Beethoven, Klavierkonzert No. 4 G-Dur op. 58

Zelenka (02.03.2008, 18:20):
Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht einmal versuche, den Anfang des G-Dur-Klavierkonzertes zu spielen. Und eigentlich war ich noch nie restlos zufrieden damit.

Wilhelm Backhaus


Beethovens 4. Klavierkonzert G-Dur op. 58: Orpheus in der Unterwelt?

0. Diese Fadeneröffnung ist etwas umfangreicher und auch mühseliger geworden als ursprünglich gedacht, eigentlich wollte ich nur die sehr lockere Folge von Beiträgen fortsetzen, in denen ich hier im Forum in meine Lieblingskonzerte eingeführt habe. Es stellte sich dann bei der Beschäftigung mit dem Konzert heraus, daß einiges, das uns die Konzertführer und Booklets mitteilen, eher unsicher ist. Dies betrifft z.B. schon den Termin der ersten Aufführung, aber auch die Frage, ob es sich beim zweiten Satz oder sogar beim ganzen Werk um Programmusik handelt. Und die Probleme machen auch nicht vor dem Notentext Halt: Nach Veröffentlichung des Konzerts hat Beethoven noch einmal überarbeitend eingegriffen und den Solopart handschriftlich virtuoser gestaltet. E.T.A. Hoffmann mochte den fast zirzensischen Aspekt der damaligen Klavierkonzerte überhaupt nicht schätzen, aber dieses lyrischste aller Beethovenschen Klavierkonzerte stellt auch technisch-manuelle Anforderungen, die zu erfüllen und wiederzugeben sind. Zu entscheiden ist auch, ob Beethovens Änderungen gegenüber dem Erstdruck (soweit entzifferbar) ignoriert oder im ganzen gespielt werden sollten – oder aber ob ausgesucht werden darf.

Es gibt Anhaltspunkte dafür, daß Beethoven sein 4. Konzert schon nicht mehr selbst aus der Taufe heben wollte, seine zunehmende Taubheit mag der verständliche Grund sein. Seine ersten drei Konzerte hatte Beethoven lange ungedruckt gelassen, um sie exklusiv als Visitenkarten für sein virtuoses Spiel nutzen zu können, jetzt wurde das Konzert schon vor seiner ersten Aufführung gedruckt. Die Premiere des 5. Konzerts fand dann später noch nicht einmal mehr in Wien statt und auch ganz ohne Beethovens Beteiligung.

1. Beethovens Arbeit am Konzert begann wahrscheinlich 1804, fertig war das Konzert dann wohl im Laufe des Jahres 1807. Eine angebliche Aufführung des Konzerts im privaten Rahmen im Palais Lobkowitz im März des Jahres ist nicht beweisbar. Es ist nur davon die Rede, daß ein Klavierkonzert gegeben wurde. Es kann sich um ein älteres gehandelt haben, denn es wurden auch Symphonien gespielt, die nicht mehr sehr neu waren. Wohl im Herbst 1808 hat Beethoven zwei Pianisten gebeten, sein neuestes, bereits gedrucktes Konzert öffentlich aufzuführen. Beide mußten wegen zu kurzer Vorbereitungszeit und angesichts der Schwere des Soloparts passen, zur Aufführung gelangte stattdessen das 3. Konzert. Die Premiere des 4. Konzerts mußte auf seine Uraufführung bis zum Abend des 22.12.1808 warten. Im Rahmen eines bemerkenswerten vierstündigen Marathons im Theater an der Wien, ausschließlich mit Werken Beethovens, in dem auch zum ersten Mal u.a. die 5. und 6. Symphonie, aber auch die schlechtgeprobte Chorfantasie zu hören waren, erklang als letzter Programmpunkt vor der Pause das 4. Klavierkonzert. Reichardt berichtet über "ein neues Pianoforte-Konzert von ungeheurer Schwierigkeit, welches Beethoven zum Erstaunen brav, in den allerschnellsten Tempis ausführte. Das Adagio ein Meistersatz von schönem durchgeführten Gesang, sang er wahrhaft auf seinem Instrumente mit tiefem melancholischen Gefühl, das auch mich durchströmte." Beethovens Schüler Czerny berichtet, der Meister habe "muthwillig" gespielt. Möglicherweise sind hier zumindest auch jene Abweichungen vom gedruckten Notentext gemeint, von denen weiter oben schon die Rede war.

2. Das Konzert beginnt ganz ungewöhnlich: Der Solist hat - "piano dolce" - das erste Wort. (Die in Booklets und andernorts öfter genannte Parallele zu Mozarts "Jeunehomme"-Konzert KV 271 ist eigentlich keine solche.) Das Backhaus-Zitat über diesem Beitrag deutet die ungeheuren Schwierigkeiten an, hier an ganz entscheidender Stelle den richtigen Ton zu treffen. Nach Kempff dürfen diese ersten Takte nicht gespielt werden, "es ist ein Horchen nach innen." (Ich stelle das Kempff-Zitat in seinem Kontext weiter unten in einem eigenen Beitrag ein.) Das Orchester ist insgesamt, bei allen kürzeren virtuosen Einlagen des Solisten, im ersten Satz der aggressivere Partner. Im ungewöhnlich kurzen Mittelsatz beginnt das Orchester schroff ("staccato", nur die Streicher spielen in diesem Satz), während das Klavier schüchtern antwortet ("molto cantabile"), im weiteren Verlauf des Dialogs kann es dann sein Gegenüber besänftigen. Das Rondo ("vivace") schließt sich ohne Pause unmittelbar an, erst hier im letzten Satz kommen auch die Trompeten und Pauken zu Wort, die in die Welt der Miltärmusik gehören.

3. Beethoven hat kein Programm für das Konzert hinterlassen. Es ist unbekannt, welche außermusikalischen Bezüge die Musik für ihn gehabt haben mag. Schon Czerny fühlte sich beim Mittelsatz allerdings ganz allgemein an antike Tragödien erinnert. Konkreter wurde dann erst der Beethoven-Biograph Adolph Bernhard Marx 1859, indem er den Mittelsatz mit Orpheus in Verbindung brachte, der seine verstorbene Eurydike aus dem Schattenreich zurückholen möchte, ein Unterfangen, das bekanntlich leider am Ende nicht von Erfolg gekrönt ist. Der Mythos von Orpheus und Eurydike wurde zu Beethovens Zeit immer wieder für Opern genutzt, man denke an Gluck, aber auch an Beethovens Freund Kanne. Wenn auch nicht im geringsten beweisbar, ist die Assoziation mit Orpheus bis heute nicht ohne Einfluß auf die Interpretation des Konzerts geblieben. Kempff dachte vielleicht nur im Mittelsatz an Orpheus, Arrau auch schon im Kopfsatz.

4. Beethoven hat erst 1809, im Jahr nach der Uraufführung, Kadenzen für das Konzert nachgereicht, eine längere und eine kürzere, ein wenig verstörende für den ersten Satz und eine für den letzten. Kadenzen sind u.a. von Brahms, Reinecke, Saint-Saens und d'Albert überliefert, man hört sie heute eher selten. Andere Pianisten wie Kempff oder auch in jüngster Zeit Levin haben eigene Kadenzen gespielt. Die Wahl einer Beethovenschen Kadenz für den ersten Satz fällt unterschiedlich aus, Gilels, Brendel und Pollini bevorzugen z.B. die kürzere, häufiger wird die längere gegeben.

5. Einer zeitgenössischen Quelle ist zu entnehmen, daß Beethoven immer zuerst nach den gespielten Tempi gefragt habe, wenn ihm von Aufführungen seiner Werke berichtet wurde. Tempofragen lagen ihm also sehr am Herzen. Für seine Konzerte hat Beethoven keine eigenen Metronomangaben hinterlassen, allerdings gibt Czerny sie für alle Klavierkonzerte an (nur für den letzten Satz des 5. Konzerts fehlt eine Tempoangabe). Im großen und ganzen weichen heutige Aufführungen nicht drastisch von ihnen ab, aber insgesamt wird gewöhnlich doch etwas bedächtiger gespielt. Der erste Satz sollte unabhängig von der verwendetet Kadenz wohl weniger als 17 Min. dauern, der zweite etwa vier, der Schlußsatz weniger als 10. Im ersten Satz tendiert Arrau zur Langsamkeit und möchte das "moderato" in der Satzbezeichnung "Allegro moderato" rot unterstreichen. Man kann ihm entgegenhalten, daß der Satz ein "Allegro" bleiben muß, zumal der Mittelsatz ("Andante con moto") kein eigentlich langsamer ist. (Erst im Laufe des 19. Jhdts. ist die Tempozeichnung "Andante" als relativ langsam verstanden worden.) Im ganzen weniger problematisch ist der letzte Satz, der mit einem "Presto" endet.


Literatur

Fanning, David. "Beethoven's Fourth Piano Concerto on record." International Piano Quarterly Winter 2000: 54-67.
Horowitz, Joseph. Conversations with Claudio Arrau. New York: Knopf, 1982.
Jander, Owen. "Beethoven's "Orpheus in Hades": The Andante con moto of the Fourth Piano Concerto." 19th-Century Music 8.3 (1985): 195-212.
Jander, Owen. "Orpheus revisited: A ten-year retrospect on the Andante con moto of Beethoven's Fourth Piano Concerto." 19th-Century Music 19.1 (1995): 31-49.
Kempff, Wilhelm. Unter dem Zimbelstern: Jugenderinnerungen eines Pianisten (2. unveränderte Aufl.). Laaber: Laaber-Verlag, 1978.
Küthen, Hans-Werner (Hrsg.). Beethoven: Werke: Abt. III, Bd. 3: Klavierkonzerte II. München: Henle, 1996.
Küthen, Hans-Werner. "Die authentische Kammerfassung von Beethovens viertem Klavierkonzert für Klavier und Streichquintett (1807): Eine verwegene Variante im Stil der späten Kadenzen." Bonner Beethoven-Studien 1 (1999): 49-90.
Lockwood, Lewis. Beethoven: The music and the life. New York: Norton, 2003.
Plantinga, Leon. Beethoven's concertos: History, style, performance. New York: Norton, 1999.

Gruß, Zelenka
Zelenka (02.03.2008, 18:22):
Aufnahmen

Die Diskographie von Donald Manildi, die David Fannings Überblicksartikel zu den Aufnahmen des 4. Konzerts vom Winter 2000 beigegeben ist (siehe weiter unten unter "Literatur"), nennt schon 166 Versionen (und ist auch zum damaligen Zeitpunkt nicht ganz vollständig), mittlerweile dürfte die Zahl der Einspielungen längst merklich über 200 liegen. Vielleicht habe ich ein Viertel des Vorhandenen gehört, Vollständigkeit kann und will ich gewiß nicht anstreben. Einiges habe ich bewußt beiseite gelassen, so z.B. die 4. Konzerte aus den Zyklen, die Aimard/Harnoncourt, Schiff/Haitink, Barenboim/Klemperer und Barenboim unter eigener Regie eingespielt haben, Brendel ist hier nur zweimal vertreten, van Immerseel/Weil habe ich schon vor längerer Zeit aus meiner Sammlung entfernt. Ich bedauere einige vielleicht schmerzliche Lücken: Ich habe keine von mehreren Serkin-Versionen gehört, Arrau unter Galliera ist derzeit nicht zu einem akzeptablen Preis zu bekommen. Afanassiev (Oehms) ist schon in einer frühen Vorrunde ausgeschieden, seine "selbsttreuen", lethargisch selbstgefälligen Satzzeiten (23.29, 5.53, 12.00) haben seine sofortige Nichtzulassung zur Folge gehabt. Im übrigen habe ich bei der Bewertung der einzelnen Versionen nicht nur auf die Zeiten für die einzelnen Sätze geschielt, sondern schönes Spiel genossen, wenn es zu genießen war. Dies sind die Aufnahmen, die mir zur Verfügung standen:

Backhaus, LSO, Ronald (1929/30) Andante Great Interpreters 29962999 17.06 4.35 9.51
Schnabel, LPO, Sargent (1933) Philips Great Pianists of the 20th Century 4569612 17.15 4.42 9.00
Gieseking, Staatskapelle Dresden, Böhm (1939) Naxos Historical Great Pianists 8111112 15.01 4.15 9.08
Kempff, Großes O des Reichssenders Breslau, Abendroth (1939) Music & Arts CD1065 16.59 5.55 10.01
Kempff, O des Deutschen Opernhauses, van Kempen (1941) Hänssler Masterpiece CD94045 17.17 5.33 10.13
Hofmann, NYPO, Barbirolli (1941) Intaglio INCD7651 15.22 4.30 9.06
Hofmann, NYPO, Mitropoulos (1943) Music & Arts CD1114 16.20 4.33 9.15
Haskil, LPO, Zecchi (1947) Decca Historic 4259682 17.57 5.02 9.51
Casadesus, Philadelphia O, Ormandy (1947) Artone 222360354 15.52 4.35 8.48
Yudina, Leningrad State Philharmonic O, Sanderling (1948) Vista Vera The Legacy of Maria Yudina vol. 7 VVCD00075 19.55 5.27 9.36
E. Fischer, Paris Conservatoire O, Fistoulari (1949) Music & Arts CD1080 16.53 5.10 10.05
Gieseking, RIAS-Symphonie-O Berlin, Dorati (1950) Tahra TAH409/412 16.07 5.36 9.12
Gieseking, Philharmonia O, von Karajan (1951) Philips Great Pianists of the 20th Century 4568112 16.42 5.03 9.54
Backhaus, VPO, Krauss (1951) Decca Eloquence Dokumente 4761507 17.24 4.38 10.28
Rubinstein, NYPO, Mitropoulos (1951) Archipel Desert Island Collection ARPCD0071 17.19 4.44 8.56
Solomon, Philharmonia O, Cluytens (1952) Testament SBT1220 18.27 5.25 8.51
Gieseking, Kölner Rundfunk-Sinfonie-O, Keilberth (1953) Medici Masters MM0172 15.40 5.11 9.11
Kempff, BPO, van Kempen (1953) DG Original Masters 4740242 17.00 5.17 10.47
Gulda, Wiener Symphoniker (1953) Orfeo Orfeo d'Or C745071B 17.26 3.59 9.47
E. Fischer, Philharmonia O (1954) Testament SBT1169 17.42 4.36 10.49
Curzon, VPO, Knappertsbusch (1954) Decca Legends 4671262 18.42 5.03 10.08
Backhaus, VPO, Knappertsbusch (1954) Artone 222362354 17.17 4.40 9.13
Haskil, O national de France, Cluytens (1955) Archipel Desert Island Collection ARPCD0197 17.32 4.50 9.59
Kempff, Venezuela Symphony O, Reyna (1956) Istituto Discografico Italiano IDIS6481/82 16.50 4.56 12.45
Fleisher, Kölner Radio-Sinfonie-O, Klemperer (1956) Archipel Desert Island Collection ARPCD0348 18.03 5.25 9.36
Gilels, Philharmonia O, Ludwig (1957) Testament SBT1095 18.05 5.29 9.51
Arrau, Philharmonia O, Klemperer (1957) Testament SBT21351 19.24 5.27 10.14
Fleisher, Cleveland O, Szell (1959) Sony Great Performances 82876787672 18.08 5.08 9.07
Richter-Haaser, Philharmonia O, Kertész (1960) Testament SBT1299 18.17 5.43 9.52
Kempff, BPO, Leitner (1961) DG 2CD 4594002 17.17 4.49 10.32
Brendel, Wiener Symphoniker, Wallberg (1961) Regis RRC1047 17.52 4.55 10.49
Gould, NYPO, Bernstein (1961) Sony Glenn Gould Edition SM3K52632 19.16 6.40 10.45
Katchen, LSO, Gamba (1963) Decca The Art of Julius Katchen 4608252 17.07 5.04 9.44
Arrau, Royal Concertgebouw O, Haitink (1964) Philips Eloquence 4624552 19.22 5.31 10.08
Rubinstein, Boston Symphony O, Leinsdorf (1964) RCA Red Seal The Rubinstein Collection 09026630582 18.34 4.38 9.58
Gilels, O A. Scarlatti di Napoli della RAI, Pradella (1965) Classica d'Oro CDO3044 18.44 6.20 10.15
Gilels, Cleveland O, Szell (1968) EMI Double Forte CZS5695062 18.51 5.47 10.00
Gulda, VPO, Stein (1971) Decca Amadeo Eloquence 4768761 19.10 5.56 10.00
Kovacevich, BBC Symphony O, C. Davis (1974) Philips Duo 4425772 18.28 5.28 9.02
Weissenberg, BPO, von Karajan (1974) EMI Karajan Collection 724347688621 18.26 5.07 9.44
Pollini, VPO, Böhm (1976) DG 4134452 17.13 5.06 10.07
Arrau, BRSO, Bernstein (1976) DG Collectors Edition 002894776690 20.00 5.40 10.08
Curzon, BRSO, Kubelik (1977) Audite 95459 19.39 5.39 10.22
Lupu, Israel Philharmonic O, Mehta (1977) Decca 4757065 18.52 4.46 10.11
Arrau, Staatskapelle Dresden, C. Davis (1984) Philips 50 Great Recordings 2894646812 20.56 6.09 10.34
Perahia, Royal Concertgebouw O, Haitink (1984) Sony 88697102902 18.57 5.09 9.45
Lubin, Academy of Ancient Music, Hogwood (1987) Decca 4757297 18.25 4.34 10.00
Arrau, Philadelphia O, Muti (1988) DVD Philips 0750929 20.19 5.35 10.16
Zimerman, VPO, Bernstein (1989) DG 4297492 19.17 5.37 10.04
Uchida, Royal Concertgebouw O, Sanderling (1994) Philips 4756757 19.19 5.07 10.12
Pollini, BPO, Abbado (1995) DG 4458502 17.18 5.17 10.00
Entremont, Netherlands Chamber O (1995) Vanguard 99119 18.51 5.50 10.07
Levin, O Révolutionnaire et Romantique, Gardiner (1997) DG Archiv 4576082 18.32 5.24 10.54
Brendel, VPO, Rattle (1997) Philips 4627812 17.41 5.03 10.11
Moravec, Prague Philharmonia, Belohlávek (2003) Supraphon SU37142031 17.31 5.18 9.24
Schoonderwoerd, Cristofori (2004) Alpha 079 16.18 3.56 10.41
Haefliger, BBC Scottish Symphony O, Brabbins (2004) DVD BBC Music DVD001 19.08 5.06 9.34
Bronfman, Tonhalle O Zürich, Zinman (2005) Arte Nova 82876640102 18.21 4.25 9.52
Berezovsky, Swedish Chamber O, Dausgaard (2005) Simax 1280 18.11 4.34 9.54

Version für Klavier und Streichquintett (rekonstruiert von Hans-Werner Küthen)

Levin, Members of the O Révolutionnaire et Romantique (1997) 17.20 5.14 10.26

(Ich habe die Trackzeiten für alle drei Sätze vermerkt, obwohl die Zeiten der Ecksätze wegen der jeweils gewählten Kadenzen nicht direkt vergleichbar sind.)

Die frühe Diskographie beginnt mit Aufnahmen, die durchaus auch heute noch hörenswert sind: Backhaus mag ein wenig nüchtern oder neutral spielen (wie später auch), Schnabel im einzelnen nicht perfekt sein, wie es 6 Jahre später auch Gieseking nicht ist, aber die letzteren spielen mit einer Frische und mit Tempi, die Beethovens (oder Czernys) Vorstellungen im ganzen eher entsprechen als so manche spätere Deutung, die Langsamkeit mit Bedeutungsschwere verwechselt. Die späteren hier vertretenen Aufnahmen Giesekings fallen leider ab, etwa jene unter dem sehr kongenial begleitenden Karajan, die das Produkt einer Woche ist, in der die beiden mehr schlecht als recht insgesamt fünf Konzerte verschiedener Komponisten einspielten. Kempffs Livemitschnitt unter Abendroth von 1939 leidet unter seiner sehr mäßigen Klangqualität, die bei allem schönen Spiel eine Empfehlung letztlich ausschließt, jedenfalls aber der Studioaufnahme von 1941 vorzuziehen ist. Man kann nur dankbar sein, daß der Klang im Falle von Josef Hofmanns Live-Version von 1941 einigermaßen akzeptabel ist, denn dies ist meiner Meinung nach eine der großen Interpretationen des Konzerts. Von der pianistischen Seite her ist sie geradezu atemberaubend und unerhört, eine gewisse "Mutwilligkeit" und Eigenwilligkeit, was die Partitur angeht, entspricht durchaus dem Beethovenschen Geist. Barbirolli ist ein sehr aufmerksamer Begleiter und wohl insgesamt Mitropoulos in der späteren Aufnahme vorzuziehen. (Der oben angegebene Transfer ist dem von Archipel vorzuziehen.) Clara Haskils durchaus spannungsgeladene und virtuose Studioversion von 1947 verdient sicher gehört zu werden, während Casadesus leider nur eine nüchterne, eher langweilige Vorstellung gibt und auch keine brauchbare Unterstützung von Ormandy erfährt. Haskils spätere Live-Aufnahme unter Cluytens ist schon wegen der im ganzen eher mäßigen Orchesterleistung nicht so gelungen. In jeder Hinsicht mißraten, auch aufnahmetechnisch, ist Yudinas Version, einmal wieder wird verständlich, daß S. Richter sofort unter Kopfschmerzen litt, wenn er ihr unsensibles Spiel hörte. Fischer sollte besser schon aus aufnahmetechnischen Gründen unter seiner eigenen Leitung als unter Fistoulari gehört werden, in beiden Fällen mangelt es allerdings ein wenig an Spannung, auch wenn einzelne Details hörenswert bleiben. Guldas Einspielungen von 1953 und 1971 sind leider sehr vergeßbar.

Die gehörten Backhaus-Versionen aus den 50ern bleiben nüchtern und gehören wohl nicht zu den großen Aufnahmen des Konzerts. Rubinstein ist 1951 unter dem wiederum nicht großartig begleitenden Mitropoulos noch schneller und impulsiver als später unter Leinsdorf (er spielt auch noch seine eigenen Kadenzen). Letztlich enttäuschend bleibt Solomons Einspielung, was möglicherweise auch der Tatsache geschuldet ist, daß Dirigent und Orchester nicht miteinander zurechtkamen. Kempffs Studioversion von 1953 unter van Kempen ist wohl insgesamt seiner späteren Zusammenarbeit mit Leitner, dessen Begleitung vielleicht etwas weniger inspiriert ist, vorzuziehen. Kempffs Spiel zeichnet sich vor allem durch seine ungewöhnliche Farbigkeit und Delikatesse aus, Attribute, die man auch Curzons Vorgehensweise unter Knappertsbusch fast in ähnlichem Umfang zuordnen kann, auch wenn sich letztlich Kempff dann doch etwas natürlicher anhört. Gleichwohl ist Curzon ein ganz besonders beeindruckender lyrischer Mittelsatz gelungen. Seine spätere Rundfunkaufnahme unter Kubelik aus den 70ern ist entspannter, insgesamt aber nicht ganz auf gleich hohem Niveau. Die in Venezuela 1956 entstandene Live-Aufnahme Kempffs ist schon alleine ob des chaotisch begleitenden Orchesters nur etwas für Kempff-Komplettisten. Die im selben Jahr aufgenommene Kölner Rundfunkversion Fleishers habe ich erst kürzlich kennengelernt. Sie hat mich überrascht, und ich ziehe sie inzwischen seiner Studioeinspielung unter dem als Begleiter oft problematischen Szell vor. Klemperer begleitet mit deutlich mehr Phantasie und läßt gleichzeitig dem frisch aufspielenden Solisten ein größeres Maß an Freiheit. Auch der zupackende und gleichzeitig doch poetische Gilels kommt unter Szell nicht recht ins Spiel, seine Aufnahmen unter Ludwig und sogar unter Pradella (hier mit einem dann doch viel zu langsam genommenen Mittelsatz) lassen einen engagierter spielenden Solisten zum Vorschein kommen. Auch im Falle Arraus ist es wieder Klemperer, der den Solisten im besten Licht erscheinen lässt, allerdings eher in dem Sinne, daß er ihm nicht wie später Haitink und dann besonders Colin Davis etwa in Tempofragen zu weit entgegenkommt. Unter Davis wird die Partitur ein wenig zu intensiv ausgekostet, tendenziell geschieht dies auch in der DVD-Version unter Muti, Bernsteins teils schleppendes, spannungsloses Dirigat ist 1976 im ganzen desaströs. Richter-Haasers Einspielung unter Kertesz wird bisweilen als "Geheimtip" gehandelt und sogar auf gleicher Höhe mit Gilels unter Ludwig gesehen, mir trägt er allerdings ein wenig zu dick auf. Brendel ist 1961 unter Wallberg um einiges frischer als fast 40 Jahre später unter Rattle, ich bin deswegen auch geneigt, über die insgesamt eher mäßige Orchesterleistung hinwegzusehen. Brendels letzte Studioeinspielung ist letztlich nicht mehr als sehr ordentlich zu nennen, ein gewisses Extra fehlt. Dagegen merkt man Gould schon während der Eröffnungstakte an, daß er um Individualität bemüht ist, koste es, was es wolle: Czerny sanktionierte das Brechen des ersten Akkords, Gould bricht alle außer dem ersten. Der von Bernstein und ihm selbst unerträglich zerdehnte Mittelsatz gerät zur Karikatur.

Katchen spielt durchaus inspiriert und wird von Gamba aufmerksam und straff begleitet. Kovacevich unter Davis kostet die lyrischen Elemente in den beiden ersten Sätzen ein wenig mehr aus, legt dann aber im Finale umso mehr zu. Dies ist insgesamt immer noch eine sehr hörenswerte Aufnahme, auch wenn ich mich wohl nie ganz mit Kovacevichs Anschlag anfreunden werden kann. Schon rein manuell auf höherem Niveau anzusiedeln ist Pollini unter Böhm, der seine Fähigkeiten im Presto nicht einmal voll ausspielt. Böhm ist ein aufmerksamerer und flexiblerer Begleiter als Pollinis Freund Abbado, auch wenn letzterem ein insgesamt besseres Orchester zur Verfügung stand. (2004 spielte Pollini das Konzert in Luzern unter Abbado, dort hat die Zusammenarbeit besser funktioniert als im Studio. Störend allerdings ist ein fast durchgehendes Vokalisieren des Solisten.) Weissenberg unter Karajan ist, für mich ein wenig überraschend, eher lyrisch als brilliant eingestellt. Insgesamt ist dies eine tiefempfundene Version, die zu respektieren ist, auch wenn sich im einzelnen Vorbehalte melden. Lupu hat es mit einem eher mäßigen Orchester zu tun, Perahia mit einem eher einfallslosen Dirigenten, im übrigen ist es schwer, sich zwischen den beiden zu entscheiden. Im Falle Zimermans wiederum fällt mir die Ablehnung einigermaßen leicht. Man merkt seinem steifen, etwas phantasielosen Spiel an, daß er kein eigentlicher Beethoven-Pianist ist. Problematisch wie so oft ist Uchida, die immer wieder betörend spielt, aber mehr die einzelnen Bäume als den Wald sieht. Ihr Dirigent kann sie leider nicht davon abhalten. Entremonts Einspielung ist uninspiriert und höchstens routiniert zu nennen, auch Haefliger kann mich nicht überzeugen. Moravec, Bronfman und Berezovsky machen Freude, auch wenn mir Bronfmans Züricher Orchester einmal wieder ein wenig steril vorkommt.

Unter den gehörten Aufnahmen sind drei, die "historisch informiert" sind oder es zumindest sein wollen. In zwei von ihnen, Lubin/Hogwood und Levin/Gardiner, fungiert ein anachronistischer Dirigent. In dieser Hinsicht sind sogar die Versionen auf modernen Instrumenten von E. Fischer und Entremont historisch korrekter. (Daß Beethoven in einem Fall eines seiner Klavierkonzerte dirigiert hat, als ein Schüler Solist war, war eine Ausnahme von der Regel.) Schoonderwoerd rekonstruiert jene nicht belegbare, also inauthentische private Premiere im Palais Lobkowitz, von der weiter oben schon die Rede war. Der Platzmangel dort liefert die Rechtfertigung für das minimale Orchester von weniger als zwei Dutzend Mitgliedern, deren "authentische" Klangproduktion aber nichtsdestotrotz dank der Aufnahmetechnik ungeheuer aufdringlich wirkt. Schoonderwoerds pianistische Leistungen sind nicht mehr als ordentlich, wie auch jene Lubins. Auch wenn die Tempi für eine historisch informierte Aufführung eher ein wenig breit sind, macht Levins Einspielung noch die meiste Freude. Eher eine Kuriosität ist die von Levin und seinem Streichquintett vorgelegte Einspielung der Kammermusikfassung. Levin spielt hier Beethovens handschriftliche Änderungen des Soloparts, von denen der Beethoven-Forscher Küthen wohl zu Unrecht annimmt, sie seien für die Kammerversion gedacht gewesen.

Ich wage es nicht, eine eindeutige Spitzenempfehlung für eine einzige Aufnahme des Konzerts zu geben. Insgesamt kommt meiner Meinung nach Hofmann, besonders unter Barbirolli, Beethovens Geist am nächsten: Hofmann spielt frei und ein wenig "mutwillig", und das mit einer stupenden Technik, die wohl einzigartig ist. Ganz oben würde ich auch Pollini unter Böhm, Arrau unter Klemperer und nach einigem Nachdenken auch Weissenberg unter Karajan ansiedeln. Dann folgt ein größeres Feld von Versionen, die jede auf ihre Art unbedingt hörenswert sind. Dazu gehören Gieseking unter Böhm, Haskil/Zecchi, Kempff/van Kempen, Curzon (beide hier vertretenen Aufnahmen), Fleisher/Klemperer, Gilels/Ludwig, Brendel/Wallberg, Katchen/Gamba, Lupu/Mehta, Perahia/Haitink, (nach einigem Zögern und trotz des Dirigenten) Uchida/Sanderling, Moravec/Belohlávek und Berezovsky/Dausgaard. Dem, der das Konzert partout auf "historischen" Instrumenten gespielt hören möchte, sei Levin unter Gardiner empfohlen.

Gruß, Zelenka
Zelenka (02.03.2008, 18:24):
Arthur Nikisch! Ich sehe dein schönes, gefährlich schönes Männerantlitz vor mir, aus dem zwei gütige Menschenaugen leuchteten, sehe, wie sich dieses Antlitz unmerklich neigte, um mir zu bedeuten, daß es so weit sei, die ersten Takte des Beethovenschen G-dur-Konzertes erklingen zu lassen.

Es gibt wohl in der ganzen Klavierliteratur kaum etwas, was diesem Anfang des Vierten Beethovenschen Konzertes zu vergleichen wäre. Das Orchester schweigt. Aber schweigt der Solist nicht auch auf seine Weise? Diese ersten Takte dürfen nicht gespielt werden. Es ist ein Horchen nach innen. Deshalb kann die Technik hier nichts ausrichten. Und jede Absichtlichkeit würde hier nur zerstörend wirken, denn das Unabsichtliche, "hier wird's Ereignis!"

Und dann der zweite Satz dieses Klavierkonzertes. Auf diesen zwei Seiten der Partitur sind nur wenige Noten zu entdecken. Dafür viele Pausenzeichen, die wie schwarze große Vögel zwischen den Notenlinien hocken, Zeichen für Pausen, die den Atem stocken lassen, Beethovensche Pausen. Und zwischen diesen dunklen Schatten windet sich Orpheus hindurch, zuerst nur tastend, - denn welches sterbliche Auge wäre an solche Finsternis gewöhnt? Ungerührt und feindlich trotzend stellen sich ihm die Gewalten der Unterwelt entgegen. Orpheus spielt. Und wie er spielt, wird er gewahr, daß in den Furien noch ein letztes schwaches Leuchten ihrer einstigen Seele glimmt. Jetzt greift er stärker in die Saiten. Das Leid der Welt, das Leid der Menschen, derer, die da gewesen, die da sind, derer, die da kommen werden, es formt sich ihm zum Liede. Und so erleidet Orpheus den Gesang. Und wie er einst die wilden Tiere zähmte, die Stein' erweichte mit seiner Seele Singen, so schwindet auch der dumpfe Widerstand der Furien. Noch zuckt es hier und dort, bis Hartes sich dem Weichen gibt und selig auflöst. Der Weg ist frei, der Weg in die ewige Helle. Nacht muß es sein, auf daß Licht werde.

Wilhelm Kempff, Unter dem Zimbelstern
nikolaus (02.03.2008, 19:45):
Danke!!! :down
Amadé (02.03.2008, 20:40):
Lieber Zelenka,

Gratulation!

Gruß Amadé
nikolaus (02.03.2008, 22:25):
Meine Aufnahmen habe ich gerade im Vergleich gehört:

Mitsuko Uchida
Kurt Sanderling, Royal Concertgebouw Orchestra

Hélène Grimaud
Kurt Masur, New York Philharmonic

Pierre-Laurent Aimart
Nikolaus Harnoncourt, Chamber Orchestra of Europe

Glenn Gould
Leonard Bernstein, New York Philharmonic

Schwierig, jede hat ihre überzeugenden Seiten:

Uchida: purer Schönklang

Grimaud: jugendliches Ungestüm bei phasenweise sehr schönem Klang

Aimard: detailfreudig u. ausgefeilt

Gould: hat auf mich komicherweise angenehm schlicht gewirkt und gar nicht so um Individualität bemüht, wie Zelenka schreibt (da finde ich Aimard bemühter)

Berührt haben mich Gould und Uchida am meisten, Aimard am wenigsten.
Gould, vielmehr das Orchester unter Bernstein, wirkt schleppend, daher ist wohl Uchida im Gesamteindruck am stärksten.

Wohlgemerkt spreche ich hier vom Gesamteindruck!!

Nikolaus.
Rachmaninov (03.03.2008, 09:49):
Zelenka,

gerade habe ich nochmals nachgelesen wann ich das Thema für Dich reserviert habe. Es war der 15.11.2007. Dies läßt wohl erahnen wie viele Hörsitzungen und wie viele Stunden Du Dich mich diesem Werk auseinander gesetzt haben mußt seit der Entscheidung diesen Thread zu starten.
Jeder der jemals einen derartigen Beitrag gestartet hat kann ermessen welche Arbeit dahinter steht und das jede Zeile wohl überlegt sein muß um das was man alles gelesen und recherchiert hat kompakt in einen Thread einzubringen.
Alleine die ausgewiesenen Literaturquellen lassen erahnen wie intensiv Du Dich mit dem Werk auseinander gesetzt hast. Sicherlich nicht nur seit der Entscheidung dem Werk einen Thread zu widmen.


Und die Probleme machen auch nicht vor dem Notentext Halt: Nach Veröffentlichung des Konzerts hat Beethoven noch einmal überarbeitend eingegriffen und den Solopart handschriftlich virtuoser gestaltet. E.T.A. Hoffmann mochte den fast zirzensischen Aspekt der damaligen Klavierkonzerte überhaupt nicht schätzen, aber dieses lyrischste aller Beethovenschen Klavierkonzerte stellt auch technisch-manuelle Anforderungen, die zu erfüllen und wiederzugeben sind. Zu entscheiden ist auch, ob Beethovens Änderungen gegenüber dem Erstdruck (soweit entzifferbar) ignoriert oder im ganzen gespielt werden sollten – oder aber ob ausgesucht werden darf.


Hier vertrete ich klar die Ansicht eine Überarbeitung von Beethoven selbst stellt seinen endgültigen Willen dar und sollte daher auch gespielt werden. Wahrscheinlich befolgen dies auch die meisten Pianisten vor allem da es virtuoser durch die Änderung wurde.


Reichardt berichtet über "ein neues Pianoforte-Konzert von ungeheurer Schwierigkeit, welches Beethoven zum Erstaunen brav, in den allerschnellsten Tempis ausführte. Das Adagio ein Meistersatz von schönem durchgeführten Gesang, sang er wahrhaft auf seinem Instrumente mit tiefem melancholischen Gefühl, das auch mich durchströmte." Beethovens Schüler Czerny berichtet, der Meister habe "muthwillig" gespielt. Möglicherweise sind hier zumindest auch jene Abweichungen vom gedruckten Notentext gemeint, von denen weiter oben schon die Rede war.


Wie schmerzlich muß es für Beethoven gewesen sein dieses Werk nicht mehr mit ganzer Hörleistung erleben zu können und wohl noch schmerzlicher den Applaus nicht in voller Lautstärke zu erleben. Welch eine satanische Höllenqual für eine Komponisten und Pianisten. Bedauernswert….
Leider fand sich wohl niemand anderes der in der Lage gewesen wäre das Konzert zu spielen. Vermutlich beruhen die Änderungen wohl auch auf der Tatschache, daß Beethoven letztendlich erkannte das Konzert selber spielen zu müssen und er sich dann auch letztendlich für die virtuose Änderung entschieden hat. Wenn die „leichte“ Fassung anderen schon zu schwer war und sie sich verweigerten, dann wohl nach seiner Fassung.


2. Das Konzert beginnt ganz ungewöhnlich: Der Solist hat - "piano dolce" - das erste Wort. (Die in Booklets und andernorts öfter genannte Parallele zu Mozarts "Jeunehomme"-Konzert KV 271 ist eigentlich keine solche.) Das Backhaus-Zitat über diesem Beitrag deutet die ungeheuren Schwierigkeiten an, hier an ganz entscheidender Stelle den richtigen Ton zu treffen. Nach Kempff dürfen diese ersten Takte nicht gespielt werden, "es ist ein Horchen nach innen." (Ich stelle das Kempff-Zitat in seinem Kontext weiter unten in einem eigenen Beitrag ein.) Das Orchester ist insgesamt, bei allen kürzeren virtuosen Einlagen des Solisten, im ersten Satz der aggressivere Partner. Im ungewöhnlich kurzen Mittelsatz beginnt das Orchester schroff ("staccato", nur die Streicher spielen in diesem Satz), während das Klavier schüchtern antwortet ("molto cantabile"), im weiteren Verlauf des Dialogs kann es dann sein Gegenüber besänftigen. Das Rondo ("vivace") schließt sich ohne Pause unmittelbar an, erst hier im letzten Satz kommen auch die Trompeten und Pauken zu Wort, die in die Welt der Miltärmusik gehören.


Danke für diese kurze und prägnante Darstellung. Sie wird sehr hilfreich sein während der anstehenden Hörsitzungen….


5. Einer zeitgenössischen Quelle ist zu entnehmen, daß Beethoven immer zuerst nach den gespielten Tempi gefragt habe, wenn ihm von Aufführungen seiner Werke berichtet wurde. Tempofragen lagen ihm also sehr am Herzen.


Es läßt sich ja nicht beweisen, aber eventuell bewußt um hier den Pianisten in die Entscheidung zu zwingen mit welchem Tempo er das Werk spielen will / soll. ?!?!

Das schöne an Deinem Beitrag ist für ich, daß ich mich bisher eher mit Klavierkonzert 3. und 5. beschäftigt habe. Dies ermöglicht mir in gewisser weise eine Entdekung des Werkes :thanks
teleton (03.03.2008, 11:34):
Danke Zelenka,

für die große Ausenandersetzung mit diesem großen Klavierkonzert Nr.4 von L.V.Beethoven.

Ich habe mich in den letzten Wochen auch mit den Beethoven KK beschäftigt und mir als Ergänzung die Weissenberg/Karajan (EMI)-Aufnahmen zugelegt, die mich durchweg nicht so begeistern.
Es fehlt mir bei Weissenberg an der letzten Brillanz und ... ganz leihenhaft ausgedrückt- das Klavier "perlt" bei Weissenberg nicht.
Es fehlt mir auch an Emotion und packendem Zugriff.


Leider ist eine der beiden favorisierten Aufnahmen des KK Nr.4 nicht in Deiner Liste aufgeführt, die für mich beide den "Abstrich des Perfekten" haben:

Brendel, London SO, Haitink (Philips, 1972, ADD)
Fleisher, Cleveland Orch., Szell (SONY, 1962, ADD).

In deinen Zeilen läßt Du durchblicken, dass Szell als Begleiter manchmal problematisch wäre. Dies kann ich nicht nchvollziehen, denn gerde Szell empfinde ich bei Konzerten als fabelhaften Dirigenten, der Orchester und Solist gleichwertig erscheinen läßt. Das finde ich wichtig, da für mein Hörempfinden zu einer gelungenen Konzertaufnahme nicht nur ein TOP-Solist, sondern auch ein gutes Orchester gehört.
Szell als Begleiter der KK von Beethoven, Prokofieff, Brahms (Fleisher und Serkin) - - - für mich absolute Spitze.

Brendel ist für mich auch ein fabelhafter Beethoven - Interpret, der bei Haitink eine bessere Unterstützung findet als später mit Levin. Die Levin/Brendel-Aufnahme habe ich wieder aus meinem Bestand entfernt - ich konnte mich mit ihr nach Haitink nicht mehr anfreunden.
In Deiner Auflistung ist auch auch Gulda/Stein enthalten.

Die Beethoven-Sonaten mit Gulda sind IMO ein MUSS.
Die in der Decca/Amadeo-CD-Box enthaltenen KK mit Stein, Wiener PH sind in meinen Ohren lasch, was stark an der schlechten und mehr routinierten Orchesterbegleitung liegt - die Aufnahme hat für meinen Geschmack nichts reizendes, begeisterndes zu bieten.
Cetay (inaktiv) (03.03.2008, 12:09):
@ Zelenka

Mein Kompliment für diesen herausragenden Beitrag. :down

Ich glaube nicht, dass ich überhaupt irgend ein klassisches Werk schon 60 mal gehört habe. Das auch noch vergleichend zu tun, ist eine Dimension, die sich meiner Vorstellungskraft entzieht.
Umso bedauerlicher ist es, dass ausgerechnet die Brendel/Levine Aufnahme, - die einizge neben Uchida, die ich gut kenne :ignore :J- fehlt. Ich hätte gerne erfahren, wie du sie einschätzt.
Jedenfalls hat mich der Beitrag dazu ermutigt, mich wieder mit diesem Werk auseinanderzusetzen. Ich hatte bisher immer das Gefühl, dass die Konzertführer bei der Mystifizierung (sehr schön in dem Kempffschen Zimbelstern Beitrag nachempfunden) etwas übertreiben, aber vielleicht habe ich einfach noch nicht die richtige Aufnahme gehört. ?(
Nordolf (03.03.2008, 12:57):
Auch wenn ich leider hier nichts beitragen kann (die Beschäftigung mit den KKs von Beethoven steht bei mir noch aus), will ich meine Anerkennung für Deinen Beitrag aussprechen: brilliant recherchiert, hervorragend geschrieben, in den Kommentaren zu den Aufnahmen sehr persönlich - einfach rundum gelungen!

:hello
Jörg
Zelenka (03.03.2008, 16:10):
Ganz herzlichen Dank für Eure (natürlich zu) freundlichen Reaktionen auf meinen Beitrag!

:thanks

Gruß, Zelenka
Zelenka (03.03.2008, 16:15):
Original von nikolaus

Gould: hat auf mich komicherweise angenehm schlicht gewirkt und gar nicht so um Individualität bemüht, wie Zelenka schreibt (da finde ich Aimard bemühter)

Berührt haben mich Gould und Uchida am meisten, Aimard am wenigsten.
Gould, vielmehr das Orchester unter Bernstein, wirkt schleppend, daher ist wohl Uchida im Gesamteindruck am stärksten.

Wohlgemerkt spreche ich hier vom Gesamteindruck!!

Nikolaus.

Die außer dem ersten durchgehend von Gould gebrochenen Akkorde ganz zu Anfang des Konzerts interpretiere ich z.B. schon als ein angestrengtes Bemühen, anders als die Masse zu sein ...

Gruß, Zelenka
Zelenka (03.03.2008, 16:30):
Original von Rachmaninov

Hier vertrete ich klar die Ansicht eine Überarbeitung von Beethoven selbst stellt seinen endgültigen Willen dar und sollte daher auch gespielt werden. Wahrscheinlich befolgen dies auch die meisten Pianisten vor allem da es virtuoser durch die Änderung wurde.




Es ist und bleibt ein Problem, wie man mit Beethovens letzten Gedanken zum Konzert verfahren soll. Wie schon angedeutet, sind sie teils schwer zu entziffern, teils auch nur in der Manier einer Gedächtnisstütze angedeutet, und müssen stellenweise für eine Aufführung mit etwas Phantasie ergänzt werden. Wenn man ergänzt, entfernt man sich natürlich möglicherweise von Beethovens Intentionen. Ich gehe davon aus, daß er mit seinem vierten Konzert aus alter Gewohnheit wie mit seinen lange ungedruckten ersten Konzerten verfahren ist: Er war ein großartiger Improvisator, jede Aufführung seiner Konzerte fiel anders aus. Im übrigen ist das Konzert auch ohne die Änderungen spieltechnisch nicht ganz ohne ...
Zelenka (03.03.2008, 16:52):
Original von teleton
Danke Zelenka,

für die große Ausenandersetzung mit diesem großen Klavierkonzert Nr.4 von L.V.Beethoven.

Ich habe mich in den letzten Wochen auch mit den Beethoven KK beschäftigt und mir als Ergänzung die Weissenberg/Karajan (EMI)-Aufnahmen zugelegt, die mich durchweg nicht so begeistern.
Es fehlt mir bei Weissenberg an der letzten Brillanz und ... ganz leihenhaft ausgedrückt- das Klavier "perlt" bei Weissenberg nicht.
Es fehlt mir auch an Emotion und packendem Zugriff.


Leider ist eine der beiden favorisierten Aufnahmen des KK Nr.4 nicht in Deiner Liste aufgeführt, die für mich beide den "Abstrich des Perfekten" haben:

Brendel, London SO, Haitink (Philips, 1972, ADD)
Fleisher, Cleveland Orch., Szell (SONY, 1962, ADD).

In deinen Zeilen läßt Du durchblicken, dass Szell als Begleiter manchmal problematisch wäre. Dies kann ich nicht nchvollziehen, denn gerde Szell empfinde ich bei Konzerten als fabelhaften Dirigenten, der Orchester und Solist gleichwertig erscheinen läßt. Das finde ich wichtig, da für mein Hörempfinden zu einer gelungenen Konzertaufnahme nicht nur ein TOP-Solist, sondern auch ein gutes Orchester gehört.
Szell als Begleiter der KK von Beethoven, Prokofieff, Brahms (Fleisher und Serkin) - - - für mich absolute Spitze.

Brendel ist für mich auch ein fabelhafter Beethoven - Interpret, der bei Haitink eine bessere Unterstützung findet als später mit Levin. Die Levin/Brendel-Aufnahme habe ich wieder aus meinem Bestand entfernt - ich konnte mich mit ihr nach Haitink nicht mehr anfreunden.
In Deiner Auflistung ist auch auch Gulda/Stein enthalten.

Die Beethoven-Sonaten mit Gulda sind IMO ein MUSS.
Die in der Decca/Amadeo-CD-Box enthaltenen KK mit Stein, Wiener PH sind in meinen Ohren lasch, was stark an der schlechten und mehr routinierten Orchesterbegleitung liegt - die Aufnahme hat für meinen Geschmack nichts reizendes, begeisterndes zu bieten.
Lieber Teleton:

Ich hatte schon gesehen, daß Dich Weissenberg nicht begeistert hat. Ich bleibe allerdings bei meiner Ansicht, daß Weissenberg und Karajan hier durchaus eine sehr tiefempfundene Einspielung gelungen ist - da macht es mir nichts aus, daß es nicht "perlt". Es ist eine ganz andere Sicht auf das Konzert als etwa bei Hofmann.

Ja, Brendel ist ein immer hörenswerter Beethoven-Interpret, ich bin auch mit seinen anderen Konzert-Zyklen ein wenig vertraut, besitze sie aber bei aller Wertschätzung nicht. Ich führchte, seine späteren Aufnahmen sind nicht unbedingt immer die besseren.

Szell ist als Begleiter oft diktatorisch und doktrinär gewesen, manche Solisten leben noch und könnten das eine oder andere mitteilen. Seine Zusammenarbeit mit Fleisher ist im Falle dieses 4. Konzerts nicht so erfolgreich verlaufen wie bei den beiden Brahms-Konzerten, die in der Tat Referenzaufnahmen sind.

Möglicherweise sind die Gulda-Beethovensonaten ein Muß (ich sehe das nicht so ganz), aber die Konzerte unter Stein sind es gewiß nicht. Da sind wir uns einig.

Gruß, Zelenka
Zelenka (03.03.2008, 17:08):
Original von Dox Orkh
@ Zelenka

Mein Kompliment für diesen herausragenden Beitrag. :down

Ich glaube nicht, dass ich überhaupt irgend ein klassisches Werk schon 60 mal gehört habe. Das auch noch vergleichend zu tun, ist eine Dimension, die sich meiner Vorstellungskraft entzieht.
Umso bedauerlicher ist es, dass ausgerechnet die Brendel/Levine Aufnahme, - die einizge neben Uchida, die ich gut kenne :ignore :J- fehlt. Ich hätte gerne erfahren, wie du sie einschätzt.
Jedenfalls hat mich der Beitrag dazu ermutigt, mich wieder mit diesem Werk auseinanderzusetzen. Ich hatte bisher immer das Gefühl, dass die Konzertführer bei der Mystifizierung (sehr schön in dem Kempffschen Zimbelstern Beitrag nachempfunden) etwas übertreiben, aber vielleicht habe ich einfach noch nicht die richtige Aufnahme gehört. ?(

Lieber Dox:

Eigentlich sollte schon bei 30 Versionen Schluß mit dem Vergleichshören sein, aber es ist anders gekommen. Trotzdem fehlt natürlich immer noch Wichtiges wie möglicherweise Brendel unter Levine. Ich hätte weitermachen können, aber offengestanden möchte ich auch vermehrt wieder andere Musik hören ... Ich hatte mich zwischendurch schon leidgehört an einem meiner Lieblingskonzerte. (Dies nur als freundliche Warnung für jeden, der in die Hölle des Vergleichshörens eingehen möchte ...)

Jedem Hörer ist selbst überlassen, was er sich für Gedanken beim Hören des zweiten Satzes macht. Er sollte vielleicht schon an Oper oder Theater denken, aber nicht unbedingt an Orpheus und seine Eurydike. Der Mythos mußte allerdings allein deswegen schon erwähnt werden, weil er die Interpretationsgeschichte des Konzerts stark beeinflußt hat. Der Komponist mag an etwas ganz anderes gedacht haben.

Gruß, Zelenka
HenningKolf (03.03.2008, 18:53):
Recht herzlichen Dank für den Aufwand, den Du zwecks Erstellung des Fadens betrieben hast. Dass derartig exzessives Vergleichshören die Gefahr mit sich bringt, dass einem der Genuss beim Hören von Lieblingskompositionen vergällt wird, liegt nahe.

Da das 4. Konzert in der Tat wohl das "lyrischste" der Beethov´schen Konzerte ist verträgt es eine auf "Schönklang" ausgerichtete Herangehensweise in meinen Ohren gut, sodass derzeit meine Lieblingsaufnahme die mit Uchida unter Sanderling ist. Die CD (ich habe hier die Gesamteinspielung aller Konzerte) hat - jedenfalls derzeit, so etwas ändert sich gelegentlich - Kempff unter Leitner als meinen persönlichen Favoriten abgelöst. Sehr gerne höre ich auch noch die Kombination Perahia/Haitink, wobei ich nicht ganz nachvollziehen kann, was gegen das Dirigat Haitinks spricht (ebenso kann ich an der Kombination Szell/Fleisher nichts aussetzen, wobei ich diese Aufnahme allerdings nicht besitze, sondern nur kenne - aber das mag eine Frage des persönlichen Geschmacks sein, den manchmal etwas nüchternen, aber äußerst exakten Dirigierstil Szells mag ich im Allgemeinen persönlich sehr).
Die Kombination Gulda/Stein finde auch ich wenig empfehlenswert; dies liegt weniger am Pianisten als am Dirigat/Orchester - kommt mir vor wie uninspiriertes Musizieren im Sinne von "Dienst nach Vorschrift". Mit Arrau habe ich was Beethovens Konzerte betrifft wenig Glück. Die Einspielung unter Bernstein aus dem Jahre 1976 hatte ich seinerzeit als LP, ebenso wie diejenige unter Galliera - erstere ist vom Dirigat her schlicht misslungen, letztere entsprach nicht meinen klanglichen Mindestvorstellungen (immerhin habe ich die Galliera-LPs -von Columbia- glaube ich teuer verkaufen können - keine Ahnung ob insoweit gut remasterte CDs vorliegen). Die Einspielung unter Haitink gehört zusammen mit einigen anderen CDs zum "Schwund" eines Wohnungsumzugs - ich habe diese Einspielung aber als empfehlenswert in Erinnerung. Ach ja, fast hätte ich noch die Aufnahme mit Bachauer unter Dorati vergessen - als gut durchschnittlich würde ich sie bezeichnen.
Einen Sonderstatus nimmt die Aufnahme mit Pletnjow unter Gansch ein - auch im 4 KK nimmt sich Pletnjow einige Freiheiten heraus, sei es die ungewöhnlich kraftvolle Eröffnung oder sei es, dass er schon mal fortissimo spielt, wo es andere - vermutlich buchstabengetreuer - pianissimo angehen lassen. Das mag ins Manirierte abgleiten, aber ich persönlich mag Pletnjows gelegentliche Maniriertheiten - im Gegensatz zu Gould - gelegentlich als "Kontrastprogramm"ganz gern, sodass ich auch die CD mit den Konzerten Nr. 2 und 4, die ich nicht mein Eigen nenne, aber kenne, noch anschaffen werde (1,3 und 5 aus der Serie eigne ich bereits). Ich glaube zudem, dass die Kombination Szell/Gilels mir persönlich gut gefallen dürfte, aber solange auf dem Zweitmarkt solch exorbitante Preise wie derzeit zu zahlen sind werde ich mich zurückhalten.

Gruß
Henning
Poztupimi (03.03.2008, 19:25):
Lieber Zelenka,

zunächst einmal meine Hochachtung für den Aufwand, den Du nicht gescheut hast und meine Gratulation für diesen tollen Einstieg!

Nun bin ich ja nicht der Klaviermusik-Vielhörer, und daher kann ich wenig inhaltlich zum Thema beitragen, nur geknickt feststellen, daß kaum eine meiner Aufnahmen vor Deinem kritischen Ohr bestehen kann:

Rubinstein / Leinsdorf
Brendel / Rattle
Casadesus / van Beinum
Pollini / Abbado
Arrau / Haitink
van Immerseel / Weil

Wobei ich im Moment nicht einmal sagen kann, welche Aufnahme ich von diesen vorziehe, dazu höre ich es viel zu selten. Kannst Du kurz erläutern, was Dir an der Einspielung van Immerseel / Weil so mißfallen hast, daß Du sie - offensichtlich schnellstmöglich? - wieder aus Deiner Sammlung entfernt hast?

Viele Grüße,
Wolfgang
Zelenka (03.03.2008, 20:13):
Original von HenningKolf

Da das 4. Konzert in der Tat wohl das "lyrischste" der Beethov´schen Konzerte ist verträgt es eine auf "Schönklang" ausgerichtete Herangehensweise in meinen Ohren gut, sodass derzeit meine Lieblingsaufnahme die mit Uchida unter Sanderling ist. Die CD (ich habe hier die Gesamteinspielung aller Konzerte) hat - jedenfalls derzeit, so etwas ändert sich gelegentlich - Kempff unter Leitner als meinen persönlichen Favoriten abgelöst. Sehr gerne höre ich auch noch die Kombination Perahia/Haitink, wobei ich nicht ganz nachvollziehen kann, was gegen das Dirigat Haitinks spricht (ebenso kann ich an der Kombination Szell/Fleisher nichts aussetzen, wobei ich diese Aufnahme allerdings nicht besitze, sondern nur kenne - aber das mag eine Frage des persönlichen Geschmacks sein, den manchmal etwas nüchternen, aber äußerst exakten Dirigierstil Szells mag ich im Allgemeinen persönlich sehr).
Die Kombination Gulda/Stein finde auch ich wenig empfehlenswert; dies liegt weniger am Pianisten als am Dirigat/Orchester - kommt mir vor wie uninspiriertes Musizieren im Sinne von "Dienst nach Vorschrift". Mit Arrau habe ich was Beethovens Konzerte betrifft wenig Glück. Die Einspielung unter Bernstein aus dem Jahre 1976 hatte ich seinerzeit als LP, ebenso wie diejenige unter Galliera - erstere ist vom Dirigat her schlicht misslungen, letztere entsprach nicht meinen klanglichen Mindestvorstellungen (immerhin habe ich die Galliera-LPs -von Columbia- glaube ich teuer verkaufen können - keine Ahnung ob insoweit gut remasterte CDs vorliegen). Die Einspielung unter Haitink gehört zusammen mit einigen anderen CDs zum "Schwund" eines Wohnungsumzugs - ich habe diese Einspielung aber als empfehlenswert in Erinnerung. Ach ja, fast hätte ich noch die Aufnahme mit Bachauer unter Dorati vergessen - als gut durchschnittlich würde ich sie bezeichnen.
Einen Sonderstatus nimmt die Aufnahme mit Pletnjow unter Gansch ein - auch im 4 KK nimmt sich Pletnjow einige Freiheiten heraus, sei es die ungewöhnlich kraftvolle Eröffnung oder sei es, dass er schon mal fortissimo spielt, wo es andere - vermutlich buchstabengetreuer - pianissimo angehen lassen. Das mag ins Manirierte abgleiten, aber ich persönlich mag Pletnjows gelegentliche Maniriertheiten - im Gegensatz zu Gould - gelegentlich als "Kontrastprogramm"ganz gern, sodass ich auch die CD mit den Konzerten Nr. 2 und 4, die ich nicht mein Eigen nenne, aber kenne, noch anschaffen werde (1,3 und 5 aus der Serie eigne ich bereits). Ich glaube zudem, dass die Kombination Szell/Gilels mir persönlich gut gefallen dürfte, aber solange auf dem Zweitmarkt solch exorbitante Preise wie derzeit zu zahlen sind werde ich mich zurückhalten.

Gruß
Henning

Lieber Henning:

Herzlichen Dank für die Anmerkungen zu Deinen Versionen! Zu einem guten Teil schätzen wir ja durchaus dieselben Aufnahmen (Uchida, Perahia, Kempff natürlich, Arrau unter Haitink), auch wenn ich dann andere Einspielungen der beiden letztgenannten Solisten vorziehe. Was Gulda unter Stein angeht, sind wir uns einig. Ich hatte allerdings schon befürchtet, daß meine kleine Szell-Attacke Widerspruch auslösen würde. Ich nehme sie aber nicht zurück. Beide betroffene Solisten wirken unter anderen Begleitern besser. (Ich lege im übrigen Wert auf die Feststellung, daß ich Szell durchaus sehr respektiere.) Haitink begleitet gewöhnlich sehr ordentlich (man nannte ihn schon mal das "Chamäleon der Begleiter"), aber nicht unbedingt inspiriert. Ich hätte mir gewünscht, daß Perahia etwas mehr gefordert worden wäre.

Pletnevs Beethoven ist je nach Standpunkt ein Elend oder kongenial. Ich neige zu ersterer Sicht. Ich besitze einen legalen Download des gesamtem ersten Satzes des 4. Konzerts mit ihm (ein Werbegeschenk der DG), das Spiel ist aus meiner Sicht teils völlig pervers. Ich habe im Falle Hofmanns das gelegentliche Abweichen von der Partitur toleriert, weil ich auch Beethoven selbst einen etwas lockereren Umgang mit dem Text zutrauen würde. Pletnev geht mir dann doch zu weit ...

Gruß, Zelenka
Zelenka (03.03.2008, 20:22):
Original von Poztupimi
Lieber Zelenka,

zunächst einmal meine Hochachtung für den Aufwand, den Du nicht gescheut hast und meine Gratulation für diesen tollen Einstieg!

Nun bin ich ja nicht der Klaviermusik-Vielhörer, und daher kann ich wenig inhaltlich zum Thema beitragen, nur geknickt feststellen, daß kaum eine meiner Aufnahmen vor Deinem kritischen Ohr bestehen kann:

Rubinstein / Leinsdorf
Brendel / Rattle
Casadesus / van Beinum
Pollini / Abbado
Arrau / Haitink
van Immerseel / Weil

Wobei ich im Moment nicht einmal sagen kann, welche Aufnahme ich von diesen vorziehe, dazu höre ich es viel zu selten. Kannst Du kurz erläutern, was Dir an der Einspielung van Immerseel / Weil so mißfallen hast, daß Du sie - offensichtlich schnellstmöglich? - wieder aus Deiner Sammlung entfernt hast?

Viele Grüße,
Wolfgang

Lieber Wolfgang:

Danke für Dein freundliches Lob!

Fünf Deiner Solisten schätze ich in diesem Konzert sehr (auch Rubinstein unter Leinsdorf), Casadesus unter van Beinum kenne ich leider nicht. Brendel unter Rattle ist sehr gut! - Van Immerseels Version war meine erste Einspielung des Konzerts auf historischen Instrumenten. Ich mochte den Klang von van Immerseels Klavier nicht, es erschien mir zu weich. Ich habe bedauert, die Einspielung nicht mehr zur Hand zu haben, ich hätte sie besser behalten sollen. Allerdings wußte ich damals noch nicht, daß ich jemals einen Beitrag über das 4. Konzert schreiben würde ...

Gruß, Zelenka
Poztupimi (03.03.2008, 20:58):
Original von Zelenka

Fünf Deiner Solisten schätze ich in diesem Konzert sehr (auch Rubinstein unter Leinsdorf), Casadesus unter van Beinum kenne ich leider nicht. Brendel unter Rattle ist sehr gut! - Van Immerseels Version war meine erste Einspielung des Konzerts auf historischen Instrumenten. Ich mochte den Klang von van Immerseels Klavier nicht, es erschien mir zu weich. Ich habe bedauert, die Einspielung nicht mehr zur Hand zu haben, ich hätte sie besser behalten sollen. Allerdings wußte ich damals noch nicht, daß ich jemals einen Beitrag über das 4. Konzert schreiben würde ...

Gruß, Zelenka

Lieber Zelenka,

ich muß gestehen, daß ich mich teilweise mit dem Klang des Hammerflügels immer noch etwas schwer tue, sei es in einem Konzert, sei es im Einsatz in der Kammermusik.

Ich glaube, ich muß mal wieder meine Aufnahmen hören - und mal darüber nachdenken, ob ich Deine Fleißarbeit für mich in Form einer Bestellung nutze.

Viele Grüße,
Wolfgang
Cosima (03.03.2008, 20:59):
Lieber Zelenka,

auch von mir an dieser Stelle noch einmal ein herzliches Dankeschön für Deine überaus interessanten Einführungsbeiträge!

Was den „Geist Beethovens“ (hier in Gestalt des Josef Hofmann) angeht: Ich ringe noch immer mit mir.

Gewiss, Beethoven in seiner frühen und mittleren Phase orientierte sich prinzipiell an schnelleren Tempi – und Hofmann spielt schnell. Zeitgenössische Berichte bezeugen zudem, dass Beethoven ein Meister der Improvisation gewesen ist, sein freies Phantasieren soll ausgesprochen faszinierend gewesen sein.

Dabei soll es ihm aber weniger auf äußerliche Brillanz, also auf bloßes Virtuosentum angekommen sein, sondern eher auf Kühnheit (Du schreibst von „Mutwilligkeit“) und Stärke des Ausdrucks. Dafür spricht, dass Beethoven besonders das Spiel einer Dorothea von Ertmann geschätzt haben soll, über die Mendelssohn mit leichter Kritik vermerkte: „ oft übertreibt sie’s ein wenig mit dem Ausdruck, und hält so sehr an und eilt dann wieder “.

Der Wiener Kapellmeister Ignaz von Seyfried beschrieb Beethovens Phantasieren so: „Im Phantasieren verleugnete Beethoven schon damals nicht seinen mehr zum unheimlich Düstern sich hinneigenden Charakter; schwelgte er einmal im unermeßlichen Tonreich, dann war er auch entrissen dem Irdischen “.

Und hier setzen ungefähr meine Probleme mit Hofmann ein. Sein Klavierspiel ist famos, er besitzt ganz unbestritten eine großartige Technik. Dennoch ergreift und fesselt mich sein Spiel nicht. Rein vom Gefühl fiel mir Horowitz als ähnlich gelagerter Fall ein. Nicht was den Klang oder den Interpretationsstil bestimmter Werke angehen würde. Vielleicht eher so: Beide Pianisten sind „Spieler“, die charmant und leicht dahin geworfen mit fast kindlicher Freude ihre Brillanz und Fingerfertigkeit demonstrieren. Hofmanns Klavierspiel besitzt m.E. auch diese Spur Naivität, mit der er einfach munter, fast gedankenlos drauflos spielt. Bei beiden Pianisten fehlt mir diese Spur des „Überirdischen“, so dass ich die ersten Male zwar staunend hinhöre, später aber eher etwas gelangweilt weghöre. Ich muss dazu sagen, dass ich von Josef Hofmann nur dieses eine Konzert kenne, mein Eindruck sich bzgl. Horowitz aber oftmals bestätigt hat. Das überraschende Moment kommt hier nicht durch die „Kühnheit des Ausdrucks“ zustande, sondern durch die außerordentliche Technik und – wie ich Hofmann bescheinigen würde – die Risikobereitschaft, die aber auch wiederum auf den rein technischen Aspekt beschränkt bleibt.

So ungefähr meine Eindrücke bzgl. Hofmann. Eine interessante und sehr hörenswerte Aufnahme ist dies aber auf jeden Fall. (Zu den anderen Aufnahmen später.)

Gruß, Cosima
Rachmaninov (04.03.2008, 07:40):
@Zelenka,

Du hast die Aufnahme von Berezovsky - Dausgaard – Swedish Chamber Orchestra als besonders erwähnenswert genannt in Deinem Posting zu den verschiedenen Aufnahmen.



Gestern abend hörte ich mir die Aufnahme nach längerer Zeit nochmals an. Das Berezovsky ein großartiger Pianist russischer Schule ist und technisch sicherlich in der Weltspitze mitspielt mag niemanden verwundern.
Dennoch war ich damals überrascht seinen Namen bei diesem eher wenig bekannten Label zu finden.
Berezovsky könnte für mein Gefühl ein wenig mehr Leuchten erzeugen. Dies mag aber auch daran liegen, daß ich zuvor Esteban Sanchez mit dem Konzert hörte. Erstaunlich wie es Berezovsky gelingt mit der einen Hand wirklich grollende dunkle kraftvolle Töne zu erzeugen während die andere Hand leichtes Klavierspiel mit zarten Anschlägen erzeugt.

Sehr überzeugend empfinde ich auch das Swedish Chamver Orchestra, das von Dausgaard sehr agil geführt wird und einen sehr unmittelbaren und spontanen Eindruck vermittelt. Die Größe des Orchesters empfinde ich als angenehm. Dausgaard und die Seinen haben ja auch etliche Sinfonien Beethoven’s eingespielt. Diese Zusammenarbeit zahlt sich wohl aus.

Aus meiner Sicht eine zurecht von Dir besonders gelobte Aufnahme.
Zelenka (04.03.2008, 20:03):
Original von Cosima

Was den „Geist Beethovens“ (hier in Gestalt des Josef Hofmann) angeht: Ich ringe noch immer mit mir.

Gruß, Cosima

Liebe Cosima:

Es war und ist vermessen von mir, über den Beethovenschen Geist zu spekulieren. Ob Hofmann ihm hier in diesem Konzert am nächsten kommt, muß wohl offen bleiben. Hofmann ist häufig des bloßen Virtuosentums geziehen worden, Arrau etwa sah ihn nicht als Großen seiner Zunft. Ein krasses Fehlurteil ... Serkin, der selbst völlig anders gespielt hat, wußte Loblieder auf ihn zu singen. Ich glaube nicht, daß die Technik für Hofmann ein Selbstzweck war, sie war nur eine Voraussetzung. Hofmann nahm Beethoven sehr ernst, letztlich so ernst wie Schnabel, über dessen trockene akademische Art er sich herrlich lustig machte. Hofmanns Spiel ist dagegen unendlich farbenreich, immer wieder geht er im Detail auch interpretatorisch einen eigenen Weg. Er war ein ausgewiesener Beethoven-Interpret. Wir tun Hofmann und auch Horowitz (bei all seiner Clownerie) Unrecht, wenn wir sie für naiv halten.

Gruß, Zelenka
Zelenka (04.03.2008, 20:06):
Original von Rachmaninov

Sehr überzeugend empfinde ich auch das Swedish Chamver Orchestra, das von Dausgaard sehr agil geführt wird und einen sehr unmittelbaren und spontanen Eindruck vermittelt. Die Größe des Orchesters empfinde ich als angenehm. Dausgaard und die Seinen haben ja auch etliche Sinfonien Beethoven’s eingespielt. Diese Zusammenarbeit zahlt sich wohl aus.

Aus meiner Sicht eine zurecht von Dir besonders gelobte Aufnahme.

Das schwedische Orchester ist hier vielleicht sogar der eigentliche Star ... Mit der Personalstärke des Kammerorchesters wäre Beethoven schon ganz zufrieden gewesen.

Gruß, Zelenka
Cosima (04.03.2008, 21:38):
Original von Zelenka
Wir tun Hofmann und auch Horowitz (bei all seiner Clownerie) Unrecht, wenn wir sie für naiv halten.


Lieber Zelenka,

ich fürchte, hier bin ich missverstanden worden oder ich habe mich unglücklich ausgedrückt. Natürlich meine ich nicht, dass Horowitz oder Hofmann in irgendeiner Form naive Menschen oder Künstler waren. Im Gegenteil: Zumindest von Horowitz weiß ich, dass er ein hochgebildeter Mensch war. Ich wollte lediglich ausdrücken, dass für mein Gefühl das Klavierspiel dieser beiden Künstler von einer gewissen Spur Naivität geprägt zu sein scheint. Das meine ich grundsätzlich nicht negativ. Nur im Falle dieses Beethoven-Konzertes scheint es mir unpassend zu sein. - Aber ich denke, dass wir bzgl. Hofmann doch nicht auf einen Nenner kommen werden. Aber das muss auch nicht sein, es gibt ja noch Pollini und Arrau. :)

Gruß, Cosima
Zelenka (05.03.2008, 16:38):
Original von Cosima
Original von Zelenka
Wir tun Hofmann und auch Horowitz (bei all seiner Clownerie) Unrecht, wenn wir sie für naiv halten.


Lieber Zelenka,

ich fürchte, hier bin ich missverstanden worden oder ich habe mich unglücklich ausgedrückt. Natürlich meine ich nicht, dass Horowitz oder Hofmann in irgendeiner Form naive Menschen oder Künstler waren. Im Gegenteil: Zumindest von Horowitz weiß ich, dass er ein hochgebildeter Mensch war. Ich wollte lediglich ausdrücken, dass für mein Gefühl das Klavierspiel dieser beiden Künstler von einer gewissen Spur Naivität geprägt zu sein scheint. Das meine ich grundsätzlich nicht negativ. Nur im Falle dieses Beethoven-Konzertes scheint es mir unpassend zu sein. - Aber ich denke, dass wir bzgl. Hofmann doch nicht auf einen Nenner kommen werden. Aber das muss auch nicht sein, es gibt ja noch Pollini und Arrau. :)

Gruß, Cosima

Liebe Cosima:

:beer Ich bekenne mich aber weiter auch zu Hofmann!

Gruß, Zelenka
daniel5993 (08.03.2008, 15:30):
Hallo allezusammen,

@ Zelenka
Danke für die tolle Threaderöffnung!

Mir ists in den letzten Tagen schwer gefallen mich hier einzubringen, da mir dieses 4. Klavierkonzert Beethovens schwer im Magen liegt. Ich hab mich akkut überhört (in den letzten 3 Monaten).
Abgesehen davon, gehört dieses Klavierkonzert für mich zu den ganz Großen!
Ich habe folgende Aufnahmen:

Pollini/BöhmZimerman/Bernstein
Backhaus/Krauss
Arrau/Haitink
Gilels/Ludwig
Brendel/Levine
Brendel/Haitink
Kempff/Leitner
Barenboim/Klemperer

Überzeugt haben mich eigentlich alle Aufnahmen! Einzig bei Arrau/Haitink wurde mir eher "langweilig". Besonders hervorrgehoben hat sich bei mir Gilels/Ludwig. Beim 5.Klavierkonzert empfand ich Ihre Zusammenarbeit als zu ausgedehnt, aber hier beim vierten, gefiehl mir diese schlagfertige und Kraftvolle einigkeit, beim Orchester, sowie bei Gilels sehr gut.

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0724347682827.jpg
Klavierkonzerte Nr. 4 & 5

Mein Tipp: Die CD lohnt sich allein schon wegen des geladenen 4. Klavierkonzerts und wer das 5. KK gern romantisch hört, ist hier dann auch richtig. Zudem ist diese CD auch Günstig zu haben (9,99 €)

Gruß
Daniel
Zelenka (08.03.2008, 16:10):
Original von daniel5993

@ Zelenka
Danke für die tolle Threaderöffnung!


Lieber Daniel:

Danke für Deine Bemerkungen!

Gruß, Zelenka
Gamaheh (11.03.2008, 23:40):
Lieber Zelenka,

besser spät als gar nicht – und auch nur kurz: mein Kompliment und herzlichen Dank für diesen substantiellen und interessanten Beitrag, der wohl eigentlich fast den Rahmen des Forums sprengt!

Ich teile Deine Meinung über Hofmanns Interpretation, genauer gesagt würde ich sogar seine beiden von Dir genannten ganz oben auf meine Liste stellen. Sie sind ja ganz unterschiedlich – Hofmann soll ja nie zweimal etwas gleich gespielt haben –, die Barbirolli-Version hat sicher mehr Esprit, aber in anderer Stimmung kann ich auch die andere bevorzugen. Ganz sicher würde ich Hofmann nicht auf reines Virtuosentum reduzieren wollen oder können, wenngleich ich wohl weiß, daß das nicht unüblich ist. Ansonsten: Pollini in Luzern.

Vor zwei Jahren oder so habe ich übrigens eine sehr eindrucksvolle Interpretation von Peter Rösel hier gehört, leider war das Orchester nicht auf der gleichen Höhe.

Grüße,
Gamaheh
Zelenka (12.03.2008, 18:45):
Liebe Gamaheh:

Herzlichen Dank für Deine freundlichen Worte! Vielleicht habe ich, ohne es zu wollen, den Rahmen des Forums gesprengt, ich gelobe Besserung!

Bei Hofmann gefällt mir auch, daß seine Interpretationen (wie auch etwa im Falle Kempffs) unterschiedlich ausfallen können. Nicht alles kann dann überzeugen, aber ich bewundere den Mut zum Risiko. Sein schnelles Spiel hat mich eben an den Bericht Reichardts erinnert, der von Beethovens "allerschnellsten Tempis" spricht, und an die von Czerny wahrgenommene "Muthwilligkeit". Beethoven ist auch ein Klaviervirtuose gewesen ... Und mir erscheint Hofmann im Konzert keinesfalls unpoetisch, eine Gegenstimme findet sich allerdings hier.

Gruß, Zelenka
HenningKolf (12.03.2008, 20:28):
Original von Zelenka
Liebe Gamaheh:

Vielleicht habe ich, ohne es zu wollen, den Rahmen des Forums gesprengt, ich gelobe Besserung!



Da sehe ich eigentlich überhaupt kein Problem. Für die, die die Beiträge lesen ist es doch nur gut qualitativ Hochwertiges zu lesen..solange Du damit leben kannst, dass die Antworten auf Deinen Beitrag weniger ausführlich und fundiert sind...

Wie gefiel Dir eigentlich Afanassiev, den Du ja doch noch gehört hast? AB hat bzgl. dieser Aufnahme meine Neugier geweckt, Deine Meinung würde mich auch interessieren.

Gruß
Henning
Zelenka (13.03.2008, 18:04):
Original von HenningKolf
Original von Zelenka
Liebe Gamaheh:

Vielleicht habe ich, ohne es zu wollen, den Rahmen des Forums gesprengt, ich gelobe Besserung!



Da sehe ich eigentlich überhaupt kein Problem. Für die, die die Beiträge lesen ist es doch nur gut qualitativ Hochwertiges zu lesen..solange Du damit leben kannst, dass die Antworten auf Deinen Beitrag weniger ausführlich und fundiert sind...

Wie gefiel Dir eigentlich Afanassiev, den Du ja doch noch gehört hast? AB hat bzgl. dieser Aufnahme meine Neugier geweckt, Deine Meinung würde mich auch interessieren.

Gruß
Henning

Lieber Henning:

Das Hören der Aufnahmen und das Schreiben der Einführung haben mir, mit eingen Aussetzern, ja schon genug Spaß gemacht ...

Zu Afanassiev: Ich muß noch ein wenig nachdenken ...

Gruß, Zelenka
Zelenka (13.03.2008, 20:22):
Nun endlich zu Afanassiev:

Afanassiev, Mozarteum O Salzburg, Soudant (2002) Oehms OC344 23.29 6.53 12.00

Ich möchte mich nicht hinter Victor Carrs Rezension verschanzen (classicstoday.com), aber ich fürchte, mein Urteil weicht nicht sonderlich ab. Die Zeiten für die einzelnen Sätze sprechen allein schon für sich. Beim ersten Hören war ich einigermaßen schockiert, in früheren Zeiten hätte ich vermutet, daß ich aus Versehen eine 45er mit der Geschwindigkeit einer LP (33 rpm) laufen gelassen hätte. Es schleppt gar mächtig. Es ist unter diesen Umständen natürlich möglich, Details der Partitur zu hören, die sonst ein wenig untergehen, allerdings akzentuiert Afanassiev hier und da Dinge, die nicht betont werden sollten. Beim zweiten und dritten Hören habe ich mich ein wenig an Afanassievs Modus operandi gewöhnt, der anfängliche Schock hat sich ein wenig gegeben. Ich habe trotzdem wie schon bei früheren Begegnungen die allergrößten Probleme mit dem Pianisten. Sein Essay zu seiner Konzert-Gesamtaufnahme ist hier zu lesen, jenseits des Kanals würde man ihn als "drivel" bezeichnen. Er zitiert Luminarien von Vladimir Nabokov bis Matthew Arnold, das Konzept der Zeit wird problematisiert, aber was dies alles mit seiner Mißachtung der Tempoanweisungen Beethovens und der Metronomangaben Czernys zu tun haben soll, bleibt unklar. Auch hier kann ich dem Pianisten nicht folgen.

Gruß, Zelenka
satie (22.03.2008, 20:21):
A propos Hammerflügel:
immerhin, wenn ich auch sonst nicht viel hierzu beitragen kann, so kann ich doch die Liste der Aufnahmen noch ergänzen mit der von

Melvin Tan, Hammerflügel
Roger Norrington
The London Classical Players
(Die GA der Klavierkonzerte stammt aus den Jahren 87-89)

Mir persönlich gefällt die Aufnahme gut, allerdings frage ich mich, ob der manchmal im Vergleich zum Orchester sehr dezente Hammerflügelklang Absicht ist oder nicht. Ich kann mir vorstellen, dass das Lautstärkeverhältnis tatsächlich so sein könnte, ist der Hammerflügel im Vergleich zu einem Steinway ja doch wesentlich weniger klangstark.
Ich muss aber gestehen, dass ich neben dieser Aufnahme nur noch die Gesamtaufnahme der Konzerte mit Weissenberg und Karajan besitze, daher ist es nicht so verwunderlich, dass ich die historisch orientierte hier klar bevorzuge. Sie ist schlank und zurückhaltend, vielleicht mitunter etwas zu zurückhaltend.
Das vierte ist übrigens von Beethovens Konzerten dasjenige, welches ich mir noch em ehesten gerne anhöre. Vom dritten und fünften bin ich seit meiner Jugend übersättigt, das erste und das zweite haben mir noch nicht die Reife des wirklichen Beethoven.

Herzlich,
S A T I E
Cosima (23.03.2008, 14:40):
Original von Zelenka
Im ersten Satz tendiert Arrau zur Langsamkeit und möchte das "moderato" in der Satzbezeichnung "Allegro moderato" rot unterstreichen. Man kann ihm entgegenhalten, daß der Satz ein "Allegro" bleiben muß, zumal der Mittelsatz ("Andante con moto") kein eigentlich langsamer ist. (Erst im Laufe des 19. Jhdts. ist die Tempozeichnung "Andante" als relativ langsam verstanden worden.) Im ganzen weniger problematisch ist der letzte Satz, der mit einem "Presto" endet.

Meine Aufnahmen mit Claudio Arrau:

Philharmonia Orchestra / Klemperer (1957) 19.24 5.27 10.14
Royal Concertgebouw Orch. / Haitink (1964) 19.22 5.31 10.08
Staatskapelle Dresden / C. Davis (1984) 20.56 6.09 10.34

Leider fehlt Arraus erste Gesamtaufnahme der Klavierkonzerte mit dem Philharmonia Orchestra unter Aleco Galliera, die 1958 in London entstanden ist. Sie ist derzeit nicht erhältlich.

Aber auch anhand der obigen Aufnahmen kann man eine gewisse Entwicklung in Arraus Stil erkennen. Während sich in der 1957-er Aufnahme unter Klemperer noch am ehesten Anklänge an den für Beethovens Musik so typisch empfundenen Furor finden lassen, sucht man in der späten Aufnahme unter Colin Davis vergeblich nach jener "Muthwilligkeit", über die Czerny schrieb. Arraus Interpretationsstil scheint sich im Laufe der Jahre immer mehr in Richtung Ausgewogenheit, Unaufgeregtheit und Geschlossenheit der Sicht verändert zu haben. Durch den Verzicht auf scharfe oder gar effektvolle Akzente ist das Ergebnis im Falle der Davis-Aufnahme m.E. eine besonders intensiv strömende und tiefgehende Interpretation. Und sie enthält den betörendsten 2. Satz, den ich jemals gehört habe!

Natürlich kann man Arraus Interpretationsansatz als "problematisch" bezeichnen, einige Hörer werden die langsamen Tempi schlicht auch langweilen. Ich tendiere jedoch dazu, Arraus Sicht unbedingt zu respektieren (nein, sie gefällt mir auch sehr!), denn sie ist nicht nur die Summe einer lebenslangen Auseinandersetzung mit Beethoven – nein, er begründet sie auch plausibel.

Arrau hat uns in seinen Gesprächen mit Joseph Horowitz ausführlich seine Sicht auf das 4. Klavierkonzert dargelegt. Entgegen der ansonsten verbreiteten Ansicht, deutet Arrau die Stimmung des ersten und des zweiten Satzes mit der Legende von Orpheus und Eurydike. Er gibt zu, keine Beweise zu haben, geht jedoch davon aus, dass der erste Satz immer zu schnell und zu verspielt vorgetragen wird. Es soll sich seiner Meinung nach um einen traurigen Satz handeln: Orpheus nach dem Verlust Eurydikes. So würde auch der zweite Satz zur Legende passen: "Im zweiten Satz dann steht Orpheus vor den Pforten der Hölle und bittet die Furien, ihm Eurydike wiederzugeben." (Arrau in "Leben mit der Musik")

Besonders eindrucksvoll ist m.E. der zweite Satz unter Davis gelungen: Orpheus stellt sich den gewaltigen Mächten der Unterwelt, sein Flehen ist eine ungeheure Willensanstrengung. Am Ende steht die völlige Erschöpfung. "Die allerletzten Noten, für die 'portato' vorgeschrieben ist, müssen eindeutig getrennt werden, so als bekäme Orpheus fast keine Luft mehr." (Claudio Arrau) – In keiner anderen Aufnahme habe ich dieses Bild so sehr vor Augen. Fantastisch gelungen ist auch der Dialog zwischen dem - wohlklingenden und sehr aufmerksamen! - Orchester und dem Solisten. Man spürt die Verbundenheit zwischen Arrau und Davis. Ich empfehle, das Interview mit Colin Davis aus dem Horowitz-Buch zu lesen. Es ist bemerkenswert und anrührend, wie der Dirigent über Claudio Arrau denkt und spricht. Es endet mit dem schlichten Satz: "Ich verehre ihn."

Kaiser fasst in seinem Buch über große Pianisten sehr schön zusammen, wie man Claudio Arrau hören sollte, um einen Zugang zu seinem Klavierspiel zu finden. "Man muss Arrau freilich konzentriert und diszipliniert zuhören, man muss die Bereitschaft, Exzentrisches, Drängendes, Wildes, Entflammtes für wichtiger und schöner zu halten als Expressives, Gebundenes, Ernstes und Genaues, ein wenig dämpfen." Obgleich ich also die Haitink- und Klemperer-Aufnahmen auch sehr schätze, ist diese Einspielung mit Davis für mich – trotz oder gerade wegen der langsamen Tempi – eine der überzeugendsten Aufnahmen des 4. Konzertes.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41KT8FMPPTL._AA240_.jpg

Gruß, Cosima
Zelenka (23.03.2008, 18:48):
Original von Satie
A propos Hammerflügel:
immerhin, wenn ich auch sonst nicht viel hierzu beitragen kann, so kann ich doch die Liste der Aufnahmen noch ergänzen mit der von

Melvin Tan, Hammerflügel
Roger Norrington
The London Classical Players
(Die GA der Klavierkonzerte stammt aus den Jahren 87-89)

Mir persönlich gefällt die Aufnahme gut, allerdings frage ich mich, ob der manchmal im Vergleich zum Orchester sehr dezente Hammerflügelklang Absicht ist oder nicht. Ich kann mir vorstellen, dass das Lautstärkeverhältnis tatsächlich so sein könnte, ist der Hammerflügel im Vergleich zu einem Steinway ja doch wesentlich weniger klangstark.
Ich muss aber gestehen, dass ich neben dieser Aufnahme nur noch die Gesamtaufnahme der Konzerte mit Weissenberg und Karajan besitze, daher ist es nicht so verwunderlich, dass ich die historisch orientierte hier klar bevorzuge. Sie ist schlank und zurückhaltend, vielleicht mitunter etwas zu zurückhaltend.
Das vierte ist übrigens von Beethovens Konzerten dasjenige, welches ich mir noch em ehesten gerne anhöre. Vom dritten und fünften bin ich seit meiner Jugend übersättigt, das erste und das zweite haben mir noch nicht die Reife des wirklichen Beethoven.

Herzlich,
S A T I E

Lieber Satie:

Herzlichen Dank für Deine Bemerkungen! Um Tans vergriffene Version des 4. Konzerts habe ich mich nicht bemüht, obwohl von den "historisch informierten" Versionen gerade Tan und Norrington sich wohl mit am engsten an Czernys Metronomangaben halten. Das "Lautstärkeverhältnis" von Flügel und Orchester ist bei Aufführungen mit historischen Instrumenten trotz der relativ kleinen Orchesterbesetzungen sicher ein Dauerproblem, das im Studio durch aufnahmerechnische Manipualtionen gemildert werden kann. Letzteres scheint mir bei der Schoonderwoerd-Version ganz deutlich geschehen zu sein. Besonders im oberen Register sind die alten Hammerklaviere wirklich nicht sehr überzeugend.

Gruß, Zelenka
Zelenka (23.03.2008, 20:01):
Original von Cosima

Natürlich kann man Arraus Interpretationsansatz als "problematisch" bezeichnen, einige Hörer werden die langsamen Tempi schlicht auch langweilen. Ich tendiere jedoch dazu, Arraus Sicht unbedingt zu respektieren (nein, sie gefällt mir auch sehr!), denn sie ist nicht nur die Summe einer lebenslangen Auseinandersetzung mit Beethoven – nein, er begründet sie auch plausibel.

Gruß, Cosima

Liebe Cosima:

Ganz herzlichen Dank für Deine sehr schönen Anmerkungen zu Arraus Interpretationen(en) des Konzerts! Arrau mußte einfach ausführlich hier zu Worte kommen, ausführlicher als in meinem Einführungsbeitrag geschehen. Wir müssen allerdings, jeder für sich selbst, abwägen, wie überzeugend wir seinen Ansatz finden. Hochinteressant ist er allemal, auch wenn das Orpheus-Programm, wie Arrau selbst nur zu gut weiß, nicht beweisbar ist. Und man wird ihm auch einen kleinen Eingriff in den Notentext zugunsten seines Orpheus-Programms verzeihen müssen: "portato" heißt eben nicht, daß Noten getrennt werden ...

Die letzte Studioaufnahme Arraus unter Davis ist, da stimme ich Dir natürlich zu, höchst beeindruckend, auch was das Orchester, das Dirigat und nicht zuletzt die Aufnahmetechnik angeht. Aus meiner persönlichen Sicht werden hier z.T. Wege in die falsche Richtung beschritten, was aber wiederum nichts daran ändert, daß man diese Interpretation unbedingt gehört haben sollte!

Gruß, Zelenka
satie (23.03.2008, 20:45):
"portato" heißt eben nicht, daß Noten getrennt werden ...

Lieber Zelenka,
es KANN aber durchaus bedeuten, dass Noten getrennt werden. Inwiefern geht Arrau da Deiner Meinung nach falsch vor? In welchem Zusammenhang steht denn portato hier? Ich kenne die Aufnahme leider nicht. Vielleicht muss ich sie aber doch hören, um zu verstehen, was Du meinst.

Herzlich,
S A T I E
satie (23.03.2008, 20:47):
sorry, eben habe ich den Zusammenhang gelesen...
Trotzdem: warum soll das nicht gehen?
Cosima (23.03.2008, 21:14):
Lieber Zelenka,

m.E. bedeutet „portato“: getragen, also von Ton zu Ton leicht abgesetzt, nicht gebunden oder gestoßen. So sagte es zumindest mein altes Fachwörterbuch der Musik. Und getragen und leicht abgesetzt spielt Arrau diese letzten Noten. „So als bekäme Orpheus fast keine Luft mehr“ – genauso ist das für mich hörbar. Wobei ich weniger Gewicht auf diese letzten Noten gelegt habe, sondern eher auf die gesamte Entwicklung des Arrau’schen 2. Satzes bis zum Ende hin geachtet habe. (Man sollte aber vielleicht doch diesen Übergang vom 2. zum 3. Satz einmal in den verschiedenen Aufnahmen genauer vergleichen. Er muss sehr wichtig sein, da der 3. Satz eine vollkommen andere Stimmung vermittelt.)

Natürlich muss jeder für sich entscheiden, ob er Arraus Ansatz folgen möchte. Ich halte ihn jedoch für legitim. - Ich habe noch eine weitere favorisierte Aufnahme. Dazu vielleicht später.

Gruß, Cosima
Zelenka (24.03.2008, 07:28):
Original von Satie
"portato" heißt eben nicht, daß Noten getrennt werden ...

Lieber Zelenka,
es KANN aber durchaus bedeuten, dass Noten getrennt werden. Inwiefern geht Arrau da Deiner Meinung nach falsch vor? In welchem Zusammenhang steht denn portato hier? Ich kenne die Aufnahme leider nicht. Vielleicht muss ich sie aber doch hören, um zu verstehen, was Du meinst.

Herzlich,
S A T I E

Lieber Satie:

Die Zwitterstellung des "portato" zwischen "legato" und "staccato" bedeutet doch wohl, daß die Noten gleichzeitig individuell deutlich artikuliert und gebunden sein sollen. Ich würde als Komponist keine Bögen notieren, wenn ich getrennte Noten verlange. Dafür gibt es doch notfalls die Staccato-Pünktchen allein.

Gruß, Zelenka
Zelenka (24.03.2008, 08:58):
Liebe Cosima:

So reizvoll der Gedanke an Orpheus ist, und ich denke im zweiten Satz auch immer an ihn (Kempff hat dafür gesorgt): Die Verknüpfung des Konzerts mit diesem konkreten antiken Stoff bleibt problematisch. Der Versuch, Eurydike aus der Unterwelt zurückzuholen, endet tragisch, das Konzert hingegen nicht. Arrau hat kein Programm für den dritten Satz anzubieten, es wundert mich nicht. Nach den letzten Noten des Mittelsatzes, wie gebunden oder nicht gebunden sie auch immer sein mögen, ändert sich, noch im andauernden Pianissimo, die Stimmung völlig. Ohne besinnliche Pause ("Segue il Rondo"), mit viel notiertem Staccato, gelangen wir in eine ganz andere rhythmische Welt, in der nichts von Tragik zu spüren ist.

Gruß, Zelenka
Cosima (24.03.2008, 10:00):
Original von Zelenka
Arrau hat kein Programm für den dritten Satz anzubieten, es wundert mich nicht.

Ja, das ist mir auch aufgefallen. Er spricht bzgl. des dritten Satzes nur davon, wie schwierig der Übergang ist, dass der erste Vortrag des Themas, durch das Orchester, zögernd wirken sollte. "Wenn das Piano es aufnimmt, hat sich die Stimmung gewandelt, vollständig. Von der Tragik zur Euphorie. Es ist eine völlig neue Situation." (Arrau in "Leben mit der Musik")

Aber warum plötzlich "Euphorie"?

Außerdem noch einmal für mich zum Verständnis:

legato = gebunden, d.h. die Töne sollen pausenlos, ohne abzusetzen, verbunden werden
staccato = abgestoßen, d.h. Trennung der Töne durch winzige Pausen
portato = getragen, also von Ton zu Ton leicht abgesetzt, nicht gebunden oder gestoßen

Wenn das alles so stimmt, dann hat Arrau doch vollkommen recht, wenn er sagt, dass die Noten „eindeutig getrennt“ (also abgesetzt, d.h. nicht gebunden) werden müssen. Er spielt sie ja gar nicht staccato, aber eben auch nicht legato. Und er sagt ja auch nicht, dass die Noten entgegen der Vorschrift eindeutig getrennt werden müssen, sondern weist vielmehr darauf hin, dass eben portato als Vorschrift gilt (vielleicht weil eben andere Pianisten hier dieser Anweisung nicht folgen).

„individuell deutlich artikuliert und gebunden“… wäre das dann nicht portamento, weil die Töne zwar abgesetzt werden, aber ein Hinüberschleifen eines Tones in einen anderen stattfindet?

Vielleicht könnte Satie hier Licht in mein Dunkel bringen. :thanks

Gruß, Cosima
satie (24.03.2008, 14:04):
Original von Zelenka
Original von Satie
"portato" heißt eben nicht, daß Noten getrennt werden ...

Lieber Zelenka,
es KANN aber durchaus bedeuten, dass Noten getrennt werden. Inwiefern geht Arrau da Deiner Meinung nach falsch vor? In welchem Zusammenhang steht denn portato hier? Ich kenne die Aufnahme leider nicht. Vielleicht muss ich sie aber doch hören, um zu verstehen, was Du meinst.

Herzlich,
S A T I E

Lieber Satie:

Die Zwitterstellung des "portato" zwischen "legato" und "staccato" bedeutet doch wohl, daß die Noten gleichzeitig individuell deutlich artikuliert und gebunden sein sollen. Ich würde als Komponist keine Bögen notieren, wenn ich getrennte Noten verlange. Dafür gibt es doch notfalls die Staccato-Pünktchen allein.

Gruß, Zelenka

Lieber Zelenka,
das würde ich so nicht unterschreiben. Ein Bogen bedeutet keinesfalls legato! Ein Bogen ist zwar oft auch gleichbedeutend mit legato, er kann aber ebenso (und oft genug gleichzeitig) "nur" ein Phrasenbogen sein und somit mit legato durchaus nichts zu tun haben. Man kann also einen Zusammenhang, in dem ein Bogen und portato notiert sind entweder legato mit "Gewicht" (bzw. leichter Betonung, bzw. auch etwas verbreitert) spielen oder aber genauso gut portato spielen und die Linie entsprechend der Phrase gestalten. Ich persöpnlich würde beim lesen spontan eher letzteres als ersteres tun.

Herzlich,
S A T I E
Zelenka (24.03.2008, 14:09):
Original von Satie
Original von Zelenka
Original von Satie
"portato" heißt eben nicht, daß Noten getrennt werden ...

Lieber Zelenka,
es KANN aber durchaus bedeuten, dass Noten getrennt werden. Inwiefern geht Arrau da Deiner Meinung nach falsch vor? In welchem Zusammenhang steht denn portato hier? Ich kenne die Aufnahme leider nicht. Vielleicht muss ich sie aber doch hören, um zu verstehen, was Du meinst.

Herzlich,
S A T I E

Lieber Satie:

Die Zwitterstellung des "portato" zwischen "legato" und "staccato" bedeutet doch wohl, daß die Noten gleichzeitig individuell deutlich artikuliert und gebunden sein sollen. Ich würde als Komponist keine Bögen notieren, wenn ich getrennte Noten verlange. Dafür gibt es doch notfalls die Staccato-Pünktchen allein.

Gruß, Zelenka

Lieber Zelenka,
das würde ich so nicht unterschreiben. Ein Bogen bedeutet keinesfalls legato! Ein Bogen ist zwar oft auch gleichbedeutend mit legato, er kann aber ebenso (und oft genug gleichzeitig) "nur" ein Phrasenbogen sein und somit mit legato durchaus nichts zu tun haben. Man kann also einen Zusammenhang, in dem ein Bogen und portato notiert sind entweder legato mit "Gewicht" (bzw. leichter Betonung, bzw. auch etwas verbreitert) spielen oder aber genauso gut portato spielen und die Linie entsprechend der Phrase gestalten. Ich persöpnlich würde beim lesen spontan eher letzteres als ersteres tun.

Herzlich,
S A T I E

Lieber Satie:

Herzlichen Dank für die fachmännische Auskunft! Ich nehme alle Vorwürfe gegen Arrau zurück. Kollegen von ihm haben es allerdings anders gelesen.

Gruß, Zelenka
satie (24.03.2008, 14:11):
Liebe Cosima,
portamento kenne ich nur aus dem Gesang, dort bedeutet das, dass man im Grunde von einem Ton zum nächsten "schmiert", also ein Glissando singt, allerdings meist so, dass dazwischen einiges verschluckt wird (also kein Sirenenglissando). Auf dem Klavier wäre das nicht möglich. Man muss allerdings auch dazu sagen, dass die ganzen Artikulationsarten etliche Zwischenstufen aufweisen. So kann etwa staccato ganz hart und "pickend" sein oder aber etwas weicher. Wir haben es da regelrecht mit Millisekunden und winzigen Differenzen in der Anschlagsbewegung zu tun, die aber hörbar sofort zu erkennen sind.
Portato hat letztlich auch viel mit Gewicht zu tun, oft genug werden Portato-Striche benutzt, um leichte Betonungen zu notieren. Wenn allerdings als Wort Portato da steht, würde ich schon meinen, dass man wirklich abgesetzt gespielt werden muss.

Herzlich,
S A T I E
Cosima (24.03.2008, 14:50):
Lieber Satie,

da war ich auf einem Holzweg, weil ich annahm, dass das Portamento irgendetwas mit einer besonderen Form des Pedalspiels zu tun haben müsste. Deshalb vielen Dank für Deine Hinweise!

Gruß, Cosima
Cosima (24.03.2008, 15:28):
Lieber Zelenka,

da mir der Hofmann zu schnell und zu sehr auf Brillanz bedacht ist, Dir der Arrau zu langsam und vergrübelt ist – vielleicht könnten wir uns auf einen Kompromiss einigen:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61X8RSGF8SL._AA240_.gif

Pollini, Wiener Phil., Böhm (1976)

Dies ist meine eigentliche Lieblings-Aufnahme des 4. Konzertes. Obgleich die Tempi der Abbado-Aufnahme aus 1995 fast identisch sind, spielt Pollini unter Böhm viel frischer, drängender und „muthwilliger“. Und sehr virtuos ist sein Klavierspiel allemal.

Gruß, Cosima
Amadé (27.03.2008, 12:25):
Hallo Zelenka und ihr anderen


Soeben habe ich meine drei Aufnahmen in der Ausführung mit Hammerflügel und Originalinstrumenten miteinander verglichen (nur Sätze 1 und 2):

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0028947572978.jpg
1. Steven Lubin, Academy of Ancient Music, Leitung Christopher Hogwood Pianoforte von Rodney J. Regier 1980 nach Conrad Graf 1824 L‘Oiseau-Lyre/Decca

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0724356224223.jpg
2. Melvyn Tan, London Classical Players, Leitung Roger Norrington keine Angabe zu dem Instrument im Booklet Virgin/EMI

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41R1CD6Q6GL._AA240_.jpg
3. Jos van Immerseel, Tafelmusik, Leitung Bruno Weil
Pianoforte von Johann Nepumuk Tröndlin Leipzig, frühes 19.Jahrhundert, restauriert Antwerpen 1996 Sony

Stephen Lubin/Hogwood spielen von allen dreien für unsere Ohren am normalsten, z.B. keine herausfallenden schmetternden Hörner. Pianoforte und Orchester sind klanglich gut aufeinander abgestimmt. Den 2. Satz spielen sie mit 4’34 von allen drei Aufnahmen am langsamsten. Lubin und Tan arpeggieren den Anfangsakkord.

Tan/Norrington gehen wesentlich schneller ans Werk, sie sind energischer im Ausdruck, rhythmischer, die Klavierterzen T.85-87 klingen allerdings etwas gefingert, der Diskant des Instruments klingt doch recht dünn. Beim Tempo des 2.Satzes liegen sie mit 4’06 im Mittelfeld. Tan spielt sehr nüchtern im Ausdruck, ohne Fleisch und Blut.

Immerseel/Weil gefallen mir im 1. Satz am besten, das Instrument klingt rund mit einem kräftigeren Diskant, die Celli und Kontrabässe steuern sehr plastische Pizzicati bei. Der 2. Satz wird molto moto gespielt (3’55), kurz angebundene Streicher, der Solist spielt ein ganz klein wenig langsamer, dadurch und aufgrund der eingesetzten Pedaltechnik erhalten die beiden ersten Soli eine ganz besondere Aura, für mich, trotz des schnellen Tempos, klingt es sehr überzeugend.

Die Aufnahme mit Levin und Gardiner bei DGA kenne ich leider nicht.

Beim Kauf rate ich im Augenblick zu Immerseel/Weil.

Grüße Amadé
Zelenka (27.03.2008, 16:21):
Original von Cosima
Lieber Zelenka,

da mir der Hofmann zu schnell und zu sehr auf Brillanz bedacht ist, Dir der Arrau zu langsam und vergrübelt ist – vielleicht könnten wir uns auf einen Kompromiss einigen:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/61X8RSGF8SL._AA240_.gif

Pollini, Wiener Phil., Böhm (1976)



:beer

Gruß, Zelenka
Zelenka (27.03.2008, 16:36):
Original von Amadé

Stephen Lubin/Hogwood spielen von allen dreien für unsere Ohren am normalsten, z.B. keine herausfallenden schmetternden Hörner. Pianoforte und Orchester sind klanglich gut aufeinander abgestimmt. Den 2. Satz spielen sie mit 4’34 von allen drei Aufnahmen am langsamsten. Lubin und Tan arpeggieren den Anfangsakkord.

Tan/Norrington gehen wesentlich schneller ans Werk, sie sind energischer im Ausdruck, rhythmischer, die Klavierterzen T.85-87 klingen allerdings etwas gefingert, der Diskant des Instruments klingt doch recht dünn. Beim Tempo des 2.Satzes liegen sie mit 4’06 im Mittelfeld. Tan spielt sehr nüchtern im Ausdruck, ohne Fleisch und Blut.

Immerseel/Weil gefallen mir im 1. Satz am besten, das Instrument klingt rund mit einem kräftigeren Diskant, die Celli und Kontrabässe steuern sehr plastische Pizzicati bei. Der 2. Satz wird molto moto gespielt (3’55), kurz angebundene Streicher, der Solist spielt ein ganz klein wenig langsamer, dadurch und aufgrund der eingesetzten Pedaltechnik erhalten die beiden ersten Soli eine ganz besondere Aura, für mich, trotz des schnellen Tempos, klingt es sehr überzeugend.

Die Aufnahme mit Levin und Gardiner bei DGA kenne ich leider nicht.

Beim Kauf rate ich im Augenblick zu Immerseel/Weil.

Grüße Amadé

Lieber Amadé:

Herzlichen Dank für Deine Einschätzungen! Wir sind teils unterschiedlicher Meinung, und ich kenne Tan/Norrington leider nicht. Vor Jahren schon haben mir van Immerseel/Weil gar nicht zugesagt, was (aus heutiger Sicht) bedauerlicherweise zu ihrer Entfernung aus meiner Sammlung führte. Mir gefiel der verwendete Flügel überhaupt nicht, er schien mir baßlastig und im oberen Register nicht kräftig genug. Im ganzen machte die Aufnahme einen leicht unkonturierten Eindruck auf mich. Wie weiter oben kurz angedeutet, sagen mir Levin/Gardiner unter den historisch informierten Einspielungen noch am meisten zu, obwohl ich auch hier eine gewisse Radikalität gerade in Tempofragen vermisse. - Van Immerseel/Weil und Levin/Gadiner sind derzeit leider vergriffen.

Gruß, Zelenka
Gamaheh (04.04.2008, 11:30):
Hier gibt es ein kleines Video, in dem Wilhelm Backhaus über die Geschichte mit Orpheus und Eurydike spricht und diesen Teil des Konzerts spielt.

Grüße,
Gamaheh
Zelenka (04.04.2008, 18:38):
Original von Gamaheh
Hier gibt es ein kleines Video, in dem Wilhelm Backhaus über die Geschichte mit Orpheus und Eurydike spricht und diesen Teil des Konzerts spielt.

Grüße,
Gamaheh

Das Video-Zitat auf YouTube stammt von dieser DVD, die ich besitze und wärmstens empfehlen kann:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/4166YS1SM6L._SL500_AA240_.jpg

Gruß, Zelenka
Amadé (10.04.2008, 16:51):
Zufällig konnte ich gestern und vorgestern 2 neue Aufnahmen von op.58 vergleichend hören:
- A.Schoonderwoerd, Cristoferi
- Levin, O Révolutionnaire et Romantique, Gardiner
Mit beiden Aufnahmen werde ich gedoch nicht recht froh: Das Ensemble Cristoferi, Zelenka erwähnte es schon oben, ist solistisch besetzt, d.h. 5 Streicher gegen den kompletten Bläsersatz. Das bedeutet eine ganz neue Hörerfahrung, auf den ersten "Blick" interessant (=hoher Repertoirewert), auf Dauer aber ermüdend, da mir die großartige Architektur des Stückes nirgends entgegentritt. Außerdem vermisse ich die Sinnlichkeit und Eleganz des größeren Streichercorps , vor dessen Hintergrund sich die Bläser mit ihren spezifischen Klangfarben abheben können.
Anders die Aufnahme mit Robert Levin und Gardiner. Dieser Dirigent kommt in seinem Musizieren und dem von ihm initierten KLangbild am meisten unseren tradierten Hörgewohnheiten entgegen, man ist fast versucht zu sagen, Gardiner sei der Karajan :ignore unter den Dirigenten der Originalklangbewegung. Ein aufgerauhter Klang, prassenlde Pauken und lärmendes Blech sind nicht unbedingt seine Sache. Es geht etwas vornehmer und gesitteter zu.
Beim 2. Satz stützt Levin durch sein Spiel die Orpheus-These: es klingt so, als spiele kein Hammerklavier sondern eine Harfe, mit der Orpheus die Mächte der Unterwelt beschwört. Ob Levin bei seinem Instrument noch auf einen Lautenzug zurückgreifen konnte,wie bei einem Cembalo, ist mir nicht bekannt. Hörenswert ist die Stelle jedoch allemal.

Grüße Amadé
Zelenka (10.04.2008, 17:17):
Lieber Amadé:

Herzlichen Dank für Deine Einschätzung der Schoonderwoerd- und Levin-Einspielungen! Schoonderwoerds Bemühungen haben mich ja auch nicht überzeugt, zumal hier eine "Uraufführung" im Palais Lobkowitz nachempfunden wird, die höchstwahrscheinlich nie stattgefunden hat. Im Theater an der Wien dagegen wird es mehr Streicher gegeben haben als auf Schoonderwoerds Aufnahme.

Auch nachdem ich gestern van Immerseel gehört habe (Tafelmusik, Weill (1997) Sony SK62824 18.50 3.55 10.10), bleibt mein Favorit bei den HIP-Aufnahmen Levin unter Gardiner. Bei van Immerseel und Levin geht es mir insgesamt doch ein wenig zu brav und bieder zu, das verwendete Hammerklavier will mir immer noch nicht so recht gefallen.

Zu Levins Harfenklang: Ich nehme an, er hat das Una corda-Pedal gedrückt, wie es in der Partitur verlangt wird.

Gruß, Zelenka
Gamaheh (10.04.2008, 23:00):
Original von Zelenka
Das Video-Zitat auf YouTube stammt von dieser DVD, die ich besitze und wärmstens empfehlen kann:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/4166YS1SM6L._SL500_AA240_.jpg

Auf Youtube ist das ganze Video in elf Teilen zu sehen. Ich habe es mal vor ein paar Jahren im Fernsehen gesehen (als ich noch einen hatte) und fand es auch sehr interessant.

Grüße,
Gamaheh
ab (11.04.2008, 10:47):
Original von Zelenka
Nun endlich zu Afanassiev:

Afanassiev, Mozarteum O Salzburg, Soudant (2002) Oehms OC344 23.29 6.53 12.00

Sein Essay zu seiner Konzert-Gesamtaufnahme ist hier zu lesen, jenseits des Kanals würde man ihn als "drivel" bezeichnen. Er zitiert Luminarien von Vladimir Nabokov bis Matthew Arnold, das Konzept der Zeit wird problematisiert, aber was dies alles mit seiner Mißachtung der Tempoanweisungen Beethovens und der Metronomangaben Czernys zu tun haben soll, bleibt unklar. Auch hier kann ich dem Pianisten nicht folgen.


Diesseits des Kanals spricht man wohl von "Postmoderne". Sind seine Romane im selben Stil?
ab (11.04.2008, 10:56):
Original von Zelenka
Nun endlich zu Afanassiev:

Afanassiev, Mozarteum O Salzburg, Soudant (2002) Oehms OC344 23.29 6.53 12.00

Ich möchte mich nicht hinter Victor Carrs Rezension verschanzen (classicstoday.com), aber ich fürchte, mein Urteil weicht nicht sonderlich ab.

Ähnlich wird hier diese Aufnahme von Hans Alberts verrissen.
Auf dieser Seite hier sind ganz unten Gedanken zu lesen, deren Aspekten ich viel mehr abgewinnen kann.

Dort ist zu lesen:
Das anti-dramatische, oberton-erklingende Spiel ist jedoch keine „praktizierte Harmlosigkeit“, sondern ragt zum aufregenden Neuentdecken der Musik Beethovens aus der Flut der sonst so ähnlichen Aufnahmen wie ein Monolith heraus. Es ist geradezu ein Wunder, wie es Soudant mit seinem Orchester schafft, sich Afanassiev und seinem Klangkonzept anzupassen.

Wie früher bereits schon einmal erwähnt, schätze ich selbst diese GA ganz besonders! Beethoven hin oder her, das ist für mich ganz wunderbares Musizieren. Oehms sei Dank!
:down :engel :down

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/4260034865136.jpg
Zelenka (11.04.2008, 19:18):
Original von ab
Original von Zelenka
Nun endlich zu Afanassiev:

Afanassiev, Mozarteum O Salzburg, Soudant (2002) Oehms OC344 23.29 6.53 12.00

Ich möchte mich nicht hinter Victor Carrs Rezension verschanzen (classicstoday.com), aber ich fürchte, mein Urteil weicht nicht sonderlich ab.

Ähnlich wird hier diese Aufnahme von Hans Alberts verrissen.
Auf dieser Seite hier sind ganz unten Gedanken zu lesen, deren Aspekten ich viel mehr abgewinnen kann.

Dort ist zu lesen:
Das anti-dramatische, oberton-erklingende Spiel ist jedoch keine „praktizierte Harmlosigkeit“, sondern ragt zum aufregenden Neuentdecken der Musik Beethovens aus der Flut der sonst so ähnlichen Aufnahmen wie ein Monolith heraus. Es ist geradezu ein Wunder, wie es Soudant mit seinem Orchester schafft, sich Afanassiev und seinem Klangkonzept anzupassen.

Wie früher bereits schon einmal erwähnt, schätze ich selbst diese GA ganz besonders! Beethoven hin oder her, das ist für mich ganz wunderbares Musizieren. Oehms sei Dank!
:down :engel :down

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/4260034865136.jpg

Lieber ab:

Alberts verreißt die Aufnahmen des 3. und 5. Konzerts, aber mutatis mutandis verhalten sich die Dinge beim 4. Konzert natürlich ähnlich. Ich konzediere, daß bei Zugrundelegung anderer Kriterien als etwa den meinigen Afanassiev hier seine Reize hat. Ich zweifle nicht die Professionalität der Beteiligten an, es ist ein Wunder, daß das Orchester zusammengehalten werden kann. Der eingeschlagene Interpretationsweg ist für mich ein Irrweg, der meinem Bild von Beethoven nicht gerecht wird. Ich kann nicht über meinen Schatten springen, ich habe (vielleicht zuviel) Respekt vor der Partitur und ihrem Schöpfer. Tempoangaben sollten z.B. respektiert werden bei aller Freiheit im Detail.

Gruß, Zelenka
Zelenka (11.04.2008, 19:19):
Original von ab
Original von Zelenka
Nun endlich zu Afanassiev:

Afanassiev, Mozarteum O Salzburg, Soudant (2002) Oehms OC344 23.29 6.53 12.00

Sein Essay zu seiner Konzert-Gesamtaufnahme ist hier zu lesen, jenseits des Kanals würde man ihn als "drivel" bezeichnen. Er zitiert Luminarien von Vladimir Nabokov bis Matthew Arnold, das Konzept der Zeit wird problematisiert, aber was dies alles mit seiner Mißachtung der Tempoanweisungen Beethovens und der Metronomangaben Czernys zu tun haben soll, bleibt unklar. Auch hier kann ich dem Pianisten nicht folgen.


Diesseits des Kanals spricht man wohl von "Postmoderne". Sind seine Romane im selben Stil?

Afanassievs Romane stehen bislang nicht auf meinem Wunschzettel ...

Gruß, Zelenka
ab (11.04.2008, 21:08):
Original von Zelenka
Ich kann nicht über meinen Schatten springen, ich habe (vielleicht zuviel) Respekt vor der Partitur und ihrem Schöpfer. Tempoangaben sollten z.B. respektiert werden bei aller Freiheit im Detail.

Gruß, Zelenka

Eine solche Einstellung - finde ich - ist nur billig und recht und achtenswert. Ich kann ihr auch viel abgewinnen. Ich selbst habe wohl zuwenig Respekt vor der Partitur und ihrem Schöpfer - und (vielleicht zuviel) Respekt vor dem Ästhetisch-Klanglichen und dem Interpreten.
:hello
Zelenka (12.04.2008, 12:13):
Original von ab
Original von Zelenka
Ich kann nicht über meinen Schatten springen, ich habe (vielleicht zuviel) Respekt vor der Partitur und ihrem Schöpfer. Tempoangaben sollten z.B. respektiert werden bei aller Freiheit im Detail.

Gruß, Zelenka

Eine solche Einstellung - finde ich - ist nur billig und recht und achtenswert. Ich kann ihr auch viel abgewinnen. Ich selbst habe wohl zuwenig Respekt vor der Partitur und ihrem Schöpfer - und (vielleicht zuviel) Respekt vor dem Ästhetisch-Klanglichen und dem Interpreten.
:hello

:beer Ich habe generell auch nichts gegen einen schönen Klang im Ohr, Partitur hin und her, aber bei Afanassiev stoße ich eindeutig an meine Grenzen.

Gruß, Zelenka
Rachmaninov (03.06.2008, 17:38):
Gerade höre ich nochmals die Aufnahme Pollini / Böhm / wiener Philharmoniker.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0028947771111.jpg

Die Aufnahme gehört für mich, wie auch bereits für viele andere Forianer, in die "Spitzengruppe".

Pollini spielt den Klavierpart brilliant, feinsinnig wo gefordert, kraftvoll wenn nötig glänzt mit klarem Anschlag, der farbig wirkt.
Außerdem scheint es als höre er dem Orchester sehr gut zu.

Böhm leitet die Wiener gekonnt durch die Partitur. Da geht kein Spannungsboden verloren, oder Details gehen übermäßig abhanden.

Die Aufnahme ist IMO auch klanglich durchaus auch heute noch konkurenzfähig

:times10
Rachmaninov (03.01.2009, 09:38):
Forianer,

zu Weihnachten bekam ich endlich die Gesamtaufnahme der Beethoven Klavierkonzerte in der Einspielung von E. Kissin mit dem Londoner Symphony Orchestra unter Sir Colin Davis.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/5099920631123.jpg

Zwar hörte ich bisher jedes Konzert mind. einmal, jedoch hat mich derzeit das 4. Klavierkonzert inn dieser Einspielung so intensiv gefangen, dass ich ersteinmal nur dazu in diesem Thread etwas schreiben möchte.

Das Kissin sich entschieden hat das Konzert bzw. die Gesamtaufnahme mit dem LSO unter Davis aufzunehmen war nach meiner Meinung eine sehr gute Entscheidung.

Sir Colin Davis ist ja ein durchaus erfahrener Beethoven Dirigent, der u.A. bereits mit C. Arrau und der Staatskapelle Dresden die fünf Klavierkonzerte Beethoven's eingespielt hatte.

Das LSO gilt heute wohl zu den ganz großen Orchestern, dass ebenefalls auf eine Tradition zurückblicken kann.

Das Ergebnis dieses Spitzenorchesters mit einem erfahrenen Dirigenten kann sich gut hören lassen. Der Orchesterpart gelingt für mich "unspektakulär" gut. Hier wird nicht künstlich Spannung erzeuigt sondern fein und kraftvoll musiziert und es entsteht ein sehr organisches Orchsterbild, das (wie oft so üblich) ein wenig zu Gunsten des Solisten im Hintergrund ist. Aber man hört ungemein die vielen Feinheiten, die Davis rausarbeitet ohne den Gesamteindruck zu zerstören. Das wirkt rund und sehr überzeugend auf mein Ohr!

Und dann Kissin, der offenbar im Alter von 37 Jahren das Bedüfnis hatte diese(s) Konzert(e) einzuspielen. Ein Pianist der Extraklasse, bei dem man einfach hört, dass er auf allerhöchstem Niveau spielt. Seine erlangte Reife und sein überragendes Spiel sind einfach (für mich) atemberaubend.
Hier klingt jede Note so klar, jeder Anschlag so differenziert und vor allem, genau so wie es sich offenbar Kissin vorstellt. Er singt wo er singen will, die Klänge perlen dahin, manchmal erinnert es an ein kleines Glockenspiel. Für mich einfach Überragend. Das ist pianistisch vom Feinsten da hier Können und Kunst eins werden. Kissin ist einfach von seinen Fähigkeiten so stark, dass er sich hier auf die Interpretation konzentrieren kann und seine Vorstellungen, die er aufgrund seiner Erfahrungen mit den Werken gesammelt hat einbringt.

Eine ganz große Aufnahme, der es gelunden ist mich seit langer Zeit einmal wieder so richtig in ihren Bann zu ziehen.

:times10 :times10 :times10
Amadé (02.01.2010, 18:46):
Liebe Forianer,
es ist gerade ein Jahr her, als Rachmaninow die damals neue Aufnahme der Beethoven-Klavierkonzerte mit Jewgenij Kissin vorstellte und lobte.

Heute möchte ich ebenfalls auf eine neue CD mit Beethoven-Konzerten zu sprechen kommen, die im Herbst erschienen ist, jedoch schon 2007 produziert wurde:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51hkw7raBOL._SL500_AA240_.jpg

Beethoven, 4.Klavierkonzert G.dur op.56 und die inzwischen wohlbekannte Bearbeitung des Violinkonzerts D-dur op.61 von Beethovens eigener Hand auf Bestellung des Verlegers, Komponisten und Pianisten Muzio Clementi (damals London).

Zelenka zitierte bereits in dem Eingangsbeitrag dieses Threads Beethovens Schüler Carl Czerny, der Beethovens Gestaltung des Klavierparts bei der Uraufführung sehr „muthwillig“ gewesen sei und er viel mehr Töne gespielt habe, als später in der Druckfassung zu finden waren. Im Booklet zu dieser Neuaufnahme berichtet der englische Musikforscher Barry Cooper, dass die Orchesterpartitur von Beethovens Kopisten, die für die Vorbereitung der ersten Druckausgabe verwendet wurde, in den Außensätzen zahlreiche skizzierte Anmerkungen und Noten von Beethovens Hand enthalte, die dieser bei seinem Vortrag verwendete. Cooper schreibt:

„Einige dieser skizzenhaften Anmerkungen galten lange Zeit als nicht zu entziffern, doch es ist mir gelungen, sie alle zu transkribieren...“

Ronald Brautigam und Andrew Parrott mit dem Norrköping Symphony Orchestra stellen diese Cooper-Fassung nun zum erstenmal vor.
Ich habe die CD wie bei allen anderen auch ohne vorherige Lektüre des Booklets gehört, meine Ohren wurden immer länger, manchmal dachte ich, Rachmaninoff schaut auch herein, ich war geschockt wegen der vielen Eigenmächtigkeiten, Improvisationenen, wie ich fälschlich dachte.

Ich werde mich jetzt öfter mit dieser Fassung beschäftigen müssen, um Beethovens Änderungen/Erweiterungen zu verstehen.
Die Transkription des Violinkonzerts hält heute jedoch keine Rätsel mehr vor.

Herzliche Grüße
Amadé
Amadé (29.04.2011, 17:56):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/51YO71EC9VL._SL500_AA300_.jpg

Forianer,

bisher glaubte ich, dass diese Neuaufnahme des 4.Klavierkonzert nach der Neuedition durch Barry Cooper eine Ersteinspielung sei. Durch Zufall erwarb ich nun diese CD:

http://ecx.images-amazon.com/images/I/514CS%2BDjSaL._SL500_AA300_.jpg

Aus dem Booklet erfahre ich nun, dass der russische Pianist Michail Kazakevitsch schon einige Jahre zuvor (1993) zusammen mit Mackerras eine Aufnahme gemacht hat. Brautigams Einspielung stammt aus dem Jahre 2007. Bei beiden CDs stammt der Einführungstext von Editor Barry Cooper. Beim vergleichenden Hören stelle ich fest, dass Brautigam Beethovens Neuerungen in den Sätzen 1 und 3 noch deutlicher als Kazakevitsch herausarbeitet. Der Vorteil dieser Aufnahme besteht darin, dass hier auch vom 2.KK eine spätere Bearbeitung aus Beethovens Hand herangezogen wurde, die m.E. jedoch nicht so weitreichend als beim 4. ausgefallen ist.
Auch 2011 lassen sich bei LvB noch Entdeckungen machen.
Grüße Amadé
E. Morricone (08.05.2011, 18:45):
Moin,

mich wundert, dass Backhaus nicht unter den Empfehlungen war. Die Version, auf die ich mich beziehe, wurde aber auch nicht einmal aufgeführt. Und zwar Handelt es sich um die Aufnahme BACKHAUS/BÖHM mit den WIENER SYMPHONIKERN aus dem Jahr 1961. Sie kann hier auch direkt gesehen werden. Es hat etwas von Perfektion.

Gruß, Morricone
Amadé (08.05.2011, 21:35):

E. Morricone
mich wundert, dass Backhaus nicht unter den Empfehlungen war. Die Version, auf die ich mich beziehe, wurde aber auch nicht einmal aufgeführt. Und zwar Handelt es sich um die Aufnahme BACKHAUS/BÖHM mit den WIENER SYMPHONIKERN aus dem Jahr 1961.

Hallo,
bei dem bei YouTube gezeigten Video handelt es sich um einen Musikfilm, den ich früher bereits mehrmals gsehen habe, er lief auch mal im Deutschen Fernsehen.
Hier im Forum beziehen sich die meisten auf Plattenaufnahmen, deshalb wohl die Nichtbeachtung, das sollte icht unbedingt als Werturteil zu verstehen sein.

Gruß Amadé
Amadé (27.04.2015, 17:21):
http://ecx.images-amazon.com/images/I/81%2BoVCKxWuL._SX466_.jpg

Ich habe soeben Beethovens 4. Klavierkonzert in einem Konzertmitschnitt mit dem Kölner RSO unter Leitung von Joseph Keilberth gehört (A: 1953). Gieseking spielt hier im 1. Satz Beethovens 2. Kadenz, die von den Pianisten weitgehend gemieden wird, abgesehen von Emil Gilels, der sie "gepflegt" hat. Sie beginnt sie beginnt modern, recht chaotisch und endet in einer langen Trillerkette in beiden Händen mit zusätzlicher Melodie im Diskat bzw. Bass. Beethoven erinnerte sich dieser Technik im Variationssatz seiner letzten Klaviersonate. Der Autor des Booklet-Textes, Chris de Souza, erwähnt hier ausdrücklich, dass es eine eigene Kadenz des Pianisten sei. Man muss leider immer wieder feststellen, dass Booklet-Texte nicht oder ungenügend redigiert werden, aus Kostendruck? Ein Blick in die Eulenburg-Studienpartitur hätte den wahren Sachverhalt aufgeklärt.

Gruß Amadé
Nicolas_Aine (27.04.2015, 18:03):
wobei Eulenburg Partituren auch nicht grade der Maßstab sein sollten :P Aber prinzipiell gebe ich dir Recht.
Amadé (27.04.2015, 20:08):
Original von Nicolas-Aine
wobei Eulenburg Partituren auch nicht grade der Maßstab sein sollten

Haha, natürlich hast Du Recht. Ich muss allerdings immer wieder lächeln,wenn ich Fotos großer Dirigenten sehe, die eine Eulenburg-Partitur in der Hand halten oder auf dem Pult liegen haben. Bei als so akribisch vorgehenden Musikern wie z. B. Giulini hätte ich dies nicht erwartet!

Gruß Amadé :hello
Sfantu (01.05.2020, 19:31):
Zwischen dem, was beispielsweise Zelenka & Amadé hier beigetragen haben & dem, was ich an Einsichten zu diesem Werk habe, liegen Äonen! Im Moment nur soviel: das Vierte & das Dritte sind die beiden Gattungsbeiträge Beethovens, die mich am stärksten anrühren & die ich (nicht nur, was LvB angeht) als herausragend betrachte.

Mein Anliegen zielt nur zum Teil auf dieses Konzert & es ist mehr technischer Natur. Ich stehe sicher nicht allein mit dem Phänomen, daß eine Aufnahme, über die ich ein bestimmtes Werk erstmalig gehört habe, einen prägenden Eindruck hinterläßt. & wenn die künstlerische Qualität nicht gerade unterirdisch war, dann bleibt so etwas nunmal haften. Bei den Beethoven-Konzerten war dies bei mir die Naxos-Box mit Stefan Vladar, der Capella Istropolitana & Barry Wordsworth (1988). Auch, wenn ich seither viele andere Versionen kennenlernen konnte, kehre ich immer wieder gern zu dieser Einspielung zurück. Daß sich trotzdem immer wieder aufs Neue Bauchschmerz einstellt, liegt an der Aufnahmequalität. Daß Naxos in seinen Anfangsjahren vielfach einen halligen, diffusen, seltsam cyberspacigen Klang ablieferte, nahm man als Tribut an das Budget-Segment, in welchem dieses Label wirtschaftet, zähneknirschend in Kauf (gerade, wenn man - so wie ich - sich damals in seinen Schüler-& Studentenjahren befand - schmale Geldbeutel inklusive).
Die Darbietung & der wunderbar glockenartige Ton des verwendeten Bösendorfer-Flügels waren / sind /bleiben jedoch eine Klasse für sich.

Die Box erschien ursprünglich in der Gestalt, wie ich sie damals auch kaufte:



Einige Zeit später wechselte die Aufmachung:



Meine Frage: weiß jemand von euch etwas über diese wundersame Wandlung?
War das ein reiner Marketing-Schachzug? Also: neue Verpackung, neuer Kaufanreiz? Keine Ahnung, ob die "Trio"-Serie mit einem Preis-Rabatt verbunden war. Oder - & das verbinde ich mit einer vagen (vielleicht unbegründeten) Hoffnung: waren sich die Verantwortlichen der bescheidenen Klangqualität bewußt & man hat den Original-Bändern eine tontechnische Überarbeitung / Aufbesserung spendiert?
Andréjo (17.09.2024, 14:07):
Ein wenig habe ich früher zur Bastion derer gehört, die Beethovens Kk5 Kk4 vorziehen. Aber man wird älter. Jetzt sind sie für mich gleichwertig relevant und hörenswert.

Oder sagen wir noch einmal anders: Das vierte Konzert ist origineller, feinsinniger, hintergründiger. Das fünfte protzt dann schon beethovensch - und wenn einer protzen durfte, dann er. Indes: Der zweite Satz ist auch ein Juwel an milder Klangpracht und Lyrik.

Normalerweise geht das bei mir wirklich nicht so und Filmkenner bin ich herzlich wenig: Denn ich habe diesen zweiten Satz gewiss nicht so entdeckt, indes habe ich für mich das emotionale Spektrum erweitern können durch den Spielfilm zum Roman Picnic at Hanging Rock von Joan Lindsay - deutsche Fassung "Picknick am Valentinstag (Peter Weir, 1975).

Wolfgang
Maurice inaktiv (17.09.2024, 16:41):
Mein Anliegen zielt nur zum Teil auf dieses Konzert & es ist mehr technischer Natur. Ich stehe sicher nicht allein mit dem Phänomen, daß eine Aufnahme, über die ich ein bestimmtes Werk erstmalig gehört habe, einen prägenden Eindruck hinterläßt. & wenn die künstlerische Qualität nicht gerade unterirdisch war, dann bleibt so etwas nunmal haften. Bei den Beethoven-Konzerten war dies bei mir die Naxos-Box mit Stefan Vladar, der Capella Istropolitana & Barry Wordsworth (1988). Auch, wenn ich seither viele andere Versionen kennenlernen konnte, kehre ich immer wieder gern zu dieser Einspielung zurück. Daß sich trotzdem immer wieder aufs Neue Bauchschmerz einstellt, liegt an der Aufnahmequalität. Daß Naxos in seinen Anfangsjahren vielfach einen halligen, diffusen, seltsam cyberspacigen Klang ablieferte, nahm man als Tribut an das Budget-Segment, in welchem dieses Label wirtschaftet, zähneknirschend in Kauf
Ich kann nicht direkt etwas dazu beitragen, aber die Einzel-CD wurde auf Amazon nur 2x besprochen, aber ausnahmsweise wurde bei der Einzel-CD nichts Negatives zur Aufnahmequalität geschrieben, im Gegenteil.

Ich kopiere mal heraus, was damals der Amazon-Rezensent Mr. Mark A. Meldon geschrieben hatte 2011, also viele Jahre NACH der Veröffentlichung der Aufnahmen:

Unlike the other reviewer of this CD, I certainly don't think that the Capella Istropolitana Orchestra and Barry Wordsworth provide "tasteless" support for the then very young Stefan Vladar in these much-recorded Beethoven masterpieces! This is, after all, a chamber orchestra appropriate in scale for these works according to current musicological thinking. This very well produced 1988 Naxos CD would be a very inexpensive purchase for those wanting to start to explore Beethoven's piano concertos.

Vladar has survived the late-1980s mania for signing up bright young things and sticking out a few CDs in the hope of sales; it ended in tears, as we all know. I really appreciate Vladar's pianism, and he later made an excellent Sony CD of Beethoven's Diabelli Variations which remains one of my favourite recordings of this work Diabelli Variations , and here he plays on a Bosendorfer piano with it's slightly twangy sonority - sounds just right to me.

The other two early Naxos Vladar Beethoven piano concerto CDs are very good, too Beethoven: Piano Concerto No.1 & Rondo, WoO6 Piano Concertos 2 and 5 (Wordsworth, Capella Istropolitana) .

There is not much more to say about this CD apart from it contains very good performances of these wonderful works and can be had for pennies!


Die Darbietung & der wunderbar glockenartige Ton des verwendeten Bösendorfer-Flügels waren / sind /bleiben jedoch eine Klasse für sich.
Da stimmt ihr auch überein mit eurer Meinung.


Die Box erschien ursprünglich in der Gestalt, wie ich sie damals auch kaufte:
Einige Zeit später wechselte die Aufmachung:
Das ist auch völlig normal bei Naxos, aber wir kennen das a auch bei den anderen Firmen, etwa der DGG, Sony oder nun Warner, um mal andere Firmen zu nennen.

Ob da wirklich was remastert wurde, halte ich für eher ungewöhnlich bei Naxos. Naxos änderte aber die optische Aufmachung ihrer CDs, so dass alles wertiger aussah als noch in den ersten Jahren. Diese erste Änderung ist so um 1990/91 eingetreten und ging bis ca. 1998, als wiederum eine Änderung in der optischen Aufmachung vorgenommen wurde.

Inzwischen gibt es zwei weitere GA der Beethoven-KK, eine unter Helmut Müller-Brühl und mit Igor Levit als Pianisten, eine weitere unter Vasily Petrenko und mit dem Pianisten Boris Giltburg.
Joe Dvorak (17.09.2024, 17:49):
Die nette KI von nebenan weiss dazu folgendes zu sagen:
Die Naxos-Aufnahmen der Klavierkonzerte mit Stefan Vladar, der Capella Istropolitana und Barry Wordsworth aus dem Jahr 1988 wurden tatsächlich wegen ihres Klangs kritisiert. Es gab später eine Neuauflage mit einem anderen Cover, aber es gibt keine Hinweise darauf, dass die Aufnahmen für diese Neuauflage restauriert oder der Klang verbessert wurden.
Joe Dvorak (17.09.2024, 17:56):
Ich selbst finde, dass diese Aufnahmen ein Paradebeispiel für den verhangenen, halligen und klangfarbenarmen Klang sind, der viele frühe Naxos-Aufnahmen plagte.
Maurice inaktiv (18.09.2024, 00:11):
Ich selbst finde, dass diese Aufnahmen ein Paradebeispiel für den verhangenen, halligen und klangfarbenarmen Klang sind, der viele frühe Naxos-Aufnahmen plagte.
Ja, das war in der Tat ein großes Problem bei vielen der alten Naxos-Einspielungen gewesen.

Wenn die KI das schon sagt.... :D Ich frage mich, was die damals für ein Equipment verwendet haben. Das muss denen doch auch aufgefallen sein.
Sfantu (28.09.2024, 18:27):
@'Maurice inaktiv
@'Joe Dvorak'

danke für die Hinweise und Ergänzungen!

Eine klare zeitliche Grenzlinie läßt sich wohl nicht ziehen, ab wann Naxos besseren Klang bot - Beethoven mit Vladar und Wordsworth ('88), die Borodin-Sinfonien mit Gunzenhauser ('89) und selbst noch Romans wunderbar musizierte Drottnigholm-Musiken mit Halstead ('96!) siedeln aufnahmetechnisch zwischen nebelverhangen und konturenschwach.
Frühe Beispiele für einen besseren Standard sind etwa Mogrelias Dornröschen-Gesamtaufnahme ('91) oder die beinahe schon audiophilen Elgar-Sinfonien mit Edward Downes ('91/'92). Bedauerlicherweise findet sich solch ein Qualitäts-Bruch auch innerhalb einer Serie, nämlich der an und für sich sehr fein musizierten Dvořák-Sinfonien mit der Slowakischen Philharmonie und Stephen Gunzenhauser: 3 und 6 ('90) klingen bereits passabel während 4 und 8 ('89) noch in der Nebelbank stecken.

Wie auch immer - LvBs Drittes und Viertes mit Vladar behalten ihren hohen Rang für mich. Trotz der klanglichen Abstriche.
Welche Leidensfähigkeit müssen dagegen Furtwängler-, Toscanini-oder Mengelberg-Fans aufbringen?! ^^
Maurice inaktiv (29.09.2024, 08:47):
Eine klare zeitliche Grenzlinie läßt sich wohl nicht ziehen, ab wann Naxos besseren Klang bot
Das ist richtig. Man darf die Marco Polo-Einspielungen nicht vergessen. Die "Fest-Sinfonie" von Smetana unter Lothar Zagrosek etwa, wurde mit dem ORF-SO 1986 gemacht, aber halt auch im Studio des ORF in Wien, also mit entsprechend hochwertigem Equipment. Dvoraks "Slawischen Rhapsodien Nr.1-3 & die Rhapsodie, op.14 wurden 1986/87 in Kosice gemacht, klingen aber auch schon weitaus besser als damals sonst die meisten Naxos-Aufnahmen.


oder die beinahe schon audiophilen Elgar-Sinfonien mit Edward Downes ('91/'92). Bedauerlicherweise findet sich solch ein Qualitäts-Bruch auch innerhalb einer Serie
Die wurden aber auch in den Studios der BBC gemacht, also ebenfalls mit entsprechend hochwertiger Technik aufgenommen, vermutlich auch mit dem Personal der BBC. Das sind natürlich ganz andere Bedingungen als damals sonst herrschten.