Ars subtilior- was ist das?

Fairy Queen (27.11.2010, 14:15):
Ich besuche heute abend eine Ballettaufführung mit der hochinteressanten Choreographin Anna Teresa de Keersmaeker und im Programm steht, dass die "Ars Subtilior" diesmal ihre musikalische Inspiration ist. Ich habe noch nie davon gehört, geschweige denn diese Musik gehört. Da ich euch viel netter finde als google, frage ich mal in die Runde: weiss jemand, was das ist?
Keersmakers Programm sind immer faszinierend, ihre letzte Choreographie zu Mahlers "Abschied" fand ich besonders bewegend, zumal sie dazu auch am Ende selbst gesungen hat- ohne ausgebildetete Stimme!
Bin gespannt, was mich da erwartet!

F.Q.
Armin70 (27.11.2010, 16:10):
Hallo Fairy Queen,

ehrlich gesagt kannte ich diesen Begriff bis eben auch nicht und da habe ich mal "gegoogelt" und bei de.wikipedia.org folgendes gefunden:

Ars subtilior bezeichnet eine Stilepoche der Musik, die von 1377 bis 1420 reicht und der von der Musikwissenschaftlerin Ursula Günther im Jahr 1963 geprägt wurde.

Allgemein ist die Musik aus dieser Epoche geprägt durch eine Erweiterung des Tonumfangs und der Rhythmik. Auch die "Dur-Tonarten" deuten sich in dieser Zeit erstmals an. Kennzeichnend für diese Epoche sind die kunstvoll gestalteten Partituren (Herz-, Harfen- oder Kreisformen).

Hier ein Beispiel:


Weitere musikalische Merkmale sind Iso- und Polyrhythmik, Verwendung von Duolen, Triolen, Quintolen und Synkopen.

Die meisten Komponisten aus dieser Zeit standen in Diensten von Hofkapellen in Frankreich, Italien und Spanien. Zu den überlieferten Komponistennamen gehören: Johannes Ciconia, Mateo de Perugia, Jean Vaillant oder Baude Cordier, um nur einige zu nennen.

Zum genaueren Nachlesen ist hier noch mal der Link.

Hier ist noch ein musikalisches Beispiel: Jacob de Senleches.

Gruß
Armin
Fairy Queen (27.11.2010, 16:44):
Lieber Arnim, ganz herzlichen Dank, ich werde morgen erzählen, wie sich das als Ballett umsetzen lässt und welche Musik gespielt wurde. Diese kunstvolle Art und Weise die Musik zu notieren ist wunderschön- ein Gesamtkunstwerk der anderen Art. :engel

F.Q.
Fairy Queen (28.11.2010, 09:52):
Hier nun mein erster Eindruck von der "Ars subtilior", die ich gestern, musiziert vom Ensemble Cour et Coeur und getanzt von Anne Teresa de Keersmaekers Truppe "Rosas", kennenlernen konnte.
Das Ensemble:
Bart Coen: Flöten und musikalische Leitung
Birgit Goris: Vièle (ich weiss den deutschen Namen nicht, ein Streichinstrument, in der Grösse zwischen Viola und Cello)
Olalla Alemàn: Gesang

Die Musik stammte von Johannes Ciconia, von Bart Coen und von anonymen Komponisten. Textgrundlage war vor allen Dingen ien gedicht von Filippo da Caserta, das dem Abend auch seinen Namen gab:

En attendant (Warten(d) )

Der Anfang der Ballade in meiner Übersetzung:
Wartend muss ich schwere Qualen erdulden/ Und im Sehnen zu leben ist mein Schicksal/ Denn ich kann mich nicht der Quelle nâhern, weil sie von zu vielen Flüssen umgeben ist.

Die Musik aus dem 14 Jh ist von einer emotionalen Unmittelbarkeit, die durch Mark und Bein geht. Zahlreiche Wiederholungen haben dem Ganzen dazu eine Art Mantra-Charakter verliehen, eine meditative Eindringlichkeit. Dennoch ist mir keine Zeile nachsingbar im Gedâchtnis geblieben, die chromatischen und rhytmischen Raffinessen sind komplexer als man auf den ersten Blick glauben mag. "Subtilior" ist wirklich ein serh passender Begriff, finde ich. Keersmaeker vergleicht diese Musik mit der komplizierten Konstruktion gotischer Kathedralen- die Betrachter stehen staunend darinnen ohne alles erfassen zu können. Das erscheint mir ziemlich einleuchtend.

Die Choreographie dazu war überraschend, provozierend und liess auch den Zuschauer in einem Zustand des qualvollen Wartens. Am Anfang stand ein Flôtist allein auf der Bühne und tat lange Zeit nichts anderes, als sich müsam seinem Instrument zu nâhern und dann nur einen Luftstrom zu produzieren aus dem erst nach und nach ein gequälter Ton wurde.
Spâter kam dann die stimme der Sängerin, weiderum allein, bis schliesslich das ganze Ensemble versammelt war. einige zuschauer hatten da beraits die Oper verlassen, es wurden spâter noch mehr- die Erwartung an einem Ballettabend wurde wohl nicht erfüllt.....

Die Tänzer(vier Männer und drei Frauen) wechselten zwischen Soli und Ensembles, zwischen einer streng vorgebenen Bewegungsfolge und Improvisationen. Das "Warten" blieb alle Zeit spûrbar und die Qualen dieses Wartens , aber auch seine spezielle Würde waren in Musik und Bewegung prâsent.
Sehr ergreifend waren die letzten Bilder- ein Tänzer, vollkommen nackt, dessen Shilhoette sich im verdunkelten Bühnenraum gegen das Schwarz abzeichnete- Bilder von Skulpturen in gotischen Kathedralen steigen auf- Pest und Krieg und Verheerungen des 100 jährigen Kriegs und die Hilflosigkeit und das nackte Ausgeliefertsein der Menschen. Keersmaeker nennt den Titel des Mittelalterbuches "wie in ienem fernen Spiegel" von Barbara Tuchmann und ihre annâherung kônnte genau denselben Titel tragen.
Nur dass der Spiegel nciht fern sondern irritierend nahe war- was viele zuschauer wahrscheinlich kaum erträglich fanden. Die Alltagskleidung der Musiker und Tänzer und das Fehlen jedweder erotischen oder ästhetischen Signale, Humor oder Spiel in den Darbietungen gaben dem Abend eine erschreckende Eindringlchkeit und eine Sorte von "heiligem Ernst" . Die extreme Magerkeit derTänzer(die Frauen waren kaum von den Männern zu unterscheiden, die weit über das hinausging, was ich von Ballett kenne und für mich in einigen Fällen die Schwelle zur Krankheit überschreitet, tat ihr Übriges
Ich war irritiert, fasziniert, streckenweise sehr ermüdet vom Warten. Einige sind eingeschlafen glaube ich.... so kann man sich dem Warten auch entziehen.

Keersmaeker hat sich jedenfalls einmal mehr als ganz grosse Sucherin in den Bereichen zwishcne musik und Bewegung/Tanz erwiesen. Und sie zwingt ihre Zuschauer in eine Selbsterfahrung, die nciht immer ganz einfach ist. Eben "subtilior"

F.Q.