August Walter. Klassizistischer Romantiker mit Hindernissen
Sfantu (30.01.2021, 01:43): *12. August 1821 in Stuttgart †22. Januar 1896 in Basel
Als Sohn eines musikliebenden Stuttgarter Zuckerbäckers begann zunächst auch der Sohn eine Lehre als Konditor. Als es sich bald zeigte, daß der Sprößling weder fürs Handwerk noch fürs Geschäftliche zu begeistern war, ermöglichte ihm der Vater Geigen-Unterricht bei Bernhard Molique, Konzertmeister der Stuttgarter Hofkapelle & später am Wiener Konservatorium, u. a. bei Simon Sechter. 1846 ging Walter als Musiklehrer & Dirigent nach Basel, wo er im Musikleben der Stadt bald eine intensive Tätigkeit entfaltete. Seine Vorbehalte gegen diesen Schritt formulierte er ziemlich ungeschönt: "In der Tat hätte ich keine Lust, mich in einer Schweizerstadt zu vergraben, wo abends die Kühe vom Feld eingetrieben würden". Ganz so schlecht schien es Walter dann doch nicht in der Schweiz gefallen zu haben, verbrachte er doch am Ende seine restlichen 50 Lebensjahre in Basel. Josefine Walter-Fastlinger, seine erste & namentlich Anna Walter-Strauss, seine zweite Frau (1846-1936, u. a. Schülerin von Pauline Viardot-Garcia) waren hochbegabte Sopranistinnen, die in Basler Konzerten & auswärts auftraten. Als Leiter öffentlicher & privater Konzerte hat Walter neben E. Reiter das Basler Musikleben in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zur Blüte gebracht. Durch ihn lernten die Basler sowohl die Bachsche & vorbachsche Vokalmusik als auch zahlreiche Werke zeitgenössischer Komponisten kennen. In Basel, das bis zum Tod im Jahre 1896 seine Wirkunsgsstätte bleiben sollte, setzte sich Walter u.a . stark für die Professionalisierung des Konzertwesens & die Öffnung des Repertoires bis hin zum noch wenig bekannten Barock ein, sodaß ihm 1884 "in Anerkennung seiner Leistungen auf dem Gebiete der Tonkunst in ehrenvoller Weise" unentgeltlich das Basler Bürgerrecht verliehen & er so offiziell zum Schweizer wurde. Die Sinfonie (es blieb Walters einziger Gattungsbeitrag) wurde am 19. Januar 1845 durch die Stuttgarter Hofkapelle unter Walters Leitung uraufgeführt. Sie geriet sogleich zu einem durchschlagenden Erfolg - u. a. eben gerade weil der Sinfonie, wie Walter schreibt, "Formvollendung allerseits zugestanden wurde" & sie sich mit ihren klassischen Formen in eine beliebte traditionelle Entwicklungslinie stellte. Damit setzte eine reiche Aufführungsgeschichte des Werks ein, das in den folgenden Jahrzehnten Eingang in das sinfonische Repertoire fand & in zahlreichen Städten häufig gespielt wurde, so z. B. auch schon 1851 in Leipzig. "Hätte ich seinerzeit statt in dem erzkonservativen Wien meinen Aufenthalt in Leipzig genommen, inmitten der romantischen Strömung, dann hätte die Sinfonie ohne Zweifel ein anderes Gesicht bekommen, mehr mit Mendelssohn, Schumann getränkt als mit Mozart, Beethoven, welche als Vorbilder zwar auch nicht zu verachten sind. Es ist auch sehr möglich, daß diese Sinfonie länger & nachhaltiger gewirkt hätte, wenn sie mehr vom musikalischen Geiste der Neuzeit beeinflußt geworden wäre". Tatsächlich schwand allmählich der aufgrund der technisch makellosen, sich an Vorbildern der Wiener Klassik orientierenden Machart gefeierte Erfolg der Sinfonie schon bald & machte dem Vorwurf des Epigonalen Platz. Dabei atmet die Sinfonie in der musikalischen Geschlossenheit der vier gegensätzlichen Sätze mit ihren charakteristischen & belebten Themen aber immer wieder gerade auch jenen poetischen Drang, welcher Mendelssohn & Schumann zueigen ist & vermittelt exemplarisch zwischen den Ausdruckswelten im Übergang von der Klassik zur Romantik.
Die vorangegangene Einleitung speist sich aus dem August Walter-Artikel in der MGG, 1. Auflage, sowie dem Booklet-Text zur Sinfonie von Lion Gallusser & Lena-Lisa Wüstendörfer.
Weshalb diese um Relativierung, ja Entschuldigung buhlenden Worte des Komponisten? War er sich doch einer gewissen Rückständigkeit seiner Schöpfung bewußt (& störte es ihn?), warum unternahm er keine Versuche der künstlerischen Entfaltung in andere Richtungen? Ließen ihm seine Verpflichtungen zu wenig Raum dazu?
Walters Sinfonie, 1843 in Wien entstanden) erscheint als großer Wurf, geschlossen & abgerundet. Das Hauptthema des 6/8-Kopsatzes mit seinen lebensvollen Fanfaren in gebrochenen Dur-Dreiklängen trägt den ganzen Satz über den Geist des freudig beschwingten Aufbruchs. Der langsame Satz ist von schmachtend liedhaften Themen beherrscht. Als eine Art Trio/Intermezzo erklingt ein Abschnitt mit erregt wirkenden 16eln in den Streichern. Diese Passage ist geprägt von nervös drängendem Gestus. Unter leisem Trommelwirbel erzeugen schließlich Klarinette & Fagott geradezu geisterhafte Szenerien. Hernach Rückkehr zum wiegenden Liedthema. Formal also äußerst interessant. & nicht nur formal. Das Scherzo birgt in seinem Trio hübsche Horn-Fanfaren. Diese steigern sich im Verlauf zu hymnischer Größe. Die streicherdominierten Rahmenteile stehen in grüblerischem Moll. Die langsame Einleitung des Finales wechselt bald in ein von den Streichern in freudig-festlichem Allegro angeschärften Hauptthema in synkopiertem Rhythmus. Zwischenzeitlich werden tapsige Oktavsprünge des Solo-Fagotts begleitet durch ein von den Streichern gestaltetes Seitenthema. Ein abwechslungsreicher Widerstreit der einzelnen Stimmen sorgt für immer neue Kontraste. Bläser gegen Streicher, jäh dreinfahrende Sforzati, dann wieder subito piano-Passagen. Dieses Finale bildet sicher den Schwer-& Höhepunkt des Werkes.
Temperamentvolle Darbietung durch das Swiss Orchestra. Die Klangqualität läßt aber noch Wünsche übrig. Nicht optimal transparent, tendenziell zu kompakt. Dieses von Frau Wüstendörfer gegründete Projekt-Orchester wird (so ist der Plan) nach & nach mauerbeblümte Schweizer Komponisten "ausgraben" & einspielen. Man darf gespannt sein.
Sfantu (30.01.2021, 10:00):
Oktett B-dur op. 7
Mitglieder des Swiss Nonetts: Francis Hunter, Oboe Pamela Hunter, Klarinette Glen Borling, Horn Thomas Sosnowsky, Fagott Primož Novšak, & Dorothea Sosnowsky, Violine Eric Shumsky, Viola Susanne Basler, Violoncello Yoan Goilav, Kontrabaß (LP, Jecklin, 1982)
Ein hübsches, unterhaltsames Stück ist dieses Oktett von Walter. Es entstand noch vor dem Aufbruch in die Wiener Studienjahre. Im Kopfsatz gemahnen zahlreiche Vorhalte an die Klassik, der Grundgestus ist gediegen, die Stimmen dicht gewirkt. Das gesamte Werk, das Scherzo aber im besonderen, lebt vom Kontrast Streicher-Bläser (auch in der Sinfonie tritt das zutage). So spielen im ersten Trio die Bläser lang gehaltene Töne, welche von den Streichern mit schelmischen Staccati kommentiert werden. Im zweiten Trio wogt das Holz in einem schmachtenden, ständchenhaften Thema, worauf wiederum lakonisch sekundierende Zupfer nicht auf sich warten lassen. Der langsame Satz in 3/4 ist von einem gemächlichen, liedhaften Gedanken geprägt, anfangs in Moll. Allmählich schleicht sich eine seltsam schattenhafte Stimmung ein, versucht dies in der Folge wieder, muß schlußendlich aber dem gemütlichen Hauptthema wieder weichen. Abschließend werden alle bis auf den Kontrabaß mit hübschen kleinen Soli bedacht. Das muntere Finale lebt wieder ganz im unterhaltsamen Widerstreit der beiden Instrumentengruppen. Kontrapunktisches Flechtwerk führt in der Steigerung hin zu fast orchestraler Wucht. Gegen Ende eine Portion Komik in Form eines kauzigen Duos zwischen Fagott & Horn, bevor das Werk fröhlich & knapp schließt.
Sfantu (30.01.2021, 10:41): Am Anfang steht der Wunsch: Ich möchte über einen Komponisten schreiben, von dessen Werken ich zumindest eines als herausragend, als lohnend empfinde. Dabei stelle ich mir grundsätzlich immer zunächst die Frage: steht dieser Komponist aus guten Gründen oder unverdientermaßen "im Schatten"? Denn das ist ja der Grundgedanke dieser Fäden hier. Die CD mit der Es-dur-Sinfonie sowie die Schallplatte mit dem Oktett scheinen die einzigen Tonträger mit Musik von August Walter zu sein. Welches sind die denkbaren Gründe dafür? Ich versuche mal, zu kombinieren & finde dabei dreierlei: 1.) Walter war offensichtlich nicht über die Maßen produktiv. Sein Werkkatalog ist recht überschaubar. 2.) Wie er ja bereits in obigem Zitat selbst einräumt: sein Stil ist nicht gerade an der Speerspitze von Zeitgeist & Innovation verortet. Wäre die Sinfonie nicht so stilvoll abgerundet & wirkungsvoll geschrieben, sie hätte sicher nicht ihre damalige Erfolgsgeschichte erlebt. Stilistisch aber hinkte sie etwas hinterher. Eine gewisse Verwandschaft mit Otto Nicolais D-dur-Sinfonie meine ich zu erkennen: Beethoven-Nachfolge in den 1840ern, noch ohne Schumann-oder Mendelssohn-Einflüsse. Ein großer Pluspunkt für Walter: obschon Schüler eines Spohr-Schülers (Bernhard Molique), erliegt er nicht dem Spohrschen Sentiment, bezieht Impulse von ihm, bleibt dabei aber stets er selbst. 3.) Kann es nicht auch sein, daß jemand trotz schöpferischen Potentials keinen oder keinen gesteigerten Wert auf Außenwirkung legt? Vielleicht ging Walter ja ganz & gar in seiner Aufgabe als Organisator, Pädagoge & Ausführender auf & betrieb das Komponieren als Freizeit-Vergnügen. Auch sind Menschen sicher unterschiedlich engagiert, unterschiedlich schnell oder langsam - im Kreativen, im Auftreten, im Habitus, im Sein, im Denken.
Weitere Werke August Walters:
Konzertouvertüre D-dur op. 16 3 Streichquartette op. 1 (Ludwig Spohr gewidmet) Phantasie & Capriccio für Klavier & Klarinette (wahlweise Violine) "Lustige Musikanten" (Eichendorff) für Männerchor & 4 Hörner ad lib op. 18 Ferner zahlreiche Klavierstücke & Lieder
Christian (29.11.2024, 02:28): Hallo Sfantu,
Danke für die detaillierte Biografie.
Hier ist ein interessantes Video für Sie: https://www.youtube.com/watch?v=ORIAf5q6feM
Das Oktett mit "score-video".
Grüße
Christian
Sfantu (29.11.2024, 09:41): Hallo Christian,
herzlich willkommen im Forum! Schön, daß August Walters Musik auf Dein Interesse trifft. Kanntest Du das Oktett bereits? Und wie gefällt es Dir?
Viele Grüße, Sfantu
Christian (30.11.2024, 17:43): Hallo Sfantu,
Vielen Dank für deinen Empfang!!
Das Oktett gefällt mir sehr. Ich mag sehr gerne die Musik für Sextett, Septett, Oktett, usw. Sehr oft ist dieser Art von Musik an der Grenze von Orchestermusik.
Walter kenne ich aber gar nicht. Nur das Oktett. Könntest du mir ein anderes Werk vorshlagen? Die Symphonie vielleicht?
Eine Frage: Weißt du warum Walter das Oktett komponiert hat? War es zu einem besondern Anlass? Ich kann keine Information darüber finden.
Entshuldigung für die Fehler. Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Ich komme aus Kanada, aber meine Muttersprache ist Französisch.
Grüße
Christian
Joe Dvorak (01.12.2024, 01:51): Ich mag sehr gerne die Musik für Sextett, Septett, Oktett, usw. Sehr oft ist dieser Art von Musik an der Grenze von Orchestermusik. Hallo Christian,
herzlich Willkommen bei das-Klassikforum.de. Mit deiner Wertschätzung für üppige Kammermusikwerke stehst du nicht alleine da. Hier im Forum gibt es zwei Threads zu diesem Thema. Falls Du sie nicht schon längst entdeckt hast, hier die Links: Ü 6 - gross besetzte Kammermusik Sinfonien-Gerippe
Sfantu (01.12.2024, 14:55): Lieber Christian,
leider findet sich zur Entstehung des Oktetts keinerlei Aussage in den mir zur Verfügung stehenden Quellen. Der Klappentext zur genannten Aufnahme auf LP erwähnt lediglich, es sei kurz vor Walters Weggang von Stuttgart nach Wien entstanden.
Entshuldigung für die Fehler. Deutsch ist nicht meine Muttersprache. Ich komme aus Kanada, aber meine Muttersprache ist Französisch. Dein Deutsch ist formidabel. Und besser als das vieler deutscher Muttersprachler.
Viele Grüße et à bientôt, Sfantu
Christian (01.12.2024, 21:56): Hallo Joe,
Vielen Dank für den Empfang!
Wie ich es sehen kann, bin ich nicht der einzige der sich für diese Art von Kammermusik interessiert.