Aus dem Rossini-Raritätenkabinett: MATILDE DI SHABRAN
Severina (07.08.2010, 13:13): "Matilde di Shabran o sia Bellezza e il Cuor di Ferro" (Mathilde von Shabran oder die Schöne und das Eisenherz) läuft unter der Gattungsbezeichnung melodramma giocosa und ist eine von Rossini mit viel Augenzwinkern komponierte Mischform der ernsten und komischen Oper. Speziell Corradino, der Tyrann in Liebesnöten, enthält viele parodistische Elemente und dient zur Demaskierung des hohlen Heldenpathos. In Matilde wiederum erkennt man Züge einer Rosina oder Isabella, die sich von aufgeblasenen Mannsbildern nicht beeindrucken lassen.
Der Uraufführung am 24. Februar 1821 am Teatro Apollo in Rom gingen die bei Rossini fast üblichen Komplikationen voraus, weil er - wieder einmal - den Zeitplan nicht einhalten konnte. Eigentlich hätte die "Matilda" - unter diesem Titel war sie bereits angekündigt worden - bereits am 26. Dezember 1820 aus der Taufe gehoben werden sollen, aber zu diesem Zeitpunkt stand nicht einmal noch das Libretto. Rossini hatte es unvollständig aus Neapel mitgebracht und bat nun Jacopo Ferretti, der bereits für die "Cenerentola" verantwortlich zeichnete, um Hilfe. Ferretti verwarf das bereits Vorhandene, das auf Jaques-Marie Boutet de Monvels Novelle "Mathilde de Morwel" basierte, und ersetzte es durch das Libretto für eine andere Oper "Euphrosine et Coradin ou le Tyran corrigé", das er für Méhul zu schreiben begonnen hatte. (Man kann über diese Praktiken des 19.Jhdts. nur immer wieder staunen!) In der zu Grunde liegenden Geschichte von Francois-Benoit Hoffmann hieß die Heldin zwar Isabella Shabran, aber Ferretti machte daraus kurzerhand eine Matilde di Shabran. Nun lag zwar endlich das Libretto fix und fertig vor, aber die sehr lange und äußerst komplizierte Geschichte überforderte sogar die Kapazitäten des für sein rasantes Komponiertempo berühmten Rossini. Die Idee eines Pasticcio wurde rasch verworfen, sodass die Matilde bis auf die Ouvertüre (aus "Eduardo e Cristina), einem Duett und einer Chorszene etwas völlig Neues sein würde. Trotzdem schaffte es Rossini nicht rechtzeitig bis zur ohnehin schon verschobenen Uraufführung, sodass Giovanni Pacini mit 6 Nummern aushelfen musste, was er als große Ehre empfand. (Schon im November wurden diese "Anleihen" allerdings durch Eigenkompositonen ersetzt, und in dieser neapolitanischen Fassung wurde die "Matilda di Shabran" von da an aufgeführt.)
Trotzdem wäre es beinahe nicht zur endlich erfolgten Uraufführung am 24. Februar 1821 gekommen, denn Giovanni Torlonia, Conte di Braccione, der Inhaber des Teatro Apollo, verklagte den Komponisten wegen Vertragsbruch und weigerte sich, die vereinbarte Gage auszuzahlen: Rossini hätte zu spät geliefert und außerdem kein eigenständiges Werk vorgelegt. Dieser zog daraufhin die Partitur zurück und wandte sich an den Gouverneur von Rom (Kardinal Tommaso Bernetti), der offenbar erfolgreich intervenierte, denn die "Matilde di Shabran" stand bis zum Ende der Karnevalssaison auf dem Spielplan. Eine andere Panne erwies sich hingegen als Glücksfall: Als der Orchesterleiter und 1. Violonist Giovanni Bollo kurz vor der Uraufführung ausfiel, sprang niemand heringerer als Niccoló Paganini ein!
Wie so viele Opern Rossinis konnte sich auch die "Matilda di Shabran" nach einem kurzen Erfolgslauf auf den Spielplänen nicht behaupten und wurde erst in der zweiten Hälfte des 20. Jhdts. aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Die Fondazione di Rossini di Pesaro, die schon viele Werke des Meisters dem Vergessen entrissen hat, grub diese Oper für das Rossinifestival 1996 aus. Den großen Erfolg dieser Aufführungsserie verdankte man einem bis dahin völlig unbekannten 23jährigen Peruaner, der für den kurz vor der PR ausgefallenen Bruce Ford einsprang: Juan Diego Flórez, der als Corradino Publikum und Fachpresse zu Begeisterungsstürmen hinriss und seither als heller Stern am Belcantohimmel strahlt.
lg Severina :hello
Severina (07.08.2010, 13:15): INHALTSANGABE
Melodramma giocoso in due atti
Libretto: Giacomo Ferretti
Uraufführung: 24. Februar 1821 im Teatro Apollo, Roma
Personen:
Corradino Eisenherz (Tenor) Matilde di Shabran (Sopran) Raimondo Lopez, Corradinos Feind (Bass) Edoardo, dessen Sohn (Mezzosopran) Aliprando, Arzt (Bass) Isidoro, Dichter (Bass) Contessa D'Arco (Mezzosopran) Ginardo, Torwächter (Bass) Egoldo, Führer der Bauern (Tenor)
Handlung
Das Stück spielt in und um der Burg Corradinos in Spanien
1. AKT:
Unter der Führung Egoldos legen die Bauern ihre Naturalabgaben im Hof nieder, schauen sich neugierig um und erzählen einander diverse Gerüchte, die über den Burgherren Corradino im Umlauf sind. Er sei ein "uom terribile", der sich bei seinen Untertanen nie blicken lasse, der "immer bewaffnet ist, mürrisch dreinblickt und nie erfahren hat, was Mitgefühl ist." Der Arzt Aliprando will sie fortscheuchen und verweist auf eine Inschrift, welche die einfachen Dorfbewohner aber nicht lesen können: "Dem ungebetenen Eindringling wird der Schädel zertrümmert!" und "Wer die Ruhe zu stören wagt, wird verhungern und verdursten!" und erläuternd setzt Aliprando hinzu, der Burgherr hasse in erster Linie Frauen, egal ob schön oder hässlich. Als eine Glocke den Gefürchteten ankündigt, fliehen die Bauern entsetzt. Der Turmwächter Ginardo beauftragt den Kerkermeister Udolfo, nach den gestern eingebrachten Gefangenen zu schauen, um Edoardo, den Sohn von Corradinos Erzfeind Don Raimondo Lopez, werde er sich persönlich kümmern. Alle sollen zwar eingeschüchtert, ansonsten aber anständig behandelt werden. Der Dichter Isidoro nähert sich, ein Liedchen trällernd, der Burg, aber sein hungriger Magen siegt bald über alle poetischen Anwandlungen. Er beklagt, dass Apollo sich nur wenig um seine Kinder kümmere. Durch ganz Europa sei er schon gezogen, um seine Distichen etc. zu verkaufen, und doch seien Hunger und Durst seine treuesten Begleiter. Aber in dieser prächtigen Burg hofft er auf gastliche Aufnahme. Da fällt sein Blick auf die Inschriften. Entsetzt will er sich zurückziehen, doch Corradino hat ihn schon entdeckt und reagiert äußerst cholerisch auf den Spielmann. ("Selbst Sprechen ist ein Verbrechen in meiner Gegenwart!") Schlotternd vor Angst stellt sich Isidoro als ein Dichter vor, der ein Loblied auf den Schlossherren und "seine Schönen" verfassen wolle. Er kann nicht ahnen, dass er damit Corradino noch mehr erzürnt, der ihn "mit eigener Hand aufschlitzen" und das schon in die Tat umsetzen will, als Aliprando im letzten Moment rettend eingreift. Solche Raserei sei auf dem Schlachtfeld angebracht, einen Unbewaffneten zu ermorden sei eine zu große Grausamkeit. Corradino tobt, man könne Isidoro schon am Gesicht ablesen, dass er ein Spion oder Mörder sei, was der Poet nicht auf sich sitzen lässt: Rein physiognomisch betrachtet erkenne er in dieser Runde keinen einzigen Ehrenmann! Damit scheint sein Schicksal besiegelt, denn Corradino befiehlt ihn in den Kerker zu werfen. Als der Dichter abgeführt wird, flüstert ihm Aliprando zu, dass er ihn retten werde. Dann bringt er seinem Herren schonend eine Hiobsbotschaft bei: Der edle Herr von Shabran, in einer Schlacht für Corradino tödlich verwundet, hat auf dem Sterbebett seine Tochter Matilde der Obhut seines Herren anvertraut, und nun bittet sie um Aufnahme in die Burg. Corradino fühlt sich seinem treuen Gefolgsmann verpflichtet und gibt widerwillig seine Zustimmung. Der jungen Frau solle es an nichts fehlen, doch dürfe sie ihm nie ungebeten unter die Augen kommen. Aliprando verspricht es, verfolgt jedoch insgeheim ganz andere Pläne...... Ginardo meldet, er habe den jungen Edoardo in Tränen aufgelöst in seinem Kerker vorgefunden, vielleicht sei er nun bereit sich zu unterwerfen. Der Gefangene wird vorgeführt, tritt Corradino aber gefasst und stolz gegenüber: Die Tränen gälten seinem Vater, nie aber würde er sich feige unterwerfen. Sein Peiniger könne nur seinen Körper, nicht aber sein Herz versklaven. Corradino zeigt sich von so viel Mut beeindruckt. Er lässt Edoardo die Fesseln abnehmen und gewährt ihm Bewegungsfreiheit innerhalb der Burg, nimmt ihm aber sein Ehrenwort ab nicht zu fliehen. Ginardo meldet die Ankunft Matildes. Corradino plant sie möglichst bald reich zu verheiraten, um das Übel wieder los zu werden, denn Frauen seien ein "treuloses Geschlecht" und vertrügen sich nicht mit Tapferkeit. Matilde, inzwischen in der Burg einquartiert, ist aber entschlossen, Corradino mit ihren weiblichen Reizen zu Fall zu bringen und sein "Eisenherz" zu erobern. Aliprando meldet Bedenken an: Sein Herr werde Widerstand leisten, rasen und toben und sie zu vernichten trachten. Das kostet Matilde aber nur einen Lacher: "Io son donna e tanto basta" (Ich bin eine Frau und das reicht!) Von ihrer Unwiderstehlichkeit überzeugt, prallen die Warnungen des Arztes an ihr ab, der ihr Corradinos Charakter in den düstersten Farben schildert: Er rede und träume nur von Krieg, Verwüstung und Gemetzel, kenne die Liebe nicht, sei stolz auf sein eisernes Herz und hasse selbst die Statue einer Frau. Ginardo prophezeit neuen Ärger: Die Contessa d'Arco treffe in Kürze ein, sie habe von Matildes Ankunft erfahren und argwöhnt in ihr eine Rivalin. Die Contessa war einst als Faustpfand für einen Friedensschluss Corradino versprochen worden, dieser dachte aber nicht daran, seine Braut zu heiraten, sodass zwischen den beiden Familien festgelegt wurde, dass er auch keine andere Frau nehmen würde. Diese Gefahr besteht ohnehin nicht, die Contessa aber hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben und verfolgt ihren Scheinverlobten mit ihrer Liebe. Dass sie als einzige Frau freien Zutritt zur Burg hat, ist aber kein Zeichen besonderer Gunst, sondern eher eines der Verachtung. Die Contessa rauscht also herein, taxiert Matilde und macht sich ungeniert über das "arme Dummchen" lustig, das "von der Natur vergessen worden ist". Matilde bleibt ihr natürlich nichts schuldig und bald ist ein munterer Zickenkrieg im Gange, den Aliprando und Ginardo vergeblich einzudämmen versuchen. Der Lärm ruft Corradino auf den Plan: Zwei Frauen in der Burg - das verstößt gegen seine Gesetze! Von oben herab und betont beleidigend wendet er sich an Matilde, doch die zahlt es ihm mit gleicher Münze zurück und fordert den Verblüfften auf, ihr die Hand zu küssen und Respekt zu erweisen. Und ihr Temperamentsausbruch zeigt Wirkung: "Dallo stupore" (voller Verwunderung) fühlt Corradino sein Eisenherz schmelzen, auch den anderen entgeht diese Veränderung nicht und die Contessa rast vor Zorn. Im folgenden Quintett frohlockt Matilde, dass Amors Pfeile so rasch getroffen haben, der verwirrte Corradino versucht den "Aufruhr in seiner Brust zu deuten", Aliprando und Ginardo kommentieren das Gefühlschaos ihres Herren und die Contessa nährt ihre berechtigte Eifersucht. Corradino befiehlt Ginardo, Matilde in Gewahrsam zu nehmen, und entfernt sich mit Aliprando, worauf der Zickenkrieg in die nächste Runde geht, bevor sich die Rivalinnen, jede siegessicher, zurückziehen. Das Objekt ihrer Begierde will indes dem "gewaltigen Feuerstrom, der durch seine Adern rast", medizinisch beikommen, doch Aliprando bedauert, dass es gegen das "Leiden der Liebe" kein Heilmittel gäbe. Empört schickt ihn Corradino weg - er und Liebe, da muss Zauberei mit im Spiel sein! Und schon ist auch der Sündenbock gefunden: Der Dichter Isidoro, denn mit seinem Auftauchen hätte auch der ganze Gefühlswirrwarr begonnen. Unverzüglich wird er aus dem Kerker geholt. Als Isidoro sich arglos als Mann bezeichnet, der "die ganze Welt bezaubert", sieht Corradino seinen Verdacht bestätigt. Er will gerade gegen den armen Poeten handgreiflich werden, als Matilde erscheint, die inzwischen ihre Taktik geändert hat: Sie bittet um Vergebung, weil sie ihn beleidigt hat, und gesteht, dass die erhabene Aura des Kriegerischen um ihn sie völlig verzaubert habe. Corradino schickt Ginardo mit Isidoro zurück in den Kerker, doch die beiden verbergen sich und verfolgen den weiteren Verlauf der Dinge. Matilde sieht sich ihrem Ziel schon sehr nahe, mimt aber weiterhin die Zerknirschte, die ihren Gebieter mit ihrem Beinahe-Liebesgeständnis sehr erzürnt hat. Prompt schluckt dieser den Köder und bekennt nun seinerseits, ihr schönes Antlitz hätte ihn verzaubert. Schrittweise bringt ihn Matilde dazu, seine Rüstung und Waffen abzulegen, ungläubig beobachtet von Ginardo und Isidoro. Immer noch will Corradino "ganze Provinzen ausrotten", aber Matilde lehnt solche Gunstbeweise dankend ab: "Amor io voglio, amore, clemenza e umanita" Auch das verspricht er, und nun ist Matilde bereit die Seine zu werden. Beide schwören einander ewige Liebe. Ginardo und Isidoro aber lachen über ihren Herren Eisenherz, der nun doch in die Liebesfalle getappt ist. Auch Aliprando ist höchst erfreut über diese Entwicklung, muss aber das junge Liebesglück gleich wieder zerstören: Raimondo Lopez rücke mit seinen Truppen heran, um seinen Sohn zu befreien. Amor muss vor Mars zurückweichen, und Matilde selbst reicht ihrem Liebsten seine Waffen. Beunruhigt beobachtet Edoardo die Kriegsvorbereitungen, eine bange Ahnung befällt ihn. Corradino nimmt Abschied von allen seinen Getreuen. Isidoro will ihn als Chronist begleiten. Als Corradino, wieder ganz das alte Eisenherz, Edoardo prophezeit, er werde seinen Vater töten, bricht der Junge in Tränen aus. Matilde zeigt Mitgefühl mit ihm und erregt damit prompt Corradinos Eifersucht, womit die Contessa endlich eine Waffe in der Hand hat, mit der sie die verhasste Nebenbuhlerin aus dem Weg räumen will. Matilde zerstreut seinen Argwohn, er möge als Sieger zurückkehren, aber stets großherzig handeln. Corradino überträgt ihr während seiner Abwesenheit die Befehlsgewalt, warnt sie jedoch davor ihn zu hintergehen, denn seine Rache würde fürchterlich sein. Angefeuert von Isidoro ziehen die Krieger schließlich in den Kampf.
2. AKT
Isidoro verfasst eine Kriegschronik, in der er sich selbst zum großen Helden hochstilisiert, der die Schlacht praktisch im Alleingang gewonnen hat. Auf die ungläubige Reaktion seiner Zuhörer erklärt er großspurig, die Feder des Dichters könne mit zwei Versen ganze Heere vernichten. Raimondo, von seinen geschlagenen Kriegern verlassen, irrt umher und beklagt seinen Sohn. Inzwischen sucht Edoardo, der einer geschickt eingefädelten Intrige der Contessa seine Freiheit verdankt, seinen Vater. Er hält ihn für tot und wünscht sich selbst ins Grab, als er aus der Ferne seine Stimme hört. Edoardo eilt in diese Richtung, findet aber nicht nur Raimondo, sondern auch Corradino, der ihn eben zum Zweikampf fordert, aber erstaunt innehält, als er seine Geisel bemerkt. Auf die Frage, warum er frei sei, antwortet der Junge, Matilde, "die edle Seele", habe ihn gerettet. Corradino rast vor Wut über die vemeintliche Untreue seiner Geliebten, vergisst Vater, Sohn und Zweikampf und prescht davon. In der Burg freut sich indes die Contessa, dass ihr Plan gelungen ist. Mit Gold bestochen, ließ der Kerkermeister Edoardo entkommen, und da Matilde die Befehlsgewalt besitzt, wird der Verdacht einzig und alleine auf sie fallen. Isidoro kehrt zurück und tischt den Damen die Lügengeschichten seiner Heldentaten auf. Auch Ginardo und Aliprando stoßen dazu und erklären auf Matildes Frage nach Corradino, dass er nach der siegreichen Schlacht im Wald nach Raimondo suche. Eben will sie ihrer Sorge Ausdruck verleihen, als der Geliebte schon hereinstürmt und Ginardo befiehlt, sofort Edoardo herbeizuschaffen. Rüde unterbricht er Isidoros Siegeshymne, sein nur mühsam unterdrückter Zorn lässt Matilde nichts Gutes ahnen. Ginardo meldet wie erwartet die Flucht des Gefangenen und Corradino stellt seine Braut zur Rede. Da überbringt ein Bote den Brief eines Kriegers an Matilde. Corradino reißt ihn an sich, fatalerweise handelt es sich um ein Dankschreiben Edoardos an seine vermeintliche Retterin, garniert mit Worten glühender Verehrung. Die Contessa frohlockt, denn Besseres konnte ihr gar nicht passieren. Vergeblich beteuert Matilde ihre Unschuld, der Brief spricht eindeutig gegen sie und Corradino verurteilt sie auf der Stelle zum Tode. Aliprando, Ginardo und Isidoro können ihr Entsetzen nicht verbergen, die Contessa triumphiert und Matilde behauptet den Tod nicht zu fürchten, aber das Herz ihres Liebsten zu verlieren sei mehr als sie ertragen könne. Corradino bezichtigt sie der Heuchelei und weist alle Bitten seiner Getreuen um Gnade zurück. Er befiehlt Isidoro, Matilde zu Don Raimondos Burg zu führen und dort von den Klippen zu stürzen. Alleine, bestärkt sich Corradino in seinem Beschluss: Dieser Verrat müsse gerächt werden! Im übrigen sieht er seine früheren Vorurteile gegen das schwache Geschlecht eindrucksvoll bestätigt: "Frau sein ist gegenüber der Welt ein großes Verbrechen." Bäuerinnen aus dem Dorf kommen und bitten um Gnade für Matilde, sie sei gut und unschuldig und wenn der Herr sie tatsächlich töten lässt, würden sie sein "cuor di ferro" verfluchen. Corradino schickt sie fort und wartet ungeduldig auf eine Nachricht wegen Matilde. Isidoro kehrt zurück und behauptet, den Auftrag ausgeführt zu haben. Wie immer lässt er bei der Schilderung des Tathergangs Pegasus die Zügel schießen. Corradinos Freudenbekundung über den Tod der Treulosen klingt nicht sehr überzeugend. Die Contessa holt eben zur großen Verdammung Matildes aus, die schon von "Ehebett und Kommando" geträumt habe, als zur Verblüffung aller Edoardo hereintritt und das Komplott aufdeckt. Nicht Matilde, sondern Udolfo habe ihn befreit, bestochen mit dem Gold der Contessa. Corradino ist außer sich vor Verzweiflung und gesteht Edoardo, dass er Matilde habe töten lassen. Isidoro ahnt, dass sich die Raserei seines Herrn gegen ihn richten könnte und macht sich aus dem Staub. In der Nacht rastet der Dichter in der Nähe von Don Raimondos Burg, vernimmt aber plötzlich zu seinem Schrecken die Stimme Corradinos. Der sucht allerdings gar nicht seinen fantasiebegabten Chronisten, sondern will seiner geliebten Matilde in den Tod folgen. Nun treffen alle vor der Burg aufeinander: Der lebensmüde Corradino, Ginardo und Aliprando, die ihren Herren von dem verhängnisvollen Sprung in die Tiefe abhalten wollen, und Edoardo, der findet, sein Feind habe nun genug gebüßt. Er holt die noch äußerst lebendige Matilde herbei und Isidoro erläutert dieses Wunder: Er habe sie nur "metaphorisch", wie ein Dichter eben, von den Klippen gestürzt, in Wirklichkeit habe sie bei Don Raimondo Zuflucht gefunden.( Und wahrscheinlich Edoardo davon überzeugt, dass sie mit seiner Befreiung nichts zu tun hat.) Corradino sinkt zu Matildes Füßen nieder und bittet sie um Verzeihung, doch sie weist ihn zurück: Niemals könnte sie ihre Hand einem grausamen Despoten reichen, der ständig nur von Blut und Gemetzel träume. Erst wenn er "sein Herz der Güte öffne", die Fehde mit den Lopez beende, werde sie ihn erhören. Corradino schwört ewigen Frieden und stimmt in die allgemeine Lobpreisung der Liebe ein. Das Fazit ziehen Matilde und die Bauern: "Die Frauen sind geschaffen um zu siegen und zu herrschen."
lg Severina :hello
Amonasro (22.04.2016, 22:50): Noch so eine seltene Rossini-Oper! :engel Ich besitze diese Aufnahme:
Die Sänger finde ich bis in kleine Rollen hervorragend. Die Tonqualität ist für eine Live-Aufnahme gut, das Booklet enthält sogar das Libretto (wenn auch nur mit englischer Übersetzung).
Mit Flórez existiert auch eine BD/DVD (ebenfalls Pesaro), die es auch vollständig auf Youtube gibt: https://www.youtube.com/watch?v=d7I5K_GRHx0&nohtml5=False
Gesanglich ist das denke ich gleichwertig. Der Edoardo gefällt mir 2012 besser als auf der CD, die dafür mit dem besseren Isidoro aufwartet. Die Inszenierung finde ich bei dieser Länge etwas einfallslos: Das Bühnenbild besteht nur aus zwei Treppen, auf denen die Sänger ab und an herumlaufen. Der sowieso eher schwachen Geschichte hilft das wenig.
Beide Aufführungen nutzen die zweite Fassung für Neapel, bei der Rossini Pacinis Musik durch eigene ersetzt hat. Interessant finde ich, dass Rossini die betreffenden Nummern nicht einfach zum selben Text komponiert, sondern ganz neue Nummern geschrieben hat. Die Erstfassung hat daher einen ganz anderen Aufbau, z. B. hat Raimondo, der in der Zweitfassung nur ein paar kurze Rezitative zu singen hat, eine Arie und in einem Terzett zu singen. Beide Nummern fehlen für Neapel ebenso, wie eine Arie für Aliprando im 1. Akt; aus einer Arie für Corradino wurde ein Duett mit Edoardo, etc. Leider scheint es von der Erstfassung keine Aufnahme zu geben, wäre sicher ein interessanter Vergleich.
Von der Struktur her ist Matilde di Shabran quasi das Gegenteil von Semiramide, die hauptsächlich aus Arien und Duetten besteht; hier stehen die großen Ensembles im Vordergrund. Es gibt ein Quartett und Quintett im 1. und ein Sextett im 2. Akt. Diese drei Nummern (alle ziemlich lang) sind auch die Höhepunkte des Ganzen. Ansonsten kann ich der Oper weniger abgewinnen, als sonst bei Rossini üblich. Auch das Libretto finde ich relativ schwach, der Humor erschließt sich mir nicht wirklich und ist teilweise ziemlich platt. Die Figuren bleiben sehr oberflächlich und sind teilweise zu wenig mit der Haupthandlung verknüpft. Isidoro wirkt wie eine Kreuzung aus Figaro und Prosdocimo.
Keine von Rossinis größten Schöpfungen, aber wegen einigen eindruckvollen Nummern (Alma rea! Perché t’involi?; Questa è la dea? Che aria! und È palese il tradimento) dennoch hörenswert.
Gruß Amonasro :hello
Hosenrolle1 (22.04.2016, 23:21): Schön, mal wieder eine BD ohne FSK-Flatschen drauf zu sehen :)
Weil´s mich interessiert: in welchen Tonformaten liegt die Aufnahme vor, und wie findest du die Bildqualität?
LG, Hosenrolle1
Amonasro (23.04.2016, 16:09): Oh, das kam wohl nicht ganz heraus: Ich besitze nur die obere Aufnahme, die untere habe ich auf Youtube gesehen, mit natürlich eingeschränkter Bild- und Tonqualität.
Gruß Amonasro
Hosenrolle1 (23.04.2016, 17:40): Alles klar, danke :)