Anfrage zur DDD Aufnahmetechnik

satie (02.12.2014, 09:59):
Meine Lieben,
ich erhielt per Mail folgende Anfrage:


Ich habe eine bach-cd mit Konzertaufnahme von 1980.

das cd - Label bezeichnet die cd mit "ddd".
Damals (DDR) gab es doch sicher keine digitale aufnahme
also müßte es doch heißen "add" ??

es handelt sich um die Bach Edition Leipzig
u.a. die Bach Ouvertüren, die in der Leipziger Paul-Gerhardt-Kirche (tonstudio-Kirche der DDR)
im Klappentext steht dort: Aufnahme 1980
Die ganze Serie:
https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/Johann-Sebastian-Bach-1685-1750-Bach-Edition-Leipzig/hnum/9660461

Wer kann helfen? Ich habe zwar gesehen, dass es wohl tatsächlich schon digitale Aufnahmen gab, aber ob diese hier eine ist?

Herzlich
Satie
Jürgen (02.12.2014, 11:55):
1980 war das Jahr des großen Umbruchs. Viele Klassiklabels haben ab dieser Zeit die digitale Aufnahmetechnik verwendet.

Karajan war einer der Ersten, die diese Technik verwenden wollten:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/6176MSTDQWL._AA160_.gifhttp://ecx.images-amazon.com/images/I/41GGT1W6BBL._AA160_.jpg
Der Parsifal wurde 1979/80 aufgenommen, die Zauberflöte 1980.

Das Label Denon arbeitete schon früher digital.
Diese Aufnahme entstand 1974:
http://g-ecx.images-amazon.com/images/G/01/ciu/ac/d9/e8dfd250fca0b0d991bf5010.L._SL500_AA300_.jpg

Die von Dir verlinkte Bach-Edition habe ich auch. Die Orchestersuiten mit Pommer sind laut Coverrückseite
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51uHas79%2BQL.jpg
Digitalaufnahmen. Ich habe keinen Grund aufgrund es Aufnahmejahres an dieser Angabe zu zweifeln.

Die Suiten wurden auch noch anders herausgebracht:

http://cmuse.org/wp-content/uploads/2014/10/J.S.-Bach-Orchestral-Suites-BWV-1066-69-New-Bach-Collegium-Musicum-Max-Pommer-conductor.-Sinfonia-Digital-Series-Sinfonia-Pro-Arte-2DS-700-1983-Cover-art-by-M.A.-Mead-.jpg

Sinfonia Digital Series (Sinfonia Pro-Arte)

Grüße
Jürgen
Hörbert (30.12.2014, 08:59):
Hallo!

Das wird jezt etwas technisch:

Digitalaufnahmen gab es in der Tat schon vor 1980, allerdings sollte man dabei bedenken das diese Technik seinerzeit noch in den Kinderschuhen steckte, so sind ein Teil der alten Denon-Aufnahmen 14-Bit-Aufnahmen und ein weiterer Teil sogar nichtlinear aufgezeichnete 12-Bit aufnahmen. Das seinerzeit verwendete Aufnahmeequipment bestand platt gesagt aus einem Videorecorder und einem sogenannten PCM-Prozessor (heute würde man A/D--Wandler dazu sagen.

Die Qualität dieser Aufnahmen (14- und 12-Bit) ist im großen ganzen mit der guter später Analogaufnahmen vergleichbar hat aber einige tonale Schwächen im Hochtonbereich da hier im Vergleich zu späteren Digitalaufnahmen ein erhöhter Klirr vorhanden ist.

MFG Günther
Hosenrolle1 (17.01.2015, 21:05):
Ich wollte für meine Frage keinen eigenen Thread aufmachen, und dieser Thread scheint mir für mein Anliegen das Geeignetste zu sein.

Auf neuen CD-Ausgaben von Vinylaufnahmen findet sich oft der Schriftzug:

96kHz - 24-bit REMASTERING

Oft sieht man das auch in dem "Was höre ich gerade"-Thread, wo dieser Hinweis auf dem Cover steht.

Meine Frage: was kann oder muss man sich darunter genau vorstellen?



LG,
Hosenrolle1
Hörbert (20.01.2015, 22:32):
Hallo!

Nun hier gibt es zwei Möglichkeiten:

Zum einem kann hier ein bereits digitalisiertes altes Analogband vorgelegen haben das nun mit 96kHz - 24-bit neu konvertiert wurde dann ist das reine Augenwischerei da die zusätzlichen Bits legendlich aus Nullstellen bestehen aber keine neuen Informationen hinzugekommen sein können, hier wurde also bloß die Dateigröße erhoht ohne das ein effektiver Nutzen dadurch möglich war.

Oder aber es handelt sich um eine Neudigitalisierung der alten Analogbänder, auch hier ist der Nutzen eher fragwürdig da solche alten Bänder durch die Lagerung seit der seinerzeit erfolgten 44 KHz/16-Bit-Digitalisierung nicht gerade jünger geworden sind,.

Also sind solche Hinmweise eher mit Vorsicht zu genießen, in einigen wenigen Fällen kann durch ein gleichzeitig erfolgtes Remastering noch ein wenig mehr herrausgeholt worden sein aber in der Regel hat man mit etwas Glück gar keinen Vorteil davon und mit etwas Pech eher einen Nachteil durch die Bandalterung zu erwarten.

MFG Günther
Hosenrolle1 (21.01.2015, 03:32):
Vielen Dank erstmal für die Info!

Ich habe auch immer das Gefühl, dass solche Dinge gerne aufs Cover geschrieben werden, damit die Leute denken "Wow, ich kenne mich zwar nicht aus damit, aber das klingt so technisch und modern, da wird die Aufnahme auch total super klingen deswegen".

Ich hätte mich davon auch täuschen lassen, jedoch habe ich vor 3 oder 4 Jahren eine CD der Oper "Hänsel und Gretel" gekauft, aufgenommen 1996, und auf der stand etwas von "True 20bit Oversampling" irgendwas. Auf jeden Fall auch so ein technisches Zeug.
Ich dachte damals: "Das muss ja super klingen, glasklarer Sound, dynamisch, wuchtig...".

Nix da - der Sound war total hallig und verwaschen. Da klingt die Solti-Aufnahme aus den 70ern noch VIEL besser!

Das soll jetzt nicht heißen, dass alle solchen Hinweise "schlecht" sind, nur, ich bin vorsichtig geworden nach dieser Erfahrung.



LG,
Hosenrolle1
Hörbert (22.03.2015, 10:46):
Hallo!

Sorry, aber ich bin z.Z. beruflich sehr eingespannt und komme selten dazu hier einmal in Forum zu schauen was ich sehr bedauere. X(

Es ist leider eine traurige Tatsache das nicht bei allen Aufnahmen die nötige Sorgfalt waltet und man alleine aus der technischen Beschreibung so gut wie nichts entnehmen kann.

Eigentlich sollte seit der Entwicklung der alten Mikrorillen-Schallplatte in den 50ger Jahren des vergangenen Jahrhunderts genug Zeit vergangen sein damit der HiFi-Gedanke auch bei Aufnahmen bis in den allerletzten Winkel der Fachwelt durchgedrungen sein sollte.

Aber leider gibt es trotz der überragenden und auch günstigen Aufnahmetechnik die heute zur Verfügung stehr immer noch katastrophal aufgenommene Musikkonserven.

Hier hilft nur ein vorab reinhören in die jeweiligen Tonträger, damit kann man sich vor Enttäuschungen zwar auch nicht 100%tig schützen und es hilft einem auch herzlich wenig wenn es, -was leider für meinen Geschmack viel zu oft der Fall ist-, gar keine Alternativaufnahme gibt aber es hält die Fälle in denen man eine fast unbrauchbare Aufnahme die einerseits zu schade zum Wegschmeißen und andererseits zu schlecht um sie wirklich mit Genuß anhören zu können erwirbt doch etwas in Grenzen.

MFG Günther
EinTon (22.03.2015, 14:15):
Original von Hörbert
Aber leider gibt es trotz der überragenden und auch günstigen Aufnahmetechnik die heute zur Verfügung stehr immer noch katastrophal aufgenommene Musikkonserven.


...was ja auch den Mikros (incl. deren Aufstellung), am Aufnahmeraum, an den verwendeten Instrumenten etc. liegen kann - wenn die schlecht sind, nützt eine Hi-End-24bit-Soundkarte oder ein hochwertiges Mehrspurbandgerät auch nichts mehr.
Hörbert (26.03.2015, 08:09):
Hallo!

Ja, natürlich eine verpfusche Aufnahme ist eine verpfuschte Aufnahme, aber das ist heute eigentlich keine Frage der Technik mehr, selbst sehr günstiges Aufnahmeequipment hat heute ein Qualitätsniveau erreicht das noch vor 30 Jahren undenkbar gewesen wäre.

Der Knackpunkt sind im übrigen immer die Mikrophone und der Raum, da man sich heute in der Regel die teueren Aufnahmestudion spart und einfach eine Live-Aufführung mitschneidet sind viele Aufnahmen auch heute noch durch den Aufnahmeort und durch das übrige Settig limitiert da die Bedingungen oft alles andere als Optimal sind.

Aber das ist nicht die Schuld der heutigen Aufnahmetechnik.

MFG Günther