Bericht von den Pfingstfestspielen Baden-Baden

Schweizer (30.05.2013, 23:04):
DON GIOVANNI
Dramma giocoso in two acts
Music by Wolfgang Amadeus Mozart
Libretto by Lorenzo da Ponte

Thomas
Hengelbrock, Musical Direction
Philipp Himmelmann, Staging
Florence von Gerkan, Costumes
Johannes Leiacker, Stage Design

Balthasar-Neumann-Choir
Balthasar-Neumann-Orchestra
Jory Vinikour Piano

Anna Netrebko, Donna Anna
Erwin Schrott, Don Giovanni
Luca Pisaroni, Leporello
Malena Ernman, Donna Elvira
Charles Castronovo, Don Ottavio
Katija Dragojevic, Zerlina
Jonathan Lemalu, Masetto
Mario Luperi, Komtur

Zu den Sängern: Auf hohem Niveau Lorbeeren holten
sich Anna Netrebko als Donna Anna (es gab nur im Sextett im 2.Akt eine verwischte Koloratur), Katija Dragojevic (endlich wieder mal ein Mezzo) als Zerlina, Erwin Schrott in der Titelrolle als charmanter Macho, Charles Castronovo als edel-timbrierter Don Ottavio, Luca Pisaroni als bebrillter Diener Leporello.
Mario Luperi sang einen adäquaten Komtur (als steinerner Gast alles mit
Hall verstärkt aus dem Off).
Weniger Verständnis kann ich für die übrigen zwei Künstler aufbringen:
Milena Ernman musste von der Regie her abwechslungsweise eine hyper-
aktive, verrückte oder vielleicht schizophrene Elvira, die sich bei jeder
passenden und/oder unpassenden Gelegenheit auf den Boden warf und
herumkroch, darstellen; für mich war kein eindeutiges Rollenprofil er-
kennbar, was zur Folge hatte, dass ich weder Mitleid für die Figur
empfand, diese Elvira als nervige Zicke oder als unverbrüchlich-treu
zum Don haltende Liebende erkennen vermochte. Der negative Ein-
druck war aber auch ihrer Stimme gezollt. Frau Ernman hat zwar alle
Töne, aber die Register sind nicht verblendet, im tiefen Bereich werden
verquollene Brusttöne geliefert, die ganz und gar nicht zum übrigen
Timbre und der nach oben dünn werdenden Höhe passen wollen. Die
herrliche "Mi tradì"-Arie blieb mir glücklicherweise erspart (auf Grund
der gegebenen Fassung fehlte auch "Dalla sua pace" des Don Ottavio).
Für dieses Riesenhaus in Baden-Baden (2500 Plätze) ist ihre Stimme
schlicht nicht ausreichend gross, denn in der Schlussszene ging
sie völlig unter!
Die zweite, nicht festspielwürdige Besetzung betrifft den Masetto des
Jonathan Lemalu: stimmlich fällt er nicht weiter auf, noch ab ... aber
figürlich (ein erheblich übergewichtiger Mittdreißiger) ist er ein Miss-
casting; dass sich Zerlina mit solch einem Ehemann in spe von Don
Giovanni verführen lässt, ist mehr als verständlich, widerspricht der Handlung diametral!
Ein Einwand zur generell ansprechenden, mit einigen neuen Ideen
aufwartenden Regie: das für das Ständchen "Deh vieni alla finestra"
vom Bühnenhimmel ein Tuch herunterbaumelt, an dem eine in ein
Variété-Theater gehörende Artistin eine Art Pole-Dance vorführt,
fand ich völlig unpassend, denn es lenkte leider von der Musik ab.
Leporello dokumentierte die Liebeleien seines Herrn mit Fotos und
diese präsentierte er dann Donna Elvira während der Registerarie.
Es gab ein Einheitsbühnenbild mit einem kahlen Baum, sehr viel
leere Weite und einige Stühle.
Sehr viel Atmosphäre gab die Bühne nicht her, liess aber andrerseits Platz für den spielfreudigen Neumann-Chor und die Solisten. Stimmungsvoll und dicht war die Bankettszene die auf dem Friedhof stattfand. Die Grabstatuen im Halbdunkel begannen sich dann langsam zum Don hin zu bewegen und zogen ihn schlussendlich unter den Boden. Im übrigen
wurde die Bühne oft durch eine nachtschwarze Sternenwand fast zur
Gänze geschlossen, da blieb mal eine Tür oder ein Fenster ausgespart und Kleinszenen fanden dann ganz nah am Publikum statt während die Bühne requisitienmässig leicht verändert wurde.
Das Balthasar-Neumann-Ensemble empfand ich erst mal etwas trocken- spröde (mag mit meinem Platz auf dem Seitenbalkon und der Akustik des Hauses zu tun haben?), später gewöhnte ich mich an den Klang. Sehr gewöhnungsbedürftig war allerdings Dirigent Thomas Hengelbrock's Marotte von Generalpausen bei den Übergängen von Rezitativen zur nachfolgenden Arie, was jedes Mal leider zu einem Spannungsabfall führte. Er scheint damit das Gegenteil bezwecken zu wollen?
Zum Schluss gab es vom betagt-betuchten Publikum Beifallsstürme
für Netrebko und Schrott, aber auch Pisaroni, Dragojevic und
Castronovo wurden gefeiert und mit Bravos eingedeckt.
Gruss vom Schweizer
Severina (30.05.2013, 23:28):
Lieber Schweizer,

danke für Deinen Bericht, aus Baden-Baden erfahren wir ja eher selten etwas aus erster Hand!
Deine Vorbehalte gegen Malena Ernman verstehe ich sehr gut, ich kann mit ihrer Stimme auch nicht viel anfangen, allerdings punktet sie dann doch meist mir sehr gutem Spiel, woran sie hier offensichtlich von der Regie gehindert worden ist. Roland Geyer hat offenbar ein Faible für die Ernman, weshalb sie quasi zum Stamm des ThadW zählt, was ich nicht ganz verstehe. Aber als Gesamtpaket ist sie wie gesagt meist OK, mal mehr, mal weniger.

Pisaroni macht auch bei uns immer wieder den Leporello. Schrott habe ich erst einmal live als Don erlebt (am ThadW) und war maßlos enttäuscht, er bot einen völlig undifferenzierten BeLLcanto und schaffte es nicht einmal beim Ständchen, ein bisschen sinnlich zu klingen. Ich fand damals, er sollte beim Leporello bleiben, da ist er nämlich gut. Aber ich gestehe, generell kein großer Schrott-Fan zu sein :ignore

lg Severina :hello
Schweizer (31.05.2013, 11:27):
Liebe Severina,
ich bedanke mich für Deinen Kommentar und nehme folgendermassen Stellung:
- ich bin auch kein Schrott-Fan, aber bei dieser dritten Live-Begegnung hat er mich voll überzeugt, er stellte einen grossartigen Verführer auf die Bühne, und zwar darstellerisch wie stimmlich diszipliniert-differenziert. Auch ich hatte vor meinem Ausflug nach Baden-Baden so meine Bedenken, da er vor einigen Jahren bei der letzten Zürcher Figaro-Neuinszenierung mit den Notenwerten "sehr frei", fast schon grenzwertig umging. In Rossini's Moise et Pharaon kann ich mich zum selben Kriterium nicht äussern, da ich das Werk kaum kenne und folglich nicht weiss was notenwertig im Klavierauszug drinnen steht.
Am TV sah und hörte ich ihn als Salzburger Fixer-Leporello, da hat er einen tollen Diener neben den Don gestellt.
- zu Malena Ernman: die mag ihm kleinen Miniaturkästchen ThadW okay sein, in einem grossen Haus hat die nichts verloren. Abgesehen davon dass ich vermute, dass alle Sänger mit Microports verstärkt wurden (ich will kein Gerücht in die Welt setzen, ich habe dazu nichts vernommen, es handelt sich schlicht um eine persönliche Vermutung!).
- Noch ein Nachtrag: mein Bericht bezieht sich auf die vierte und letzte Aufführung vom 26.Mai 2013.
Gruss vom Schweizer

PS: Bin froh, dass ich nicht gleichentags in der D.G.-Première in Zürich war, denn "Biogas-Tannhäuser"-Sebastian Baumgarten als Regisseur soll das Werk entstellt, den nächsten Flop abgeliefert haben!
Severina (31.05.2013, 11:36):
Lieber Schweizer,

völlig Deiner Meinung, als Leporello fand ich Schott immer sehr gut, speziell in der tollen Guth-Inszenierung aus Salzburg. Er ist ja an sich ein guter Schauspieler, deshalb war ich damals von seinem grobschlächtigen Don so enttäuscht, weil ich mir im Vorfeld dachte, dass es funktionieren könnte.
Was sein Singen betrifft, erinnert mich Schrott immer frappant an Cura: Beide machen, was sie wollen, wenn es ihnen conveniert sogar das, was in der Partitur steht. Das ist aber eher die Ausnahme von der Regel :ignore (Bei Cura ist's in Wien oft so, dass ihn ein kräftiges Buhkonzert für die nächste Vorstellung wieder in die Spur bringt :ignore)

lg Severina :hello