Alfred Einstein und die kompositorische Verdichtung?
Vivamoza (17.09.2021, 18:54): Hallo zusammen, ich habe mir vor kurzem das bekannte Büchlein "Größe in der Musik" von Alfred Einstein besorgt und bin seitdem fleißig am Lesen. In einem Kapitel beschreibt Einstein einen der vielen Unterschiede zwischen einem genialen und einem "nur" talentierten Komponisten. Er benutzt hier den Begriff der kompositorischen "Verdichtung". Diese Verdichtung, wie sie sich in den Werken von Mozart, Beethoven etc... findet, wäre bei mittelmäßigeren Komponisten nicht vorhanden oder nur zufallsbedingt in sehr wenigen Werken. Leider erklärt er nicht ausführlich, was er genau damit meint bzw. was man sich unter "Verdichtung" in einem Werk vorzustellen hat ?( . Kann einer das vielleicht mal versuchen mir zu erklären oder kennt jemand vielleicht sogar das Kapitel aus dem Buch? Danke schonmal vorab. VG Florian
Sfantu (18.09.2021, 07:11): Hallo Villamoza,
Du machst mich neugierig auf das Buch. Genius von Talent zu unterscheiden und als Indikator das Maß an Verdichtung anzuwenden, sind interessante Ansätze. Ich kann vorläufig nur mutmaßen: Dichte im Sinne von Reichtum/Gleichzeitigkeit/Überlagerung an Einfällen auf engstem Raum vielleicht. Ein weiterer Gedanke dazu: wenn es bspw. Mozart gelingt, seiner Musik darüber hinaus auch noch soviel Charme zu verleihen, daß sie vielen Menschen Hörgenuß bereitet, wäre das ein zusätzliches Indiz für Genialität? Im Unterschied zu bspw. Reger, der ebenfalls hochkomplex und verdichtet schreibt, dessen Musik aber oftmals anstrengend und spröde daher kommt? Ich wünsche Dir eine spannende Lektüre. Und halt´ uns doch bitte auf dem laufenden zu Deinen Eindrücken.
Herzlichst, Sfantu
satie (18.09.2021, 13:21): Ohne den Text zu kennen würde ich annehmen, dass mit der Verdichtung gemeint ist, dass aus motivisch-thematischem Material bei den "großen" Komponisten mehr herausgezogen wird als bei den anderen. Ein simples Beispiel, welches in diesem Zusammenhand häufig erwähnt wird, wäre der erste Satz aus Beeethovens 5. Symphonie, der aus einer einzigen Motivzelle im Grunde das gesamte Material des Satzes schöpft. Sicher ist das ein Extrembeispiel, aber man kann ähnliches bei Haydn und Mozart, bei Schumann und Brahms auch finden. Letzterer wäre sogar in seinem Spätwerk ein Paradebeispiel dafür: wenn bei ihm vom Komponieren "ohne Einfall" die Rede ist, dann in dem Sinn, dass eine fallende Terzenkette (4. Symphonie oder auch Op. 119 Nr. 1) eigentlich kein "Thema" ist, aber dennoch den Keim der gesamten Komposition bildet. Im Gegensatz dazu würde ein schlechterer Komponist beispielsweise einfach Themen aneinanderreihen, die sicher zueinander passen können, aber es keine inneren Bezüge gibt. Je mehr solcher Bezüge, desto verdichteter ist das Ganze. Kann man den Einstein-Text irgendwo online finden? Ich hatte eben bei schneller Recherche kein Glück.
Herzliche Grüße Satie
Sfantu (18.09.2021, 14:12): Spannend fände ich auch, wie Einstein - hätte er lang genug gelebt - denn wohl Musik empfunden hätte, die äußerlich mit sparrsamen Mitteln, ja geradezu karg daher kommt, der ich aber ein hohes Maß an Verdichtung zugestehen würde. Feldman etwa. Oder Cage zum Teil.