Arturo Toscanini (1867-1957) – „Cantare! Sostenere!“

Keith M. C. (11.04.2016, 16:33):
Arturo Toscanini (1867-1957) – „Cantare! Sostenere!“

Es gibt im 20. Jahrhundert eine Vielzahl von erstklassigen Dirigenten, aber 5 ragen international aus diesem Dirigentenkreis aufgrund Qualität, Popularität, Markt-, Medien- und Rezeptionspräsenz, Wirkung und Charisma dennoch heraus. Einen von diesen stelle ich hier in groben Zügen vor, wobei ich dann den Fokus auf 2 Aspekte richte.

1. Biografische Daten

- 25.03.1867 Geburt von Arturus Primus Alexander Sekundus Toscanini lt. Eintragung in Parma.

- 1876/1877-1884/1885 Konservatorium von Parma, Hauptinstrument: Violoncello, daneben Klavier.

- 1886 Brasilientournee als Mitglied eines Opernorchesters .

- 30.06.1886 Debüt als Dirigent mit G. Verdis „Aida“, da der vorgesehen Dirigent L. Miguez nicht antrat und das Publikum den Ersatzmann C. Sugeti nicht annahm. Zwischen dem 30.06. und 16.08.1886 dirigierte Toscanini 26 Vorstellungen aus dem Tournee-Repertoire von 12 Opern auswendig.

- Ende September 1886 Rückkehr nach Italien.

- 27.02.1886 Italiendebüt als Dirigent am Teatro Carignano in Turin mit der Uraufführung von „Edmea“ von A. Catalani in Anwesenheit des Komponisten, statt des vorgesehenen Dirigenten A. Pomé. Weitere Engagements, daneben Mitwirkung im Orchester-Bolzoni als Cellist.

- Ende 1886 Umzug nach Mailand.

- 05.02.1887 Cellist im Orchester des Teatro alla Scala di Milano (kurz: Mailänder Scala oder Scala) in der Uraufführung von G. Verdi „Otello“.

- 1888-1892 Verschiedene Engagements als Dirigent in Italien und ein Engagement in Barcelona (Oktober 1890). In diese Zeit fällt auch der letzte öffentliche Auftritt als Instrumentalist.

- Sommer 1893 bis März 1894 keine Engagements. In diese Zeit fällt der Tod seines Freundes A. Catalani am 07.08.1893.

- März 1894-1895 Verschiedene Engagements in Italien.

- 1895 Musikalischer Leiter am Teatro Regio in Turin. Am 22.12.1895 Eröffnung mit der ersten Aufführung der „Götterdämmerung“ von R. Wagner mit einem italienischen Ensemble (davor gab es bereits eine Tournee mit der Aufführung des ‚Rings‘ unter A. Seidl und einem deutschsprachigen Ensemble).

- 01.02.1896 Uraufführung „La Bohème“ von G. Puccini, statt des vorgesehenen Dirigenten L. Mugnone.

- 20.03.1896 Debüt als Dirigent von symphonischen Werken.

- April 1896 Debüt als Dirigent an der Mailänder Scala mit einem Konzertprogramm.

- 21.06.1896 Heirat mit Carla de Martini.

- 1898 Künstlerischer Leiter der Mailänder Scala u. a. von A. Boito herbeigeführt. Seine 1. Saison eröffnet Toscanini mit R. Wagners „Die Meistersinger…“ am 26.12.1898. Die nächste vorgesehene Inszenierung „Norma“ von V. Bellini sagt er während der Generalprobe ab, da er mit der Sängerin der Titelrolle I. de Frate nicht einverstanden ist.

- 1898 Reise zu den Bayreuther Festspielen mit G. Gatti-Casazza („Ring“ unter S. Wagner, „Parsifal“ unter F. v. Fischer, „Die Meistersinger…“ unter H. Richter).

- Von 1886 bis 1898 dirigierte Toscanini 113 Inszenierungen von 58 Opern in einer Vielzahl von Aufführungen.

- 10.11.1900 Uraufführung der Oper „Zazà“ von R. Leoncavallo am Mailänder Teatro Lirico u. a. mit der Sängerin Rosina Storchio, mit der ein Verhältnis beginnt, aus der 1903 der gemeinsame Sohn Giovannino hervorgeht.

- 1899/1900 2. Spielzeit an der Scala eröffnet Toscanini mit R. Wagners „Siegfried“.

- 1900/1901 3. Spielzeit an der Scala wird statt des geplanten „Tristan und Isolde“ von R. Wagner mit „La Bohème" von G. Puccini u. a. mit Scala-Debütanten E. Caruso eröffnet. Bei der „Tristan…“-Aufführung vom 12.01.1901 ist S. Wagner anwesend.

- 01.02.1901 Gedenkkonzert für G. Verdi u. a. mit E. Caruso, G. Borgatti, F. Tamagno.

- April bis September 1901 1. Reise nach Buenos Aires

- 1901/1902 4. Spielzeit an der Scala wird mit „Il Trovatore“ von G. Verdi eröffnet und wird von einigen Kritikern als Begründung der „Verdi-Wiederherstellung“ angesehen.

- Frühjahr 1902 Reise nach Hamburg um sich die Inszenierung von „La Damnation de Faust“ von H. Berlioz anzusehen. Danach Weiterreise nach Berlin, Eisenach, zurück nach Italien und danach Besuch in Bayreuth.

- 1902/1903 5. Spielzeit an der Scala wird eröffnet mit H. Berlioz‘ „La Damnation de Faust“ u. a. mit G. Zenatello.

- Zum Ende der Saison Zerwürfnis mit der Mailänder Scala.

- Frühjahr/Sommer 1903 2. Reise nach Buenos Aires und Montevideo.

- Frühjahr/Sommer 1904 3. Reise nach Buenos Aires und Montevideo.

- Zur Jahreswende 1904/1905 Umzug nach Rom.

- 1905 Verschiedene Engagements in Italien (Bologna u. a.), z. B. im Juni Konzerte mit einem Turiner Orchester an der Scala. .

- Dezember 1905 erstes Dirigat am Turiner Teatro Regio nach fast 8 Jahren.

- 1906 Verschiedene Engagements.

- 28.03.1906 Tod des Vaters Claudio Toscanini.

- Frühjahr/Sommer 4. Reise nach Buenos Aires und Montevideo.

- 10.06.1906 Tod des Sohnes Giorgio.

- 1906/1907 Wieder Künstlerischer Leiter der Mailänder Scala. Weitere Reformen z. B. Einrichtung eines Orchestergrabens, grundsätzlich keine Arien-Wiederholungen.

- 1906 Reise nach Berlin und Potsdam zu R. Strauss wegen der italienischen Erstaufführung der „Salome“.


(Fortsetzung folgt)
Keith M. C. (11.04.2016, 16:38):
- 1907/1908 Scala-Saisoneröffnung mit „Pelléas et Mélisande“ von C. Debussy in italienischer Sprache.

- 1908/1909 Metropolitan Opera New York (kurz: Met). G. Gatti-Gasazza wird Gerneralintendant. Vorbehalte von E. Caruso und besonders E. Eames. Der ebenfalls unter Vertrag stehende G. Mahler geht von einer Aufteilung des Repertoires auf, wobei er sich für das deutsche Repertoire zuständig meint.

- 1. Aufführung unter Toscanini ist „Aida“ von G. Verdi u. a. mit E. Destinn, E. Caruso, A. Scotti, L. Homer). In der 1. Saison dirigiert Toscanini 10 Opern mit 45 Vorstellungen, 4 Konzerte und Teile von 3 Wohltätigkeitsveranstaltungen sowie er 18 Operngastspiele betreut).

- Sommer 1909 Reise nach München u. a. um Konzertreihen mit Musik von J. Brahms unter F. Steinbach zu hören.

- 1909/1910 2. Saison an der Met. Eröffnung mit „La Gioconda“ von A. Ponchielli. Ein besonders herausragendes Ereignis wird die Aufführung von „Die Meistersinger…“ von R. Wagner Ende März 1910. In der 2. Saison dirigiert Toscanini 9 Opern mit 39 Vorstellungen, 22 Gastvorstellungen sowie Aufführungen während eines Gastspiels in Paris im Mai/Juni 1910.

- 1910/1911 3. Saison an der Met. Eröffnung mit „Armide“ von C. W. Gluck.

- 10.12.1910 Uraufführung von „La Faniculla del West“ von G. Puccini u. a. mit E. Destinn, E. Caruso und P. Amato. In der 3. Saison dirigiert Toscanini 14 Opern mit 66 Vorstellungen, dazu Gastspiele.

- Frühjahr 1911 Rom Teatro Costazzi: Dirigat der italienischen Premiere von „La Faniculla del West“ (u. a. mit G. Martinelli) und „Falstaff“ von G. Verdi sowie 3 Aufführungen von „Messa da Requiem“ von G. Verdi in Rom.

- Kauf des Hauptwohnsitzes in Mailand in der Via Durini.

- September 1911 Konzerte in Turin zur Weltausstellung.

- 1911/1912 In der 4. Saison an der Met dirigiert Toscanini 13 Opern mit 58 Vorstellungen sowie 4 Gastspiele.

- Mai bis September 1912 5. Reise nach Buenos Aires und Montevideo. Es ist das letzte Mal, dass Toscanini als Operndirigent in Südamerika ist.

- 1912/1913 5. Saison an der Met. Erstmalig eröffnet Toscanini nicht selbst die Saison.

- 19.03.1913 Erstmalig wird in den USA „Boris Godunow“ von Modest Mussorgsky aufgeführt (Fassung Rimski-Korsakow, in ital. Sprache).

- In der Saison dirgiert Toscanini auch wegen Krankheit ‚lediglich‘ 11 Opern in 36 Vorstellungen sowie 6 Gastspiele.

- September/Oktober 1913 Zu Ehren des 100. Geburtstags G. Verdis dirigiert Toscanini „La Traviata“ und „Falstaff“ in Busseto.
12./14./18.10.1913 Erstmalig nach ca. 7 Jahren dirigiert Toscanini wieder an der Mailänder Scala: „Messa da Requiem“ und 6 „Falstaff“-Aufführungen.

- 1913/1914 6. Saison an der Met (13 Opern, 53 Vorstellungen, 7 Gastspiele).

- 1914/1915 7. und letzte Saison an der Met. Offiziell geht Toscanini wegen künstlerischer Differenzen und Problemen mit dem Dirigenten G. Polacco. Da jedoch alle Forderungen von Seiten der Met erfüllt wurden, muss der Grund im Verhältnis zu G. Farrar liegen, die von ihm die Trennung von seiner Familie fordert. Toscanini dirigiert in der Saison 14 Opern in 59 Vorstellungen sowie 7 Gastspiele. Insgesamt dirigiert Toscanini während seiner Zeit an der Met: 31 Opern in 446 Vorstellungen in New York, weiteren amerikanischen Städten und in Paris. Die Rückfahrt konnte er anders als geplant früher angehen, das nächste Schiff wäre die Lusitania gewesen.

- Die Zeit zwischen 1915 und 1920 bezeichnet Sachs als „wirrste Periode im Leben Toscaninis“. Kriegsbegeisterung; Zuwendung zur Politik (1919, Mussolini); wenig Interesse für die künstlerische Arbeit, jedoch Organisation einer Sonderspielzeit am Teatro Dal Verme (1915), Wohltätigkeitskonzerte und Leitung einer Militärkapelle u. a. an der Front (Monte Santo) kennzeichnen diese Phase.

- Mai/Juni 1919 erste Dirigate nach dem 1. Weltkrieg in Turin und Mailand.

- ab Januar 1920 Konzerte in Rom, Padua, Ferrara.

- 14.07.1920 Toscanini wird Direktor mit Generalvollmacht an der Mailänder Scala (Reorganisation: Eigentümerstruktur, Technik, Finanzen, Leitung, Orchester, Bildung einer Art Repertoireensembles. Es wird ein Repertoire von 31 Werken von 20 Komponisten erarbeitet.

- 23.10.1920-Juni 1921 Tournee durch Italien, den USA, Kanada sowie wiederum Italien (133 Konzerte). Im Dezember 1920 macht Toscanini (mit 53 Jahren) erste Schallplattenaufnahmen in New Jersey.

- 1921 Neueröffnung der Mailänder Scala. Am 26.12.1921 „Falstaff“ von G. Verdi (in der Titelrolle mit Mariano Stabile); 14.01.1922 „Rigoletto“ von G. Verdi (u. a. mit Carlo Galeffi, Toti Dal Monte und der Scala-Debütant Giacomo Lauri-Volpi, mit dem sich Toscanini aber für ca. 7 Jahre zerstreitet); 16.02.1922 „Boris Godunow“ von M. Mussorgski; 12.03.1922 „Mefistofe“ (u. a. mit Aureliano Pertile); letztmalig „Die Meistersinger…“ von R. Wagner (u. a. Marcel Journet, und dem Scala-Debütanten Ezio Pinza). Insgesamt dirigiert Toscanini während der ersten Saison nach der Neueröffnung 55 Vorstellungen und 6 Konzerte.

- 1922/1923 2. Saison an der Scala (nach der Neueröffnung); Eröffnung am 02.12.1922 mit „Falstaff“ von G. Verdi. Während der Aufführung lehnt es Toscanini ab, zu Beginn des 3. Aktes die Faschistenhymne ‚Giovinezza‘ zu spielen. Die erste Aufführung von „Die Zauberflöte“ von W. A. Mozart an der Scala nach 107 Jahren bleibt erfolglos (gesprochene Dialoge?!); 1923 erstmalig W. Furtwängler mit Konzerten an der Scala.

- 1923/1924 3. Saison an der Mailänder Scala. 17.11.1923 „Die Zauberflöte“ von W. A. Mozart; „Tristan und Isolde“ von R. Wagner in der Inszenierung von Adolphe Appia (Assistent Ernst Leiz). 01.05.1924 Abschluss mit der Uraufführung von „Nerone“ von A. Boito (Fertigstellung durch A. Toscanini und V. Tommasini; u. a. mit A. Pertile, R. Raisa, M. Journet, C. Galeffi, E. Pinza). Insgesamt dirigiert Toscanini in der Saison 14 Opern mit 81 Vorstellungen sowie Konzerte.

- 1924 Tournee in die Schweiz.

- Juli 1924 Tod der Mutter Julia Paolina Toscanini.

- 1924/1925 4. Saison an der Mailänder Scala.

- 03.12.1924 Dirigat des Scala-Orchesters im Mailänder Dom zur Beisetzung G. Puccinis.

- März 1925 Letztes Opern-Dirigat in Turin

- 1925/1926 5. Saison an der Mailänder Scala. Gastdirigent mit „Le Rossignol“ ist I. Strawinsky.

(Fortsetzung folgt)
Keith M. C. (11.04.2016, 16:41):
- Zum Jahreswechsel 1925/1926 Reise nach New York: Gastdirigent des New York Philharmonic Orchestra (1. Konzert am 14.01.1926).

- 25.04.1926 Uraufführung „Turandot“ von G. Puccini an der Mailänder Scala (u. a. mit M. Fleta, M. Zamboni, und R. Raisa). Der fertiggestellte Schluss wird nicht gespielt (Toscanini hatte für den Schluss R. Zandonai empfohlen, Puccinis Sohn Tonio verpflichtete aber F. Alfano).

- Juni 1926 Verhandlungen mit dem New York Philharmonic Orchestra

- September 1926 Busseto „Falstaff“: 25. Todestag G. Verdis.

- Oktober 1926 Je einen Beethovenzyklus in Mailand und Turin.

- 1926/1927 6. Saison an der Mailänder Scala. Eröffnung mit „Don Carlo“ (5 Akte, ohne Ballett).

- Ende Dezember 1926/Anfang Januar 1927 New York. Am 07.04.1927 Erstmalig: „Fidelio“ von L. v. Beethoven. Insgesamt: 12 Opern bei 50 Vorstellungen.

- 1927/1928 7. Saison an der Mailänder Scala. Insgesamt 10 Opern bei 43 Vorstellungen. Gastdirigent ist R. Srauss.

- Januar 1928 USA. 43 Konzerte in verschiedenen Städten.

- 1928/1929 8. und letzte umfassende Saison an der Mailänder Scala.

- 15.11.1928 „Otello“ von G. Verdi.

- 16.12.1928 Erste vollständige „Parsifal-„Aufführung durch Toscanini.

- Anfang 1929 New York. Insgesamt 26 Konzerte und Gastspiele in 6 Städten. Schallplattenaufnahmen.

- 14.05.1929 Letztes Dirigat einer vollständigen Oper in Italien: „Aida“ von G. Verdi. Insgesamt 13 Opern bei 45 Vorstellungen.

- Sommer 1929 Gastspiele der Scala in Wien („Falstaff“, „Lucia di Lammermoor“) und Berlin (Staatsoper: „Falstaff“, „Il Trovatore“, Puccinis „Manon Lescaut“, „Aida“; Städtische Oper Unter den Linden: „Rigoletto“, „Lucia di Lammermoor“); z. T. mit Rundfunkübertragungen. Während der Tournee Versöhnung mit G. Lauri-Volpi.

- Oktober 1929 Beginn 1. Spielzeit mit dem New York Philharmonic Orchestra. In der Regel werden jeweils zwei Konzertreihen vereinbart. Nach einem Ultimatum Toscaninis wird W. Mengelberg nicht mehr für die Saison 1930/1931 weiterverpflichtet.

- Ende April 1930-Ende April 1930 Europa-Tournee. Zusammentreffen und Kontroverse mit M. Ravel wegen des Tempos im „Bolero“. Trotzdem wünscht sich Ravel Toscanini als Uraufführungsdirigenten für das Konzert für Klavier D-Dur für die linke Hand (P. Wittgenstein), zu dem es aber nicht kommt. Die Tournee geht durch 9 Länder und 15 Städte mit 23 Konzerten.

- Im Sommer 1930 Bayreuth. Toscanini dirigiert „Tannhäuser… “ in 5 Vorstellungen und „Tristan und Isolde“ in 3 Vorstellungen. 08.08.1930 Dirigat „Siegried-Idyll“ von R. Wagner in Gedenken an S. Wagner, der am 04.04.1930 gestorben ist. A. Kipnis zu „Tristan und Isolde“: „Das Hauptmerkmal von Toscaninis Tristan war sein Lyrismus, auf den der typisch deutsche Dirigent bei diesem Werk nicht hinarbeitet…Ich habe den lyrischen Ansatz bei Tristan immer geliebt, den ich sehr oft von anderen Dirigenten gehört habe, aber nie in dem Maße lyrisch wie bei Toscanini.“ ; [Sachs schreibt, dass Toscanini der erste nicht-deutsche Dirigent in Bayreuth sei (S. 284), berücksichtigt jedoch nicht den Schweizer F. Beidler, den Österreicher F. J. v., Mottl, den ungarisch-amerikanischen A. Seidl, der auch nach Annahme der amerikanischen Staatsbürgerschaft 1891 „Parsifal“ 1897 dirigiert).

- 1930/1931 2. Spielzeit mit dem New York Philharmonic Orchestra.

- April 1931 Toscanini erkrankt (Schulterprobleme) und H. Lange wird zum hauptamtlichen Stellvertreter ernannt.

- Mai 1931 Geplante Leitung von Sonderkonzerten am Teatro Comunale in Bologna zum Gedenken an G. Martucci. Toscanini weigert sich die Faschistenhymne ‚Giovinezza‘ zu dirigieren und wird tätlich und verbal angegriffen. Die Angriffe setzten sich in Mailand fort, wo der Familie kurzzeitig die Pässe entzogen werden. Der Eklat sorgt weltweit für Schlagzeilen und Solidaritätsbekundungen für Toscanini.

- Sommer 1931 Bayreuth („Tannhäuser…“, „Parsifal“). Toscanini erteilt W. Wagner bereits im August 1931 die Absage für 1933 (1932 keine Festspiele).

- 1931/1932 3. Spielzeit mit dem New York Philharmonic Orchestra. B. Zirato, ehemaliger Sekretär E. Carusos und Freund Toscaninis wird stellvertretender Orchesterintendant. Aufgrund Krankheit (Schulter) wenige Konzerte.

- 17.06.1932 Teilnahme am Konzertprogramm in Paris zu Ehren C. Debussys. Treffen mit W. Wagner in Paris und andeuten einer Zusage für die Festspiele 1933.

- 1932/1933 4. Saison mit den New York Philharmonic Orchestra.

- 01.04.1933 Protesttelegramm wegen des Boykotts jüdischer Musiker an A. Hitler: Unterzeichner: Toscanini, Damrosch, Koussevitzky, Bauer, Gabrilowitsch, Hertz, Loeffler, Reiner, Goldmark, Stock. Hitler antwortete, dass es sich Toscanini noch einmal überlegen soll und er sich freuen würde ihn 1933 zu begrüßen. Nach Rücksprache mit F. Busch, der bereits angefragte Ersatz, sagen beide Dirigenten ab.

- 12./17./18.10.1933 In Paris Konzerte mit dem Orchestre des Concerts Walther-Staram.

- 24./29.10.1933 Erstmalig Dirigat der Wiener Philharmoniker auf Vermittlung von H. Burghauser und B. Huberman)

- 30.10.1933 Dirigat der Wiener Philharmoniker in Budapest.

- 29.11./04.12.1933 Dirigat des Konsertföreningens Orkester in Stockholm und danach in Kopenhagen.

- 1933/1934 5. Saison mit den New York Philharmonic Orchestra. Insgesamt dirigiert Toscanini 46 Konzerte und 1 Gastpiel.

- 25.5./27.5./03.06./06.06./1934 Paris. Konzerte mit dem Orchestre Walther-Staram.

- Ende August 1934 Salzburger Festspiele

- Oktober In Wien, Prag und Budapest Dirigat der Wiener Phiharmoniker

- 01.11.1934 Gedenkkonzert für E. Dollfuß in Wien (Verdis „Messa da Requiem“).

- 15./16./22./23.11.1934 Paris. Konzerte mit dem Orchestre Walther-Staram.

(Fortsetzung folgt)
Keith M. C. (11.04.2016, 16:43):
- 19./20.11.1934 Brüssel. Paris. Konzerte mit dem Orchestre Walther-Staram.

- 28.11./02.12.1934 Dirigat des Konsertföreningens Orkester in Stockholm.

- 1934/1935 6. Saison mit den New York Philharmonic Orchestra. Insgesamt 37 Konzerte und 2 Gastspiele.

- Sommer 1935 Dirigat des BBC Symphony Orchestra in London.

- Sommer 1935 Salzburger Festspiele: 4 Aufführungen „Fidelio“ von L. v. Beethoven und 4 Aufführungen „Falstaff“ von G. Verdi zuzüglich 3 Konzerte.

- November 1935 Paris. Konzerte mit dem Orchestre Walther-Staram.

- Dezember 1935 Konzerte mit den Wiener Philharmonikern in Wien und Budapest.

- Ende Dezember 1935 In Monte Carlo Dirigat des Monaco Ochestre.

- 1936 7. Saison mit den New York Philharmonic Orchestra. Insgesamt 38 Konzerte und 2 Gastspiele. Erste Schallplattenaufnahmen seit 1929.

- Februar 1936 Rücktritt als Leiter des New York Philharmonic Orchestra. Toscanini empfiehlt W. Furtwängler als Nachfolger, der zunächst zustimmt, dann aber ablehnt. Daraufhin empfiehlt Toscanini F. Busch, der aber das Orchester in Kopenhagen nicht verlassen möchte.

- 29.04.1936 Abschiedskonzert mit dem New York Philharmonic Orchestra.

- 22.05.1936 Paris. Konzert mit dem Orchestre Walther-Staram.

- Juli/August 1936 Salzburger Festspiele: „Fidelio“, „Falstaff“, „Die Meistersinger…“ zuzüglich 2 Konzerte.

- September 1936 2 Sondervorstellungen des ‚Salzburger Fidelio‘ an der Wiener Staatsoper.

- November 1936 Konzertreihe mit den Wiener Philharmonikern in Wien und Budapest.

- Dezember 1936 Paris. Konzerte mit dem Orchestre Walther-Staram. Dieses sind die letzten Konzerte Toscaninis in Frankreich.

- Dezember 1936 Palästina. Durch den Initiator B. Huberman gemeinsame Gründung des Palästina Symphony Orchestra. Die Orchesterzusammenstellung oblag H. W. Steinberg. Ab Dezember dann Konzerte in Tel Aviv, Jerusalem und Haifa.

- 07./12.01.1937 Konzertwiederholungen in Kairo und Alexandria.

- Im Laufe des Jahres 1937 beginnt A. Rodzinski mit der Zusammenstellung des NBC Orchestra

- März 1937 Konzerte mit dem Residentie Orkest in Rotterdam und Den Haag.

- ab 16.03.1937 Konzerte in Stockholm mit dem Konsertföreningens Orkester.

- 25.03.1938 70. Geburtstag in Mailand.

- April 1937 Sonderkonzert in Wien.

- 26.05.-16.06.1937 London und Oxford BBC Symphony Orchestra.

- Juli/August 1937 Salzburger Festspiele: „Die Zauberflöte“, „Fidelio“, „Falstaff“, „Die Meistersinger…“ zuzüglich „Messa di Requiem“ von G. Verdi und 2 Konzerte. In diesem Sommer Konflikt mit W. Furtwängler – „Bayreuth oder Salzburger Festspiele“. Nach Meinung von Toscanini muss Furtwängler sich entscheiden (Haffner („), a. a. O. in Verbindung mit Sachs).

- Oktober 1937 Wien und Budapest. Konzerte mit den Wiener Philharmonikern. Das sind die letzten Konzerte Toscaninis in Österreich.

- Oktober/November 1937 London. Dirigat des BBC Symphony Orchestras. Schallplattenaufnahmen.

- 1937/1938 1. Saison mit dem für ihn zusammengestellten NBC-Symphony Orchestra. Weihnachtsabend 1937 Erstes Konzert Toscaninis mit dem NBC Orchestra. Davor leiteten P. Monteux und A. Rodzinski einige Konzerte.

- Mai 1938 Konzerte mit dem Residentie Orkest in Rotterdam und Den Haag.

- April 1938 Palästina. Konzerte in Haifa, Tel-Aviv und Jerusalem.

- Mai/Juni 1938 London. Konzerte mit dem BBC Symphony Orchestras einschließlich Schallplattenaufnahmen.

- August 1938 Teilnahme am ‚Luzern-Festival‘ als Alternative zu den Salzburger Festspielen. Nach der Rückkehr nach Mailand wurde der Pass Toscaninis eingezogen und erst auf Druck auf Mussolini zurückerstattet. Danach kehrte Toscanini bis nach dem 2. Weltkrieg nicht mehr nach Italien zurück.

- 10.10.1938 Beginn 2. Saison mit dem NBC Orchestra, welches von W. Steinberg vorbereitet wurde.

- Winter 1938 Bruch mit A. Rodzinski wegen finanzieller Unstimmigkeiten.

- Frühjahr 1939 Dirigat des BBC Symphony Orchestras.

- Sommer 1939 Mitwirkung am Luzern Musikfestival.

- Nach der Rückkehr in die USA schließt Toscanini sich der Mazzini Society an, einer Gruppe liberaler und sozialistischer italienischer Emigranten. Es erfolgt der Umzug vom Hotel Astor, seinen bis dato bevorzugten Wohnort während der New Yorker Aufenthalte, in das Haus Villa Pauline im Bezirk Riverdale. (Nach einem kurzzeitigen Umzug in ein anderes Haus, kauft Toscanini die Villa Pauline und zieht zurück.)

- 1939/1940 3. Saison mit dem NBC Orchestra. Oktober 1939 Wohltätigkeitskonzert mit kleinem Orchestra „Toscanini Children’s Orchestra“ mit Heifetz, Milstein, Busch, Primrose, Feuermann , die in kurzen Hosen auftreten.

- Ende Mai bis Ende Juli 1940 Südamerika-Torunee des NBC Orchestra (Rio de Janeiro, Sao Paulo, Buenos Aires, Montevideo). Der Geiger Jacques Tuschinski stirbt nach einem Autounfall in Rio de Janeiro.

- 23.11.1940 Beginn der 4. NBC-Saison mit G. Verdis „Te Deum“ und Messa da Requiem mit Z. Milanov, B. Castagna, J. Björling, N. Moscona (mit Aufnahme). Danach kommt es zu Auseinandersetzungen mit dem Management der NBC, da immer wieder Musiker zu weiteren Engagements für die Gesellschaft abgestellt werden. Danach leitet zwischenzeitlich L. Stokowski das Orchester.

- April 1941 Gastdirigent des Chicago Symphony Orchestras.

- Juni/Juli 1941 Gastdirigent des Orchesters und Chors des Teatro Colón in Buenos Aires. Das sind seine letzten Auftritte in Südamerika.

(Fortsetzung folgt)
Keith M. C. (11.04.2016, 16:46):
- 1941/1942 Gastdirigate mit dem Philadelphia Orchestra. Danach Rückkehr zum NBC-Symphony Orchestra zur 5. Saison.

- April/Mai 1942 Konzerte mit dem New York Philharmonic zu deren Jubiläumssaison.

- 19.07.1942 Erstaufführung der 7. Symphonie von D. Schostakowitsch in den USA, an deren Erstdirigat L. Stokowski ebenfalls sehr großes Interesse hat.

- Oktober/November 1942 New York Philharmonic.

- 1942/1943 6. NBC-Saison.

- 01.11.1942 Nach Kritik an seinen Programmen dirigiert Toscanini ein rein „amerikanisches Programm“.

- Sommer 1943: Verschiedene Konzerte im Rahmen der Kriegsanleihen-Kampagne.

- 13.09.1943 Nach dem Sturz B. Mussolinis wird eine Erklärung Toscanini im „Life-Magazin“ veröffentlicht. Nach der Kapitulation Italiens verhandeln die Alliierten auch mit dem italienischen König Badoglio. Dieses Vorgehen spaltete die „Mazzini Society“, Toscanini u. a. lehnte einen Kompromiss mit dem König ab.

- 1943/1944 7. NBC-Saison.

- Februar 1944 Letztes Dirigat des Philadelphia Orchestra.

- 25.05.1944 Mitwirkung beim großen Wohltätigkeitskonzert im Madison Square Garden mit dem NBC-Symphony Orchestra, New York Philharmonic, All-City High School Chorus sowie Z. Milanov, N. Merriman, J. Peerce, L. Warren, N. Moscona u. a.

- 1944/1945 8. NBC-Saison.

- 13.01.1945 Letztes Konzert mit dem New York Philharmonic.

- 19.04.1945 Gastdirigat Los Angeles Philharmonic.

- 1945/1946 9. NBC-Saison.

- Nach der Abdankung des italienischen Königs m(nach dem Referendum am 06.06.1946), die eine Voraussetzung für Toscaninis Rückkehr ist, kehrt Toscanini im April 1946 in sein Heimatland zurück, um bei der Wiedereröffnung der stark beschädigten Mailänder Scala mitzuwirken. Die Sommer verbringt Toscanini danach wieder weitgehend in Mailand oder Isolino.

- 11.05.1946 Konzert in der Mailänder Scala sowie 3 weitere Konzerte.

- Juni 1946 Luzern Musikfestival.

- August 1946 nach New York.

- 1946/1947 10. NBC-Saison.

- Am 25.03.1947 feiert Toscanini seinen 80. Geburtstag in Italien.

- 1947/1948 11. NBC-Saison.

- 20.03.1948 Erste Fernsehaufzeichnung mit einem „Wagner-Programm“. Zwischen 1948 und 1952 finden 10 Fernsehübertragungen des NBC-Programms unter Toscanini statt.

- 10.06.1948 Gedenkkonzert für A. Boito (30. Todestag) in der Mailänder Scala mit Ausschnitten aus „Mefistofele“ und „Nerone“ in „regulärer“ Opernform. Das ist das letzte Mal, dass Toscanini Oper in einer Bühneninszenierung dirigiert.

- 19.09.1948 Konzert in der Mailänder Scala: F. Schuberts große C-Dur Symphonie.

- 1948/1949 12. NBC-Saison.

- 03.09.1949 Eröffnung des 12. Festivals der zeitgenössischen Musik in Venedig mit dem Scala-Orchester, wobei Toscaninis modernstes dirigierte Werk R. Strauss „Don Juan“ ist.

- 08./10.09.1949 2 Konzerte in der Mailänder Scala.

- 1949/1950 13. NBC-Saison.

- Im Dezember 1949 soll Toscanini zum Ehrensenator Italiens auf Lebenszeit ernannt werden, das er jedoch ablehnt.

- 14.04.1950 bis 27.05.1950 Sechswöchige Tournee mit dem NBC-Symphony Orchestra durch Amerika, wobei 21 Konzerte gegeben werden (28 Werke bei 5 vollständig verschiedenen Programmen).

- 24.06.1950 Konzerte in der Mailänder Scala: G. Verdi „Te Deum“ und „Messa da Requiem“.

- 1950/1951 14. NBC-Saison. Absage der Herbstkonzerte u. a. wegen Knieproblemen.

- 01.03.1951 Toscanini erleidet einen leichten Schlaganfall. Abgesagt werden geplante Aufführungen von G. Verdis „Falstaff“ und „Macbeth“ u. a. mit M. Callas in Busseto und ein Konzert in London.

- 23.06.1951 Toscaninis Frau Carla stirbt.

- August 1951 Schallplattensitzungen mit dem Scala-Orchester.

- 1951/1952 15. NBC-Saison.

- 19.09.1952 Letztes Konzert Toscaninis in der Scala („Wagner-Programm“).

- September 1952 Erstes Konzert seit 13 Jahren, aber auch letztes Konzert Toscaninis in London (Philharmonia Orchestra).

- 1952/1953 16. NBC-Saison.

- 1953/1954 17. und letzte NBC-Saison. Aufgrund Krankheit Toscaninis eröffnet P. Monteux die Saison. Toscaninis erstes Saison-Konzert findet am 22.11.1953 statt. In der Saison machen sich erstmalig Gedächtnislücken bemerkbar.

- 25.03.1954 Rücktritt von der Leitung des NBC-Symphony Orchestra. Das aufgelöste NBC-Symphony Orchestra formiert sich später als „Symphony of the Air“ für einige Zeit neu.

- 04.04.1954 Letztes öffentliches Konzert: „Wagnerprogramm: Lohengrin-Vorspiel, Siegfried-Ausschnitte, Götterdämmerung-Ausschnitte, Tannhäuser-Ouvertüre und Bacchanal, (Meistersinger-Vorspiel)“. Nach dem Höhepunkt des „Bacchanal“ hört Toscanini auf zu dirigieren. Die Übertragung wird auf Anweisung G. Cantellis mit J. Brahms 1. Symphonie kurz unterbrochen, bevor Toscanini sich wieder gefasst hat.

- 03./05.06.1954 2 Aufnahmesitzungen in der Carnegie Hall für einige Passagen aus „Un Ballo in Maschera“ und „Aida“ von G. Verdi.

(Fortsetzung folgt)
Keith M. C. (11.04.2016, 16:48):
- Der Tod seines Freundes G. Cantelli am 23.11.1956 wird Toscanini verheimlicht.

- 01.01.1957 Toscanini erleidet einen Gehirnschlag.

- 16. Januar 1957 Arturo Toscanini stirbt mit 89 Jahren in seinem Haus in New York. Er wird unter sehr großer Anteilnahme der Bevölkerung am 18. Februar in Mailand im Familiengrab beigesetzt. Victor de Sabata dirigiert den „Trauermarsch“ aus L. v. Beethovens 3. Symphonie sowie später im Dom zu Mailand das „Libera me“ aus G. Verdis „Messa da Requiem“ u. a. mit L. Gencer.

2. Repertoire und Aufnahmen

Toscaninis Repertoire war sehr groß. Laut Sachs umfasste das Repertoire Toscaninis 117 Opern (plus C. Debussys „Le Martyre de Saint-Sébastien“) von 53 Komponisten sowie über 480 kleine bis große Konzertwerke von 175 Komponisten, wobei sich 38 mit den Opernkomponisten überschneiden (vgl. a. a. O., S. 459).

Er dirigierte in Aufführungen und Proben grundsätzlich ohne Partitur, seine Gedächtnisleistungen/ sein photographisches Gedächtnis sind nicht nur legendär, sondern durch viele Quellen belegt, ebenso wie seine cholerischen Ausbrüche. Einen „guten“ Umgangston, den er für sich einforderte, ließ er seinen Musikern während der Proben meist nicht zukommen.

Sein eigenes Schaffen im Bereich Komposition stellte er nach Kennenlernen der Musik R. Wagners ein.

Toscaninis musikalische Vorlieben galten G. Verdi (bes. „Falstaff“), R. Wagner, L. v. Beethoven und J. Brahms. Den „Ring“ hat er nie komplett dirigiert; es fehlt „Das Rheingold“. Die Komponisten A. Catalani, A. Boito, G. Martucci und mit zwischenzeitlichen Irritationen G. Puccini zählten zu seinen Freunden, so dass er deren Werke oft aufführte. A. Bruckner dirigierte er sehr wenig, G. Mahler nie. Ein Anhänger der Zwölftonmusik sowie amerikanischer sog. klassischer Musik war er nicht; sein Interesse für W. A. Mozart oder J. Haydn, aber auch Barockmusik (letztere führte er aber selten auf, Barockopern nie) war ausgeprägt. Schöttle behauptet: „Von Mozart schien er überhaupt nur drei Symphonien und die Ouvertüre der „Zauberflöte“ zu kennen…“, obwohl der Autor hätte wissen sollen, dass Toscanini „Don Giovanni“ und „Die Zauberflöte“ vollständig sowie die Symphonien Nr. 1, 28,29,32,35,38,40,41 und weitere Mozart-Werke dirigiert hatte. Darüber hinaus erzählt der Autor von einer Aufnahme der 6. Symphonie D. Schostakowitschs, die Toscanini überhaupt nicht aufführte, stattdessen die 1. und 7. Symphonie (a. a. O., S. 62; zum Vergleich Sachs a. a. O., S. 459ff., dessen Recherche wesentlich verlässlicher erscheint). Bzgl. Interesse für moderne („klassische“) Musik muss man m. E. Toscaninis Alter berücksichtigen; er war zur Zeit des Aufkommens der Zwölftonmusik bereits weit über fünfzig Jahre alt. Dagegen galt er in jüngeren Jahren als sehr progressiver Dirigent, der viele Werke zur Uraufführung oder Erstaufführung brachte. Alter schützt vor Neugier nicht, aber man muss wohl ganz allgemein von einer sich intensivierenden bewahrenden Haltung und abnehmenden Interesse für Neues mit zunehmendem Alter ausgehen.

Er reformierte - dem Erneuerungsgedanken Gustav Mahlers ähnlich - die Oper und war berühmt und berüchtigt wegen seines Strebens nach Perfektion, auch wenn er sich bewusst war, diese nie oder äußerst selten zu erreichen; die Unzufriedenheit begleitete ihn stets.

3. Eigene Lieblingsaufnahmen

Als Toscanini-Fan höre ich natürlich vieles gerne, obwohl ich hier mehr nach Komponist und Werk gehe, als nach Dirigent. Sehr gerne höre ich unter Toscaninis Leitung:

- L. v. Beethoven Symphonien 1-9, NBC Symphony Orchestra, 1950er

- J. Brahms, Symphonien 1-4, NBC Symphony Orchestra, 1950er

- G. Verdi „Otello“, NBC Symphony Orchestra, 1947

- G. Verdi „Falstaff“, NBC Symphony Orchestra, Robert Shaw Chorale, 1950

- G. Verdi „Aida“, NBC Symphony Orchestra and Robert Shaw Chorale, 1949

- G. Verdi „Messa da Requiem“, NBC Symphony Orchestra, 1951

- R.-Wagner-CD: RCA Nr. 49, 52 und 53, NBC Symphony Orchestra, H. Traubel, L. Melchior

(Fortsetzung folgt)
Keith M. C. (11.04.2016, 16:50):
4. Sachlichkeit versus Subjektivität – Stilbeschreibung, Einfluss

Der Vorgang des Vergleichens mündet im Feststellen von Trennenden und Gemeinsamen und das Ergebnis findet sich oft in einer dualistischen Ordnung. Diese Schubladeneinteilungen stellen zwar eine grobe, rudimentäre Sortierung dar, helfen aber bei der weiteren Differenzierung. Und zuweilen ist es nötig, die Inhalte nach neuerlicher Prüfung anders zu ordnen oder eine dritte Schublade zu befüllen. Die prägnante Beschriftung mag nicht eindeutig sein, hilft aber bei der Klassifizierung und gibt Orientierung. Beim Versuch die Dirigenten bzgl. ihres Interpretationsstils zu unterscheiden, teilt man demnach in ‚sachliche Richtung‘ (z. B. Mendelssohn-Bartholdy, Toscanini, Weingartner, Reiner, Szell, Levine, Muti) und ‚subjektive Richtung‘ (z. B. Wagner, Nikisch, Mengelberg, Furtwängler, Barenboim, Gergiev, Thielemann). Eine Annäherung, die man eindeutig oder indirekt immer wieder in Dirigentenbeschreibungen findet .

Toscanini rechnet man allgemein zur ‚sachlichen‘ oder gar ‚objektiven‘ Richtung. Er gilt sogar als deren zentraler Vertreter. Schonberg beschreibt Toscaninis Stil wie folgt:
„Toscanini vollzog einen totalen Umschwung gegenüber der österreichisch-deutschen Tradition, gegenüber der Wagnerischen Konzeption der Tempofluktuation…Er räumte sogar mit dem besonders beliebten Ausdrucksmittel der Romantiker, dem Streicher-Portamento* oder Schleifen auf…Die Tatsache, dass Toscanini sich nicht zu einem sterilen Techniker entwickelte, rührte von dem Adel seines Musikertums. So buchstabengetreu er war, wusste er doch, dass Musik singen und atmen muss…Kein Dirigent vor Toscanini forderte und erreichte von einem Orchester so viel unglaubliche Präzision und eine so weit gespannte dynamische Skala…Toscanini verschaffte dem Publikum eher den horizontalen als den vertikalen Zugang zur Musik (das heißt: für ihn war der Kontrapunkt – das Ausbalancieren der Stimmen gegeneinander – wichtiger als die harmonische Funktion), und es erlebte in seinen Konzerten mit Sicherheit die peitschenden Attacken und ebensolche Entspannungen, das unglaublich perfekte Zusammenspiel, die Klarheit, die Kraft, die weitgespannte Rhythmik, welche Toscaninis spezielle Leistung darstellten.“ (a. a. O. S. 227, 228, 229, 230, 235);

Hört man heute Toscaninis Aufnahmen, muss man selbstverständlich immer die Zeit der Entstehung berücksichtigen, so dass sein Standpunkt bzgl. „Werktreue“ nicht zwingend mit heutigen Forschungs- und Interpretationsstandards oder Rezeptionsverlangen kongruent sein muss. Ebenso ist Werktreue nicht zwingend gleichzusetzen mit Partiturtreue. Aus damaliger Sicht und dafür sprechen zahlreiche Quellen (Kritiker, Komponisten, Musiker und Dirigentenkollegen) waren die Perfektionierung der Orchesterleistungen und „seine“ Werktreue herausragend und Maßstäbe setzend, wenn er auch so Schuller teilweise Retuschen und besondere Partitur-Eintragungen vornahm. Aber ich kann mir nur wenige Dirigierpartituren in Gebrauch vorstellen, welche keine besonderen Eintragungen, Hervorhebungen u. a. und damit - streng genommen - Bearbeitungen enthalten . Schöttle schreibt: „…denen er seine eigenen Veränderungen tunlichst geheimhielt“; Schöttle untermauert seine Argumentation der mangelnden Werktreue mit einer Darstellung eines von der Chefredaktion der ‘Herald Tribune‘ zur Zurückhaltung ermahnten Redakteurs (Virgil Thomas), der „technische Mängel des Dirigenten erkannt zu haben glaubte.“ (a. a. O.,S. 60 und 62). Eine weitere, berühmtere Ausnahme ist Schonberg, der 1973 schrieb: „Und Toscanini tat alles, was er konnte, um die Musik atmen zu lassen, selbst wenn er dazu die Instrumentation ändern musste. Er mag werkgetreu gewesen sein, aber er war kein blinder Purist.“ (a. a. O., S. 228). Hier müssen weitergehende Analysen und Forschungen gemacht oder abgewartet werden, auch bzgl. der von Toscanini jeweilig verwendeten Partiturausgabe. M. E. sollte man vorsichtig sein und die „Bearbeitungen“ gewichten, die Quellen bei einer Buchveröffentlichung prüfen und aufzeigen, um nicht eine neue Legende zu stricken.

Lebrecht schreibt: „Nachdem er Mahler erst einmal los war, sorgte Toscanini dafür, dass kein Dirigent von Bedeutung mehr an die Met engagiert wurde…“ und erwähnt zumindest F. Spetrino und A. Hertz (a. a. O., S. 88). Weitere Dirigenten während Toscaninis Met-Zeit waren z. B. für das italienisch/französische Fach R. Hageman, V. Podesti, G. Polacco. Diese sind in Fachkreisen zumindest in den USA oder in Italien ein Begriff. Lebrecht sagt auch nichts davon, dass Toscanini gegenüber heutigen Verhältnissen immense Programme dirigierte und die finanziellen Möglichkeiten der Met während dieser Zeit sehr eng waren, um hochbezahlte Gastdirigenten neben noch teureren Spitzensängern in großer Anzahl zu beschäftigen. Während dieser Zeit stand die Met immer wieder am finanziellen Scheidepunkt (vgl. Springer, a. a. O., S. 174-256). Schöttle spricht ebenfalls davon, dass Toscanini während seiner Zeit an der Met oder dem New York Philharmonic selten gute bzw. prominente Gastdirigenten verpflichtete oder verpflichten ließ, um einem Vergleich aus dem Weg zu gehen (vgl. a. a. O. S. 61). Bei einer Buchveröffentlichung sollte man erwarten dürfen, dass der Autor einen Blick z. B. in die Aufführungsdaten des New York Philharmonic geworfen hätte, so wäre er vom Gegenteil überzeugt worden, bevor Unsinn in die Welt gesetzt wird. Zum Beispiel unter „http://archives.nyphil.org“ werden zwischen 1928 bis 1936 (bis 1930 war W. Mengelberg Co-Leiter) folgende Gastdirigenten aufgeführt: Furtwängler, Bodanzky, Monteux, Busch, Molinari, Rodzinski, Reiner, Ormandy, Kleiber, Stokowski, Beecham, Walter, Klemperer, Dobrowen, Ried, Damrosch u. a. , meist für ganze Serien von Aufführungen. Unbenommen davon bleibt, dass ein Orchesterchef fast immer gegen bestimmte Dirigenten Vorbehalte hat, davon war Toscanini nicht ausgenommen.

Eine differenzierte Betrachtung muss man m. E. vornehmen, wenn man lediglich Toscanini als „Düsenjet“ des Dirigierens vermeint auszumachen. Er dirigierte z. B. R. Wagners Musik meist eher langsam, zuweilen sehr langsam. Weiteres Beispiel: Bei der „Missa Solemnis“ - einem seiner Lieblingswerke - lassen sich Interpretationsunterschiede insb. bzgl. der Tempi anhand von mehreren Aufnahmen sehr gut verfolgen.

Seine Auffassung von einer Vielzahl von Werken, führte sehr oft zu wundervollen Ergebnissen, aber auch zu Resultaten, über die man sich wundern könnte. Nicht unerwähnt bleiben soll, dass seine Interpretationen von M. Ravels „Bolero“ oder D. Schostakowitschs 7. Symphonie nicht dem „Komponistenwillen“ entsprachen. Auch sind seine Interpretationen der Werke C. Debussys – obgleich zumindest damals als herausragend bezeichnet – später nicht ohne Kritik geblieben.

Das Sprechen über Musik ist schwierig, man bedient sich - vergleichbar der Weinbeschreibung - einer Fachsprache, die jedoch schwammig sein oder gar durch ständige Wiederholungen in Floskeln und Plattitüden ausbrechen kann. Natürlich wird oft der ‚Klang‘ in den Mittelpunkt der Beschreibung gerückt, aber dass ein Dirigent einen besonderen Fokus darauf nimmt, sollte nicht überraschen. Diesen Klang zu beschreiben ist schwierig, aber der Ausdruck „unvergleichlicher Klang“ reicht nicht. Aber: Wenn man Musik vollständig und eindeutig in Worte aussagen könnte, würde es sie evtl. in dieser Form nicht gegen und würde lediglich als Rhythmusunterstützung der Körperbewegung, des Tanzes ihren kleineren Platz gefunden haben.

Toscanini beeinflusste direkt und indirekt sehr viele Dirigenten. Sich seiner Wirkung aufgrund seiner Qualität und Omnipotenz zu entziehen war fast unmöglich. Namentlich seien genannt: Szell, Solti, Levine, Muti, Votto, Cantelli, Karajan, C. Kleiber, Gavazzeni, Rodzinski, Steinberg. Noch mehr Dirigenten ahmten ihn lediglich nach, andere gingen bewusst in Opposition zum ‚Toscanini-Stil‘ und richteten sich eher an W. Furtwängler aus, obgleich die Interpretationsphilosophie Toscaninis zumindest über Jahrzehnte führend war.

Toscaninis bevorzugte im Konzertbetrieb, obwohl er einen Großteil seines Lebens in den USA dirigierte, die „deutsche bzw. europäische“ Orchesteraufstellung. Es wäre aber auch unwahrscheinlich, dass es sich nach L. Stokowski oder S. Koussevitzky gerichtet hätte.

(Fortsetzung folgt)
Keith M. C. (11.04.2016, 16:54):
5. Operngesang – Aufführungspraxis

Guiseppe Verdi an Giulio Ricordi: „Ich erlaube weder Sängern noch Dirigenten sich schöpferisch zu betätigen, denn das ist ein Prinzip, wie ich schon sagte, das ins Verderben führt.“ (zitiert nach Schonberg, a. a. O. S. 225) oder: „…Ich will, dass ein einziger ‚Schöpfer‘ sein soll, und ich bin zufrieden, wenn man einfach und genau das ausführt, was er geschrieben hat…Ich lese oft in den Zeitungen von Wirkungen, wie sie der Komponist gar nicht ausgedacht haben kann, aber ich für meinen Teil habe nie dergleichen gefunden…“ (zitiert nach Sachs, a. a. O. S 106).

Im Vorwort der einbändigen Ausgabe schreibt Kesting: „So wie sich sängerischer Stil stets nur aus der Symbiose der Technik mit dem Repertoire entwickeln vermag…“ (Kesting (1), a. a. O., Vorwort, Seite XVI) und im weiteren Verlauf des Buches mehrmals auf die Wechselwirkung zwischen Gesang- und Opernentwicklung, nämlich basierend auf den Kompositionen hinweist, macht Kesting andererseits ausdrücklich an Toscanini eine Zeitenwende bzgl. des Gesangs fest.

Toscanini hat die Aufführungspraxis bzgl. Stils und Perfektionierung verändert, hat aber allenfalls mitgewirkt, dass sich der Gesangsstil veränderte und war nicht der Grund dafür. Dir Entwicklung von der Sängeroper zum Musikdrama bzw. vom dekorativen/verzierten zum dramatischen Stil oder veristischen Stil vollzog nicht Toscanini, sondern wurde durch die musikalische Entwicklung bereits früher und von anderen, nämlich den Komponisten eingeleitet und vollzogen.* Toscanini dirigierte neben Verdi, Wagner vor allem damals aktuelle, moderne Opern. Insbesondere die italienischen Opernkomponisten konnten sich auf seine Dirigate verlassen, obgleich nicht alle Opern des Verismus‘ seiner Zeitgenossen sein uneingeschränktes Wohlwollen hatten. Italienische Barockopern, die Opern des Belcantos dirigierte Toscanini gar nicht, so dass Kesting eine vermeintliche Gesangstrendwende nicht an Toscanini ausmachen dürfte. .

Darüber hinaus forcierte sich die Entwicklung durch E. Caruso - zwar geschult in den Techniken und des Stils des Belcantos - zum Dramatischen und der Gesangsvirtuose zum Sängerdarsteller (s. a. F. Schaljapin). Er wurde der prägende Sängerstar und verdrängte Tenöre wie F. de Lucia, G. Anselmi oder A. Bonci bzgl. des Vorbildcharakters.

Zum Belcanto gehören nicht nur Technik und (ausschmückender, improvisierender!) Stil, sondern – neben den Kastratenstimmen (s. a. Einsatz von Countertenören während der Wiedergeburt der Barockoper bzgl. Aufführungspraxis in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts) - auch die dazugehörenden Opern. Bellini, Donizetti und die frühen Opern Verdis zeigen zwar noch mehr oder weniger Belcanto-Stilmittel, aber die Opern entsprachen nicht mehr d e m Belcanto (des Barock). Berne – obwohl eine andere zeitliche Verortung des Belcanto ausmachend, weil „üblich“ – zeigt sehr deutlich, dass insb. G. Verdi den schöpferischen/impovisierenden Sänger ablehnt. Für die mittleren und späten Verdi-Opern – wobei die Festlegungen mit der Zeit stetig zunehmen - erlaubt Verdi folgende Belcanto-Stilmittel nicht mehr: Änderung der Tessitura, Hinzufügung von kleinen Ornamenten, Veränderung der Melodie, Variationen bei Wiederholungen, Auszierungen von Phrasenenden. Diese Auszierungen sind nur noch bei großen Fermaten erlaubt, Appoggiaturen werden bereits von Verdi notiert (vgl. a. a. O. S. 196f.). Bernes Analysen stehen z. T. im Gegensatz zu Untersuchungen W. Crutchfields.

___
Quellen:

1 Berne, Peter, Belcanto – Historische Aufführungspraxis in der italienischen Oper von Rossini bis Verdi, o. O., 2008.

2 Chotzinoff, Samuel, Arturo Toscanini - Ein intimes Portrait, Wiesbaden 1955/1956 .

3 Haffner (1), Herbert, Furtwängler, Berlin 2006, S. 135-143.

4 Haffner (2), Herbert, Orchester der Welt - Der internationale Orchesterführer, Berlin 1997, S. 366-373/375.

5 Jaeger, Stefan, Hrsg., Das Atlantisbuch der Dirigenten – Eine Enzyklopädie, Zürich 1985, 369-373.

6 Kesting (1), Jürgen, Die großen Sänger des 20. Jahrhunderts, Einbändige Sonderausgabe München 1993.

7 Kesting (2), Jürgen, Die großen Sänger, Vierbändige Ausgabe, 1. Auflage Hamburg 2008; bes. S. 269ff.

8 Lebrecht, Norman, Der Mythos vom Maestro, Zürich/St. Gallen 1992, S. 83-114.

9 Spinola, Julia, Die großen Dirigenten unserer Zeit, Berlin 2005.

10 Sachs, Harvey, Toscanini – Eine Biographie, München 1980.

11 Scherchen, Hermann, Lehrbuch des Dirigierens, Mainz 1953.

12 Schonberg, Harold C., Die großen Dirigenten, Bern und München 1967 und 1970, S. 225-237.

13 Schöttle, Rupert, Götter im Frack - Das Jahrhundert der Dirigenten, Wien 2000. S. 59-73.

14 Schreiber, Wolfgang, Große Dirigenten, München 2005, S. 117-126.

15 Schuller, Gunther, The Complete Conductor, Oxford, 1998.

16 Springer, Christian, Caruso – Tenor der Moderne, Wien 2002.

17 o. V. „http://archives.nyphil.org“.

(Ende)
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Bis dann.
uhlmann (12.04.2016, 19:58):
Lieber Keith,

vielen Dank für die schöne Einleitung. Ich antworte mal, auch wenn ich nicht sehr viel beitragen kann.

Original von Keith M. C.


Toscanini, Furtwängler, Karajan, Bernstein, Carlos Keiber?

Einen schönen Artikel über Toscanini und seine wichtigsten Aufnahmen gibt es auf Peter Gutmanns Classical Notes.

Wenn ich so überlege, habe ich einen ganzen Haufen Aufnahmen von Toscanini. Leider ist vieles aufnahmetechnisch nicht sehr berauschend, einiges zählt bei mir jedoch aufgrund der superben Interpretation zu den Dauerbrennern:

Beethoven Symphonien, NBC SO 1939
Brahms Symphonien, NBC SO, Live 1951/52
Wagner Recital mit Lauritz Melchior (genial!) und Helen Traubel, NBC SO, Live 1941
Schubert 9 "Große", NBC SO 1953
Verdi Otello, NBC SO 1947 (auch wenn ich Vinay nicht wirklich gut finde)

Am erstaunlichsten ist für mich immer wieder die Schubert "Große". Toscanini gilt ja nicht gerade als Schubert-Dirigent, hat auch was ich gelesen habe nur die 8. und 9. jemals gemacht. Dennoch spielt er hier eine furiose und geradzu unfassbar wilde "Große" (Timing 13.29 / 12.34 / 8.49 / 10.42) - wie ein Lärcherlschaas wirken dagegen viele heutige HIP-Aufnahmen.

Toscaninis Beethoven und Brahms muss ich mal wieder hören, vielleicht inspiriert mich das hier mehr zu schreiben. So long...
Amadé (13.04.2016, 10:16):
Lieber Kieth,
willkommen hier im kleinen Forum, da kommst Du groß mit Toscanini heraus, danke hierfür.
Toscanini-Platten hatten auch bei mir von Anfang an Konjunktur, im laufe der Jahrzehnte hat sich da so einiges angesammelt.
Der Beethoven-Zyklus um die Weihnachtszeit 1939 hat auch bei mir einen sehr hohen Stellenwert. Aufmerksam machen möchte ich auf seine Londoner Konzerte sowie seine Plattenaufnahmen mit dem BBC Symphony Orchestra bei HMV. Testament hat den Konzertzyklus der Brahms-Sinfonien mit dem Philharmonia Orchestra aus dem Jahre 1952 herausgebracht, der jedem Toscanini-Fan angeraten sei.

Von Schubert gibt es noch eine Aufnahme der 5. Sinfonie B-dur aus dem Jahre 1953 von RCA, die mir jedoch nicht zusagt, siehe mein Klassik-Prisma.

GRuß Amadé
Keith M. C. (13.04.2016, 10:27):
Lieber uhlmann,

vielen Dank für Deinen Beitrag.

Ja, es gibt sehr viele Aufnahmen mit Toscanini, leider auch viele, deren aufnahmetechnische Qualität gering ist.

Den von Dir ebenfalls aufgezeigten Otello finde ich gerade auch mit R. Vinay phänomenal. Aber der Ideal-Otello war er nicht, der liegt in Gesamtaufnahmen m. E. bis heute auch nicht vor, die Rolle ist extrem schwierig. Allein die grundsätzliche Entscheidung: baritonaler Tenor oder tenoraler Otello macht dieses kompliziert. Ich kann mit beiden Ausprägungen leben und diese genießen. Aber gerne hätte ich eine technisch exquisite Gesamtaufnahme mit G. Lauri-Volpi, wobei natürlich das Ensemble samt Orchester herausragend sein sollte.

Die 1. Symphonie von Brahms von 1951 unter A. Toscanini solltest Du Dir unbedingt noch einmal anhören.

Zu den 5 herausragenden Dirigenten des 20 Jahrhunderts:
Bei 4 Dirigenten bin ich mit Dir einer Meinung, beim 5ten habe ich länger nachdenken müssen, ob ich ihn zu den 4 anderen geselle. Vielleicht machte Dir die Nr. 5 ebenfalls „Probleme“. Also bei einem Dirigenten weichen unsere Einschätzungen ab.

Bis dann.
Keith M. C. (13.04.2016, 10:44):
Original von Amadé
Lieber Kieth,
willkommen hier im kleinen Forum, da kommst Du groß mit Toscanini heraus, danke hierfür.
Toscanini-Platten hatten auch bei mir von Anfang an Konjunktur, im laufe der Jahrzehnte hat sich da so einiges angesammelt.
Der Beethoven-Zyklus um die Weihnachtszeit 1939 hat auch bei mir einen sehr hohen Stellenwert. Aufmerksam machen möchte ich auf seine Londoner Konzerte sowie seine Plattenaufnahmen mit dem BBC Symphony Orchestra bei HMV. Testament hat den Konzertzyklus der Brahms-Sinfonien mit dem Philharmonia Orchestra aus dem Jahre 1952 herausgebracht, der jedem Toscanini-Fan angeraten sei.

Von Schubert gibt es noch eine Aufnahme der 5. Sinfonie B-dur aus dem Jahre 1953 von RCA, die mir jedoch nicht zusagt, siehe mein Klassik-Prisma.

GRuß Amadé

Lieber Amadé,

Danke für den Willkommensgruß.

Einen größeren Beitrag über A. Toscanini wollte ich schon lange schreiben. Nun geschah es für dieses Forum. Die RCA Victor Box habe ich zweimal (die alte Veröffentlichung als Gold-Seal und die letzte Veröffentlichung als Red-Seal. Ja stimmt, ich bin ein Toscanini-Fan. Darüber hinaus besitze ich viele weitere Aufnahmen; der Sammler ist "durchgebrochen").

Euren Hinweis bzgl. Schubert nehme ich auf und werde sie mir baldigst mal wieder anhören, obwohl ich kein großer Schubert-Begeisterter bin, aber die 8te und 9te schätze ich außerordentlich.

Was ist Dein "Klassik-Prisma"?

Rätst Du mit, welche 5 Dirigenten (s. o.) ich meine?

Bis dann.
Cetay (inaktiv) (13.04.2016, 13:00):
Original von Keith M. C.

Zu den 5 herausragenden Dirigenten des 20 Jahrhunderts:
Bei 4 Dirigenten bin ich mit Dir einer Meinung, beim 5ten habe ich länger nachdenken müssen, ob ich ihn zu den 4 anderen geselle. Vielleicht machte Dir die Nr. 5 ebenfalls „Probleme“. Also bei einem Dirigenten weichen unsere Einschätzungen ab.

Bis dann.

Mir war immerhin klar, dass in uhlmanns Liste einer zu viel ist, denn ein Klemperer darf -persönliche Präferenzen hin oder her- auf keinen Fall fehlen.

Ich würde mich nicht als Fan von irgendeinem Dirigenten bezeichnen, weil es keinen gibt, der mich über ein breites Repertoire begeistern kann. Bei Toscanini bin ich soweit einig, dass beide Beethoven-Zyklen -aus dem Jahr 1939 und den 50'ern- unerreicht sind. Ich schwanke hin und her, welcher mir besser gefällt - seit die M&A Ausgabe des '39er-Zyklus herausgekommen ist, gibt es beide mit akzeptablem Klang- aber sicher ist, dass die Neunte aus dem Jahr '52 für mich zu den Inselplatten gehört: Unfassbar straff und präzise, immer latent unter Druck stehend - und wie dann die Höhepunkte quasi wie von selbst herausexplodieren, das ist einmalig.
Amadé (13.04.2016, 14:11):
Original von Kieth
Was ist Dein "Klassik-Prisma"?

Rätst Du mit, welche 5 Dirigenten (s. o.) ich meine?


Hallo Kieth,
mein Klassik-Prisma findest Du unter allen meinen Beiträgen, wenn Du unten auf www klickst.

Ein Ranking unter Dirigenten ist eigentlich unmöglich, es hängt auch sehr stark davon ab, welches Genre man gern hört. 5 Dirigenten sind bei mir viel zu wenig, ich möchte aber kein Spielverderber sein und nenne nun jedoch 7:

- Fritz Busch
- Wilhelm Furtwängler
- Erich Kleiber
- Otto Klemperer
- George Szell
- Pierre Monteux
- Ferenc Fricsay

Gruß Amadé
Keith M. C. (13.04.2016, 14:30):
Lieber Amadé,

kleines Missverständnis. Gemeint ist kein Dirigenten-Ranking, sondern meine Frage, abgeleitet aus dem Eröffnungsbeitrag Nr. 1.

Zitat:
"Es gibt im 20. Jahrhundert eine Vielzahl von erstklassigen Dirigenten, aber 5 ragen international aus diesem Dirigentenkreis aufgrund Qualität, Popularität, Markt-, Medien- und Rezeptionspräsenz, Wirkung und Charisma dennoch heraus."

Selbstverständlich sieht mein persönliches Dirigenten-Ranking anders aus; ich habe es hier im Klassikforum an anderer Stelle veröffentlicht.

Ich habe im Eröffnungsbeitrag 5 Dirigenten angesprochen, welche - bei versuchter Objektivität - herausragen.

Bis dann.
Keith M. C. (13.04.2016, 14:42):
Original von Cetay

...
Ich würde mich nicht als Fan von irgendeinem Dirigenten bezeichnen,...

Lieber Cetay,

ich benutze den Begriff 'Fan' eher umgangssprachlich, also in harmloser Variante. Als Fanatiker (in dieser extremen bis zum 'Groupie' gehenden Bedeutung) würde ich mich auch nicht bezeichnen.

O. Klemperer ist ein ausgezeichneter Dirigent, aber den würde ich - sorry - nicht unter "den 5" einreihen.

Meine Lösung: 4 machten mir keine Probleme - in alphabetischer Reihenfolge:
L. Bernstein
W. Furtwängler
H. v. Karajan
G. Solti (hier musste ich überlegen, kam aber zu dem Ergebnis: der gehört dazu)
A. Toscanini

Ich schätze, das kann man bei versuchter Objektivität gelten lassen. Wie gesagt: Meine persönlichen Favoriten lauten anders.

Bis dann.
Hosenrolle1 (17.04.2016, 00:25):
Gibt es eigentlich Zitate, Briefe oder ähnliches, die zeigen, wie Toscanini zu Schellackplatten und später zu Vinylplatten stand? War er ihnen gegenüber eher skeptisch eingestellt? Oder vielleicht nur der Schellackplatte, weil sie so eine geringe Laufzeit hatten?




LG,
Hosenrolle1
Keith M. C. (17.04.2016, 10:24):
Lieber Hosenrolle1,

Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es Schriftverkehr bzgl. Schallplattenaufnahmen oder Fernsehaufzeichnungen mit A. Toscanini gibt.*

Aber mir liegen derzeit keine Quellen, allenfalls Verweise (Sachs) vor. Toscanini hat in Aufnahmesitzungen von 1929 (New York), 1936 (New York), Oktober/November 1937 (London), Mai/Juni 1938 (London) und besonders danach mit seinem Orchester, dem NBC Symphony Orchestra, zahlreiche Aufnahmen hinterlassen. Im Buch von H. Sachs (allerdings Stand 1980) werden für in Deutschland erhältliche Aufnahmen 162 Schallplatten-Positionen aufgeführt. Vermutlich ist die heutige Verfügbarkeit noch größer.

Allein aus diesem Grund muss man davon ausgehen, dass Toscanini dem Phänomen Schallplatte sehr aufgeschlossen gegenüberstand. Ob er mit der Qualität insb. der frühen Aufnahmen vollends einverstanden war…sehr fraglich, da er in seinen letzten Jahren und mit besserer Technik einen besonderen Aufnahmeehrgeiz an den Tag legte.

Das NBC Symphony Orchestra war insb. ein Rundfunkorchester, deren Konzerte sehr regelmäßig in den USA im Radio übertragen wurden. Vermutlich war die erste Rundfunkübertragung bereits im Februar 1927 mit dem New York Philharmonic.

Bis dann.

* Leider habe ich selbst aber mit Toscanini seit 1957 keinen Kontakt mehr. :cool
Hosenrolle1 (17.04.2016, 10:43):
Danke für die Infos :)

Ich bin ja immer sehr vorsichtig bei klassischer Musik auf Schellackplatten, weil die Dinger ja meist die Dirigenten gezwungen haben, sich an die jeweilige Lauflänge anzupassen. Natürlich nicht immer, aber es gibt schon Stücke, die extrem gehetzt gespielt werden, in einem so hohen Tempo, dass es nicht mehr schön klingt.


Ich habe mir jetzt eine Anekdote aus dem Buch "Das Schwarze sind die Noten" (Bibliophile Edition) von Rupert Schöttle (rausgesucht.

Darin steht:


Dabei war der Maestro, der sich stets rühmte, das Werk des Komponisten über seine eigene Interpretation zu stellen, keineswegs so unfehlbar, wie er zu glauben beliebte. Bei einer Welttournee mit dem New York Philharmonic Orchestra hatte der den "Bolero" von Maurice Ravel (...) auf sein Programm gesetzt. Die Reise führte ihn auch nach Paris, wo Ravel es sich nicht nehmen ließ, dem Konzert beizuwohnen. Jedoch nicht sehr lange, denn der Komponist (...) war bestürzt über das viel zu schnelle Tempo, das Toscanini eingeschlagen hatte. Als sich dieser nach der Aufführung in Richtung der Loge des Komponisten verbeugen wollte, war sie leer. Ravel war bereits auf dem Weg zum Künstlerzimmer. Als er den Dirigenten dort antraf, ließ er seiner Wut freien Lauf, die für Toscanini mit dem Verbot endete, jemals wieder dieses Stück zu spielen, da man zu dem eingeschlagenen Tempo unmöglich tanzen könne. Zur Verdeutlichung sang Ravel den Bolero in Toscaninis Metrum und tanzte dazu. Der verlegen gewordene Italiener versuchte angesichts der zahlreichen Zeugen dieses unvergesslichen Auftritts mehrmals, den rasenden Ravel zu beschwichtigen. Dieser indes sang in seiner Rage unbeirrbar den gesamten Bolero durch, um nach den aberwitzigsten Verrenkungen, die er dazu vollführt hatte, wortlos die Tür hinter sich zuzuschlagen. Der Komponist war über dieses "Gerase" so erbost, dass er sich strikt weigerte, Toscanini jemals wieder zu treffen.




LG,
Hosenrolle1
Keith M. C. (17.04.2016, 11:27):
Lieber Hosenrolle1,

gem. des Buchs Sachs‘ war M. Ravel wie aus Briefen an Hélène Kahn-Casella und Ida Godebska hervorgeht, tatsächlich bzgl. des Tempos verärgert, schrieb aber trotzdem im September desselben Jahres einen sehr freundlichen Brief an Toscanini: „Mein lieber Freund, ich habe kürzlich erfahren, dass es eine „Toscanini-Ravel-Affäre“ gegeben haben soll. Sie selbst werden darüber zweifellos gar nicht im Bilde sein…" (Sachs, H., Toscanini, München 1980, S. 279). Zehn Tage nach dem ersten folgte ein zweiter Brief Ravels an Toscanini, in dem er um die Erstaufführung des Konzerts D-Dur für Klavier linke Hand und Orchester bat. (vgl. Sachs, H., a. a. O., S. 280). Zur Aufführung unter Toscaninis kam es jedoch nicht, aber Toscanini dirigierte im Anschluss an diese „Affäre“ weiterhin Werke Ravels.

Meine unmaßgebliche Meinung: Im Zweifel und grundsätzlich hat immer der Komponist recht bzgl. seines Werkes.

Bis dann.
Cetay (inaktiv) (17.04.2016, 11:36):
Original von Keith M. C.
Original von Cetay

...
Ich würde mich nicht als Fan von irgendeinem Dirigenten bezeichnen,...

Lieber Cetay,

ich benutze den Begriff 'Fan' eher umgangssprachlich, also in harmloser Variante. Als Fanatiker (in dieser extremen bis zum 'Groupie' gehenden Bedeutung) würde ich mich auch nicht bezeichnen.



Ich meine den Begriff auch unverfänglich, aber selbst dann fällt mir kein Dirigent ein, der mich wirklich breit begeistern kann - außer Toscanini. Dass ich ihn vergleichsweise wenig höre, liegt daran, dass sich sein Repertoire und meine Hörpräferenzen (grob etwa: vor Beethoven und nach Mahler) wenig überschneiden. Aber was immer ich gehört habe, fand ich überzeugend und zwar -das ist die Größe- auch bei Werken, gegenüber denen ich Vorbehalte habe, etwa die Pathetische von Tchaikovsky oder die eine oder andere Wagner-Ouvertüre.
Hosenrolle1 (22.03.2017, 23:55):
https://www.youtube.com/watch?v=Sdi0SFyXwKg

Autsch.



LG,
Hosenrolle1
Falstaff (02.06.2018, 00:47):
Ich bin ja eigentlich alles andere als ein Toscanini-Fan, bzw. seiner Art des Dirigierens. Mir liegt mehr die quasi subjektive Herangehensweise eines Furtwängler, Mengelberg, Bernstein oder durchaus auch Barenboim. Und trotzdem. Gerade das 3. KK von Beethoven mit Rubinstein haut mich schlichtweg um.



Ebenso die 8. oder auch die 7. Beethoven. Das hat eine solche Innenspannung, das ist so dermaßen 'so-und-nicht-anders' dirigiert. Schlichtweg großartig.
Viel zu lange habe ich einen Bogen um ihn gemacht. Ich bin mir sicher, dass sich das ändern wird. Auch wenn die existierenden Aufnahmen natürlich nur noch einen ärmlichen Eindruck wiedergeben können (gilt für Mengelberg und Furtwängler ja genauso), so zeigen sie doch trotzdem das Brennen, das ihn wohl ausgemacht hat.
Pedantisches Befolgen von Regeln und Vorgaben - eigentlich etwas, das ich nicht mag. Freiheit ausleben und ausnutzen innerhalb eines fest gefügten Rahmens. Ja, damit kann ich leben, das kann ich akzeptieren. Aber gerade das finde ich bei Toscanini nicht. Und trotzdem. Die Faszination, die darauf beruht, das jemand (gewollt) eng geschnürte Grenzen bis zum Bersten mit Emotion und auch mit Schönheit aufladen kann. Dass Proportionen stimmen. Dass es einen Fluss erhält.

:hello Falstaff
Cetay (inaktiv) (03.06.2018, 14:21):
Hochinteressante Ausführungen sind das. Gerade das, was dir bei Toscanini nicht behagt, macht ihn zu meinem Lieblingsdirigenten. Wobei das pedantische Befolgen von Regeln und Vorgaben meiner Meinung nach kein Selbstzweck ist, sondern verhindert, dass etwas in die Musik hinein gedeutet wird, von dem wir nicht wissen können, ob es rein gehört. Wie du richtig feststellt, heißt das nicht unbedingt, dass die Musik deswegen kalt und emotionslos klingen muss. Ich finde die Wirkung ungleich größer, wenn sich Spannung, Schönheit und als Folge Emotion "einfach so" ereignen, als wenn sie subjektiv hineininterpretiert wirken.
Falstaff (03.06.2018, 23:50):
Ich finde die Wirkung ungleich größer, wenn sich Spannung, Schönheit und als Folge Emotion "einfach so" ereignen, als wenn sie subjektiv hineininterpretiert wirken.
Das sind in der Tat wohl wirklich zwei völlig unterschiedliche Herangehensweisen, möglicherweise auch selten zu verbinden. Im Falle Toscanini (oder auch bei manchen anderen) finde ich es langsam eben sehr faszinierend, dieses lodernde Feuer innerhalb einer 'pedantisch' ausgeführten Wiedergabe zu spüren. Die Form strikt einzuhalten und sie trotzdem mit so viel Innenspannung aufzuladen, das es für den Hörer scheinbar fast zum Besten kommt.

Gleichzeitig finde ich es aber weiterhin (und das wird wohl auch meine bevorzugte Präferenz bleiben), wenn jemand sich das Material vornimmt und es rein subjektiv benutzt. Richard Strauss sagte einmal über Caruso etwa: Er singt keine Noten, sondern die Seele der Musik. Und das ist in dem Fall gerade die große Herausforderung. Das subjektive Benutzen und gleichzeitig immer das Werk achten. Das sind Gratwanderungen, die aber, für mich, ungemein spannend und erhellend sein können.

Stehe ich vor einem Gemälde, finde ich die Intentionen des Malers spannend. Aber zunächst tauchen bei mir die Fragen auf: Was löst es bei mir aus? Wie sehe ich das Bild?

Zeffirellis 'Turandot' in Mailand, ganz klassisch, den Anforderungen der Vorgaben des Komponisten entsprechend, fand ich interessant, hatte auch ihre großen Momente. Der 'Tristan' von Ruth Berghaus in Hamburg, ganz subjektiv, aus einer eigenen Sicht interpretiert und inszeniert, raubte mir schlicht den Atem. Aber auch nur, weil sie trotzdem immer noch am Werk dran war.

Wir müssen nicht über die Scharlatane reden, die den neuen Zugang wegen des Neuen suchen, die unter dem Deckmantel des freien, persönlichen Zugangs, sich auf Kosten eines Werkes nur selber verwirklichen wollen. Oder die die Provokation ob ihrer selbst willen suchen. Aber die, die ein Kunstwerk ernst nehmen, die aber nicht anders können, als es frei, eben subjektiv zu interpretieren - meine Güte, die haben mich immer auf ihrer Seite. ^^

LG Falstaff
Falstaff (04.06.2018, 21:55):
Gerade noch einmal gehört. Beethoven Sinfonie Nr.8 in der 1939iger Einspielung.



Was für eine Dramatik, was für ein 'Brio'! Das wird geradezu exekutiert. Aber alle Relationen stimmen. Und nicht nur die. Das ist leidenschaftliches und trotzdem kontrolliertes Feuer. Das spult sich ab mit einer zwangsläufigen, fast zwanghaften Dramatik. Grandios in dieser Unerbittlichkeit, grandios in diesem Vorwärtsdrang. Jeder Schlag ein Treffer, der einen Staunen macht und mitreißt.

:hello Falstaff
Falstaff (04.06.2018, 22:11):
Dagegen Furtwängler. Hier die Version aus Stockholm von 1948.



Wehe, wenn man sie nur in Tempo vergleicht. Furtwängler kommt dagegen fast betulich daher. Aber dann entwickelt, öffnet sich für mich ganz plötzlich eine ganz andere Sphäre. Bei der vermeintlich heiteren 8. reißen hier Abgründe auf, entdeckt man (entdecke ich) Tragik, Leiden, Sehnsucht, geradezu Sucht nach Schönheit und Harmonie, die aber immer wieder verbaut ist, vernichtet wird.

Höre ich (jetzt mal nur die beiden) zunächst Toscanini, bin ich hin und weg, denke, dass es so sein muss und nicht besser geht. Aber lege ich dann Furtwängler auf, eröffnet sich mir noch eine ganz andere Welt.

Ich befürchte, ich werde 'Furtwänglerianer' bleiben, möchte aber auch hier Toscanini nicht missen (und all die anderen). Letztlich zeigen doch diese beiden Pole nur, welche Spannbreite in Beethoven angelegt ist und wie arm wir wären, würden wir uns, aus welchen Gründen auch immer, beschränken.

:hello Falstaff