Abschied von dieser Welt - Komponisten und ihre letzten Werke

Heike (14.06.2009, 20:57):
Neulich habe ich einen Thread über Schostakowitschs letzte Sonate geschrieben.

Seitdem denke ich immer mal wieder drüber nach, welche letzten Werke von Komponisten ich kenne und wie sie auf mich wirken. Das letzte Werk ist eigentlich immer ein besonderes, meine ich, auch wenn es sicher nicht immer das beste oder bekannteste ist. Aber man begegnet ihm oft mit einer besonderen Gestimmtheit, jedenfalls geht es mir so.

Ein letztes Werk vor dem Tod kann ja alles sein - von einem abgebrochenen Stück, das nichts vom Ende ahnen lässt, aber für das urplötzlich keine Zeit mehr blieb.... bis zur ganz intimen Bilanz, die vielleicht Resignation, Angst, Verwirrung, Hoffnung und/oder Religiosität spiegelt.

Habt ihr Lust mal zu sammeln - wer schrieb was zuletzt (jetzt mal egal ob vollendet oder nicht, das letzte geschriebene und heute noch aufgeführte Werk eben).
1. Komponist
2. letztes Werk
3. eure liebste(n) Aufnahme(n)
4. eure Gedanken dazu?
Heike
Heike (14.06.2009, 21:40):
Ich fang mal mit einem der ganz Großen an - auch wenn man bei ihm nicht so ganz genau weiß, ob er nicht doch noch an andren Dingen gearbeitet hat.
Das letzte der bekannten Werke dürfte dann doch dieses sein:

Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) - „Die Kunst der Fuge", BWV 1080

Das ist ein Zyklus von vierzehn Fugen und vier Kanons, wobei die Vorabeiten schon ab 1740 begannen und der Autograph der unvollendet überlieferten Schlussfuge von August 1748 bis Mitte Dezember 1749 dateirt.
Wiki schreibt: Nachdem in der letzten Fuge das B-A-C-H-Thema eingeführt und mit den beiden anderen Themen kombiniert wurde, bricht die Druckausgabe ab. Sie enthält in der Handschrift von Bachs Sohn Carl Philipp Emanuel Bach die Anmerkung: „Über dieser Fuge, wo der Name BACH im Contrasubject angebracht worden, ist der Verfasser gestorben.“

Ich liebe dieses Werk, es fordert meine analytische Seite heraus und hat doch einen sehr meditativen Anteil. Ich stelle mir dabei den alten Bach vor, der bis zum letzten Atemzug den Kopf randvoll mit Melodien und deren virtuos kunstvollen Verarbeitungen hatte und uns bis ans Lebensende mit der Entschlüsselung beschäftigen wollte ;-)

Meine liebste Aufnahme ist eine auf dem Klavier, die ich noch nicht lange habe:



Heike
daniel5993 (14.06.2009, 22:30):
Guten Abend Hebre,

den Schauer des Todes und die damit verbundenen Umstände lassen mir das Requiem von Wolfgang Amadeus Mozart in einem ganz besonderen Licht erstrahlen. Mozart, der mir ganz besonders am Herzen liegt, sehe ich noch wie im Film "Amadeus" aufgezeichnet, bleich auf dem Bett liegen und kann so meine Eindrücke der letzten Stunden dieses Meisters erfassen. Die "Treppenstufe" des Lacrimosa, welches wohl das letzte war, was der Wolferl im Sterben dachte und uns letztendlich auch überbracht hat. Die Geschichten, die um dieses Werk ranken machen es mysteriös und lassen viel Platz für die eigene Fantasie, sich dort hineinzuleben, hineinzudenken......

Meine liebste Aufnahme dieses KV 626 ist folgende mit den Wiener Symphonikern, dem Chor der Wiener Staatsoper und Karl Böhm. Ein bisschen schwingt natürlich auch die Darstellung und das "dabeisein" mit, wenn man diese DVD sieht, der Kerzenschein, die ernsten Gesichter, die Stille, es ist schon der Richtige Rahmen der hier bei dieser Aufnahme mit Karl Böhm aufgezogen wird.
Zudem hat er sich auch mit die Besten des Fachs für diese Aufführung herrangezogen: Walter Berry, Peter Schreier, Christa Ludwig, Gundula Janowitz.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0044007340813.jpg
1971

Grüße und Gute Nacht!
Daniel
Cetay (inaktiv) (15.06.2009, 11:04):
Ein hochinteressantes und fieses (weil stundenlange Beschäftigung ermöglichendes) Thema. Man kann sich dem Thema letzte Werke -oder allgemein dem Spätwerk- auf ganz unterschiedliche Art nähern.

Die dem Spätwerk etwas mystisches verleihende Frage lautet, ob die Komponisten das Ende voraus ahnten und und ob diese Ahnung in ihr Spätwerk eingeflossen ist. Wenn ja, wird auf das diesseitige Lebenswerk zurückgeblickt oder wird auf eine jenseitige Realität vorausgeblickt; und wie geschieht das?
Da gibt es die soft facts, etwa eine Nähe zu religiösen Themen, eine besondere Schwermut oder die Verwendung von Todessymbolik.
Und es stellt sich die Frage nach konkreten Merkmalen hinsichtlich der Kompositionstechnik und wie sich die späten von den früheren Werken unterscheiden. Zeichnen sie sich z.B. durch Verdichtung, vage Harmonik, gebrochene Form, hohe Komplexität oder experimentellen Charakter aus? Von hier geht es dann im Zirkel wieder zurück zur Ausgangsfrage, ob und wie man diese Unterschiede im Sinne einer Todesahnung deuten kann oder ob sie eher ein Charakeristikum des Alters sind - wobei sich dann wiederum Frage aufdrängt, wie man das Spätwerk der jung gestorbenen einordnen soll.

Als "Arbeitsvorrat" von Stücken, die man dahingehend untersuchen könnte, kann man die folgende Liste* hernehmen:

Bach; Choral "Vor deinen Thron tret Ich hiermit"
Bach; Die Kunst der Fuge
Bach; Messe in h-moll
Bartok; Streichquartett Nr. 6 D-Dur
Bartok; Klavierkonzert Nr. 3
Beethoven; Streichquartett B-Dur, Op. 130
Berg; Violinkonzert
Bruckner; Sinfonie Nr.9 d-moll
Franck; Choral Nr. 3 a-moll
Johannes Brahms; Choral-Vorspiele Op. 122
Mahler; Sinfonie Nr.10 - Adagio
Mendelssohn; Streichquartett Op. 80
Messiaen; Der heilige Franz von Assisi
Monteverdi; Die Krönung der Poppea
Mozart; Requiem
Schostakowitsch; Suite nach Gedichten von Michelangelo, Op. 145
Schubert; Klaviersonate D960 B-Dur
Schumann; Geistervariationen
Strauss; Vier letzte Lieder
Stravinsky; Requiem Canticles
Tchaikovsky; Sinfonie Nr. 6 b-moll "Pathétique"
Ullmann; Streichquartett Nr.3
Verdi; Vier heilige Gesänge
Wagner; Parsifal

* Diese Liste ist weitgehend identisch mit den Werken, aus denen die Hörbespiele der CDs zum Buch des umstrittenen Hör-Papstes J. E. Berendt: "Hinübergehen - Wunder des Spätwerks" (zur Zeit nur antiquarisch erhältlich) entnommen sind.
Cetay (inaktiv) (15.06.2009, 16:55):
Auch wenn es nicht die allerletzte Komposition von John Cage ist, so darf die 4 Monate vor seinem Tod entstandene Komposition Two 6 (für Violine und Klavier) hier nicht fehlen. Die sogenannten Nummernstücke (die erste Nummer steht für die Zahl der Musiker, die zweite für die Chronologie), die Cage alle in seinen letzten 6 Lebensjahren geschrieben hat, sind an sich schon ziemlich karg, aber auf Two 6 erscheint das alles noch reduzierter. Cage weist hier der Violine neben anderem ausdrücklich Stille als Material zu.
Dass dies zu einem Werk des Abschieds und Übergangs geworden ist, liegt auch an der Realisierung durch die Widmungsträger Ami Flammer und Martine Joste. Die Beiden haben das Werk noch zu Lebzeiten vor dem Komponisten gespielt und es dann nach seinem Tod auf CD aufgenommen - und das ist eines der bewegensten und "jenseitigsten" Musikstücke, das ich je hören durfte.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/217C1FMK2XL._SL500_AA130_.jpg
Heike (15.06.2009, 19:39):
Schön, dass ihr zwei euch schon beteiligt habt!
@Daniel: DVDs finde ich immer besonders interessant, danke für den Tipp.
@Dox Orkh: wieder etwas, was ich nicht kenne und worauf ich durch deine Beschreibung neugierig geworden bin.

Ich fände es interessant, wenn noch möglichst viele letzte Werke zusammenkommen würden, ich hoffe insoweit, dass es noch einige Beiträge demnächst geben wird. Dox hat ja mit seiner Liste schon Anregungen präsentiert....
Heike
Jürgen (16.06.2009, 09:10):
Ich würde Dox' Liste gerne noch ergänzen um zwei Werke, die beide von Todessehnsucht nur so triefen:

Schubert: Winterreise

Mahler: Das Lied von der Erde

Grüße
Jürgen
Wooster (16.06.2009, 10:17):
Original von Dox Orkh
Als "Arbeitsvorrat" von Stücken, die man dahingehend untersuchen könnte, kann man die folgende Liste* hernehmen:

Bach; Choral "Vor deinen Thron tret Ich hiermit"


Das ist meines Wissens eher eine Ente, die CPE Bach ausgeheckt hat, weil die Kunst der Fuge nicht ganz vollständig war. Komponiert wurde der Choralsatz wohl schon wesentlich früher.


Bartok; Streichquartett Nr. 6 D-Dur
Bartok; Klavierkonzert Nr. 3

+ Bratschenkonzert


Beethoven; Streichquartett B-Dur, Op. 130


Der letzte Instrumentalsatz Beethovens ist das nachkomponierte Finale für dieses Werk. Als vollständige Werke wurden aber op.131 und 135 später als op.130 geschrieben.


Johannes Brahms; Choral-Vorspiele Op. 122


Vier Ernste Gesänge op.121, Klarinettensonaten op.120, Klavierstücke op.116-119

außerdem:

Haydn: Die Jahreszeiten, Harmoniemesse

Schubert: Sonaten D 958, 959, 960, C-Dur-Quintett, "Schwanengesang"

Schönberg: Streichtrio (zwar nicht das letzte Werk, aber nach Herzkrankheit komponiert)

R. Strauss: Metamorphosen

Was ist von dem Berendt: "Hinübergehen - Wunder des Spätwerks" zu halten? Ich hatte damit immer mal geliebäugelt, als 2**1 es im Programm hatte, war mir dann aber zu esoterisch, was mir inzwischen auch bestätigt wurde. Selbst reingeschaut habe ich freilich noch nie, und ein wenig interessieren würde es mich schon.

:hello

Wooster
Cetay (inaktiv) (20.06.2009, 08:35):
Original von Wooster
Original von Dox Orkh
Als "Arbeitsvorrat" von Stücken, die man dahingehend untersuchen könnte, kann man die folgende Liste* hernehmen:

Bach; Choral "Vor deinen Thron tret Ich hiermit"


Das ist meines Wissens eher eine Ente, die CPE Bach ausgeheckt hat, weil die Kunst der Fuge nicht ganz vollständig war. Komponiert wurde der Choralsatz wohl schon wesentlich früher.


Das macht sich gerade deswegen gut auf der Liste, weil es eigentlich ein typisches "letztes Werk" ist - nur nicht zeitlich. Das wirft die Frage auf, ob es wirklich spezielle Charakteristika von letzten Werken gibt. Vielleicht gibt es viele Kompositionen, die sofort als letzte Werke durchgehen würden, nur ist der Komponist halt nicht gleich gestorben. Ein Beispiel, das mir sofort einfällt, ist die 6. von Mahler; da hätte man wirklich einen tollen Mythos draus stricken können, wenn es die Letzte gewesen wäre.

Original von Wooster
Original von Dox Orkh
Was ist von dem Berendt: "Hinübergehen - Wunder des Spätwerks" zu halten? Ich hatte damit immer mal geliebäugelt, als 2**1 es im Programm hatte, war mir dann aber zu esoterisch, was mir inzwischen auch bestätigt wurde. Selbst reingeschaut habe ich freilich noch nie, und ein wenig interessieren würde es mich schon.

"Esoterisch" ist ein weiter Begriff und wie viel erlaubt ist, bevor es zu esotersich wird, weiß ich auch nicht. Ich kenne "Hinübergehen" nicht, habe aber andere Bücher von Berendt gelesen. Er gehörte zu der Bewegung, die das Gemeinsame in Religion, Esoterik und Wissenschaft sucht. Wenn solche Konglomerate wie bei Berendt zu persönlich gefärbt werden (quasi wieder eine eigene Religion draus wird), kann es schon mal unverdaulich werden. Heute findet man dieser Richtung sicher "bessere" Autoren, aber schwerlich welche mit gleichzeitig solch profunden Musikkenntnissen.
Sarastro (20.06.2009, 11:53):
Interessantes Thema, auch wenn es nichts schaden kann, sich ein wenig von dem romantischen Kitsch, wie er so gern den "letzten Werken" angedichtet wird, zu distanzieren!

Mozart: Von den Werken, die in seinem Todesjahr entstanden sind, verkörpert zweifellos das letzte Klavierkonzert B-Dur (KV 595) besonders deutlich hör- und erfühlbar einen "transzendenten", abgeklärten und vergeistigten Spätstil, wie er sich nicht in allen 1791 entstandenen Werken in gleicher Weise offenbart. Die sparsamste und differenziert eingesetzte Instrumentierung im zweiten Satz, die harmonischen Eintrübungen und Modulationen, ein melancholischer Einschlag, die im dritten Satz eintretende Befreiung - das ist alles äußerst subtil und doch wieder einfach gestaltet (persönlich steht mir KV 595 auch sehr viel näher als das aus bekannten Gründen uneinheitliche Requiem).

Relativ wenig bekannt ist die kleine Freimaurer-Kantate KV 623, von Mozart am 15. 11. 1791, wenige Wochen vor seinem Tod, in sein Werkverzeichnis eingetragen und drei Tage später zur Einweihung des neuen Logentempels "Zur neugekrönten Hoffnung" aufgeführt. Im Charakter völlig anders als das verhaltene, introvertierte Klavierkonzert. Der Jubelchor Anfang ("Laut verkünde unsere Freude") steht in C-Dur, in welche Tonart das Werk am Schluß zurückkehrt:
"In der Erlösungstonart C-Dur nimmt Mozart Abschied: euphorisch und ruhig, erfüllt vom Feuer der Zuversicht" (Heinz Sichrovsky im Booklet der bei Naxos erschienenen Einspielung von Mozarts Freimaurermusik; er kontrastiert damit "die Schreckenstonart d-Moll" des Requiems).

Haydn: Der ist sicher viel weniger als Mozart oder Beethoven geeignet, ihn und seine "letzten Werke" romantisch sub specie aeternitatis zu verklären. Da muß man sich schon auf das musikalische Geschehen als solches einlassen und konzentrieren, und das ist auch besser so! Die oben schon genannten Jahreszeiten standen schon immer im Schatten der ein "höheres" und "edleres" Sujet behandelnden "Schöpfung", ein Schicksal, das sie objektiv betrachtet nicht verdienen: Rein musikalisch gesehen stehen die "Jahreszeiten" der "Schöpfung" nicht nach - Haydn ist sogar noch weiter am Ausbauen und Vertiefen des dort Verwirklichten -, und was den geistigen Gehalt betrifft, mag man sich ja über bestimmte Details des Textes (etwa die vom Komponisten selbst als Zumutung empfundene Glorifizierung des Fleißes) leicht amüsieren, aber erstens kann ich an der "Ideologie" des Werkes, dem tätigen, gottgefälligen Leben im Einklang mit der Natur, nichts irgendwie im Vergleich zur Schöpfung "Niedrige(re)s" erkennen, und zweitens bin ich inzwischen in einem Stadium angelangt, wo mich (auch) das Ende des Werkes - mit seinem scharfen Kontrast zu dem, was unmittelbar vorangeht – mit der in metaphysische Höhen aufsteigenden Reflexion "Erblicke hier, betörter Mensch" noch stärker berührt als das Ende der "Schöpfung".

Beethoven: Ist er nicht in seinem letzten Quartett (op. 135 F-Dur, 1826) zu einer transparenteren, "klassischen", ausgewogenen Struktur zurückgekehrt? Im Unterschied zu den drei vorangehenden (op. 130-132) hat es wieder "nur" vier Sätze und ist mit einer Spieldauer von etwa 25 Minuten für Beethovensche Verhältnisse erstaunlich kurz. Beethovens berühmte Überschriften zum letzten Satz ("Muß es sein? – Es muß sein") geben aber natürlich einen idealen Nährboden für Spekulationen aller Art ab.

Schöne Grüße,
Sarastro
Heike (21.06.2009, 08:46):
Hallo Sarastro,
auch wenn es nichts schaden kann, sich ein wenig von dem romantischen Kitsch, wie er so gern den "letzten Werken" angedichtet wird, zu distanzieren
Ja, das denke ich, ist nötig.
Genau wie die frühen Wunderkindkompositionen von Mozart gern mal verklärt werden, genauso hat man immer mal wieder -zig kitschige Märchen um die letzten Werke gesponnen. Davon mal abgesehen, dass ich auch diese Märchen interessant finde (weil sie auch was aussagen), sollte man doch besser dem realen Gehalt dieser letzten Kompositionen nachgehen.
Heike
Uhrwerker (25.06.2009, 21:42):
Grundsätzlich gibt es von jedem verstorbenen Komponisten ein letztes Werk, von denen manche vollendet sind und manche nicht, wobei interessanter Weise der Fertigstellungsgrad nichts über die eventuelle Mystifizierung dieses Werkes und seines Komponisten aussagt.
Teilweise wird sogar das letzte Werk an dem der Komponist gearbeitet hat, ignoriert: Siehe dazu Alban Bergs Lulu, Schuberts große D-Dur Sinfonie, aber auch Mozarts Zauberflöte und Titus an denen er parallel zum Requiem gearbeitet hat.
Wäre nun den drei oben aufgeführten Herren eine normale Lebensspanne gegönnt gewesen, dann wäre das doch alles in ihrer mittleren bzw. ihrer reifen Schafensperiode entstanden, wobei sich für mich da sofort als wesentlich interessanterer Aspekt die Frage stellt, was wäre gewesen, wenn jeder von ihnen 20 Jahre länger gelebt hätte.
M.E. ist zumindest die Mystifizierung der letzten Werke von Mozart und Schubert eine sehr subjektive und romantisierende Hineininterpretiererei späterer Generationen.

Nachweislich wird es doch erst, wenn es dem Komponisten selbst klar ist, dass er wohl an seinem letzten Werk schreibt, bzw. kein weiteres mehr schreiben wird.
Z.B. Verdis vier heilige Gesänge oder Bruckners 9 oder Telemanns Ino oder das letzte Streichquartett von Haydn.

Ich kann mich jetzt täuschen, aber das letzte Werk Haydns ist doch das (unvollendet veröffentlichte) Streichquartett d-moll Hob.III:83, von dem er persönlich gesagt hat, es sei sein letztes Kind und es sähe ihm immer noch ähnlich ?

Am 03.09.1807 sagte Haydn: "Nie hätte ich geglaubt, dass ein Mensch so sehr zusammensinken könnte, als ich es jetzt an mir fühle; mein Gedächtnis ist dahin, ich habe an dem Klavier zuweilen noch gute Ideen, aber ich möchte weinen, dass ich nicht im Stande bin, sie nur zu wiederholen und aufzuschreiben."

D.h. Haydn hat feststellen müssen, dass er zwar noch Ideen hätte, aber diese nicht mehr festhalten kann, genauso, wie Bruckner (vergeblich!!!) gesagt hat, man solle doch das Te Deum als Finale für seine 9. hernehmen, sollte er das Eigentliche nicht mehr vollenden können.

Erstaunlicher Weise unterliegen diese Sachen aber nicht einer derartigen Mystifizierung wie das Letzte von Schubert, Mozart und Beethoven (Und wenn, dann geht die Sache meist in eine vom Komponisten definitiv nicht gewünschte Richtung.).

Beste Grüße
Uhrwerker

P.S. Telemanns Ino-Kantate merkt man übrigens nicht an, dass ihr Komponist 83 war, wie er sie 1765 (!) geschrieben hat. Er hätte also schon noch gekonnt, wenn er denn noch weiter hätte können dürfen.
Uhrwerker (25.06.2009, 22:59):
Letzte Werke - Musik im Angesicht des Todes. Nachtrag

Da müssen unbedingt auch noch die Theresienstädter Komponisten Viktor Ullmann und Hans Krasa genannt werden, die nun wirklich in der Mitte ihres Lebens im Angesicht des Todes gearbeitet haben.
Konkret letzte Werke brauchen in diesem Fall nicht angeführt werden, da alles was in Theresienstadt entstanden ist, letztes werk war.

Beste Grüße
Uhrwerker
Heike (06.07.2009, 21:24):
Danke für diesen Hinweis, der absolut richtig ist. Über Ullmann gibt es ja eine DVD, die schon länger auf meinem Wunschzettel steht. Mich beschäftigen solche Schicksale sehr.
Heike
thwinter12 (11.09.2009, 08:31):
Liebe Heike,

zur Opusnr. 1 des österreichischen Komponisten Ernst Krenek (Wird keine Themenverfehlung! :wink) schrieb ich einmal folgendes:

Original von thwinter12 aus "Was höre ich gerade jetzt - Jahr 2009 ?" (23.03.2009)
Ich finde gefallen an diesen beiden Klavierstückchen - irgendwie ist es doch etwas besonderes die Opusnr. 1 eines Komponisten zu hören!

… und es ist auch aufregend das Werk eines jungen Komponisten mitzuerleben, mit dem er sich quasi der Öffentlichkeit präsentiert, die Bühne der Musikwelt betritt.

Sein letztes Werk hingegen berührt mich aber noch mehr: der Komponist blickt zurück auf ein (zumeist) langes und erfülltes Leben und stellt sich die Frage wie er sein Lebenswerk wohl würdig abschließen könnte. (Ob es „unser“ greiser Komponist wohl schon bei der Niederschrift weiß, dass dies seine letzten Noten an die Welt werden? Welchen Einfluss auf das Werk selbst hat denn dieser Gedanke überhaupt, zu wissen bald scheiden zu müssen?) Das beste Beispiel ist natürlich auch für mich Bachs „Kunst der Fuge“ – noch dazu unvollendet (und wie!) und damit ein ausgezeichneter Nährboden für Legendenbildung…

Wenn ich aber an das letzte Werk eines Komponisten denke, kommt mir sofort die 8. Klaviersonate des Russen Leo Ornstein (1892-2002(!)) in den Sinn, welcher im fast schon biblischen Alter von 110 Jahren starb und diese Komposition mit "jugendlichen" 98(!) Jahren anging. Es gibt auch ein Bild von Ihm bei der Arbeit an der Sonate:



Schon die Titel der einzelnen Sonatensätze deuten auf eine Reminiszenz des Komponisten an sein langes Leben hin:

1) Life’s Turmoil and a Few Bits of Satire / Die Hürden des Lebens und ein paar Häppchen Satire

2.1) A Trip to the Attic – A Tear or Two for a Childhood Forever Gone / Ein Abstecher in den Dachboden – Eine gelegentliche Träne für den unwiderruflichen Verlust der Kindheit
2.2) The Bugler / Der Hornist
2.3) A Lament for a Lost Boy / Lamento für ein verlorenes Spielzeug
2.4) A Half-Mutilated Cradle – Berceuse / Eine halb-zerstörte Wiege - Berceuse
2.5) First Carousel Ride and Sources of a Hurdy-Gurdy / Erste Karusselfahrt und Klänge eines Leierkastens

3) Disciplines and Improvisations / Disziplinen und Improvisationen


Die zwei mir bekannten Einspielungen hat beide derselbe Interpret vorgenommen: Marc-André Hamelin. Zunächst diese hier:


Leo Ornstein (1892-2002)
„Piano Music by Leo Ornstein“
Marc-André Hamelin 2001
Hyperion 2002

(Am Rande sei jedoch erwähnt, dass diese CD leider das nachfolgende technisches Problem aufweist, über welches ich hier im Forum bereits einmal meine Verzweiflung kundgetan habe: Klick (fast 80 Minuten vollgepackt mit Musik von Leo Ornstein und die letzten paar Sekunden der Klaviersonate "hüpfen" dann am PC(!)...))

ABER: Niemand von Euch müsste die CD kaufen! Denn auf der Homepage dieses Komponisten gibt es die Sonate in voller Länge als Gratis-Download - sogar in einer Live-Interpretation von Hamelin: http://www.poonhill.com (auf "Audio" klicken und dann die Sonate aus der Liste suchen)

Angemerkt sei noch, dass ein Großteil der Kompositionen von Ornstein beim o.a. Link gratis downloadbar sind (das gilt auch für die entsprechenden Partituren!). Vielleicht manchmal in etwas mäßiger Aufnahmequalität, aber ich finde Ornsteins Sohn hat sich hier viel Mühe gemacht, um diese Site zusammenzustellen.

Als ich vor etwa 6-7 Jahren mit Ornsteins Musik das erste Mal in Kontakt kam, war ich hin und weg! Gewaltige Klangausbrüche und dann der „Abschwung“ in ein Bett wunderschönster Melodien – Ihr müsstet es selbst hören! Ich würde dabei durchwegs seine Klaviersonaten empfehlen, das Stück „A Morning In The Woods“ (in der Interpretation von Janice Weber (Naxos)), seine 1. Cellosonate, sein Klavierquintett und das 3. Streichquartett.

Hört mal rein - kostet nix! :wink

Servas,
Thomas
Heike (11.09.2009, 08:40):
Danke für den super Tipp! Damit werde ich mich auf jeden Fall beschäftigen, sobald ich Zeit habe! Klaviermusik liebe ich sowieso und das klingt wirklich interessant!
Heike
Heike (18.01.2010, 21:19):
Ich schmökere gerade in ZEIT online rum - dabei bin ich auf diese Info gestoßen:

Zehn Dukaten bekam Pergolesi für sein letztes Werk Stabat Mater.
Sein Begräbnis - er starb mit nur 26 Jahren - kostete elf Dukaten.
Irgendwie tragisch, auch wenn es damals sicher gar nichts besonderes war.

Jedenfalls hat er uns sein Meisterwerk hinterlassen.
Heike
Falstaff (28.09.2017, 22:08):
Interessantes Thema. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob man nicht manchmal zu viel in die letzten Werke hineinlegt. Nicht jeder wird von 'Todesahnungen', körperlicher Hinfälligkeit, hohem Alter etc. beeinflusst gewesen sein.

Mir fällt spontan das folgende Werk ein:



Giuseppe Verdi: Quattro Pezzi Sacri,
Janet Baker, Philharmonia Chorus Orchestra, Carlo Maria Giulini

Knapp drei Jahren vor seinem Tod bereits uraufgeführt, sind die Stücke vielleicht nicht unbedingt Ausdruck eines letzten Moments vor dem Tode. Aber Verdi hat sich ja in den letzten Lebensjahren noch einmal intensiv mit Kirchenmusik auseinandergesetzt.

Die Stücke, wobei das 'Stabat Mater' und das 'Te Deum' wohl wirklich seine letzten Kompositionen waren, sind auf den ersten Blick, beim ersten Hören, durchaus sperrig, fremd für ein Verdi geschultes Ohr, teilweise sehr düster, getragen, kombinieren auch unterschiedlichste Musikepochen in Anklängen. Das ist nicht mehr der Verdi des 'Trovatore' oder des 'Rigoletto'. Es ist ein ganz auf das Innere bezogener Verdi (noch stärker als im Requiem). Aber es ist auch der Verdi des 'Falstaff', der Verdi, der mit der Schlussfuge aus seiner letzten Oper sich ganz direkt (und ganz stark) seinen Mitmenschen zugewandt hat. Von daher, für mich, ein sehr persönliches und ein sehr humanes Werk.

:hello Falstaff
Falstaff (28.09.2017, 22:26):
Auch wenn es nicht sein letztes Werk war, so ist es doch sein Abschied von der Opernbühne, die ja nun den absoluten Großteils seines Werkes bestimmt hat. (Uraufführung 1893, sieben Jahre vor seinem Tod)






Giuseppe Verdi - Falstaff
Gobbi, Schwarzkopf, Barbieri, Panerai, Alva, Moffo - Philharmonia Orchestra - Herbert von Karajan

Dies meine absolute Lieblingsaufnahme. Ich bin wahrlich kein Karajan-Fan, aber was er an 'Funkeln' in diese Interpretation hineinlegen kann,, ist wirklich staunenswert.

Aber das nur nebenbei.

In eine Sammlung letzter Werke gehört auch der 'Falstaff'. Und dies ist nun wahrlich kein Weltabschiedswerk. Seit seinem absoluten Beginn hatte sich Verdi nicht mehr an einen Komödienstoff gewagt. Im Gegenteil. Das Tragische, Brutale, Mörderische, Verzweifelte, halt die Abgründe im Menschen hatte er porträtiert und dargestellt. Und nun zum Ende seines Lebens wandte er sich plötzlich wieder dem Humor zu. Und das mit einer für ihn völlig neuen Tonsprache. Eigentlich ist es reinster Parlandostil, nur ab und an durchbrochen von ariosen und monologischen Passagen. Einzig Fenton darf noch einmal eine Art Arie singen. Ansonsten quirlt es und funkelt, ist auch lyrisch und verträumt, ist aber durchweg durchkomponiert.

Und dann kommt die Schlussfuge, dieses 'Tutto nel mondo...'. (Die ganze Welt ist Narretei und der Mensch wird als Narr geboren) Das ist, als Abschluss seiner sonstigen Opernkarriere so unglaublich, so ganz anders, schlichtweg altersweise.

Und das ist es vielleicht. Das ganze Werk ist 'altersweise'. Da hat jemand die Menschen im Laufe seines Lebens kennengelernt und sie immer wieder dargestellt. Und am Ende seines Lebens kann er nur mit einem Augenzwinkern reagieren. -Ihr seid ganz schöne Deppen, aber irgendwie liebe ich euch trotzdem.-

:hello Falstaff
Amonasro (29.09.2017, 10:27):
Beim Thema Alterswerk ist sicher Gioachino Rossini erwähnenswert, der seine Karriere als Opernkomponist mit 37 Jahren beendete und die nächsten 40 Jahre fast nur noch für private Aufführungen in seinem Freundeskreis komponierte. Den Großteil dieser Kompositionen fasste er in 14 Alben mit über 150 Stücken unter dem Titel „Péchés de vieillesse“ („Sünden des Alters“) zusammen. Es handelt sich überwiegend um Klavierwerke, aber auch Vokal- und Kammermusik ist darunter. Viele Stücke haben einen satirischen Charakter, wie der „gefolterte Walzer“, die „asthmatische Etude“ oder die „Fehlgeburt einer Polka-Mazurka“.

Am bekanntesten dürfte „Un petit train de plaisir“ („Ein kleiner Vergnügungszug“) sein, ein Klavierstück, dass eine scheinbar fröhliche Zugfahrt beschreibt. Unterwegs entgleist der Zug jedoch und zwei Passagiere sterben: Einer steigt in den Himmel auf, der andere sinkt in die Hölle. Das Stück endet mit einem fröhlichen Tanz, der mit „Bitterer Schmerz der Erben“ überschrieben ist.

https://www.youtube.com/watch?v=1LrGbUD8JF8

Da diese Werke überwiegend nicht zu Rossinis Lebzeiten veröffentlicht wurden, sondern nur für den Privatgebrauch gedacht waren, lässt sich wohl nicht mehr zweifelsfrei ermitteln, welches nun tatsächlich sein letztes Werk war. Eines seiner letzten ist jedoch die „Petite messe solennelle“ („Kleine feierliche Messe“), die er selbst als „die letzte Todsünde meines Alters“ bezeichnete und mit der er sich wie Verdi gegen Ende seines Lebens nochmal der Kirchenmusik zuwandte.

Dem Werk ist folgende Widmung vorangestellt:

“Bon Dieu. La voilà terminée cette pauvre petite messe. Est-ce bien de la musique sacrée que je viens de faire ou de la sacrée musique ? J'étais né pour l'opera buffa, tu le sais bien ! Peu de science, un peu de cœur, tout est là. Sois donc béni et accorde moi le Paradis.“

„Lieber Gott. Voilà, nun ist diese arme kleine Messe beendet. Ist es wirklich heilige Musik, oder verdammte Musik? Ich bin für die opera buffa geboren, du weist es wohl! Wenig Wissen, ein bißchen Herz, das ist alles. Sei also gepriesen und gewähre mir das Paradies.“

Die „kleine“ Messe dauert etwa 90 Minuten und fällt durch ihre sparsame Besetzung auf: zwei Klaviere, ein Harmonium und (inklusive Chor) 12 Sänger. Später erstellte Rossini noch eine Orchesterfassung, die aber erst nach seinem Tod aufgeführt wurde.

Als das wahrscheinlich letzte Werk Rossinis gilt der Marsch „La corona d’Italia - Fanfara per Musica Militare“, der 1869 entstand und dem italienischen König Vittorio Emanuele II. gewidmet ist:

https://www.youtube.com/watch?v=d516H_O3N4Y

Rossini notierte dazu:

"Ich habe dieses kleine Musikstück so komponiert, dass es, wie sich versteht, zu Fuß gespielt werden kann und dabei nicht nur die alten Instrumente der italienischen Militärkapellen verwendet werden sollen, sondern auch die ausgezeichnete neuen, die wir dem berühmten Erfinder und Instrumentenbauer Sax verdanken."

Ebenfalls einem Staatsoberhaupt gewidmet ist die ein Jahr früher als offizielle Hymne für die Weltausstellung in Paris entstandene „Hymne à Napoléon III et à son vaillant peuple“, die mit Schüssen der Artillerie endet:

https://www.youtube.com/watch?v=FWHyrjIZhFA

Alle diese Werke aus Rossinis letzten 40 Jahren stehen völlig im Schatten seiner früher entstandenen Opern, von einer Mystifizierung des Alterswerks kann man bei ihm also nicht reden (wenn man von dem oft zitierten aber falschen Satz absieht, Rossini habe nach dem Tell nur noch Kochrezepte komponiert).

Gruß Amonasro
Falstaff (30.09.2017, 00:14):
Beim Thema Alterswerk ist sicher Gioachino Rossini erwähnenswert
Schöner Beitrag, lieber Amonasro. Ich muss gestehen, dass ich die Klavierwerke von Rossini überhaupt nicht kenne. Aber wie witzig ist dieser 'petit train' und welch ein Charme hat das Stück. Das ist wohl das, was Rossini bis zum Ende ausgezeichnet hat. Charme in seiner Musik. Keine Kleinigkeit und wahrlich nicht zu unterschätzen.

LG Falstaff
Falstaff (30.09.2017, 00:24):
Bei letzten Werken von Opernkomponisten fällt mir natürlich auch die unvollendete 'Turandot' ein.





Musikalisch sicherlich sein anspruchsvollstes und reifstes Werk. Aber Todesahnung oder Ähnliches ist darin wohl nicht zu spüren, obwohl Puccini es ja nicht vollenden konnte, weil er an Kehlkopfkrebs litt. Nun hat er die Nachricht darüber wohl erst während der Arbeit an der Turandot erhalten. Von daher ist es kein 'Abschiedswerk', sondern 'nur' aufgrund der Umstände ein letztes Werk.

:hello Falstaff