manrico (31.01.2008, 00:52): Verdis Auftragswerk zur Eröffnung des Opernhauses in Kairo tritt im ersten Moment als grosse Ausstattungsoper in Erscheinung (Tanz der Mohrensklaven, Triumphszene) und ist in Wirklichkeit doch ein sehr intimes Spiel dreier Personen, an die Erwartungen durch ihre Umwelt gestellt werden, die deren persönliches Glück unmöglich macht.
Ein Mann zwischen zwei Frauen ist bei Verdi eher die Ausnahme (Oberto, Nabucco, Il Corsaro, Don Carlo - aber da sind die Beziehungen viel komplexer).
Die Anforderungen an die Sänger vor allem an Aida und Radames sind immens. Gleich die Eröffnungsarie des Radames "Celeste Aida" zeigt eigentlich nicht den Bau und Rhythmus einer klassischen Verdi-Tenorarie (Etwa "Ma se m'e forza perderti", "Ah, si, ben mio coll'essere", "Oh tu, che in sen degli angeli",....), sondern lässt praktisch keine Atempausen zu. Und ein Arienschluss in hohem piano ist natürlich besonders tückisch - und nichts für Effekthascher. Andererseits braucht der Tenor genügend Stamina für Radames "Sacerdote! Io resto a te" - eine weitere Stelle, bei der Tenor ganz leicht hilflos im Nil untergehtl
Auch die Architektur der beiden Aida-Arien, vor allem der Nilarie, bricht so mancher ehrgeizigen Sopranistin das Gnack (Genick, meine ich natürlich). Den Spannungsbogen hier aufrecht zu erhalten, ist eine Herausforderung der besonderen Art.
Ramphis braucht eine unglaubliche Tiefe für sein "Iside legge de mortali nel core. Ogni mistero degli umani a lei noto". Bei dieser Stelle machen eigentlich nur Boris Christoff und Otto von Rohr gute Figur. Bei allen anderen fällt hier die Maske (besonders übel: Roberto Silva im Livemitschnitt mit der Callas aus Mexiko). Aber auch die Szene Aida-Amonasro zeigt viel von der Gestaltungskunst und dem Können des Baritons. So habe ich beispielsweise einmal erlebt, dass auch (der meiner Ansicht nach völlig überschätzte) Bernd Weikl sich eingebildet hat, den Amonasro singen zu müssen. Spätestens bei der Probe hätte er eigentlich merken müssen, dass er sich nur mit krausem Sprechgesang über diese Szene retten konnte. Das konnte nicht einmal seinen treuesten Wiener Parteigängern gefallen - so taub kann niemand sein. Mit wieviel Spannung man diese Szene gestalten kann, führt wieder einmal der aussergewöhnliche, dramatische, wortdeutliche Giuseppe Taddei im Mitschnitt aus Mexiko vor (lästig ist hier nur der Souffleur, den man überdeutlich hört). Dagegen ist beispielsweise Leo Nucci unter Abbado völlig zahn (und stimm-)los. Auch der sonst von mir sonst sehr geschätzte Leonard Warren kommt nicht annähernd an die suggestive Dramatik des Giuseppe Taddei heran. Callas und Taddei liefern sich hier ein vokales Feuerwerk. Und wenn ich's recht bedenke, ist das - glaube ich - die einzige Aufnahme, die ich besitze, in der die beiden zusammen gesungen haben. Meist hatte die Callas ja Gobbi als Gegenspieler.
Bin schon gespannt auf eure Aida Eindrücke
Werner
Jimi (04.02.2008, 16:21): Original von manrico Verdis Auftragswerk zur Eröffnung des Opernhauses in Kairo tritt im ersten Moment als grosse Ausstattungsoper in Erscheinung (Tanz der Mohrensklaven, Triumphszene) und ist in Wirklichkeit doch ein sehr intimes Spiel dreier Personen, an die Erwartungen durch ihre Umwelt gestellt werden, die deren persönliches Glück unmöglich macht.
Hallo Werner,
ich finde den von dir beschrieben Kontrast zwischen Kammeroper und Ausstattungsoper eigentlich das interessante an der Oper, ich habe allerdings den Eindruck dass bei vielen Aufführungen(aber auch bei manchen Aufnahmen) hier die Balance verloren geht und das ganze zu einem aufgeblasenen pompösen Massenspektakel verkommt, bei dem auf musikalische Feinheiten kein Wert gelegt wird. Wenn ich etwa lese: Aidaaufführung mit über 100 Statisten mit Elefanten, Kamele( Giraffen, Löwen, Nilpferde??? ... :ignore) und wer weiss was sonst noch auf der Bühne, dann werde ich schon misstrauisch. So etwas würde ich mir nie an tun.
Original von manrico Die Anforderungen an die Sänger vor allem an Aida und Radames sind immens
Bei dem Radames handelt es sich um eine hybride Rolle die sowohl lyrische als auch dramatische Elemente enthält, es gibt leider kaum Interpreten die dem ideal gerecht werden. Passend zum Massenspektakel kann man dann Radamesse erleben die "singen" als wären sie permanent auf dem Schlachtfeld und müssten im Getümmel Befehle brüllen,danke, muss ich nicht haben. Die Stellen wo er wirklich dramatisch singen muss, z.B.am Ende von Akt 1 oder in dem von dir genannten "Sacerdote! Io resto a te" sind eher kurz.
Original von manrico Ramphis braucht eine unglaubliche Tiefe für sein "Iside legge de mortali nel core. Ogni mistero degli umani a lei noto". Bei dieser Stelle machen eigentlich nur Boris Christoff und Otto von Rohr gute Figur. Bei allen anderen fällt hier die Maske (besonders übel: Roberto Silva im Livemitschnitt mit der Callas aus Mexiko).
Stimmt Christoff klingt hier wirklich sehr sonor im Vergleich zu manch anderen Interpreten. Es gibt 2 ältere Aufnahmen (die ich nicht habe) wo 2 großartige Bässe den Ramphis singen, Ezio Pinza bez. Tancredi Pasero . Die würde ich gerne mal im Vergleich zu Christoff an der Stelle hören.
Beim durchstöbern des Forum ist mir aufgefallen, dass über Aida bisher sehr wenig geschrieben wurde, selbst in dem Top10-Verdiopern-Thread wurde sie nur kurz erwähnt. Wundert mich eigentlich, denn es handelt sich wohl um eine der bekanntesten Opern überhaupt. Einspielungen gibt es jedenfalls reichlich, von uralten aus der Schellackzeit bis zu ganz neuen DVD's.
Ich kenne keine ideal Aidaeinspielung auch keine ideale Interpretin der Aida( nein auch nicht Leontyne Price später dazu mehr),bin gespannt ob du (zumindest für dich)eine "perfekte" Einspielung/Interpretin kennst. Ein Sänger der meiner Vorstellung des Radames sehr gut entspricht ist jedenfalls Carlo Bergonzi. Für dich sicher keine große Überraschung, da ihn wahrscheinlich nicht jeder kennt hier die Radames-Arie aus dem ersten Akt:
Danke, für die eröffnung dieses Threads! Großen Aufmerksamkeit bekommt er ja nicht. Zumal ich denke, das jeder, der auch nur ansatzweise mit der Oper etwas am Hut hat, diese Oper im Regal stehen hat. Verdis AIDA ist aus meiner Sicht doch auch eher ein Werk, welches leichter zu verstehen ist, eine Oper, welche von Anfang an, auch Anfänger begeistern kann, so wie das bei mir der fall war. Bei mir herrscht seit ca. 1,5 Monaten ein Operntief, vielleicht nicht nur bei mir, wies aussieht.
Ich besitzte Verdis AIDA in der Aufnahme aus dem Jahre 1955. Neben Maria Callas wirken dort noch Richard Tucker, Fedora Barbieri, Tito Gobbi, Giuseppe Modesti, Nicola Zaccaria, Elvira Galassi und Franco Ricciardi, mit. Die Leitung hat Tullio Serafin. Gespielt vom La Scala Orchestra
Ich finde diese Aufnahme sehr schön! Manchmal wünschte ich mir allerdings mehr Druck, mehr Ausdruck, mehr Action, wie z.B beim Triumpfmarsch. Langsam, detailreich und sehr deutlich vorgetragen (nie hab ich die Trompeten so klar und unmittelbar tröten hören!), allerdings fehlt ein wenig Schwung. Auch sonst wünschte ich mir manchmal mehr Deutlichkeit. Von den Sängern her, hab ich keine Wünsche mehr offen, die Callas singt meiner Meinung nach hervorragend. Tito Gobbi? Na klar, der auch. Besonders positiv ist Richard Tucker aufgefallen, sehr schöne Stimme! Trotz dieser Beanstandungen meinerseits finde ich diese Aufnahme von den Leistungen der Sänger, erste Sahne! Welche Gesamtaufnahme ist schon perfekt! Sie ergänzen sich!
Am Anfang meines Klassikdaseins hatte ich mal Verdis AIDA unter Karajan, welche mir auch sehr Gut gefiel, welche nach meiner Erinnerung KEINE Wünsche offen lies. Aber auch wenn die Sänger, einer Callas nicht gerade gleichkommen, hatte ich bei der Aufnahme unter Karajan das Gefühl, mitgerissen zu werden. Wunderbar! Und als Zweitaufnahme wird diese Aufnahme wohl bald wieder in meinem Regal stehen!
Neben der Leitung Karajans, waren die Solisten: Renata Tebaldi, Carlo Bergonzi, Giulietta Simionato. Wiener Philharmoniker – Herbert von Karajan, 1959
Kennt jemand von euch diese Aufnahme? Wie beurteilt Ihr sie?
Immer wenn ich eine unbekannte Oper hörte, hab ich nach Leinen gesucht, an welchen ich mich festhalten konnte, welche mich durch die Oper trugen, bekannte, schöne Arien. Das ganze Werk öffnete sich mir dann nach und nach.
Besonders beeindruckt und gepackt hat mich die Szene, im ersten Akt „Possente Ftha…Tu che dai nulla hai tratto“ :engel
Oder… “Nume, custode e vindice.” :engel
Dieses Geheimnissvollen Klänge anderer Kulturen, diese ruhigen und überlegenen Arien/Chöre waren es, welche mich in Ihren Bann zogen.
AIDA? - Ein grandioses Werk! :down
Gruß Daniel
uhlmann (14.02.2008, 13:37): ich mag verdi im allgemeinen nicht besonders. die frühen opern brauche ich sowieso nicht, und auch seine späteren reißer schaffen selten den weg in meinen cd-player. einzige ausnahmen sind für mich otello und falstaff, die ich im ganzen als sehr gelungen ansehe.
dennoch möchte ich auf eine aida hinweisen, weil ich sie für eine der besten verdi-aufnahmen halte, die ich kenne:
dusolina giannini, irene minghini-cattaneo, aureliano pertile, giovanni inghilleri, carlo sabajno, scala-orchester, 1928
die klangqualität ist für 1928 geradezu sensationell. was die aufnahme jedoch zu einem ereignis macht, ist das fantastische ensemble. das ist verdi-gesang der superlative. allen voran aureliano pertile, der einen enorm "aktiven" radames singt, und irene minghini-cattaneo, die die amneris sinnlich und energiegeladen wie keine andere interpretiert. keine rolle könnte hier besser besetzt sein, und auch carlo sabajno entfacht aus dem orchestergraben das nötige feuer.
obige aufnahme kostet übrigens nur € 5,99, da fällt das kaufen leicht.
daniel5993 (14.02.2008, 13:38): Original von Jimi
Hallo Werner,
ich finde den von dir beschrieben Kontrast zwischen Kammeroper und Ausstattungsoper eigentlich das interessante an der Oper, ich habe allerdings den Eindruck dass bei vielen Aufführungen(aber auch bei manchen Aufnahmen) hier die Balance verloren geht und das ganze zu einem aufgeblasenen pompösen Massenspektakel verkommt, bei dem auf musikalische Feinheiten kein Wert gelegt wird. Wenn ich etwa lese: Aidaaufführung mit über 100 Statisten mit Elefanten, Kamele( Giraffen, Löwen, Nilpferde??? ... :ignore) und wer weiss was sonst noch auf der Bühne, dann werde ich schon misstrauisch. So etwas würde ich mir nie an tun.
Wo war das noch mal?
Ich glaub Eröffnung der Konzertsaison in Mailand, ähh.....glaub das war September 2006. Ich hab die Aufführung nicht gehört, gesehen, aber die Stimmen dazu. Ein Riesen Spektakel! Alles war Perfekt, Riesiege Chöre, glänzende Effekt bis zum Abwinken, aber eines soll in die Hose gegangen sein, die meisten Sänger sollen nicht überzeugt haben.
Misstrauisch wie du Jimi, würd ich da auch werden. Die Musik und Sängerische Leistung gehören an erster Stelle! :J
:beer
manrico (18.02.2008, 01:25): Also, ich habe auch die Zefirelli-Premiere der Carmen in der Arena oder den Nabucco im Steinbruch St. Margareten (bei strömenden Regen übrigens) gesehen, und da haben sich die Regisseure auch nicht lumpen lassen. Die Ausstattung macht durchaus Effekt, wenn man weiss, was einem erwartet und sich auf ein wirklich grandioses Spektakel freut und weniger auf musikalische Raffinesse. So sehe ich das auch bei der Aida. Nur mit Kammermusik kommt man auch hier nicht ans Ziel. Man baucht da schon durchschlagkräftige Sänger. Ein gutes Beispiel dafür ist die Karajan-Produktion aus Wien unter HvK 1951. Radames ist mit Franz Fehringer völlig unterbesetzt, und das, obwohl er damals noch nicht sintflutartige Orchsterwogen über seine Sänger gegossen hat. Bergonzi ist da vermutlich viel authenischer besetzt (aber das sind reine Vermutungen, ich kenn die Aufnahme, die Daniel anspricht, nicht). Ich sehe es ähnlich wie Jimi, nämlich dass ich keine ideale Aida-Aufnahme nennen könnte. So genial auch Callas und Taddei singen - del Monaco ist eine echte Peinigung. Und nachdem alle anderen Paarungen neben diesen beiden Titanen blass wirken, können auch etwa Milanov/Warren nicht mit den erstgenannten mithalten, von Price/Milnes gar nicht zu reden. Erstaunlich, dass der oft zu kontrollierte Robert Merrill unter dem rasenden Dirigat Emil Coopers einen packenden Amonasro bietet (Partnerin ist hier die jugendliche Ljuba Welitsch). Leo Nucci ist als Amonasro praktisch nicht präsent, obwohl er in der lyrischen Ricciarelli eine klangschöne Aida hätte, die auch in der Nilarie die Spannungsbögen besser hält als etwa die gefeiertere Zinka Milanov (die mit der voluminöseren Stimme punktet). Auch bei Georg Hann und George London habe ich den Eindruck, dass sie nicht nur gegen Ägypten kämpfen.
Lg
Werner
Amadé (20.02.2008, 17:43): Lieber Werner,
ich habe eine Nachkriegsaufnahme unter Leitung von Serafin, die Aida singt Maria Caniglia, den Radames Benjamino Gigli , Amneris Ebe Stignani, Amoraso Gino Bechi. Ich finde diese Aufnahme ganz hervorragend, die leicht antiquierte Aufnahmetechnik stört mich nicht im Geringsten.
heute wird die Aufnahme spottbillig angeboten:
Kennst Du sie?
Grüße Bernd
manrico (21.02.2008, 02:16): Lieber Bernd!
Nein, leider, die Aufnahme kenn ich nicht.
Ich finde, dass Gigli eine der prächtigsten Stimmen überhaupt besaß, als Radames kann ich ihn mir allerdings schwer vorstellen. Für mein Empfinden war die Stimme Giglis extrem weich - wie in Watte gepackt. Das klingt in vielen Aufnahmen sensationell, oft aber berechnend. Für die lyrischen Stellen bringt er sicher gute Voraussetzungen mit, wie schaut es aber mit den dramatischen aus? Hat Gigli Kraft und Entschlossenheit für diese Partie? Wie kommt er beispielsweise mit "Sacerdote! Io resto a te!" oder mit der Triumphszene zurecht? Das hat Björling sehr gut gemeistert, obwohl ja nun wirklich kein Heldentenor war. Bei Giglis Stimme kann ich mir diese Szenen nicht so recht vorstellen, vor meinem geistigen Ohr will sich da kein Heerführer auftun. Zudem ist sie für Gigli eigentlich schon etwas spät entstanden. Aber möglicher Weise täusche ich mich. Vielleicht kannst du ein bissl was über die Aufnahme erzählen.
lg
Werner
Jimi (11.03.2008, 21:07): Hallo Bernd und Werner,
die Studioaufnahme von 1946 kenne ich nicht, auf einem Sampler mit Ensembleaufnahmen habe ich Ausschnitte einer Liveaufnahme von 1939, die Besetzung ist mit der der Studioaufnahme fast identisch.
Original von manrico Zudem ist sie für Gigli eigentlich schon etwas spät entstanden. Aber möglicher Weise täusche ich mich.
Da kann ich dich beruhigen, ich kenne einige Aufnahmen von Ihm die noch später entstanden sind(1948), die Stimme ist erstaunlich gut erhalten und klingt im Prinzip fast genauso wie auf seinen frühen Aufnahmen.
Überhaupt, Gigli hat wirklich eine lyrische Ausnahmestimme mit einem geradezu honigsüßen Timbre, da ist er fast einzigartig. Die Stimme ist zwar recht ausgeglichen, aber gerade in der Höhe fehlt dann doch etwas die Kraft die man für den Radames oder noch dramatischere Partien benötigt. Gigli war eben ein rein lyrischer Tenor und kein lirico-spinto Tenor wie Lauri-Volpi, Björling, Tucker oder Bergonzi, die für solche Rollen besser geeignet sind.
Auf der Liveaufnahme von 1939 geht er im Duett "Gia i Sacerdioti" an der Stelle "L’infamia Mi attende e vuoi ch’io viva? " ziemlich im Orchesterklang unter. Mit Studioaufnahmen ist das natürlich schwer zu vergleichen, aber Bergonzi(der ja sicher kein Stimmgigant war) kommt in der Liveaufnahme unter Solti jedenfalls locker durch das Orchester durch.
Mehr stört mich allerdings dass er manchmal ungenau singt zb aus dem gleichen Duett die Stelle "Di chi per lei morrà!". Auf dem "i" von Di werden mehrere Noten gesungen also etwa "Di-i-i-i" . Aspirierungen (eingeschoben H's) finde ich schon an solchen Stellen recht störend, also "Di-hi-hi-hi", aber Gigli "singt" da einen aspirierten Mischvokal irgendwo zwischen e und ä : "De-heä-häe-häe". Das kann man gar nicht richtig schreiben. Wenn mir so etwas erst einmal aufgefallen ist, kann ich das entsprechende Stück nicht mehr wirklich mit Genuss hören, selbst wenn der Rest noch so schön gesungen ist .
Ein noch größeres Problem habe ich mit Gigli's Vortragsstil. Das was Werner(in einem anderen Thread) vollkommen zurecht an Mario del Monaco kritisiert hat :
Original von manrico Dazu kommen veristische Manierismen, die ich ohnehin nicht leiden kann (Geschluchze, Geheule, Geschrei, Gelächter).
trifft leider, in vielen Aufnahmen, auch auf Gigli zu.
Er verwendet dann billige Effekte(je nach Bedarf) wie pseudodramatische Seufzer oder sentimentale Drücker und Schluchzer, anstatt den Gefühls- und Stimmungsinhalt des Stückes nur mit musikalischen Mitteln zu gestalten. Seine frühen Aufnahmen von 1918 sind davon noch fast frei, ab Ende der 20er wird es dann richtig heftig. zb "Tu che a dio" aus Lucia di Lammermoor. Ich habe den Eindruck dass er diese Effekte auf manchen seiner ganz späten Aufnahmen nach 1945 wieder etwas weniger einsetzt, kann aber auch an der Auswahl der Stücke liegen die ich kenne.
Um zur Aida zurück zu kommen, auch hier sind diese Manierismen zu "bewundern" wenn auch nicht so schlimm wie in manch anderer Aufnahme. Im Schlussduett gibt es die Stelle an der Radames vergeblich versucht den Grabstein auf die Seite zu schieben :"Né le mie forti braccia Smuoverti potranno, o fatal pietra!". Radames ist ja kein Weichei, eigentlich auch kein Verräter und er hat es ja auch strikt abgelehnt sich von Amneris helfen zu lassen. Für mich darf er an dieser Stelle verzweifelt und wütend sein, aber NICHT WEINERLICH !!!! Was macht natürlich Gigli(Live 1939)? Er schluchzt in die Phrase rein was das Zeug hält.
Hier noch die Arie aus dem ersten Akt von der Studioaufnahme von 1946 :
Celeste Aida
Die finde ich eigentlich gar nicht so schlecht, zumindest wird nicht durchgehend gebrüllt als würde die Arie nicht "Celeste Aida" sondern "Schwerhörige Aida" heißen.
Mit den oben genannten Manierismen hält er sich einigermaßen zurück kann es aber dann doch nicht ganz lassen: zuerst nur ein wenig:" tu sei regina " ab 0:33, dann schon heftiger: :"trono vicino al sol" ab ca 2:50.
Dann gibt es ab und zu Aspirierungen : ...pa-ha-trio suol... , ....Ai-hi-da forma divi-hi-na, misti-hi-co... usw
Ok, das haben zu der Zeit viele Sänger gemacht(heute sind da die Sänger Gott sei Dank genauer) aber 3 Aspirierungen in 4 Wörtern sind mir dann doch zu viel. Der Vergleich mit der Aufnahme von Bergonzi (Link in meinem ersten Beitrag weiter oben) ist da in stilistischer Hinsicht sehr aufschlussreich.
Zum versöhnlichen Abschluss sei noch eine CD mit den frühen Aufnahmen von Gigli empfohlen, sie sind von einem Kritiker als "einige der schönsten Tenoraufnahmen überhaupt" bezeichnet worden. Dem ist nichts hinzu zu fügen.
endlich komme ich jetzt dazu mich mit Gigli als Radames zu beschäftigen.:down Da ich Verdi zwar sehr gern, jedoch nicht so oft wie Mozart und Wagner, höre, kenne ich die Feinheiten seiner Opern, speziell hier Aida, nicht so sehr, leider.:down:down Außerdem habe ich diese Oper noch nie aufgeführt gesehen, mein Zugang stützt sich also im Gegensatz zu Euch einzig und allein auf Plattenaufnahmen!! Damit steige ich ein in die Diskussion um Gigli als Radames. Ich habe ihn mit Bergonzi/HvK verglichen und den Eindruck gewonnen, dass er sich als lyrischer Tenor gegenüber Bergonzi tapfer schlägt, seine Stimme klingt jedoch wie erwartet schlanker und hat weniger Metall als Bergonzi. Im Ensemble insgesamt überzeugt mich seine Leistung. Ich kann mir jedoch denken, dass dies auf offener Bühne während einer Aufführung anders zu beurteilen ist. Da gibt es keine Ruhepausen und keine Wiederholung, wenn etwas nicht ganz überzeugt. Insofern hat die Schallplatte, wie wir alle wissen, ihre eigene Ästhetik. Jürgen Kesting spricht im Hinblick auf diese Aufnahme von einer "glatte(n) Überforderung der Stimme."
Grüße Bernd
Jimi (28.03.2008, 17:42): Original von Amadé Ich habe ihn mit Bergonzi/HvK verglichen und den Eindruck gewonnen, dass er sich als lyrischer Tenor gegenüber Bergonzi tapfer schlägt, seine Stimme klingt jedoch wie erwartet schlanker und hat weniger Metall als Bergonzi. Grüße Bernd
Hallo Bernd,
ich kenne die Bergonzi/HvK Aufnahme aber leider eben von der Gigli Studioeinspielung nur Celeste Aida, darum kann ich das nicht wirklich beurteilen. Allerdings finde ich das gerade Carlo Bergonzi im Vergleich zu anderen Tenören die ein vergleichbares Repertoire singen, seine Stimme stets sehr schlank führt. Dramatisch Effekte erzielt er stets durch eine Konzentration und Fokussierung des Tones, nie durch pure Lautstärke und "in dieBreite" gezogene Spitzentöne(das könnte er von seinen stimmlichen Voraussetzungen auch gar nicht).
Was die Fähigkeit Giglis angeht dramatische Akzente zu setzen wie in dem von Werner genannten "Sacerdote " oder am Ende des ersten Aktes bei "Nume custode e vindice", so kann ich mir schon vorstellen das er hart an die Grenzen seiner stimmlichen Möglichkeiten kommt.
Ich habe wie gesagt aber eher stilistische Bedenken wenn er Verdi oder noch schlimmer die Komponisten vor Verdi mit seinem typischen Verismostil angeht. Hier zur Verdeutlichung ein besonders heftiges Beispiel(nicht aus Aida) :
Gigli / Rethberg / Pinza - Qual volutta trascorrere
Da Elisabeth Rethberg und Ezio Pinza auf diese typischen Verismo Effekte verzichten finde ich sie bei Gigli umso störender, schade um die an sonst schöne Aufnahme.
:hello Jimi
Honoria Lucasta (16.02.2010, 14:34): Colorandi causa: mich erinnert der Titel dieses Fadens an eine Aida-Aufführung in Moskau in der sicher nur Wenigen bekannten Helikon-Oper. Dieses neue Opernhaus ist eher ein Saaltheater (ich glaube, das Gebäude beherbergte mal einen Adelsclub) und treibt einem aus feuerpolizeilichen Gesichtspunkten den Angstschweiß auf die Stirn, wenn es wie üblich bis zum letzten Notsitz besetzt ist: ein einziger Ausgang, an dem auch noch die ortsübliche Platzanweiserin darauf achtet, daß Zu- und Abgang des Publikums nicht zu schnell oder gar disziplinlos vonstatten geht :I. Die Bühne mißt etwa 10 m in der Breite und ist maximal 4 m tief - der wahrgewordene Alptraum jedes Bühnenbildners. Dort führte man also AIDA auf.Jede Chorstimme war -aus Platzgründen- nur so stark wie eben erforderlich besetzt, also maximal mit 3 Personen. Selbst die Massenszenen (concertato, 2. Akt) trugen so tatsächlich Kammerspielcharakter. Der Regisseur hatte Anleihen beim Regietheater genommen und präsentierte die Handlung als im Sado-Maso-Milieu spielend. Radames und Aida wurden zum Schluß, wenn ich mich recht entsinne, unter Decken erstickt (die Pyramide hätte nun wirklich nicht mehr hineingepaßt...).
Es war ein ganz vergnüglicher Abend - die Stimmen waren gut, und egal wie man zu solchen Regie-Experimenten sonst steht: gelangweilt hat sich in der Helikon-Oper noch keiner.
Grüße!
Honoria
Amonasro (18.01.2013, 18:10): Auch ich besitze die Serafin-Aufnahme und bin sehr zufrieden. Vor allem das Duett zwischen Aida und Amonasro habe ich nie eindrucksvoller gehört als hier, aber auch Tucker, Barbieri und Zaccaria bringen großartige Leistungen. Die Aufnahme ist deutlich expressiver als andere, aber dafür liebe ich sie. Ich hätte nur lieber Christoff anstatt Modesti in der Rolle des Priesters gehört.
Was in manchen Inszenierungen an übertriebener Ausstattung geboten wird, ist tatsächlich oft am Rande des Zumutbaren. Die Oper selbst finde ich sehr gut, auch wenn ich im Gegensatz zu Verdi den Don Carlo und Simon Boccanegra besser finde.
Gruß Amonasro
Amonasro (16.06.2013, 23:43): Gerade sah ich Aida aus der Arena di Verona. Als Freund konventioneller Inszenierungen sagt mir das Konzept von La Fura dels Baus weniger zu. Die Tatsache, dass es das ZDF für nötig hält, zwischendurch Ausschnitte einer älteren (konventionellen!) Inszenierung einzuspielen, die mir deutlich besser gefällt, sagt schon viel. Die von Villazon angesprochenen "großen Stimmen" hörte ich nicht. Am schlimmsten finde ich die vielen Kürzungen: Die Aufführung begann nach der Ouvertüre mit "Celeste Aida", danach direkt der Auftritt Aidas. Die Meldung des Boten, die Ernennung Radames als Heerführer, der Anfang von Akt 2, einige Chorstellen, das Duett Amonasro-Aida im 3. Akt, die Arie von Amneris und ihr Duett mit Radames - all das wurde gestrichen! Nina Eichingers Aussage, der Zuschauer solle kein Detail verpassen, wirkt da schon fast wie eine Satire.
Gruß Amonasro
Allegra (24.07.2013, 20:13): Ich habe sie nun gesehen, die neue „Aida“ in der Arena di Verona am letzten Sonntag. Es war meine erste „Aida“ überhaupt und ich muss zugeben, ich war reichlich erschlagen. Weniger von der musikalischen Leistung des Abends, sondern von einer Inszenierung, die jeglichem Hollywood-Kitsch spottet.
Ein paar Fakten:
Il re: Carlo Cigni Amneris: Daniela Barcellona Aida: Hui He Radamès: Jorge de León Ramfis: Marco Spotti Amonasro: Alberto Mastromarino Un messagore: Riccardo Botta Sacerdostessa: Elena Rossi
Dirigent: Omer Meir Wellber
Regie: Carlus Padrissa + Alex Ollé / La Fura dels Baus
Noch vor Beginn der eigentlichen Oper erscheinen Ägypter auf der Bühne, die Steine hinauf und hinunter tragen, offensichtlich an einer Grabungsstätte arbeiten, man sieht Kinderarbeit, Sklaven, die gescheucht werden … Schließlich werden riesige Blöcke mit Hieroglyphen aufeinandergestapelt, die dann von den anrückenden „Grubenarbeitern“ mit Lampe auf der Stirn entschlüsselt und abgebaut werden. Die Geschichte kann beginnen. Auf der Bühne befinden sich zwei Kräne, mehr nicht. Auf den Stufen dahinter sind schwarz eingepackte lange Gegenstände zu erkennen, die im Verlauf der Oper sich als aufblasbare Sanddünen entpuppen, deren Wirkung bei entsprechender Beleuchtung aber sehr gut getroffen war und authentisch wirkte.
Die Geschichte entwickelt sich und mit ihr ein überwältigend glitzerndes, leuchtendes, üppiges Bild reich gewandeter Darsteller, von deren sängerischer Leistung viel zu häufig durch die zahlreichen Nebenschauplätze auf der Bühne abgelenkt wurde. Während des Geschehens um und nach dem Triumphmarsch werden kontinuierlich riesige Quader mit vorn eingekreuzter Spiegelfläche an den Kränen hinaufgezogen und zwischen diesen auf einem Rahmen verankert. Wie gut die Akustik in der Arena ist, bewies – leider! - das häufige Quietschen der Kräne, das sich unschön in die Musik mischte. Der Marsch wird begleitet von künstliche Kamelen und einem Elefanten, deren Glieder sich zwar harmonisch bewegten, die aber insgesamt auf Rollen herumgeschoben wurden. Autoscooter mit vorn drauf prangenden großen schwarzen Skarabäen fuhren wie auf dem Jahrmarkt um die Menge herum. Zwischendurch sieht man Gabelstapler, die wiederum die Verbindung zur Ausgrabungsstätte herstellen – die genauen Zusammenhänge zwischen der einen und der anderen Ebene waren zumindest für mich nicht immer klar auszumachen. Schließlich brauchte die Bühne ja einen Fluss und der Nil wurde angelegt, damit auch die Barke darauf fahren konnte. Begleitet von Krokodilen (Schwimmern auf kleinen „Surfbrettern" liegend mit Krokodil-Masken auf dem Rücken). Wieder ein paar drollige aber ablenkende Momente: Während auf der rechten Seite die Ägypterinnen mit den Krokodilen spielen, wird eines am linken Rand von einer Gruppe Männern um ein Lagerfeuer schlicht gegrillt …
Sehr stimmungsvoll und in ihrer Wirkung wunderschön waren die Statisten mit den kleinen Monden in den Armen, die nicht nur über die Bühne und die Stufen hinaufwanderten, sondern auch durch den Zuschauerbereich kamen und in der Dunkelheit eine tolle Wirkung zeigten. Oberhalb der Bühne am äußeren Rand der Arena standen zwischenzeitlich Statisten mit Fackeln in form ägyptisch angehauchter Symbole – ein wunderschönes Bild, das dann mal gut zu dem Bühnengeschehen passte. Wirklich schlüssig zeigte sich mir die Inszenierung nicht - zu viel warf zu viele Fragen auf (wer war der "Grubenarbeiter", der plötzlich mit seiner Stirnlampe neben dem Pharao stand?? - um nur ein Beispiel zu nennen) und die Betonung lag zu sehr auf Show und Action, anstelle der Musik und Verdis Angaben.
Musikalisch, tja, was soll ich sagen? Jorge de Léon hat mich ganz am Anfang mit „Celeste Aida“ nicht überzeugen können, steigerte sich aber im Laufe des doch sehr langen Abends bis zu einem wunderschönen ergreifenden letzten Duett mit Aida in der Gruft, pardon, unter dem nun endlich fertgiggestellten Quaderspiegelsegment, das sich immer weiter auf die beiden herabsenkte.
Hui Hes Aida klang mir häufig zu schrill, hart und auch sie erst zum Schluss mit einer Weichheit, die mich von ihrer Liebe zu Radames überzeugte.
Positiv aufgefallen war mir Daniela Barcellona als Amneris, die es als eine der wenigen schaffte, die Aufmerksamkeit auf sich und von der Inszenierung abzulenken.
Ihr merkt schon, ich kann zu der musikalischen Seite des Abends nur wenig sagen, da das Bühnenbild sich geradezu frech in den Vordergrund drängte und die Konzentration auf die Musik erheblich störte. Ich habe so etwas zuvor noch nicht erlebt, bei vielen drolligen Regieideen kann man ab irgendwann das Unwesentliche aus- und das Wesentliche einblenden. Das ist mir hier überhaupt nicht gelungen. Auffallend war, dass die Sänger aufgrund der ausufernden Ausstattung mit Fluss und wedelnden lebenden Palmen am Ufer nur sehr kleine Bereiche hatten, in denen sie überhaupt agieren konnten, was – zum Glück! - zur Folge hatte, daß sie meist frontal ins Publikum sangen. Die Akustik ist ein Erlebnis wert in der Arena, aber sowie ein Sänger sich seitlich wendet, kommt bei den Zuschauern hinter ihm deutlich weniger an. (Ein Umstand, der mir den Abend zuvor im "Trovatore" nicht auf dieselbe Weise aufgefallen war.)
Sehr gut gefiel mir das Dirigat von Omer Meir Wellber, der es fertig brachte, die zahlreichen aus dem Hintergrund hinter der Arena singenden Chöre mit dem Chor und Sängern im Vordergrund und dem Orchester sehr fein abzustimmen. Da schleppte niemand hinterher oder verpatzte den Einsatz. Bei den Entfernungen halte ich das für eine gehörige Leistung.
Ansonsten war der Abend einfach überwältigend! Angefangen bei der Überlegung, „ich sitze auf 2000 Jahre alten Steinen!“ über die leuchtenden Kerzen zu Beginn des Abends, den vollen satten Mond, der über der Bühne die Vorstellung im Halbrund begleitete und den freundlichen Aufforderungen, die Kissen am Ende der Vorstellung doch bitte nicht ins Parkett zu werfen ... :wink
Hyacinth (05.08.2013, 22:20): Hallo, Allegra!
Die Arena-Aida habe ich am Samstag in der letzten Vorstellung gesehen, und, es stimmt, es ist schon manchmal schwer, sich nur auf die Sänger und die Musik zu konzentrieren, da nicht einmal der Nilakt ohne Parallelhandlung abläuft. Im Programm habe ich das sehr interessante Interview mit den beiden Regisseuren gelesen, das einige (natürlich nicht alle) Fragen beantwortet. Verdi habe die Handlung der Aida mit dem realen Hintergrund, dem Bau des Suezkanals und Opernbaus in Kairo verknüpft. Er versetzte also die damalige industrielle Blütezeit in das megalomanische Altägypten. Auch sei "Aida" im Gegensatz zu der "Traviata" keine wirklich intime Oper, sondern ein großes Spektakel - das zeigt zum Beispiel der 30minütige Triumphmarsch. Die zwei Catalanen wirkten im Interview überaus sympathisch, z.B. durch Aussagen wie (frei zitiert) "Man muss für die Sänger der Papa sein. Sie sollen sich geliebt fühlen, aber gleichzeitig muss man ihnen manche Kapricen austreiben.".
Außerdem glaube ich, dass die Arena, die vermutlich der einzige Aufführungsort ihrer Art ist, so eine Inszenierung verlangt - klein geht da nichts und die vielen Steinstufen und die Riesenbühne können sicher leicht leer wirken. Einen "Don Giovanni" möchte ich dort nicht sehen... Ich mag die "Aida" generell nicht so gern - die Musik ist natürlich schön (Verdi eben), aber gefällt mir am besten bei den orchestralen Stellen. Die Handlung geht mir irgendwie nicht nahe, der Schluss rührt mich überhaupt nicht - und ich bin in der Oper nah am Wasser gebaut - aber vielleicht hängt das auch mit Alter oder Lebensphase zusammen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, wie jemand diese Oper nicht statisch inszenieren kann, aber das liegt vermutlich an der Geschichte und an den zu besetzenden Stimmfächern.
lg, Hyacinth :hello
Allegra (06.08.2013, 12:33): Da gebe ich dir völlig recht: Aida braucht einen Rahmen! Konzertant könnte ich mir das überhaupt nicht vorstellen ... Die Arena ist einfach bestens geeignet dafür - und ganz ehrlich, für ein überzeugendes Gesangs- und Orchestererlebnis sehe ich sie nicht unbedingt als erste Wahl. Aber das Spektakel macht das Erlebnis zu dem, was es für die meisten ja offenbar auch ist.
An "unserem" Abend war gerade der Schluss die schönste Szene des Abends. Was auch daran gelegen haben mag, dass wir als Zuschauer mit der bildgewaltigen Inszenierung "durch" waren und nun Muße für die Musik hatten. :P
Hyacinth (06.08.2013, 18:32): Ich fand auch zwischendurch einige Momente sehr schön - zum Beispiel die Priesterinnen-Szene, wo die Akrobatin zwischen den Kränen vor dem großen, hochgezogenen Mond herumturnte, auch die Botanik am Nil durch die übergroßen Fächer fand ich einfach und sehr stimmungsvoll. Bei anderen Opern und in einem Opernhaus würde mich die Überladenheit stören, aber hier hat sie für mich gepasst.
Apropos Spektakel: Bei uns saß ein offensichtlich besonders Begeisterter im Publikum, der nach jeder Solostelle von Daniela Dessi oder Carlo Ventre "Bravo Dessi!" oder "Bravo Carlo!" brüllte, zwischen den Szenen war es dann ein "Bravo Maestro!". Zum Schluss lief er ins Parkett und rief "Viva Verdi!" - so ist eben das italienische Opernpublikum, herrlich! :J
lg, Hyacinth :hello
Allegra (09.08.2013, 12:06): :D Stimmt, die Stimmung passt auf jeden Fall.
Mein Vater hatte mir kurz vor unserem Besuch in Verona einen Zeitungsartikel aus dem Hamburger Abendblatt geschickt, in dem über die Arena berichtet wurde, ganz speziell aber über einen, tja, wie sagt man, "Einheizer", "Claqueur". Der Herr ist seit Jahr und Tag jeden Abend in der Arena und jubelt und klatscht, noch bevor das Publikum damit anfängt. Wir haben ihn tatsächlich gesehen - seine "Bravo maestro!" waren immer die schnellsten und enthusiastischsten. Vielleicht war es ja derselbe. :wink
Hyacinth (09.08.2013, 16:36): Klingt verdächtig nach unserem Enthusiasten :J Besser jemand ist begeistert, als schreit dauernd "Buh"... (wenn die Aufführung in Ordnung ist) :wink
lg, Hyacinth :hello
stiffelio (21.02.2014, 18:30): Hallo,
kennt hier jemand schon die AIDA-Inszenierung aus Paris 2013 von Olivier Py? Ich habe sie gestern im Internet größtenteils gesehen und musikalisch war ich begeistet! Marcelo Alvarez war ein ganz toller Radames und auch der Rest hat mir gut gefallen. Die Inszenierung (Verlegung in die Risorgimento-Ära) hatte einiges Interessantes, freilich auch einiges Schräges. Aber sie hat mir besser gefallen als Pys TROVATORE in München.
VG, stiffelio
Amonasro (23.07.2014, 21:45): Die Aida gehörte früher zu meinen liebsten Opern (daher auch mein Benutzername). Später wurde sie von anderen Opern Verdis verdrängt (Simon Boccanegra, Don Carlo, etc.); in letzter Zeit habe ich sie wieder mehr schätzen gelernt.
Von allen Verdi-Opern scheint sie mir die "homogenste" zu sein. Wie oft zu lesen wirkt sie tatsächlich "wie aus einem Guss". Das hängt warscheinlich mit der durchgängigen Verwendung von den Figuren zugeordneten musikalischen Motiven zusammen, aber auch mit der Aufteilung der Arien, Duette und Ensembles über die Oper: insbesondere im Gegensatz zu anderen Werken Verdis wie La forza del destino, bei der die Protagonistin zwischenzeitlich 1h gar nicht auftritt und Szenen in der Schenke, im Feldlager und im Kloster nur noch einen losen Bezug zur dramatischen Handlung haben. In Aida fügen sich dagegen auch die Ballette, die ich bei fast allen anderen Opern langweilig finde, nahtlos ein, ohne das Gleichgewicht im Aufbau zu beeinträchtigen. Ansonsten empfinde ich nur noch bei Un ballo in maschera eine ähnliche innere Geschlossenheit.
Aufnahmen besitze ich mittlerweile zwei: Serafin (1955) mit Maria Callas, Richard Tucker, Fedora Barbieri, Tito Gobbi, Giuseppe Modesti und dem Scala-Orchester und Karajan (1959) mit Renata Tebaldi, Carlo Bergonzi, Giulietta Simionato, Cornell MacNeil, Arnold van Mill und den Wiener Philharmonikern. Beide Aufnahmen finde ich sehr gut.
Die Serafin-Aufnahme hat eine sehr gute Callas und den expressiven Tito Gobbi zu bieten. Allein wegen dem Duett im 3.Akt könnte ich mich nicht von dieser Aufnahme trennen. Giuseppe Modesti als Ramfis wirkt mir leider zu harmlos. Auch in den übrigen Rollen finde ich die Karajan-Aufnahme, die auch klanglich vorzuziehen ist, überzeugender:
Carlo Bergonzi stellt zwar nicht gerade den Feldherren in den Vordergrund, führt dafür aber besonders die Gefühle Radamès' vor. Simionato singt eine sehr aristokratisch klingende Amneris, die aber im letzten Akt dennoch alle Empfindungen der Figur abzubilden vermag. Arnold van Mill singt einen sehr sonoren, kräftigen Ramfis, der im 1. Akt fast sympathisch wirkt und dann plötzlich mehr als nur bedrohlich klingt. Renata Tebaldis Aida ist deutlich fragiler und weniger selbstbewusst als die der Callas - dennoch höre ich beide gerne. Cornell MacNeil reicht trotz solider Leistung nicht an den grandiosen Gobbi heran. Karajans Unart, die Sänger mit dem Orchesterklang zuzudecken und zu überdröhnen, stört auch hier, was schade ist, da die Wiener Philharmoniker mir hier deutlich besser gefallen, als das genuine Opernorchester der Scala. Tullio Serafin ist dagegen wie immer ein deutlich sängerfreundlicherer Begleiter.
Meine Lieblingsstellen sind das Duett Aida-Amonasro und die Tempelszene im 1.Akt; daher sind mir Amonasro und Ramfis besonders wichtig.
Gruß Amonasro :hello
Amonasro (12.05.2015, 18:26): Was haltet ihr eigentlich von der Ouvertüre, die Verdi nach der Uraufführung für die mailänder Aufführung komponierte? Es ist eine Art Potpourri-Ouvertüre, ähnlich wie auch die Forza-Ouvertüre, von etwa 9 Minuten Länge. Besonders auffällig ist die starke Einbindung des Motivs, das in der Oper später mit Amneris verbunden ist. Da Amneris meiner Meinung nach die interessanteste Figur ist, halte ich das durchaus für eine gute Idee. Die Ouvertüre wirkt aber insgesamt sehr auftrumpfend, bombastisch; da finde ich das "intimere" herkömmliche Vorspiel passender, auch in Anbetracht der folgenden Szene. Nicht selten gelingen Verdi ja gerade durch kurze Einleitungen bereits sehr atmosphärische Effekte, ich denke da insbesondere an Simon Boccanegra. Verdi selbst entschied sich dann wieder für das kürzere Vorspiel der Uraufführung und bezeichnete die Ouvertüre angeblich als "prätentiöse Geschmacklosigkeit"; entsprechend wird bis heute nahezu ausschließlich das bekannte Vorspiel gespielt. Die Ouvertüre scheint lediglich von Arturo Toscanini und Claudio Abbado aufgenommen worden zu sein. Hier könnt ihr euch einen Eindruck verschaffen, falls ihr diese Ouvertüre noch nicht kennt: https://www.youtube.com/watch?v=rdCbYqiyk6A
Gruß Amonasro :hello
Rotkäppchen (13.05.2015, 19:46): Hallo Amonasro,
Asche auf mein Haupt, aber die Aida gehört (bisher) nicht zu meinen Verdi-Favoriten*. Entsprechend wusste ich nichts von dieser Ouvertüre und finde sie auch wenig anziehend. "Bombastisch" ist noch recht diplomatisch ausgedrückt -- aber schön, dass der Meister selbstkritisch war :D. Viele Grüße, Rk :hello
* Ein eingemauertes Liebespaar, dass auf den Tod wartet ... der Schluss ist mir dermaßen unheimlich!
Hosenrolle1 (13.05.2015, 20:14): Ich kenne die Aida bzw. deren Ouvertüre nicht gut genug, um da Vergleiche zu ziehen, auch habe ich kein Notenbeispiel für das Motiv von Amneris, aber ich habe mir die Ouvertüre trotzdem angehört.
Ich fand sie eigentlich gar nicht SO bombastisch, ab und zu gab es lautere Teile, die aber schnell wieder verstummten. Bei den lauten Teilen musste ich eigenartigerweise immer an alte Disney-Filme denken, besonders die Zirkusmusik aus "Dumbo"
Aber ich hatte auch das Gefühl, dass der Kontrast zwischen der ruhigen Einleitung mit den hohen Streichern und diesem "Getöse" zu stark war, andererseits kenne ich wiederum die Oper nicht, und kann keine Motive und Themen zuordnen.
* Ein eingemauertes Liebespaar, dass auf den Tod wartet ... der Schluss ist mir dermaßen unheimlich!
Was hältst du denn vom originalen Schluss von "Der Glöckner von Notre Dame" von Victor Hugo? :)
LG, Hosenrolle1
Rotkäppchen (13.05.2015, 22:09): Original von Hosenrolle1 * Ein eingemauertes Liebespaar, dass auf den Tod wartet ... der Schluss ist mir dermaßen unheimlich!
Was hältst du denn vom originalen Schluss von "Der Glöckner von Notre Dame" von Victor Hugo? :)
Oh, den Glöckner meide ich, wo es geht, da ist mir nicht nur der Schluss gruselig, sondern alles! Wurde, nebenbei bemerkt, auch veropert; natürlich nicht von Verdi, obwohl es zeitlich sogar gepasst hätte.
:hello Rk
Hosenrolle1 (13.05.2015, 22:20): "Als man sein Gerippe von demjenigen trennen wollte, das er umschlang, zerfiel es in Staub."
LG, Hosenrolle1
Amonasro (13.05.2015, 23:11): Original von Rotkäppchen * Ein eingemauertes Liebespaar, dass auf den Tod wartet ... der Schluss ist mir dermaßen unheimlich!
Irritierend ist an dieser Szene vor allem, dass die Musik im größtmöglichen Kontrast zur Handlung steht. Beim bloßen Hören denkt man gar nicht daran, dass hier zwei Menschen lebendig begraben werden und wahrscheinlich ersticken.
Original von Hosenrolle1 Aber ich hatte auch das Gefühl, dass der Kontrast zwischen der ruhigen Einleitung mit den hohen Streichern und diesem "Getöse" zu stark war, andererseits kenne ich wiederum die Oper nicht, und kann keine Motive und Themen zuordnen.
Das allgemein übliche Vorspiel hat eigentlich kaum "Getöse", deswegen finde ich das auch passender. Die Motive im kurzen Vorspiel sind glaube ich nur ein Motiv, das mit Aida verbunden ist, und eines, das den Priestern zugeordnet wird. In der verlängerten Ouvertüre kommen glaube ich neben dem Amneris-Motiv noch mehr vor, aber da müsste ich die Oper nochmal hören, um das genau zu sagen.
In dem Toscanini-Video hört man das Amneris-Motiv ab 2:49. Gerade dieses Motiv finde ich besonders gelungen. Es klingt relativ hektisch, ich habe es immer als Ausdruck von Amneris' Eifersucht verstanden.
Das Original-Vorspiel hört man zum Beispiel hier sehr gelungen: https://www.youtube.com/watch?v=K-C5gSk5Zpc
Gruß Amonasro :hello
Amonasro (26.06.2024, 23:26): Kürzlich habe ich diese beiden Aidas gehört:
Aida – Gina Cigna Amneris – Bruna Castagna Radamès – Giovanni Martinelli Amonasro – Carlo Morelli Ramfis – Ezio Pinza Il re – Norman Cordon Un messaggero – Giordano Paltrinieri Una sacerdotessa – Thelma Votipka
Metropolitan Opera Orchestra and Chorus; Ettore Panizza 1937
Eine hervorragend gesungene Aida, insbesondere in den männlichen Rollen. Martinelli klingt zwar nicht mehr jung, ihm gelingt der Spagat zwischen lyrischen und heroischen Szenen sehr gut. Die Tonqualität des Live-Mitschnitts ist allerdings nur etwas für Hartgesottene.
Aida – Maria Caniglia Amneris – Ebe Stignani Radamès – Beniamino Gigli Amonasro – Gino Bechi Ramfis – Tancredi Pasero Il re – Italo Tajo Un messaggero – Adelio Zagonara Una sacerdotessa – Maria Huder
Orchestra e Coro del Teatro dell’Opera di Roma; Tullio Serafin 1946
Caniglia und Gigli haben in den 30ern und 40ern einige Aufnahmen zusammen gemacht. Für Caniglia kommt die Aufnahme etwas zu spät, es gibt einige angestrengt klingende Spitzentöne. Dafür klingt sie immer dramatisch involviert. Gigli bringt manchmal veristische Unarten wie Seufzer und Schluchzer ein, die bei Verdi fehl am Platz sind, und singt zuweilen in einem eher larmoyanten Tonfall. Der Höhepunkt der Aufnahme ist Gino Bechis Amonasro, dessen kraftvolle Stimme der Figur die nötige Autorität verleiht, auch wenn er die Figur etwas zu böse interpretiert. Auch Stignani und die beiden Bässe sind sehr gut, Tullio Serafins Dirigat geradezu ideal: dramatisch vorwärtsdrängend ohne das Monumentale oder den lyrischen Schönklang überzubetonen. Die Aufnahme ist trotz des Alters gut anhörbar.
Gruß Amonasro :hello
Amonasro (27.08.2024, 19:08):
Aida – Dusolina Giannini Amneris – Irene Minghini-Cattaneo Radamès – Aureliano Pertile Amonasro – Giovanni Inghilleri Ramfis – Luigi Manfrini Il re – Guglielmo Masini Un messaggero – Giuseppe Nessi
Orchestra e Coro del Teatro alla Scala di Milano; Carlo Sabajno 1928
Diese Aufnahme ist nun schon fast 100 Jahre alt. Gemessen daran ist sie erstaunlich gut anhörbar. Dusolina Giannini überzeugt sowohl in den lyrischen Partien als auch in den leidenschaftlichen Ausbrüchen und der dramatischen Deklamation. Aureliano Pertile hat kein angenehmes Timbre, gestaltet seine Rolle aber sehr intelligent. Sein Radamès klingt sehr leidend, in dieser Hinsicht am ehesten mit Jon Vickers vergleichbar. Der Höhepunkt der Aufnahme ist Irene Minghini-Cattaneos Amneris, eine der intensivsten Gerichtsszenen unter meinen Aufnahmen. In kaum einer anderen Aufnahme hört man Amneris so verzweifelt und zügellos flehen und wüten wie hier. Giovanni Inghilleri, der noch bis in die 1950er Aufnahmen gemacht hat, hat eine schöne Stimme und gestaltet Amonasro nicht als wütende Karrikatur wie in manchen anderen der sehr alten Aufnahmen. Die beiden Bässe bleiben daneben leider sehr blass, Aufnahmetechnisch bedingt sind die Sänger sehr stark im Vordergrund, Verdis gerade in dieser Oper sehr fantasievolle Orchestrierung kommt daher nur unzureichend zur Geltung. Was aber auffällt: obwohl eine Studio-Aufnahme klingt die Aufnahme lebendig wie ein Live-Mitschnitt.
Aida – Renata Tebaldi Amneris – Ebe Stignani Radamès – Mario Del Monaco Amonasro – Aldo Protti Ramfis – Dario Caselli Il re – Fernando Corena Un messaggero – Piero De Palma
Coro e Orchestra dell’Accademia di Santa Cecilia, Alberto Erede 1952
Renata Tebaldi ist hier in stimmlicher Bestform. Ihre Aida ist sehr lyrisch mit hinreißenden Piani, interpretatorisch bleibt allerdings Luft nach oben, da sie mir die Rolle zu lyrisch anlegt. Allerdings kann ich mir die Partie kaum klangschöner vorstellen. Sie ist denn auch klar die Hauptattraktion dieser Aufnahme. Mario Del Monaco ist in seiner ersten Studioaufnahme noch um Differenzierung bemüht und im Schlussduett singt er sogar halbwegs leise, Radamès träumerischen Momenten fehlt es aber an Poesie, besonders in seiner Arie. Er betont klar die heroisch-dramatischen Momente der Figur. Ebe Stignani ist eine zwar nicht mehr jung klingende, aber expressive Amneris. Protti, Caselli und Corena sind gut, aber unauffällig. Eredes Dirigat lässt leider viele Wünsche offen, Spannung kommt in den ersten beiden Akten kaum auf, die zweite Hälfte gelingt besser. Auch das Orchester hat Probleme: so schief klingt der Triumpfmarsch in keiner anderen Aufnahme. Der Klang ist gutes Mono.
Exkurs: Aida
Aida leidet an einem bei Verdi nicht seltenen Zwiespalt: die widerstreitenden Loyalitäten zwischen Vater und Geliebtem (man vergleiche z. B. Leonora im 1. Akt der forza del destino). In den ersten beiden Akten ist Aida durchgängig passiv, da sie keine Möglichkeit hat, irgendetwas an den Ereignissen zu ändern. Dass Amonasro und Radamès gegen einander kämpfen werden, belastet sie enorm. Dass es keine Lösung ihres Dilemmas geben kann, weiß sie von Anfang an; hieraus resultiert ein die ganze Oper über immer wieder artikulierter Todeswunsch. Ihr freiwilliger Tod am Ende kommt daher nicht überraschend. Dennoch ist ihre Szene im 1. Akt Ritorna vincitor! abgesehen vom Schlussabschnitt Numi, pietà kein lyrisches Stück, sondern ein hochdramatischer Monolog mit mehreren abrupten Stimmungsumschwüngen, der das ganze Dilemma der Figur auf engem Raum zusammenfasst. Tendenziell scheinen mir die Sängerinnen der älteren bzw. ältesten Aufnahmen wie Giannini, Arangi-Lombardi, Caniglia, Callas, etc. diese dramatische besser zu treffen, während mir viele Sängerinnen in späteren Aufnahmen (wie Tebaldi, Freni, Ricciarelli, Harteros) die ganze Szene oft zu lyrisch angehen. Ein anderer Aspekt ihres Charakters, der in vielen Interpretationen zu kurz kommt, ist Stolz: Stolz auf ihren Rang als Prinzessin, als Tochter Amonasros, die sich nicht als Sklavin sieht. Im Duett mit Amneris bricht sich dieser Stolz beinahe Bahn, wenn sie hochfahrend ausruft: „Anch’io son tal…“, dann aber direkt wieder abbricht. Sie ist gezwungen sich allen gegenüber zu verstellen, darf weder ihre Identität, noch ihre Gefühle für Radamès oder Amonasro preisgeben. Im Duett mit Radamès im 3. Akt ist sie es dann, die wie zuvor Amonasro ihr gegenüber, alle Register zieht, um Radamès in ihrem Sinne zu manipulieren. Das ganze Duett ziehlt ja darauf ab, ihm die entscheidende Information zu entlocken. Während die Rolle ansonsten etwas monoton angelegt ist, muss sie hier überzeugend zwischen Anklage und Verführung wechseln. Am besten wird dies meines Erachtens von Leontyne Price und Maria Callas verwirklicht. Ihr Freitod im Ende resultiert aus dem Verlust beider Pole, zwischen denen sie zuvor gefangen war: Radamès und Amonasro. Die prominent platzierte aber extrem verklausuliert formulierte Nachricht von Amonasros Tod („Nei disperato anelito dell'orde fuggitive sol cadde il padre“) im 4. Akt ist notwendig, denn ohne seinen Tod wäre sie ihm fraglos gefolgt, nachdem sie sich ja bereits im 3. Akt faktisch für den Vater und gegen den Geliebten entschieden hat. Die Ursache für die umständliche Formulierung liegt in der Entstehungsgeschichte: Ursprünglich war ein etwas anderer Handlungsverlauf vorgesehen: Radamès sollte zu Amonasro überlaufen, Amneris die Szene im 3. Akt zwar belauschen, aber ohne Hilfe zu holen. Zwischen den Akten kommt es dann erneut zur Schlacht, bei der Radamès an Amonasros Seite kämpft, jener wird gefangen genommen, dieser getötet. Um Radamès weniger schuldig und damit sympathischer erscheinen zu lassen, wurde dann der neue Schluss für den 3. Akt entworfen. Die Folge war, dass es nun erst gar nicht mehr zur Schlacht kommt; Verdi musste Ghislanzoni mehrmals anweisen, die Erwähnung der Schlacht in der Nachricht von Amonasros Tod zu streichen. Die Todesursache bleibt dadurch nun völlig unklar, denn die neue Formulierung ist genauso wortreich wie inhaltslos. (Quelle: John Richard Kitson: Verdi and the Evolution of the Aida Libretto, eine fast 1000-seitige Analyse der Libretto-Genese, in der Open Collection der University of British Columbia frei herunterladbar.)
Gruß Amonasro :hello
Amonasro (01.09.2024, 23:21):
Aida – Renata Tebaldi Amneris – Giulietta Simionato Radamès – Carlo Bergonzi Amonasro – Cornell MacNeil Ramfis – Arnold van Mill Il re – Fernando Corena Un messaggero – Piero De Palma Una sacerdotessa – Eugenia Ratti
Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde Wiener Philharmoniker, Herbert von Karajan 1959
Einer ganzen Reihe von Tebaldi-Aufnahmen unter Erede folgten später Stereo-Remakes. Neben La bohème, Madama Butterfly und Otello auch diese Aida unter Karajan. Drei Rollen sind gleich besetzt, der Rest ist neu. Herausstechende Merkmale dieser Aufnahme sind das sehr orchesterdominierte Klangbild, in dem der Gesang zuweilen unterzugehen droht, und eine sehr auf Schönklang getrimmte Interpretation. Soi ist die letzte Phrase des Chors in der Schlussszene (gleichzeitig mit Amneris letztem „Pace“) akustisch (zumindest für mich) überhaupt nicht wahrnehmbar. Die Ensembleszenen sind andererseits sehr transparent, im Concertato der Triumpfszene sind alle sechs Solisten klar heraushörbar, was bei vielen Aufnahmen schwierig ist. Die Sänger sind für diesen lyrischen Ansatz gut geeignet: Bergonzi ist ein lyrischer Radamès, der mehr den verliebten Schwärmer als den Kriegshelden darstellt. Simionatos Amneris ist für mich nahe am Ideal, kommt aber in ihrer älteren Aufnahme unter Gui (und nochmehr in einem Live-Mitschnitt aus Tokio) besser zur Geltung. Tebaldi klingt angestrengter als unter Erede, ist dafür dramatisch involvierter, ihre Vorwürfe gegenüber Radamès im Nilduett haben mehr Biss. Das hier besonders zarte Schlussduett von Tebaldi und Bergonzi ist ein Höhepunkt der Aufnahme. Besonderen Wohlklang verströmt Eugenia Ratti in der Tempelszene. Arnold van Mill klingt als Ramfis überraschend väterlich-jovial, von Bedrohlichkeit keine Spur. MacNeil fügt sich nicht ganz in das lyrische Konzept dieser Aufnahme und gestaltet seine Partie sehr ausdrucksstark. Sein „Pensa che un popolo vinto, straziato“ (eine der schönsten Stellen des Werks) garniert er aber mit einem unpassenden Schluchzer. In Thomas Manns Zauberberg wird der 4. Akt der Aida in dem Kapitel „Fülle des Wohllauts“ beschrieben. Wenn diese Überschrift auf einer Aufnahme passt, dann ist es diese. Das Drama bleibt allerdings etwas auf der Strecke.
Aida – Maria Callas Amneris – Oralia Domínguez Radamès – Mario Del Monaco Amonasro – Giuseppe Taddei Ramfis – Roberto Silva Il re – Ignacio Ruffini Un messaggero – Carlos Sagarminaga Una sacerdotessa – Rosita Rodríguez
Orquesta y Coro del Palacio de Bellas Artes, Ciudad de México; Oliviero De Fabritiis 1951
In diesem Live-Mitschnitt in schlechter Tonqualität hören wir weniger die Oper Aida als Sänger mit Riesenstimmen, die ohne Rücksicht auf Verluste ihr beeindruckendes Material zur Schau stellen. Subtilitäten darf man hier keine erwarten, quasi der völlige Gegenentwurf zur oben genannten Karajan-Aufnahme. Die hochdramatische Interpretation gerät immer wieder ins Extreme: bereits im Schlachtruf des 1. Akts legt der Dirigent ein halsbrecherisches Tempo vor, Callas beschließt die Triumpfszene mit einem ungeschrieben Es – eher eine Zirkusnummer. Die Duette mit Taddei und Del Monaco sind eher Duelle. Del Monaco singt ungeniert mit voller Stimme und übergeht so alle lyrischen Passagen. Die beste Leistung dieser Aufführung bietet Oralia Domínguez als Amneris: ihre Gebete in der Gerichtsszene klingen wirklich verzweifelt, ihr Toben gegen die Priester zum Fürchten. Ich finde sie sogar die überzeugendste Amneris in meiner Sammlung. Taddei gibt einen sehr extrovertierten aber eindimensionalen Amonasro (schon bei Rivedrai le foreste imbalsamate klingt er nach nur mühsam unterdrücktem Zorn). Roberto Silva ist ein sehr sonorer Ramfis, der aber in der Gerichtsszene seinen Text völlig durcheinander bringt. In jedem Fall die unterhaltsamste Aida, aber letztlich eine Aufführung, die man weniger wegen Verdis Oper als wegen der Sänger hört.