Breviarium Metallum 1077

Joe Dvorak (09.12.2022, 01:41):
Ein neues Grossprojekt steht an. Nachdem ich mit meiner gar nicht so heimlichen Geliebten mehr Zeit verbringe als mit der Topic-Hausherrin, richte ich mir fuer die regelmaessigen Treffen ein dauerhaftes Plaetzchen im Hinterzimmer ein. Da wir in queeren Zeiten leben, sollte es niemanden stoeren, wenn ich zum Mitmachen einlade.
Es soll hier um die als Metal bezeichnete Musik gehen. Von meiner Seite aus wird das ein Abriss der Geschichte des Genres, freilich voellig unwissenschaftlich -dazu gibt es reichlich gute Artikel im Netz- und rein subjektiv anhand der Alben, die bei mir auf der Unbedingt-wiederhoeren-Liste stehen. Die ist mittlerweile recht lang geworden und wenn ich mich nicht langsam dran mache, dann wird da bald eine Leider-nicht-rechtzeitig-wiedergehoert-Liste draus. Konkret: ich werde meine Lieblingsalben systematisch nach Erscheinungsdatum 'abarbeiten' und die (mich) faszinierende Entwicklung des Genres von der linearen Fortschreitung in den 70ern, ueber die Verzweigungen in den 80ern, bis zur nachfolgenden und bis heute andauernden Stilexplosion und Zersplitterung in myraiden von Sub-Genres nachhoeren.

Wozu ein Thread ueber Metal in einem Klassikforum? Weil es in diesem Forum einen Off Topic Bereich und dort eine Abteilung Nicht-Klassische Musik gibt. Und Metal ist Nicht-Klassische Musik. Es gibt allerdings durchaus Gemeinsamkeiten, die offenbar werden, wenn man Metal durch die Klassik-Brille sieht, bzw. durch das Klassikhoergeraet hoert.

Nun ist die Zahl der noch aktiven Foristen, die meine Leidenschaft teilen, sehr ueberschaubar geworden ... kann man etwas ueberschauen, das gar nicht existiert? Daher sollte ich zumindest erklaeren, was Metal eigentlich ist. Wenn man nach Definitionen sucht, dann findet man untaugliche Zuschreibungen wie hohe Lautstaerke (Metal ist auch leise gehoert Metal), Aggressivitat (eine nicht-inhaerente, rein subjektive Empfindung) und hohe Geschwindigkeit (es gibt auch langsamen Metal) oder es wird ueber spezielle Gesangsstile (die sind unendlich divers und es gibt instrumentalen Metal) und textliche Inhalte (die sind unendlich divers) fabuliert oder ueber die Rolle der Soloinstrumente (es gibt Metal ohne Solos). Letztendlich gibt es nur ein verbindendes Element, das sich praktisch in jedem Metal-Song wiederfindet: Das Metal-Riff. Schlagen wir bei Miriam-Webster nach: Riff - eine Ostinato-Phrase, die einen Solisten in der Jazz- oder Rockmusik begleitet. Collins schreibt: (Im Jazz oder Rock) eine kurze Abfolge von Akkorden. Ich kombiniere: Ein Ostinato einer kurzen Abfolge von Akkorden. Damit das zum Metal-Riff wird, muss es von einer elektrisch verstaerkten Gitarre mit mehr oder weniger verzerrtem Klang kommen. (Ausnahmen lassen wir aussen vor - auch wenn es nicht von einer verzerrten Gitarre kommt, klingt es so wie eine.) Aber ab da wird es mit der Definition schwierig. Jeder kennt Rolling Stones' Satisfaction. Das beruht auf einem Riff -wohl eines der bekanntesten der Rockmusik- von einer verzerrten Gitarre. Aber das ist definitiv kein Metal. Wie sieht es mit dem ebenso bekannten Riff von Deep Purples Smoke on the Water aus? Da scheiden sich die Geister schon, das ist ein Grenzfall (ich meine, es ist keins). Mit der Verdichtung der Genre-Definition auf das Riff haben wir das Problem nur verlagert. Es ist wie beim Jazz. Man weiss es einfach. Louis Armstrong hat auf die Frage, was Jazz sei, sinngemaess gesagt: wenn du das fragen musst, wirst du es niemals wissen - wenn es da ist, dann fuehlst du es. Also: Musik ist Metal, wenn sie auf Metal-Riffs basiert und ein Metal-Riff ist ein Riff, das man als solches empfindet (wenngleich es an konkreteren Definitionsversuchen fuer die Abgrenzung zum Rock-Riff nicht fehlt).

Ueber Qualitaet entscheidet in erster Linie das Riff. Eine Metal-Gruppe kann kompositorisch und spieltechnisch noch so brilliant sein - mit lahmen, uninspirierten Riffs wird das nichts. Auf der anderen Seite hoere ich ueber simple Strukturen und eine schlampige Vortragsweise gerne weg, wenn nur die geilen Riffs kommen. Idealerweise findet sich freilich beides vereint. Und selbstverstandlich muss es laut sein und aggressiv-treibend und schnell und mit Swagger-Gesang und Macho-Texten und mit virtuosen Soli - aber nicht unbedingt immer alles auf einmal.

Eine weitere 'Definiton' finde ich noch des Postens wert:

Metal ist die niedrigste und primitivste Form der Pseudo-Musik, geschrieben für halbwuechsige Jungs, die keinerlei musikalische Tiefe oder Kreativitaet besitzen (...) Es ist eine Menge an Krach, Holzkoepfen und Gemeinheit, wirklich (unbekannter Philosophie-Professor).

Diese Aussage wurde spaeter von einem ehemaligen Schueler dieses Professors, Dr. Robert Arp in einem Buch mit dem Titel Black Sabbath and Philosophy: Mastering Reality zitiert. Das nenne ich ganz feine Ironie (die zu erkennen allerdings das Wissen voraussetzt, dass Black Sabbath eine Metal-Band ist).

Warum '1077' im Titel? Das Hoerprojekt umfasst 177 Alben. Wozu dann die 0? Es sieht besser aus.
Joe Dvorak (09.12.2022, 23:28):


Iron Butterfly - Heavy (Jan 1968)

Heavy. Standesgemaesser kann die Serie kaum beginnen. Heavy Metal und Metal werden oft synoym benutzt, aber strengnommen ist Heavy Metal ein Subgenre innerhalb des Metal, in dem Sinne wie die Klassik eine Stilepoche in der klassischen Musik darstellt. Sei's drum, heavy ist das Album allenfalls im Bezug auf die Entstehungszeit und Metal-Elemente sind nur ganz rudimentaer vorhanden. Aber kein Stil entsteht aus dem Nichts, es gibt immer Wegbereiter. Wenn man die Entstehung des Genres bis zu den ersten Wurzeln verfolgen will, dann gehoeren als absolutes Minimum die folgenden Bands (und Alben) auf die Hoerliste: Jimi Hendrix Experience (Are you Experienced?), Cream (Disraeli Gears) & Blue Cheer (Vincebus Eruptum). Iron Butterfly spielen dabei eher eine Nebenrolle, aber gefallen mir besser als die Vorgenannten. Jeder, der auch nur ein kleinwinzigstes Interesse an Rockmusik hat, denkt bei Iron Butterfly sofort an den ausufernden Uebersong In-A-Gadda-Da-Vida vom gleichnamigen Album. (Wer das nicht tut, wird aus diesem Thread etwa soviel Gewinn ziehen wie aus einem Aufsatz ueber die Höhenverteilung der Wochenstuben einiger ausgewählter schweizerischer Fledermausarten.) Ich mag das schwerere und kompaktere Debut allerdings noch lieber.
Joe Dvorak (10.12.2022, 09:37):
Ueber die Frage, wer den Metal erfunden hat, kann man mit geneigten Maniacs eine ganze Nacht durch -oder zumindest bis das Bier ausgeht- diskutieren. Spurenelemente kann man weit in die Vergangenheit zurueckverfolgen. Der brilliante Kritiker-Schriftsteller Martin Popoff beginnt in seinem hoechstvergnueglich zu lesenden Buch Who Invented Heavy Metal? im Jahr 1250 v. Chr. bei der Jerichoschlacht. Davon ausgehend macht er sich 300 Seiten lang die Musikgeschichte durchstreifend auf die Suche nach dem Album, bei dem sich alles erstmalig alles stimmig zusammenfuegte, so dass man ohne wenn und aber von einem reinen Metal-Album sprechen kann. Am Ende kommen vier in die engste Wahl: Led Zeppelin (II), Black Sabbath (Black Sabbath), Deep Purple (In Rock) & Uriah Heep (...Very 'Eavy...Very 'Umble). Weil sich drei der vier Bands in der Folge anderen Themen zuwandten, waehrend sich Black Sabbath konsequent in der Richtung weiterentwickelten, gebuehrte letzlich deren Debut-Album die Ehre. Leider nahm der dezente Hinweis auf dem Buch-Cover doch ein klein wenig Spannung raus.





Black Sabbath - Black Sabbath (Feb 1970)

Die Sabs waren meine Erstbegnung mit dem harten Fach. Ich duerfte so um die 10 Jahre alt gewesen sein, als ich die Scheibe mit dem silbernen Cover -ein Best of vom Debut und dem Nachfolgewerk Paranoid- erstmalig gehoert habe und von diesen unheimlichen und irgendwie verboten wirkenden Klaengen fasziniert wurde. Kein Wunder, ist doch der Tritonus allgegenwaertig. Frueher nannte man dieses Intervall Diabolus in Musica und wollte es als Teufelswerk verbieten. Vielleicht ist da was dran und der Leibhaftige hat sich an meine unschuldige Kinder-Seele geklammert und zwingt mich seither, nicht mehr von den harten und schweren Klaengen zu lassen.
Joe Dvorak (11.12.2022, 10:42):


Uriah Heep - ...Very 'Eavy...Very 'Humble (Juni 1970)

Die Heepster habe ich in der Jugend viel gehoert und das Meisterstueck Salisbury (1971) mit dem LP-seitenfuellenden Titelsong samt Orchesterverstaerkung fand spaeter immer wieder mal den Weg in die Ohren und wurde im CD-Zeitalter gar nachgekauft. Heavy ist da allerdings gar nichts und so war ich ueberrascht, dass das nur ein paar Monate vorher erschiene Debut-Album von Martin Popoff als Kandidat fuer das erste Metal-Album gehandelt wurde. Diese Bildungsluecke musste geschlossen werden und zum Orkus ja: Gleich die Auftaktnummer ist in der Tat very 'eavy... Ein ganz starke Platte. Jedes Lied hat einen eigenen Charakter, hingerotztes Fuellmaterial sucht man vergeblich, die zeittypischen Blues- und Psychedelic-Zutaten (Schweineorgel!) und der muskuloese Angeber-Gesang (mit viel Vibrato und Ausfluegen in gefaehrliche Hoehen) wirken durch den brachialen Sound null angestaubt. Dieses Album klingt zeitloser als alles, was die Band in den 70ern noch gemacht hat.
Joe Dvorak (12.12.2022, 02:16):


Led Zeppelin - III (Okt 1970)

Mit Led Zeppelin bin ich nie richtig warm geworden. Innovativ und mit herausragenden Protagonisten an Gitarre, Bass/Tasten und Schlagzeug sowie mit einem charismatischen, markanten Saenger, der den Hard 'n' Heavy-Gesangstil mitgepraegt hat. Aber mir wirkt das meist zu ueberladen und 'laermig'. Doch zwischen dem stilpraegenden zweiten und dem breitenwirksamen vierten Album, die von mir das Pradikat "Sollten mir gefallen, tun es aber nicht" erhalten, hat sich ein echter Hinhoerer versteckt. Bis auf zwei, drei riffbetonte Lieder auf der ersten Seite ist wenig Hartstoff zu hoeren. Dafuer gibt es Westerngitarre, Banjo, Mandoline, Steel-Gitarre und synthetische Streicher und gespielt wird Country, Folk & Blues, oft mit experimentellem Einschlag - ganz nach meinem Gusto. Beim ersten Hoeren war das ein chaotisches Durcheinander, aber weckte Lust auf wiederholte Annaeherungsversuche, die dann reich belohnt wurden.

Ich habe nie recht verstanden, wie man diese Gruppe in die Metal-Ecke stellen kann. Sie waren sehr einflussreiche Wegbereiter, sind den Weg aber mMn selbst nicht gegangen. Encyclopaedia Metallum, die umfassende Internet-Resource zum Thema Metal mit sehr strengen Auswahlkriterien, hat sie nicht aufgenommen. Kleine Bemerkung am Rande: Das an diese Seite angeschlossene Forum hat augenblicklich 1.217.542 Mitglieder. Mehr als 1000 Antworten auf einen Beitrag sind nicht ungewoehnlich und es gibt auch mal ueber 10.000. Manche Threads erzielen ueber eine Million Klicks. Wir haben also hier mit unserem Forum durchaus noch ein klein wenig Luft nach oben. ^^
Joe Dvorak (14.12.2022, 23:41):


Deep Purple - Machine Head (Mrz 1972)

Das dritte von vier Studio-Alben der legendaeren MkII-Besetzung. Ich hatte es bei aller Qualitaet lange aus der Hoerzone verbannt. Wenn man dasselbe 3-Sterne-Menue zu oft vertilgt hat, schmeckt es irgendwann nicht mehr. Aber es musste selbstverstaendlich auf die Unbedingt-wiederhoeren-Liste und meldete sich eindrucksvoll zurueck. Von vorne bis hinten vollgestopft mit Klassikern und durch den eroeffnenden Uebersong Highway Star mit einer direkten Linie zur britischen Heavy Metal-Explosion ein paar Jahre spaeter. Es ist muessig, darueber zu diskutieren, ob man die Violetten dazuzaehlt. Anno '72 war Heavy Metal weniger ein Stil und noch weniger ein Genre, sondern ein Attribut, das man als Vermarktungsinstrument an alle moeglichen Bands, die etwas riffbetonter und haerter zur Sache gingen, angeklebt hat. Die Achillesferse dieses Albums ist Smoke on the Water. Wohl kaum ein anderer Rocksong aus den 70ern wurde dermassen totgespielt. Das bekannte Riff darf man mit gutem Recht als primitiv bezeichnen - es ist das allererste, das jeder angehende Rockgitarrist lernt. Die Band darauf zu reduzieren, gibt freilich einen falschen Eindruck von den Qualitaeten jenseits dieses Hits. Die Geschwindigkeit und Praezision des Gitarrenspiels waren zu der Zeit massstabsetzend, in den virtuosen Skalenlaeufen von Gitarre und Orgel findet das klassisch geschulte Ohr die eine oder andere Reminiszenz an die grossen Meister und der mehrere Oktaven umfassende Gesang kann sich ebenfalls hoeren lassen.
Joe Dvorak (15.12.2022, 02:13):
Wir springen erstmals ueber den grossen Teich. Dort hatte man den lauten Bands aus UK zunaechst wenig entgegenzusetzen. Man versuchte, Blue Öyster Cult als amerikanische Anwort auf Black Sabbath zu vermarkten. Die hatten zwar textlich denselben Hang zum Okkulten, aber waren musikalisch vergleichsweise zahm (wenngleich besser). Als BÖC ihr titlelloses Debut herausbrachen, hatten die Briten bereits ihr drittes Album (Master of Reality) im Markt und erstmalig mit alternativen, tieferen Gitarren-Stimmungen gearbeitet, wodurch sie den ohnehin schon wuchtigen Power-Chords nochmals eine zusaetzliche Schwere verliehen.

Dann kamen Montrose.



Montrose - Montrose (Okt 1973)

Gemessen am Veröffentlichungsdatum ist das ein verdammt schweres Brett. Fette Gitarrenwände, hochmemorable Nackenbrecher-Riffs, muskulös-kraftvoller Gesang und eine druckvolle Produktion geben dem rockigen Blues 'n' Roll einen proto-metallischen Anstrich. Das klingt mal wie eine ungeschliffene Vorform von Van Halen (der Saenger Sammy Hagar landete in den 80ern in dieser Band), mal wie Led Zeppelin mit Gogerln, mal wie Black Sabbath auf Speed. Ronnie Montrose unternahm später Ausflüge in den Jazz/Fusion-Bereich, unter anderem ist ein Live-Konzert aus Japan mit Tony Williams und Billy Cobham auf LP dokumentiert. 2012 jagte er sich -gerade vollständig von einer Krebserkrankung genesen- eine Kugel in den Kopf.
Ronnie Montrose ist eine regelrechte Riffmaschine. Er haut eines nach dem anderen raus und alle zeichnen sich dadurch aus, dass sie einfach und eingaengig genug sind, um sich sofort in den Gehoergaengen festzukrallen, aber doch irgendwie ausgekluegelt wirken. Fuer Hagars Gesangsstil hat sich im Metalversum der Begriff Swagger eingebuergert. (Die meisten Saenger aus dem Hard & Heavy Bereich koennen dorthin verortet werden. Vor einiger Zeit brachte Agravain (wo steckt der eigentlich?) ein Zitat, das die Wurzeln erklaert. Zu Opulenz, Arroganz und Ausschmückung wuerde ich noch Prahlerei oder Grosstuerei hinzufuegen.) Auf die albernen Texte hoert man dabei besser nicht so genau. Montrose gehoert zu meinen absoluten Lieblingsalben aus dem harten Fach. Meine stoisch buchfuehrende App vermeldet, dass das Album in den letzten 3 Jahren 64 mal gelaufen ist.
„Swagger war der dominierende Stil der Epoche, und zwar nicht nur bezogen auf die Malerei. Jene Mischung aus Opulenz, Arroganz und Ausschmückung und deren Fähigkeit zur Verführung erklärt warum unsere Vorstellungen jener Zeit zwischen 1880 und 1914 noch immer so viel stärker im Mythos wurzeln als in der Realität. (...)
Joe Dvorak (16.12.2022, 09:00):


Kiss - Kiss (Feb 1974)

Wir bleiben auf der anderen Seite des Atlantiks. Hier gibt es wenig schoenzureden, das ist kompositorisch schon sehr einfach gehalten und es sind sicher nicht die besten Musiker des Planeten am Werk. Aber Musik muss nicht immer kompliziert sein, um Wirkung zu entfalten. Die Produktion traegt einen entscheidenden Anteil bei. Das Klangbild ist ziemlich roh, etwas muffig und ohne Gimmicks, aber die Instrumententrennung ist vorbildlich. Es gibt nur zwei Basis-Gitarrenspuren, lediglich fuer die Soli kommen Overdubs zu Einsatz. Das alles ergibt eine echte Live-Atmosphare, wenn auch mehr mit Club- als mit Konzertsaal-Ambiente. Durch die Schnoerkellosigkeit und die Reduzierung aufs Notwendigste liegen die simplen, reissbrettartigen Kompostionen mehr oder weniger blank vor den Ohren. Ich finde, das hat etwas und das Ergebnis kann sich mehr als hoeren lassen. Zwar klingen Kiss auf ihrem Debut mehr als einmal wie etwas haertere Rolling Stones, aber das macht nichts, denn gleich drei der vier Mitglieder teilen sich den Gesang und damit hat die Gruppe per definitionem drei bessere Saenger als die Stones. Was dieses Album vollends zu einem Immerwiederaufleger macht, ist die durchdachte Titelfolge. Nach den ersten sechs Geradeaus-Nummern und einem unscheinbaren Instrumentalstueck als Zaesur warten die beiden letzten Lieder mit einer schier unerklaerlichen Qualitiaetssteigerung auf.

Disclaimer: Das alles gilt nur fuer die Erstauflage mit neun Liedern. Die ging den Plattenbossen nicht schnell genug weg, deshalb wurde auf den Nachpressungen die wirklich bescheuerte Nummer Kissin' Time, die urspruenglich nur als Single geplant war, in der Mitte eingefuegt. Die passt weder stilistisch noch produktionstechnisch zum Rest des Albums und zerstoert den Fluss komplett. Das ist eines der vielen Beispiele, bei denen mehr nicht nur weniger ist, sondern gar nichts.
Joe Dvorak (17.12.2022, 00:10):


Judas Priest - Rocka Rolla (Sep 1974)

Judas Priest sind als Vorreiter der New Wave of British Heavy Metal, durch die das Genre Eigenstaendigkeit erlangte, zur (noch immer lebenden) Legende geworden. Auf ihrem Debut ist davon freilich noch nichts zu hoeren. Kritiker und Fans lassen es deswegen gern links liegen und selbst bei Saenger Rob Halford kommt es in seiner Autobiographie nicht gut weg - wobei er dafuer weniger die Musik, sondern den Mix und das Mastering des Produzenten verantwortlich macht.
Ich bin anderer Meinung. Das klingt zwar wie eine Mischung aus Black Sabbath, Deep Purple und Led Zeppelin, aber das sind nun nicht gerade die schlechtesten Referenzen. Dass sich die Band einmal verhebt, indem sie versucht, mit einem mehrteiligen, teils experimentellen Langlied dem zu der Zeit bluehenden Prog-Rock zu huldigen und das Album daher unfokussiert wirkt - Schwamm drueber. Halford erreicht mit seinem Falsetto noch nicht ganz die absurden Hoehen, fuer die er beruehmt wurde und er bringt es auch nur selten. Aber genau das ist die Krux. Er setzt es ein, wenn die Spannung auf dem Hoehepunkt angelangt ist - als letztes Steigerungsmittel. Unbedingter Anspieltip ist das autobiographische Run of the Mill, in dem er die Flucht aus dem stickigen Elternhaus verarbeitet. Das Lied ist ein bitterer Blick auf eine alte Person, die immer funktioniert hat und das Streben nach dem, das tief in uns allen steckt, samt ihrem Stolz vergehen lies. Wenn dann nach einem quaelend langsamen Spannungsaufbau schliesslich in hoechsten Lagen die Schlussfolgerung I can't go on herausgeschrien wird, stellen sich bei mir alle Nackenhaare auf - auch beim siebenundvierzigsten Hoeren. Alleine dafuer, aber nicht nur dafuer musste das Album auf die Liste.
Joe Dvorak (17.12.2022, 00:21):


Queen - Sheer Heart Attack (Nov 1974)

Queen auf halbem Weg zwischen dem progressiven Hard Rock der ersten Alben und dem breitenkompatiblen Prog-Pop der Nachfolgealben. Mit ein paar richtig amtlichen proto-metallischen Riffs ist dies das haerteste Album der Koenigin und laesst bei mir keine Wuensche offen.
Joe Dvorak (19.12.2022, 03:00):


Sweet - Desolation Boulevard (Apr/Nov 1974; US-Version Juni 75)

Das weckt Kindheitserinnerungen. Anno '72 sass die ganze Familie Sonntags vereint um das Kofferradio herum und lauschte den Grossen Acht auf Radio Tele Luxemburg, moderiert von Frank Elstner. Dort wurden die acht jeweils bestverkauften deutschsprachigen und internationalen Singles abwechselnd im Countdown gespielt. Seitens der aelteren Geschwister wurde kraeftig gelaestert wenn Roy Black, Cindy & Bert oder Tony Marshall liefen, waehrend den Alten zu Sweet, Slade und Suzi Quattro nicht mehr als "Krach" und "Geschrei" einfliel.

Aelter werdend musste man sich natuerlich von diesem Radiokram distanzieren und deshalb dauerte es ein paar Jahrzehnte bis mir die Truppe wieder begegnete - in einem Buch namens The Top 500 Heavy Metal Albums of All Time. Das erstaunte mich dann doch. Ich hatte zwar noch mitbekommen, dass sie mit der Zeit etwas haerter wurden, aber Metal? Ja doch. Die galoppierenden Stakkato-Riffs, die schiere Geschwindigkeit und in diesem Umfeld die Twin-Leads (unisono vorgetragene Melodien der Leadgitarren) sind ihrer Zeit voraus. Das Album exisitert in zwei Versionen. Die bekanntere US-Version ist ein Best of aus der UK-Version (4 Titel) und dem nicht in den Staaten erschienenen Vorgaenger-Album Sweet Fanny Adams (5 Titel) - das letztgenannte enthaelt die proto-metallischen Klassiker Sweet F.A. und Set me Free, die auch auf dem 6 Jahre spaeter erschienenen Debut von Iron Maiden nicht fehl am Platze wirken wuerden.



Sweet - Sweet Fanny Adams (Apr 74)
Joe Dvorak (19.12.2022, 04:11):
Da ich es oben etwaehnt habe und noch oefter darauf Bezug nehmen werde, kommt hier eine weitere Lesestoff-Empfehlung:



Martin Popoff - The Top 500 Heavy Metal Albums of all Time

Den Titel muss man heute relativieren, denn das Buch kam Anfang 2000 raus. Es beruht auf der seinerzeit groesseten Umfrage, die unter Fans durchgefuehrt wurde. Rankings sind immer problematisch und die Masse ist nicht immer ein guter Ratgeber. Aber Popoffs essayhafte Rezensionen sind mich gut unterhaltend geschrieben und Hintergruende gibt es aus erster Hand durch zahlreiche Interviews mit vertretenen Bands. Mein Highlight sind die persoenlichen Top 10 Listen der Interviewten, die mir zu vielen wichtigen Neuentdeckungen verhalf. Zusammen mit dem weiter oben gezeigten Buch Who invented Heavy Metal?, ebenfalls von Popoff hat man mit diesem Schmoeker schon ein ordentliches Ruestzeug, aber es fehlt noch eine etwas systematischere Betrachtung der Geschichte. Hier ist das Standardwerk (zu den ersten drei Jahrzehnten):



Ian Christie - Sound of the Beast; The Complete Headbanging History of Heavy Metal
Joe Dvorak (21.12.2022, 01:09):


Budgie - Bandolier (Sep 1975)

Das ist eine der erwaehnten Neuentdeckungen aus Popoffs Top 500. Dort taucht das titellose Debut-Album aus dem Jahr 1971 auf Platz 387 auf. Das haette mich vielleicht irgendwann mal zum Hoeren bewegt, vielleicht auch nicht. Den Fausthieb gab die Tatsache, dass es in Top 10 Listen der Mitglieder von Bands, die mir sehr gefallen, auftauchte und was die sonst noch drin hatten, fuehrte zum rasiermesserscharfen Schluss, dass das etwas fuer mich sein muesste. Und so war es dann auch. Budgie sind wahre Riffmonster und liegen haerte- und schweretechnisch bisweilen auf Black Sabbath Niveau. Eigentlich muessten die ersten fuenf Alben hier alle genannt werden. Dass sie nicht bekannter wurden, liegt vermutlich daran, dass sie keinen ausgesprochenen Hit hatten. Dazu kommt auf den ersten vier Alben eine ziemlich rohe und schlammige Klangproduktion, die freilich gut zu dieser Musik passt. Das fuenfte Album, Bandolier markiert den Beginn eines Stilwechsels. Die Produktion ist sauber und druckvoll, die Stuecke sind etwas komplexer, funkige Einfluesse machen sich bemerkbar, die nicht wegzuleugnende Einseitgkeit von Sound und Stil und die Abkupferei bei beruehmteren Kollegen sind verschwunden. Was bleibt sind die Riffs. Was fuer Riffs! Monster-Riffs der Art, die mich vom Sofa auffahren laesst, einen Energieschub bewirkt, den mir kein vierfacher Espresso verschafft und Euphorie ausloest, die nur durch zwei, drei bestimmte Free Jazz Platten, den Verzehr eines Gerichts aus Hunan (wenn der Schmerz nachlaesst) oder den Reaktionszyklus langsam und vollstaendig durchlaufende Kohabitation ueberboten werden kann.
Joe Dvorak (21.12.2022, 03:03):


Rainbow - Rising (Mai 1976)

Das muss man nicht vorstellen. Falls doch, verweise ich auf die Fledermaeuse. Ein Jahrhundert-Album*, das die Grenzline vom Hard-Rock zum Heavy Metal im engeren Sinne markiert. Es singt Dio, der zeigt, dass er auf dem Weg zum allergroessten seines Fachs ist. Die Soli und Unisonolaeufe von Gitarre und Synthesizer muss man gehoert haben, die agilen Bassfiguren, das wuchtige Schlagzeugspiel und ... die Riffs, allen voran das von Stargazer - wer davon nicht mit dem Metal-Virus infiziert wird, ist und bleibt voellig immun.

* Wenn es eine Nummer kleiner sein soll: Die B- ist eine Jahrhundert-Albenseite.
Joe Dvorak (22.12.2022, 02:08):


Thin Lizzy - Johnny the Fox (Okt 1976)

Zum Vokabular des Metal gehoeren die Dual (Twin) Leadgitarren. Die Idee ist simpel, beide Gitarristen spielen diesselbe Melodie in unterschiedlichen Skalen (haeufig um die kleine Terz versetzt), die Wirkung ist umwerfend. Wann ich immer ich diese Zwillingsharmonien hoere, geht mir das Herz auf. Zumindest passiert das bei den Bands der 70er und 80er, spaeter wurde es vielfach zum Klischee. 'Erfunden' wurde das irgendwann in den 40ern, besonders populaer machten es dann die irischen Blues/Hard-Rocker Thin Lizzy. In Verbindung mit ihrem charismatischen Saenger geben die Twin-Leads dieser Gruppe einen unverwechselbaren Sound und praktisch jede Metal-Band, die davon Gebrauch macht, geben sie direkt oder indirekt als Einfluss an. Johnny the Fox gefaellt mir besser als das im gleichen Jahr erschienene, als Hoehepunkt geltende Album Jailbreak. Eigentlich koennte man alle Alben von 1974-83 auflisten (auch und gerade die vielgeschmaehten Chinatown und Renegade), aber wenn ich von jeder Band alle mir wichtigen Alben nochmal hoeren wollte, dann hiesse der Thread wahrscheinlich zurecht "1077".
Joe Dvorak (23.12.2022, 01:23):


UFO - Lights Out (Mai 1977)

Eine weitere Gruppe, die mich schon als Kind faszinierte - mit dem '74er Album Phenomenon, das unbeobachtet neben dem Plattenspieler lag und mit seinem phaenomenalen Cover eine unwiderstehliche Anziehungskraft ausuebte. Ein viel aelterer, rebellischer Bruder kann einen grossen Einfluss auf die musikalische Sozialisation ausueben. UFO werden heute dem Classic Rock (im Sinne von 'zum Klassiker geworden') oder Hard Rock zugerechnet, aber der Einfluss auf den kommenden British Heavy Metal ist vor allem im Titelsong dieses Albums nicht zu ueberhoren. Und dann ist da noch das Gitarrenwunderkind Michael Schenker, der als 17-jaehriger mit den Scorpions ein Album rausbrachte und kurz darauf zu UFO stiess. Das Album mag zwei, drei nicht ganz so starke Lieder haben, aber Schenkers Soli machen Juwelen daraus. Dabei ist es nicht nur Pyrotechnik, die fuer Auffruhr sorgt, es sind die harmonischen und rhythmischen Winkelzuege und noch mehr der Sound. Das hoert, nein, fuehlt sich an, als ob die Luft elektrisch geladen waere -man koennte gar glauben, das Leuchten der Verstarkerroehren zu sehen- und geht gleichsam in Ohren und Eingeweide, um regelrechte Verzueckung zu bewirken. Die virtuosen, schneidenden Gitarrensoli sind ein weiteres Element, das mich immer wieder zur Hard 'n' Heavy Musik greifen laesst.
Joe Dvorak (23.12.2022, 05:08):


The Damned - Music for Pleasure (Nov 1977)

Auf dem Weg zum 'richtigen' Heavy Metal im engeren Sinne ist noch ein wichtiger Umweg notwendig. In der zweiten Haelfte der 70er wurde der Punk Rock eine der dominierenden Stilrichtungen. Es war vereinfacht gesagt die Wiederauferstehung des Rock 'n' Roll auf Adrenalin und richtete sich gegen die zunehmende "Verkopftheit" (Hassobjekt Nr.1: Pink Floyd), die der Musik ihre rebellische Kraft nahm. Akkordfolgen hatten simpel zu sein (wenn es ueberhaupt mehr als 2 Akkorde gab), Virtuositaet war verpoent und die Worte wurden eher herausgespien als gesungen. Das ikonische Album ist Never Mind the Bollocks von den Sex Pistols und die Textzeile No Future wurde zum Motto der Bewegung. Ich finde Punk ab und an ganz launig, hoere aber selten ganze Alben, weil mir das schnell zu eintoenig wird. Die handvoll Alben, die mir richtig gut gefallen, sind fast schon erwartungsgemaess bei Fans und Kritik durchgefallen, weil sie nicht rotzig und geradlinig genug sind. Fuer die Weiterentwicklung des Metal spielte der Punk Rock jedenfalls eine entscheidende Rolle, deshalb gehoert das mMn beste mir bekannte Album hierher. Es ist eine feine Ironie, dass hierfuer der Schlagzeuger von Pink Floyd als Produzent verpflichtet wurde. Offenbar war den Verdammten schon nach einem Album klar geworden, dass das reine Geschrammel keine Zukunft hat und fuer das Zweitwerk etwas Koepfchen nicht schaden kann.
Joe Dvorak (25.12.2022, 01:18):


Quartz - Quartz (Dez 1977)

Das ist eine durchwachsene Angelegenheit. Es gibt gute Riffs aus der Deep Purple/Rainbow-Schule, schoene Dual-Leads, ein paar interessante Arrangements und den typischen Charme eines Debuts, aber hier und da wirkt das Liedmaterial etwas gesichtslos. Unterm Strich ueberwiegt das Fleisch und obwohl der Zahn der Zeit daran genagt hat, schmeckt es mir ganz vorzueglich.
Joe Dvorak (25.12.2022, 01:57):


Aerosmith - Draw the Line (Dez 1977)

Das fuenfte Album der Amis klingt in meinen Ohren ziemlich ueberproduziert und 'laermig'. Aber die Qualitaet einiger Lieder (allen voran Kings and Queens), der unwiderstehlich treibende Groove (mit der Bassgitarre vorne im Mix) und der bisweilen -glaubwuerdig- voellig austickende Saenger (das Ende des Titelsongs!) zwangen dazu, das immer wieder aufzulegen. Mittlerweile toleriere ich die mit zig Spuren und vielen Gimmicks vollgestopfte Klangproduktion nicht mehr, sondern ich liebe sie.
Auch wenn Aerosmith einst mit Alice Cooper und Kiss das Dreigestirn des fruehen US-Metal bildeten, ist ihr blues- und soulgetraenkter Hard Rock mit Perkussions-, Saxophon- und Mundharmonikaeinlagen retrospektiv dem Classic Rock zuzurechnen, zumal sich der Metal kurz darauf in eine voellig andere Richtung entwickelte.
Joe Dvorak (26.12.2022, 04:44):


Judas Priest - Stained Class (Feb 1978)

Ein absolutes Schluesselalbum, dem fuer die Weiterentwicklung des Metal eine aehnliche Bedeutung wie Haydn Opus 20 fuer das Streichquartett zuzumessen ist. Beide standen auf den Schultern anderer, hatten zuvor schon selbst in dem Fach komponiert und es dann darin erstmalig zur Meisterschaft gefuehrt und sich dabei von den Vorbildern losgeloest. (Manche Klassiknerds sehen hierfuer eher Opus 33, aber das waere anderswo zu debattieren).

Saenger Rob Halford bezeichnet das vierte Album seiner Band als Antwort auf den Punk Rock. Sie haben sich das beste davon genommen, naemlich die schiere rohe Energie und diese dem Hard Rock bzw. Proto-Metal einverleibt. Noch wichtiger ist, dass sie dabei durch die rasiermesserscharf praezisen Stakkato-Riffs den Bezug vom Punk zum Rock 'n' Roll gekappt und auch die letzten Verbindungen vom Hard Rock zum Blues geloest haben. Damit haben sie etwas wirklich Neues, das auf keiner klaren Traditionslinie mehr steht, geschaffen und deshalb konnte sich der Metal als eigenstaendiges Genre neben der Rockmusik etablieren. (Alles imho, die von den Gelehrten ganz, bedingt oder gar nicht geteilt wird.) Die fehlende Verwurzelung duerfte der Grund dafeur sein, dass die Musik von vielen als steril und maschinell empfunden wird und dass etliche Leute, die Deep Purple und Thin Lizzy hoeren, mit Judas Priest nichts anfangen koennen. Es heisst dann meist, sie seien zu 'heavy', aber man nenne mir von den Priests einen brachialeren Song als Speed King vom 1970er Album Deep Purple in Rock.

Stained Class hat auch jenseits der historischen Bedeutung seine Qualitaeten. Der Produzent, der zuvor fuer bekannte Jazzrock-Fusion Acts gearbeitet hat, zauberte einen erstklassigen, durchschlagenden Schlagzeugklang und ermutigte einen der beiden Gitarristen, seine Soli zu improvisieren, was dem Ganzen eine abenteuerliche Note verleiht. Am Gesang werden sich die Geister scheiden, weil er sich oft in hohen Lagen bewegt und beim Falsetto die Grenze vom Singen zum Schreien bisweilen ueberdehnt wird. Da flattern die Ohren, aber Metal ist nun mal keine Musik fuer Haustiger. Letztlich ist es das Liedmaterial selbst und der Enthusiasmus, mit dem es von allen Beteiligten vorgetragen wird, das das zu einem ganz grossen Album macht, auch wenn sich die Band spaeter noch selbst uebertreffen sollte.
Joe Dvorak (27.12.2022, 00:08):


The Dictators - Bloodbrothers (Juli 1978)

Ein weiteres Fundstueck aus dem Popoff, diesmal von der persoenlichen Liste des Autors. Ich hatte von dieser Gruppe noch nie gehoert und das war zweifellos ein Versaeumnis. (Das war es nicht, denn wenn ich nicht weiss, dass etwas existiert, dann weiss ich auch nicht, was ich versaeume.)
Die Diktatoren sind klar im Punk verwurzelt, unterwerfen sich aber nicht dessen ideologischen Beschraenkungen, sondern streuen auch mal Metal-Riffs ein, erlauben sich virtuose Gitarrensoli, die geliebten Dual-Leadgitarren kommen zum Einsatz und ab und zu klimpert sogar ein Klavier mit. Bisweilen sind sie dabei fast schon unverschaemt radiotauglich. Das ist eine Mischung, die ich so noch nicht gehoert habe. Ueber ihre Originalitaet hinaus koennen sie richtig was. Fuer Punk ist das ungewoehlich professionell gemacht - ohne dass der Rotz- und Spassfaktor zu kurz kommt. Das Album scheint live im Studio eingespielt worden zu sein. Es gibt nur eine Spur fuer jedes Instrument und man hoert ab und an jemanden die Einsaetze rufen. Aber es ist bei aller Transparenz so fett produziert, dass eine Wall of Sound entsteht. So macht Punk richtig Laune. Bloodbrothers ist dritte Album der New Yorker und wenn ich etwas kritisieren soll, dann dass sie ihren besten Song auf den sonst durchwachsenen und produktionstechnisch nicht so gelungenen Vorgaenger gepackt haben und dass sie den aetzenden Sarkasmsus der Texte von ihrem Debutalbum nicht mehr uebertreffen konnten.
Joe Dvorak (28.12.2022, 00:10):


Saxon - Saxon (Mai 1979)

Die Cover von Metal-Alben sind ein Thema fuer sich. Ich konzentriere mich in diesem Faden auf die Musik und lasse die Bilder fuer sich ... oder gegen sich sprechen.
Nachdem sich der neue punkinfizierte Metal-Sound zunaechst im Untergrund mit Konzerten, von Kleinstlabels produzierten Singles und Kassetten-Handel von Demoaufnahmen etablierte, kam mit Saxons Debut das vermutlich erste Album raus, das man der New Wave of British Heavy Metal (im Fachjargon: NWoBHM) zurechnet - zumindest das erste von einer Band, die nicht gleich wieder von der Bildflaeche verschwand. (Sie sind heute noch aktiv und haben in diesem Jahr ihr 23. Studio-Album rausgebracht). Das Debut kommt heute bei Fans und Kritikern nicht mehr gut weg, weil es zum einem sehr unfokussiert wirkt -sie haben ihren Stil noch nicht gefunden und probieren alles moegliche aus- und wegen der wirklich miesen Produktion. Es klingt flach, koerning und drucklos, der Bass fehlt fast komplett und die wenigen Hoehen zischen. Zum anderen wird das Album von den drei Nachfolgern ueberschattet, die allesamt zu Klassikern wurden und zum innersten Kanon der Alben aus der Zeit der NWoBHM gehoeren. Aber ich finde, das hat -wie so oft bei objektiv schwaecheren Debuts- seinen ganz eigenen unwiderstehlichen Charme und ich lege es haeufiger auf als die Grossen Drei.
Joe Dvorak (28.12.2022, 00:48):


Rainbow - Down to Earth (Juli 1979)

Fuer das vierte Album holte sich Ritchie Blackmore einen neuen Saenger und richtete die Band neu aus. Der Blick ging nach Amerika, wo man mit rockenden, stadiontauglichen Mitgroehlnummern viel Geld machen konnte. Ich gebe zu, dass ich dafuer eine Schwaeche habe, sofern es gut gemacht ist -hierfuer ist das Allstar-Ensemble ein Garant- und sofern nicht nur dieser Stil geboten wird. Auf diesem Album herrscht die richtige Balance, neben den Hits finden sich progressive Langlieder, richtig hart rockende Nummern und bluesige Balladen, mit einem Saenger, der auch in der Hoehe ueber eine schier unglaubliche Kraft verfuegt und einem Bandleader, der sich an der Gitarre einige Solospots goennt, die an seine besten Deep Purple Zeiten erinneren.
Joe Dvorak (29.12.2022, 02:05):


Riot - Narita (Aug 1979)

Falsche Zeit und falscher Ort. Das klingt wie ein Album aus dem Jahr 1980, als eine neue Generation von britischen Metal-Bands wie Pilze aus dem Boden schoss, die Plattenindustrie aufsprang und massenhaft Vertraege abschloss (meist mit grober Benachteiligung der Kuenstler, aber das ist ein Kapitel fuer sich). Die New Yorker Riot hatten dagegen in ihrer Heimat kaum Labelunterstuetzung und so blieb ihnen der Erfolg zunaechst versagt. Narita bietet memorable Riffs und virtuose Gitarrensoli ohne Ende. Die beiden Solisten spielen sich den Allerwertesten ab und scheinen mit ihren Einsaetzen manchmal etwas frueh dran zu sein - wie hungrige Loewen, die man von der Kette laesst. Dieser Enthusiasmus ist hochgradig ansteckend. Obendrauf schreiben sie richtig gute Lieder, mehr auf der melodioesen Seite mit Refrains, die leicht ins Ohr gehen, aber nicht -oder sagen wir: fast nie- allzu platt darauf getrimmt erscheinen. Gesungen wird das ganz hervorragend, wenngleich Stimmlage und Artikulationsweise -wie bei den meisten Saengern des Genres- nicht jedermanns Sache sein duerften. Als Vergleich kann man UFO und die alten Scorpions (bis '78) heranziehen, wenn diese mal mit Haerte und Geschwindigkeit an die Grenzen des Metal vorstossen. Waehrend das bei den Genannten sporadisch geschieht, sind Riot staendig auf der Grenze oder immer in der Naehe. Das Wasser im Wein ist eine unpassende Coverversion von Born to be Wild, die nach den drei brillianten Auftaktnummern das Momentum herausnimmt (was dann aber durch den folgenden, rein instrumentalen Titelsong wieder mehr als wettgemacht wird) und im hinteren Drittel hat sich dann doch die eine oder andere nicht ganz so geniale Songidee eingeschlichen. Aber sind wirklich nur Tropfen, die sich mit wiederholtem Hoeren immer weiter verfluechtigen, weil die beiden Gitarristen es immer wieder herumreissen.
Joe Dvorak (30.12.2022, 23:53):


Motörhead - Overkill (Mrz 1979)

Nochmal ein paar Monate retour (da hat was mit dem Sortieren nicht geklappt). Das Album steht ziemlich exponiert da. Wie Judas Priests Stained Class gilt es als enorm einflussreich fuer die Weiterentwicklung des Metal und in beiden Faellen dauerte es einige Zeit bis die Ideen aufgenommen wurden. Die beiden Bands bilden zu der Zeit die Enden des Spektrums ab. Auf der einen Seite der traditionsbefreite Futurismus der Priester auf der anderen Seite der Blues und Rock 'n' Roll durchtraenkte Stil von Motörhead, die einfach nur alles noch mal einen guten Schuss lauter, schneller und haerter darbieten (und sich selbst nie als Metal-Band verstanden). Sie wurden seinerzeit als die lauteste und schlechteste Band der Welt bezeichnet. Lautheit ereichten sie unter anderem damit, dass der heute legendaere Bandgruender und Saenger Lemmy seinen E-Bass wie eine Rhythmusgitarre spielt und der raeudige, uebersteuerte Klang tut ein Uebriges. Schlecht sind sie nicht wirklich, sie spielen lediglich einfach gestrickte Musik und die ist in diesem brutalen Soundgewand sehr effektvoll.
Joe Dvorak (31.12.2022, 01:24):


Gillan - Mr Universe (Okt 1979)

Nach seinem Ausstieg bei Deep Purple machte der Saenger mit seiner Ian Gillan Band einige interessante Albem mit jazzigem und experimentellem Einschlag. Dann benannte er die Gruppe in Gillan um und sprang mit diesem Album auf den Metal-Zug auf - zumindest bei den zwei, drei Titeln, die wie Deep Purple auf Adrenalin klingen. Man vergleiche Highway Star mit Secret of the Dance - das ist mehr oder weniger dasselbe, etwas tiefer gelegt und um einen Gang hoeher geschaltet. Wenn das Gas weggenommen wird, hoeren wir traditionellen Hard-Rock, der sehr abwechslungreich geraten und mit einigen Ueberraschungsmomenten gespickt ist. Gillan unterscheiden sich -wie Rainbow- von ihren Mitstreitern durch die prominente Rolle der Tasteninstumente. Zum Klavier und zur Hammond Orgel gesellen sich Synthesizer, die innovativ und geschmackvoll eingesetzt werden - das instrumentale Intro Second Sight wertet die ganze Platte auf.
Joe Dvorak (31.12.2022, 01:39):


Scorpions - Animal Magnetism (Mrz 1980)

Die Scorpions kennt jeder, der die deutsche Wiedervereinigung bewusst miterlebt hat. Die wenigsten, die damals das unsaegliche Intro zum 'Soundtrack der Wende', Winds of Change mitgepfiffen haben, wussten freilich, dass diese Schmusetruppe mal ein Hort von harten Jungs war, die mit Zensurbehoerden oder Geschaeften, die sich wegen der Cover weigerten, ihre Platten zu verkaufen, Schwierigkeiten hatten.
Animal Magnetism ist ein Album aus der Uebergangsphase zwischen dem krachenden Teutonen-Hard-Rock (zusammenfassend dokumentiert auf dem ueberragenden Live-Album Tokyo Tapes aus dem Jahr 1978) der alten Scorpions und der amerikanisierten Massenware, die sie ab '84 ausgeworfen haben. Hier findet das Ringen der alten und neuen Elemente -oft innerhalb eines Songs- statt und das macht dieses Album (wie auch den Vorgaenger Lovedrive sowie den Nachfolger Blackout) so interessant.
Joe Dvorak (04.01.2023, 02:32):


Judas Priest - British Steel (Apr 1980)

Mit dem 6. Album schaffte die Gruppe den kommerziellen Durchbruch und machte den Metal zu einem Massenphaenomen. Und wie immer, wenn so etwas passiert (auf einmal hoeren die falschen Leute aus den falschen Gruenden meine Musik), war das Geschrei gross - wir kennen das aus dem Klassikbereich zur Genuege. Saenger Rob Halford beschreibt in seiner Autobiographie die Arbeitsweise der Band. Nach jedem Album und der anschliessenden Tour wurde analysiert, was bei den bereits bestehenden Fans gut ankommt und was weniger gut ankommt. Ziel war es, mehr Menschen fuer diese seinerzeit neue Art von Musik zu begeistern und steigende Plattenverkaeufe sowie vollere Konzertsaele waren die Erfolgsindikatoren. Wichtig ist dabei, dass sie ihren Stil nicht veraendert haben, sondern nur entschlackt. Die Lieder wurden kuerzer, die Strukturen weniger komplex, die Riffs direkter, die Soli knapper - oder kurz: die Einfluesse des Progressive Rock, die auf ihrem zweiten (und in den Ohren der 'Kenner' besten) Album Sad Wings of Destiny noch vorherrschten, wurden nach und nach weniger und auf British Steel war nichts mehr davon uebrig. Der vermeintliche 'Ausverkauf' war in Wirklichkeit eine Reduktion auf die absolute Essenz des Heavy Metal, wie man sie gleich in der angemessen betitelten Auftaktnummer Rapid Fire in Reinstform vorfindet. Doppelbasstrommel in Hoechstgeschwindigkeit, Power-Chord Riffs und der ohne langes Vorgeplaenkel einsetzende, kraftvolle Swagger-Gesang. Die beiden exzellenten Gitarristen bekommen ihre Solo-Punkte, aber nicht ausufernd, sondern scharf auf den Punkt. Das ist 'primitiv' im postiven Sinne und mir fehlt dabei ueberhaupt nichts. Was mir dieses Album lange etwas vergaellt hat, sind einige allzu eingaengige Refrains (bei 3 von 9 Liedern). Mittlerweile hoere ich darueber weg, bzw. ertappe mich sogar beim Mitgroehlen und damit gibt es nichts mehr, das den Genuss truebt. Dass die Titelfolge durchdacht und das Album als ganzes sehr geschlossen wirkt, ist das Sahnehaeubchen.
Joe Dvorak (10.01.2023, 02:51):


Iron Maiden - Iron Maiden (Apr 1980)

Das erschien drei Tage nach British Steel und das titellose Debut der Jungfrauen ist das genaue Gegenteil. Waehrend die Priester auf Vereinfachung und eine saubere Produktion setzen, finden wir hier progressive Elemente in Form von mehrteiligen Liedaufbauten, Takt- und Tempowechseln, Dynamikkontrasten, sowie ausufernden virtuosen Instrumentalpassagen und auf der anderen Seite eine rohe, bald schaebige Klangproduktion, welche die Punk-Aesthetik, die durch manche Riffs und den Gesangsstil vermittelt wird, noch unterstreicht. Die Punks waren eigentlich angetreten um den Progressive Rock aufs Altenteil zu schicken und dann verbinden die Metaller einfach die beiden Welten.
An dieser Platte scheiden sich die Geister. Der beruehmte Sound von Iron Maiden ist bereits unverkennbar: Galoppierende Rhythmen, ein prominenter, teilweise kontrapunktierender Bass und hochmelodioese Twin-Leads an allen Ecken und Enden. Aber die Produktion erscheint wenig ausgereift und der Saenger wirkt in den getrageneren Passagen ueberfordert. Waehrend manche das als Untergrund-Kult feiern und das Album zum besten der NWoBHM erklaeren, bevorzugen andere die Nachfolgealben, mit denen sich die Gruppe ihrer Probleme entledigte. Fuer das zweite Album verpflichtete man einen der besten Produzenten der Szene und beim dritten Album wurde der Saenger ausgewechselt. Ich bin hier unentschieden und lasse wieder die App-Statisik sprechen. Danach ist das Debut das von mir meistgehoerte Album der Eisernen.
Joe Dvorak (12.01.2023, 03:59):


Tygers of Pan Tang - Wild Cat (Aug 1980)

Objektiv muss ich konstatieren, dass das LP-Debut der Wildkatzen schon eine amateurhafte Komponente hat. Der Saenger kann nicht singen und die technischen Moeglichkeiten des Gitarristen wirken beschraenkt (gemessen am professionellen Weltklassestandard). Aber sie bieten das so unglaublich intensiv und energiereich dar, dass das Album subjektiv einen Platz in meiner Allzeit Top 10 einnimmt. Das repetitive Stakkato-Riffing hat eine nahezu hypnotische Kraft, die ab und an zufaellig getroffenen Toene der Gesangsmelodien graben sich wie Parasiten in die Hirnwindungen und die Gitarrensoli sind innovativ und spannungvoll - unbedingter Anspieltip ist Slave to Freedom. Fuer das Nachfolgealbum wechselte man den Saenger aus und holte sich einen zweiten Shredder fuer die Saitenhexerei. Das ist objektiv um zwei Klassen besser und subjektiv total uninteressant.
Joe Dvorak (12.01.2023, 10:42):


Michael Schenker Group - Michael Schenker Group (Aug 1980)

Nach einigen Jahren mit UFO und einer kurzen Rueckkehr zu den Scorpions legt Schenker das erste und das mMn bei weitem beste Album mit eigener Band vor. Das ist unterhaltsamer und abwechslungsreicher, wenn auch recht typischer 70er-Hardrock, der sich stilistisch nicht allzusehr von seinen vorherigen Stationen unterscheidet und mit einigen memorablen Riffs und Refrains aufwartet. Aber letzlich ist alles auf die virtuosen Darbietungen des Meisters ausgerichtet und die sind ein echtes Fest fuer Gitarren-Aficionados. Schenkers Soli sind kleine Kunstwerke, die ueberlegt und ueberlegen gestaltet werden, wie man es sonst eher von Jazzmusikern kennt. Sehr fein!
Joe Dvorak (16.01.2023, 00:24):


Saxon
Wheels of Steel (Apr 1980)
Strong Arm of the Law (Okt 1980)
Denim and Leather (Okt 1981)
Chronologisch waere jetzt das mittlere der drei Klassiker-Alben von Saxon dran, aber der nochmalige Vergleich offenbarte, dass das beste immer dasjenige ist, welches ich gerade hoere, daher fuehre ich Vorgaenger und Nachfolger ebenfalls auf. Der Letztere ueberzeugt durch eine gereifte Musikalitaet, insbesondere bei der Solo-Gitarrenarbeit, einen Schuss mehr Melodioesitaet und eine etwas poliertere Klangproduktion, aber nichts davon nimmt etwas von dem Ride Fast, Enjoy Freedom Gefuehl weg - bis ich dann wieder mehr davon in der am Chaos entlangstreifenden Hemdsaermeligkeit und dem dreckigen Sound der Vorgaenger zu hoeren glaube. Um beim Bild zu bleiben: die 1980er Alben sind ein Gelaenderitt auf der Enduro, waehrend man 1981 mit der Harley auf Asphalt unterwegs ist. So oder so ist das klassischer Heavy Metal, wie er klassischer kaum sein koennte, was meiner Meinung nach auch an der stilistischen 'Mittellage' liegt. Sie sind nicht so stark in der (Blues 'n' Roll-)Tradition verwurzelt wie Motörhead (Overkill), aber nicht so futuristisch wie Judas Priest (Stained Class) und sie sind nicht so 'primitiv' wie die Tygers of Pan Tang (Wild Cat), aber nicht 'progressiv' wie Iron Maiden (Iron Maiden). In einer entsprechenden Vier-Felder-Matrix faende man sie in der Naehe des Schnittpunkts der beiden Achsen.
Joe Dvorak (16.01.2023, 01:54):


Motörhead - Ace of Spades (Nov 1980)

Unterm Strich finde ich das nicht ganz so stark wie Overkill, weil es (mMn) in der Mitte zu viel Fuellmaterial gibt. Aber der das Album eroeffnende, unverwuestliche Titelsong, der die Gruppe in den Mainstream katapultierte, ist das Markenzeichen und das fulminante Schlusstrio -mit dem dem treffend betitelten The Hammer als Abschluss- laesst den vorhergehenden Stotterlauf mehr als vergessen.
Joe Dvorak (20.01.2023, 10:47):


Angel Witch - Angel Witch (Dez 1980)

Wie bespricht man ein Album, dem man mit keinen Worten gerecht werden kann und bei man mit jedem Wort falsche Faehrten legt? Ich versuche es. Also, was haben wir hier? Es stecken Elemente von Black Sabbath, Rainbow und Judas Priest drin, aber man hoert diese Elemente nicht heraus. Das Trio vermengt das zu einem ganz eigenem Gebraeu. Wie Iron Maiden bei ihrem Debut verheiraten sie Punk und Progressive Rock, aber man nimmt weder das eine noch das andere einzeln war. (Wenn man bei Maiden gezielt bestimmte Abschnitte herauspickt, koennte man glauben, dass man es mit einer Punk-Band zu tun hat oder bei anderen Abschnitten mit einer Prog-Rock-Band. Angel Witch speisen die gleichen Ingredienzien ein, aber klingen immer nach nichts anderem, als purem Heavy Metal.) Die Atmosphaere ist duester - aber das wirkt nicht gewollt, sondern ist eine Art 'Nebenwirkung' der Musik und des Gesangs. (Man kann -nur- fuer dieses Phaenomen die fruehen Alben von Blue Öyster Cult zum Vergleich heranziehen.) Der Ordnung halber sei erwaehnt, dass auch im technischen Bereich alles in bester Ordnung ist. Freilich muss man zuerst am wie Band und Album benamsten Eroeffnungstitel vorbeikommen. Der hat im einen im Vergleich zun Restalbum untypischen Mitgroehl-Refrain, der im Chor schon arg primitv wirkt (man denkt an ein Rudel Halbstarke, die dazu Bierflaschen in die Hoehe recken) und Anspruchshoerer abschrecken koennte. Aber danach wird man sofort in eine ganz eigene Welt hineingezogen und hier muss ich ausnahmsweise doch mal etwas zum Cover sagen, weil das perfekt mit dem Inhalt korrespondiert und eine weit bessere Beschreibung liefert als meine unwerten Worte.
Joe Dvorak (21.01.2023, 03:48):


Praying Mantis - Time Tells no Lies (Jan 1981)

Die schwierige Gratwanderung zwischen Haerte und Melodik ist fuer die Gottesanbeterinnen kein Problem, weil sie es erst gar nicht versuchen, sondern das Schwergewicht klar auf die melodische Seite legen. Aggressivitaet und Duesterness sucht man vergeblich, aber das hat immer noch genuegend Punch, um sich ein wenig von den 70er Hard Rock Acts abzusetzen. Die Harmoniegesaenge und die Gitarrenarbeit mit steinerweichenden Twin-Leads und virtuosen Soli, bei denen Melodie vor Geschredder kommt, sind zum Niederknien. Das ist eines meiner absoluten Lieblingsalben, nicht nur aus der Zeit der NWoBHM, sondern des gesamten Genres - und das, obwohl es selbst fuer Zehentaucher nicht zu hart und schwer sein duerfte.
Joe Dvorak (30.01.2023, 02:22):


Iron Maiden - Killers (Feb 1981)

Das ist in vielerlei Hinsicht eine Verbesserung zum Debut-Album. Die Produktion ist basslastig, druckvoll und kompakt, der Gesang ist im instrumentalen Mix integriert. Auch musikalisch ist das kompakter, die heftigen Ausschlage in Richtung Punk und Progressive Rock auf dem Vorgeanger sind hier mehr als stilistische Variation innerhalb des Metal wahrzunehmen, wodurch das Album fokussierter wirkt. Das Songmaterial selbst ist etwas weniger ausgeglichen und der Fluss weniger uberzeugend. Das kann man vor allem an den Instumentalnummern festmachen. Auf dem Erstling folgte das Instrumental direkt auf ein schon sehr instumentallastiges langes Stueck und wirkte damit wie ein Outro, wahrend es auf Killers zwischen zwei konventionelle Nummern plaziert wurde und dort wie Fuellmaterial erscheint. Auf dem Erstwerk gibt es mehr 'Hits', was sich in der Setlist des ein paar Jahre spaeter eingespielten Live-Albums zeigt. Vom Debut schafften es 3 Lieder ins Programm, waehrend Killers nur mit einem Song vertreten ist. Ich schreib weiter oben, dass ich mich nicht zwischen den beiden Alben entscheiden wollte, aber nach nochmaliger intensiver Beschaeftigung faellt die Wahl auf dieses hier, nicht zuletzt wegen des dramatisch verbesserten Gesangs - bestes Beispiel dafuer ist der unheimliche Titelsong. Es half freilich nichts, der Saenger musste bald darauf das Feld fuer einen weit besseren raeumen.
Joe Dvorak (31.01.2023, 03:21):


Whitesnake - Come an' Get it (Apr 1981)

Dass diese Gruppe gerne als Deep Purple light bezeichnet wird, kommt nicht von ungefaehr. Immerhin bestand das Sextett auf diesem Album zur Haelfte aus Ex-Mitgliedern und die Richtung, die sich auf den Alben mit David Coverdale als Saenger bei den Violetten ausgespraegt hat, wird hier fortgesetzt, allerdings ohne grosse Haerte und Anspruch. Das rockt, das macht Spass, Jon Lord steuert zwei, drei kurze Alibi-Soli bei, um wenigstens einen rudimentaeren Anspruch zu simulieren, was freilich durch die selten dummen Texte -die so flach sind, dass es schon wieder eine Kunst ist, das hinzubekommen- wieder zunichte gemacht wird. Gute Laune ist damit immer garantiert und machmal soll mir Musik genau die und nur die liefern. Das Album koennte auch im Aufsteller-Faden untergebracht werden - da waere es sogar besser aufgehoben, denn Metal ist hier allenfalls als Spurenelement zu finden.
Joe Dvorak (01.02.2023, 01:25):


H***t - The Nightcomers (Apr 1981)

Dass man mit einem Bandnamen wie Pink Kitties in diesem Genre keinen Stich macht, ist klar, doch der Meinung, dass der stattdessen gewaehlte nicht haette sein muessen, kann man durchaus sein. Der Meinung, dass es sich hier nicht um ein ausgereiftes Meisterwerk einer hochtalentierten Band handelt, wird man sich ebenfalls leicht anschliessen koennen. Spoetter sagen, dass in der Hochzeit des britischen Metal jede Band, die ihre Instrumente gerade halten konnte, einen Plattenvertrag erhielt. Bei den Schotten ist da durchaus was dran. Laut einem spaeteren Interview mit dem Saenger hatten sie vor der Aufnahme gerade mal fuenf Auftritte gehabt und sie waren noch keine 18 Jahre alt. Es gab viele solcher Bands und Platten, ueber die man heute nur noch Spezialpublikationen etwas findet. Dass dieses Album dem Schicksal entging, liegt vielleicht am unueberhoerbaren Einfluss auf die US-Metal-Bewegung, die bald darauf richtig zum Leben erwachte oder am unwiderstehlichen Enthusiasmus und der punk-infizierten Energie (1), mit der die Band hier zu Werk geht oder an der grob-direkten, ins Gesicht springenden Klangproduktion - oder vielleicht doch am Bandnamen, Logo und Cover.

(1) Diese spezielle Energie ist einer der Gruende, warum ich immer wieder zu dieser Musik zurueckkomme. Eine Shostakovich-Sinfonie im Konzertsaal bietet auch haufenweise Energie, aber das ist nicht dasselbe. Wer einmal einem testosterongeladenen und maechtig angefressenen Halbstarken, der einem mit hochrotem Kopf und Stierblick, heftig schnaubend nach vorne gebeugt, mit ausgefahrenen Ellenbogen die halbe Gehwegbreite einnehmed und schnell schreitend entgegenkommt, gerade noch rechtzeitg ausgewichen ist und den orkanartigen Luftzug, der scheinbar aus mehr als nur Luft zu bestehen scheint, gespuert hat, kennt den Unterschied. In der Psychologie gibt es das Konzept des Inneren Kindes. Um Metal zu verstehen, brauchte man vermutlich das Konzept des Inneren Halbstarken. Das ist die Zeit, in der man gegen das treibsandartige Versinken im "stinkenden Fleischhaufen einer konservativen, geistesblinden und festgefahrenen Gesellschaft mit ihrer simplifizierenden, wegsehenden und naiv-glücklichen Existenz" ankaempft und das Leben noch als Abenteuer mit scheinbar unbegrenzten Moeglichkeiten begreift. Solange man den Inneren Halbstarken und seine Beduerfnisse naehrt, gelingt das auch im Alter und aus der Mitte des Fleischhaufens heraus - und Metal ist dafuer eine ganz hervoragende Nahrung.
Joe Dvorak (06.02.2023, 02:45):


Samson - Shock Tactics (Mai 1981)

Von Fachleuten wird dieses Album oft darauf reduziert, dass hier Bruce Dickison dabei ist. Der Saenger wechselte danach zu Iron Maiden, machte dort Weltkarriere und gilt heute zusammen mit Ronnie James Dio als der beste des Fachs. (Mancher wirft noch Judas Priests Rob Halford in den Raum, aber dem fehlt es mMn im Vergleich an Variabilitaet). Bei Samson seien seine Qualitaeten noch nicht ausgepraegt, so heisst es und das Album sei gut, aber nicht ueberragend und ausserdem frontlastig (das heisst die besten Lieder befinden sich alle am Anfang der Platte). Beides stimmt, mit der Einschraenkung, dass Dickinson auch damals schon 90% der singenden Kollegen locker verspeist hat und der noch rohe und ungekuenstelte Stil durchaus seine Meriten hat und dass die Front mit den starken Songs mMn aus den ersten 8 von 9 besteht - vor allem die langsameren Titel kriechen unter die Haut.
Joe Dvorak (06.02.2023, 03:26):


Black Sabbath - Mob Rules (Okt 1981)

Als Black Sabbath nach 8 Alben ihren Saenger Ozzy Osbourne gefeuert hatten (1), praesentierte man Ronnie James Dio als Nachfolger. Ich kann mir den Aufruhr in der Szene vorstellen - das war etwa so passend und erwartbar wie die Nachricht, dass Christian Thielemann neuer Leiter der Academy of Ancient Music wird. Erstaunlicherweise funktionierte das hervorragend und mit Heaven & Hell legte man einen der Klassiker der NWoBHM hin. Mit gefaellt das zweite Album mit Dio allerdings noch viel besser. Es klingt wie eine Mischung aus den alten Sabbath und Rainbow -was kann man sich besseres vorstellen?- und vor allem das fulminante Schlagzeugspiel des neuen Mannes hinter der Schiessbude besticht.

(1) Es wurde oft moniert, dass sich die Band nach der Trennung von einem solch ikonischen Saenger nicht umbenannt hat. Mit der Frage, wann eine Band nach dem Verlust von Mitgliedern noch diesselbe ist, haben sich auch Philosophen beschaeftigt (in u.g. hoechst vergnueglich zu lesendem Buch finden sich zu der Frage gleich drei Essays). Fakt ist, dass im Metal Saengerwechsel an der Tagesordnung sind, meist ohne dass die Band ihre Identitaet verliert. Wegen der herausragenden Bedeutung der Gitarren-Riffs sind sie weniger auf die Saenger zugeschnitten als Rock-Bands. Queen ohne Freddy Mercury, die Stones ohne Mick Jagger, Police ohne Sting - undenkbar. Sabbath ohne Ozzy ist ein Grenzfall, aber man muss bemerken, dass er bei allem Charisma 'nur' ausfuehrender Saenger war und weder an der Musik noch an den Texten mitgewirkt hat. Was die Schwarzen in der Essenz ausmacht, sind Tony Iommis Riffs und deshalb konnte er die Band mit insgesamt fuenf verschiedenen Saengern durch mehr als vier Jahrzehnte navigieren.



Black Sabbath and Philosophy: Mastering Reality (The Blackwell Philosophy and Pop Culture Series), Wiley; 1. Edition (19. Oktober 2012)
Joe Dvorak (06.02.2023, 07:04):


Hawkwind - Sonic Attack (Nov 1981)

Hawkwind sind seit ueber 50 Jahren im Geschaeft. Mitgruender Dave Brock, der unlaengst seinen seinen achtzigsten Geburtstag feierte, navigierte die Gruppe durch ueber 40 Besetzungswechsel und lieferte 33 Studio- und ca. 50 Livealben ab. Ich finde es spannend, wie es der Gruppe gelang, immer wieder aktuelle Zeitstroemungen (Prog-/Art-Rock, Punk, Metal, Techno) aufzunehmen, ohne ihren unverwechselbaren Space Rock-Stil zu kompromitteren. Der ueberreichliche Gebrauch von synthetischen Klangeffekten, sowie der Wechsel zwischen amorphen Klanglandschaften und konventionellen Liedstrukturen mit eingebauten Jam-Sessions ueber simplen repetitiven Riffs sind ihr Markenzeichen.

Sonic Attack stammt aus der Metal-Phase, sogar das Bandlogo wurde metallisch stilisiert. Mehr noch als die relativ spaerlichen Metal-Elemente, sind es die beklemmend-visionaeren, hier und da durch sprachliche Dekonstruktion und groteske klangliche Verfremdung clever inszinierten Texte, wegen denen ich immer wieder zu diesem Album zurueckkehre. Es geht um die manipulative bis zerstoererische Verwendung von Sprache, um Verdummung und Verstummung, um Informationsvernetzung und Ueberwachung. Sie besingen kuenftige Generationen, die sich darauf verlassen wuerden, dass wir die Welt fuer sie nicht in einen Alptraum verwandeln - aus heutiger Sicht wohl vergeblich.
Joe Dvorak (06.02.2023, 09:51):


Venom - Welcome to Hell (Dez 1981)

Eines der folgenreichsten Alben der Metalgeschichte. Alles was bisher in diesem Faden vorgestellt wurde, laeuft -so extrem wie es damals erschien- aus heutiger Sicht unter Mainstream, wobei das nicht wertend gemeint ist, sondern als Abgrenzung gegenueber den extremeren Spielarten, die es seinerzeit noch nicht gab. Bis Venom kamen. Sie gelten als Pioniere des Extrem-Metal (Thrash, Death, Black). Es gab zuvor schon Gruppen, die sich okkulten und satanischen Themen widmeten. Black Sabbath taten das mehr als ein Jahrzehnt vorher, aber dort ging es auch um Kritik an den sozialen und politischen Verhaeltnissen, die Gefahren des Drogenmissbrauchs, die Grauen des Krieges samt der Abscheu vor den 'Schweinen', die ihn vom Zaun brechen und wo das Boese thematisiert wurde, war auch der Gegenpol ("God, please help me") nicht weit.
Bei Venom ist das Okkulte das einzige Thema und wird voellig ungebrochen auf den Hoerer losgelassen. Auf der musikalischen Seite lautete das Ziel, neue Massstaebe in puncto Brutalitaet und duesterer Produktion zu setzen und beides wurde erreicht. Es ist schwierig, ueber den rumpelnden Dillentantismus des Trios wegzuhoeren, aber irgendwie scheint das Geheimnis ihrer Wirkung gerade darin begruendet zu sein. Venom sind -wie schon The Stooges Anfang der 70er- ein Beleg, dass der Spruch Kunst kommt von Koennen nicht immer stimmt. Wenn die kuenstlerische Vision nur gross genug ist, dann kann man mangelndes Talent damit ueberkompensieren. Es kamen viele Bands, die das 'Pruegeln' (Thrash) noch viel heftiger weitertrieben und das weitaus kompetenter machten, aber das Original bleibt das Original. Absolut Essentiell.
Joe Dvorak (13.02.2023, 02:19):


Tank - Filth Hounds of Hades (Mrz 1982)

Der Titel passt. Das ist ein dreckiges Scheibchen, aehnlich heruntergestrippt wie Motorheads Overkill oder Judas Priests British Steel. Es kein Zufall, dass hier die beiden grossen Antipoden genannt werden - bei den Hoellenhunden werden Tradition und Futurismus unter einen Hut gebracht. Dass die Panzer viel Punk gehoert haben, ist ebenso vernehmbar wie eine Verehrung der Proto-Metal Bands der fruehen 70er, allerdings ohne die uebelichen Verdaechtigen zu kopieren. Desweiteren ist das Album bisweilen in puncto Haerte und Geschwindigkeit seiner Zeit voraus. Das alles zusammen ergibt ein Rundum-Sorglos-Paket, an dem es nichts auszusetzen, aber viel zu lieben gibt.
Joe Dvorak (13.02.2023, 02:45):


Discharge - Hear Nothing See Nothing Say Nothing (Mai 1982)

Klang das Debut von Tank nach einer Metal-Band, die viel Punk gehoert hat, so klang das Debut von Discharge wie eine Punk-Band, die viel Metal gehoert hat. Das setzt -mal wieder- neue Massstaebe hinsichtlich Brutalitaet und Geschwindkeit und bevor man recht kapiert hat, was da gerade ueber einen weggefegt ist, ist es nach weniger als einer halben Stunde mit 14 zornigen Liedern auch schon wieder vorbei. Die Jungs sind maechtig angepisst von den politischen Verhaltnissen, der Tumbheit der Massen und der Gefahr der nuklearen Auschloeschung. Das ist heute noch so aktuell wie damals.
Joe Dvorak (16.02.2023, 02:29):


Manowar - Battle Hynms (Juni 1982)

Bisher war diese Geschichte beinahe eine rein britische Angelegenheit. 35 von 42 bislang gehoerten Alben kamen aus dem Vereinigten Koenigreich. Das hat nur eine bedingte Aussagekraft, da die Auswahl rein subjektiv erfolgte -es fehlen z.B die populaeren Amis Van Halen (aber auch die ebenso erfolgreichen Briten Def Leppard)- aber gibt einen Fingerzeig dahin, wo bis dahin die harte und schwere Musik spielte.

Jetzt geht es mal wieder ueber den grossen Teich zu dem fulminanten Debut einer Band, die das Metal-Lager spaltete wie keine zuvor. Sie sahen sich als Botschafter des "True Metal" und texteten in einem Lied mehr Klischees als andere Bands in ihrer gesamten Karriere. Auch das Image gereichte jedem Vorurteil, das ueber diese Musik und ihre Protagonisten gesprochen wird, zur Ehre - sehr zum Leidwesen der 'Kenner', die dadurch das gesamte Genre in Verruf gebracht sahen. Aber eines muss man (ich) ihnen lassen - sie wirken bei aller selbstverherrlichenden Torheit absolut authentisch und glaubwuerdig und -wichtig- das hoert man der Musik an. Waehrend andere junge Bands mit ihrem Enthusiasmus punkten, ist es hier eine schwer zu greifende, unerschuettliche Konfidenz, die in den Toenen mitschwingt. Musikalisch kann man der Truppe nicht an den Karren fahren, sie sind mehr als kompetent. Der ungemein kraftvolle Saenger erreicht mit seinem Falsetto absurdeste Hoehen, den Gitarren-Hexer kennen wir schon von den Dictators und der 8-saitige E-Bass traegt nicht nur zum speziellen Sound der Truppe bei, sondern wird auch mit einer fuer dieses Instrument ungewoehnlichen Virtuositaet bedient.

Das Album zerfaellt in zwei Haelften. Die ersten 5 Lieder sind konventionelle Hard 'n' Heavy Songs mit ordentlichem 70er-Einschlag und es gibt 2 Refrains, bei denen man ob der arg primitiven Mitgroehl-Ohrwurm-Qualitaet schon schwer schlucken muss. Aber das ist schnell vergessen, wenn die Instrumentalisten zu ihren Hoehenfluegen ansetzen. Dann nimmt das Album eine dramatische Wendung und es folgen zwei lange Songs (mit einem unbegleiteten, auf dem Wilhelm Tell Thema basierenden Bass-Solo dazwischen), zu denen mir nur das Attribut episch einfaellet, mit einer Stimmung, die perfekt zu den mord- und kriegsluesternen Texten, die nicht als Verherrlichung missverstanden werden sollten, passt. Es wird in mythologischer Verkleidung darueber gesungen und dass es Menschen gibt, die begeistert in den Krieg ziehen -wie immer auch ihr Geist dazu geformt wurde-, ist eine ebenso traurige Realitaet, wie die, dass sie dort entmenschlicht werden. Orson Wells (ja, der) hat einen Gastauftritt als Sprecher. Ich bin normalerweise kein Fan von gesprochenen Passagen, aber wenn es so gut gemacht und passend ist, dann ist es mehr als ein Gewinn. An Battle Hymns gibt es nur eines auszusetzen: das Nachfolge-Album ist noch besser.
Joe Dvorak (17.02.2023, 08:16):


Vandenberg - Vandenberg (Okt 1982)

Wenn sich eine Gruppe nach dem Nachnamen ihres Gitarristen benennt, weiss man wohin die Reise geht. Es mag Zufall sein, dass der Name der Hollaender an eine andere nach ihrem Gitarristen benannte Band erinnert, aber Van Halen ist tatsaechlich einer ersten Referenzpunkte, der mir in den Sinn kommt, wenn ich Vandenberg einordnen soll. Es gibt also gitarrenfokussierten melodischen 70er-Hardrock zu hoeren. Wenn die Geschwindigkeit angezogen wird, denke ich an eine polierte Version von Saxon und der Gesang rueckt mehr als einmal die fruehen Montrose ins Hoerfeld. Trotz der vielen Assoziationen klingt die Band wegen des originellen Spiels ihres Namensgebers eigenstaendig - vor allem zum Ende des Albums hin nimmt er sich viel Raum und fuellt diesen mit erstklassigen Soli aus. Diese Platte kann man in einem Atemzug mit Michael Schenkers Solodebut nennen, wobei die Hitdichte sogar noch einen Ticken hoeher ist.
Joe Dvorak (20.02.2023, 03:18):


Quiet Riot - Metal Health (Mrz 1983)

Die Briten Def Leppard waren die erste Metal-Band, die in den USA gross rauskam und kommerzielle Erfolge erzielte. Nachdem ihr erstes Album noch der NWoBHM zuzurechnen war, anderten sie ihren Stil. Ecken und Kanten wurden abgeschliffen, die Haerte zurueckgenommen, die Refrains konsequent auf Radio-, Party- oder Stadiontauglichkeit gezuechtet und das Ganze in eine glattpolierte und grossvolumige Klangproduktion gepackt. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis einheimische Gruppen nachzogen. Quiet Riot mit ihrem markanten, nach den alten Slade (Opas erinnern sich) klingenden Saenger waren eine der fruhesten und die bis dato erfolgreichsten - sie brachten als erste Metal-Band ein Album an die Spitze der US-Charts. Diese verpoppte Ausrichtung unterschied sich stark vom urspruenglichen Heavy Metal und man packte Gruppen dieser Stilrichtung schliesslich unter dem Subgenre "Glam-Metal" oder synonym "Hair-Metal" zusammen. Als mainstreamverachtendem Snob durfte mir das natuerlich nicht gefallen und erst mit der (x-ten) Wiederaufflammung meiner Metal-Begeisterung vor drei Jahren habe ich mich mit diesen Bands beschaeftigt und in meiner Altersmildheit durchaus -wenn auch nicht viele- anhoerbare darunter gefunden. Es scheint fuer Glam-Bands Pflicht zu sein, einen technisch besonders versierten Gitarristen an Bord zu haben und solange es nicht allzu schlagerhaft wird, hat die eigentlich unvertraegliche Mischung aus Popsensibilitaet und brillianter Virtuositaet durchaus ihren Reiz. Auf Metal Health (ich weiss nicht, ob ich das Wortspiel platt oder gelungen finden soll) ist das fuer mich perfekt umgesetzt und so landet das Album immer wieder mal im Stream.
Joe Dvorak (21.02.2023, 07:22):


Silver Mountain - Shakin' Brains (Mrz 83)

Dass der Name der Gruppe nach einem Liedtitel von Rainbow klingt, ist kein Zufall. Deep Purple und Rainbow -speziell deren von der Klassischen Musik beeinflussten Stuecke- sind unueberhoerbare Inspirationsquellen. Aber die Schweden klingen deutlich metallischer, spielen schneller und sind virtuoser (Jens Johansson an den Tasten!), so dass man dieses Album schon dem Neoklassischen Metal, der sich etwa ein Jahr spaeter als Sub-Genre herausbildete, zurechnen kann. Die Freude wird allerdings durch den Saenger etwas getruebt. Man kann als Metal-Saenger auch mit bescheidenen technisch-handwerklichen Mitteln 'gut' sein, aber bei dieser anspruchsvollen Stilvariante reicht selbst gehobenes Mittelmass nicht aus.
Joe Dvorak (22.02.2023, 09:04):


Savatage - Sirens (Apr 1983)

Der Legende nach wurde diese Sitzung mit einem Budget von 3000 US$ innerhalb von zwei Tagen eingespielt. 9 Stuecke wurden auf der Debut-LP Sirens verwendet, weitere 7 wurden spaeter als EP unter dem Titel The Dungeons are Calling veroeffentlicht. Heute findet man beide auf einer CD vereint. Savatage lehnten sich an die britischen Trendsetter an, aber machten ihr eigenes US-Power-Ding daraus - riffbetonter, duesterer. Das Album gehoert aus heutiger Sicht in die Uebergangsphase hin zur bald vollzogenen Emanzipation des amerikanischen Metal. Wie so oft bei Debutalben in Phasen des stilistischen Umbruchs ist das Resultat besonders aufregend geraten, zumal auch im handwerklich-technischen Bereich alles in bester Ordnung ist.
Joe Dvorak (23.02.2023, 09:37):


Steeler - Steeler (Mai 1983)

Mit diesem Album betrat Yngwie Malmsteen die Szene und revolutionierte das Rock-Gitarrenspiel. Blitzsauber gespielte, pfeilschnelle, komplizierte, auf Bach und Paganini beruhende Laeufe, schockierten die Fachwelt. Dass das einzige Album der Amerikaner (es gab eine deutsche Band gleichen Namens) oft darauf reduziert wird, finde ich unangebracht. Steelers formelhafter Hard-Rock mit Riffs aus dem Standard-Lehrbuch strozt nicht gerade vor Einfallsreichtum, aber andere Bands sind damit jahrzentelang durchgekommen. Ich hoere das bei Gelegenheit ganz gerne - und hier gibt es ein Alleinstellungsmerkmal von allerhoechster Guete dazu. Gerade der Kontrast zwischen den generischen, aber launehebenden Songs und den abartig virtuosen Gitarrensoli macht den besonderen Reiz dieser Scheibe aus.
Joe Dvorak (26.02.2023, 00:37):


Dio - Holy Diver (Mai 1983)

Nach seinen Stationen bei Rainbow und Black Sabbath legte der Saenger Ronnie James Dio mit seiner eigenen Band einen absoluten Klassiker vor, der heute zum innersten Kanon des traditionellen Heavy Metal gehoert. Waehrend anderswo Extreme auf der einen oder Massenkompatibilitaet auf der anderen Seite gesucht wurden, konzentrierten sich Dio auf das, worauf es letztlich ankommt: Hervorragende Riffs, in allen Lagen ueberragender Gesang, der aus den Texten mehr herausholt als drinsteht, innovative Gitarrensoli, bewegliches, mehr als nur fundamentgebendes Bassspiel, unglaublich kraftvolles, aber geschmeidiges Drumming, traumwandlerisches Zusammenspiel und nicht zuletzt "gute Lieder" mit stimmiger Balance zwischen eingaengig und nichttrivial. Das Ganze wurde produktionstechnisch perfekt umgesetzt - da gibt es eine geballte Ladung Hochenergie mitten ins Gesicht, ohne dass dabei ein Detail verloren geht.
Joe Dvorak (01.03.2023, 02:45):


Satan - Court in the Act (Juni 1983)

Der letzte Klassiker der New Wave of British Heavy Metal, die einen Monat spaeter Geschichte war. Es gibt Gitarren, Gitarren und nochmals Gitarren. Was die beiden Klampfer hier mit mitreissender Spielfreude abziehen, spottet jeder Beschreibung. Es ist nicht nur die technische Versiertheit, sondern vor allem das Zusammenspiel, das verbluefft. Obwohl fast staendig am Geschwindigkeitslimit agiert wird und der Haertegrad sehr ordentlich ist, bleibt das immer hochmelodioes - wobei hier ein enormer Erfindungsreichtum gezeigt wird, ebenso wie bei den Riffs. Die relativ weiche, eher in mittlerer Lage zu findende, aber gelegentlich hoechste Hoehen nicht scheuende Stimme passt dazu wie die Faust aufs Auge. Das Wasser im edelsten Wein ist der sehr flache Klang, das LP-Original soll in dieser Hinsicht viel besser sein. Zum Glueck fand die Band 25 Jahre spaeter wieder in derselben Besetzung zusammen und machte mit Life Sentence genau da weiter, wo sie mit diesem Debut aufgehoert haben - sogar noch einen Ticken besser und mit sauberem und druckvollem (Analog-)Klang.
Joe Dvorak (06.03.2023, 03:19):


Manowar - Into Glory Ride (Juli 1983)

Kein Geld, kein Plattenlabel, daher minimale Studiozeit und als Ergebnis ein katastrophaler Sound und Mix - was wiederum eine Atmosphaere schafft, die perfekt zu den bleischweren, epischen, erhaben-majestaetischen Kompositionen passt. Das ist ein Album, das erst und gerade aus dem 'grottigen' Klang seine ganz besondere Qualitaet zieht.
Duenn und blechern schallt es aus den Lautsprechern, Bass und Gitarre sind kaum auseinanderzuhalten und bilden mit dem drucklosen Schlagzeug eine undefinierte -broeckelige- Klangwand. Davor steht der Gesang und der hat es in sich. Kraft, Umfang und Technik sind frappierend, doch es ist die Art und Weise, wie die Texte gelebt werden, wie Artikulation und Phrasierung mit dem Inhalt korrespondieren, die mich in Verbindung mit der produktionsbedingten Hervorhebung der Stimme von Metal-Liedgesang fabulieren laesst. Dass die Texte bisweilen das Niveau von einem Sack voller Haemmer haben, ist wurscht - durch die Vortragsweise werden sie transzendiert. Mit einem Mal werden Plattitueden wie Hear Wisdom's voice / Rise, know the strength that you feel / Hold in your heart, but never reveal zu hoeherer Weisheit. Wenn Knochen zermalmt, Haut abgezogen, Blut getrunken und Herzen gegessen werden, ist man mit Wonne dabei und wenn schliesslich die apokalyptischen Reiter auftreten und die Erde samt den darauf lebenden selbstgerechten Narren in einer Feuersbrunst gereinigt wird, dann reitet man furchtlos an ihrer Seite mit. Denn die finale Erkenntnis lautet: Death is Life!
Das ist (m)eine metallische Winterreise.
Joe Dvorak (08.03.2023, 01:46):


Metallica - Kill 'em All (Juli 1983)

Dazu muss man nicht viel sagen (sonst herrscht wieder Fledermaus-Alarm). Das Album steht heute fuer den Anfang der US-Thrash-Metal-Bewegung (auch wenn Experten das Album selbst nicht dazurechnen - Metal ist kompliziert). Eine solche Haerte und Aggression, die freilich in einem bald lustvollen Enthusiasmus kanalisiert wird, hat es bei dieser enormen Geschwindigkeit zuvor allenfalls vereinzelt gegeben. Die perkussiven Riffs zwingen zum Headbangen bis der Nacken bricht, die hingebungsvoll heruntergeschredderten Ueberlicht-Gitarrensoli zerreissen schier die Eingeweide und die Wucht der Rhythmusgruppe erschlaegt schlichtweg. Da hoert man ueber den jugendlich-unreifen, sich mal ueberschlagenden Gesang ebenso weg, wie ueber die eine oder andere instrumentale Unsauberkeit. Hier sind keine Boxer mit filigraner Kampftechnik am Werk, sondern Strassenkaempfer, die ohne Vorwarnung auf die Zwoelf zielen - und einen Volltreffer landen.
Joe Dvorak (08.03.2023, 01:55):


Black Sabbath - Born Again (Aug 1983)

Es klang wie eine gute Idee. Doch das einmalige Gastspiel von Mr. Child in Time Ian Gillan am Gesangsmikro ging maechtig schief. Die Scheibe hat in Metallerkreisen mehrfache "Auszeichnungen" fuer das schlechteste Cover aller Zeiten erhalten und die Musik wurde von der Mehrheit oft schroff abgelehnt, was vor allem an der grottigen Arbeit des Produktionsteams lag. Bei der Beurteilung des Covers kann ich mit, bei der des Inhaltes absolut nicht. Mir gefaellt dieser auf die Hoehe der Zeit gebrachte Mix aus Deep Purle Mk2 und alten Black Sabbath trotz des muffigen und in den Hoehen kratzigen Klanges. Das ist neben dem selbstbetitelten Debut Black Sabbath die von mir meistgehoerte und -geliebte Scheibe der Dunkelmaenner.
Joe Dvorak (10.03.2023, 03:21):


Mötley Crüe - Shout at the Devil (Sep 1983)

Mötley Crüe wurden als Glam/Hair Metal Band sehr bekannt und wegen ihrer perfekten Bedienung vieler Klischees beruechtigt. Daher habe ich die ersten Scheiben lange uebersehen bis -mal wieder- Rezensionen von Martin Popoff in meine Haende fielen. Das Debut Too Fast for Love war ein dreckiger Punk/Metal-Hybrid. Der Nachfolger Shout at the Devil zeigte dann bereits den Hang zu mitgreohlbaren Partyhymnen, aber der Klang und die Atmospaehre gereichten jeder Okkult-Band zu Ehre. Das sollte eigentlich unvertraeglich sein, aber es passt so gut, dass es eine bald surreale Qualitaet bekommt. Und dann sind da noch die einfachen aber wirkungvollen Riffs. Das Album wurde unlaengst zum 40-jaehrigen Jubilaeum mit dem o.g. Original-LP-Cover wieder aufgelegt. Hoffentlich hat man nicht versucht, den nebeligen Klang zu 'verbessern' - der ist ein essentieller Bestandteil des Gesamtpakets.
Joe Dvorak (10.03.2023, 03:39):

Mercyful Fate - Melissa (Nov 1983)

Das originale Gitarren-Duo der Daenen war eines der besten, das der Metal je hervorgebracht hat. Die beiden schuetteln am Fliessband Riffs und Soli aus den Handgelenken und jedes klingt frisch, unverbraucht und innovativ - da stecken in einem Lied mehr Ideen als andere Gruppen auf einem ganzen Album unterbringen. Das Zusammenspiel ist einzigartig. Es wird nicht einfach ueber einem Riffmuster ein Solo abgeliefert, sondern die Rhythmus-Gruppe reagiert auf den Solisten, ob scheint sie sogar vom Solisten angetrieben anstatt umgekeht. Durch Takt- und Tempowechsel und die an allen moeglichen und unmoeglichen Stellen platzierten Soli wird das normale Liedschema aufgebrochen, aber das wirkt alles wie aus einem Guss.
Die Achillesferse ist der theatralisch agierende Saenger, der regelmaessig absurdeste Hoehen im Falsetto aufsucht. Das tut schon mal weh und klingt manchmal etwas nach Comicfigur, aber nachdem ich mich erstmal damit arrangiert hatte, kann ich mir das gar nicht mehr anderes vorstellen. Das Singen in den unterschiedlichsten Lagen traegt im Verbund mit der Komplexitaet der Liedaufbauten dazu bei, dass man -wie es ein Rezensent treffend ausdrueckte- das Gefuehl hat, mehere Songs gleichzeitig zu hoeren, welche verblueffenderweise nicht nur zuammenpassen, sondern dazu noch aeusserst eingaengig sind. Die Texte: Blasphemie, Okkultismus, Satanismus. Bei einer Truppe, die musikalisch so auf der Hoehe ist, wird freilich auch bei diesem Themenkomplex ein gewisses Mass an Poesie und Intelligenz bewahrt.
Joe Dvorak (13.03.2023, 02:14):


Thin Lizzy - Thunder and Lighting (Nov 1983)

Nachdem die irischen Blues/Hard-Rocker in den 70ern zu den wichtigsten Wegbereitern der Neuen Welle des Heavy Metal gehoerten, sprangen sie in den 80ern selbst auf den Zug auf, zunaechst zaghaft und mit wenig Erfolg bei Fans und Kritikern, aber mit ihrem letzten Album dann umso brachialer und potent. Da die Welle bereits abgeebbt war, wird dieses Album selten zu den Klassikern gerechnet, aber ich sehe es auf einer Hoehe. Nach dem Aus der Gruppe kam Saenger Phil Lynnott nicht mehr auf die Beine und starb bald darauf an den Folgen seines exzessiven Drogenkonsums. In Dublin wurde zum seinem Gedenken eine lebensgrosse Bronzestatue aufgestellt.
Joe Dvorak (13.03.2023, 02:44):


Slayer - Show no Mercy (Dez 1983)

Slayers Debut ist noch stark an den britischen Metal angelehnt. Neben den ueblichen Verdaechtigen sind insbesondere Venom als Einfluss herauszuhoeren. Allerdings bringen die Amis mehr -wenn auch noch nicht voll ausgereiftes- Talent mit und legen noch eine Schippe an Haerte, Aggression und vor allem Geschwindigkeit drauf. Es besteht eine gewisse Verwandtschaft mit Metallicas Debut und der Vorstoss neue Gefilde wird von Slayer mit demselben ansteckenden Enthusiasmus, aber mit einer destruktiven Komponente vorgenommen. Dass die Gruppe hier weder ihren eigenen Stil gefunden noch das spaetere Level an Professionialitaet erreicht hat, wird dem Album oft angekreidet. Ich finde, gerade die stilistische Zwischenstellung macht es interessant und abgesehen davon ist das Songmaterial an sich allererste Sahne. Ein Dauerbrenner!
Joe Dvorak (21.03.2023, 03:42):


Ratt - Out of the Cellar (Feb 1984)

Zusammen mit dem weiter oben vorgestellten Metal Health war das ein Schluesselalbum, um den Glam-Metal als neuen Mainstream zu etablieren. Man muss diesen glattpoliert und druckvoll produzierten Mix aus generischen Hard Rock-Allerweltsriffs, Metal-Elementen -vor allem bei der Leadgitarrenarbeit- und Hooklines (charakteristische Melodiephrasen), die man eher in der Pop-Musik erwartet, nicht moegen, aber ich muss konstatieren, dass Ratt das auf ihrem Debut einfach saugut machen - zumindest bei den ersten vier Titeln, die ich als perfekte Vertreter des Subgenres/Stils ansehe. Der Rest ist durchwachsen, mir teils zu sehr auf der zugaenglichen Seite angesiedelt, aber ich bleibe dran, weil die Gitarrensoli es immer wieder herausreissen und nach hinten heraus auch mal das Tempo angezogen wird. Das ist eines der Alben, die mir eigentlich nicht gefallen sollten, aber dennoch regelmaessig in meine Ohren stroemen.
Joe Dvorak (27.03.2023, 09:03):


Yngwie Malmsteen - Rising Force (Mrz 1984)

Nachdem sich der Ausnahmekoenner auf seinen beiden ersten Alben als Bandmitglied von Steeler und Alcatrazz for allem bei Musikern einen Namen gemacht hatte, wurde er mit seinem Debut unter eigenem Namen einem breiteren Metal-Publikum bekannt. Sechs der acht Stuecke sind rein instrumental und wirken teils mehr als Kompositonen denn als 'Lieder'. Malmsteen versteht sich selbst als die Gitarre wie eine Violine spielender 'klassischer' Komponist, der fuer Rockinstrumente schreibt. Das ist etwas hoch gegriffen, aber seine gerne genannten Einfluesse Bach, Beethoven und Paganini sind kaum zu ueberhoren, da haette es das Zitat aus dem Air nicht gebraucht. Ich bin hin- und hergerissen. Das eine Mal ist das fuer mich das Nonplusultra und ich kann bei den virtuosen und stringent aufgebauten Gitarrensoli schier ausrasten, das andere Mal ist mir das einfach zu viel des Guten und dann wirkt es umso stoerender, dass die Rhythmusgruppe ziemlich unbeweglich agiert und dass die beiden konventiellen Stuecke mit Gesang wirken, als ob sie eine Alibi-Funktion fuer das Normalpublikum haetten. Das Album ist ganz auf die unerhoerten Gitarrenkuenste des Meisters zugeschnitten, aber immerhin goennt er auf zwei Stuecken den Tasten Raum fuer Soli und davor sitzt mit Jens Johansson ebenfalls einer, der es an seinem Instrument in der Szene bald ganz an die Spitze gebracht hat. Wer immer noch an die Maer vom Metal als Krach von unbegabten Holzkoepfen glaubt, hoert sich zur Gegenprobe Far Beyond the Sun an.
Joe Dvorak (30.03.2023, 07:56):


Trouble - Psalm 9 (Mrz 1984)

Black Sabbath gelten heute als 'Erfinder' des Heavy Metal und ihr Einfluss war in den 70ern und fruehen 80ern vielerorts hoerbar, aber es gab kaum Gruppen, die den Stil der Pioniere auf den ersten drei Alben -bevor sie die Richtung aenderten- direkt aufnahmen und weiterentwickelten. Es dauerte ueber 10 Jahre bis sich die ersten Bands konsequent auf die fruehen Black Sabbath beriefen. 1984 kamen gleich drei Debuts (neben Trouble noch von Pentagram und St. Vitus) heraus, die den mit alternativer Simmung tiefergelegten Gitarrenklang und die mollgeschwaengerten, beinahe rituell zelebrierten Zeitlupen-Riffs zu ihrem Hauptmerkmal machten. Diese stilisitsche Ausrichtung unterschied sich so stark von den anderen Hauptstroemungen, dass man dafuer bald eine eigene Schublade aufmachte und sie mit Doom-Metal bezeichnete.
Troubles Debut zeigt gleich zu Beginn, worum es geht. Der Eroeffnungsriff auf dem Album erinnert sehr stark an das Eroeffnungsriff von Black Sabbaths Debut: schwer, zaeh wie Lava, majestaetisch, unheilschwanger, mit dem Tritonus als bevorzugtes Intervall. Das Schlagzeug schleppt sich eher hinterher, als dass es den Takt vorgibt. Wenn dann das Tempo angezogen wird, dann kommt bei dem Stakkato-Riff unmittelbar Black Sabbaths Paranoid, der Titelsong des zweiten Albums in den Sinn. Trouble sind aber weit mehr als Epigonen und bringen auch Elemente aus anderen Spielarten des Metal ein, wodurch das variabel genug bleibt, um gerade noch so zum Schluss dabeizubleiben. Allerdings kann die Frontlastigkeit nicht ueberhoert werden - die erste Haelfte ist eindeutig staerker und waere es auf diesem Level weitergegangen, dann haette das ein Kandidat fuer einen Platz ganz weit vorn in meiner Allzeit-Liste sein koennen.
Joe Dvorak (31.03.2023, 02:05):


Twisted Sister - Stay Hungry (Mai 1984)

Die verdorbenen Schwestern waren zum Zeitpunkt der Entstehung ihres dritten Albums bereits Veteranen. Sie werden nicht zuletzt wegen den beiden ueblen Party-Mitgroehl-Krachern auf diesem Album dem Glam-Metal zugerechnet, sind aber deutlich variabler als andere Vertreter. Sie lassen es mal langsam, fast schon dooming angehen, druecken mal das Gaspedal voll durch, pendeln zwischen guter Laune und Duesternis, zwischen poppiger Leichtigkeit und ungewoehnlicher Haerte und vernachlaessigen die Bereiche dazwischen nicht. Dass dabei ein koeheranter und stimmiger Albenfluss herauskommt, ist die Filetspitze.
Joe Dvorak (31.03.2023, 03:51):


Cirith Ungol - King of the Dead (Juli 1984)

Bizarr ist das erste Attribut, das mir zu diesem Album einfaellt, genial das zweite - oder umgekehrt. Das Schicksal dieses Albums wird bei nicht wenigen Hoerern innerhalb der ersten zwei Minuten besiegelt sein. Laenger haelt man die Erstbegegnung mit dem Saenger kaum aus. Es ist ein kehlig gepresstes Kreischen, das mehr Deklamation als Gesang darstellt und wenn mal eine Spur von Melodie aufkommt, dann geht es am Phrasenende 'falsch' in die Hoehe. Das wirkt wie eine Karikatur, die so ueberzeichnet ist, dass sie wie eine Karikatur ihrerselbst wirkt. Vielleicht hoert man noch kurz in ein, zwei weitere Titel hinen und stellt fest, dass es genau so weiter geht und damit ist das Thema Cirith Ungol fuer immer erledigt. Wartet man allerdings noch ein paar Sekunden laenger, dann wird man hellhoerig, sobald die Gitarren das Kommando uebernehmen - mit einem eindringlichen Sound und einem Stil, der auf die Urvaeter zurueckblickt. Da kommen die praemetallischen Jam-Bands Ende der 60er und Anfang der 70er in den Sinn, etwa Cream und Ten Tears After oder Fruehmetaller wie Budgie und alte Rush. Weiter hellhoerig macht das Agieren von Bass und Schlagzeug, die weit mehr als nur Rhythmusgeber sind. Das ist ein Mit- und Zusammenspiel, eine regelechte Verflechtung mit den Gitarren, wie man sie im Metal selten zu hoeren bekommt. Wenn nur der Saenger nicht waere. Den blendet man aus, so gut wie es geht und stellt fest, dass auch die Songstrukturen keinem bekannten Schema folgen. Die Stuecke schlaengeln sich wie Maeander voran, es ist kaum auszumachen, wo ein Lied aufhoert und das naechste anfaengt - selbst dann nicht, wenn sie eine Coverversion von Bachs Toccata in D bringen. Das liegt auch daran, dass der Saenger nur spoadrisch aufritt. Bald nimmt man ihn eher wie ein weiteres Instrument wahr - und gewoehnt sich daran. Der Rest ist zu gut, um sich von ihm abtoernen zu lassen. Die Gitarren, ob sie Riffs oder Soli spielen, sind einfach unwiderstehlich und sorgen mit ihren Wendungen fuer reichlich Gaensehautmomente. Das ganze spielt sich vorwiegend im unteren bis mittleren Tempobereich ab, es herrscht eine doomig-psychedlische Atmosphaere, die durch das staubige Klangbild noch unterstrichen wird. Immer wieder kommt das Hippiesque der Spaet-60er in den Sinn, nur dass hier kein Geruch von leichtem Gras, sondern von schwerem Opium in der Luft liegt. Und das liegt nicht zuletzt am Saenger. So langsam daemmert es, dass die Musik nicht trotz, sondern wegen des Saengers ihre einzigartige Qualitaet hat. Und mit wiederholtem Hoeren stellt man fest, dass seine groteske Vokaldarbietung gar nicht so undifferenziert ist, wie ist es anfangs den Anschein hatte. Ich stelle mir, vor wie diese Musik mit einem 'richtigen' Saenger funktionieren wuerde und komme zu dem Schluss: viel weniger.

Mittlerweile gehoert das zu meinen absoluten Favoriten. Ich hoere es nicht allzu oft, aber wenn, dann meist in Dauerschleife.
Joe Dvorak (11.04.2023, 08:34):


Dio - The Last in Line (Juli 1984)

Waehrend die Kommerzialisierung auf der einen und die Extremisierung auf der anderen Seite hauptsaechlich in den Staaten vorangetrieben wurden, ueberlebten auf der Insel nur wenige Gruppen. Die meisten der Pioniere wurden von den Plattenfirmen dazu gedraengt, sich zu 'amerikanisieren' und verloren dadurch ihre alten Fans, aber gewannen kaum neue hinzu. Nur die ganz grossen Bands hielten noch das Banner des traditionellen Metal hoch, wie etwa Dio. Mit ihrem zweiten Album steigerten sie sich meiner Meinung nach nochmal ein wenig, ohne sich abgesehen von etwas mehr Keyboard-Einsatz stilistisch zu veraendern. Daher brauche ich nicht zu veraendern, was zum Erstling Holy Diver schon gesagt wurde: Hervorragende Riffs, in allen Lagen ueberragender Gesang, der aus den Texten mehr herausholt als drinsteht, innovative Gitarrensoli, bewegliches, mehr als nur fundamentgebendes Bassspiel, unglaublich kraftvolles, aber geschmeidiges Drumming, traumwandlerisches Zusammenspiel und nicht zuletzt "gute Lieder" mit stimmiger Balance zwischen eingaengig und nichttrivial.
Joe Dvorak (11.04.2023, 10:38):


Iron Maiden - Powerslave (Sep 1984)

Iron Maiden, die mit ihrem Debut-Album eine Definition des British Heavy Metal geliefert hatten, schafften es nicht nur, sich zu etablieren, sondern sie waren zu dem Zeitpunkt unangefochten die Nummer 1. Auf ihrem fuenften Album -dem dritten mit Ausnahmesaenger Bruce Dickinson- fuehrten sie das Genre zu einer Reife und Perfektion, die das objektiv gesehen zu einem der besten 'reinen' Metal-Alben aller Zeiten macht. Man kann allenfalls bemaengeln, dass das alles zu perfekt ist und fuer den letzten Kick etwas mehr Nonchalance nicht geschadet haette.
Joe Dvorak (12.04.2023, 03:56):


Exodus - Bonded by Blood (Apr 1985)

Hoert man dieses Album direkt nach dem vorgehenden, leuchtet unmittelbar ein, dass man es hier mit einem eigenstaendigen Sub-Genre innerhalb des Metal zu tun hat. Klebte man den ersten Alben der neuen amerikanischen Haerte noch Attribute wie Speed- oder Power-Metal an, setzte sich bald der Begriff Thrash-Metal durch. Der entscheidende Schritt zur voelligen Emanzipation vom Heavy Metal i.e.S. war die Hereinnahme von Elementen des Hardcore, der sich parallel als eine schnellere und aggressivere Variante des Punkrocks druchgesetzt hatte. Ich finde diese quasi-fraktale Entwicklung spannend. Zuerst bildete sich Ende der 70er der Heavy Metal als eigenstaendiges Genre, indem Geschwindigkeit und Haerte des Hardrocks zunahmen und schliesslich Energie und Aesthetik des Punk integriert wurden. Dann bildete sich in der ersten Haelfte der 80er der Thrash-Metal als eigenstaendiges Sub-Genre, indem Geschwindigkeit und Haerte des Heavy Metal zunahmen und schliesslich Energie und Aesthetik des Hardcore-Punk integriert wurden. Thrash mit 'h' bedeutet nicht 'Abfall', auch wenn mancher Feingeist die Musik als solchen empfinden mag, sondern 'pruegeln'. In Kulturdeutsch ausgedrueckt, bezieht sich das auf die ueberwiegend perkussive Spielwiese aller Instrumente. Exodus exerzieren es hier in Reinkultur vor; ein Titel auf dem Album heisst Lesson in Violence und das kann man ueber das ganze Album sagen. Der Ordnung halber muss nochmal betont werden, dass die textliche Thematisierung und musikalische Umsetzung von Gewalt nicht mit deren Verherrlichung gleichzusetzen ist. Ich glaube kaum, dass Salieri Les Danaides vertonte, weil er Massenmord guthiess.
Joe Dvorak (14.04.2023, 04:53):


Possessed - Seven Churches (Okt 1985)

Dieses Album verhaelt sich zum amerikanischen Thrash-Metal wie Venoms Welcome to Hell zum britischen Heavy-Metal. Beide fuehrten den zu ihrer Zeit aktuellen Stil in neue Extreme. Possessed erschufen mit gutturalem Gesang, labyrinthartigen Songstrukturen und einem Mass an Unkontrolliertheit -bei dem man stests das Gefuehl hat, die Musik koennte in blankes Choas abstuerzen, um sich irgendwie gerade noch zu fangen- eine bedrueckende Atmosphaere purer Bosheit. Hoert man bei Exodus noch die Freude am Draufschlagen, so gibt es hier feindseliges Umsichschlagen. An der historischen Bedeutung gibt es nichts zu ruettlen, waehrend die stilisitsche und qualitative Einordnung des Albums heute noch Gegenstand hitziger Debatten ist. Es kamen bald zahlreiche Bands, die das kontrollierte Chaos aus der Hoelle unter dem Banner 'Death Metal' weiterentwickelten und das technisch weitaus kompetenter darboten.
Joe Dvorak (16.04.2023, 03:20):


Anthrax - Spreading the Disease (Okt 1985)

Das zweite Album der Milzbrand-Thrasher komplettierte nach den Zweitlingen von Slayer und Metallica sowie dem Debut von Megadeth eine Serie von Alben, mit denen der US-Metal endgueltig die Fuehrungspostion uebernahm. Ein Alleinstellungsmerkmal von Anthrax ist der hauptamtliche Vokalist, der nicht wie bei den anderen drei der Big 4 noch ein Instrument bedienen muss und mindestens eine Liga hoeher singt. Auch geht die Band variabler zu Werk, bringt einerseits mehr Hardcore-Punk-Elemente ein und lehnt sich andererseits mehr an den traditionellen Heavy Metal an. Sie koennen durchaus ordentlich pruegeln, doch die Lieder behalten dabei einen distinktiven Charakter. Der mittenlastige Sound, die simpel gestrickten Riffs und die relativ unspektakulaeren Leadgitarren machten das allerdings zu einem Langsambrenner, der seine Geheimnisse erst nach und nach offenbarte. Gerade die Einfachheit, sprich Effizienz mancher Riffs ergibt in Verbindung mit dem etwas klinischen Klang und endloser Wiederholung eine kalte Unerbittlichkeit, die dann vom subgenre-untypisch melodioesen Gesang konterkariert wird. Paradebeispiel und fuer mich einer der besten Metal-Songs ueberhaupt: Medusa.
Joe Dvorak (18.04.2023, 08:01):


Black Sabbath feat. Tony Iommi - Seventh Star (Jan 1986)

Nach der dreifachen Thrash-Attacke kommt ein entspanntes Mainstream-Hardrock-Album gerade richtig. Da gibt es nichts bahnbrechend Innovatives und schon gar keine Extreme, dafuer ist es schoen abwechslungsreich mit Balladen, Blues-Nummern, Midtempo-Stampfern und treibenden Speed-Nummern. Das Geheuele darueber, dass ein solches Feld-Wald-und-Wiesen-Album mit nur einem verbliebenen Gruendungsmitglied unter dem Namen Black Sabbath vermarket wurde, reisst bis heute nicht ab. Eigentlich sollte das als Duo-Projekt von Iommi und Glenn Hughes (Ex-Deep Purple), der hier als Saenger zu hoeren ist, herausgebracht werden, doch die Plattenfirma witterte mit dem Bandnamen, an dem Iommi die Rechte hatte, mehr Zaster. Bei der ganzen Diskussion wird gerne ueberhoert, dass das unabhaengig von den Namen auf dem Cover ganz hervorragend gemacht ist. Es ist ein Mainstream-Hardrock-Album mit altbewaehrten Zutaten, aber ein verdammt gutes mit einem verdammt guten Saenger und einem verdammt guten Gitarristen, der sich zudem mit seinen Soli deutlich mehr Zeit nimmt als auf den 'echten' Gruppenalben.
Joe Dvorak (19.04.2023, 02:23):


Metallica - Master of Puppets (Mrz 1986)

Das dritte Album von Metallica gilt heute im breiten Konsens alles bestes Metal-Album aller Zeiten. Es hat in diesem Genre etwa dieselbe Stellung wie Miles Davis' Kind of Blue im Jazz. Hier wie dort kann man das nachvollziehen, auch wenn man es selbst nicht so sieht. Hier wie dort gibt es eine Minderheit, die sich lautstark gegen diesen Status wehrt. Aber die Polls sprechen fuer sich. In dem mehrfach erwaehnten Buch von Popoff deklassierte Master of Puppets die Konkurrenz mit ueberwaeltigendem Punktevorsprung. Heutzutage laufen Polls online und unbegrenzt und bei Metalmusicarchives mit einem zuverlaessigen Rating-System, das statistische Ausreisser einfaengt sowie ausser dem gewichteten Mittel auch die Zahl der Rezensionen bereucksichtigt, liegt es ebenfalls deutlich vorn. Hier duerfte auch die historische Bedeutung in die Wertungen einfliessen. Das Album gilt im Genre als die Spielwende, welche den Extrem-Metal aus dem Untergrund in die Breite brachte, ohne Kompromisse zu machen. Es sei denn, man sieht die saubere, druckvolle und transparente Klangproduktion, die teils mehrteiligen Liedaufbauten mit Intros, Zwischenspielen und Tempowechseln, die spieltechnische Klasse und die intelligenten, kritischen Texte bereits als Kompomiss an. Keine Kompromise gibt es bei der unnachgiebigen Haerte und den Geschwindigkeitsexzessen, die den Thrash Metal ausmachen. Es sein denn, man sieht die Tatsache, dass sie nicht nur wie gestoert reinknueppeln, sondern immer wieder mal das Gas runter nehmen und hier und da auch mildere Passagen -sogar mit akustischen Instrumenten- einbauen, bereits als Kompromiss an. Wie auch immer, auf einmal war es opportun, 'richtigen' Metal zu hoeren, trotz des bloeden Namens der Gruppe und trotz der Kreuze auf dem Cover - auch ich habe meine Sammlung nicht mehr versteckt, wenn der langhaarige Studienkollege mit Jutetasche und Jesuslatschen vorbeikam.

Heutzutage schaetze ich das Album nicht mehr so ganz so hoch ein. Fuer einen Allzeit-Favoriten ist mir der Gesang nicht gut genug. Ich finde, dem Saenger fehlt es an Charisma. Overkill hatten 6 Monate zuvor ihr Debut veroeffentlicht und man hat den Eindruck, dass Metallica da genau hingehoert haben. Wegen der musikalischen Aehnlichkeit muesste sich der weitaus bessere Overkill-Saenger gut auf Master of Puppets machen und eine Stimme dieses Kalibers wuerde das Album nochmal um eine Klasse heben. Aber auch dann kann ich der ueberlangen, recht indifferent vor sich hin maeandernden Instrumentalnummer nicht mehr als Fuellmaterialstatus zugestehen und bei ein, zwei weiteren Songs habe ich die Zuendung noch nicht gefunden. Auf der Habenseite stehen die beiden das Album flankierenden Hoechstgeschwindigkeits-Pruegler und vor allem ist auf dem Album einer der besten Metal-Songs ueberhaupt, der das alleine zu einer unverzichtbaren Angelegenheit macht: Disposable Heroes, dessen bittere Antikriegs-Lyrik heute so aktuell ist wie damals, wobei das -anders als die Schrammelsongs der 68er- durch die dem Thema angemessene, wuetende Haerte der Musik mitten ins Mark trifft.
Joe Dvorak (20.04.2023, 02:52):


Cinderella - Night Songs (Aug 1986)

Es gibt Bands oder Alben, die zu moegen man als respektierter Metalhead besser nicht zugibt, sonst ist es vorbei mit dem Ansehen. Hier kommt ein Paradebeispiel. Der Blick auf das Cover verraet untrueglich, dass wir es mit einem Album aus dem Subgenre Glam Metal zu tun haben. Der Blick macht auch unmissverstaendlich klar, warum diese Musik gerne als Hair Metal oder abfaellig als Hairspray Metal bezeichnet wird. Nachdem anfangs ein paar brauchbare Alben aus dieser Ecke kamen, gab es zwischenzeitlich ueble Tiefpunkte (unter anderem hatten Bon Jovi die Szene betreten), die aber reichlich die Kasse klingen liessen und so schickte man dutzende Bands, die wie am Reissbrett entstanden und in der Retorte gezuechtet wirkten, ins Rennen. Der Look war wichtiger als die Musik und so finden wir auch auf Cinderellas Debut unoriginelle und formelhafte Dutzendware. Der Vergleich mit AC/DC draengt sich bisweilen auf, auch weil sich der Cinderella-Saenger hervorragend in einer AC/CD-Coverband machen wuerde. Aber ich kann mir nicht helfen, ich mag diese Riffs aus dem Hardrock-Standard-Lehrbuch einfach und Cinderella haben irgenwie ihren ganz eigenen unerklaerlichen Charme. Was paradoxerweise hilft, ist die flache, drucklose, mittenlastig-scharfe Klangproduktion und daraus resultierend eine leicht 'dreckige' Atmosphaere, die auch den Party-Krachern eine gewisse Integritaet belaesst. Ueberhaupt nicht zum Rest will der das Album eroeffenende, duester-schleppende Titelsong passen, der schon fuer sich alleine verhindert, dass ich die Platte ad acta lege. Aber ich gebe hiermit zu: ich hoere auch den Rest gerne und sogar ziemlich oft.
Joe Dvorak (21.04.2023, 08:29):


Slayer - Reign in Blood (Okt 1986)

Ein weiterer Meilenstein. Das ist der Konvergenz- und Kumulationspunkt der Bewegung, die in Gange kam, nachdem Venom die Buechse der Pandora geoeffnet hatten. Hier laeuft alles zusammen: die Thematisierung des reinen Boesen, die Geschwindigkeitsexzesse der Speedster, die durch neue Spielttechniken gewonnene Ueberhaerte der Thrasher und die aufs wesentliche reduzierte, praezise-auf-den-Punkt-Verdichtung des Hardcore. Mehr als die Haelfte der 10 Lieder kommen nur wenig ueber die 2-Minuten-Marke hinaus und sind doch vollgepackt mit Riffs und Tempowechseln. Die mathematische Praezision, mit der das geschieht, verhindert, dass sich der Hoerer im Chaos verirrt. Melodien sucht man -ausser rudimentaer in den beiden laengeren Aussennummern- vergeblich, selbst der Gesang ist perkussiv – allerdings sollte man dabei nicht an Rap, sondern an das wuetende Gebell eines bis aufs Blut gereizten Hundes denken. Die atonalen (oder zumindest sehr exotische Skalen nutzenden), jeden ICE abhaengenden Laeufe der Gitarrensolisten helfen auch nicht weiter.
Mehr Haerte, Geschwindigkeit und Dichte sind nicht moeglich, weil das nur noch auf Kosten jeglicher Restmusikalitaet geht. Dann wird es grotesk, wenn nicht laecherlich und der Effekt wird ins Gegenteil verkehrt, insbesondere wenn die Protagonisten das technisch nicht mehr bewaeltigen - da kann man mit dem gleichen Gewinn einem Presslufthammer lauschen. Slayer haben, unterstuetzt von einer trockenen Ins-Gesicht-Klangproduktion die Grenzlinie des Extremen, das noch ‘sinnvoll’ ist, gefunden und exakt getroffen, wobei das selbst fuer ein Gros der Metal-Freunde laengst zuviel des Guten ist. Ich zaehle mich -bei allem Respekt vor der Leistung- da dazu. Wenn ich mich akustisch so richtig verdreschen lassen will, dann greife ich zum oben gezeigten Album von Exodus, die mit viel mehr Melodioesitaet fast den selben Effekt erzielen und ihre gelegentlichen Uebertreibungen mit ein klein wenig Augenzwinkern darbieten - etwas das Slayer auf Reign in Blood voellig abgeht. Das ist kein Spass und es macht keinen.
Trivia: Ich habe -allerdings vor sehr vielen Jahren schon- gehoert oder gelesen, dass dieses Album im Musikstudium als -einziges- Beispiel fuer Metal auf dem Lehrplan steht, wenn U-Musik als Neben- oder Wahlfach angeboten wird. Ob’s stimmt oder nicht, viele neue Freunde duerfte man dem Genre damit kaum verschafft haben. :evil:
Joe Dvorak (23.04.2023, 04:23):


King Diamond - Abigail (Okt 1986)

Die Band ist nach dem Kuenstlernamen des Saengers der schon vorgestellten Mercyful Fate benannt. Bei diesem Seitenprojekt auslebt er seine Neigung zu Konzeptalben, die auf selbst entworfenen Horror-Geschichten beruhen. Die sind alles andere als banal und liessen sich gewiss zu Romanen oder Drehbuechern ausbauen. Abigail gilt als sein Meisterwerk. Hierfuer hat der King exzellente Musiker um sich geschart und erreicht musikalisch locker das hohe Niveau seiner Stammband. Stilistisch lehnt man sich an den traditionellen Heavy Metal an, aber gestaltet diesen variabler als ueblich. Es gibt dezenten und genau kalkulierten Einsatz von Keyboards und akustischen Gitarren, haeufige Takt- und Tempowechsel, sehr viel Raum fuer die beiden herausragenden Gitarrensolisten, die sich mit ansteckendem Enthusiasmus den Allerwertesten abspielen, ein sagenhaftes Gespuer fuer eingaengige Melodien, die sich sofort im Gehoer verhaken, ohne laestig zu werden und die Dramaturgie des Albenflusses ist ebenso stimmig wie die der vertonten Geschichte. Und -wichtig- es gibt Nackenbrecher-Riffs ohne Ende. Das waere ein Rundum-sorglos-Paket, das ich jedem Novizen als einen der Erstkontakte mit dem Metal empfehlen wuerde, waere da nicht der haeufige Einsatz eines irrwitzig hohen, ohrenspaltenden Falsetto, das vielen den Zugang versperrt. Der Weg daran vorbei fuehrt wie bei Cirith Ungol geschildert: Erst haelt man es kaum aus, aber alles andere ist zu gut (ich habe das unglaubliche Schlagzeugspiel noch nicht erwaehnt), um es wegen des Gesangs zu ignorieren, irgendwann arrangiert man sich damit und liebt das Album trotz und spaeter auch und gerade wegen des Gesangs, weil der einfach ein integraler Bestandteil des Konzepts ist und ein ueberragendes Werk zu einem (beinahe) alles ueberragenden macht.
Joe Dvorak (23.04.2023, 10:32):


Stryper - To Hell with the Devil (Okt 1986)

Im Metal sind nicht nur Finsterlinge unterwegs. Einige Bands haben die frohe Botschaft im Gepaeck und Stryper gehoeren zu den erfolgreichsten. Die gelegentlich zugeordneten Genrebezeichnungen "Chistian Metal" oder "White Metal" sind freilich wenig sinnvoll, da die Texte allein nichts ueber die musikalische Ausrichtung aussagen. (Die schon besprochenen Trouble sind ebenfalls eine christliche Band, aber klingen voellig anders.)
Stryper spielen Glam Metal und ueberziehen die genretypische poppige Ausrichtung so dermassen ins schlagerhafte, dass es schon wieder Spass macht. Insbesondere bei den uebelst schnulzigen Balladen kann ich mir ein fettes Grinsen nicht verkneifen. Weil sie auch ganz starke Songs mit richtig amtlichen Riffs und hinreissenden Gitarrenleads bringen, kann man sich gut auf den Schmalz einlassen, ohne darin zu ersaufen und mit Humor nehmen, dass das offenbar keine Parodie sein soll.
Joe Dvorak (25.04.2023, 01:24):


Helloween - Keeper of the Seven Keys (Mai 1987)

Mit ihrem zweiten Album legten die Hamburger das Fundament fuer die Entwicklung eines neuen Subgenres innerhalb des Metal. Hohe Geschwindigkeit, fast permanenter Einsatz der Doppel-Basstrommel, exaltierter Gesang, oppulente Arrangements, mehrstimmig vorgetragene Mitsing-Refrains (Spoetter werten diese Musik deshalb gerne als Happy Metal ab), ausufernde Instrumentalpassagen mit vielen Soli. Diese Kombination von Stilelementen wurde mit dem Nachfolge-Album Keeper of the Seven Keys Part 2 weiter ausgebaut und verfestigt und mit einem charakteristischen Klang verbunden. Dieser Sound wurde so oft kopiert, dass sich daraus ein paar Jahre spaeter ein eigenes Subgenre mit der Bezeichnung Power Metal entwickelt hat. Gluecklich gewaehlt war das nicht. Zum einen hat jede Art von Metal-Musik Power und zum anderen gibt es hier im Vergleich zu vielen anderen Metal-Subgenres ziemlich wenig davon. Auch labelte man die Vertreter der neuen amerikanischen Haerte Anfang des Jahrzehnts ebenfalls mit Power Metal. Dieser ging zwar bald im Thrash Metal auf, aber es gab Bands, die den Stil weiter spielten, ohne die Entwicklung zum Thrash mitzumachen. Zur Unterscheidung verwendet man heute den Begriff US Power Metal, was wiederum ungluecklich ist, weil auch Gruppen auf anderen Kontinenten diesen Stil pflegten und pflegen. Die Neigung der Metaller, alles in Schubladen und Unterschubladen und dann nochmal in Faecher zu unterteilen, wird von Aussenstehenden oft belaechelt. Aber hinter den Genrebezeichnugen stehen klar definierte, charakteristische und verbindliche Merkmale - so wie bei 'uns' die Wiener Klassik klar umrissen ist oder der West Coast Cool bei den Jazzern. Sie erlauben bei neuen Bands eine schnelle Orientierung, was immens wichtig werden sollte, da bald damit begonnen wurde, alle moeglichen und unmoeglichen Kreuzungen vorzunehmen.

Unabhaengig von der Einordnung ist Keeper fuer mich eines der besten Metal-Alben, insbesondere das Langlied Halloween ist einer der kohaerentesten und zwingendsten Metal-Tracks jenseits 10-Minuten-Marke.
Joe Dvorak (25.04.2023, 09:17):


Celtic Frost - Into the Pandemonium (Juni 1987)

Das Schweizer Trio ist eine Singularitaet. Sie gehoerten zu ihrer Zeit nicht zu den ganz Grossen, haben aber unzaehlige Bands des Extrem-Metal extrem stark beeinflusst. Es ist kaum moeglich, sie einem Subgenre zuzuordnen, weil sich ihre drei Schluesselalben -neben dem gezeigten noch Morbid Tales (1984) & To Mega Therion (1985)- kaum gleichen. Die verbindenden Elemente dieser unheiligen Trinitaet sind die klaustrophobische Atmosphaere und der Hang zu okkulten Themen, weswegen die Gruppe oft der ersten Welle des Black Metal zugeordnet wird. Allerdings war ‘Black’ zu der Zeit mehr ein Etikett, das man Gruppen, die sich auf dem Pfad zur linken Hand befanden, anheftete und weniger eine Beschreibung der Musik – dieses Phaenomen kennen wir bereits vom ‘Heavy’ Metal. Erst mit der zweiten Welle in den 90ern kristalliserten sich die charakteristischen Merkmale heraus, mit denen sich der Black Metal als eigenstaendiges Genre etablierte. Celtic Frost sind dort in der Tat als Einfluss herauszuhoeren, das gilt aber ebenso im Death Metal, im Avantgarde-Metal und sogar im von vielen Metalheads verachteten Grunge. Celtic Frost vermengten diese Subgenres, die es zu ihrer Zeit noch gar nicht gab und klingen daher einzigartig.
Strenggenommen gehoeren alle drei Alben hierher. Ich hatte sie auf Tontrager und sie liefen regelmaessig. Am haeufigsten kam Into the Pandemonium zum Einsatz. Das schuettelt einen regelrecht durch mit seinem Ideenreichtum und den unerwarteten Wendungen, die das metallische Terrain verlassen und vor dem Einsatz eines Streichquartetts und eines Opernsoprans ebensowenig haltmachen, wie vor Techniken der Musique concrète und vor technoiden Schlagmustern. Und doch ist es ein stringentes Album geworden und bei manchem Riff kramt man fragend im Hirn, wo man das schon mal gehoert hat, bis man beim Titel einer Band landet, die viel spaeter kam. Ein singulaeres Album einer singulaeren Band.
Joe Dvorak (25.04.2023, 11:25):


Paradox - Product of Imagination (Okt 1987)

Hierzu kann ich leider nur etwas Nass auf das Mahlwerk der Streaming-Skeptiker und Hartware-Habenwoller geben. Ich hatte mir das vor einer Weile vollstaendig in die Bibliothek geladen und als es jetzt dran war, war nur noch ein Titel vorhanden. Offenbar hat das Label nicht mehr lizensiert.
Ich haette das Debut der Bayern gerne wiedergehoert, denn die eigentlich schwer vertraegliche Mischung aus Power & Thrash Metal ist schon ziemlich originell und sehr gelungen. Mit ihrem zweiten Album haben sie sich dann ganz auf Ami-Thrash verlegt und da gibt es dann doch Besseres.
Joe Dvorak (26.04.2023, 03:50):


Sepultura - Schizophrenia (Okt 1987)

Was fuer ein voluptuoeser Stuhl! Das erste international veroeffentliche Album der Brasilianer ist ein knueppelndes Riff-Fest vor dem Herrn (der Finsternis). Abzueglich des Intros und Zwischenspiels bleiben 7 Lieder, die es auf knapp 37 Minuten bringen. Aber trotz der betraechtlichen Songlaengen gibt es nicht einen Durchhaenger. Keinen. Keinen einzigen. Und das, obwohl die Variation gegen Null geht. Es gibt Riffs und Riffs und Riffs. Gitarrensoli gibt es auch und etwas Gebell des Mannes hinterm Mikro. Und dann gibt es wieder Riffs und Riffs. Jeez! Man (lies: ich) kann die Lieder nicht voneinander unterscheiden, aber sie klingen nicht gleich, weil sie gleich sind, sondern weil in jedem Lied so viele -sorry- affengeile Riffs gebracht werden, dass man die sich (lies: ich mir die) unmoeglich alle merken kann. Auch nach dem zehnten Hoeren nicht. Weswegen man das auch ein elftes, zwoelftes, ..., hundertstes Mal auflegt. Weil es immer wieder wie neu klingt. Und weil es Spass macht. Weil so viele gute Riffs drauf sind, falls ich vergessen haben sollte, das zu erwaehnen. So wenig die Musik etwas fuer Feingeister ist, so wenig ist es der Klang. Das hat produktionstechnisch nicht die In-die-Fresse-Qualitaet von Slayer, sondern klingt eher nach Spelunke. Und das ist gut so. Hier geht nicht darum, mit uebertreibener Haerte neue Rekorde aufzustellen, sondern um den Spass an der Sache. Es geht um brechende Nacken, weil man aus dem Headbangen nicht mehr herauskommt. Weil jedes Riff dazu zwingt. Jedes einzelne.
Joe Dvorak (27.04.2023, 08:23):


Blind Guardian - Battalions of Fear (Feb 1988)

Was fuer ein Brett! Bevor sie von Krefeld aus mit ihrem Fantasy-Metal die Welt eroberten, legten die Waechter hier eine reine Speed-Granate allererster Guete vor. Das Gaspedal wird fast unablaessig durchgedrueckt, es wird im Dauerstakkato gerifft, die Doppelbasstrommel haemmert unentwegt und die Solisten brettern um die Wette bis die Saiten gluehen. Das Ganze wird mit einem unwiderstehlich mitreissenden Enthusiamus dargeboten, wie man ihn im Metal fast nur auf Debutalben findet. Vergleiche mit Metallicas Erstling sind nicht von der Hand zu weisen, allerdings geht den Guardians trotz des maechtigen Geknueppels jegliche Aggressivitaet ab. Das liegt an den hymnischen Refrains und der generell eher optimistischen (Dur-)Melodiefuehrung des sehr markanten Saengers und der Leadgitarristen. Dass das abschliessende Instrumentalstueck auf dem Hauptthema des Finales von Dvoraks Neunter beruht, haette nicht sein muessen, aber gibt einen Fingerzeig auf die Ausrichtung des Albums.

Das ist noch weit weg von dem zwar ambitionieten und ausgefeilten, aber auch ueberproduzierten und mit banalen Melodien verwaesserten Stil, mit dem sie auf spaeteren Alben bekannt und beruehmt wurden. Hier gibt’s einfach nur freundlich laechelnd eins auf die Glocke und das gefaellt mir viel besser.
Joe Dvorak (27.04.2023, 11:12):


Iron Maiden - Seventh Son of a Seventh Son (Apr 1988)

Nachdem sich Iron Maiden mit den ersten fünf Alben in die Geschichtsbücher eingetragen hatten, veränderten sie ihren Sound. Die Härte wurde etwas zurückgenommen, die Produktion glatter, die Arrangements ausgefeilter, es kamen Gitarrensynthesizer und Keyboards zum Einsatz, die Liedaufbauten wurden verschachtelter, die Instrumentalpassagen ausgedehnter, es gab unerwartete, aber stringente harmonische Wendungen, Takt- und Tempowechsel - aber alles wirkte zweckdienlich und weit weg von prätentiös-progressiver Selbstverliebtheit. Dazu gab es haufenweise grosse Hooklines (dt: charakteristische Melodiephrase od. Textzeile), jene Passagen, die sofort ins Ohr gehen und dort noch lange nach dem Ende der Platte verweilen, ohne lästig zu sein.
Das Konzeptalbum Seventh Son of a Seventh Son ist der zweite Langdreher aus dieser Phase und ist objektiv gesehen ohne Fehl und Tadel, dazu noch veredelt mit dem ueberragenden Gesang von Bruce Dickinson, der hier seinen Zenit erreicht hat. Die ueberlegte und ueberlegene Gestaltung seines wandlungsreichen Parts gehoert zu den besten Vokaldarbietungen des Genres.
Warum ist das dann nicht auch subjektiv ohne Fehl und Tadel? Mir ist das bisweilen etwas zu reibungsfrei, vor allem im Vergleich mit dem frueher besprochenen, stilistisch, konzeptionell und qualitativ aehnlichen King Diamond-Album Abigail. Dort geht es um einiges rustikaler -und damit unmittelbar packender und mitreissender- zur Sache, ohne dass das deswegen auch nur einen Deut weniger 'hohe Kunst' ist. Das gibt dann eine klar hoehere B-Note fuer Abigail.
Joe Dvorak (28.04.2023, 04:38):


Saxon - Destiny (Juni 1988)

Alben, die zu moegen man als respektierter Metalhead besser nicht zugibt - Teil II.

Wenn man irgendwo auf der Welt einen Metal-Kameraden trifft und das Gespraech auf Saxon kommt, gelten ein paar Grundsaetze, die unausgesprochen klar sind. Spricht man darueber, dass Saxon zu Unrecht nicht immer mit den ganz Grossen aus der allerersten Reihe in einem Atemzug genannt werden, dann bezieht man sich ungesagt auf 3 oder maximal 4 Alben aus der ersten Haelfte der 80er. Wenn man ihre Bestaendigkeit lobt und feststellt, dass sie wohl ihre Hoehen und Tiefen hatten, aber die Serie der letzten Alben durchgaengig beeindruckt hat, dann bezieht man sich ungesagt auf den Zeitraum von den 90ern bis heute. Die Zeit dazwischen gibt es nicht. Das ist kein Totschweigen, denn das waere etwas, das man bewusst macht. Aber der ernste Metalhead hat diese Zeit aus seinem Bewusstsein eliminiert. Er wollte den Verrat durch seine Idole solange nicht wahrhaben, bis er in einer Welt aufgewacht ist, in der er nicht wahr ist. Fuer ihn in seiner Welt hat es Destiny (und die anderen Alben der Jahre, in denen sie bei EMI unter Vertrag standen) nie gegeben. Da ich mit meiner Wertschaetzung von Cinderella schon bezeugt habe, dass ich kein ernster Metalhead bin, kann ich auch zugeben, dass ich den Grundsatz, dass es diese Alben nicht gibt, zwar respektiere, sie aber trotzdem heimlich und gerne hoere.
Was haben Saxon auf Destiny verbrochen? Sie haben von ihrem Stil -Heavy Metal in Reinstkultur- alles entfernt, was irgendwie extrem ankommen koennte. Und dann haben sie zum verbliebenen Rest alles hinzugefuegt, was das radiotauglich macht und sind dabei selbst vor Kaese-Keyboards nicht zurueckgeschreckt. Zielgruppe: Amerikaner, Ü30, Bauchansatz, erste Anzeichen von Glatzenbildung, verheiratet, 2 Kinder, Hund, Katze, Haus, SUV und nostalgische Erinnerungen an die gute alte Zeit als Rocker. Der kann es mit einem EMI-Album von Saxon nochmal krachen lassen, ohne jemanden zu erschrecken. Seine Kids nennen diese Musik 'Dad-Rock', die Fachwelt spricht von AOR (Adult Oriented Rock). Und dafuer habe ich eine Schwaeche - wenn er gut gemacht ist. Und Saxon machen das verdammt gut, wie ich finde. Ausserdem bin ich weit mehr als Ü30, den Bauch kann man nicht mehr mit 'Ansatz' schoenreden und von Haaren kann man gar nicht reden. Deshalb darf ich auch als in Asien lebender Europaeer ueber Destiny reden - halt nur nicht mit echten Metalheads.
Joe Dvorak (28.04.2023, 09:02):


Cinderella - Long Cold Winter (Juli 1988)

Alben, die zu moegen man als respektierter Metalhead besser nicht zugibt - Teil III (in diesem Fall mMn zu Unrecht).

Statt wie beim Debut alles auf generische Hardrock-Riffs und einen schaebigen Sound zu setzen, ueberrascht die Band hier mit traditionellen Blues-Einlagen, Country-Anklaengen, abwechslungreichen Arrangements und mit einem astreinen Klang. Ihre AC/DC-Verehrung verleugnen sie nicht voellig, aber das ist nurmehr ein Element unter vielen. Hoehepunkt ist der Titelsong, ein reinrassiger Slow-Blues-Rocker, wie ich ihn auch von Spezialisten selten besser gehoert habe.
Joe Dvorak (30.04.2023, 02:25):


Danzig - Danzig (Aug 1988)

'Evil Elvis' Glenn Danzig, der hier sein Debut mit eigener Band gibt, ist eine der markantesten Stimmen im harten und schweren Fach. Elvis und Jim Morrisson sind aus der Gruft gestiegen, sie hoerten und erkannten, dass es nach dem Rock 'n' Roll und dem Blues den Punk und den Metal gab, sahen dass es gut war, fuhren gemeinsam in Glenn Danzig und sprachen: For I will be inside your speech / Say the words you must not say.
Alle Musiker kommen aus dem Punk, was bisweilen durchschimmert, aber sie huldigen mehr dem blues-infizierten 70er-Hardrock, den sie in ein durchaus metallisches Soundgewand packen, das aber weder mit dem traditionellen noch mit dem extremen Metal viel gemein hat. Danzig sind Danzig.
Joe Dvorak (02.05.2023, 02:36):


Metallica - ...And Justice for All (Sep 1988)

Es gibt Leute, die behaupten, dass jedes Doppelalbum (ausser Livealben) besser geworden waere, wenn man sich auf eine Einfach-LP beschraenkt haette. Ich stimme zu und plaediere -dem Zeitgeist folgend- fuer ein Verbot. Justizia ist meine Anwaeltin. Es gibt 9 Titel mit einer Spieldauer von ueber einer Stunde. Das zeigt schon mal, dass die Titel im Schnitt lang sind. Sie sind deswegen nicht komplexer - es wird einfach laenger auf einzelnen Passagen herumgeritten. Der Klang ist mittenlastig und flach, fast steril und das passt zu den Liedern, die wie am Reissbrett entworfen wirken. Die einzelnen Teile der Songs erscheinen blockhaft aneinandergereiht, die Soli werden einfach draufgeklatscht - als ob man ein Kompendium von Elementen, aus denen ein Metalalbum komponiert wird, herausgeben wollte. Das wirkt gerade in Verbindung mit dem klinischen Klang so abstrakt, dass es zur autonomen Kunstform wird. Auf auf dieser Ebene funktioniert das Album bei mir richtig gut. Das ist zwar ein bisschen das Pendant zu den zahlreichen (Spaet-/)Romantik-Komponisten aus der dritten Reihe, durch deren grosse Sinfonie in C-Dur ein Professor mit dicker Hornbrille herausschaut, aber das hoeren wir zur Abwechslung doch ab und an mal gerne -wenn es nicht eine Stunde dauert- bevor wir uns wieder BSSMBBM zuwenden.
Normalerweise bin ich ein strikter Album-am-Stueck-Hoerer und lehne das Ueberspringen von 'schlechten' Titeln ab - die Band und der Produzent haben sich schliesslich etwas dabei gedacht, das so und nicht anders aufs Vinyl zu pressen und vielleicht waechst man ja noch rein. Aber das hier ist reine Notwehr. Nicht dass es schlechte Titel gaebe - die ersten drei und der letzte werden immer gespielt und One immer gestrichen (der ist sehr gut, aber wurde seinerzeit totgespielt) und voellig egal welche beiden vom sehr guten Rest man hinzunimmt und welche man weglaesst, es kommt immer etwas viel besseres als das Original-Album dabei raus.
Joe Dvorak (03.05.2023, 03:09):


Dream Theater - When Dream and Day Unite (Mrz 1989)

Das Erscheinen dieser Gruppe sorgte fuer jede Menge offen eingerastete Kinnladen. Mir erfuellte es den langgehegten Wunsch nach einer Metal-Band, bei der alle Mitglieder technisch auf dem Niveau von Top-Jazzrock-Fusion-Acts wie dem Mahavishnu Orchestra spielen und das auch zeigen. Das hier vorgestellte Debut gilt heute als schwaechstes Album des Traumtheaters, begruendet damit, dass der individuelle Stil noch nicht ausgereift war, die Lieder sperrig und wenig melodisch daherkamen, Klang und Mix sehr duerftig ausfielen und die Treffsicherheit des Saengers zu wuenschen uebrig lies. Erbsenzaehler! Ich finde das besser als alles, was sie spaeter gemacht haben. When Dream and Day Unite hat den typischen Charme des Debuts, bei dem lustvoll etwas Neues ausprobiert wird. Die Wir-zeigen-euch-wo-der-Hammer-haengt-Mentalitaet, mit dem dem Hoerer das ausserordentliche Koennen auf die Ohren gedrueckt wird, finde ich unwiderstehlich. Es stimmt, dass die Lieder nicht auf Anhieb eingaengig sind und die Aufbauten wirr wirken, aber das legt sich mit wiederholter Auseinandersetzung und das Album setzt sich dann umso nachhaltiger und beeindruckender fest. An den Klang gewoehnt man sich schnell und der Saenger stellt fuer Rush-informierte Hoerer kein Problem dar. Rush waere auch der erste grobe Referenzpunkt, der mir einfaellt, um das stilisitsch einzuordnen. Nicht zuletzt wegen des unueberhoerbaren Einflusses auf Dream Theater gelten die Rush der Jahre 1977-1981 retrospektiv als erste Wegbereiter des Progressive Metal, der hier seine volle Auspraegung erfahrt. Das Album altert nicht und ist mit jedem Hoeren eine fesselnde, erhebende, voll und ganz befriedigende Sache.
Joe Dvorak (05.05.2023, 09:16):


Morbid Angel - Altars of Madness (Mai 1989)

Nachdem Slayer die ultimative Hoechststrafe an Pruegelmetal verhaengt hatten, mussten neue Stilmittel her, um die Extremisierung weiterzutreiben. Zur Umsetzung der immer drastischer werdenden textlichen Inhalte wurde mehr und mehr auf gutturalen Gesang gesetzt, im engl. Fachjargon growling (dt. brummen, knurren) genannt. So ‘abartig’ und neu wie diese Technik erscheint, ist sie freilich nicht. In Hildegard von Bingens Drama Ordo virtutum (c. 1152) soll die Rolle des Teufels nicht melodisch singend, sondern in einer als streptius diaboli bezeichneten Weise vorgetragen werden, was nach heutigem Verstaendnis tief und knurrend bedeutete. Die Gitarren wurden noch weiter heruntergestimmt und noch staerker verzerrt, Chromatik mit Atonalitaet vermengt, neue Schlagzeugtechniken (Blastbeats) eingefuehrt, Wechsel zwischen verschiedenen Liedabschnitten noch abrupter, was dem ganzen einen chaotischen Anstrich verlieh, waehrend die technische Praezision, die notwendig war, um das alles noch zu kontrollieren, weiter zunahm. Statt ausschliesslich auf irrsinnige Tempi zu setzen, wurden kontrastierend auch langsam walzende Passagen wie im Doom Metal eingesetzt. Nicht zuletzt kam hier dem Produzenten eine (noch) wichtige(re) Rolle zu. Um das alles so einzufangen, dass am Ende kein undurchdringlicher Klangbrei herauskommt, braucht es Spezialisten. Wann sich dieser Stil soweit vom Thrash Metal entfernte, dass man dafuer eine neue Subgenre-Bezeichnung brauchte und wann und wie sich "Death Metal" dafuer durchsetzte, ist ebenso wenig geklaert wie die Frage, wer das erste reine Death Metal Album gemacht hat – zumal bei der zu engen Diskussion, ob es das genannte Album von Possessed oder das Debut der sinnig benannten (hier noch nicht vorgestellten) Gruppe Death war, gerne einige Bands aus Suedamerika, die noch extremer waren als die meisten Kollegen im Norden, uebersehen werden.

Lange Vorrede, kurze Besprechung. Morbid Angels Debut kann bald als Lehrbuch-Definition des fruehen Death Metal durchgehen und bietet alles, was diese Musik so unwiderstehlich macht. Hier wird auf hoechstem Niveau die Auslotung des technisch noch spielbaren mit aetzend-hasserfuellter Verachtung dargeboten und somit der Intellekt und die niedrigen Instinkte zugleich befriedigt. Um nachzuvollziehen, was hier Wundersames vor sich geht, muss man sich freilich erst mal durch (vermeintlich) Laerm und Chaos durcharbeiten – nicht unaehnlich ‘unserer’ Neuen Musik. Aber wenn es geschafft ist, dann gibt es reichlich Lohn. Die wenigsten Metalfans waren bereit, da noch mitzugehen. Selbst in der absoluten Bluetezeit des Todes-Genres Anfang der ‘90er blieben Albenverkauefe oberhalb von 100.000 Steuck die seltene Ausnahme. (Zum Vergleich: Das vorher besprochene Album von Metallica, das auch nicht gerade etwas fuer Zartbesaitete ist, ging 8 Millionen mal ueber die Ladentheke.)
Joe Dvorak (06.05.2023, 04:05):


Death - Spiritual Healing (Feb 1990)

Ob Death mit ihrem 1987 erschienenen Debut das erste reine Death Metal Album vorgelegt haben, kann man kontrovers diskutieren. Dass ihr drittes Album Spiritual Healing ein absoluter Hoehepunkt aus der Hochzeit des Genres ist, wird dagegen kaum jemand in Abrede stellen. Waehrend die meisten Protagonisten mit ihren Horror-Fantasien immer neue Tabus brachen, erkannten Death, dass uns der wahre Horror beim Blick auf die ganz alltaegliche, ganz reale menschliche Gesellschaft entgegenschleagt. Musikalisch verlagerten sie den Schwerpunkt mehr auf die technische Seite und legten die Grundlage fuer die Transition vom reinen Alte-Schule-Tod zu progressiveren Spielarten, ohne dass das zu Lasten der genretypisch finsteren und unheilvollen Atmosphaere ging. Hier haben wir alles was das Herz begehrt. Komplexe Liedaufbauten, nackenbrechende Riffs ohne Ende, abnormale Virtuositaet an den Fellen und Saiten, intelligente -und leider zeitlos aktuelle- Lyrik, die 100% textverstaendlich (das ist beim Death Metal nicht selbstverstandlich) und maechtig sauer vorgetragen wird und eine saubere und druckvolle Produktion. Hier wird der hohe Kunstverstand mittels heftigen Tritten in die Eingeweide angeregt und das ist eine einmalige Kunst, fuer die Death (oder eigentlich deren Gruender und einziges staendiges Mitglied Chuck Schuldiner) der '90er als Synoym stehen.
Joe Dvorak (06.05.2023, 04:35):


Entombed - Left Hand Path (Juni 1990)

Entombed kommen aus Schweden, das neben Florida zur zweiten Hochburg des Death Metal wurde. Ein Grund war, dass hier wie dort Studios und Produzenten, die mit den spezifischen Anfordungen der Todesmetaller umgehen konnten, vor Ort waren. Neben der Tatsache, dass die Skandinavier im allgemeinen rustikaler (hemdsaermeliger) und geradliniger als ihre amerikanischen Kollegen zu Werke gingen, erkennt man auch am Klang ziemlich sicher, ob man es mit Florida- oder Schwedentod zu tun hat. Der lange, das Album eroeffnende Titelsong wurde in meinen Ohren nie wieder uebertroffen, weder von Entombed noch von anderen Vertreten der alten schwedischen Schule.
Joe Dvorak (06.05.2023, 08:34):


Deicide - Deicide (Juni 1990)

Das gilt als das meistverkaufte Death Metal Album aller Zeiten. Es 'gilt' nur und man weiss es nicht genau, weil das System zur exakten Zaehlung noch nicht eingefuehert war, als das Debut der Amis erschien. Aber selbst ohne die fehlenden paar Wochen liegt es auf Rang 2. Der Erfolg ist wohl nicht zuletzt dem provokativen Auftreten und den extremen Botschaften des Gruppenkopfs geschuldet, der saemtliche Tabus, die die anderen noch uebrig gelassen hatten, brach und es so zu unruehmlicher Aufmerksamkeit brachte. Der Verdacht, dass damit fehlendes Talent ueberspielt werden sollte, liegt nahe, erweist sich aber bei genauerem Hinhoeren als unbegruendet.

Das Album ist eins der wenigen, die ich als Hartware behalten habe, nicht zuletzt weil ich befuerchte, dass die Streaming-Plattformen das irgendwann mal in vorauseilend gehorsamer Selbstzensur herunter nehmen. Die Themen kreisen fast ausschliesslich um Satanismus, Christenfeindlichkeit, Blasphemie und blanken Hass auf alles und jeden. Nun sind Deicide nicht die einzigen, die auf diesem Pfad wandeln, aber niemand sonst wirkt auf mich so glaubwuerdig. Wenn das Show ist, dann ist die Illusion perfekt. Andererseits ist es -mit Ausnahmen- nicht so uebertrieben, dass es wie bei den meisten Nachahmern ins Laecherliche gleitet. Der Saenger singt, ich korrigiere, bellt die kaum noch verstaendlichen, tiefen gutturalen Laute mit einer Hasserfuelltheit, die mich schaudern laesst. Nicht auszudenken, was aus ihm geworden waere, wenn er nicht dieses Ableitventil fuer sich gefunden haette. Leider verdoppelt er vielfach seine Stimme mit einer zweiten Spur, auf der er mit Fauch- und Knurrlauten besonders boese klingen will, aber das weckt allenfalls Assoziationen an Plastikmonster aus einem viertklassigen Horrorfilm. Damit wird ein Gutteil des Albums entwertet. Auf den Nachfolge-Alben laesst er das zum Gleuck meist bleiben, aber die sind musikalisch nicht mehr so ueberzeugend. Die Musik - was wird geboten? Zunaechst Schlagzeugspiel im nicht mehr zaehlbaren BPM-Bereich - und das mit metronomischer Praezision. Darueber zwei Gitarren mit einem mittenfrei-ausgeweideten, skelettartigen Sound. Die Riffs kommen mit einer unnachgiebigen Eindringlichkeit, die an rituelles Trommeln erinnert. Zur Auflockerung gibt es pfeilschnelle atonale Skalenlaeufe, die mit dem Rest allenfalls in loser Verbindung stehen. Rituell ist das richtige Wort zur Beschreibung dieser Mixtur und die Vorstellung, das als Soundtrack fuer Opferungen zu verwenden, ist so abwegig nicht.

Oft sind es ja die voellig Unbedarften, die verblueffend treffende Worte zur Charakterisierung von Musik finden. Einst bekamen wir Besuch von einer Freundin, deren Musikhorizont bei Udo Lindenberg und Peter Maffay endet, als ausgerechnet diese Platte lief. Sie betrat das Zimmer, sah eine Weile in Richtung Laufsprecher und meinte dann in ihrer trockenen, schwaebischen Hausmutter-Art: "Ha sag a mole, soll I jedsed en Altar hola ond mi neggedich druff lega?" Sagenhaft. Sie hat in 30 Sekunden das Wesen dieser Musik erfasst und in Worte gefasst.
Joe Dvorak (09.05.2023, 03:52):


Judas Priest - Painkiller (Sep 1990)

Nachdem die Pioniere des Heavy Metal i.e.S. in der zweiten Haelfte der 80er aus der Mode gekommen waren, meldeten sie sich hiermit zurueck - zwar nicht mit einem Paukenschlag, aber mit einem machtvollen Schlagzeugintro, welches in das fraesende Jahrzehnt-Riff des Titelsongs muendet, bevor sich der Saenger mit seinem beruechtigten, voluminoes-kraftvollen Falsetto den Weg freischreit. Was fuer ein Auftakt! Es sind Speed- & Thrash-Elemente auszumachen, aber die Priester kopieren den Stil, von dem sie ins Abseits gedraengt wurden, nicht, sondern verleiben ihn sich ein und kehren modern-aufgepeppt zu ihren Wurzeln zurueck. Das Ergebnis ist beeindruckend, nicht zuletzt durch die donnernd-druckvolle und dabei knackig-transparente Produktion. Und wegen der Melodien - eingaengig wie verrueckt, aber nicht banal. Ein Hit jagt den naechsten, es gibt kein einziges Fueller-Lied, jede Strophe, jeder Refrain, jede Ueberleitung sitzt. Ich frage mich, wo eine Band nach 16 Jahren fuer das 12. Album noch diese Ideen hernimmt - und das in einer Anzahl, die andere waehrend ihrer ganzen Karriere nicht aufbieten koennen. Das muss ein wahrer Kreativitaetsrausch gewesen sein. Zum Schluss das beste: die beiden Gitarristen spielen wie entfesselt auf und lassen ihre Aexte in schnellen, neo-klassisch angehauchten Soli kreischen und jubilieren, dass es einem die Freudentraenen in die Augen treibt. Hier stimmt nun wirklich alles. Im Rennen um das beste der Album der 90er wurde sehr frueh gleich mal kraeftig vorgelegt.
Joe Dvorak (10.05.2023, 03:45):


Obituary - Cause of Death (Sep 1990)

Das Zeitalter des Musikfernsehens war angebrochen. Es war der absolute Hoehepunkt der Woche, auf den schon Stunden vorher hingefiebert wurde: Der Headbanger's Ball auf MTV am spaeten Sonntagabend. Zwei Stunden lang nur Metal. Und als besonderer Hoehepunkt die Sendung in der Sendung, der Triple Thrash Threat. Drei Musikvideos, mit denen die seinerzeit extremsten Combos vorgestellt wurden. Legendaer war das Interview mit dem Obituary-Frontmann. Die Moderatorin leitete wortreich ein und muendete schliesslich in die Frage: "Ist es nicht deprimierend, staendig ueber den Tod singen?" Die kurze Anwort: "Nun, das Leben ist nicht komisch".

Als eine Besonderheit des zweiten Albums der wie Death, Deicide und Morbid Angel aus Florida stammenden Band wird den sehr langsamen Passagen mit lava-artig kriechenden Tieftonwaenden viel Raum eingeraeumt. Im Kontrast dazu steht der eher genre-untypische, weiche und warme Klang der ungewoehnlich melodisch agierenden Leadgitarre. Natuerlich wird auch ordentlich geknueppelt und der Saenger wuergt die Laute regelrecht heraus, wobei Textverstaendlichkeit auf der Prioritaetenliste nicht weit oben steht. Der Sound und die Atmosphaere dieser Scheibe sind einmalig, aber die Riffs sind wenig originell. Dass sie eine Coverversion eines Lieds von Celtic Frost bringen, zeigt, wo sie sich umgehoert haben und auch Metallica standen Pate. Spass macht es trotzdem.
Joe Dvorak (11.05.2023, 12:39):


Megadeth - Rust in Peace (Sep 1990)

Von den Big 4 des US Thrash Metal fehlten bisher noch Megadeth. Die setzten Anfangs auch auf Hoechstgeschwindigkeit, waren mir aber etwas zu ueberkandidelt, um nicht zu sagen hysterisch. Auf ihrem vierten Album ist davon nichts mehr zu hoeren. Auch von uebertriebener Haerte fehlt jede Spur und Melodioesitaet wird grossgeschrieben. Dennoch bleiben sie klar im Thrash-Idiom verhaftet und liefern ein nahezu perfektes Album ab, das im Titelrennen um das beste Metal-Album der 90er-Jahre nur einen ernsthaften Konkurrenten hat, naemlich das gerade mal 3 Wochen zuvor erschienene, im vorletzten Beitrag besprochene Schmerzmittel.
Und ja, die beiden Auftaktnummern Holy Wars…The Punishment Due und Hangar 18 sind nicht zu ueberbieten. Das ist Metal von einem anderen Stern: die Themen, die Riffs, die Uebergaenge zwischen den Abschnitten, die Takt- und Tempowechsel, die Soli, vor allem die Soli und wie sich die Gitarristen die Baelle zuspielen - technisch meisterhaft und immer dem grossen Ganzen dienend. Das ist alles so zwingend, so erhebend und erbaulich, so und nicht anders sein koennend, dass ich mich frage, wie um alles im Universum man auf so etwas kommt. Diese 12 Minuten sind die Essenz von allem, das meinen Metallgeist in hoehere Schwingungen versetzt. Ein solcher Auftakt ist natuerlich eine Hypothek fuer den Rest des Albums, der trotz weiterer grosser Momente dagegen verblassen muss und meist zugunsten von ein bis zwei Wiederholungen des Ueberfliegerpaares ungespielt bleibt. Wenn er gespielt wird, dann amuesiere ich mich ueber Dawn Patrol, musikalisch ein Fueller, aber textlich ein Knueller. Es geht um die zerstoererische Wirkung des Treibhauseffektes und das Ende allen Lebens. Schon vor 30 Jahren blieben uns nur noch ein paar Jahre Zeit.
Joe Dvorak (15.05.2023, 02:24):


Iced Earth - Iced Earth (Nov 1990)

Weil die Band das auf ihrer Netzseite so treffend beschreibt, uebernehme ich auszugsweise: (...) raffinierte Breaks, Taktwechsel, akustische Passagen und Keyboards als letzten Schliff (...) Die fertige Struktur ist etwas, das Ideen von anderen Bands entlehnt, aber dennoch völlig einzigartig bleibt. Die Musik ist schwer, melodisch, düster, schnell und komplex. (...) Der "galoppierende" Rhythmus von Iron Maiden ist ziemlich offensichtlich, außer dass Iced Earth ein viel schnelleres Pferd ist (Iced Earth - Iced Earth). (Auf der Website sieht man das Cover der Originalausgabe, das viel besser zum Inhalt passt als der plakative Dung, der nach dem Wechsel zu einem groesseren Label herausgegeben wurde.) Nicht verschweigen sollte man freilich, dass der Saenger nicht gerade zu den faehigsten gehoert, die das Genre je hervorgebracht hat. Aber der Rest ist interessant und im positiven Sinne eingaengig genug, um darueber wegzuhoeren.
Joe Dvorak (15.05.2023, 02:49):


Unleashed - Where no Life Dwells (Mai 1991)

Kennt man eins, kennt man alle. Das ist schon ein etwas arg oeberflaechliches Urteil ueber den Schwedischen Death Metal der alten Schule, aber ein Funken Wahrheit steckt drin. Unleashed klingen auf ihrem Debut etwas weniger abrasiv als die Kollegen, die Produktion ist vergleichsweise durchsichtig. Ueberhaupt fehlt hier jegliche Neigung, neue Rekorde zu brechen. Noch tiefer heruntergestimmte Instrumente, noch tiefere und unverstaendlichere Growls, noch staunenswertere Geschwindigkeit, noch verwinkeltere Liedstrukturen, noch technisch-komplexeres Spiel ueberlaesst man anderen und das wirft uns auch in diesem extremen Bereich auf die Frage zurueck, worauf es letzlich ankommt. Das sind zuerst und zuoberst gute Riffs und dann Lieder, die nachwirken und einen Wiederhoeren-muessen-Faktor aufweisen. Hinter beides kann hier ein ganz fetter Haken gesetzt werden.
Joe Dvorak (16.05.2023, 05:29):


Solitude Aeternus - Into the Depths of Sorrow (Juli 1991)

Es ist paradox. Obwohl sich der Doom Metal von allen anderen Metal-Subgenres am klarsten unterscheidet, ist er musikalisch am schwierigsten zu defnieren. Ueberwiegend langsame bis sehr langsame Tempi sind die Regel, aber auf einem Merkmal alleine sollte man kaum -wie geschehen- ein eigenstaendiges Subgenre und eine ganze Subkultur aufbauen koennen. Doch mehr ist es nicht. Alternative tiefe Stimmungen, sowie die Vorherrschaft von Moll und Chromatik mit besonderer Vorliebe fuer den Tritonus gibt es auch anderswo. Alle Doom-Bands haben letztlich gemeinsam, dass es eine klare Linie zurueck zu den ersten drei bis vier Alben von Black Sabbath gibt. Somit haben die Sabattianer nicht nur den Metal an sich, sondern auch eines seiner Subgenres 'erfunden'. Alle weiteren Versuche, den Stil zu beschreiben, drehen sich um Atmosphaere, Bildersprache und Wirkung. Um es im Klassik-Terminus zu sagen: Im Doom versammeln sich die Allan Petterssons des Metal. Das Coverbild des vorgestellten Albums spricht fuer sich. Das ist keine Kost, die ich mir taeglich gebe - auch weil mir die meisten Genrevertreter und deren Alben zu monoton sind. Solitude Aeternus kommen auf ihrem Debut zwar nicht ohne Selbstwiederholung aus, doch auf der Habenseite finden wir einen markanten Saenger, der nicht allzu duester oder klagend klingen will, es gibt einige grossartige Hooks, sie ziehen regelmaessig das Tempo an und platzieren bissige Gitarrensoli. So wird die selbstauferlegte Pein durch einen adaequaten Unterhaltungswert gemildert.
Joe Dvorak (16.05.2023, 11:12):


Savatage - Streets: A Rock Opera (Okt 1991)

Nach den Extremen in alle Richtungen kommt es gelegen, dass mal wieder etwas 'Normales' auf dem Programm steht. Hier gibt es sehr gepflegten, aber alles andere als oeden Mittelstrom. Savatages Debut Sirens wurde als eines der Alben, die den Uebergang vom Britischen Heavy Metal zum US Thrash Metal markieren, vorgestellt. Streets ist ihr 6. Album und zeigt die Band deutlich gemildert und ambitionierter. (Ob man ein Konzeptalbum mit einer durchgehenden Geschichte deswegen gleich 'Oper' nennen muss, sei dahingestellt; jedes Auftragssingspiel eines zweitklassigen Barockschoepfers hat mehr kompositorische Substanz.)
Hier stehen Piano-Balladen, viel 70er-Rock und recht wenig Metal auf dem Zettel, nicht ohne gelegentliche Beilagen von Schmalz, Kitsch und Bombast – fuer mich klar diesseits des guten Geschmacks und damit willkommen. Fuer diese Mixtur (und den kaum greifbaren Bezug zum Plot) gab es ebensoviel Haue wie lautstarke Begeisterung. Ich schliesse mich dem Jubel an und meine, dass der einheitliche Sound, die druchgaengige Atmosphare und die charakteristische, kehlige Gesangsstimme dem genug Zusammenhalt geben und dass der Alben-Fluss durchaus stimmig ist, extrem stimmig sogar – auch ohne den Versuch, die magere Story dahinter nachzuvollziehen. Weil es mir besonders wichtig ist: es gibt zwar nicht viele Metal-Riffs, aber darunter sind einige fuer die Ewigkeit. Und es gibt grandiose melodische Einfaelle, die auf 'magische' Art und Weise immer an den richtigen Stellen im Fluss auftauchen und es gibt einige dieser Stellen, die ich 'mysterioese Qualitaetsausbrueche' nenne, jene Passagen, bei denen man sich auf einem hoeheren Level wiederfindet, aber das erst bemerkt, wenn man eine Weile drin ist und sich fragt, wann und wie man da eigentlich hineingeraten ist. Das sind grosse Momente, die das vollends zu einem ganz grossen Album machen.

Trivia:
Der Legende nach war das als reines Rock-Album konzipiert und komponiert. Die Metal-Passagen wurden auf Druck der Plattenfirma nachtraeglich eingearbeitet. Angesichts des Ergebnisses muss ich die sonst meist fatale Label-Einmischung ausnahmsweise mal loben.
Joe Dvorak (18.05.2023, 03:37):


Suffocation - Effigy of the Forgotten (Okt 1991)

Der Begriff, der einem am haeufigsten begegnet, wenn es um diese Platte geht, lautet: brutal. Aber dann folgt schon: technisch. Es ist die Kombination, die das so vernichtend macht. Ich meine sogar, dass die extrem technische Spielweise entscheidend zur brutalen Wirkung des Albums beitraegt. Ich schrieb zu Slayer, dass ein mehr an Haerte nicht mehr moeglich ist, weil das technisch nicht mehr zu bewaeltigen ist. Ich wandle ab. Ein Mehr an gefuehlter Harte kann erreicht werden, indem man die Spielweise noch technischer macht. Nachdem nun fast riffartig das Wort 'technisch' fiel, muss betont werden, dass das Mittel zum Zweck ist und das Album in erster Linie auf die niedrigen Instinkte zielt. Da gibt es gleichzeitig was auf die Zwoelf, in die Magengrube und zwischen die grossen Zehen. Aber hinter der massiven, alles zermalmenden Schallwand (man munkelt, die beiden Gitarristen haetten um einen Halbton versetzt gestimmt, um das noch dichter zu machen) findet sich Kunstfertigkeit. Man achte nur mal darauf, wie ueberlegt die komplexen, ultrapraezisen Schlagfiguren in den Hoechsttempo-Passagen gesetzt werden. Die Liedstrukturen sind verwirrend, aber durchdacht. Und was den 'Gesang' angeht: so tief und dabei furchterregend statt laecherlich zu klingen, hat zuvor noch niemand gegrowlt. Das ist definitv nichts fuer Belcantoliebhaber, aber auf seine Weise gekonnt und unerreicht. Auch die Aufnahme- und Produktionstechnik spielt eine wichtige Rolle. 50% der Wirkung dieses wie ein Meteor, der einem auf den Kopf faellt, einschlagenden Albums gehen auf das Konto des legendaeren Produzenten Scott Burns.
Joe Dvorak (19.05.2023, 03:50):


Death - Human (Okt 1991)

Dieses Album erschien am gleichen Tag wie das Langrillen-Debut von Suffocation. Death setzen hier ihren Weg von reinen Death Metal der ersten Stunde zum reinen Progressive Metal ihres letzten Albums fort. Die nur fuer dieses Album bestehende Besetzung ist wahrscheinlich die edelste, die je unter dem Banner Death Metal zusammengekommen ist. Ich kann die Zusammenfassung vom oben besprochenen Vorgaenger Spiritual Healing wiederholen: komplexe Liedaufbauten, nackenbrechende Riffs ohne Ende, abnormale Virtuositaet an den Fellen und Saiten und intelligente -und leider zeitlos aktuelle- Lyrik. Der Unterschied ist, dass auf Human die progressiven Elemente noch mehr herausgestellt werden, die Texte noch gehaltvoller sind (und einer etwas hoeheren Lage vorgetragen werden), aber im Gegenzug die genretypisch finstere und unheilvolle Atmosphaere ziemlich darunter leidet. Der Vorgaenger ist in dieser Hinsicht ausgewogener, aber dieses hier ist aufgrund der nochmal gesteigerten, absoluten Weltklasseleistungen an allen Instrumenten ebenso unverzichtbar.
Joe Dvorak (19.05.2023, 08:32):


Cathedral - Forest of Equilibrium (Dez 1991)

"Also ich mag diese Art von Musik wirklich, aber das ist mir zu viel des Guten." Wann immer ich Aussagen dieser Art mehrfach zu einem Werk aus einem 'extremen' Genre hoere oder lese, werde ich hellhoerig. Ob Free Jazz, Noise, Experimentelle Avantgarde oder Doom Metal – wer innerhalb dieser Genres polarisiert, verspricht zumindest einmal, nicht abgegriffen zu klingen. Chathedral gehoeren zu den festen Groessen des Doom Metal. Ihre Debut-LP ist Doom, der 'zuviel' ist, der dahin zielt, wo es weh tut. Textzeilen wie The Only Pleasure is Pain oder der Liedtitel Reaching Happiness Touching Pain deuten an, dass Schosskinder besser weghoeren, aber das hat nichts mit pseudo-duesterem Gothic-Kram zu tun. Erst wird man von Akustik-Gitarren und Floeten in die Irre gefuehrt, dann tauchen aus dem Untergrund die ersten Riffs auf. Ultratief und langsam, sehr langsam, grotesk langsam geht es zur Sache, die tonnenschweren Akkorde schwingen aus bis zum Drone. Der Saenger klingt wie ein besoffener Titan, der gerade noch irgendwelche Laute herausbekommt. Nach einer gefuehlten Ewigkeit schaut man auf die Trackliste und stellt fest, dass man immer noch beim ersten Lied ist. Dann wird mal kurz das Tempo angezogen und man atmet durch. Verkehrte Welt. Nach 9 Minuten ist es endlich vorrueber, das erste Lied… aber nein, das ist nur ein Trugschluss, der in ein noch langsameres Riff muendet, welches zwei weitere Minuten einleitet. Fies! Die Erleichterung ueber das wirkliche Ende waehrt nur kurz, denn der folgende Titel beginnt noch langsamer. In der Mitte des Albums platzieren sie eine schnelle Nummer, wohlwissend, dass das sonst niemand bis zum Ende durchsteht - aber die dauert nicht mal drei Minuten. Danach wirkt der sehr langsame Funeral Request umso niederschmetternder. Aber wer sich Cathedral nennt, kennt auch so etwas wie Gnade, daher wird die -sehr langsame- Schlussnummer mit einigen kleinen Ohrenkitzlern in Form von Floeten, Akustik-Gitarren und einer Hammond Orgel gelindert. Und man entsteigt diesem Bad aus totaler Vernichtung reingewaschen von allem Uebel und felsenstark wie ein Titan.
Joe Dvorak (20.05.2023, 03:22):


Candlemass - Chapter VI (Mrz 1992)

Es war Candlemass' 1986 erschienenes Debut Epicus Doomicus Metallicus, das schliesslich die Doom-Welle ausgeloest hat und vermutlich auch die Namensgebung des Stils zementierte. Ich bin damit nie recht warm geworden und erst recht nicht mit den Nachfolgealben, die einen neuen Saenger, dessen opernhaft-theatralisches Dauertremolo ich nicht vertrage, in den Mittelpunkt stellten. Fuer das sinnigerweise Chapter VI titulierte fuenfte Album wurde die Position am Mikro wieder neu besetzt - und mit was fuer einem Genius! Um sich der kraftvollen und in grosse Hoehen reichenden Stimme anzupassen, nahm die Band einige Aenderungen am Stil vor und sie wurden vor allem schneller. So schnell, wie es gerade noch opportun ist, um als Doom Metal durchzugehen. Das ist sozusagen das Gegenmittel zum im vorherigen Beitrag besprochenen Album. Das Resultat ueberzeugt mich auf ganzer Linie und sorgt trotz ein paar winzigen Haengern im hinteren Drittel fuer regelmaessigen Hoerzwang.
Joe Dvorak (20.05.2023, 03:47):


Gwar - America must be *** (Mrz 1992)

Ich zensiere das lieber mal, sonst werden der Admin oder ich noch wegen Aufforderung zu einer Straftat oder Schlimmerem mit zwei Monatssaetzen fuer die Staatskasse bedacht. Das geht heute ja schnell...

Ursprünglich als reine Spaßtruppe von frustrierten Kunststudenten gegründet, um die Auswüchse im Metal-Untergrund aufs Korn zu nehmen, mutierten Gwar schnell zum Generalangriff auf den guten Geschmack. Das ist in jeder Beziehung so maßlos übertrieben, dass auch ein Tauber mit Blindenbinde erkennen müsste, dass das eine wirklich jegliche Geschmacksgrenzen negierende, aber für Freunde des abseitig kranken Humors äußerst witzige Satire ist. Die zensurwütigen Sittenwächter hatten freilich keinen Humor und verhalfen der Band mit Auftrittsverboten und Verhaftungen erst richtig zur Popularität.
Rein musikalisch ist das weniger unterirdisch. Gwar haben Punk Rock der alten britischen Schule und Thrash Metal so verschmolzen, dass die Charakteristika von beiden erhalten geblieben sind und dennoch nirgends Naht- oder Bruchstellen zu hören sind. Das beeindruckt und macht Spass.
Joe Dvorak (20.05.2023, 03:52):


Shadow Gallery - Shadow Gallery (Apr 1992)

Noch eine Combo, bei der ich es genau anders herum sehe als es der breite Konsens verheisst. Man sagt, dass die Schattengaleristen zu den Grossen des Progressive-Rock/Metal gehoeren und dass vor allem die Alben Nr. 2 bis 4 Meisterwerke seien. Das titlellose Debut zeige zwar schon vielversprechende Ansaetze und haette grandiose Instrumentalpassagen zu bieten, sei aber insgesamt zu durchwachsen, richtungslos, zu wenig eigenstaendig, das Liedmaterial waere teils profan, die Produktion schwachbruestig und der Mix unausgewogen.

Ich sehe das anders und finde die spaeteren Alben verkopft, schwerfaellig und langatmig. Ich habe noch nie ein Album dieser Band am Stueck ausgesessen und deshalb lange gezoegert, mir das Debut ueberhaupt anzuhoeren. Bis ich die Kritikpunkte gelesen habe, die mich hellhoerig machten. Und was die hellen Ohren dann zu hoeren bekamen, liess mich jubeln. Alles, was an den spaeteren Scheiben nervt, fehlt, alles, was daran gut ist, ist schon vorhanden. Grandiose Instrumentalpassagen: Das kann ich fett unterschreiben. Das ist musikalisches Handwerk der obersten Gueteklasse. Ja, man ist hier noch nicht auf eine Richtung festgelegt. Die Metal-Elemente sind weniger ausgepraegt, Iron Maiden der zweiten 80er-Haelfte standen Pate, dafuer geht es mehr in Richtung AOR (Kansas, Saga) und die Vorbilder der 70er (Genesis, Queen) werden nicht verleugnet. Wenn es mal haerter wird, denkt man an Dream Theaters Debut (das wiederum eine Verbeugung vor Rush ist) und den emotionalen Gesangsstil kennt man von Queensrÿche. Eigenstaendigkeit geht anders - aber das sind doch mal ein paar Hausnummern als Referenzen. Es fuegt sich nicht immer alles ganz nahtlos, aber es macht Spass. Gerade weil die Combo nach den virtuosen Instrumentalabfahrten immer wieder in profanere Gefielde herabsteigt und die Melodien nicht vernachlaessigt, bleibt das bodenstaendig und die Spannung, wie es weiter geht, bleibt bis zum letzten Ton bestehen - auch nach mehrfachem Hoeren. Da ist mir der in der Tat etwas duerftige Klang sowas von schnuppe.
Joe Dvorak (23.05.2023, 04:10):


Psychotic Waltz - Into the Everflow (Nov 1992)

Das Album steht nicht zum Wiederhoeren an, weil es mich jemals vom Hocker gerissen haette, sondern weil ich noch einen letzten Versuch unternehmen will, zu begreifen, warum das -vor allem bei Metalhoerern mit mehr als zwei Gehirnzellen- Kultstatus erlangt hat. Die Idee, Psychedelic Rock und Progressive Metal zu vermengen und hier und da Black Sabbath Referenz zu erweisen, ist gut. Umgesetzt wird das kompositorisch komplex, atmosphaerisch vielschichtig, spieltechnisch brilliant und der untypisch weiche Gesang zieht alle emotionalen Register. Und es ist ein voelliges Durcheinander ohne fuer mich erkennbares Konzept und ohne Linie. Sicher blitzt die vielbeschworene Genialitaet hier und da auf, aber bevor sich Seligkeit einstellen kann, sind sie laengst schon wieder weitergezogen. Inkohaerent und sperrig sind die beiden Attribute, die mir in den Sinn kommen. Auch andere Alben praesentieren anfangs sich so, aber laden dennoch zum Wiederhoeren ein und sind bald geknackt. Aber diese Nuss ist mir zu hart.
Joe Dvorak (23.05.2023, 04:21):


Metal Church - Hanging in the Balance (Okt 1993)

Ein Album hart an der Grenze zur Perfektion. Die im US Power Metal verwurzelten, aber nach allen Seiten offenen Metal-Anbeter, reizen das gesamte Spektrum des Genres jenseits des Mainstream und diesseits des Progressiven und Extremen aus und klingen dabei stets frisch, unvorhersehbar und unverwechselbar. Jedes Lied hat seinen eigenen Charakter und mindestens einen Haken, der haengen bleibt. Dazu gibt es sinnig denkende Texte. Da trete ich gerne ein und lege etwas in die Kollekte.
Joe Dvorak (24.05.2023, 04:04):


Black Sabbath - Cross Purposes (Jan 1994)

Das 17. Sabbath-Album ist das fuenfte auf der Liste und wartet wieder mit einem anderen Saenger auf. Bei den teils mit religioesem Eifer gefuehrten Diskussionen darueber, ob die Gruppe mit Ozzy oder mit Dio als Saenger am besten war, lehne ich mich entspannt zurueck und sage: mit allen Fuenfen. Wie die meisten ihrer Alben seit 1986, ist auch dieses mehr dem Hardrock als dem Metal zugeneigt. Ich goutiere das sehr gerne und mir faellt auf diesem Feld kaum etwas ein, das besser waere. Nach intensivem Wiederhoeren gehe ich sogar so weit, zu sagen, dass mir das hinter dem unschlagbaren Debut (1970) von allen Alben der Sabs am besten gefaellt. Mainstream heisst nicht automatisch minderwertig, schon gar nicht wenn es so perfekt gemacht ist und wenn die Hitnummern nicht banal sind, sondern zwei, drei Durchlaeufe brauchen, bis sie ins Ohr gehen und sich dann umso nachhaltiger verhaken. Das ist eine grandiose, abwechslungsreiche Mischung aus Balladen, Midtempo-Stampfern, Speed-Nummern und doomigen Reminiszensen an die alten Zeiten, die 47 Minuten lang ohne jegliches Fuellmaterial auskommt.
Joe Dvorak (28.05.2023, 02:51):
Black Metal ist ein besonders kontrovers angesehenes Sub-Genre des Metal. Aehnlich wie beim Doom Metal ist die Musik schwer von der Ideologie zu trennen. Die Atmosphaere, die Texte und die Bildersprache drehen sich um das Okkulte und Anti-Christentum, aber auch um Naturmystik, Brauchtum und Heidentum. In einigen Teilen der Szene herrscht ungesundes Nationalbewusstsein in einer fatalen Mischung mit Misanthrophie. Vom restlichen Metal, insbesondere dem Death Metal mit seinen technisch komplizierten Kompositions- und Spielweisen und ausgefeilten Produktionsmethoden grenzt man sich durch Einfachheit und eine bewusste LoFi-Aesthetik ab. Weitere Merkmale sind der ueberwiegende Einsatz von Tremolopicking, ein oft bis an die Grenze zum Weissen Rauschen verzerrter Gitarrenklang und ein typischer Kraechz-Kreisch-Gesang, der bisweilen besonders hasserfuellt klingt. Wie bei allen Subgenres sind das aber nur grobe Orientierungspunkte und ausserdem fand spaeter eine Weiterentwicklung und Oeffnung statt. Daher gilt fuer den Black Metal diesselbe 'Definition' wie fuer den Metal an sich. Wenn es Schwarz ist, dann hoert und weiss man es.

Bei mir ist Black Metal das am wenigsten geliebte Subgenre. Ich bin zwar der Meinung, dass man auch mit maessigem Talent grosse Kunst erschaffen kann, aber der Dilettantismus, der einem hier teils begegnet, geht mir dann doch zu weit. Das erste ‘reine’ Black Metal Album, das titelose Debut von Bathory erschien bereits 1984, lange bevor der Stil etabliert war und wird in Fankreisen kultisch verehrt. Ich verstehe es nicht, fuer mich ist das vom Einfluss abgesehen reines Nasensekret. Zehn Jahre spaeter erschien das hier:



Darkthrone - Transilvanian Hunger (Feb 1994)

Die fruehen 90er waren eine unglueckselige Zeit. Insbesondere in Norwegen nahmen sich die Schwarzmetaller besonders ernst und das entlud sich in Hass und Gewalt, die schliesslich in Morden, Selbstmorden und Kirchenverbrennungen gipfelten. Das fuehrt zwangslaeufig zu der Frage, ob man diese Musik ueberhaupt hoeren 'darf'. Ich verschiebe die Auseinandersetzung auf spaeter, wenn wir zum Album des alleruebelsten dieser Burschen kommen.
Auf Transilvanian Hunger gibt es Black Metal in Reinform mit allen genannten Zutaten. Das ist primitiv komponiert, schludrig ausgefuehrt und unterirdisch schlecht produziert. Aber das wird durch die eiskalte Misantrophie, die einem hier entgegenschlaegt, transzendiert. Nach kurzer Zeit sind die ganzen Unzulaenglichkeiten vergessen und man wird -von freitonalen Endlosriffs, monotonem Schlagzeuggepolter, feindseligem Gekeipfe und einem Kreissaegensound hypnotisiert- hineingezogen in einen Strudel, an dessen Grund das absolut Boese lauert. Weder die anderen Alben der Gruppe, noch die von irgendwelchen schwarzen Zeitgenossen kommen diesbezueglich auch nur in Hoerweite.
Joe Dvorak (29.05.2023, 04:40):


Nevermore - Nevermore (Feb 1995)

Auch wenn drei der Musiker zuvor in einer anderen Band zusammmengespielt hatten, wurde das ein typisches, angeblich 'unausgereiftes' Debutalbum, dessen flacher Produktion das fehlende Budget anhoeren ist. Aber das ist eine echte Frischzellenkur. Hier wird klar, wozu die Schubladisierung in Subgenres gut ist. Der Saenger sagte in einem Interview, dass es zu viele davon gaebe, aber sie seien ein notwendiges Uebel, weil die Hoerer wissen wollen, worauf sie sich einlassen, bevor sie Platten kaufen. Und dann schliesst er an: Aber wenn es wirklich darauf ankommt, ist alles Metal. Und das hoert man hier. Doom, traditioneller Heavy Metal, Thrash, Power, Progressive - es ist alles drin, aber das verschmilzt zu einer ganz eigenen Suppe, die in keine der genannten Kategorien mehr passt: Metal eben. Der Gesang, der emotional immer am Anschlag ist und die Stimmakrobatik wirken ziemlich exaltiert, aber die Stimmfarbe weiss -anders als bei vielen Exzentrikern- zu gefallen. Neben dem Gesang punktet das Lead-Gitarrenspiel, welches Griffbrettakrobatik mit Melodik verbindet und lieddienlich gestaltet wird. Wichtigstes Beweissteuck: Garden of Grey.
Joe Dvorak (30.05.2023, 02:04):


Opeth - Orchid (Mai 1995)

In den 90ern begannen Bands, die Subgenres als Baukastensystem zu nutzen und durch neue Kombinationen aus den engen stilistischen Korsetten auszubrechen, manchmal unter Hereinnahme von aussermetallischen Einfluessen. Ein Paradebeispiel sind die Schweden Opeth, die auf ihrem Debut traditionellen Metal mit Elementen des Death und Black Metal anreichern und mit pyschedelischen Elementen im Stil der fruehen Pink Floyd und folkloristischen Bestandteilen kombinieren. Auf den beiden ersten Titeln, die es zusammen auf 25 Minuten Spielzeit bringen, gelingt es ihnen, das mit einem wahren Feuerwerk an Ideen kohaerent zusammenzufuehren. Nach einem kurzen Zwischenspiel vom Soloklavier, folgt der naechste Dreizehnminueter, der allerdings deutlich abfaellt. Weniger Ideen und weniger Zusammenhang lautet mein Verdikt. Allerdings ginge das noch, wenn sie den ruhigen Ausklang des Stuecks als perfekten Zeitpunkt zum Aufhoeren erkannt haetten. Angesichts der gebotenen Fuelle bin ich nach diesen 40 Minuten 'LP-Laenge' satt und zufrieden. Aber nein, sie mussten noch zwei Langnummern dranklatschen, die ohne grosse Substanz und in sinnloser Patchworkmanier lediglich mehr vom selben bieten und den sublimen Eindruck der ersten Haelfte voellig zerstoeren. Der Fluch der 'ausgenutzen' CD-Laufzeit…
Joe Dvorak (31.05.2023, 04:12):


Gamma Ray - Land of the Free (Mai 1995)

Reiner Power Metal, insbesondere in der europaeischen Auspraegung steht bei mir eher selten auf dem Hoerzettel. Dabei ist das Konzept tragfaehig. Die von der Doppel-Basstrommel angetriebenen, giftigen Hochgeschwindigkeits-Gitarrenriffs, kombiniert mit hymnischer Wohlfuehlmelodik in opulenten Arrangements, mit mehrstimmigem Gesang und reichlichem Tasten- oder gar Orchestereinsatz resultieren in den besten Momenten in einer euphorisierend-aufputschenden Wirkung. Aber leider neigt die Mehrheit der Verteter zur Formelhaftigkeit und reitet auf immergleichen Floskeln herum. Es faellt mir oft nicht leicht, die verschiedenen Lieder auf einem Album, die verschiedenen Alben einer Gruppe und die selbst verschiedenen Gruppen voneinander zu unterscheiden. (Sogar bei den Saengern hat sich ein subgenre-typischer Einheitstyp durchgesetzt: hohe Stimmlage, opernhafte Theatralik und viel Vibrato.) Selbst-, Fremd- und Beinahe-Plagiate gibt es allzuhaeufig und so wird das oft zu einem Ratespiel, wo man das schoen mal gehoert hat. Obendrauf fuehrt der Wille, durch Mitsing-Refrains gute Laune zu verbreiten, allzuoft zu kitschigen Melodien, die bisweilen auf Schlager-Niveau sinken.
Aber es gibt genuegend Ausnahmen und ganz vorne steht das vierte Album der Teutonen Gamma Ray. Sie erfuellen alle Erwartungen, aber brechen immer wieder aus den konventionellen Liedstrukturen aus, streuen auch mal traditionelle Riffs ein, schlagen auch mal etwas harschere Toene an und bleiben bei ihren Kehrversen meist noch auf dem Pfad der Tugend. Die Arrangements mit wohldosiertem Synthesizereinsatz sind ausgefeilt und instrumentale Zwischenspiele perfektionieren den durchdachten Albenfluss. Wenn so viele Ideen vorhanden sind, dann ist auch annaehernd eine Stunde nicht zu lang, sondern wird zu einer echten Sternstunde.
Joe Dvorak (31.05.2023, 12:04):


Kyuss - ...and the Circus Leaves Town (Juli 1995)

Kyuss spielen eine Kombination aus Doom Metal und blues-lastigem Psychedelic Rock, welche von den Marketingstrategen Stoner Metal getauft wurde. Entgegen dem weitverbreiteten Volksglauben hat der Name nichts mit dem Zustand der Protagonisten bei der Komposition oder beim Spielen zu tun, sondern mit dem Ursprung der Szene (Palm Desert; aber die Musik schreit regelrecht heraus, dass eine Prise feines Gruen im Spiel gewesen sein muss). Die fruehen Black Sabbath, vor allem deren drittes Album Master of Reality und noch mehr Budgie auf den ersten vier Alben klingen auch nicht viel anderes und speisen sich aus den gleichen Zutaten. Von daher sind die Stoner letztlich Frueh-70er-Retro-Bands. Das sinnig betitelte Abschieds-Album von Kyuss ist mein Topfavorit unter den nicht wenigen aus dieser skurrilen Ecke gehoerten.
Joe Dvorak (03.06.2023, 04:31):


Burzum - Filosofem (Jan 1996)

Burzum ist ein Einmannprojekt des Norwegers Varg Vickernes. Die Auseinandersetzung mit seiner problematischen Persoenlichkeit habe ich in den Moral-Thread ausgelagert. Was mir an dieser Produktion zuerst auffaellt, ist der fuer ein Black Metal Album ungewoehnlich transparente und trennscharfe Klang, obwohl sie dem Low-Fi-Ideal wie keine zweite entspricht. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Waehrend viele Alben dieser Richtung willkuerlich schaebig klingen, wirkt hier alles durchdacht und ausgekluegelt. Der Gesang wurde ueber ein Piloten-Headset eingespielt, fuer die Gitarrenspur wurde nach Umbauten ein konventioneller Audio-Verstaerker angesteuert, synthetische Klaenge kamen vom Casio und der Rhythmus wurde -statt dilettantisch herumzurumpeln- einem Computer ueberlassen. Das Result kann ich nur als 'hypnotisch' bezeichnen und der Effekt wird potenziert, weil ewig auf ein paar wenigen, kaum variierten -aber genug, um Montonie zu vermeiden- Riffs herumgeritten wird. Die Tempi sind von einem Lied abgesehen langsam, die Atmosphaere bekommt in Verbindung mit dem harschen Klang etwas "Majestaetisches'.
Das Album zerfaellt in zwei Haelften. Nach drei stilistisch eher konventionellen Liedern, kommen im vierten Stueck verstaerkt Ambient-Einfluesse hinzu, worauf eine Nummer anschliesst, die alleine fuer ihren Titel entweder Kult- oder Deppenstatus verdient: Rundtgåing av den transcendentale egenhetens støtte (Rundgang um die transzendentale Säule der Singularität). Das ist ein minimalistischer, auf einem lediglich im Tempo variierten Dreitonmotiv und spaerlichen Klangflaechen vom Synthesizer basierender Primitivismus, der sich alptraumhafte 25 Minuten hinzieht. Obwohl sich kleinste Aenderungen nur im Mehrere-Minuten-Takt vollziehen, "(ist) die Tiefe dieses Tracks bodenlos", wie es ein Freund volltreffend ausdrueckte. Der sechste Track ist identisch mit dem vierten, aber die Ambient-Elemente sind in den Vordergrund gemischt. Es ist erstaunlich, wie geschlossen das als Album funktioniert, obwohl die Titel ueber den Zeitraum von drei Jahren entstanden sind und erst viel spaeter fuer diese Veroeffentlichung zusammengestellt wurden. In der richtigen Stimmung gehoert, wird das zu einem tief hineinziehenden, dunkel-meditativen Trip in voellig fremde Welten.
Joe Dvorak (04.06.2023, 04:34):


Saxon - Unleash the Beast (Mar 1997)

Das ist das 13. Album der Dauerbrenner, die heute noch aktiv sind und in diesem Jahr, in dem Saenger Biff Byford bereits seinen 72. Geburtstag feierte, ihr 24. Studioalbum vorlegten. Die Alben der 90er und 00er sind durchwachsen, aber jedes hat seine Meriten, glaenzt durch Abwechslungsreichtum und ein paar Ueber-Lieder, die den Klassikern aus den fruehen 80ern nicht nachstehen. Es ist eigentlich egal, welches man herauszieht, man macht damit nichts falsch. Allerdings kann ich auch als ergebener Saxon-Fan kaum wegleugnen, dass bald auf jedem Album aus dieser Phase zwei, drei Lieder drauf sind, die den Eindruck erwecken, nur vorhanden zu sein, um Spielzeit zu addieren. Nicht so hier - die entfesselte Bestie zeichnet sich dadurch aus, dass man ohne Fuellmaterial ausgekommen ist. Wenn ich vielseitigen Heavy Metal in Reinstkultur -ohne Ausfluege in extreme oder verkopfte Gefielde- im moderniserten Klanggewand, mit etwas gemaessigteren Tempi und mit einer professionellen Produktion hoeren will, dann ist dieses die allererste Wahl.
Joe Dvorak (05.06.2023, 10:57):


Arcturus - La Masquerade Infernale (Okt 1997)

Wenn ich dieses Album mit einem Wort beschreiben soll, dann waehle ich den englischen Ausdruck weird. Das Woerterbuch liefert unter anderem: bizarr, schraeg, unheimlich, gespenstisch, verschroben, seltsam.
Die Gruppe setzt sich aus Mitgliedern der norwegischen Black Metal Szene zusammen, aber Black Metal ist nur eine Zutat, die unter unzaehlbaren anderen, nicht dem Metal zugehoerigen Genre-Einfluessen vergraben ist und nur hie und da an die Oberflaeche kommt. Das ist ein ekelektischer Mix der aus Gothic, Klassik, ProgRock, Elektro/Dance, Kirmesmusik, Horror-Soundtrack, experimenteller Avantgarde und vielen anderen Quellen schoepft. Die Instrumentierung listet neben der Standardbesetzung (Gesang, Gitarre, Keyboards, E-Bass, Schlagzeug) noch Streichquartett, Kornett, Floete, Karussellorgel, Elektronik und Samples, sowie einen weiteren Saenger (Theatrical Operatic Vocals) auf. Jede Vorstellung, die man sich aufgrund der Stilbeschreibung und der Instrumentierung macht, kann man gleich wieder vergessen. Harte Schnitte und chaotische Kontraste gibt es selten. Es sind meist mehrere Schichten gleichzeitig vorhanden, sie kommen und gehen, scheinen machmal nur vage miteinander koordiniert und nur selten spielt eine so im Vordergrund, dass man zielgenau beschreiben koennte, was man da gerade hoert. Die Resultierende mit Etiketten wie 'Progressive Symphonic Avantgarde Black Metal' zu versehen, greift zu kurz und daneben. Die Musik wirkt im Zusammenklang bisweilen grotesk, aber im Hintereinandererklang ergeben sich stimmig und zwingend aufgebaute, wenig verkopfte, 'gute' Lieder mit Wiederhoeren-Zwang. Bizarre Stilmixe kann jeder produzieren, aber das ermuedungsfrei in einer relativ 'zugaenglichen' Art und Weise in ein stringentes, emotional gleichsam packendes wie verstoerendes Album zu giessen, ist sensationell. Als Resultat kann ein Connaisseur, der weird-theatralische Musik goutieren kann, den Soundtrack zu einem Karneval in der Hoelle erleben.
Joe Dvorak (06.06.2023, 03:36):
Mitte der 90er vermischten Bands Elemente des Death, Thrash und traditionellen Heavy Metal zu einer neuartigen Legierung. Der Klang und der Stil waren so charakteristisch und wurden so oft kopiert, dass sich ein eigenes Subgenre etablierte. Das finde ich spannend. Obwohl sich der Thrash aus dem Heavy und der Death aus dem Thrash Metal herausentwicklten, wurden sie so eigenstaendig, dass man sie wiederum zu etwas distinktiv Neuem verschmelzen konnte. An dieser Stelle verteidige ich noch ein letztes Mal die Feinschubladisierung. Ohne die genannten Subgenres wuerde die Charakterisierung des Stils so aussehen: Hardrock mit Punk-Einfluessen ohne Blues und Rock’n’Roll, gemischt mit schnellem, riffbetonten, perkussivem Hardrock mit Hardcore-Punk-Einfluessen, versehen mit guturalem Gesang, Blastbeats und nicht-linearen Songstrukturen. Das kann man machen und es sagt dem im Metal weniger versierten Musikfreund vielleicht sogar mehr, aber macht eine Unterhaltung ueber Stile doch ein wenig muehsam. Gothenburg Metal (benannt nach der Stadt, in der der Stil entstand und explodierte) oder spaeter Melodic Death Metal (nachdem der Stil sich ausbreitete) sind da etwas griffiger und der versierte Metalfreund hat sofort den Sound im Ohr. Wenn nun eine Band daher kommt und diesen Stil mit Neoklassischem Power Metal mischt, dann ist man ohne verfeinerte Subgenre-Definitionen endgueltig aufgeschmissen. Das bringt mich zu der Platte, um die es hier gehen soll.



Children of Bodom - Something Wild (Nov 1997)

Der Titel ist Programm. Das Debut ist ein wilder Ritt einer Gruppe von hochtalentierten Teenagern, die ihr grosses technisches Koennen noch nicht in stringente Songstrukturen packen, sondern wie entkettete Tiger drauflosspielen, dass einem schier schwindelig wird. Uber die stilisitsche Einordnung kann man lebhaft streiten. Neoklassische Elemente und oppulenter Keyboard-Einsatz (inklusive Cembalo) deuten auf Power Metal, aber die teils thrashigen Riffs und der guturale Gesang sprechen eine andere Sprache. Man hat aber nicht den Eindruck, das hier ein Stilmix versucht wurde, sondern das Quintett spielte einfach das, was es im Sinn hatte und manchmal findet man bei Besprechungen schlicht die Einordnung "Children of Bodom Metal". Und sie spielen wirklich verdammt gut und bei aller Wildheit wirkt es immer souveraen. Auf den nachfolgenden Alben der Finnen ist das fraglos ausgereifter komponiert und besser produziert, aber eben nicht mehr so wild.
Joe Dvorak (08.06.2023, 04:24):


Paysage d'Hiver - Steineiche (Jan 1998)

Paysage d'Hiver (frz. f. Winterlandschaft) ist ein Einmannprojekt des Schweizers 'Wintherr' und die Thematik kreist wenig ueberraschend um den Winter. Seine Geschichte des einsamen Wanderers durch die feindselige Kaelte einer fremden Winterwelt hat mittlerweile fast Ring-Dimensionen angenommen und ein Alles-am-Stueck-Hoerprojekt ist fest eingeplant. Steineiche ist das Debut-Album und der Auftakt der Reihe. Die 'Band' spielt Black Metal in seiner rohesten Form und mischt das mit keyboardlastiger Ambient Musik. Manche Alben gehoeren vollstaendig zum einen oder zum anderen Stil, auf Steineiche ist es ausgewogen gemischt, oder genauer gesagt gleitet es vom einen zum anderen.
Was sofort ins Ohr sticht, ist der Klang. Mittelwellenradio ist dagegen High End. Wenn man genau hinhoert, identifziert man beim ruhigen Auftakt das schabende Geraeusch im Hintergrund als Stimme. Und dann fegt auch schon der Blizzard ueber einen hinweg. Man kann zwar Gitarren, Synthesizer und ein Schlagzeug ausmachen, aber das ist alles so verzerrt und frequenzbeschnitten, dass man vermeintlich nur eine fette Wand von Weissem Rauschen wahrnimmt - wie wenn man im Auge des Eis-Sturms steht und Geraeusche von draussen nur vage hereindringen. Wenn man -weiter- genau hinhoert, erkennt man, dass ein Teil der Rauschfahne von der Stimme erzeugt wird. Das Klanggebraeu erinnert an Laptop-Noise-Artisten wie Merzbow und weil ich mir das einmal pro Schaltjahreszyklus ganz gerne gebe, finde ich mich schnell in der Klangwelt der Steineiche zurecht. Und ist man erst mal drin, dann gibt es dort allerlei Ungehoerliches zu entdecken und es faengt an, unerbittlichen Sinn zu ergeben. Die drei Lieder mit den Titeln Die Baumfrau, Der Baummann & Der Baum bringen es auf ueber eine Stunde Spielzeit und keine repetitive Minute davon ist zuviel. Der Albenfluss bewegt sich von rasendem, bewusst primitvem Raw Black Metal, ueber langsameren Doom-lastigen Ambient Black Metal, hin zum reinen Ambient der letzten 25 Minuten. Wintherrs Gesang schreitet parallel vom inhumanen Schreien -wie von einer bestialisch misshandelten Kreatur- ueber Growling bis hin zum Fluestern, ist aber immer sehr weit in den Hintergrund gemischt und wirkt wie ein weiteres Instrument im undurchdringlichen Mix. An einer Stelle verstummt die Musik fast voellig und es bleibt nur noch das Fluestern uebrig - das ist das einzige mal, dass man etwas von den poetischen Texten versteht: zwischen Mitternacht und Morgengrauen bin ganz stolz des Stammes und Aufschrei in Feuer und Brandung und Sturm und lausche in den Anfang der Sterne. Ein ganz Grosser Moment. Die ausserweltliche Atmosphaere, die auf Der Baum herrscht, entzieht sich jeglicher Beschreibung mit Worten, aber stellt sich erst im Verbund mit den vorhergehenden Titeln ein. Das Album muss am Stueck gehoert werden, den 'Laerm' davor zu ueberspringen funktioniert nicht.
Ich stelle fest, dass ich zu jedem geliebten Black Metal Album schreiben will, dass man davon wie hypnotisiert in eine voellig fremde Welt hineingezogen wird. Das ist fuer mich die Trennlinie. Black Metal, der das nicht schafft, ist fuer mich unanhoerbar. Aber wehe es rastet ein, dann gibt es Tiefen zu ergruenden, die anders nicht erreichbar sind und das Bewusstssein auf eine vorher nicht fuer moeglich gehaltene Art und Weise bereichern.
Joe Dvorak (09.06.2023, 04:08):
Progressive Rock ist Rockmusik, die sich durch relativ komplexe Phrasierungen und Improvisationen auszeichnet und für ein musikalisch anspruchsvolles Publikum gedacht ist (Progressive Rock Definition & Meaning - Merriam-Webster). Das Tempo, die Taktart und der Stil koennen sich in einem einzigen Song mehrmals aendern. Erkennungsmerkmale koennen Eklektizismus (Klassik-, Jazz-, Folk- Weltmusik), formale, rhythmische und harmonische Komplexitaet, instrumentale Virtuositaet und aufwendige Arrangements mit vielen Tasten- oder rockuntypischen Instrumenten sein. Wenn Metal-Riffs die tragende Saeule all dessen sind, dann ergibt das Progressive Metal oder kurz Progmetal.



Symphony X - Twilight in Olympus (Mrz 1998)

Zu den herausragenden Vertretern des Progmetal gehoeren Symphony X. Das dritte Album mit dem ueberragenden, auf Holsts Mars basierenden Titelsong The Divine Wings of Tragedy (1996) taucht in den Polls regelmaessig auf den vordersten Plaetzen auf. Mir gefaellt der Nachfolger noch besser, weil er etwas weniger druckvoll und dafuer waermer produziert ist und die etwas zurueckgenommene Haerte dem Gebotenen noch besser zu Gehoer steht. Die Laengen, die man auf dem Vorgaenger aussitzen muss, bevor man den spaeten Gipfelpunkt erreicht, fehlen hier voellig. Das Album ist kuerzer und man hat die -wieder ueberragende- Langnummer Through the Looking Glass nicht ans Ende, sondern in die Mitte platziert. Das ist einfach bester Stoff, veredelt mit variablem Gesang in der Dio-Tradition, neoklassischen Duellen zwischen Tasteninstrumenten und Gitarre und mit gaensehautinduzierenden Chorrefrains. Besser geht es nicht.
Joe Dvorak (11.06.2023, 02:48):


Nile - Amongst the Catacombs of Nephren-Ka (Apr 1998)

Nile spielen die brutale, von Suffocation etablierte Variante des Death Metal und reichern sie mit orientalischen Einfluessen an. Das Trio setzt neben den ueblichen Kracherzeugern (Gitarre, Bass, Schlagzeug) auch Samples, Synthesizer und reichlich Perkussion ein. Ein paar Moenche singen auch mal mit und es gibt Gastmusiker mit besonders delikaten Instrumenten: Die Thöpa Damaru, eine aus menschlichen Schaedeln (einer weiblich, einer maennlich) angefertigte, doppelseite Trommel und die Kangling, ein aus menschlichen Oberschenkeln gewerkeltes Blasinstrument. Die Frage lautet: Gimmick oder Bereicherung? Fuer mich ist es klar das letztere. Es bleibt im Kern ein durch und durch extremes Todesblei-Album und die zusaetzlichen Elemente nehmen nichts von der Brutalitaet weg, sondern sorgen fuer willkommene Abwechslung. Nile haben hier ein Alleinstellungsmerkmal, das mich immer wieder gerne zu ihnen zurueckkehren laesst.
(Auch hier begegnet man Holsts Mars (aus den Planeten, op. 32), wie schon auf gefuehlt hunderten von Alben zuvor. Der Englaender darf mit Fug und Recht als Godfather of Metal gefeiert werden.)
Joe Dvorak (14.06.2023, 03:20):


Dream Theater - Metropolis Part 2: Scenes from a Memory (Okt 1999)

Das gilt im breiten Konsens als Hoehepunkt des Progmetal und machte Dream Theater auch ausserhalb von Metal-Kreisen bekannt. Ich mochte es frueher mal sehr und hatte weitere Alben der Band im Regal stehen, aber mittlerweile sind sie durch mein Hoerraster gefallen und daran hat das gestrige Wiederhoeren nichts geaendert. (Das fuer die Gruppe untypische Debut-Album ist davon nachdruecklich ausgenommen.)

Das Album erzählt eine etwas krude Geschichte in sieben Szenen und glänzt mit einer Mischung aus ausgefeilten Songstrukturen, technischer Meisterschaft, eingängiger Melodik und gesunder Härte. Die metrisch hochkomplexen und ultravirtuosen Instrumentalabschnitte sind organisch in den Fluss eingewoben. Objektiv gibt es wenig auszusetzen, nur wirkt das Ganze etwas distanziert. Für mich hört sich das wie ein Progressive-Rock-Album an, auf dem es auch Metal-Riffs gibt. Und damit konkurriert es mit dem genannten Genre, das eine reiche Auswahl an Alben bietet, mit denen man sich 77 Minuten lohnender vertreiben kann.

Ich setze das kursiv, weil es nicht allein von mir stammt, sondern von einer dieser neumodischen AI-Hilfen (DeepL Write) unterstuetzt wurde. Ich habe meine Gedanken ohne Beachtung von Stil, Rechtschreibung, Zeichensetzung und Satzstellung innerhalb von einer Minute reingehackt und erhielt das in -soweit ich das beurteilen kann- ordentlichem Deutsch als Resultat. Spooky and Scary.

Spooky ist auch die Geschichte um die anschliessende Tournee. Auf dieser Tour wurde ein Konzert in New York komplett mitgeschnitten und als Live Scenes from New York veroeffentlicht. Auf dem Original-Cover war die Skyline von New York in Flammen gehuellt zu sehen. Verkaufsstart: 11. September 2001. Es wurde am gleichen Tag wieder aus den Regalen entfernt.
Joe Dvorak (14.06.2023, 06:14):


Ayreon - The Universal Migrator Pt. II: Flight of the Migrator (Juli 2000)

Neoklassischer Progmetal mit soviel Kitsch und Bombast (satte symphonische Tastenarrangements, hymnische Choere), dass es schon wieder Spass macht. Als alter Hawkwind-Fan hoere ich dazu nicht nur wegen der Science Fiction-Thematik etwelche Space Rock-Einfluesse heraus. In der Tat hat der Kopf hinter dem Ayreon-Projekt, Arjen Anthony Lucassen zwei Jahre spaeter mit seinem Projekt Star One ein Album namens Space Metal herausgebracht und der auf der Bonus-CD ein Hawkwind-Medley zum Besten gegeben. Den Migrator II (es gibt auch einen Pt. I, aber der ist komplett frei von Metal) finde ich allerdings klar besser, nicht zuletzt wegen des Staraufgebots an Saengern, die hier zu horen sind. Russell Allen (Symphony X) und Bruce Dickinson (Iron Maiden) sind die Hoechstkaraeter unter den Hochkaraetern und deren Beitraege sind auch auf den beiden besten Liedern des Albums verewigt. Grosses Popcorn-Blockbuster-Ohrenkino.
Joe Dvorak (15.06.2023, 09:15):


Halford - Resurrection (Aug 2000)

Mainstream ist im Metal kein negativ besetzter Begriff, außer bei einigen Kult-Kiddies, die nur extremste Sub-Subgenres hören, sondern steht für den traditionellen Metal, wie er vor allem in England vor der Aufsplitterung in verschiedene Subgenres gespielt wurde. Das ist nicht gleichzusetzen mit Retro (diese Welle kam erst später auf), denn die Bands gehen klanglich mit der Zeit und lassen hier und da Elemente der anderen Stile einfließen. Im Kern bleiben sie aber eindeutig dem Mainstream verhaftet.
Nach der Trennung von Judas Priest und einigen Experimenten legte der Sänger Rob Halford mit seiner nach ihm benannten Band das treffend betitelte Album Resurrection vor, das in der innersten Mitte des Mainstreams anzusiedeln ist. Heavy Metal pur. Und bei aller Freude an den extremen und progressiven Spielarten ist mir der traditionelle Metal immer noch am liebsten. In gewisser Weise ist es auch die schwierigste Stilrichtung, weil man mäßige Riffs und fade Melodien nicht hinter massiven Klanggewittern, ausgefeilten Arrangements oder spieltechnischen Demonstrationen verstecken kann. Und Halford haben sehr gute, wenn auch keine bahnbrechenden Riffs und eingängige, aber nicht banale Melodien mit Langzeitwirkung. Über die gesanglichen Qualitäten braucht man keine Worte zu verlieren (schon gar nicht wenn Bruce Dickinson auf einem Titel einen Gastauftritt hat), und dass die Soli der beiden Gitarristen nicht ganz das Niveau des Weltklasseduos von Robs alter Band erreichen, stört nicht weiter. Das Album gibt mir einfach einen Energieschub und dieses enthusiastische innere Gefühl, das von den Eingeweiden ins Gesicht zieht und dort ein fettes Grinsen einmeißelt, wie es nur gute Musik zu tun vermag.
Joe Dvorak (15.06.2023, 10:56):


Rhapsody - Dawn of Victory (Okt 2000)

Ich zitiere, was ich schon vor Jahren zu dieser völlig over the top agierenden Combo schrieb:
"Der europäische Powermetal ist eine 'helle', freundlichere Variante des Speed Metal. Von diesem Subgenre wurden die Hochgeschwindigkeit, die fast permanent gehämmerte Doppel-Basstrommel, die komplexen und verschachtelten Songaufbauten, sowie die technisch anspruchsvollen, ausufernden Instrumentalsoli übernommen. Aber in den Lead-Parts und beim Gesang wird sehr stark auf eingängige Melodik gesetzt. Dazu kommen epische Parts mit orchestralen und choralen Einsprengseln und ein theatralisch anmutender Gesangsstil.
Besonders bunt treiben es Rhapsody. Hemmungslos packen sie Klassik und Hollywood-Soundtracks ins Speed Metal Gewand, fahren Opernsängerinnen, Chöre, Orchester und Barock-Ensembles auf und schaffen ein schwer verdauliches bombastisches Soundspektakel. Die Grenze zum puren Kitsch ist hier allgegenwärtig, aber es macht einfach Spass."

Dawn of Victory ist noch das gemäßigteste Album der Italiener. Es ist nicht ganz so furchtbar überproduziert (aber immer noch schlimm) und bietet Überraschungsmomente mit Einlagen von Soloklavier und Solovioline. Dennoch bleibt es nicht zuletzt wegen der kinderliedartigen Gute-Laune-Refrains so weit jenseits des guten Geschmacks, dass es schon wieder Kunst ist - das muss man auch erst mal hinbekommen.
Joe Dvorak (16.06.2023, 01:54):


Threshold - Hypothetical (Mrz 2001)

Das Problem, das ich mit vielen Progressive Metal-Bands habe: Sie klingen für mich wie eine etwas schlechtere Kopie von Dream Theater. Es gibt Ausnahmen und Threshold werden von ihren Fans dazugerechnet. Für mich ist das nicht nachvollziehbar. Wem in den ersten 2 Minuten des besprochenen Albums nicht mindestens 3 Songs von Dream Theater in den Sinn kommen, der hat sich noch nicht genug mit ihnen beschäftigt. Es gibt weniger demonstrative Zurschaustellung von Virtuosität und ein Hang zu hymnischen Chorrefrains - nicht so einnehmend wie bei Symphony X und nicht so käsig wie bei Rhapsody, sondern eher in Richtung US-Stadionrock (obwohl sie Briten sind). Auch bei diesem Album habe ich das Gefühl, dass es mehr dem Progressive Rock huldigt und die Metal-Riffs nur eine Beigabe sind. Das ist weder Forelle noch Schwein und will mich (heute) einfach nicht (mehr) packen. Gepflegte Unterhaltung auf allerhöchstem Niveau - zum Gähnen.
Joe Dvorak (16.06.2023, 02:12):


Steel Prophet - Book of the Dead (Mai 2001)

Manchmal ist es besser, nicht mit aller Gewalt unverwechselbar sein zu wollen, sondern das, was andere schon gemacht haben, ebenso gut oder vielleicht sogar ein wenig besser zu machen. (Joe Dvorak - nur gueltig fuer Joes Welt)

Ein Beispiel für diesen platten Satz ist das sechste Album der US-Powermetaller Steel Prophet. Die Vorgängeralben waren progressiver und eigenständiger, aber sehr durchwachsen in der Qualität. Hier beschränken sie sich ganz auf die Lehrbuecher von Iron Maiden und von Dio und mixen das Beste dieser Welten zu einem makelosen Album, bei dem alles stimmt. Riffs, Leads, Hooks: alles hat man so oder so ähnlich schon mal gehört - aber nicht besser. Das sind 40 das Metallerherz befriedigende Minuten ohne Haken und Ösen.
Joe Dvorak (16.06.2023, 02:22):


Burning Point - Salvation by Fire (Nov 2001)

Die Finnen spielen auf ihrem Debut melodischen Speed/Power Metal, wie er von dutzenden anderen, vor allem deutschen und skandinavischen Bands um diese Zeit herum gespielt wurde. Doppel-Basstrommel-Gekicke, Stakkato-Riffs, kraftvoller Gesang mit viel Vibrato, hochvirtuose Gitarrensoli. Bei Burning Points Debut gibt es nichts gewollt Bahnbrechendes oder Erfindungsreiches, keine Riffs oder Melodien, die man nicht schon mal so oder so ähnlich gehört hat. Sie verzichten auf ausgefeilte Arrangements, aber auch auf allen Firlefanz und Bombast und bieten 'nur' sehr gut gemachtes Handwerk für Genrefans. Und dass reicht völlig aus, nein, das macht es gerade aus.
Joe Dvorak (16.06.2023, 03:02):


Green Carnation - Light of Day, Day of Darkness (Nov 2001)

Ein einziger Song mit einer Spieldauer von 60 Minuten, neben der Metal-Standardbesetzung (Gesang, 2 Gitarren, Bass, Schlagzeug) ein Keyboarder, der auch Sitar spielt und sich um Streicher- & Chorarrangements kümmert, ein weiterer Arrangeur für Streicher, ein Saxophon, vier Gastsänger, darunter eine Frau, ein Kind & einer der Herren ist für "Screams" zuständig. Das kann nicht gut gehen, sollte man meinen. Geht es aber. Der ganze Aufwand wirkt nie gezwungen oder vordergründig und die verschiedenen Elemente sind diskret integriert. Es ergibt sich eine dunkle Atmosphäre, wie sie dem Doom Metal und dem Black Metal zu eigen ist, ohne dass man mit den musikalischen Extremen dieser Stile konfroniert wird. Das trägt dazu bei, dass dieses weitgehend auf Black-Sabbath-Gedächtnisriffs basierende Stück als echtes und eigenständiges Kunstwerk dasteht.
Joe Dvorak (28.06.2023, 08:09):


King's X - Please Come Home...Mr. Bulbous (Nov 2001)

Das Power-Trio King's X sitzt mit seiner einzigartigen Mischung aus funkigen Grooves, kernigen Hardrock-Riffs, Hendrix-inspiriertem Gitarrenspiel, psychedelischem Gewabere und einer Pop-Sensibilität mit Vorliebe für Gesangsharmonien aus den 60er Jahren zwischen allen Stühlen. Bei mir haben die "Beatles-Metaller" noch nie richtig gezündet - von einer ganz grossen Ausnahme abgesehen. Das von den Kritikern und der kleinen Schar an Fans am wenigsten geliebte Album mit dem merkwürdigen Titel ist Dauergast in meinem Schallfeld. Das liegt vor allem an der Produktion: Statt der üblichen breiigen Wall-of-Sound gibt es hier einen staubtrockenen Klang mit sauberer Instrumententrennung, vor allem das Schlagzeug steht wie gemeißelt im Raum. Das Bassfundament ist unglaublich tief und verleiht den Riffs eine Schwere, wie man sie eher aus dem Doom Metal kennt. Die Stücke sind eher ruhig und die Tempi im langsamen bis mittleren Bereich, dafür kommen die seltenen, aber tonnenschweren Riffs umso heftiger zur Geltung. Dieser Kontrast ist sehr effektvoll, aber nicht effekthascherisch und begeistert mich im Verbund mit den teils surrealen, des Nach-Denkens werten Texten immer wieder aufs Neue.
Joe Dvorak (01.07.2023, 04:22):


The Jelly Jam - The Jelly Jam (Mrz 2002)

Wie King's X ist Jelly Jam ein Power-Trio (Gitarre & Gesang, E-Bass, Schlagzeug) und die beiden Bands teilen sich den Gitarristen Ty Tabor, der auch die Produktion übernommen hat. So unterscheidet sich das Album nicht allzu sehr von denen, die er mit seiner Stammband gemacht hat - vor allem die Ähnlichkeit einiger Melodielinien mit dem oben besprochenen, kurz zuvor erschienenen Bulbous-Album ist unüberhörbar. The Jelly Jam sind verspielter, jam-orientierter (ja, klar), die Musiker stellen ihr Können mehr heraus, aber es bleibt im Großen und Ganzen ein songorientiertes Album. Mit von der Partie sind der Bassist der Progmetal-Giganten Dream Theater und der Ex-Schlagzeuger der Dixi Dregs, die mit ihrer Mischung aus virtuoser Jazz-Rock-Fusion und Country-Folk bekannt geworden sind. Da ist zwangsläufig alles im tiefgrünen Bereich.
Joe Dvorak (03.07.2023, 15:52):


Virtuocity - Secret Visions (Mai 2002)

Ein solcher Name verpflichtet und die Finnen erfüllen alle Erwartungen oder Befürchtungen - je nachdem, ob man bei der demonstrativen Zurschaustellung abartiger Virtuosität in Jubel ausbricht oder das Ganze als sinnloses und prätentiöses Palmenschütteln abtut. Gleich im Opener werden einem von Gitarre und Keyboard unbegleitete Unisono-Läufe, die sich eines der 24 Paganini-Capricii bedienen, um die Ohren gehauen. Hier wird neoklassischer Metal in Reinkultur geboten und Kapellen aus dieser Ecke gibt es viele. Aber Virtuocity machen beim nächsten Titel klar, dass man es nicht, wie leider allzu oft, mit minderwertigem Liedmaterial zu tun hat, das nur als Vorwand für die virtuosen Showeinlagen dient. Nicht, dass es die nicht im Überfluss gäbe, aber sie sind verpackt in Songs, die auch für sich bestehen können. Ein großer Pluspunkt ist der Sänger, der sich mit seiner angenehm rauen, kraftvollen Stimme, die nur bei dramaturgischer Notwendigkeit in die Höhe geht, wohltuend von manchen trällernden Genrekollegen abhebt. Wie schon das Cover verrät, fehlen auch orientalische Anleihen nicht. Das alles mag nicht besonders originell sein, aber überzeugender habe ich es noch nicht gehört. Natürlich gibt es auch etwas zu meckern. Dass man die beiden recht ähnlichen Halbballaden in der Titelfolge hintereinander gesetzt hat, nimmt im Mittelteil des Albums doch etwas das Momentum heraus, und dass bei zwei der zehn Titel (unter anderem dem ersten - was einen falschen Eindruck gibt) ein etwas schwächerer Alternativsänger als Gaststar agiert, verstehe, wer will. Aber das kann den hervorragenden Gesamteindruck dieses Albums nicht schmälern. Wenn es irgendwo da draussen ein besseres Album mit neoklassischem Metal geben sollte, dann habe ich es noch nicht gehört.
Joe Dvorak (08.07.2023, 10:17):


Vomitory - Blood Rapture (Mai 2002)

Dies ist mein meistgehörtes und geliebtes Death Metal Album. Es ist genrebezogen total mittelmäßig. Die Instrumente sind tiefer gestimmt, aber nicht zu tief. Das Growling ist tief und knurrend, aber die Texte bleiben noch verständlich. Die Songstrukturen sind nichtlinear, aber nicht chaotisch. Die Tempi sind variabel, vermeiden aber Extreme. Für das Genre ist es relativ melodisch, bleibt aber der alten Schule treu. Spieltechnisch ist das sauber gemacht, aber ohne auch nur einen Anflug von technisch-progressivem Gehabe. Die Produktion ist gerade noch so schmierig, wie es die alten Schweden vormachten, hat aber eine moderne, druckvolle Schlagseite. 33 Minuten Mittelmaß auf der ganzen Linie und gerade deshalb fast perfekt.
Joe Dvorak (09.07.2023, 07:41):


Negură Bunget - 'n crugu bradului (Okt 2002)

Die Rumänen Negură Bunget begannen als reine Black-Metal-Band und integrierten nach und nach Elemente und Instrumente der traditionellen transsilvanischen Volksmusik sowie Ambient-Passagen in ihre Musik. Auf diesem, ihrem dritten Album, wirkt das manchmal noch unausgereift und hier und da sogar dilettantisch, aber die umklammernde Atmosphäre ist einzigartig und lässt viele Kritiker unbeholfen zu Attributen wie magisch, mystisch oder spirituell greifen. Ich bekomme beim Hören immer Lust, die Gegend zu besuchen. Spätere Alben sind handwerklich deutlich besser und hinsichtlich der drei Grundelemente ausgewogener, können aber die hier erlebbare atmosphärische Dichte nicht mehr ganz erreichen.
Joe Dvorak (10.07.2023, 02:05):


Shining - III: Angst Självdestruktivitetens Emissarie (Okt 2002)

Dafür, dass ich geschrieben habe, dass ich Black Metal am wenigsten mag, haben es dann doch eine ganze Menge Alben auf die Unbedingt-Wiederhören-Liste geschafft. Angst erschien in derselben Woche wie das eins weiter oben besprochene Album und ist ebenfalls der dritte Langspieler der Band. Auch die Schweden Shining (oft verwechselt mit der norwegischen Band gleichen Namens) haben als reine Black Metal-Gruppe begonnen und auch sie intergrierten auf ihrem Drittling neue Stilelemente. Hier sind es Einfluesse des Progmetals, die das zu etwas Besonderem machen, aber auch in diesem Fall ist das noch recht amateurhaft und nicht so ausgereift wie auf späteren Alben. Deshalb steht auch dieses Album auch nicht wegen seiner "Qualität" hier, sondern wegen seiner Atmosphäre, die in diesem Fall allerdings keinen Mystizismus vermittelt, sondern einen recht authentisch wirkenden depressiv-suizidalen Charakter hat. Dazu trägt vor allem der Saenger und musikalische Kopf bei, der auch im realen Leben ein Fall für die Klapse ist. Über die selbstzerstörerischen Botschaften und das Auftreten der Band gibt es noch mehr zu sagen, aber das hebe ich mir für die "besseren", später zu besprechenden Alben auf.
Joe Dvorak (17.07.2023, 12:13):


Insania (Stockholm) - Fantasy, a new Dimension (Feb 2003)

Dafür, dass ich geschrieben habe, dass reiner Power Metal, insbesondere in der europäischen Ausprägung bei mir eher selten auf dem Hörzettel steht, haben es dann doch eine ganze Menge Alben auf die Unbedingt-Wiederhören-Liste geschafft. Und angesichts meiner Kritik an der Formelhaftigkeit, der Vorhersehbarkeit und dem Plagiarismus des Subgenres scheint die Listung dieses Album unerklärlich. Insania machen puren Powermetal, wie er klischeehafter nicht sein könnte und weichen keinen Nanometer von den ausgetretenen Pfaden ab. Dass sie mit diesem Album trotzdem mein Favorit in diesem Genre sind, liegt daran, dass ich sie vor allen anderen Bands gehört habe, denen sie allzu deutlich nacheifern. Und auch wenn im historischen Kontext der Originalitätsfaktor exakt bei 0,00% liegt, machen sie das, was sie tun, so gut, wie es besser nicht geht. Vor allem der Mittelteil des Albums mit den beiden langen Songs, in deren instrumentalen Mittelteilen sich die beiden Gitarristen und der Keyboarder ausgiebig solistisch austoben dürfen, ist vom Feinsten. Auch die teilweise ungewöhnlich tiefgründigen, bald philosophischen Texte können sich hören lassen. Kritik gibt es wieder einmal an der Länge des Albums. Wenn man sich auf die Fahne schreibt, ohne jegliche stilistische Variation auszukommen, dann sollte man das nicht über eine Stunde strapazieren. Zwei, drei Lieder weglassen und den dritten Longsong - mit dem jedes Mal Ganzkörper-Gänsehaut verursachenden Leadgitarreneinsatz um die fünfeinhalb Minuten-Marke herum - ans Ende stellen ... und fertig wäre ein Fall für die Allzeit-Top-10.
Joe Dvorak (18.07.2023, 12:03):


Amorphis - Far from the Sun (Mai 2003)

“If you’re interested in Finnish metal, then you should definitely check out Sibelius. His style has influenced all Finnish music – metal especially, because it’s very harmonic and has a National Romantic side to it. Metal and classical are actually quite close. Sibelius used a lot of influences from old Karelian folklore and Kalevala in his work. So do Finnish metal bands like Amorphis." Lauri Porra (Ur-Enkel von Sibelius und Bassist von Stratovarius)

Die Finnen sind wohl das verrückteste Metal-Volk der Welt. Platten aus diesem Genre -auch aus den extremeren Ecken- landen dort regelmäßig auf den vorderen Plätzen der Charts. Amporhis konnten sich mit diesem Album sogar an die Spitze setzen. Sie begannen als Death Metal-Band, die ihren Sound mit Einflüssen aus Folk und Progressive Rock, später auch mit Jazz anreicherte. Mit ihrem sechsten Album hatten sie sich komplett von ihren Wurzeln entfernt, und auch die genannten Einflüsse waren nur noch vereinzelt vorhanden. Was blieb, war die morbide Atmosphäre des Todesbleis und die psychedelische Atmosphäre der Spät-60er/Früh-70er Jahre auf einem ansonsten recht mainstreamigen Rock-Album. Die Mitte muss nicht immer schlecht sein, Massenkompatibilität (besonders in Finnland) auch nicht. So taucht das viel und gerne gehörte Album auch in meinen persönlichen Charts recht weit vorne auf.
Joe Dvorak (19.07.2023, 01:28):


Necrophagist - Epitaph (Mrz 2004)

Die Protagonisten des Technical Death Metal haben meine Bewunderung nicht so sehr für ihre Fähigkeit, die absurde kompositorische Komplexität und die überwältigenden spieltechnischen Anforderungen dieser Musik zu meistern, als vielmehr für die Tatsache, dass sie ihr überreiches Talent und Tausende von Übungsstunden in einen Bereich investieren, in dem es völlig aussichtslos ist, mehr als eine Handvoll Leute zu erreichen. Die kleine Zuhörerschar, die das goutiert, kann daher sicher sein, dass sie es mit höchster künstlerischer Integrität zu tun hat. Und das hört man (lies: ich meine es zu hören) in jeder Sekunde dieser 33-minütigen Präsentation der Großmeister des Sub-Subgenres. Das ist Hirn-, Griffbrett- und Stabakrobatik auf einem so grotesk hohen technischen Level, dass es bald klinisch-abstrakt wirkt. Das ist nicht negativ gemeint, sondern unterstreicht, dass die Karlsruher ganz große Kunst bieten, die eben nicht nur unterhalten, sondern auch herausfordern will.
Joe Dvorak (19.07.2023, 09:06):


Spastic Ink - Ink Complete (Aug 1997)

Der kleine Zeitsprung rührt daher, dass die Band zwei Alben mit ähnlichem Titel gemacht hat und ich beim Erstellen der Liste das Veröffentlichungsdatum des falschen nachgeschlagen habe. Wie auch immer, die Gruppe fällt ohehin aus jeder Zeitline. Das Album Ink Complete (der Nachfolger von 2004, Ink Compatible, ist deutlich schwächer) steht dem einen Beitrag weiter oben besprochenen in puncto Komplexität und Spieltechnik um nichts nach. Wäre die Gruppe nicht auch live aufgetreten, würde man kaum glauben, dass dies ohne Studiotricks spielbar ist. Man stelle sich vor, Jazzmusiker mit unbegrenzten manuellen Fähigkeiten haben Lust auf Metal bekommen, mit der Ambition, das so kompliziert wie möglich zu machen, dann bekommt man eine ungefähre Vorstellung des Gebotenen. Und so dürfte das eher noch Freunde der technisch hochgezüchteten Jazz-Rock-Fusion der 70er Jahre ansprechen als Metal-Köpfe, die für solch vulgäre Demonstrationen des Könnens meist nur einen vulgären Ausdruck für männliche Masturbation übrig haben. Das Trio (Gitarre, Bass, Schlagzeug) kommt ohne Gesang aus, und das ist auch gut so, denn wo hätte man den bei der Dichte noch unterbringen wollen? Bei so viel Intellekt sollte man sich auch die Songtitel genauer ansehen. See, and It’s Sharp ist eine Komposition, die mit zwei Tönen auskommt: C und Cis. That 178 Thing gibt einen Hinweis auf die Taktart. Dass dabei nicht unbedingt gute Musik herauskommen muss, versteht sich von selbst, aber so verbissen, wie es klingt, klingt es auch wieder nicht - es sind sogar humorige Wendungen auszumachen. Wer aber unbedingt Melodien mit- oder nachpfeifen will, um ungetrübte Freude an Musik zu haben, der bleibt besser bei Arnold Schönberg.
Joe Dvorak (21.07.2023, 03:42):


Parkway Drive - Don't Close Your Eyes (Juni 2004)

Es gibt ein Subgenre, das ich so wenig mag, dass ich es regelmäßig vergesse, wenn ich mich frage, welches ich am wenigsten mag. Nicht wenige Metal-Fans lehnen diese Variante so schroff ab, dass sie nicht dem Metal zugehörig gezählt wird. Was war passiert? Die meisten Spielarten des Extreme Metal enthalten bereits eine Menge Hardcore-Punk-Elemente. Auf der einen Seite gab es Bands, die so viele davon hereinnahmen, dass es am Kipppunkt definitiv neu und eigenständig klang. Auf der anderen Seite gab es Hardcore-Punks, die sich den Metal einverleibten und nicht mehr eindeutig als das eine oder das andere wahrgenommen wurden. Beide Seiten trafen sich in der Mitte: im Metalcore. Dieser wurde in den 00er Jahren zum populärsten Stil und Metal-Hauptstrom - dem ich allerdings nicht viel abgewinnen kann. Das liegt an dem hyperaggressiven, schreienden bis brüllenden Gesangsstil des Hardcore, der mir in den meisten Fällen Kopfschmerzen bereitet. Ich kann es mir nicht erklären, denn mit anderen extremen Gesangsstilen habe ich überhaupt keine Probleme. Growler, die klingen wie ein Frosch, den man die Toilette runterspült, oder Keifer, die quieken wie ein Schwein, das zur Schlachtbank geführt wird, finde ich spaßig - Schreihälse, die hysterisch brüllen, als würden sie gleich kollabieren, nicht. Zumal das aufgrund des Fehlens jeglicher Nuancen gerade nicht emotional wirkt. Wenn das dann noch, wie allzu oft, mit betont melodiösem, fast poppigem Gesang kontrastiert wird, bin ich völlig draußen. Hinzu kommt, dass die Musik zu oft überproduziert wirkt. Man hat den Eindruck, dass jedes Riff, jeder Takt einzeln eingespielt und die Lieder am Laptop zusammengebastelt wurden (und viele Bands haben mit dem Aufkommen der Software-Tools ab Mitte der 90er tatsächlich so gearbeitet). Live-Atmosphäre: Null.
Womit wir bei den Australiern Parkway Drive wären, die mit ihrem Debütalbum zeigen, dass es auch anders geht. Das klingt nach echtem - sehr gut gemachtem - Handwerk, es ist ungeschliffen und der Sänger ist sowohl im Screaming als auch im Growling versiert und bewegt sich oft im Niemandsland dazwischen. Vor allem aber nehme ich ihm seine Aggressivität ab. Mit einem erträglichen Brüllwürfel am Mikro macht diese Musik schon mächtig Eindruck. Wenn man zwei der extremsten Genres des Planeten verheiratet, wird zwanglaufig so heftig geprügelt, wie kaum irgendwo sonst. Diese Musik tritt den Zuhörer regelrecht zusammen und in der richtigen Stimmung gehört - etwa einmal pro Schaltjahr - hebt das die Laune ungemein. Zumal die Aussis kapiert haben, dass kein Album aus dieser Ecke laenger als eine halbe Stunde dauern darf.
Joe Dvorak (22.07.2023, 03:48):


Grave - Fiendish Regression (Aug 2004)

Grave gehörten zur ersten Welle des schwedischen Death Metal Anfang der 90er und ihre ersten beiden Alben gelten als Klassiker. Nach dem Abebben der Welle lösten sie sich auf und formierten sich neu, als das Interesse in den 2000er Jahren wieder aufflammte. An ihrem Stil hatte sich nichts geändert. Das ist geradlinigste alte Schule, vollkommen immun gegen die Einflüsse technischer, brutaler und melodiöser Spielweisen. Aber der Klang hatte sich dramatisch verändert. Der typisch abrasive und matschige Sound der frühen Alben ist einer modernen basslastigen, transparenten und druckvollen Produktion gewichen. Die Riffs kommen heavy wie die Sau - das hat die Wucht eines Ambosses, den man den Grand Canyon runterschmeißt (eine meiner Lieblingsmetaphern, deshalb überstrapaziert) und drückt einen förmlich in den Sessel. Das hält mit extrem starkem Liedmaterial bis etwa zur Mitte des Albums mit dem Übersong Trial By Fire an, aber dann scheinen ihnen die Ideen auszugehen und es beginnt sich zu wiederholen und zu ziehen. Das ist ein Album, das ich oft auflege und das mich immer wieder von Neuem umhaut. Aber ich höre es selten bis zum Ende. Zu lang - die alte Leier...
(Man macht sowas nicht, aber ich hab's probiert: Songs 6 & 7 rausschmeissen und man kommt auf immer noch Death Metal-kompatible 30:28 und hat ein Album, wie es in diesem Subgenre für mich kaum besser geht.)
Joe Dvorak (22.07.2023, 04:11):


The Jelly Jam - 2 (Sep 2004)

Allen, die auch nur einen Funken Affinität zu Rockmusik haben, die auch mal härtere Töne anschlägt, sei diese Scheibe als Musterbeispiel allergelungenster Aufnahmetechnik empfohlen. Jedes Instrument ist sauber differenziert, hat Luft zum Atmen, feinste Nuancen sind auszumachen, und doch ergibt das ein einheitliches großes Ganzes, eine ungemein druckvolle Wall of Sound. Man muss diese Quadratur des Kreises gehört haben, um es zu glauben. Am Ende des Albums hört man Drummer Rod Morgenstein auf einen Anrufbeantworter sprechen: "Hey guys, I can only say one thing: Holy ! This sounds UN-BE-LIVABLE." Wo er Recht hat, hat er Recht. Dieser Wahnsinnssound, gepaart mit einigen Übersongs (das Riff von Allison zwingt mich in die Knie) und der Fähigkeit der Musiker, virtuose Eskapaden stimmig und unprätentiös in die Songstrukturen zu integrieren, macht das zu einem Dauerbrenner. So gut die oben genannten, fast unmenschlich gut spielenden Bands (Necrophagist, Spastic Ink) auch sein mögen, sie können keine "guten Songs" schreiben und bleiben extrem sperrig. The Jelly Jam können beides gleichzeitig und verschmelzen das auf diesem Album so perfekt, dass man ob der leichten Zugänglichkeit fast gar nicht merkt, was da Wundersames vor sich geht. Das macht für mich ihre ganz große Kunst aus.
Joe Dvorak (23.07.2023, 03:26):


Pain of Salvation - Be (Okt 2004)

"Ich bin. Ich bin. Ich bin. Ich war nicht. Dann wurde ich. Ich kann mich nicht erinnern, NICHT gewesen zu sein." Animae Partus (I Am)
(...)
"Es gibt Platz für alle Geschöpfe Gottes. Direkt neben dem Kartoffelpüree." Animae Partus II

Das ist wahrscheinlich das ambitionierteste Konzeptalbum, das die Rockwelt je gehört hat. Ein Forist: Das ist kein Musikalbum, das ist eine verfe Doktorarbeit. Man kann über das Konzept und die Handlung von der Existenz an sich, von Gott und den Menschen schwadronieren, man kann die unzähligen musikalischen und außermusikalischen Elemente aufzählen, man kann das Album als prätentiös und überzogen verreissen oder als genial lobpreisen - und doch treibt man jeden, der es nicht kennt, in die Irre. Ich meine, es ist unrezensierbar.
Joe Dvorak (23.07.2023, 14:09):
Cteater - Eat Ct or Die (Mrz 2005)

Das Album der niederländischen Feinschmecker wurde von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien auf den Index gesetzt, der Verkauf verboten und die Bestände beschlagnahmt. In der extremsten Ecke der Extreme-Metal-Szene gilt das als Ritterschlag. Da in Deutschland zwar der Verkauf, nicht aber der Besitz strafbar ist und es in der Heimat dieser Spaßtruppe keine derartige Kontrolle gibt, konnte ich es dort ganz legal bestellen. Blöd. Oft gebe ich mir in meiner Altersmilde die brutale, Goregrind genannte Stilvariante nicht mehr, aber diese Scheibe läuft hin und wieder noch, weil sie sehr professionell gespielt und produziert ist und weil sich die Jungs nicht allzu ernst nehmen. Sie enthält ein Sample von Monty Brogans Monolog aus dem Film The 25th Day in fast voller Länge. Dafür würde man heute als Privatmensch wegen "Hasskriminalität im Netz" ein paar Monatssätze blechen oder gleich in den Bau wandern. Ich distanziere mich selbstverständlich davon und höre mir das nur zu Informationszwecken an. :saint:
Joe Dvorak (24.07.2023, 01:14):


Born From Pain - In Love With the End (Apr 2005)

Die Niederländer Born from Pain spielen Hardcore (Punk) und reichern diesen mit Thrash-Metal-Riffs und gelegentlichen Gitarrensoli an. Ob man sie deshalb schon zum Metalcore zählt oder ob man zur Feindifferenzierung die Schublade Metallic Hardcore einführt, wird völlig unwichtig, sobald der brachiale Sound förmlich aus den Boxen explodiert. Das ist eine produktionstechnische Meisterleistung, bei der so dermaßen auf die Nüsse gedroschen wird, dass einem fast die Luft wegbleibt. Der Sänger ist ein genretypischer Brüllwürfel, aber glaubwürdig in seiner Wut auf die politischen und gesellschaftlichen Zustände. Obwohl er sich im Stimmumfang auf ein paar wenige Halbtöne beschränkt, gelingen ihm immer wieder eingängige Hooklines - Ohrwürmer brauchen nicht unbedingt Melodien. Die Band bewegt sich meist im mittleren Tempobereich, was die unnachgiebige Heftigkeit noch verstärkt. Die genretypischen Breakdowns, bei denen das Tempo abrupt gedrosselt wird und "tuckernde" Dampfwalzenriffs zum Moshen einladen, fehlen ebenso wenig wie Gangshouts, bei denen die Band im Chor brüllt, und die typischen Schlagzeugmuster. Eigentlich hätte das ziemlich klischeehafte Angelegenheit werden können, aber die wohldosierten metallischen Einschübe, die vor allem bei Tempoverschärfungen auszumachen sind, der bereits erwähnte hohe Wiedererkennungswert der meisten Songs und -nochmal- die moderne, alles vernichtende Produktion machen das Album unwiderstehlich.
Joe Dvorak (24.07.2023, 01:56):


Sentenced - The Funeral Album (Mai 2005)

Ähnlich wie ihre Landsleute Amorphis begannen Sentenced als Death-Metal-Band und wurden im Laufe der Zeit milder und zugänglicher, bis -wie hier auf ihrem treffend betitelten letzten Album- nichts mehr davon übrig blieb, außer der morbiden Atmosphäre, die in beiden Fällen unerklärlicherweise wie ein Schatten über dem Mainstream-Rock/Metal liegt. Bei den Texten war man allerdings weiterhin nicht immer zimperlich, wie die derb-sarkastische antichristliche Lyrik des Songs Ever-Frost zeigt.
Für mich ist das mit einer auch nach Jahren unvergesslichen Anekdote verbunden, die je nach Sichtweise humorvoll oder sehr peinlich ist. Ich nahm einen ganz neuen Kollegen - Engländer - mit auf eine längere Autofahrt. Eigentlich ein netter, lockerer Typ. Zu der Zeit hatte ich eine selbst gebrannte Mix-CD im Auto, die sofort zu plärren anfing, sobald ich den Zündschlüssel umdrehte. Ich fragte ihn, ob ihn die Musik störe, und er sagte, nein, er höre so ziemlich alles. Dann entspann sich eine Weile ein lockeres Gespräch, bis der Kollege plötzlich völlig einsilbig wurde und wir schließlich den Rest des Weges schweigend zurücklegten. Auf der Rückfahrt dann das gleiche - es herrschte eine richtig frostige Atmosphäre. Ein paar Tage später hörte ich ein Gespräch zwischen zwei Kollegen. Der eine meinte, der neue Engländer sei ganz nett, aber manchmal etwas komisch, worauf der andere meinte, das liege wohl daran, dass er strenggläubiger Christ sei. Auweia! Ich spulte in meinem Kopf noch einmal zurück: Wie lange waren wir unterwegs, bis die Stimmung kippte - ca. 15 Minuten - Was für ein Lied läuft da auf der CD? - Ever-Frost von Sentenced - Auweia!! - Ok, bei dem Kerl bin ich auf ewig unten durch...
Joe Dvorak (28.07.2023, 04:09):


Stratovarius - Stratovarius (Sep 2005)

Wie man's macht, macht man's nicht richtig. Nachdem die führenden Vertreter des skandinavischen Power Metals für ihre letzten Alben immer mehr Kritik wegen des stilistischen und kreativen Stillstands sowie dem überproduzierten und kommerzialisierten Sound einstecken mussten, überraschten sie nach einer vorübergehenden Trennung die Fachwelt mit einem von genretypischen Klischees weitgehend befreiten und entschlackten Straight-Ahead Metal-Album ohne viel Schnickschnack. Das gefiel freilich weder den Kritikern noch vielen, die sie vorher noch mochten, und so hat dieses 11. Album die zweifelhafte Krone als ihr schlechtestes. Ich habe ein Faible für solche vermeintlich 'uninspirierten' und 'glanzlosen' Werke und finde hier allerlei Feinheiten, die mich immer wieder zum Auflegen bewegen. Kein ganz großes Album, aber eines, das viel mir immer wieder Freude bereitet.
Joe Dvorak (31.07.2023, 04:43):


Cathedral - The Garden of Unearthly Delights (Sep 2005)

Mit Forest of Equilibrium (1991) und ihrer Mischung aus Superzeitlupentempo und tonnenschwerer Härte haben Cathedral ein Doom-Monument geschaffen, das meines Erachtens nie mehr übertroffen wurde. Sicherlich gab es Bands, die das noch viel weiter trieben, aber wie bei allen extremen Stilen gibt es eine Grenze, ab der es musikalisch keinen Sinn mehr macht (und die natürlich jeder woanders zieht). Cathedral zogen weiter und gestalteten ihren Stil auf den folgenden Alben deutlich abwechslungsreicher und zeigten eine Vorliebe für die späten 60er/frühen 70er Jahre, was ihnen bald den Ruf als Hippies des Doom Metal einbrachte. Garden ist ihr achtes Album und auf dem abschliessenden 27-minütigen Titelsong ziehen sie alle Register. Folkloristisch angehauchter Elfengesang, psychedelische Experimente im Stil der frühen Pink Floyd, Duelle zwischen Geige und Gitarre, die an das Mahavishnu Orchestra gemahnen, avantgardistische Versatzstücke, Doom-Riffs zum Niederknien und der Einsatz verschiedenster Gesangstechniken. Das klingt nach einem ziemlichen Patchwork - aber nach ein paar Dutzend Durchläufen bin ich mittlerweile der festen, freilich nicht belegbaren Überzeugung, dass das Ganze von Anfang an gezielt auf den absoluten Höhepunkt kurz vor Schluss zusteuert: Ein einfaches Motiv wird auf der E-Gitarre (single notes, wenig Verzerrung) präsentiert. Darunter rezitiert eine leise Frauenstimme einen surrealen Text. Dann setzt das Schlagzeug mit angedeuteten Wirbeln ein und die beiden Instrumente steigern ein wenig die Lautstärke, so dass man höchste Konzentration aufbringen muss, um den Text noch zu verstehen... und in diesen Fokus hinein erfolgt ohne Vorwarnung ein Unisono-Powerchord mit der Wucht eines Paukenschlags. Meine Güte, da fährt man kurz zusammen (der alte Haydn hätte wohl seine Freude daran gehabt), und dann stellt sich jedes einzelne Körperhaar auf. Das ist einer der größten Momente in der Geschichte des Metals - zumindest in meiner. Das Motiv entpuppt sich nun als Gerüst für ein prachtvolles Riff, und dass die Band danach minutenlang auf diesem Riff herumreitet, ist gerechtfertigt, denn es ist eines der größten, das der Doom Metal hervorgebracht hat. Wenn das Riff schließlich in eine Mellotron-Klangfläche überblendet, die sogleich von einer Akustikgitarre und einer Frauenstimme abgelöst wird, welche das Stück zyklisch zum Anfang zurückführen, bleibt nur ungläubiges Staunen und tiefe Zuversicht, dass alles gut ist, so wie es ist.
Joe Dvorak (31.07.2023, 09:16):


Bolt Thrower - Those Once Loyal (Nov 2005)

Der ehemalige Schachweltmeister Anatoli Karpow schrieb einmal in einem Kommentar zu einer Partie, in der ihm eine Gewinnkombination gelang, die nicht durch äußeren Glanz, sondern durch eine verborgene innere Schönheit gekennzeichnet war: "Als ich den Auftaktzug gefunden hatte, stellte sich jenes tief zufriedene innere Lächeln ein, um dessentwillen ich letztendlich Schach spiele." Ich bin zwar nur ein mäßiger Spieler, aber zwei- oder dreimal in meiner aktiven Zeit hatte auch ich diese Momente und weiss wovon er spricht. Dasselbe Phänomen gibt es auch in der Musik. Sie kann unterhalten, in Euphorie versetzen, in höhere Sphären transportieren, den Intellekt befriedigen, Weisheit jenseits von Worten vermitteln, aber das, wofür ich letztendlich Tausende von Stunden in dieses Hobby investiere, ist die Suche nach genau diesen seltenen Momenten. Ein solcher Großer Moment lässt mich all die Stunden vergessen, die ich mit belanglosem Zeug verbracht habe. Womit wir bei Bolt Thrower wären. Nach der Raserei der ersten beiden Alben hatten sie ihren eigenen Stil gefunden. Ähnlich wie die bereits gelobten Vomitory und Grave machen sie Death Metal in seiner reinsten Form, ohne brutale, technische oder melodische Anflüge, dafür aber mit einem ungewöhnlichen Groove, der die Riffs vorantreibt. Das Bild einer hart gefederten Dampfwalze, die einen am Hang gelegenen Friedhof hinunterrollt, drängt sich auf. Dieser Sound ist einzigartig und sie haben danach kein Jota daran geändert, weshalb ab Album Nr. 3 eines wie das andere klingt. Trotzdem musste auch das achte in die Sammlung. Und obwohl es objektiv gesehen wieder ein Aufguss der Vorgänger ist, zeichnet es sich dadurch aus, dass es einige Große Momente beinhaltet. Die kommen äusserlich ganz unspektakulär daher - hier ein Riff, da eine Lead-Passage, dort eine Melodie (wenn man davon sprechen kann), die dieses unbezahlbare innere Lächeln auslösen, mit dem die den nicht ganz so befriedigenden Vorgängern geopferte Zeit mehr als vergolten wird.
Those Once Loyal endet - in diesem Subgenre völlig ungewöhnlich, wenn nicht einzigartig - mit dem Schlagzeuger, der sehr ruhig solo spielt und ausgeblendet wird. Das wäre an sich nur eine Randnotiz, wenn es nicht eine tragische Note bekommen hätte. Die Band hatte offenbar selbst erkannt, dass ihr etwas ganz Außergewöhnliches gelungen war. Nachdem sie drei Jahre lang an einem Nachfolgealbum gearbeitet hatten und nicht zufrieden waren, stampften sie das Material ein und verkündeten, dass sie erst wieder etwas Neues machen würden, wenn sie glaubten, dass es dem Vorgänger mindestens ebenbürtig sei, und dass weitere Veröffentlichungen auf unbestimmte Zeit verschoben seien. Daraus wurde nichts mehr. Nach 7 Jahren Auszeit verstarb der Schlagzeuger und die Band löste sich auf.
Joe Dvorak (02.08.2023, 10:41):


OM - Conference of the Birds (Apr 2006)

Das Doom Metal-Duo OM (nicht verwandt mit dem Schweizer Jazz-Quartett) kommt auf seinen ersten Alben nur mit Gesang, oft stark verzerrtem E-Bass und Schlagzeug aus. Mit staubtrocken gespielten, monotonen, minimalistisch-repetitiven Riff-Mustern und betont ausdruckslosem Gesang, der entfernt an das Chanten von Mönchen erinnert, schaffen sie eine einzigartige Atmosphäre. Subtile Variationen halten das Ganze interessant genug, um bei der Stange zu bleiben und sich ganz langsam von diesen intensiv-grüblerischen, rituell-beschwörenden, majestätischen tiefen Klängen einsaugen zu lassen, um auf der anderen Seite in einem wüsten Universum wieder ausgespuckt zu werden.
Joe Dvorak (06.08.2023, 11:05):


Motörhead - Kiss of Death (Aug 2006)

Als der Metal Anfang der 80er zum Massenphänomen wurde und Bands wie Motörhead in den Charts auftauchten, hielt man ihn für eine Jugendkultur, die ebenso schnell wieder vergehen würde wie andere Moden in der Popmusik. Ein Vierteljahrhundert später sind die Speedster immer noch zugegen und machen immer noch nichts anderes als lauten, schnellen, rotzigen Rock ‘n’ Roll. Besser gesungen, professioneller gespielt und ausgereifter produziert, was die einen als Verlust an Charme und Authentizität betrauern, die anderen als Gewinn an Souveränität und Autorität bejubeln. Lemmy, der Bassist, Sänger, Meistergeist und einzig verbliebenes Gründungsmitglied des Trios, war 60 geworden, und nicht nur der harte Kern seiner Fans hielt ihm die Treue, auch neue Generationen waren nachgewachsen, man war wieder in den Charts, und auf den Konzerten sah man einträchtig Eltern & Kids, die sich sonst wegen Peinlichkeitsgefahr nie gemeinsam in der Öffentlichkeit zeigen würden. Damit wäre auch die Frage geklärt, ob man nicht irgendwann zu alt für diese Musik ist. Heavy 'n' Roll bleibt, bis meine Asche in der Urne landet.
Joe Dvorak (07.08.2023, 04:24):


Winger - IV (Okt 2006)

Winger waren eine der erfolgreichsten und meist gehassten Bands der Glam-Metal-Welle der 80er Jahre. Ihr Auftreten und ihre allzu poppige Ausrichtung diskreditierten das Genre nach Meinung der echten Fans. Dass man es mit hochtalentierten Musikern zu tun hatte, war jedoch kaum zu überhören. Nach 3 Alben und 13 Jahren Pause meldeten sie sich mit IV zurück, reifer, härter, düsterer. Den Glimmer hatten sie abgelegt, nicht aber ihre Stärken in Form von hervorragendem Gesang, ausgefeilten Arrangements, großer Virtuosität und kleinen kompositorischen Haken und Ösen, verpackt in kompakte Songs mit Wiedererkennungswert. So kommt das an der Oberfläche als entspanntes, meist im mittleren Tempobereich spielendes Hardrock-Album daher, bei dem auch mal heftiger gerifft und ab und zu das Gaspedal durchgedrückt wird. Die Tiefenschichten erschließen sich erst beim Zuhören, ganz ähnlich wie beim besprochenen Zweitling von The Jelly Jam. Vielleicht ist das kein Zufall, denn die Bands haben zwar musikalisch nicht viel gemeinsam, aber mit Rod Morgenstein denselben Schlagzeuger, einen der besten seines Fachs.
Joe Dvorak (08.08.2023, 03:33):


Shining - IV: The Eerie Cold (Mrz 2005)

Herrlich. Ich kenne kein anderes Album, bei dem ich als Hörer erst mal zwei Minuten lang übelst beschimpft werde, bevor es losgeht. Ich würde mir wohl ganz toll und kultig vorkommen, weil ich dieses Album gekauft habe, dabei habe ich keine Ahnung von nichts und bin absolut nicht würdig, mir auch nur einzubilden, ich wüsste worum es bei Shining wirklich geht - ein aufrichtiger Todeswunsch und ein F**k you beendet schließlich den verächtlichen Monolog, bei dem man förmlich den Speichel spritzen hört. Ich denke, so mancher Klassik-Interpret -mir kommen da Pianisten aus dem deutschen Sprachraum in den Sinn- würde seinem Publikum gerne dasselbe mitgeben, aber da muss dann doch die Contenance gewahrt werden. :thumbup:

Die Glorifizierung von Suizid und Selbstverletzung, Konzerte mit gewalttätigen Attacken der Bandmitglieder untereinander und gegen das Publikum und eine totale Fokussierung auf alles Negative sind die zweifelhaften Trademarks der schwedischen Truppe um den kaputten "Sänger" Niklas Kvarforth Olsson. Kompositorisch und spieltechnisch hat das allerdings Klasse, wenn man mal vom Gesang absieht, der einfach nur krank ist -misanthropische Botschaften im Belcanto wären auch nicht ganz passend- aber dadurch umso glaubwürdiger wirkt. Da brauche ich Botschaften nicht in h-Moll Akkorden zu suchen und über Quellen diffuse Erkenntnisse zur Gemütsverfassung des Komponisten herbei zu spekulieren, sondern höre sie im Klangarrangement und in den Texten, die ihre Glaubwürdigkeit daraus beziehen, dass ich weiss, dass der Verfasser immer wieder mal in der Geschlossenen landet. Verrücktheit, Drogensucht und Suizidalität von 200 Jahre alten Komponisten scheinen eine gewisse morbide Faszination auf Teile des Klassikpublikums auszuüben. Ich finde, hier kriegt man das weniger umständlich und noch eine ganze Ecke schauerlicher.

The Eerie Cold ist das vierte Album und eine deutliche Verbesserung gegenüber dem bereits vorgestellten Vorgänger Angst. Der Nachfolger Halmstadt brachte eine weitere Steigerung und ist das beste Album der Gruppe. Die hypnotische Qualität steht den besten Black-Metal-Alben in nichts nach, aber sie schaffen das ohne künstlich schlechte Soundproduktion und punkten mit Abwechslung durch von akustischen Gitarren getragene Ausflüge über das Metal-Territorium hinaus, ohne dass das auf Kosten der Kohärenz geht.



Shining - V: Halmstadt (Mrz 2007)

Ursprünglich dachte ich, das den Hörer verächtlichmachende, wenn nicht gar delegitimierende Intro sei auf V drauf. Beim Nachhören, musste ich feststellen, dass es nicht hier sondern auf IV zu finden ist. Beide gehören somit auf die Liste der Metal-Alben, die ich mir unbedingt noch einmal anhören musste.
Joe Dvorak (11.08.2023, 01:44):


Blacklisted - Heavier Than Heaven, Lonelier Than God (Mrz 2008)

Dieses Album ist ein Gesamtkunstwerk aus Fotografie, Lyrik und Musik. Es ist keine schöne Kunst, die hier geboten wird, sondern eine bis zur Verstörung aufrüttelnde. Die doppelseitigen Farbbilder (eines zu jedem Lied) erzählen von Missbrauch und Gewalt, ohne explizit etwas zu zeigen. Vernachlässigung, Kälte, Isolation, Verwahrlosung: Die Kamera blickt dorthin, wo wir gerne wegschauen, und bleibt doch diskret. Das gilt auch für die Texte, die sich mit den Folgen für das Innenleben der zerstörten Seelen beschäftigen, aber nichts konkret benennen. In Verbindung mit der verzweifelt-wütenden, schmerzlich-emotionalen Vortragsweise geht das unter die Haut - indem diese dem Hörer und Betrachter geradezu abgezogen wird. Das Album läuft unter dem Banner Hardcore (Punk), ist aber der Meute um Myriaden von intelligenten Nasenlängen voraus. 11 Songs in 19 Minuten, die richtig weh tun.
Joe Dvorak (11.08.2023, 03:27):


Khold - Hundre Ar Gammal (Juni 2008)

Diese Combo kann man als 'verlässlich' bezeichnen. Jedes Album klingt wie das andere, und ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendjemand den Titel eines zufällig gespielten Liedes benennen kann. Aber ein Album von ihnen kann man sich gönnen, weil sie einfach saucoole Mucke machen. Tiefer gestimmter, aber unwiderstehlich groovender Midtempo-Rock'n'Roll mit fiesem Krächzgesang in norwegischer Sprache. Das 2008er Album zeichnet sich durch eine besonders trockene und crispe Produktion aus und bleibt für gelegentliche schwarzmetallische Ohrenspülungen in der Playlist.
Joe Dvorak (11.08.2023, 08:02):


Judas Priest - Nostradamus (Juni 2008)

Die Versuche von Metal-Bands, mit Sinfonieorchestern zu spielen, gehen in der Regel fürchterlich in die Hose. Als besonders abschreckende Beispiele seien hier S&M von Metallica oder aus ganz frühen Tagen das Concerto for Group and Orchestra von Deep Purple genannt. Nun haben sich auch die Hohepriester des Metal dazu hinreißen lassen. Die äußerst kontroversen Kritiken versprachen, dass es zumindest (hoch)interessant sein müsste und kurzes Probehören bestärkte mich in der Entscheidung, die zeitliche Investition zu tätigen. Und der ROI ist sehr hoch! Dies ist ein sehr seltener (ich überlege noch, ob der einzige) Ausnahmefall eines überzeugend gelungenen symphonischen Metal-Konzeptwerkes. Ich bin verblüfft und schließe mich der Minderheit an, die dafür die virtuelle Höchstnote zückt.

Edit: Joe, das ist ein glatte 6 für den Rezensenten! Setzen!!

Nur die Streicher sind echt, aber es ist kein wirkliches Orchester, sondern ein Arrangeur, der das mit ein paar Leuten einspielt und dann digital aufbläht. Der Rest ist synthetisiert. Da bin ich neulich schon mal anderswo drauf reingefallen. Ob die Digitalmaschinen mittlerweile so täuschend echt klingen, oder ob ich etwas mit den Ohren habe, sei jetzt mal dahingestellt.
Joe Dvorak (13.08.2023, 00:29):


Sarke - Vorunah (Apr 2009)

Sarke ist der Künstlername des Schlagzeugers von Khold. Irgendwann bekam der Norweger Lust auf ein Quasi-Einmannprojekt, bei dem er einfach Spaß haben und fast alle Instrumente selbst spielen wollte. Offenbar teilt er mit mir die unüberhörbare Verehrung für Black Sabbath, Motörhead und die Prototypen des Extreme Metal (Possessed, Venom, Celtic Frost) sowie die Freude an kultig-billiger Horroratmosphäre. Das Ganze ist ziemlich hemdsärmelig zusammengeschustert und mit einer räudigen Produktion der alten Schule versehen. Das Projekt wurde bekannt, weil Herr Sarke es irgendwie schaffte, Nocturno Culto von Darkthrone hinter das Mikro zu bekommen, um die Texte herauszuwürgen. Trotz teils vernichtender Kritiken wurde es ein Überraschungserfolg. Ich finde, das ist eine Gute-Laune-Granate erster Güte.
Joe Dvorak (15.08.2023, 09:01):


Heaven & Hell - The Devil You Know (Apr 2009)

Nachdem Ronnie James Dio Anfang der 80er Jahre auf zwei und Anfang der 90er Jahre auf einem weiteren Studioalbum von Black Sabbath gesungen hatte, kam es Ende der 00er Jahre zu einem erneuten Comeback. Da gleichzeitig an einer Wiedervereinigung der Originalbesetzung der 70er Jahre gearbeitet wurde, wählte man einen -nicht gerade sonderlich originellen- alternativen Bandnamen. Das Album besteht hauptsächlich aus schweren, schleppenden Hardrock- und Doom-Nummern, die auf Anhieb nicht sonderlich eingängig sind, dafür aber nicht so schnell altern. Ich höre es heute deutlich öfter als die beiden hitgespickten Alben aus den 80ern. Dios Stimme hat zwar im Laufe der Jahre sehr gelitten, aber sein Charisma und seine unvergleichliche Fähigkeit, mehr aus den Texten herauszuholen, als geschrieben steht, machen das mehr als wett. Es blieb sein letztes Studioalbum. Im Jahr darauf begab sich der wohl Größte seines Fachs für immer in das Reich des Protagonisten des Albumtitels.
Joe Dvorak (26.08.2023, 07:13):


Riverside - Anno Domini High Definition (Juni 2009)

Der Begriff “Prog-” als Genrebezeichnung ist eigentlich widersinnig, denn progressive Musik versucht ja gerade, bestehende stilistische Grenzen, die mit bestimmten Musikgenres verbunden sind, zu erweitern. Es gibt viele Bands, die in diesem Sinne progressiv sind, aber die wenigsten sind gut - sprich, was an innovativen Ideen geboten wird, nutzt sich sehr schnell ab, und dann stellt sich heraus, dass außer Individualität nicht viel Substanz übrig bleibt. Nicht so hier. Riverside bewegen sich auf der traditionellen Entwicklungslinie, die von Dream Theater, Opeth und Pain of Salvation gespeist wird, und doch klingt dieses Werk (im Gegensatz zu ihren bisherigen 3 Alben) völlig eigenständig. Ich hatte die Band eigentlich schon abgeschrieben, aber zwei Kritikpunkte, die immer wieder an diesem Album geäußert wurden, lösten bei mir Hörbedarf aus: Zu kurz, zu hart. Genau das sind die Heilmittel für die Kehrseiten der ersten Alben, die sich nicht entscheiden wollten, ob sie Prog-Rock oder Prog-Metal sein möchten und mich mit ihren ausufernden Songlängen und Spielzeiten nicht bei der Stange halten konnten. ADHD kommt mit seinen 44’44’’ (ist das ein plattes oder intelligentes Spiel mit Akronymen und Zahlen?) knallhart auf den Punkt und fesselt von der ersten bis zur letzten Sekunde. Dass dieses Album über weite Strecken Hektik verbreitet, ist ebenso dem Konzept - der Angst, in der digitalen Welt abgehängt zu werden - geschuldet wie der Einsatz von technoiden Keyboardklängen, die nicht weit von der Klangwelt der Ozric Tentacles entfernt sind. Besonders in den letzten 5 Minuten des abschliessenden Longtracks setzt die Combo damit ein wirklich progressives Alleinstellungsmerkmal. Für mich ist das -neben dem außer Konkurrenz laufenden Debüt von Dream Theater- das beste Progmetal-Album, das ich kenne, und ich denke, dass es mit der metal-untypischen, radiokompatiblen Stimme des Sängers und den relevanten Texten auch etwas für Quereinsteiger sein könnte. In ihrer Heimat Polen erklommen Riverside mit diesem Kurzdreher tatsächlich die Spitze der Popcharts.
Joe Dvorak (26.08.2023, 08:13):


Rise and Fall - Our Circle is Vicious (Okt 2009)

Hardcore Punk in Reinform steht bei mir ganz selten auf dem Hörzettel, da mir das genretypische monotone Gebrüll der Frontschreihälse schnell zu viel wird. Das Album der Belgier ist eine Ausnahme, weil sie in der zweiten Hälfte auch mal das Tempo rausnehmen und sich sogar experimentelle Klangspielereien erlauben - dafür bin ich immer zu haben. Aber wenn sie Tempo machen, dann knüppeln sie die Riffs mit unnachgiebiger Härte und überdruckvoller Energie heraus. Die Intensität ist kaum auszuhalten und die Texte sind genauso schmerzhaft wie die Musik. Nichts für jeden Tag, aber wenn es passt, dann mit großer Reinigungswirkung.
Joe Dvorak (26.08.2023, 08:52):


Negură Bunget - Vîrstele Pamîntului (Mrz 2010)

Wie bereits erwähnt, begannen Negură Bunget als reine Black-Metal-Combo, haben diesen Anteil aber im Laufe der Jahre etwas zurückgefahren, um Raum für transsilvanische Folklore und atmosphärischen Ambient mit Nähe zur New Age Musik zu schaffen. Auf dem Album Vîrstele Pamîntului ist die nicht alltägliche Kombination dieser drei Inhaltsstoffe perfekt ausbalanciert und kohärent zusammengefügt. Auch wenn ich die rumänischen Texte nicht verstehe, so wird doch deren Auseinandersetzung mit der transsilvanischen Spiritualität, mit dem Einfluss mystischer Naturerfahrungen auf den Glauben - an verschiedene Realitätsebenen, Unsterblichkeit und die Wirksamkeit von Ritualen - in der singulären 'spirituellen' Atmosphäre erfahrbar. Der gelegentlich eingesetzte gutturale Gesang mag zwar für manche ein No-Go sein, aber einen Versuch sollte man diesem außergewöhnlichen Album dennoch gönnen.
Joe Dvorak (03.09.2023, 12:20):


Necros Christos - Doom of the Occult (Mrz 2011)

Der Chanukka-Leuchter (auch Hanukkah genannt) ist ein achtarmiger Leuchter mit einem neunten Licht, dem Schamasch, dessen Kerzen zum jüdischen Chanukka-Fest entzündet werden.


Foto von Wikipedia-Nutzer Dnalor 01 - Eigenes Werk. Quelle: Wikimedia Commons, Lizenz: CC-BY-SA 3.0

Ich habe das nachgeschlagen, weil die Form des ambitionierten Albums der Berliner diesem Leuchter nachempfunden ist. Es gibt neun "Temples" (T) und fünf "Gates" (G), die die neun Songs (S) umrahmen. Die Sequenz ist TSTSG, die insgesamt viermal wiederholt wird. In der Mitte wird das durch die Sequenz TSG unterbrochen und geteilt. Ich vermute, TSTS stehen für Kerze und Halter an zwei verbundenen Armen, und das Tor muss durchschritten werden, um zur nächsten Stufe zu gelangen. Für das einarmige neunte Licht braucht es dann nur ein TS. Wichtiger ist freilich, womit die Form inhaltlich gefüllt wird. Bei den Tempeln handelt es sich um kurze klassizistische Orgelzwischenspiele, wobei man es sich im Booklet nicht nehmen lässt, auf die Werckmeister III - Stimmung hinzuweisen. Die Gates sind 'orientalische' Stücke auf Instrumenten wie Tar, Setar, Quanun sowie Flöten und Trommeln - teils solistisch, teils im Ensemble. Die Songs selbst sind meist im mittleren Tempo gehalten und stilistisch ein Hybrid aus Death Metal und Doom Metal. Für das Verständnis der Texte ist ein Studium der vergleichenden Religionswissenschaft sicher nicht hinderlich. Ob das alles zusammengeht oder ob die nichtmetallischen Zutaten nur Blendwerk sind, darüber scheiden sich die Geister. Fakt ist: Ohne Tempel und Tore wäre es eine ziemlich eintönige Angelegenheit. Die Songs sind zu lang (der dreiteilige Song, der das neunte Licht repräsentiert, dauert fast zehn Minuten) und zu zahlreich, gemessen an den vorhandenen Ideen. Die sehr gut gelungenen Gimmicks und der gelegentliche Einsatz eines sakralen Chors lockern das Ganze ein wenig auf, aber nach hinten raus mutiert die Hörsitzung zum Aussitzen. Sie hätten sich besser den 7-armigen Menora-Leuchter vornehmen sollen.
Joe Dvorak (10.09.2023, 04:28):


Opeth - Heritage (Sep 2011)

Mit ihren harten Kontrasten zwischen heftigem Gebolze mit Growlgesang und atmosphärischen Passagen mit Folk- und Jazzeinflüssen und klarem Gesang zählten Opeth zu den großen Innovatoren des Genres. Im Laufe der Zeit überreizten sie diese Marke freilich und es wurde formelhaft und vorhersehbar. Mit Heritage zogen sie die Notbremse und verabschiedeten sich nicht nur vom Death Metal, sondern vom Metal an sich. Stattdessen gab es eine eklektische Retrospektive der 70er-Jahre. Der Schritt vom Progressive Death Metal zum Retro-Progressive Rock war den meisten Fans zu viel und es hagelte miese Kritiken. Doch wie so oft wurde nicht die stilistisch neu ausgerichtete Musik kritisiert, sondern die Neuausrichtung an sich. Wenn man von der Bandgeschichte absieht und das Album für sich betrachtet, ist es eine feine Sache und besser als das, was die meisten der unzähligen Bands, die sich in diesem Bereich tummeln, abliefern. Die Achillesferse ist - neben ein paar richtungslosen Passagen, die das Album unnötig in die Länge ziehen -, dass das Album Lust macht, die Altvorderen, denen hier gehuldigt wird, mal wieder aufzulegen. Und dann wird klar, dass Heritage zwar ein sehr gutes Album ist, aber dass die überragenden Platten schon damals von Van der Graaf, King Crimson, Genesis und wie sie alle hießen, gemacht wurden und niemand mehr daran vorbeikommt.
Joe Dvorak (11.09.2023, 02:14):


Darkthrone - The Underground Resistance (Feb 2013)

Das ist bereits das 16. Album der längst zum Duo geschrumpften Band, die einst zu den wichtigsten Vertretern der berüchtigten zweiten Welle des Black Metal zählte und sich mittlerweile sowohl stilistisch als auch ideologisch weit von dieser entfernt hat. Darkthrone haben hier ein eklektisches Retro-Album vorgelegt, auf dem sie ungeniert ihre früheren Einflüsse zitieren: die Vorreiter der ersten Welle des Black Metal (besonders ohrenfällig: Mercyful Fate und Celtic Frost), die Reiter der New Wave of British Heavy Metal, vor allem aus der zweiten Reihe, die Punks, die frühen Trasher und natürlich Black Sabbath und Motörhead. Das Ganze ist so treibend und groovend, dass es einem die Freudentränen in die Augen treibt, und die Tatsache, dass das Duo eine Menge Spaß hat und sich offensichtlich selbst nicht allzu ernst nimmt (der abschließende 13-Minüter trägt den Titel Leave No Cross Unturned), trägt dazu bei, dass das Ganze eine vielgespielte Gute-Laune-Granate geworden ist, der auch der teils arg dilettantische Gesang nichts anhaben kann.
Joe Dvorak (11.09.2023, 02:36):


Satan - Life Sentence (Mai 2013)

Satan betraten 1983 die Szene, als die New Wave of British Heavy Metal bereits am Abklingen war. Ihr exzellentes Debütalbum Court in the Act wird oft übersehen, auch weil die Band nach Besetzungs- und Namensänderungen schnell wieder von der Bildfläche verschwand. 25 Jahre später fanden sie sich in Originalbesetzung wieder zusammen - zunächst nur für Live-Auftritte, doch irgendwann musste eine neue Platte her.
Und was für ein akustisches Amphetamin ist das geworden! Hier stimmt wirklich alles. Stilistisch knüpft man da an, wo man damals aufgehört hat. Traditioneller Metal ohne Extreme, außer einem Hang zur Hochgeschwindigkeit. Aber wer braucht schon Extreme, wenn man eine solche Fülle an mitreißenden Riffs, einfallsreichen Themen und einprägsamen Hooks geboten bekommt. Unglaublich! Das packt von der ersten Sekunde an und lässt auf den ersten 6 Tracks keine Nanosekunde nach. Woher nehmen die nur diese Flut an Ideen für grandiose Melodien? Da setzt sich jede Strophe und jeder Refrain im Hirn fest und zwingt förmlich dazu, das immer und immer wieder zu hören. Suchtfaktor ist nicht zuletzt die fesselnde Darbietung des Sängers, der meist in angenehmer Mittellage sehr kraftvoll, aber vergleichsweise wenig theatralisch zu Werke geht. Die beiden Gitarristen brennen vor der stoischen Rhythmusgruppe ein Feuerwerk ab, das hochgradig euphorisierend ist. Technisch versiert, aber völlig unprätentiös hauen sie mit unbändiger Spielfreude pfeilschnelle Soli raus, jagen und duellieren sich, dass kein Auge trocken bleibt, um sich dann wieder unisono zu vereinen. Man denkt unweigerlich an die ersten Alben von Megadeth und überhaupt wird klar, dass Satan damals das Bindeglied zwischen traditionellem britischen Metal der Marke Iron Maiden und frühem Speed Metal amerikanischer Prägung waren.
Sehr druckvoll und klar kommt das aus den Boxen, mit warmem, organischem Analog-Sound. Perfekt! An dieser Scheibe gibt es wirklich nichts auszusetzen, außer vielleicht, dass sich im hinteren Drittel ein, zwei nicht ganz so geniale Songs eingeschlichen haben - wie soll man auch das Niveau des ersten Sechserpacks halten? Und ich hätte mir gewünscht, dass man etwas früher mal den Fuß vom Gas nimmt. Erst die erste Hälfte des zehnten und letzten Titels erlaubt eine Verschnaufpause - wenn man bis dahin nicht schon längst in Schnappatmung verfallen ist angesichts der Qualität, der Spielfreude und der eindringlichen Melodienseligkeit des Gebotenen. Gute Texte, gerne auch mal morbid-sarkastisch, gibt es obendrauf.
Joe Dvorak (15.09.2023, 07:59):


Motörhead - Aftershock (Okt 2013)

Auch einige treue Anhänger von Motörhead gestehen ein, dass die Band, seit sie mit Inferno (2004) ihren Spätstil gefunden hat, wie auf Autopilot produziert. Die Alben gleichen sich, wirkliche Schwächen sind nicht auszumachen. Jedes tritt ordentlich in den Heini, hat zwei, drei Hammer-Songs, ein paar sehr gute und ein ein paar, mit denen man das Album auf ausreichende Spielzeit bringt. Alle zwei Jahre muss eine neue Platte raus und alle zwei Jahre wird bewährte Qualität abgeliefert, genau das, was die Fans erwarten, nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das ist solides Handwerk, wenngleich wenig spektakulär. Damit keine Missverständnisse aufkommen: das gilt gemessen an den eigenen früheren Alben der Band. Aber damit stecken sie immer noch 99% der Konkurrenz, egal ob Nachwuchs oder etabliert, locker in den Sack.
Joe Dvorak (15.09.2023, 08:07):


Enforcer - From Beyond (Feb 2015)

Das ist schon frech, wie hemmungslos sich die Schweden bei den britischen Metal-Ikonen der frühen 80er bedienen. Aber sie tun es mit einem bald lustvollen Enthusiasmus, der so ansteckend ist, dass ich meine Vorbehalte gegen eine derartige Rückwärtsgewandtheit vergesse. Und das Ganze wird bei aller ungestümen Wildheit technisch äußerst versiert dargeboten. Originalität: 0 - Hörfreude: ∞
Joe Dvorak (15.09.2023, 08:31):


Motörhead - Bad Magic (Aug 2015)

Mit 69 Jahren zeigt der Meistergeist, Bassist und Sänger 'Lemmy' noch einmal allen dekadenten den Rasen mähenden oder in Klassikforen aktiven Rentnern mit aller gebotenen Härte den fetten Stinkefinger, bevor er sich endgültig von der Weltbühne verabschiedet. Der Verschleiß der Stimme ist unüberhörbar, aber auch mit verwundeter Kehle und ohne Gebiss im Mund klingt Lemmy mächtig angepisst. Gitarrist Phil Campell legt noch eine Schippe drauf und liefert einige der besten Soli seiner Karriere ab. Das ist ein enorm intensives Album, das von der Gewissheit des nahenden Endes durchdrungen ist. Es erreichte in Deutschland und Österreich die Spitze der Verkaufscharts, und kam in der Schweiz auf Platz 2. Nach 40 Jahren Arbeit waren die Massen endlich bekehrt und Lemmy konnte beruhigt abtreten. R.I.P.
Joe Dvorak (16.09.2023, 03:37):


Saxon - Battering Ram (Okt 2015)

Die Parallelen sind so verblüffend, dass ich einfach oben abschreiben kann. Auch einige treue Anhänger von Saxon gestehen ein, dass die Band, seit sie mit Call to Arms (2010) ihren Spätstil gefunden hat, wie auf Autopilot produziert. Die Alben gleichen sich, wirkliche Schwächen sind nicht auszumachen. Jedes tritt ordentlich in den Heini, hat zwei, drei Hammer-Songs, ein paar sehr gute und ein ein paar, mit denen man das Album auf ausreichende Spielzeit bringt. Das ist solides Handwerk, wenngleich wenig spektakulär. Damit keine Missverständnisse aufkommen: das gilt gemessen an den eigenen früheren Alben der Band. Aber damit stecken sie immer noch 99% der Konkurrenz, egal ob Nachwuchs oder etabliert, locker in den Sack. Wie Motörhead, die sich nie als Metal-Band verstanden haben, sind Saxon immer den Blues-Wurzeln verbunden geblieben und machen Metal für Blaumänner - Qualitätsarbeit ohne Firlefanz, veredelt mit einer modernen, druckvollen Klangproduktion.
Joe Dvorak (21.09.2023, 17:11):


Tiles - Pretending to Run (Apr 2016)

Man kann den Amerikanern von Tiles sicher nicht vorwerfen, sie würden Schnellschüsse produzieren. Seit sie 1994 mit ihrem unbetitelten Debüt die Szene betraten, ist das erst ihr sechstes Album. Stilistisch orientieren sie sich, wie viele andere hart und progressiv rockende Bands auch, an Dream Theater. Doch auch wenn sie auf diesem Album ihren Vorbildern streckenweise zum Verwechseln ähnlich klingen, handelt es sich nicht um eine zweitklassige Kopie. Im Gegenteil: Über mehr als drei Viertel der Spielzeit ist das das beste Album, das Dream Theater nie gemacht haben. Ambitioniert bis zum letzten Pit, mit Konzeptstory, Leitmotivik, durchdachten Arrangements, viel Virtuosität und mit einer beeindruckenden Liste von Gastmusikern, bei der man sich sofort fragt, wie das funktionieren soll. Die Miles-Davis-Alumni Mike Stern und Adam Holzman bedienen Saiten und Tasten, Ex-Dream Theater-Schlagzeuger Mike Protnoy hilft ein paar Mal aus, das 70er-Prog-Urgestein Ian Anderson steuert Flötentöne bei, ein Saxophon und ein Kammerorchester mit prominenter Oboe spielen auch mit, und ein Chor singt Vokalisen. Das Ganze funktioniert nicht nur, sondern ist auch stringent komponiert und über weite Strecken von fast schon beängstigender spielerischer Qualität. Trotz aufwendiger Produktion bleibt es bodenständig, denn Tiles sind im Kern ein Power-Trio (plus Sänger) und agieren immer wieder über längere Passagen als solches - nur Gitarre, Bass und Schlagzeug im heftig rockenden Jam-Modus ohne Overdubs. Das ist saustark, auch wenn man die alten Rush als weitere Vorbilder kaum verleugnen kann. Der Haken ist, dass es eine Doppel-CD werden musste und in der Mitte ein paar wirklich schwache Lieder, die Lichtjahre hinter den Rest zurückfallen, die Geschichte tragen mussten. Hier habe ich mal wieder meine Prinzipien über Bord geworfen (nämlich Alben immer komplett und in der von Band und Produzent vorgesehenen Reihenfolge anzuhören) und die Schere angesetzt. Wenn man die vier Rohrkrepierer rausschmeißt und das auf eine Einzel-CD eindampft, hat man ein musikalisch perfektes Album, aber die Story ergibt halt keinen Sinn mehr... (wobei ich zugeben muss, dass ich die auch als Ganzes nicht verstanden habe. :P )
Joe Dvorak (28.09.2023, 18:13):


Power Trip - Nightmare Logic (Feb 2017)

Das ist der dicke Gong. Ein solches Riff-Fest hat es seit den Debüts von Metallica, Exodus und Sepultura nicht mehr gegeben. Dass eine Nachwuchs-Band, die 30 Jahre später auf dieser Welle reitet, so frisch und unverbraucht klingt, ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Und doch klingt der Fünfer, als wären sie direkt aus den 80ern ins Heute gesprungen und sie schaffen es dabei verblüffenderweise, absolut zeitgemäß zu klingen. Daran hat nicht zuletzt der Produzent seinen Anteil, dem es gelingt, die zerstörerische Wut, mit der hier gespielt und gesungen wird, so zu kanalisieren, dass es einen schier erschläegt und doch eine warme Klang-Ästhetik bewahrt bleibt. Der Sänger, eigentlich ein Hardcore-Brüllwürfel, wurde nach hinten gemischt und mit viel Hall versehen und wirkt -regelrecht eingeklemmt zwischen den mächtigen Gitarrenwänden- noch desperater als die typischen Frontschreihälse. Ein paar wohldosierte elektronische Spielereien verstärken die Atmosphäre, die eine maschinelle Welt heraufbeschwört, welche von Wesen bevölkert wird, denen jede Bedeutung des Menschseins abhanden gekommen ist. Und man schreit ihnen entgegen: "You're waiting around to die". Der desolate Zustand der Erdbewohner in 32 Minuten gepresst - und mit was für Monster-Riffs!
Joe Dvorak (02.10.2023, 06:04):


Judas Priest - Firepower (Mrz 2018)

Angesichts der vielen Veteranen-Combos auf der Liste könnte man mich für einen Nostalgiker halten. Tatsache ist aber, dass die Altmeister mit einfachsten Mitteln die zeitgeistigen Jungspunde in Grund und Boden spielen. Mit Legendenstatus muss man beim 18. Album niemandem mehr etwas beweisen und kann auf Experimente und bemühte Originalität verzichten. Hier wird munter drauf los gerifft, nicht originell, aber sehr effektiv, es werden eingängige Melodielinien routiniert aus dem Ärmel geschüttelt und mitreißende Gitarrensoli zelebriert. Das klingt wie eine Mischung aus Painkiller und Rob Halfords Soloalbum Resurrection, beides absolute Top-Alben, und ist einfach gut, auch wenn der Sänger mit seinen 66 Jahren nicht mehr die berühmt-berüchtigten Höhen aufsucht, was ich durchaus verschmerzen kann. Dafür ist das Songwriting durchweg auf höchstem Niveau - die Aussetzer, die viele Priest-Alben verunstalten, fehlen hier völlig. Einen astreinen Klang gibt es als Extra obendrauf.
Joe Dvorak (06.10.2023, 05:50):


Whitesnake - Flesh & Blood (Mai 2019)

Heute Nacht ist die Nacht, alles wird gut, Baby. Selbst eingefleischte Whitesnake-Fans werden dem Ex-Deep Purple Frontmann David Coverdale kaum bescheinigen, ein begnadeter Lyriker zu sein, und ebenso wenig lassen sich misogyne Spurenelemente in seinen Texten ganz wegleugnen. Aber die blöden Texte sind Kult, vor allem, wenn man sie von jemandem hört, der stramm auf die 70 zugeht und trotzdem immer noch von kaum etwas anderem singt. Von der Stimme ist nicht mehr viel übrig, da musste die Technik unüberhörbar nachhelfen. Aber das macht nichts, denn ich höre Whitesnake nicht wegen des Gesangs, sondern weil der Bandchef bei der Auswahl der häufig wechselnden Musiker nie gespart hat und immer auf die Crème de la Crème zurückgriff. Die Liste der Gitarristen, die in dieser Band gespielt haben, liest sich wie ein Who is Who der Shredderszene - und deren 'Bändigung' in einer songorientierten, nach Massenpublikum schielenden Gruppe, ist ein Alleinstellungsmerkmal. Da konnte man über viele, wenn auch nicht alle Schwächen (allzu schlagerhafte Nummern, schmalzige Balladen) hinweghören.
So ist es auch hier, wobei ich behaupte, dass dies das konsistenteste Album ist, das die Weiße Schlange seit den 70ern abgeliefert hat. Sicher, auch hier gibt es zwei, drei grenzwertige Nummern, aber eben keine Totalausfälle. Auf der Habenseite stehen zahlreiche hervorragende Tracks, die sich im Ohr festsetzen, ohne aufdringlich zu sein. Und die beiden Gitarristen veredeln das Ganze, indem sie zeigen, dass sich Saitenhexerei und songdienliches Spiel nicht ausschließen müssen. Das ist eine wahre Quelle des Vergnügens. Auch produktionstechnisch ist das erste Sahne. Druckvoll und voluminös mit dem Quäntchen Dreck, das diese Musik braucht. Das Gebotene wirkt wie ein Querschnitt durch 45 Jahre Bandgeschichte. Rock, Blues, Balladen, Pop-Metal - alles dabei und fast alles richtig gut und wenn es mal nachlässt, dann reißen es die Gitarristen raus. Ich setze das auf Platz 2 im Albumranking der Band.
Joe Dvorak (07.10.2023, 01:48):


Angel Witch - Angel of Light (Nov 2019)

Mit ihrem selbstbetitelten Debütalbum legten die Engelhexen 1980 eines der einflussreichsten Alben der Metal-Historie vor. Danach ging es unstetig weiter, die Band löste sich immer wieder auf, um sich nach langen Pausen zu reformieren. Daher ist Angel of Light erst das sechste Album. Obwohl von der Originalbesetzung nur noch der Gruppenkopf übrig geblieben ist, knüpft man hier fast nahtlos an das Debüt an. Das ist stilistisch und klanglich britischer 80er-Metal in Reinkultur, mit treibenden Riffs, Twin-Lead-Gitarren und gelegentlichen Verbeugungen vor Black Sabbath, aber alles mit der ganz eigenen finsteren Note, die diese Band ebenso auszeichnet wie der charismatische und eigenwillige Gesangsstil. Auch vor dem Produzenten ist eine Verbeugung angezeigt. Hier ist es gelungen, den damals auf vielen Platten zu findenden, matschigen Sound zu emulieren, aber die Flachheit und Ducklosigkeit, die oft obendrauf kamen, zu vermeiden - ganz im Gegenteil. Und so ist aus diesem Album eine voll und ganz befriedigende Sache für Traditionalisten geworden.
Joe Dvorak (07.10.2023, 10:35):


Axel Rudi Pell - Sign of the Times (Mai 2020)

Axel Rudi Pell! Natürlich darf das Ruhrpotturgestein hier nicht fehlen. Er ist zwar nicht der größte Exportschlager, den wir haben, aber im Gegensatz zu bekannteren deutschen Hard & Heavy Bands, die die Szene polarisieren, wird ARP praktisch überall respektiert - nicht zuletzt, weil er trotz seines überragenden Könnens im Gegensatz zu vielen Saitenhexern dieser Liga nie Allüren entwickelt hat und weil er die Fans wie ein Uhrwerk (19 Alben in 30 Jahren) mit neuer Ware versorgt und dabei nie enttäuscht hat. Geboten wird jedes Mal traditioneller Hardrock mit starker metallischer Schlagseite und einem -zum Glück nicht übertriebenen- Hang zum epischen Bombast. Das Ganze natürlich mit vielen Gitarrensoli, die bei aller Virtuosität nicht ohne gefühlvolle Melodien und gelungenen Spannungsaufbau auskommen müssen. Die Alben ähneln sich, Überraschungen muss man mit dem Feldstecher suchen, aber es ist immer Qualitätsarbeit - Schnellschüsse sind Pells Sache nicht. Seine stärkste Phase hatte er um die Jahrtausendwende, besonders die Alben The Masequerade Ball (1998) und Oceans of Time (2000) sorgten für Aufsehen. Hier übernahm der bis dahin kaum bekannte Johnny Gioeli die zuvor mehrfach umbesetzte Position hinter dem Mikro und hält sie bis heute inne. Sein kraftvoller Gesang passt zur Musik wie die berühmte Faust aufs Auge. Mein Problem mit diesen Alben sind die ausufernden Songlängen jenseits der 10-Minuten-Marke und Laufzeiten von über einer Stunde. Um die vertiabel zu füllen, fehlt es einfach an Substanz und Abwechslung, und so gibt es neben großartigen Songs und Instrumentalparts auch repetitiv ausgewalzte Passagen und Füllmaterial. Hier kommt Sign of the Times ins Spiel, das mit nur einem Song knapp über die kritische 7-Minuten-Marke kommt und das kürzeste, aber auch bei weitem konsistenteste ARP-Album seit Einführung der CD ist. Wieder einmal gilt die alte Leier: Weniger ist mehr.
Joe Dvorak (15.10.2023, 01:50):


Sarke - Allsighr (Nov 2021)

Was als Ein-Mann-Projekt plus Gastsänger mit einer hemdsärmelig zusammengeschusterten, aber sehr liebenswerten Platte begann, ist mittlerweile zu einer hochprofessionell agierenden Band mit 7 Alben im Kasten angewachsen. Die Grundzutaten sind die gleichen geblieben, ein paar andere wurden im Laufe der Zeit vorsichtig dosiert hinzugefügt - verstärkter Keyboardeinsatz, Verwendung von akustischen Instrumenten, weiblicher Elfengesang. Mit Allsighr hat man sich wieder davon verabschiedet und ist zu den Anfängen zurückgekehrt, aber deutlich gereifter. Viel 70er Rock, eine ordentliche Portion traditioneller Metal, etwas Extreme-Metal sowie eine Messerspitze Gothic verschmelzen zu einem ganz eigenen Konglomerat, der markante Holzfällergesang macht das vollends unverwechselbar. Das ist geradlinig, freilich mit kleinen kompositorischen Haken hier und da - gerade genug, um zu zeigen, dass hier durchaus Hirn investiert wurde - und ganz selten, aber dann umso wirkungsvoller zeigen die Jungs, was für Chefs sie an ihren Instrumenten sind. Der Charme des Debüts fehlt natürlich, aber ansonsten ist Allsighr auf seine Art perfekt, wozu auch die ausgefeilte und druckvolle Produktion ihren Teil beiträgt.
Joe Dvorak (21.10.2023, 01:05):


Darkthrone - Astral Fortress (Apr 2022)

Darkthrone und Sarke teilen sich den Sänger und da drängt sich ein Vergleich auf, erst recht bei einer so markanten Stimme. Ein Rezensent brachte es trocken auf den Punkt: Sarke klingen so, wie Darkthrone klingen würden, wenn sie in den 35 Jahren ihres Bestehens gelernt hätten, ihre Instrumente zu beherrschen. Da ist was dran. Aber auch als B-Band sind die beiden Dunkelmänner längst eine Naturkonstante im metallischen Universum. Abseits von Moden und Trends machen sie ihr Retro-Proto-Extreme-Metal-Ding, ohne allzu rückwärtsgewandt zu klingen. Es gibt viel Doom, dazu 70's Metal, frühen Thrash, Punkeinflüsse und seltsamerweise klingen sie immer wie eine Black Metal Band, obwohl man in ihrer Musik schon seit Ewigkeiten keine Stilelemente mehr davon findet. Eine weitere Punktlandung des Rezensenten: Hey, es ist Darkthrone, also muss es Black Metal sein. Dem ist nichts hinzuzufügen.
Joe Dvorak (28.10.2023, 15:08):


Tygers of Pan Tang - Bloodlines (Mai 2023)

Eine weitere vermeintlich altgediente Combo, die aber lange Auszeiten hatte und bei der nur noch ein Gründungsmitglied mit von der Partie ist. Saubere Mischung aus melodischm Hardrock und Metal mit gelegentlichen Powerballaden in modernem Soundgewand, hervorragend gesungen, gespielt und produziert. Das klingt jetzt nicht sonderlich spektakulär, aber auch wenn es nichts Innovatives zu vermelden gibt, ist es ein rundum überzeugendes Album mit grossen Momenten geworden.
Joe Dvorak (29.10.2023, 17:59):


Fleshvessel - Promethean Fates Sealed (Jul 2023)

Ich kann mir keinen würdigeren Abschluss dieses Themas vorstellen. Natürlich gibt es auch hier Death-Metal-Geknüppel und Black-Metal-Raserei, aber es gibt noch so viel mehr. Ein Blick auf die Instrumentierung genügt. Viola, Tafelklavier (!), diverse Flöten, u.a. Okarina und Holz-Pikkolo, dazu Laute, Türharfe, Maultrommel und andere Exoten sowie Gastmusiker an Klarinette und Trompete - das ist Musik, die alle Genregrenzen negiert. Viele Gruppen haben das schon versucht, aber keine hat ein so kohärentes und 'logisches' Album vorgelegt. Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, was hier vor sich geht. Vergesst all jene, die dieses Album als chaotisch und unstrukturiert abtun. Ein klassisch geschultes Ohr erkennt, wie alles mit allem zusammenhängt, besonders beeindruckend der letzte Song, wenn die Band nach allem Aufruhr minutenlang in eine "New Age"-Klanglandschaft abtaucht, die dem geneigten Hörer eine alternative Welt jenseits von Hass und Gewalt zeigt. Allein dafür haben sich die letzten fünfzig Jahrzehnte Metal in all seinen dunklen Facetten gelohnt.
Joe Dvorak (04.11.2023, 04:21):
Ohne Statisik geht es nicht.

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Nach Herkunft:
UK - 64
USA - 60
Schweden - 14
Deutschland - 9
Norwegen - 8
Finnland - 5
Niederlande - 4
Dänemark, Irland, Rumänien, Schweiz - 2
Australien, Belgien, Brasilien, Italien, Polen - 1
Nach Subgenre:
Heavy (i.e.S.) - 55
Hardrock - 27
Progressive - 17
Black - 16
Death - 16
Power/Neoclassical - 11
Thrash - 10
Doom - 9
Punk/Hardcore/Metalcore - 9
Glam - 7
Nach Jahrzehnt:
70er - 24
80er - 64
90er - 31
00er - 39
ab 2010 - 19
Top Bands:
Saxon - 7
Judas Priest - 6
Black Sabbath - 5
Motörhead - 5
Iron Maiden - 4
Darkthrone - 3
Metallica - 3
Shining - 3
Joes Top 25
Black Sabbath - Black Sabbath (1970, UK, Doom)
Manowar - Into Glory Ride (1983, US, Heavy)
Montrose - Montrose (1973, US, Hardrock)
Exodus - Bonded by Blood (1985, US, Thrash)
Iron Maiden - Killers (1981, UK, Heavy)
H*l*c**st - The Nightcomers (1981, UK, Heavy)
Venom - Welcome to Hell (1981, UK, Heavy)
Judas Priest - British Steel (1980, UK, Heavy)
Tygers of Pan Tang - Wild Cats (1980, UK, Heavy)
Ratt - Out of the Cellar (1984, US, Glam)
Dream Theater - When Dream and Day Unite (1989, US, Progressive)
Power Trip - Nightmare Logic (2017, US, Thrash)
Bolt Thrower - Those Once Loyal (2005, UK, Death)
Saxon - Strong Arm of the Law (1980, UK, Heavy)
Praying Mantis - Time Tells no Lies (1981, UK, Heavy)
Cirith Ungol - King of the Dead (1984, US, Doom)
Cathedral - The Garden of Unholy Delight (2005, UK, Doom)
Yngwie Malmsteen - Rising Force (1984, SWE, Neoclassical)
Mötley Crue - Shout at the Devil (1983, US, Glam)
Rainbow - Rising (1976, UK, Hardrock)
Sepultura - Schizophrenia (1987, BRA, Thrash)
Motörhead - Bad Magic (2015, UK, Heavy)
Symphony X - Twilight in Olympus (1998, US, Progressive)
Rhapsody - Dawn of Victory (2000, ITA, Power)
Virtuocity - Secret Visions (2002, FIN, Neoclassical)