Michael "miclibs" hat mich auf die Idee gebracht, diesen Thread zu eröffnen. Sollte ein vergleichbares Thema schon existieren oder ein anderes Unterforum geeigneter erscheinen, bitte ich um Information und/ oder Verschiebung.
Die Neue Musik ist von der Radikalität der fünfziger bis siebziger Jahre vielfach abgerückt (Elektroakustik und Tonbandmusik, Aleatorik, Geräuschkompositionen, radikale Auflösungen der Form etc.), ohne dass diese überhaupt keine Rolle mehr spielen würden. Strömungen, die man gemeinhin gerne unter dem Begriff der Postmoderne subsumiert, also diverse Tendenzen zur Neuromantik, zur Obertonmelodik und -harmonik, zum Minimalismus, zum Crossover in Richtung auf Welt- und Popmusik oder Jazz bestimmen die letzten zwanzig Jahre des letzten Jahrhunderts und eben das unsrige. Der Einbezug der Elektronik dürfte nach wie vor für viele Komponisten wichtig sein.
Ich würde mich freuen, wenn hier Beiträge zu Erfahrungen mit der Musik der letzten sechzig Jahre zur Diskussion gestellt werden, die vor allem solche Werke oder Komponisten der Neuen Musik erfassen, mit denen Ihr Euch mehr oder minder versuchsweise befasst habt, ohne mit diesem Bezug zufrieden zu sein, ohne dieser Musik tatsächlich nähergekommen zu sein. Damit verbunden ist der Wunsch, von Gleichgesinnten Werke empfohlen zu bekommen, die Euch bei Eurer Annäherung helfen könnten. Damit verbunden ist natürlich auch der Wunsch nach der Diskussion um Neue Musik schlechthin. Es scheint hier eindeutige Kenner und Liebhaber zu geben. Selbst würde ich mich zu den sehr offenen Hörern zählen wollen, zu den wirklichen Kennern gewiss nicht.
Ich mache jetzt quasi ein Angebot und hätte im gleichen Atemzug eine Bitte - sie war ursprünglich in Was hört Ihr gerade? an miclibs gestellt worden.
Was könnte mir wie den Slowenen Vinko Globokar näherbringen - es muss ja nicht so nahe sein :cool :wink, wie mir längst der berühmte ungarische Avantgardist György Ligeti steht?
:beerWolfgang
Andréjo (30.03.2013, 22:03): Soeben sehe ich, dass es einen längeren Faden über zeigenössische Musik gibt. Den werde ich mir auf jeden Fall erst einmal ansehen.
:helloWolfgang
Andréjo (30.03.2013, 22:27): Ein zügiger Durchgang durch diesen interessanten, aber (zumindest zunächst) eher allgemein gehaltenen Thread - einzelne Diskussionsteilnehmer sind mir in diesem Zusammenhang längst aus anderen Foren bekannt; gegen Ende werden auch konkret einzelne Avantgardisten vorgestellt - glaube ich, dass dieser etwas speziellere hier eine parallele Daseinsberechtigung haben könnte.
Ich beuge mich dennoch im Zweifelsfall der Moderation. :wink
Wolfgang
Hörbert (31.03.2013, 11:19): Hallo!
Puhhh, du stellst uns hier nicht gerade vor eine leichte Aufgabe, -wieso muß es audgerechnet Globokar sein?
Vinko Globokar ist ein komponierender Interpret, -hier sind Stil und Werk immer recht speziell und oft auf das jeweilige Instrument bezogen.
Der Weg zu Gobokar führt m.E. an besten über das Werk Kagels und das Werk Berios wie auch in der älteren Musik gibt es auch in der neueren Strömungen, Richtungen und Schulen die unterschiedliche Ansätze verfolgen und unterschiedliche musikalische Aussagen treffen.
Ligeti ist schon mal ganz gut da hier eine relative Nähe besteht, ja man kann Ligeti gleichsam als einen Knotenpunkt betrachten von dem unterschiedliche Strömungen ausgehen (oder auch als Brennpunkt in dem sich unterschiedliche Strömungen zusammenfinden, -ganz so wie es dir lieber ist-, beides hat seine Berechtigung)
Globokar ist ein Vertreter einer der eher improvisatorischen "virtuosen" Strömungen wie sie ca. 1970 bis 1980 aufkamen und zeitweise einen recht breiten Raum in der Wahrnehmung der neuen Musik eingenommen haben.
Noch heute entsprechen -obzwar gemildert und durch Zeit, Erfahrung und neue technische Möglichkeiten verfeinert-, seine Werke diesem Muster, (vergleiche doch einmal eines seiner neueren Werke wie die "Radiographie d´un roman -Donaueschingen 2010 mit einem der älteren Werke wie "Standpunkte" oder "Laboratorium" aus den 70ger Jahren. Hier wie dort wird entfremdete Sprache als Instrument verwendet, zwar wechesl die Mittel aber das Prinzip bleibt gleich.
Globokar kann man sich nicht auf intelektueller Ebene nähren, -was bei Ligeti noch halbwegs geht (um dann in eine seiner Fallen zu tappen) sondern nur in dem man diese Musik einfach entspannt hört und sie auf sich wirken läßt, -das ist zwar mit anderer neuerer Musik auch nicht anders aber bei einigen der Komponisten notwendiger als bei anderen-.
MFG Günther
Andréjo (31.03.2013, 12:07): Vielen Dank, Günther!
Welche CD würdest Du mir ganz konkret empfehlen? Da er Posaunist war, ein Werk, in dem dieses Instrument eine wesentliche Rolle spielt?
Was Ligeti betrifft, so habe ich in der Tat einen sehr emotionalen Zugang. Das gilt in gleicher Weise für die statischen Clusterkompositionen der Sechziger, die rhythmischen Studien für Cembalo oder wie für die hochinteressanten Klangwirkungen im Horntrio oder im Violinkonzert.
Was meinst Du genauer mit den "Fallen", in die man bei dem Ungarn gerne tappt?
:beerWolfgang
PS: Ich hätte jetzt behauptet, Globokar sei bereits vor längerer Zeit verstorben. Wikipedia belehrt mich eines Besseren.
miclibs (31.03.2013, 18:49): Hallo Andrèjo,
vielleicht gehen folgende Youtube Links in deine Richtung. Leider ist m.W. 'Discours II' von Globokar nur auf LP (1970) zu haben. Bei Ebay habe ich noch LPs gesehen.
Discours II - Teil 1 Discours II- Teil 2 http://home.in.tum.de/~xup/lp/complete/img/Album_1284.jpg
Sonst kann ich mich Hörbert nur anschließen. Er hat ja auf dem Gebiet der neuen Musik schon ein paar Jahrzehnte hinter sich. :wink
LG Michael
Andréjo (31.03.2013, 19:47): Ein Danke auch an Michael! Soeben habe ich mir die beiden youtube-Links angehört. Mittlerweile kann ich damit mehr anfangen als offenbar vor einigen Jahren bei einer ähnlichen Zufallsbegegnung. In der Ausreizung der instrumentalen Farben und Mittel, die mir selbstzweckhaft erscheinen, also wiederum den emotionalen Zugang benötigen, ist das gar nicht so weit entfernt vom Free Jazz und den Experimenten eines Albert Mangelsdorff.
Dann werde ich mal schauen, ob es vielleicht auch CDs gibt. Ich hab immer gerne etwas in der Hand.
:helloWolfgang
Hörbert (31.03.2013, 23:51): Hallo!
Zumindestens zwei CD´s sind bei JPC gelistet, und zwar "Discours VI für Streichquartett" und "Labour für Sinfonieorchester" plus einer SACD mit " Der Engel der Geschichte "
Das sind allerdings Werke die ich auch noch nicht auf CD oder Schallplatte habe, hier kannich dir also nicht viel weiterhelfen.
Allerdings finde ich Kammermusik immer recht gut geeignet um sich einem Komponisten zu nähern.
Ligetis "Fallen" wennman versucht sich seiner Musik rein Intellektuell zu nähren sind eigentlich recht schnell erklärt.
Du kennst sicher sein Violinkonzert?
Hier etwa im zweiten Satz bei der Kantilene der Violine die dann schrill überblasen wird. Für jeden Zuhörer der Ligeti kennt und mit dem "Bauch" hört ein grandioser Witz, für jeden der versucht diese Musik rein Intellektuell zu begreifen eine Quelle des Ärgernisses und der Verwirrung.
MFG Günther
Andréjo (01.04.2013, 00:27): Das Violinkonzert ist mittlerweile mein Lieblingswerk von Ligeti.
Ich nehme an, dass Du Dich auf eine der Passagen beziehst, in denen die anders gestimmten Okarinas die Violinstimme überblasen. Das hat in der Tat viel Witz und eine primär affektive Wirkung - wobei ich mir vom Verstand her dieser Wirkung natürlich bewusst bin.
Ligeti scheint hier ähnlich auch wie bei seinem Horntrio oder dem Hornkonzert mit einer Mikrotonalität zu arbeiten, die sich beim Violinkonzert aus der Naturstimmung der volkstümlichen Blasinstrumente ergibt. Ich vermute, dass es beim Horn derselbe Effekt ist, dass dieser Effekt also nicht in der Notation des Werks angelegt sein muss. Das würde recht gut zu dem von Dir gewählten Begriff der "Falle" passen. Auf Wissen kann ich da allerdings nicht zurückgreifen; das ist nur meine Vermutung.
:coolWolfgang
Hörbert (01.04.2013, 01:01): Hallo!
Ich weiß es auch nicht, hier sollte ein Spezialist für Hörner respektive Naturklanginstrumente weiterhelfen können.
Aber der -zuweilen recht hintergründige-, Humor in vielen von Ligetis Werken -ich erinnere hier nur einmal an "Aventures-Nouvelles Aventures" ist m.E. für viele reine "Kopfhörer" nicht immer eine angenehme Zugabe. Hier reagieren viele ähnlich wie bei Mauricio Kagel recht unwirsch.
Vinko Globokar allerdings gehört einer ganz anderen Strömung an, wo bei Ligeti Mikrotonale Klangfelder die unvermittelt umschlagen können (z.B. Lux aeterna, oder beim Requiem) das tragende Gerüst bilden (von diesem Verfahren ist er spätestens seit dem Trio abgerückt, hier bilden eher der Zeitverlauf selber die Strukturen, sie "Wachsen" quasi) setzt Globokar "Punkte" oder "Ereignisse" die durch Aleatorik miteinander gekoppelt werden ein. Der Zeitverlauf ist dabei eher untergeordnet.