Arvo Pärt - aus Estland in die Welt

Retrobrain (15.06.2022, 20:18):
Arvo Pärt wurde in Paide in Estland am 11. September 1935 geboren.




Das Land gehörte damals noch zur UdSSR. In den frühen Jahren studierte Arvo an der Tallinn Music School und ab 1957 am Tallinn State Conservatoir bei Heino Ellert.
Seine Neigung zu moderner Komposition brachte ihm Schwierigkeiten ein, die im Januar 1980 zur Immigration nach Österreich führten. Obwohl er schon zu dieser Zeit über die Sovietunion hinaus bekannte Kompositionen vorlegte und sein eigenes Kompositionssystem „Tintinnabuli“ entwickelt und auch mehrfach ausgezeichnet wurde, verzieh man ihm seine ironische Rede bei dem XI Estnischen Komponistenkongress nicht, zu der er eine lanhaarige Perücke trug.


Er wurde als „Vaterlandsverräter“ bezeichnet und zusammen mit seiner Familie des Landes verwiesen. Von Universal Edition wurde ihm ein Vertrag über seine Werke angeboten und die Pärts erhielten die österreichische Staatsbürgerschaft.
Der deutsche Akademische Austauschdienst verlieh ihm ein Stipendium und so zog die Familie nach Berlin, wo sie dreißig Jahre lebten, bevor es Arvo wieder zu häufigen Besuchen in die Heimat zog. Seit 2010 lebt er wieder ständig in Estland.

(Das ist ein Anfang und ich werde den Beitrag fortsetzen). :)

Alle Informationen und Fotos stammen vom Arvo Pärt Centre in Laulasmaa.
Joe Dvorak (16.06.2022, 02:36):
Danke fuer das Engagement zu einem bedeutenden, wenn auch nicht unumstrittenen Komponisten. Ich muss zugeben, dass ich von ihm nur die ueblichen Verdaechtigen gut kenne: Fratres, Spiegel im Spiegel, Fuer Alina und dann wird es schon duenn im Gedaechtnis. Ich habe daran nichts auszusetzen, hatte aber selten das Beduerfnis, mich naeher mit ihm zu befassen. Diese Kombination von minimalistisch & elegisch braucht schon eine spezielle Stimmung. Unlaengst hoerte ich eine Aufnahme aus Muenchen (Stabat Mater & Werke fuer Streichorchster unter der Leitung von Ivan Repusic), die einige Hinhoerer hatte und von mir zum Wiederhoeren markiert wurde. Ich nehme diesen Thread zum Anlass, das Vorhaben umzusetzen und werde berichten. Auch habe ich beim Stromdienst-Gestoeber gerade gelesen, dass sich James MacMillan fuer seine vierte Sinfonie stark macht, was keine schlechte Referenz ist (das koennte freichlich auch Labelorder sein). Dass ich bis eben nicht wusste, dass Pärt Sinfonien geschrieben hat, zeigt, wie kurz es mit meiner Kenntnis her ist. Die Vierte steht jedenfalls auch auf dem Hoerzettel.
Retrobrain (16.06.2022, 09:02):
Hey Joe ( ;) )

Ja, Pärt ist etwas speziell und grundsätzlich ist "Kirchenmusik" auch nicht so mein Fall. Bitte verzeiht die despektierliche Bezeichnung. Allerdings habe ich vor vielen Jahren schon den "Kanon Pokajanen" gehört und war überrascht, wie sehr mich Chormusik, zumal mit kirchlichen Bezug, einnehmen konnte. Ich war davon speziell angefixt.
Leider endete dann meine "1. Klassikkarriere". Nun, wo ich mich wieder damit befasse, habe ich den Kanon wieder gehört - und bin noch immer betört. Also, unbedingt mal reinhören, auch wenn es abseits Deiner üblichen Speisekarte liegen sollte.
Mir gefällt es und ich taste mich nun weiter in Pärts Werk vor.
Einen schönen Feiertag :hello
Philidor (16.06.2022, 11:02):
Pärt ... ok ... seine "Passio Domini Nostri Jesu Christi secundum Ionannem" dreht sich alle paar Jahre bei mir im Player, sein "Magnificat" wesentlich öfter, und "Te Deum" nebst "Berliner Messe" sind auch bisweilen musikalische Gäste in meinem Wohnzimmer. "Which was the Son of" durfte ich mal mitsingen.

ich kenne weniger als die Hälfte seiner Werke und die nicht einmal gut, doch meine ich verstanden zu haben, dass für das ganze Bild insbesondere die frühen Werke wichtig sind, z. B. die Sinfonien Nr. 1, 2 und 3.

Gruß
Philidor

:hello
Joe Dvorak (16.06.2022, 16:58):
doch meine ich verstanden zu haben, dass für das ganze Bild insbesondere die frühen Werke wichtig sind, z. B. die Sinfonien Nr. 1, 2 und 3.
Ich habe das gleiche Verstaendnis, nachdem ich gerade meine Erstbegegung mit allen Vieren hatte. Die dauern zusammen keine 80 Minuten und wirken hintereinander gehoert wie ein uebergeordnetes Werk. Das avantgardistische Fruehwerk klingt wie von einem anderen Komponisten, doch schon der streng 12-toenige erste Satz der ersten Sinfonie traegt den meditativ-choralen Stil der vierten im Keim - das wirkt jedenfalls weit weniger 'technisch' und abweisend als bei Schoenberg. Es ist interessant zu hoeren, wie er sich langsam aus kompositionstechnischen Zwaengen herauswindet (so scheint es) und am Schluss des dritten Satzes der dritten Sinfonie triumphiered die Befreiung verkuendet (so scheint es). Danach wirkt die ueber weite Strecken recht statische, streicherlastige Vierte ganz anders als wenn sie 'kalt' gehoert wird. (Ich hatte zuerst das Album mit der Vierten und dem LASO unter Salonen aufgelegt, aber schnell wieder abgebrochen.) Um ganz fernliegend, hemdsaermelig und unzulaessig querzuvergleichen: Den Schlusssatz der 3. von Mahler hoert man nicht fuer sich allein, weil er erst nach dem Vorhergehenden richtig zur Wirkung kommt. Ebenso verhaelt es sich fuer mich mit Paerts Vierter und den drei Vorgaengern. Daher lautet mein ultimativer Tip, die GA am Stueck zu hoeren.


Sinfonie Nr. 1 "Polyphonic" (1964), Nr. 2 (1966), Nr. 3 (1971) & Nr. 4 "Los Angeles" (2008)
NFM Wroclaw Philharmonic, Tonu Klajuste
Retrobrain (16.06.2022, 17:07):
Das werde ich auch versuchen. Ich habe die gleiche Aufnahme, aber bisher nur die 1. gehört. Diese hat mir allerdings gut gefallen, weil sie irgendwie auf einer Grenze wandelt.

:rolleyes:
Joe Dvorak (24.06.2022, 03:33):
Im Rahmen meiner ECM-Hoerrenaissance habe ich mir nochmal das Album vorgenommen, das -so vermute ich- Pärt bei einem breiteren Publikum bekannt gemacht hat, aber mir immer etwas zu sehr nach New Age-Musik klang. Das hoere ich heute doch anders und differenzierter. Vor allem das aeltere Tripelkonzert ist spannend, weil er hier mit sich ringt, sein avantgardistisches Alter Ego sich nochmals mit letzter Kraft aufbaeumt, aber schliesslich klar verliert. Nach den -mit Verlaub- Schoenklangorgien davor, wirkt das wie eine Erklaerung, wie er dahin gekommen ist. Unterm Strich ist das eine klare Empfehlung, schon alleine wegen Kremer.



Tabula Rasa
Fratres (Version 1983)
Gidon Kremer (Violine), Keith Jarrett (Klavier)
Canuts in Memorian Benjamin Britten (1984)
Staatsorchester Stuttgart, Dennis Russell Davies
Fratres (Version 1984)
The 12 Cellists of the Berlin Philharmonic Orchestra
Tabula Rasa (1977)
Gidon Kremer (Violine), Tatjana Grindenko (Violine), Alfred Schnittke (Prepariertes Klavier), Lithuanian Chamber Orchestra, Saulius Sondeckis
Andréjo (24.06.2022, 08:46):
Das sehe ich ähnlich. Tabula rasa hat den Reiz der Unverwechselbarkeit - vor allem der Form. Solches geht den anderen Nummern auf dieser Scheibe denn doch ab. Ganz zu schweigen vom Schönklang als hörbarem Selbstzweck.

:) Wolfgang
Retrobrain (13.07.2022, 15:47):
Gerade läuft „Spiegel im Spiegel“ mit Michael van Krücker und René Berman in einer Aufnahme von etcetera.
Die Stücke sind schon recht unterschiedlich. Während „Alina“ irgendwie schwermütig, aber nicht unbedingt traurig klingt, sind Ukuaru und Anna Maria fröhlich. Spiegel ist ebenfalls verhalten. Dann höre ich Fratres. Die Violine trägt die Hauptmelodie, während das Piano den Dreiklang bietet. Nicht gegensätzlich, aber abweichend. Harmonie im Zusammenklang.

Im Gegensatz zu den Symphonien eher melodiös und weniger drastisch.
palestrina (14.07.2022, 10:31):
Gerade läuft „Spiegel im Spiegel“ mit Michael van Krücker und René Berman in einer Aufnahme von etcetera.
Die Stücke sind schon recht unterschiedlich. Während „Alina“ irgendwie schwermütig, aber nicht unbedingt traurig klingt, sind Ukuaru und Anna Maria fröhlich. Spiegel ist ebenfalls verhalten. Dann höre ich Fratres. Die Violine trägt die Hauptmelodie, während das Piano den Dreiklang bietet. Nicht gegensätzlich, aber abweichend. Harmonie im Zusammenklang.

Im Gegensatz zu den Symphonien eher melodiös und weniger drastisch.


LG palestrina
Toni Bernet (03.10.2025, 17:15):
Hier noch ein Nachtrag zu Arvo Pärt's 90. Geburtstag:

Auch mir sind die früheren Werke von Pärt lieber als die späteren. Ein Schlüsselwerk, das hier noch nicht erwähnt wurde, scheint mir Credo zu sein.
Kürzlich ist eine Aufnahme mit Parvo Jäärvi erschienen.

Arvo Pärt: Credo für Klavier, gemischten Chor und Orchester (1968)



1968 erhielt ein Werk namens «Credo» in der ehemaligen Sowjetrepublik Estland tosenden Publikumsapplaus und musste sogleich wiederholt werden. Auch die damaligen Zeitungskritiken waren positiv, ohne allerdings auf den gesungenen religiösen Text Bezug zu nehmen.

Mehr zu diesem Werk und ein Hörbegleiter gibt es hier:

https://www.geistlichemusikentdecken.ch/20-jhd/paert