korngold habe, und zwar durchaus nicht nur für seine Filmmusik, möchte ich das heutige Datum dazu nutzen, um in diesem Forum auf diesen Komponisten aufmerksam zu machen.
Als Korngold, der in den 30iger Jahren in die USA emigriert war, nach dem Zweiten Weltkrieg zum ersten Mal wieder Wiener Boden betrat, da soll er begrüßt worden sein mit den Worten: "Jessas - der Herr Professor Korngold! Das ist aber nett! Wann fahr'n S' wieder weg?" Die Anekdote zeigt, dass man sich zwar noch gern an den Menschen Korngold erinnerte, er aber für die Musikwelt buchstäblich bereits gestorben war: ein ehemaliges Wunderkind, im 20. Jahrhundert als Spätromantiker kategorisiert, als romantischer Eklektizist abgetan, ein Unzeitgemäßer. Am 29. November 1957 starb Korngold, der im Exil Karriere als amerikanischer Filmkomponist gemacht hatte, in Hollywood, und dort ist er auch begraben.
Anlässlich seines 100. Geburtstags im Jahre 1997 waren seine Werke wieder häufiger zu hören. Im englischen Sprachraum erschienen kurz hintereinander zwei Biografien, eine von der Musikjournalistin Jessica Duchen und eine von Brendan G. Carroll, dem Präsidenten der Internationalen Korngold-Gesellschaft. In mehreren Filmen seit den 70er Jahren wird die berühmte Arie "Glück das mir verblieb" aus seiner Oper Die tote Stadt für den Soundtrack verwendet. Die Brüder Coen bauen sie 1998 als Track Nr. 10 ein in The Big Lebowski, mittlerweile ein Kultfilm. Nach dem Jubiläumsjahr tritt im Grunde jedoch abermals Ebbe ein.
Nun, im Jahre 2007, bringt man ihn wieder verstärkt auf die Bühne und in die Konzertsäle: in Deutschland, Frankreich, England, Amerika usw. überschlägt man sich, ihm die Ehre zu erweisen. CDs erscheinen und eine DVD mit einer Einführung in sein Werk; die BBC macht ihn zum Komponisten des Monats (wobei er sich diesen Titel allerdings mit Miklós Rósza teilen muss, ebenfalls europäischer Emigrant und ebenfalls Schöpfer von Filmmusik); es kommt zu Artikeln, Vorträgen und Podiumsdiskussionen, so von und mit seiner britischen Biografin anlässlich der ersten UK-Aufführung seiner Oper Das Wunder der Heliane in der Londoner Royal Albert Hall am 21. November. Im deutschsprachigen Raum erscheint jetzt von Guy Wagner erstmals auch eine ausführliche Biografie; sie trägt den Titel Korngold. Musik ist Musik (im Verlag Matthes & Seitz, Berlin). Vom 28. November 2007, also seit gestern, bis zum 18. Mai 2008 wird im Jüdischen Museum in Wien eine Korngold-Ausstellung gezeigt: "Die Korngolds - Klischees, Kritik und Komposition." Bonn plant für den 20. Januar 2008 die Aufführung der mystischen Oper Die Tote Stadt, ein Werk, das nicht erst seit heute als fast nicht aufführbar gilt, weil sich die extrem schwierig zu singenden Hauptfiguren kaum besetzen lassen (unglaublicherweise stellte ich übrigens soeben fest, dass zum Zeitpunkt des Schreibens hier diese beiden Rollen in Bonn mit N.N. besetzt sind... ).
Und so weiter. Die Liste ließe sich fortführen. Aber wer war der Mann denn nun eigentlich?
Das Wiener Wunderkind
Alles hatte äußerst vielversprechend angefangen. Als Sohn des einflussreichen jüdischen Musikkritikers Julius Korngold war ihm die Wunderkindkarriere geradezu vorgezeichnet. Dem 1897 im damals habsburgischen Brünn (heute Brno, Tschechische Republik) Geborenen standen nach dem Umzug nach Wien Türen und Tore offen. Der Vater interessiert sich vor allem für die spätromantische Tradition, das heißt, für Gustav Mahler (der damalige Wiener Hofoperndirektor und persönliche Bekannte von Julius) und Brahms. Der musikalische Geschmack des Vaters prägt die Arbeiten des talentierten Jungen. Auf Vermittlung von Mahler begann Korngold im Jahre 1908 bei Alexander von Zemlinksy zu studieren und konnte seine Ballettpantomime Der Schneemann bereits 1910 auf der Bühne der Wiener Hofoper erleben; da ist er dreizehn Jahre alt. Es lässt sich vermuten, dass der Vater, von Haus aus Jurist, auch eigene Träume und Ambitionen durch die Karriere des Sohnes verwirklicht hat. Das Libretto zur Oper Die tote Stadt verfassten Vater und Sohn jedenfalls gemeinsam unter dem Pseudonym Paul Schott.
Komponist, Dirigent und Lehrer in Europa
Auch als er älter wird, reißt der Erfolg nicht ab; im Gegenteil: Er wird neben Richard Strauss zum meistgespielten Opernkomponisten Österrreichs und Deutschlands mit den Opern Der Ring des Polycrates und Violanta (beide 1916) und Das Wunder der Heliane (1927), vor allem aber mit Die tote Stadt (1920) nach dem berühmten symbolistischen Roman Bruges-la-Morte des Belgiers Georges Rodenbach. Zwischen 1932 und 1937 entsteht Die Kathrin, eine weitere Oper, nach dem Roman Die Magd von Aachen (1931) von Heinrich Eduard Jacob (1889–1967). Ein fast zur gleichen Zeit erscheinendes Werk von Ernst Krenek, das zum ersten Mal Jazz-Elemente integriert, Jonny spielt auf, verhindert allerdings, dass Korngolds Oper größere Beachtung erfährt.
Korngolds Opern sind beinflusst von Wagner, Strauss und Puccini. Sein Talent, wunderschöne Melodien zu erfinden, wird man zeitlebens an ihm rühmen. Später wird man von seiner Filmmusik sagen, es handle sich eigentlich um durchkomponierte Opern, ohne dass diesen Werken jemals die entsprechende Anerkennung zuteil würde. Sein Lehrer Zemlinksy war im Übrigen auch der von Arnold Schoenberg, hat sich aber nicht mit Zwölf-Ton-Musik befasst, so auch nicht der junge Korngold, der sich zum Entsetzen seines Vaters allerdings durchaus für moderne Musik interessiert haben soll.
Korngold schreibt nicht nur Opern, sondern schon als Kind auch Orchester- und Kammermusik: Es entstehen Klaviersonaten, eine Schauspiel-Ouvertüre, eine Sinfonietta. Außerdem dirigiert er und unterrichtet.
Leben und Arbeiten in Hollywood
Der berühmte Theaterregisseur Max Reinhardt holt Korngold 1935 nach Hollywood. Für den Film A Midsummer Night's Dream, die glamouröse Umsetzung von Reinhardts eigenem, für die Wiener Bühne geschaffenen Sommernachtstraum, soll er Mendelssohn arrangieren. Korngold ist zu dem Zeitpunkt in Österreich sehr erfolgreich und betrachtet den Aufenthalt in den USA als Dienstreise: Er ist Professor an der Wiener Hochschule für Musik. Als der Anschluss Österreichs ausgerufen wird, muss er in Amerika bleiben und ein ganz neues Leben beginnen.
Im Laufe der Exiljahre wird er zum Schöpfer eines amerikanischen Filmmusikstils, dessen Einfluss bis heute gewaltig ist, und das, obwohl von 1934-46 insgesamt für Warner Brothers nur zirka 20 Partituren (eine Quelle behauptet sogar nur 17) entstanden. Für zwei Filme, The Adventures of Robin Hood (1938) und Anthony Adverse (1936), wird er den Oscar erhalten. Da er seinem eigenen Verständnis nach Komponist "ernster" Musik ist und bleibt, hätte er sich mit dem Komponieren von Filmmusik zwar eigentlich fast nicht befassen dürfen, aber er tut es unter dem Druck der Verhältnisse. Er hat eine Familie und er will in seinem Beruf arbeiten. Qualitativ stellt er Zeit seines Lebens höchste Ansprüche an sich selbst, also auch an seine in Amerika geschaffene Filmmusik, aber aufgrund seiner Vorgeschichte wird die Arbeit zum Spagat. Für Hollywood zu komponieren war (und ist es teilweise noch) mit dem Makel des zu Leichten, des eben nicht Ernsthaften behaftet. Die Kombination von Wiener Romantik und Hollywood wird zeitlebens verhindern, dass er so ernst genommen wird, wie er es verdient - obwohl er sich ab den 40er Jahren wieder der reinen Musik zuwendet.
Die Musik - zwei Beispiele aus der Spätzeit
Beispiel 1: The Sea Wolf (1941; Regie: Michael Curtiz)
The Sea Wolf nach dem Roman von Jack London ist einer der meistverfilmten Kinostoffe; es soll mindestens zehn Versionen geben. Edward G. Robinson spielte in dieser Version die Hauptrolle. Die Handlung: Drei Schiffbrüchige - der Schriftsteller Humphrey van Weyden (Alexander Knox), Ruth Webster (Ida Lupino) und George Leach (John Garfield) werden von dem geheimnisvollen Robbenfänger "Ghost" an Bord genommen. Wolf Larsen, der Kapitän (Edward G. Robinson), ist ein Sadist, gegen den die Mannschaft schließlich meutert. Die drei Hauptfiguren versuchen ihm zu entkommen, können sich einer gewissen Anziehungskraft aber nicht entziehen. Die Geschichte endet mit dem Tod von van Weyden und Larsen, als das Schiff sinkt. Ruth und George werden im Gegensatz zur Buchvorlage zum tragischen Liebespaar, können sich aber retten.
Ich beziehe mich auf die Aufnahme des BBC Philharmonic Orchestra, dirigiert von Rumon Gamba. Die Einspielung dauert insgesamt 55:04 Minuten und bringt zum ersten Mal seit 1941 den vollständigen Soundtrack zu Gehör, inclusive der 12 Minuten, um die Warner Bros. den Film für die Fassung, die 1947 wieder in die Kinos kam, gekürzt hatten. Die CD enthält ein ausführliches Beiheft, dessen englische Originalfassung vom Verfasser einer der zwei Korngold-Biografien und Präsidenten der Korngold Society stammt, Brendan G. Carroll. Bisher habe ich nur die CD gehört und den Film noch nicht sehen können. Wie ich hoffe im Folgenden zeigen zu können, wirkt die Musik Korngolds allerdings derart anregend, dass ich bisher eigentlich den Film gar nicht nötig hatte, um beim Hören auch zu "sehen"...
Das Werk wird gespielt von einem großen Orchester mit üppiger Blechbläser- und Schlagzeugbesetzung, Klavier, Harfe, Celesta, Vibraphon und, was ungewöhnlich ist, einem Novacord, dem ersten Synthesizer der Welt. Dieses heute veraltete Instrument machte es mit seinen oberen Registern möglich, den Wahnsinn und die beginnende Blindheit des Kapitäns Larsen auf effektvolle Weise anzudeuten und hat zu einer Tradition in der amerikanischen Filmmusik beigetragen, die für psychologische Thriller besonders beliebt wurde.
Die Zeiten im Einzelnen:
1. Main Title
2. The Fog
3. The 'Ghost' - Collision
4. 'You still feel like refusing?' - Larsen's Headache
5. Larsen's Room - The Patient
6. 'Put some bars on her window'
7. Louie's Death
8. Love Scene - Mutiny - Headache / Blindness
9. Man Overboard
10. Escape - The 'Ghost' in Trouble
11. Return to the 'Ghost' - Trapped - Larsen and Van Weyden
12. Gunshot - Final Blindness
13. The Ship goes down - End Titles / Cast List
Korngolds Musik ist im Vergleich zu seinen anderen Filmkompositionen relativ kurz, sie ist sowohl dramatisch als auch lyrisch, und sie arbeitet nicht allein mit dem Ton, sondern auch mit der Stille, dem effektvoll eingesetzten Nicht-Ton, z.B. wenn nur das knarrende Geräusch des alten Schiffs zu hören ist.
Korngolds Arbeitsweise war eine ganz besondere. Während der Dreharbeiten und nach dem Studium des fertigen Drehbuchs legte er die Grundzüge der Komposition fest. Dann ließ er sich im Gegensatz zur gängigen Praxis den Film immer wieder vorspielen und improvisierte im Vorführraum mit einem Klavier so lange, bis Musik und Bild perfekt zusammenpassten. Anschließend schrieb er zu Hause die so erarbeiteten Teile aus dem Gedächtnis nieder; jede Filmrolle wurde sekundenweise markiert. Sein Timing war perfekt und auch beim Dirigieren und bei der späteren Aufnahme der Musik nicht auf mechanische Hilfsmittel angewiesen.
Als die Partitur vollendet war, war die Arbeit für Korngold übrigens noch nicht zu Ende. Er arbeitete mit mehreren Arrangeuren zusammen, vor allem mit dem von ihm besonders geschätzten Hugo Friedhofer, ferner mit Ray Heindorf und Milan Roder. Friedhofer erzählte später, dass Korngold ihm jede Sequenz einzeln vorspielte und dabei die von ihm gewünschten Instrumentaleffekte beschrieb. Korngold soll die Fähigkeit besessen haben, dabei das Klavier wie ein ganzes Orchester klingen zu lassen. Als äußerst ungewöhnlich sei hier aber hervorgehoben, dass der Komponist nicht nur auch selbst als Arrangeur tätig wurde, sondern bei den Aufnahmen obendrein noch spontan völlig neue Abschnitte kreierte.
Es leuchtet ein, wenn Carroll schreibt, die Musik für diesen Film mute an wie eine sinfonische Dichtung. Sie ist durchkomponiert wie die meisten Korngoldfilme und arbeitet mit Leitmotiven, die einzelnen Figuren, Situationen und Stimmungen zugeordnet werden können. Korngold bezeichnete seine Filmmusiken als "Opern ohne Gesang" und soll sogar vorgehabt haben, den Soundtrack zu The Sea Wolf zu einer Oper umzuarbeiten, aber dazu kam es nicht. Die Musik zu diesem Film weicht von dem opernähnlichen Konzept nach Carrolls Meinung allerdings insofern ab, als weite Strecken eher abstrakt wirken, wie reine Stimmungsmusik, wobei das aus Sechs Noten bestehende Motiv für Larsens Schiff 'Ghost' unzählige Male variiert wird.
Korngolds Lieblingsintervalle, Quarten und Quinten, beherrschen die Melodien. Die Titelmusik fasziniert mit einem dramatischen Quintenpaar (gespielt mit Hörnern, Trompeten und Posaunen) und erinnert an den Beginn seines Klavierkonzerts für die linke Hand von 1923. Korngold hat sich oft selbst zitiert. Die in The Sea Wolf für das Liebespaar geschaffene Musik arbeitet mit blanken, aufsteigenden Quarten und ist für Mundharmonika und Streicher gesetzt. Ihr lyrischer Ausdruck kontrastiert mit der düster-brutalen Grundstimmung. Dieser Abschnitt wird wenige Jahre später zur Grundlage für den langsamen Satz seines dritten Streichquartetts (1944).
Beispiel 2: Konzert für Violine und Orchester in D-Dur, op. 35 (1945)
Es war ursprünglich für den polnischen Geigervirtuosen Bronislaw Huberman gedacht, spiegelt aber laut Verfasser des deutschen Textes im Beiheft die schier unglaubliche Virtuosität von Jascha Heifetz wider, ebenfalls ein europäischer Immigrant. 1947 spielte er es in St Louis zum ersten Mal; das Jahr, in dem Huberman stirbt. Mit diesem Werk, das Alma Mahler gewidmet ist, wandte sich Korngold wieder der absoluten Musik zu, wobei er etliche seiner preisgekrönten Filmmelodien in die klassische Konzertform einbaute.
Diese drei Aufnahmen habe ich für diesen Artikel oft gehört:
*Jascha Heifetz / Los Angeles Philharmonic Orchestra / Alfred Wallenstein 10. Januar 1953, Republic Studios, Sound Stage 9, Hollywood
*Gil Shaham / London Symphony Orchestra / André Previn Juni 1993, Henry Wood Hall, London
*Chantal Juillet / Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin / John Mauceri April 1995, Funkhaus Berlin Köpenick
Es besteht aus drei Sätzen (die Angaben in Klammern beziehen sich auf Heifetz - Shaham - Juillet):
1. Moderato nobile
2. Romance: Andante
3. Finale: Allegro assai vivace
Michael Struck-Schloen beschreibt im Beiheft zur Einspielung mit Shaham, wie Korngold seine eigenen Filmkompositionen integriert. Da wäre im ersten Satz ein "schwärmerisch auffliegendes" Motiv aus Another Dawn (1937), "eine Scherzando-Überleitung und das schmachtende Seitenthema aus Juarez (1939)"; alles wird melodisch transformiert. Im folgenden "Romance" ist es "vor allem kantables, vibratoreiches Spiel in höchster Lage, das in einen exotisch-farbigen Orchesterklang aus Solostreichern, Harfe, Vibraphon und gedämpften Hörnern eingebettet ist." Die Musik zum oben bereits genannten Film Anthony Adverse von 1936 liefert hierzu Material. Im Finale dann "schickt Korngold ein rustikales Thema aus dem Film The Prince and the Pauper (1937) auf eine geigerische Tour de Force mit aberwitzigen Läufen, Doppelgriffen, Spiccato-, Pizzicato- und Flageolett-Effekten." Es sind zwei Volkstänze und ein Volkslied, die hier zitiert werden. Struck-Schloen ist sich mit dem Verfasser des englischen Textes einig (der französische ist aus dem Englischen übersetzt), der sich für den Spätromantiker Korngold begeistert.
Die Rezeption
Es hätte im Widerspruch zu Korngolds Arbeitsethos gestanden, wenn er nicht auch in Hollywood höchste Qualität angestrebt hätte. Der Tonfilm, den es seit 1928 gab, bot Korngold in Ermangelung einer fertig ausgebildeten Tradition die Möglichkeit, diese selbst zu erschaffen. Er behielt, was sehr wichtig war, auch in Hollywood die Kontrolle über seine Werke - ein Zugeständnis, zu dem Produzenten nur äußerst selten bereit waren. Verbreitung fanden seine Filmkompositionen vor allem durch das Fernsehen, womit er sicher nicht gerechnet hätte.
Innere Befriedigung und äußere Anerkennung dürften für Korngold dennoch nur in der Wunderkindphase deckungsgleich gewesen sein (wenngleich er unter dem Druck des Vaters stand). Filmkompositionen werden traditionell nicht als Werke ernster Musik anerkannt - auch heute noch nicht. Selbst heute dürfen diese Werke beispielsweise nicht als sinfonische Dichtungen bezeichnet werden. Sein Violinkonzert wurde laut Norman Lebrecht als "more corn than gold" verhöhnt. Für die vorbehaltlose Anerkennung eines Komponisten von Hollywood-Soundtracks, gleichberechtigt neben der "ernsten Musik", war es für ihn bis an sein Lebensende zu früh. Ich meine allerdings, es wäre ihm posthum zu wünschen, dass die derzeitigen Bemühungen um Korngold zu einer schubladenfreien Anerkennung führen. Ob es sich angesichts der derzeitigen Aktivitäten um eine dauerhafte Wiederentdeckung handelt, wird abzuwarten sein.
Was nun die von mir gewählten Aufnahmen betrifft, so finde ich es schwierig, Partei zu ergreifen, und möchte das auch gar nicht. Im Falle von The Sea Wolf ist es einfach, da ich nur die oben genannte kenne. Ich kann nur empfehlen, die Musik in Ruhe zu hören und sich auf sie einzulassen. Ihr werdet spätestens im zweiten Abschnitt überrascht sein, wenn Ihr hört, wie ganz allmählich ein Bild evoziert wird, nämlich das des Schiffes "Ghost", das langsam aus dem Nebel auftaucht... Derartige Erlebnisse hatte ich beim Hören ganz oft.
Bei Korngolds Violinkonzert dagegen habe ich drei Versionen gehört, und mir klang schon beim Schreiben die Frage nach der besseren oder interessanteren Interpretation im Ohr. Ohne Heifetz ist das Violinkonzert natürlich nicht denk- und nicht hörbar, und es ist unendlich schwer, die "anderen" zu würdigen, ohne in Sätze zu verfallen wie: Meiner Meinung nach machen "die anderen" ihre Sache "auch" sehr gut. Obendrein fehlen mir für einen echten Vergleich die Kenntnis und die Erfahrung. Was mir auffiel: Heifetz, der von den Zeiten her deutlich rasanter ist und genau diesen Ruf ja auch hat, schien mir schon einen sehr anderen Stil zu verfolgen als Shaham. Heifetz wirkt auf mich noch virtuoser, falls es da eine Steigerung gibt, aber auch - natürlich nicht durchgehend in gleichem Maße, aber - irgendwie "feiner"? "eleganter"?? wienerischer??? (Jetzt stehe ich schon mitten auf dem Glatteis...). Shaham wirkt auf mich "irgendwie kratziger", aber nicht im negativen Sinne, sondern im Sinne von "fetziger", "moderner" (Ich glaube, jetzt knackt das Eis schon...). Juillet steht für mich irgendwo dazwischen, was seltsamerweise zumindest auf die Zeiten tatsächlich zutrifft. Eigentlich würde ich mich am liebsten nur an den Komponisten halten, und der war ja auch der Anlass für diesen Beitrag. Auf jeden Fall hat Korngold es geschafft, dass ich dieses Konzert sehr gern und sehr oft höre. Und ich höre jedesmal mehr.
Nun bin ich natürlich wahnsinnig gespannt, was Ihr meint... :hello
Meine Aufnahmen
The Film Music of Erich Wolfgang Korngold BBC Philharmonic O, Rumon Gamba DDD Chandos CHAN 10336
Concerto for violin and orchestra in D major op. 35 Heifetz, Los Angeles Philharmonic, Wallenstein ADD RCA Victor Gold Seal The Heifetz Collection (vol. 21) 09026617522 Shaham, LSO, Previn DDD DG 4398862 Juillet, Rundfunk-Sinfonie O Berlin, Mauceri DDD Decca Entartete Musik 4524812
Weitere Aufnahmen in meinem Besitz
Symphony in F sharp major op. 40 Philadelphia O, Welser-Möst DDD EMI Nipper Collection 724358610222
Between Two Worlds: Judgement Day*, Symphonic Serenade op. 39, Theme and Variations op. 42 Frey*, Deutsches Symphonie-O Berlin, Rundfunk-Sinfonie O Berlin*, Mauceri DDD Decca Entartete Musik 4441702
Sextet for two violins, two violas and two cellos in D major op. 10 Flesch Quartet, Humphries, Bucknall DDD Brilliant 8549 Wiener Streichsextett DDD Pan Classics 510120
String quartet No. 1 in A major op. 16 Flesch Quartet DDD Brilliant 8549
String quartet No. 2 in E flat major op. 26 (1934) Flesch Quartet DDD Brilliant 8549 Brodsky Quartet DDD Vanguard Classics 99209
String quartet No. 3 in D major op. 34 Flesch Quartet DDD Brilliant 8549
Piano trio in D major op. 1 Beaux Arts Trio DDD Philips 4340722
Sonata for violin and piano op. 6 Lefèvre, Gastaldi DDD Zig-Zag Territoires ZZT030503
Much Ado About Nothing Suite op. 11 Shaham, Previn DDD DG 4398862
Garden scene: Heifetz, Smith ADD RCA Victor Gold Seal The Heifetz Collection (vol. 40) 09026617712
3 Hungarian folk dances (arr. Feighin) Oistrakh, Yampolsky ADD EMI Great Recordings of the Century 724356291423
6 Einfache Lieder op. 9: No. 1: Schneeglöckchen, No. 3: Ständchen, No. 4: Liebesbriefchen, No. 6: Sommer, Die tote Stadt op. 12: Glück, das mir verlieb (Mariettas Lied) Hendricks, Philadelphia O, Welser-Möst DDD EMI Nipper Collection 724358610222
Literatur
Duchen, Jessica, "Composer of the Month: Erich Wolfgang Korngold. Post-Romantic Film Music Pioneer." BBC Music Magazine, vol. 16, no. 3 (November 2007), p.64ff.
Lebrecht, Norman, The Life and Death of Classical Music. New York 2007.
Beihefte zu den besprochenen Aufnahmen
Weblinks
http://www.korngold-society.org/
http://jessicamusic.blogspot.com/ Jessica Duchens klassischer Musik-Blog. Mit zahlreichen weiteren Links zu aktuellen Korngold-Rezensionen in der britischen Presse.
http://www.jmw.at/de/die_korngolds.html Website des Jüdischen Museums Wien: zur Korngold-Ausstellung
http://www.oper.bonn.de/index_1280.php?hd_id=5 Ankündigung der Premiere von Korngolds Die Tote Stadt am 20.01.2008 im Opernhaus Bonn
außerdem: diverse Wikipedia-Artikel
HenningKolf (29.11.2007, 09:24): Meine Hochachtung für diesen Artikel. Sei völlig unbesorgt, da knackt kein Eis, der Boden auf dem Du stehst ist ausgesprochen fest, wie mir scheint. Das wenige, was ich zum Thema beitragen kann, folgt heute Abend nach der Arbeit....
Gruß Henning
Travi (29.11.2007, 09:27): Guten Morgen Henning,
nur kurz: Ich danke Dir für Deine positive Rückmeldung und freue mich auf das, was Du noch schreiben wirst!!!
Gruß, Travi
nikolaus (29.11.2007, 20:44): Wow, gut recherchiert und verfasst! :down
Ich muss gestehen, daß ich mich mit Korngold bisher nicht beschäftigt habe. Nach der Lektüre Deines Beitrags sollte ich ein "noch" ergänzen.
:thanks Nikolaus.
HenningKolf (29.11.2007, 21:34): Bis jetzt habe ich davor zurückgeschreckt, mir einen vollständigen Soundtrack von The Sea Wolf oder auch The Sea Hawk, kürzlich bei Naxos erschienen, zuzulegen, weil ich doch die Gefahr sehe, dass manches Füllstoff ist. Vergleichbar finde ich sind Ballette, bei denen, ohne dass man dem Tanz zuschauen kann, häufig auch die Suiten die bessere Wahl darstellen.
Vielleicht werde ich ja aufgrund Deiner Begeisterung doch noch mal einen Versuch starten. Ich hätte in diesem Falle auch nichts gegen eine gute Aufnahme im Sinne von "The Best Of Korngolds Filmmusik" einzuwenden, auch wenn ich solche rudimentären Auswahlzusammenstellungen sonst nicht mag.
Sehr mag ich das Violinkonzert und die Suite "Viel Lärm um Nichts", welches ich in der von Dir angesprochenen Einspielung mit Shaham habe
Da auch im Violinkonzert die filmusikalische Patenschaft nicht zu verleugnen ist und insoweit Kitschgefahr droht - besonders in den ersten drei Minuten des dritten Satzes - finde ich es sehr passend, dass Shaham keinen süßlichen Geigenton hat, sondern "knarzig-fetzend" spielt.
Heifetz habe ich mal mit dem VK gehört, wenn ich mich recht entsinne klang die Aufnahme schon recht historisch, was mir nie gefällt (wobei ich jetzt nicht weiß, ob dies die von Dir genannte Einspielung war).
Auf jeden Fall hat Korngold es schon wegen dieses Violinkonzerts nicht verdient, vergessen zu werden oder als "bloßer" Filmmusikomponist in Erinnerung zu bleiben.
Gruß Henning
Jürgen (30.11.2007, 07:26): Moin,
einst hatte ich hier geschrieben:
Original von Jürgen Ich habe gestern mal wieder Radio gehört. Es gab das Violinkonzert D-Dur Op.35 von Erich Wolfgang Korngold. Ich muss gestehen, dass ich den Namen zwar kenne, aber bewusst noch nichts von Korngold gehört hatte. Bis gestern.
Und ich war überrascht, wie gut mir diese Musik gefällt. Das Konzert hörte sich an, wie eine Mischung aus Prokofiew und James Horner (Filmmusikkomponist).
Ich hatte noch keine Zeit zu diesem Thema zu googeln. Ich frage lieber in die Runde, was zu Korngold und welche Einspielungen zu diesem Werk Ihr noch empfehlen könnt.
Danke Jürgen
Das ist nun 8 Monate her und Korngold hat nichts mehr von sich hören lassen. Schade. Könnte ein Vorsatz für 2008 werden, aber ich halte nicht viel von Vorsätzen.
Grüße Jürgen
teleton (30.11.2007, 09:12): Hallo Travi,
Dein vorbildlicher Korngoldbeitrag war für dieses Forum fällig.
Erst letztes Jahr hatte ich mein erstes Hörerlebnis mit Korngold. Wegen der Besprechnungen des Violinkonzertes, das sein meistgespieltes Werk ist, wurde ich auf ihn aufmerksam. Inzwischen habe ich eine ganze Reihe weiterer Korngold-CD´s, da mir der Komponist gefällt.
Das Violinkonzert hatte ich in der neuen Aufnahme mit Mutter / Previn (DG) bekommen. Ob das letztendlich die ideale Aufnahme ist, wage ich zu bezweifeln, denn man hört bei einem Werk, das man nur in dieser Aufnahme kenne, ob da vielleicht "noch mehr drin" wäre. Bei Previn könnte ich mir orchestral so einiges noch feuriger vorstellen. Mutter hingegen finde ich sehr brillant. http://ecx.images-amazon.com/images/I/41S892APPYL._AA240_.jpg Korngold und Tschaikowsky - VC LSO, Andre Previn DG, 2004, DDD
Nicht erwähnt hast Du sein sinfonisches Jugendmeisterwerk, das aber schon total reif wirkt: :) Seine Sinfonietta, die ich in dieser fantastischen Aufnahme habe. Ein Werk das sich direkt nach dem ersten Hören erschließt und das ich zuerst sogar der Sinfonie fis-Dur vorgezogen habe.
:) Die Sinfonie fis-Dur habe ich zuerst in der Albert-Aufnahme (cpo) gehört. :thanks Bewundernswert ist, das Korngold im 20.Jahrhundert ein Werk schafft, dass so Eigenständig komponiert ist. Eventuelle Anklänge an andere Komponisten sind kaum festzustellen. Eventuell hatte ich bei einigen Flötenstellen noch an Aaron Copland gedacht, doch diese scheinbaren Anklänge änderten sich umgehend in "Korngold Pur". Diese CD, die Du auch hast, habe ich seit einer Woche:
Diese Aufnahme gefällt mir wirklich sehr gut. Genau wie ich angenommen hatte - Albert ist auch hier wiedermal zu sehr ohne Emotionen. Das hört man, auch wenn man keine andere Aufnahme von dem Werk vorher kannte. Trotzdem ist Albert nicht schlecht, da er sehr schöne Orchesterfarben "malt". Die straffen Tempi und der zupackende Gestus bei Welser-Möst kommen meinem Geschmack sehr entgegen und das Werk wirkt so ungleich aufregender - sehr gute Aufnahme.
:hello Ich habe noch drei weitere Korngold-CD´s. So auch die tolle Robin-Hood-Musik, auf die ich später eingehen möchte. Ich habe aber auch schon Werke von ihm gehört, die ich total überromatisch, kitschig finde - dazu später.
Rachmaninov (30.11.2007, 12:52): @Travi,
toller Thread, klasse Eileitung!
Original von teleton Hallo Travi,
Dein vorbildlicher Korngoldbeitrag war für dieses Forum fällig.
Das Violinkonzert hatte ich in der neuen Aufnahme mit Mutter / Previn (DG) bekommen. Ob das letztendlich die ideale Aufnahme ist, wage ich zu bezweifeln, denn man hört bei einem Werk, das man nur in dieser Aufnahme kenne, ob da vielleicht "noch mehr drin" wäre. Bei Previn könnte ich mir orchestral so einiges noch feuriger vorstellen. Mutter hingegen finde ich sehr brillant. http://ecx.images-amazon.com/images/I/41S892APPYL._AA240_.jpg Korngold und Tschaikowsky - VC LSO, Andre Previn DG, 2004, DDD
In diese Aufnahme hörte ich einst rein. IMO eine der besseren Aufnahmen von ASM.
Eigentlich kenne ich von Korngold lediglich das VK. Es gefällt mir, ohne jedoch zu den Werken zu gehören, die mich in den Bann ziehen.
Aufnahmen kennen ich lediglich von
B. Schmid Heifet Shaham
Um eine Favoriten zu haben höre ich das Konzert nicht oft genug.
Heifet und Shaham spielen, sofern ich mich erinnern kann, brilliant.
R
Travi (30.11.2007, 15:41): Hallo Henning, nikolaus, Jürgen, teleton, Rachmaninov!
Herzlichen Dank für Eure freundlichen Rückmeldungen. Dass es offenbar doch ein Interesse an diesem Komponisten gibt, freut mich sehr – ich hatte schon befürchtet, Korngold würde hier gar nicht oder kaum gehört. Eine Sache ist ja auch die, dass vieles von seiner Filmmusik durch das Fernsehen bekannt ist und dadurch bei manchen Leuten schon "im Ohr" ist, ohne dass sie es wissen. Und dieser gigantische Einfluss, den er auf die Nachfolger (und ihre Produkte unterschiedlicher Qualität) in Hollywood hatte, macht es auch nicht gerade leicht, "das Original" zu würdigen.
@nikolaus: Sagst Du Bescheid, wenn Du Dein erstes Korngold-Hörerlebnis hinter Dir hast? :)
@Henning: „Füllstoff“ habe ich beim Sea Wolf wirklich nicht gehört; mir scheint jede einzelne Note notwendig. Der Sea Hawk steht für mich noch aus.
@Jürgen: Hör Korngold doch einfach mal ohne jede Vorsätze … einfach so, zum Vergnügen. ;-)
@teleton: Danke für das Kompliment und den Hinweis auf Mutter. Ich mag diese Geigerin sehr. Bei der Kombination mit Tschaikowsky kommen mir allerdings Zweifel, ob Korngold das unbedingt gut tut …
Ja, die Sinfonietta ist wohl ein „Jugend“-Kapitel für sich; das weiß ich wohl. Es heißt ja, die Bezeichnung sei viel zu bescheiden und es handle sich eigentlich um eine „ausgewachsene“ Symphonie.
Die Robin-Hood-Musik ist übrigens auch auf meiner Sea-Wolf-CD, aber leider zu wenig davon, denn das Wenige, was sie bietet, ist wirklich toll, genau wie Du schreibst. Wenn Du darauf zurückkommen könntest, würde ich mich sehr freuen.
Was hast Du von Korngold denn gehört, was Du „total überromantisch und kitschig“ findest? Würde mich wirklich interessieren.
Zuletzt noch eine Frage, die sich aus dem Blick auf Deinen Wohnort ergibt: Hast Du zufällig etwas über die Vorbereitungen der Toten Stadt gehört? Ich wollte schon fast Karten kaufen, aber das N.N. hat mich doch ganz schön stutzig gemacht. Die Preise sind ja nicht ganz ohne.
@Rachmaninov: Danke nochmals für das Feedback!
Cetay (inaktiv) (01.12.2007, 09:56): Hallo Travi,
eigentlich habe ich zu dem Thema Korngold fast nichts zu sagen, aber ein solch toller und arbeitsintensver Beitrag kann nicht unbeantwortet bleiben. Ich kenne Korngold lediglich aus der Dokumentation über Hilary Hahn. Dort bildet ein Mischnitt des Violinkonzerts die "Rahmenhandlung", die durch Interviews und Filmszenen unterbrochen wird. Leider hat die Protagonistin das Werk noch nicht auf CD eingespielt und es zur Überbrückung von einem anderen Interpreten anzuschaffen, scheitert an meinem Wunschzettel, der andere Prioritäten vermeldet.
Viele Grüße Jochen
Travi (06.12.2007, 10:59): Hallo Dox,
und tausend Dank für die Anerkennung. Ja, arbeitsintensiv war's, das kann mal wohl sagen... :) Übrigens hätte ich in meiner Fadeneröffnung gern noch ein Beispiel für ein Jugendwerk gebracht, z.B. die Sinfonietta, die ja schon von jemandem angesprochen wurde. Aber das war mir dann doch zuviel.
Nun hoffe ich nicht, dass Korngold wieder "einschläft"!!! Ich selbst habe in letzter Zeit intensiv eine weitere Filmpartitur gehört: Between Two Worlds, über die ich gern noch berichten würde. Es gibt so ungeheuer viel Spannendes, was Korngold angeht, und im Grunde geht es um eine ganze Generation mit teils ähnlichem Schicksal ("Wunderkind" - klassische Jugendwerke - Emigrant - Übergang zu Filmkompositionen - die Folgen für die Reputation - gleichzeitig Pioniertätigkeit für das Genre usw.).
Apropos "Wunderkind": Wäre das nicht auch mal ein Thema ähnlich den "5 Pianisten" oder "5 Violonisten", wie ich es anderswo in diesem Forum gesehen habe?? Die Entscheidung (die es natürlich eh nicht ernsthaft geben kann) würde bestimmt ähnlich schwer fallen, denn allein bei der Beschäftigung mit Korngold sind mir mindestens 5 Wunderkinder begegnet - sogar eins, das später strikt dagegen gewesen sein soll, die scharenweise zu ihm pilgernden und um Unterricht ersuchenden Sprößlinge zu bedienen...).
:D
Beste Grüße, Travi
Nordolf (22.03.2008, 21:24): Hallo liebe Travi!
Ich muss mich bei Dir entschuldigen - als Korngold-Gernehörer hätte ich schon längst auf Deinen wunderbar aufwendig recherchierten Beitrag antworten sollen.
Dann will ich mal mein Scherflein beitragen.
Auf Chandos ist Ende letzten Jahres die vom Dirigenten Rumon Gamba zusammengestellte, 77 Minuten dauernde Suite aus Korngolds Musik zu dem Abenteuer-Piratenfilm mit Erroll Flynn "The Sea Hawk" erschienen:
Rumon Gamba / BBC Philharmonic Manchester Chamber Choir 2007
Diese Partitur von Korngold gehört zu den komplexesten Filmusiken überhaupt. Getreu seinem Motto, das Filmusik als "Oper ohne Worte" zu komponieren sei, knüpfte er ganz direkt an die Wagnerische Leitmotivtechnik an. Wir hören hier zwölf Hauptthemen und eine Überfülle an Nebenthemen. Von den 127 Minuten, die der Film dauert, sind allein 106 mit der Musik Korngolds unterlegt.
Die Musik entstand unter extremem Zeitdruck im Jahre 1940. Sieben Wochen hatten der Komponist und sein Team Zeit für das fertige Werk. Korngold arbeitete mit vier Orchestratoren zusammen. Wie es seine Gewohnheit war, begab er sich in einen für ihn hergerichteten Projektionsraum mit einem Klavier. Dort setzte er sich an das Instrument und ließ die Filmspulen dazu ablaufen. Während der Film lief, improvisierte Korngold stundenlang auf dem Klavier. Dann fertigte er einen Klavierauszug an, sprach diesen mit seine Orchestratoren durch und gab Anweisungen zur Instrumentierung, die dann von seinen Helfern fertigestellt wurde. Man kann sich vorstellen, wie diese unter Druck ausgeführte Arbeit an den Kräften zehren musste.
Die Partitur quillt über vor Ideen - beim Spielen der Musik in der Schlachtszene nach Beginn des Films ist ein Umblättern der Partiturseiten alle 20 Sekunden nötig. Dementsprechend farbig, bewegt und schnell klingt insbesondere der erste Part der Suite. Schon das Sea-Hawk-Thema ist ein fetziges im Ohr bleibendes Abenteuerfilm-Motiv, das die melodische Erfindungsgabe des "Wunderkindes" Korngold zeigt. Auch die ruhigen Momente beherrscht der Komponist: - die zweite Part der Suite beginnt mit nächtlichen Englischhorn-Tönen, um im weiteren von Altsaxophon und Fagott getragen zu werden. Atmosphärische Exotik breitet Korngold in der Musik zu den Dschungelszenen im Film aus, u.a. als Begleitmusik für eine fleischfressende Orchidee. Das Schwüle und Sumpfige der Umgebung klingt treffend wieder (Part IV). An Ende wird der Pirat und Hauptheld Thorpe zum Ritter geschlagen - dementsprechend triumphierend und mit ordentlich heroischem Drive klingt die Suite aus.
Filmmusik nur als Gebrauchsmusik abzustemplen, scheint mir etwas ignorant und übereilt - ganz abgesehen davon, das man durch ein solches Urteil eigentlich dreiviertel der Barock- und Frühklassikmusik gleich mit verdammt. Korngold hatte den Anspruch mehr als nur Begleitmaterial abzuliefern. Ich kenne den Film nicht, trotzdem funktioniert die Musik. Wenn man sich die Mühe macht, aufmerksam zuzuhören, kann man die vielen melodischen Einfälle und das regelrechte Gewirr der miteinander verbundenen Themen hören. Dieser Komponist hatte wirklich Phantasie...
Herzliche Grüsse! Jörg
teleton (23.03.2008, 11:39): Hallo Nordolf und Travi,
die von Nordolf abgebildete CD mit THE SEA HAWK ist unbedingt empfehlenswert. Kaum ein anderer versteht es besser sich in diese Filmmusikwelkten einzufügen als Rumon Gamba, den ich in dieser Rolle schon auf anderen CD´s bewundern konnte.
The Sea Hawk habe ich leider nur in einer abgespeckten 16Minuten-Version auf einer Korngold-Fimmusik-CD mit National Philharmonic Orchestra / Charles Gerhardt RCA, 1988, DDD
Hier sind auch Ausschnitte aus - Between Two Worlds - The Sea Wolf - Kings Row - Of Human Bondage - Antony Adverse - Deception - Devotion - Escape Me Never
Das ganze wird von Gerhardt sehr kurzweilig und interessant dargeboten. Aber es sind eben nur Ausschnitte ! Daher wird die im Vorbeitrag gezeigte CD bald auch für mich fällig.
Was hast Du von Korngold denn gehört, was Du „total überromantisch und kitschig“ findest? Würde mich wirklich interessieren. Das kann ich Dir sagen: Ganz enttäuscht hat mich die Korngold-Musik zu Antony Adverse. Das Schmalz läiuft nur so aus den Boxen ( :D während der Wiedergabe der CD) heraus. Zudem Kitschgesang hoch drei. Das ist nicht meine Musik (schüttel). Gemeint ist diese CD: http://ecx.images-amazon.com/images/I/31eyK94Tt6L._AA180_.jpg