Brahms - "Variationen und Fuge über ein Thema von Händel" op. 24
Heike (28.12.2011, 12:01): Brahms schrieb die "Variationen und Fuge über ein Thema von Händel" 1861, also mit erst 28 Jahren. Er widmete sie Clara Schumann zum 42. Geburtstag. Das kurz oft "Händel-Variationen" genannte Werk besteht aus der Aria, 25 Variationen und einer abschließenden Fuge. Spieldauer: knapp eine halbe Stunde.
Brahms bezeichnete die Händel-Variationen einmal als sein persönliches Lieblingswerk.
Das sehr einfache Thema entstammt der Aria con Variazioni der ersten Suite in B-Dur (HWV 434) aus dem 2. Band von Händels Werk "Suites de Pièces pour le Clavecin" (HWV 434 bis 442). Die einzelnen 25 Variationen kann man sehr schön hier in der engl. Wiki nachlesen und auch Noten dazu ansehen. Brahms bleibt in Takt und Tonart eigentlich nahe an der Vorlage, wechselt aber reichhaltig Stimmung und Ausdruck, so dass viele kleine, farbig verzierte Charakterstücke sich aneinanderreihen. Die prachtvolle vierstimmige Schlussfuge steigert den Abschluss zu einem tollen Finale.
Hier kann man sich das Thema und die Variationen 1-4 sowie die Schlussfuge komplett anhören: http://www.ingo-dannhorn.de/index.php?id=160
Ich liebe diese Variationen sehr und habe etliche Einspielungen davon. Mein absoluter Favorit:
Ich freue mich auch schon sehr drauf, dass Sokolov im März in Berlin voraussichtlich dieses Werk spielen wird :-) Heike
Heike (28.12.2011, 13:15): Zur Widmungs- und Uraufführungsgeschichte: Clara Schumann, die die Variationen auch "Hexenvariationen" nannte und sie am 7.12.1861 in Hamburg uraufführte, schrieb darüber:
"Johannes hat wunderschöne Sachen geschrieben, und Variationen, die mich ganz entzücken, voller Genialität, mit einer Fuge am Schluß, die Kunst und Begeisterung in einer Weise vereint, wie ich Weniges kenne. Sie sind furchtbar schwer, ich habe sie aber doch nun beinah gelernt – es steht darüber "für eine liebe Freundin“ – Du kannst Dir denken, welche Freude mir der Gedanke macht, daß er bei diesen herrlichen Var. an mich gedacht.“ (3.11.1861 Brief an Tochter Marie)
Clara Schumann wollte das Werk bald nach ihrem Geburtstag (13.9.) auf's Programm setzen, tat sich aber wohl schwer mit dem Einüben: "Ich kann nicht sagen, wie leid es mir ist, daß diese Variationen, für die ich so begeistert bin, über meine Kräfte gehen." (Brief an Brahms). Brahms mahnte sie dann im Oktober, er hätte Variationen zu ihrem Geburtstag gemacht, "die du noch immer nicht gehört hast, und die du schon längst hättest einüben sollen, für deine Konzerte". Clara reiste dann nach Hamburg, um sie dort in Brahms' Wohnung zu spielen.
Sie schrieb über die Uraufführung in ihr Tagebuch: ” Am 7. December gab ich noch eine Soiree, wo ich Johannes Händel-Variationen spielte. Ich spielte sie unter Todesangst, aber dennoch glücklich und mit viel Beifall. Johannes aber kränkte mich tief durch die Gleichgültigkeit, die er mir in Bezug darauf bewies. Er äußerte, er könne die Variationen nun nicht mehr hören, es sei ihm uberhaupt schrecklich, etwas von sich hören zu müssen, unthätig dabei zu sitzen.“ (Tagebucheintrag vom Dezember 1862)
Infos zitiert nach dem Buch "Clara Schumann: Musik und Öffentlichkeit" von Janina Klassen von Böhlau
Rachmaninov (31.12.2011, 09:23): Hallo Heike,
danke für den Thread.
Die Händel-Variationen von Brahms gehören nicht zu meinen Vavoriten was sein Schaffen angeht.
Werde aber versuchen die mir vorliegenden Aufnahmen mal konsequent zu hören. Darunter sind Tokarev, Ugorsky, L. Fleisher und R. Serkin.
Amadé (31.12.2011, 09:49): Bei mir ist es umgekehrt, solange ich Brahmssche Klaviermusik kenne, stehen die Händelvariationen immer ganz oben an. Auf die neue Perahia-CD bin ich neugierig, warte allerdings auf fallende Preise. Eine Hochpreis-CD kommt bei mir so gut wie nie ins Haus.
Gruß Amadé
Heike (31.12.2011, 10:10): Bei jpc ist die Perahia-CD gerade für 11,99 zu haben. Heike
Amadé (31.12.2011, 13:28): Danke Heike, das wird die erste CD des neuen Jahres.
Gestern Abend im Player: sehr fein und überlegt gespielt, die lyrischen Variationen - in der Mehrzahl - wie von mir erwartet, besonders gelungen. Mit einer Gesamtspielzeit von 25:51 liegt er in etwa im Mittelfeld meiner Aufnahmen, die schnellsten: Egon Petri, Yves Nat, Benno Moisseiwitsch und Walter Klien alle unter 24', die langsamsten Arrau, Michail Rudy und Anreas Boyde, danach dann noch Barenboim mit der Rekordzeit von 30:58. Ich habe das Werk mit Wilhelm Kempff kennengelernt, noch eine Mono-Aufnahme und noch lieferbar in:
Diese Aufnahme gehört mit zu meinen liebsten, die neue Perahia-CD kann man guten Gewissens empfehlen. Die KLavierstücke werden heute gehört.
Gruß Amadé
Heike (05.01.2012, 23:03): Die Kempff-Aufnahme mag ich auch wahnsinnig gern. Bewundernswert, in welcher gesteigerten Rasanz der spielte und wie technisch souverän, aber eben gar nicht technisch. Mal ganz zart, dann wieder wild, dann gedankenverloren und noch so vieles mehr. Die Aufnahme habe ich schon sehr oft gehört, die ist einfach toll.
Die anderen Aufnahmen muss ich mal wieder hören, seit ich Perahia habe, waren die lange nicht mehr im Player.
Gerade höre ich aber Solomon auf youtube, eine Aufnahme von 1942. Interessant, was man da alles findet!
Heike
P.s. jetzt Richter Teil 1 Teil 2 Teil 3
P.p.s. jetzt Ashkenazy - sehr schön mit den fortlaufenden Noten zum Mitlesen
Heike (12.01.2012, 16:47):
Serkins Händel-Variationen können mich auch heute noch begeistern. Das ist eine meiner favorisierten Aufnahmen. Virtuos, kraftvoll, manchmal von getriebener Rastlosigkeit - aber in den lyrischen Passagen anderseits sehr schön und intim. Die Aufnahme hat was Geheimnisvolles, Aufregendes. Schön extrem. Live_Aufnahme von 1957, Lugano
P.s. Spielzeit: 22.03 min + 4.56 min Fuge
Heike (12.03.2012, 19:35): Ich höre gerade aus dieser Box die Händel-Variationen von Andras Schiff:
Schöner klarer Klang, mit etwas Hall. Man hört Schiffs barocke Prägung, er gestaltet kontrapunktisch und fingerfertig - aber unglamourös, undramatisch. Alles ist schön analytisch durchdacht artikuliert. Also, irgendwie höre ich den Brahms weniger drin als z.B. bei Perahia, auch wenn jede Variation schön ausgestaltet ist. Das Tempo ist nicht allzu flott, aber beschwingt. Insgesamt ist mir die Aufnahme vielleicht einen Hauch zu kontrolliert, gefällt mir aber sonst recht gut, hat viele kleine liebevoll ausgestaltete Details.
Heike
Amadé (19.03.2012, 12:06): Original von Heike Schöner klarer Klang, mit etwas Hall.
Das sehe ich auch so, mr gefällt das sehr plastische Klavierspiel, da kommt ihm sicher der jahrelanger Umgang mit Bachs Klaviermusik zugute. Schiff scheint auch immer das gesamte Stück im Auge zu haben, weniger die Details, die er gewiss nicht vernachlässigt oder gar darüber hinweg spielt. In seiner Interpretation ist es m.E. eindeutig ein Stück für die Konzertbühne, weniger für die stille Kammer.
Grüße Amadé
Heike (20.03.2012, 17:51): Dass die Aufnahme von Daniel Barenboim mit der Rekordzeit von 30:58 min am langsamsten Ende der Einspielungen rangiert, darauf hat Amadé oben schon hingewiesen. Nun könnte man ja gleich abwinken und denken, das kann nix sein - aber so ist es gar nicht! Das gefällt mir auch. Es ist quasi genau das Gegenteil einer ganzheitlichen Konzertbühnen-Interpretation, sondern eher ein spannungsgeladenes Miniaturen-Puzzle. Was Barenboim wunderbar macht ist das Einfangen von wechselnden Stimmungen, es kommt mir vor wie ein poetisches Schlendern von Raum zu Raum, oder wie eine Zeitreise: ein hektischer Tag nach einem glücklichen usw. Er spielt ein schönes Legato mit weiten Bögen, auch gefällt mir die Dynamik und er hat sich bestimmt viele Gedanken um die Übergänge zwischen den Variationen gemacht. Zum Beispiel den Wechsel zwischen der ruppigen, resolut gespielten 4. Variation und der folgenden lyrischen, verträumten Melodie in Var 5 finde ich auch klanglich berückend schön. Var 9 z.B. ist bei ihm fast ein eigenes Charakterstück mit vielen athmosphärischen Facetten. Vieles hat eine explizite Sinnlichkeit in dieser Langsamkeit - das Werk verträgt das. Wobei nicht alles langsam ist, er kann auch zulegen und tut das auch. Zu Beispiel Var 14 (die mit den vielen Trillern am Anfang) ist flink - und weil er die Variation davor sehr bedächtig spielt, ist der Kontrast umso stärker. Kritisieren würde ich vor allem den Beginn, die erste Variation, das finde ich zu pointiert buchstabiert. Das Ende wiederum mag ich, die Fuge ist wie ein zwingend zelebrierter Abgesang, wo sich die Gedanken nochmal vermischen, sich quasi Stück für Stück totlaufen und dann enden. Fazit also: Eine gelungene Aufnahme, irgendwie mutig in dieser Langsamkeit, aber das hat was - Brahms nicht als Virtuosenstück, sondern als extremistische Spielwiese im Sinne von Ausdruckstheater. Heike
Jenö Jando bemüht sicht um eine genau ausgefeilte Wiedergabe der Händelvariationen, ohne nähere Charakterisierungder einzelnen Stücke. Darüberhinaus spüre ich keine persönliche Hingabe, die Variationen reihen sich aneinander, ein Blick unter die Oberfläche wird kaum riskiert, deshalb bleibt auch kaum eine im Ohr als bemerkenswerte Lesart hängen. Man könnte von einer Schwarz-weiß-Aufnahme sprechen. Zum ersten Kennenlernen für den schmalen Geldbeutel jedoch nicht von der Hand zu weisen, zumal sich weitere Brahmsche Ohrwürmer auf der CD befinden. Die 3 Intermezzi op.117 werden allerdings ziemlich blutleer dargeboten.
Beim ersten Anhören stellte sich eine kalte Dusche ein, einer der bedeutendsten Pianisten des vergangenen Jahrhunderts muss auf einem abgespielten Flügel von annodazumal das abliefern, was er sich auf einem bestens hergerichteten Instrument jahrelang erarbeitet hat, ein Skandal. Der Flügel klingt hart, aller Obertöne beraubt, holzschnittartig, ohne jeden Duft, und das im Jahr 1988, UdSSR, wenn die Angaben stimmen. Die CD gehört eigentlich sofort in den Müll, wenn da nicht dieses alles sogleich in den Bann ziehende Klavierspiel von Svjatoslav Richter wäre, das die volle Aufmerksamkeit auf sich zieht! Genau umrissen und plastisch aufgestellt werden die einzelnen Variationen und auf ihren Gehalt abgeklopft, soweit es bei der Kürze der Stücke möglich ist. Richter hat eine Vorstellung davon und kann es rüberbringen, wie sich Brahms sein op.24 gedacht hat, nochmals jammerschade, in diesem Gewand. Vielleicht existiert noch irgendwo eine andere Aufnahme der Händelvariationen mit Richter, die Suche wird sich sicher lohnen. Vorsicht beim Label Doremi, es ist nicht das erste mal, dass ich enttäuscht bin.
Grüße Amadé
Heike (21.03.2012, 19:32):
Die Aufnahme von Nikolai Tokarev finde ich enttäuschend. Das ermüdet mich mehr und mehr, desto länger es dauert. Es macht den Eindruck, da hat ein Klavierschüler es perfekt eingeübt, aber keine Idee, was es soll. Kein Charme, dynamisch spuckelangweilig, Bleifuß auf dem Pedal. Wiederholungen werden oft einfach nochmal runtergespielt, auch klanglich fehlt jede Differenzierung. Besonders die lyrischen Variationen verklingen, ohne zu berühren. Besonders lieblos finde ich Var 12 und 13. Aber auch die Triller in 14 sind weder dicht noch gleichmäßig, zudem gehen sie fast komplett in dröhnendem Bassgehämmer unter. Zum Schluss kommt in den letzten Variationen noch mal ein wenig Bewegung auf, aber im Grunde genommen finde ich die Interpretation misslungen. Heike
Heike (21.03.2012, 19:44): @Amadé, was Richter angeht:
Der Flügel klingt hart, aller Obertöne beraubt, holzschnittartig, ohne jeden Duft, und das im Jahr 1988, UdSSR, wenn die Angaben stimmen.
Das ist eine live-Aufnahme aus Krasnojarsk UdSSR vom 29. August 1988. Also im finstersten Sibirien aufgenommen. Ich bin genauso hin und hergerissen wie Du, das fasziniert einen einerseits in dieser Fülle und Lebendigkeit, und dann ist man wieder frustriert wegen des Klanges. Man findet das übrigens auch komplett auf youtube, ich hab es oben verlinkt.
Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass er das Werk nicht vorher schon hier oder da gespielt hätte. Aber ich kenne keine weitere Aufnahme. Vielleicht taucht ja irgendwann irgendwo noch ein Band auf ....
Heike
Heike (22.03.2012, 17:24): Weiter geht es mit Leon Fleisher (1956):
Ich finde das Weltklasse! Das hat eine Leichtigkeit und gleichzeitig eine fabelhaft raffinierte Strukturiertheit. Fleishers Gestalktungskraft ist äußerst beeindruckend. Während er das Thema mit einer barocken Strenge und Grazie spielt, variierten die Variationen im besten Sinne des Wortes. Da hat man lyrische Zartheit genauso wie swingende Rhythmen oder durchdachte Linienführungen. Das leichte Rauschen im Hintergrund vergesse ich bei dieser schönen Farbenreichheit ganz schnell. Und - quasi der absolute Gegenentwurf zu Tokarev: DAS sind elegante und aufregende Triller! Unglaublich gut finde ich den letzten Teil: Die 22. Variation ist mit wunderbaren Klängen gestaltet, fast gläsern, man hört quasi Glöckchen klingen. Dann ein intensiver Steigerungslauf mit knackiger (aber nie theatralischer) Dramatik, mit irre flirrenden Sechzehnteln und einem spannungsreichen Sog bis zur Fuge, die dann den souveränen und rasanten Höhepunkt bildet. Tolle Aufnahme.
Heike
Heike (23.03.2012, 20:46): @Amadé Das hört niemand außer uns ?( Schade. Heike
Armin70 (23.03.2012, 21:30): Original von Heike @Amadé Das hört niemand außer uns ?( Schade. Heike
Stimmt nicht: Dank dieses Threads wurde ich neugierig auf die "Händelvariationen" und kaufte mir diese Aufnahme:
Allerdings hatte ich noch keine Gelegenheit, sie anzuhören aber das werde ich schnellstmöglich nachholen.
Übrigens hatte ich bei Arkivmusic wegen der von Amadé vorgestellten Richter-Aufnahme nachgeschaut und es ist anscheinend die einzigste verfügbare Aufnahme, die Richter von diesem Werk gemacht hat.
Amadé (25.03.2012, 10:36): http://ecx.images-amazon.com/images/I/51P-vVz2YaL._SL500_AA300_.jpg oder http://ecx.images-amazon.com/images/I/4183CE0KABL._SL500_AA300_.jpg
Die Aufnahme des britischen Pianisten Solomon Cutner, der als Künstler auf seinen Nachnahmen verzichtete, entstand bereits 1942 in einem Londoner EMI-Studio und wurde, wie es damals üblich war, auf Schellacks festgehalten, das sollte man wissen, um die klanglichen Gegebenheiten der Aufnahme besser einschätzen zu können. Bei seinem Vortrag der Händel-Variationen hält sich Solomon in der Regel genau an Brahms‘ dynamische und Tempovorgaben, dabei stellt sich der intendierte Aufriss der Komposition wie von selbst ein. Das Thema wird ganz schlicht vorgetragen, V.4 ertönt richtig risoluto, bei der folgenden V.5 wird des espressivo nicht überspielt. Die V.9 kommt sehr langsam daher, gravitätisch, aber auch nachdenklich, V.11 mit Duft. Var.14 wird ganz locker genommen, nach der flinken V.16 nimmt sich der Pianist für die folgende Var. mehr Zeit, die staccato-Noten der rechten Hand verlieren so den Anstrich des Zierrats und es kommt so zu einem feinen Dialog zwischen Unterstimme und Oberstimme. Die Fuge bewältigt Solomon souverän, leider zeitbedingt, im Klang zu dicht. Insgesamt gesehen liegt hier eine sehr sachbezogene Interpretation vor, man spürt aber auch Solomons tiefe Beziehung zu dem Stück. Die Aufnahme sollte jeder Liebhaber der Händelvariationen zumindest gehört haben.
Gruß Amadé
Heike (26.03.2012, 19:46):
Die Aufnahme von Claudio Arrau aus Schwetzingen (1963) zeigt einen gut aufgelegten, vitalen Arrau. Hier hört man fast in jeder Variation irgendwas, was total überraschend ist, es sprudelt voller Energie und hat zudem eine furiose Steigerung zur Fuge hin. Diese Aufnahme fesselt mich deshalb viel mehr als auf der Studioaufnahme bei Philipps (1977). Das hier ist lebendiger und spannender. Arrau kann natürlich unglaublich gut Klavier spielen und das kann er in der live-Situation voll ausspielen. Wie er in der 4. Variation plötzlich total wild zwischen den Oktaven hin und her springt oder wie brilliant das in der 8. Var. fließt, das reißt mit. Auch klanglich macht die Differenzierung Spaß, z.B. die knackige 10. Variation und dann ganz poetisch in der 11. ganz andere Töne angeschlagen, oder gleich in den ersten Variationen, wie er da die Stimmen verwebt und dabei die Töne lange nachklingen lässt, total interessant. Beeindruckend, wie es in den letzten Variationen umherwirbelt und trotzdem durchsichtig bleibt und er jeden Akkord messerscharf abgrenzen kann. Bei vollem Risiko geht natürlich auch mal was daneben, aber das stört nicht. Mich stört hingegen sehr, dass sie einzelnen Tracks leider getrennt sind, vielleicht liegt das an meiner Kopie, dass die Übergänge mitunter vermasselt schlecht aufgenommen sind. Heike
Armin70 (26.03.2012, 23:42): Diese Aufnahme hatte ich mir eben angehört und ich versuche, meine Eindrücke hier zu schildern:
(AD: 24./25. Juli 1984, St. Barnabas Church, Finley, London)
Da dies meine erste Bekanntschaft überhaupt mit den Händelvariationen ist und ich keine Vergleichsmöglichkeiten habe, kann ich jetzt keine fundierte Analyse dieser Aufnahme abgeben. Mein Eindruck ist insgesamt sehr positiv, d. h. die Pianistin gestaltet für mein Empfinden die verschiedenen Variationen sehr abwechslungsreich mit schönen Übergängen. Auch arbeitet sie die verschiedenen barocken Tanzformen wie z. B. Siciliano oder Musette, die Brahms in einigen Variationen verwendete, schön heraus.
Des weiteren gefallen mir einerseits die Gestaltung der ruhigen-lyrischen Passagen aber auch die der schnellen-brillianten Stellen ganz gut.
Interessant finde ich an dieser CD auch die Koppelung mit den übrigen Werken, die alle mehr oder weniger einen Bezug zur Barockmusik haben. Besonders einige von Ferrucio Busoni für Klavier bearbeiteten Choralvorspiele op. 122 gefallen mir in dieser Version sehr gut.
Damit ich aber dann doch mal einen Vergleich habe, werde ich mir demnächst eine weitere Aufnahme zulegen, vielleicht die von Murray Perahia.
Noch kurz ein paar Daten: Die mir bis dahin vollkommen unbekannte Pianistin Lydia Artymiw wurde in den USA geboren und ihre Eltern kommen aus der Ukraine und sie studierte bei Gary Graffman. Für die Händelvariationen benötigt sie insgesamt 27:14 Minuten und für die Fuge 05:17 Minuten.
Heike (27.03.2012, 00:14): Oh, schön, dass sich doch jemand an unserem Dialog beteiligt :-) Die vorgestellte Aufnahme kenne ich nicht, aber sie dürfte den Rekord halten in bezug auf langsames Tempo. Jedenfalls kenne ich keine noch langsamere Aufnahme (oder ist die Dauer der Fuge in deiner Dauer der Gesamtspielzeit enthalten??).
Wer (zum Kennelernen) Vergleichsaufnahmen hören mag, dem empfehle ich z.B. die hier auf Simfy verfügbare, tolle Aufnahme von Katchen.
hieraus: bzw.
Heike
Armin70 (27.03.2012, 00:27): Original von Heike Die vorgestellte Aufnahme kenne ich nicht, aber sie dürfte den Rekord halten in bezug auf langsames Tempo. Jedenfalls kenne ich keine noch langsamere Aufnahme (oder ist die Dauer der Fuge in deiner Dauer der Gesamtspielzeit enthalten??).
Tschuldigung, da hatte ich mich missverständlich ausgedrückt: Die Dauer der Fuge ist in der Gesamtspieltzeit mitenthalten, also nicht extra.
Armin70 (30.03.2012, 21:38): Original von Heike Ich liebe diese Variationen sehr und habe etliche Einspielungen davon. Mein absoluter Favorit:
Nachdem ich mir die Aufnahme von Murray Perahia anhörte, kann ich sehr gut nachvollziehen, dass dies Heikes favourisierte Aufnahme ist. Das ist eine sehr abwechslungsreich gestaltete Interpretation und der Wechsel zwischen den lyrischen und den kraftvoll-virtuosen Passagen gelingt Perahia ziemlich gut. Allerdings muss ich auch zugeben, dass ich Perahia in den weiteren Klavierwerken (Rhapsodien op. 79 sowie die Klavierstücke opp. 118 und 119) noch eine Idee besser finde.
Insgesamt aber hat Murray Perahia mit dieser Aufnahme eine eindrucksvolle Hausnummer hingelegt an der sich jede weitere Aufnahme messen lassen muss. Die Aufnahme von Lydia Artymiw, mit der ich die Händel-Variationen kennenlernte, kann aber für meinen Geschmack den Vergleich mit Perahia ganz gut mithalten.
Wir befinden uns zwar hier in einem Thread über Klaviermusik aber da es um die "Händel-Variationen" geht, möchte ich diese Aufnahme kurz erwähnen, die ich mir kürzlich zulegte:
Der englische Komponist Edmund Rubbra (1901 - 1986) hat im Jahr 1938 dieses Werk für Orchester bearbeitet und Arturo Toscanini sowie Eugene Ormandy hatten dieses Orchesterarrangement in ihrem Repertoire. Rubbra geht mit dem Original sehr behutsam um und setzt den Orchesterapparat sehr geschickt ein, z. B. mit schönen Bläserstellen und trifft den Brahms-Tonfall recht gut. Das volle Orchester kommt erst in der abschliessenden Fuge zum Einsatz.
Von dieser Orchesterbearbeitung gibt es hier einen historischen Konzertmitschnitt vom Januar 1939 mit dem NBC Symphony Orchestra unter der Leitung von Arturo Toscanini: http://www.youtube.com/watch?v=HTP3XDIuP24
Amadé (31.03.2012, 20:38):
Die Händel-Variationen scheinen Konjunktur zu haben, auch bei den jungen Pianisten. Hier steht eine Aufnahme des jungen Schweizer Francesco Piemontesi zur Diskussion, aufgenommen wurde sie 2010 und beim kleinen Label Avanti veröffentlicht. Ich erlaube mir gleich vorweg zu sagen, dass die Aufnahme ganz schön enttäuscht, nicht weil Piemontesi dem stellenweise vertrackten und sperrigen Klaviersatz des Komponisten nicht gewachsen wäre, nein, allein die hier gelieferte Interpretation finde ich noch nicht reif. Der Pianist muss sich noch längere Zeit mit diesem Meisterwerk beschäftigen, tief in das Stück eindringen, lernen, die einzelnen Variationen zu verinnerlichen, abzuwägen, und in ein Verhältnis zu ihren Nachbarn zu stellen, hier stehen sie mir noch mehr oder weniger unverbunden nebeneinander. Auffallend ist, dass er am Ende fast jeder Variation mit einem kleinen Ritardando abschließt, das passt manchmal, jedoch nicht generell. Auch die Tempi sollten m.E. überdacht werden, alle zweiten Wiederholungen lässt der Pianist aus. Piemontesi steht noch am Anfang seiner Beschäftigung mit Brahms‘ op.24, in einigen Jahren wird er sie (hoffentlich) anders spielen, werkgerechter. Guter Klavierklang.
Gruß Amadé
Heike (03.04.2012, 18:21):
Die Aufnahme mit Bruno-Leonardo Gelber (1992; 27.16 min) beginnt mit einer akzentuierten, fast etwas steifen Aria, die ich nicht so unbedingt mag - mir gefällt es etwas melodischer besser. Auch die erste Variation ist sehr betont buchstabiert, bedeutungsschwer, für mich zu viel Gewicht. Aber im Verlauf stellt sich das dann doch als eine recht gelungene Aufnahme heraus. Ich finde es eher kleinteilig musiziert, aber mit viel Verve und mit spannenden Tempospielereien. Der Klavierklang ist sehr interessant, diskantbetont, manchmal schön leuchtend, dann aber auch wieder merkwürdig fad-eintönig - kann ich schwer beschreiben. Am besten gefällt mir der Schluss mit den letzten Variationen und der Fuge, das ist sehr mitreißend, von einer unmerklichen Unruhe, die ich sehr gelungen finde. Da kann Gelber auch sein technisches Können gut ausspielen. Insgesamt sicher eine gute Aufnahme, aber sie berührt mich insgesamt etwas weniger als z.B. die von Fleisher, die mich als Gesamtkunstwerk mehr anspricht. Heike
P.s. @Armin: Du hast völlig recht, die Intermezzi auf der Perahia-CD sind mindestens genauso schön, vielleicht sogar noch berührender!
Amadé (04.04.2012, 10:07): Bei Variation 18 hat Brahms hinzugesetzt "grazioso". Sehr viele Pianisten haben da Schwierigkeiten bei der Umsetzung. Was meinte Brahms da? Dachte er zuerst an die Viertel, die sich links und rechts abwechseln, oder eher an die Sechzehntel, die auf und absteigen, aber kein Zierrat sein dürfen? Auch die Tempowahl scheint hier von enormer Bedeutung zu sein.
Gruß Amadé
Heike (04.04.2012, 18:58): Ich weiß ja nicht was Brahms dachte, aber ich würde an die Viertel denken. Heike
Amadé (05.04.2012, 20:21): Original von Heike Ich weiß ja nicht was Brahms dachte, aber ich würde an die Viertel denken.
Das denke ich auch, jedoch dürfen sie möglichst nicht gebunden und nicht in die Länge gezogen werden, sonst stellt sich der Tanzcharakter nicht ein.
Zu Tokarev:
Original von Heike im Grunde genommen finde ich die Interpretation misslungen.
Misslungen möchte ich da nicht sagen, eher unreif. Ich denke, dass Brahms bei ihm mehr eine Randerscheinung ist, sein Herz schlägt woanders, aber ich kann mich täuschen. Nach einigen Jahren, falls er noch an op.24 feilt, wird es anders klingen. Aber schon jetzt habe ich eine Stelle entdeckt, die mich aufhorchen lässt, da sie sonst nur von Yves Nat beachtet wird, ich meine das kleine Crescendo und nachfolgende Piano bei den fallenden 32tel im 2.Teil der 1.Variation. Man solte es abwarten. Ähnliche Probleme wie Tokarev hat der auch noch junge Andreas Boyde (Oehms), obwohl er sich den kompletten Brahms vorgeknöpft hat, d.h. sich wohl mehr mit seiner Klaviermusik beschäftigt hat. Übrigens, wir wissen nicht, wie Kempff 1920 die Händelvariationen gespielt hat.
Hallo Heike, ja bei Wiki steht tatsächlich nichts drin! Ich habe die meist benutzte Peters-Ausgabe, die halte ich für zuverlässiger. Dort liest man, bei Wiki 2.System, zwischen re. und lk.Hand bei den letzten 3 16-tel ein p mit einem cresc und bei den 32-tel 1.Takt Mitte im 3.System wieder p. Das meinte ich, wenn man das so spielt, wird die Musik für einen Moment mit Spannung aufgeladen. Vielleicht denkst Du jetzt, ich hörte die "musikalischen Flöhe" husten, möglicherweise hast Du nicht unrecht, aber bei der Beurteilung von Interpretationen, wie ich sie immer wieder im KLassik-Prisma betreibe, habe ich gelernt, genau hinzuhören.
Aus unserem kleinen Dialog im Forum, der von fast niemanden aufgenommen wurde, ist eine neue WEb-Seite entstanden, ich denke, dass sie übermorgen ins Netz kommt. Perahia, den ich durch Deine heiße Empfehlung angeschafft und kennengelernt habe, schätze ich im Vergleich doch nicht so hoch ein, er ist sicher gut, schafft es jedoch nicht ins Spitzenfeld von Solomon, Fleisher, Anton Kuerti, den Du wahrscheinlich nicht kennst, und Serkin.
Grüße Amadé
Heike (10.04.2012, 21:42): Ähm, ich kopiere mal meine Frage drunter, auf die Amade hier geantwortet hat - die hatte ich ihm per PN geschrieben - das gehört eigentlich über den letzten Beitrag:
Hallo, ich habe nur die Noten aus der WIKI, siehe http://en.wikipedia.org/wiki/File:HandelVar_Var01.jpg und da stehen bis auf das f am Anfang überhaupt keine direkten dynamischen Angaben drin, daher habe ich nicht verstanden, was du im 2. Teil meinst. Da sieht man nur die kleinen decresc in der re Hand und das cresc am Ende. Bei den fallenden 32eln ist da gar nichts vermerkt. Das höre ich also zum ersten Mal, was du da bemerkt hast. Heike
Heike (10.04.2012, 21:44): So und nun noch die eigentliche Antwort: Dass Du Perahia nicht so hoch einschätzt wundert mich, ich finde ihn nach wie vor sehr gut. Kuerti kenne ich leider nicht, Fleisher habe ich ja selbst oben als absolute Weltklasse gelobt und Solomon + Serkin finde ich auch sehr gut, auch wenn es arg knistert. Was stört dich an Perahia? Was ihm an Hoch-Spannung vielleicht fehlt, das macht er durch Anschlag und Rafinesse meiner Meinung nach mehr als wett. Es ist natürlich eine komplett eine andere Art, Brahms zu spielen, viel weniger bedeutungsschwer, aber ich mag diese Leichtigkeit und Flüssigkeit außerordentlich. Bin gespannt auf deine Webseite! Heike
Heike (14.04.2012, 08:36): Die Seite von Amadé zu den Händelvariationen ist online: Klassik-Prisma Ich staune mal wieder, wie viele Aufnahmen ich noch gar nicht kenne :-( Heike
Heike (17.04.2012, 19:17): Perahia versucht alles schön zu spielen, das passt zu Variationen wie 2, 9, 10, 20 und 22, aber es ist nicht die ganze Wahrheit bei op.24, man sollte den Komponisten nicht in die Nähe von Mendelssohn rücken. Anderen Variationen, die eine rauhere Gangart, das Herbe erfordern, fehlt es dann an Ausdruckskraft, z.B. V.13, viel zu brav (b-moll!!), oder sie sind nur technisch top wie V.14. Thema: Auftaktnoten der lk.Hd. auch auf die re. übertragen, von Brahms so gedacht? V.19 uneinheitliche inkonsequente Artikulation, V.23 Pedal auf Zählzeit 2 und 4 bindet die Achtel (trotz Pause dazwischen) aneinander, raubt ihnen jedoch die durchschlagende Kraft, Fuge in T.20 kommt zuerst der Bass (poco marcato), dann die fallende Terzenkette, nicht umgekehrt – schöner Klavierklang
Natürlich ist das alles richtig, was du schreibst und es ist sicher Geschmackssache, wieviel Freiheiten man dem Interpreten zugesteht. MMh. Ich würde aber nicht sagen, dass er versucht, alls "schön" zu spielen - sondern, dass er versucht, alles "leicht" zu spielen. In dieser wunderbar klaren Transparenz der Stimmen ist das für mich eine völlig andere Lesart, wirkt fast jugendlich-heiter und ich mag das daher sehr und finde es gar nicht zu brav. Heike