Brian Wilson neuer oder unbekannter Komponist?

bauniversum (01.03.2012, 23:39):
Guten Abend,
nun bin ich ja nicht gerade ein ausgewiesener Kenner dieser Musikszene hier im Forum. Eher mit einer vielleicht für den feinen und sensiblen Klassikliebhaber viel zu groben und derben Bandbreite des Musikgeschmacks ausgestattet, in dem klassische Musik auch eine leicht herausziehbare 'Schublade mit faszinierenden unterschiedlichsten Inhalten' ist. Und dann fehlen mir auch noch elementare Notenkenntnisse!
Und ich traue mich trotzdem hier etwas zu fragen, zur Diskussion zu stellen, ja sogar zu behaupten:
Durch einen mehr oder weniger grossen 'Zufall' bin ich auf einen Musiker gestossen, den ich zu meiner und seiner Jugendzeit (ich bin Jahrgang 49) lediglich als Mitglied einer Band angesehen habe, die für die Generation meiner Zeit tanzbare und hörbare 'Fun-Musik' gemacht hat. Es waren die Beach Boys und Brian Wilson. Und das gehörte folglich normalerweise nun gar nicht hierher.
Letzterer dürfte aufgrund seiner psychischen und physischen Daseinskrisen eigentlich gar keine so lange Lebenserwartung seit seiner Blüte - Alkohol- und Drogenzeit der 60-er Jahre gehabt haben.
Und doch: nach über 30-40-50 Jahren seiner Lebensstationen und eigenartigen 'Comebacks' und 'Schaffenszeit' scheint deutlich zu werden, dass diese damalige 'Surfband' einen der größten Komponisten der Neuzeit 'fast verschlissen und verschwendet hat'.. Als ich hörte, dass Leonard Bernstein sogar auf Brian Wilson aufmerksam machte, in dem er ihn als einen der größten Komponisten der Gegenwart oder Neuzeit bezeichnet haben soll, wollte ich es erst nicht glauben.
Doch als ich in den 'Hör- und Sehgenuss' des Live-Konzertauftrittes von Brian Wilson mit seinem aussergewöhnlichen Band-Orchester und seines 45-Minuten-Stückes 'Smile' kam, war mir klar, was Bernstein vielleicht meinte. Und noch mehr, als ich diesen 'Brian' Reimagines von George Gershwin' singen und spielen hörte.. Es gibt viele großartige Sänger, die 'Summertime' aus 'Porgy & Bess' stimmlich gewaltig zum Besten gegeben haben, aber wenn ich an das denke, was Gershwin eigentlich in der 'Leichtigkeit und Laszivität' dieses Stückes zum Ausdruck bringen wollte, ist Brian Wilson als sein 'komponierender Interpret' eine gelinde gesagt 'Sensation', die viele in dieser Branchenrichtung noch gar nicht wahrgenommen haben...
Gibt es jemand hier in diesem Forum, der meine wortreiche Ausführlichkeit zu diesem Thema toleriert und auch nachvollziehen kann, oder muss ich mich mit meiner 'Begeisterung' für die musikalische Genialität dieses Mannes allein begnügen?
satie (02.03.2012, 11:55):
Hallo,

hmm... und hmmmmm.....

Es ist schwierig, die Frage zu beantworten, ohne dass ich in ein Fettnäpfchen trete, aber ich versuchs mal. Die USA hat eine recht eigenwillige Musikgeschichte, und gerade die Komponisten, die in der zweiten Jahrhunderthälfte geboren wurden, differenzieren oft gar nicht mehr zwischen U- und E-Musik. Ob das gut oder schlecht ist, will ich selber nicht einmal zu beantworten versuchen.
Bernstein selbst war ein total eklektischer Komponist, der sowas wie eine Mischung aus Strawinsky und Broadway-Musical-Musik darstellt, insofern wundert es mich nicht, wenn er eine solche Aussage tatsächlich gemacht hätte. Er hat ja selbst auch Musicals komponiert.
Ich wüsste gerne die Quelle dafür.

Die Beach Boys gelten insbesondere in den USA als eine extrem wichtige Band der Rock- und Pop-Geschichte, und wenn man die Bereiche der ernsten und der populären Musik nicht wie bei uns so stark trennt, könntest Du mit Deiner Sichtweise durchaus richtig liegen.
Mir persönlich ist z.B. Smile durch und durch Pop/ Rock (die Amerikaner scheinen das alles eher Rock'n Roll zu nennen...). Insofern könnte ich aus meiner Sicht in Bezug auf den "Klassik"-Bereich Wilson in keinster Weise als bedeutenden Komponisten verstehen.

Herzlich,
S A T I E
Rideamus (02.03.2012, 12:36):
Vorab: ich mag große Teile der Musik, die im Zentrum dieses Forums steht. Manches liebe ich sogar sehr. Ich mochte auch die Beach Boys und würde mich auch heute überhaupt nicht mit Grausen vor der Vorstellung wenden, mal wieder mehr davon zu hören zu bekommen. Die späteren Entwicklungen Wilsons habe ich jedoch nicht weiter verfolgt und in "Smile" gerade mal auf YouTube hinein gehört. Was ich da höre, gefällt mir, scheint mir aber auch immer noch auf Gefälligkeit hin gebürstet. Um das wirklich würdigen zu können, müsste ich jedoch wieder noch viel mehr von dem Umfeld kennen. Deshalb nur vorläufig: wenn man Frank Zappa (m. E. mit Recht) als ernsthaften, wiewohl unausgeglichenen, Komponisten würdigen kann, warum nicht auch Brian Wilson?

Dennoch habe ich große Probleme damit, schon von der Musikgattung her auf die mögliche Qualität (oder deren Mangel) einer Musik bzw. eines Komponisten zu schließen (s.a. mein Motto unten). Gerade Bernstein hatte ein besonders offenes Ohr für zeitgenössische Popklänge: Bekanntlich pries er auch das Album SERGEANT PEPPER'S LONELY HEARTS CLUB BAND von den Beatles, und ich bin ziemlich sicher, dass das nicht ironisch gemeint war. Schließlich ließ er sich für seine MASS auch Texte von Paul Simon und dem Rockmusical-Komponisten Stephen Schwartz schreiben. Ein Lob von ihm für Brian Wilson, der schon zu seinen großen Zeiten bei den Beach Boys als besonders progressiver und begabter Komponist galt, erstaunt mich also wenig. Auch die wenigen ernst zu nehmenden deutschen Kritiker dieser Musik hoben damals schon den besonderen musikalischen Wert seiner Alben hervor.

Eine andere Frage ist allerdings, ob eine, bewusst "Klassikforum" genannte, Platform wie diese das ideale Umfeld für eine solche Neubewertung bietet. Die Trennungslinie verläuft hier ja weniger zwischen guter und weniger guter Musik, sondern zwischen einer gewissen Musiktradition und ihrer zeitgenössischen Fortschreibung unter der Rubrik E-Musik und dem, was man allgemein als U-Musik begreift. Jedenfalls habe ich die Erfahrung gemacht, dass schon Musicals, die m. E. allen Anspruch darauf hätten, mindestens so ernst genommen zu werden wie Operetten, in diesem Umfeld hier schon einer gewissen Geringschätzung unterliegen.

Ich nehme aber die Anregung gerne auf, einmal etwas aufmerksamer auf die Hervorbringungen von Brian Wilson zu achten.

:hello Rideamus
bauniversum (02.03.2012, 18:21):
Herzlichen Dank an Satie und Rideamus.
Beide Beiträge waren für mich sehr interessant. Zunächst einmal bereichert es ja den eigenen 'Musikhorizont', wenn man - meistens ja auch emotional mit beeinflusst - einen Künstler zur Disskussion stellt, der einen beeindruckt hat.
Und sowohl der kritische, aber durchaus auch objektive Ansatz in beiden Beiträgen, das das 'klassische Kompositions-Gerüst' in den USA einen ganz
speziellen Hintergrund oder Umfeld hat - und Leonard Bernstein denke ich muss man ähnlich aus seiner musikalischen und künstlerischen Art von der Prägung seines Landes her sehen - ist für mich interessant gewesen nachzuvollziehen.
Und von der Plattform dieses Forum hier richtig angesiedelt zu sein, um zu einer Bewertung oder Thematik anzuregen, bin ich mir ja auch nicht sicher.. Aber sicher bin ich mir in der Überzeugung, dass das heutige Umfeld vieler Menschen, die an 'klassischer Musik' interessiert sind, eine grosse Bandbreite der Toleranz und der Neugier gegenüber der Vielfalt an Musikrichtungen und Künstlern aufweist..
Wenn ich mir 'Smile' in seiner Gänze von ca. 45 Minuten anschaue (mal ungeachtet und undiskutiert der 'Neukompositionellen' Gershwin Interpretationen) dann bin ich einerseits 'gefangen' und iritiert zugleich in der musikalischen Strukturform von Brian Wilsons Komposition. Aber das Werk spiegelt für mich auch 'Zerissenheit und Sehnsüchte' aus seinen wie eine Achterbahn wirkenden Lebensstationen wider. In seiner eigenen Art der 'körperlichen Inszenierung' (wie das ja mitunter auch bei Dirigenten und Solisten spürbar wird) blicke ich auch wahrscheinlich auf einen Geist, der zwar wieder äußerst schaffensfreudig ist, dessen Grenzen ihm aber auch durch jahrelangen Drogen- und Alkoholmissbrauch, Nervenzusammenbrüche und Psychatrieaufenthalte aufgezeigt werden..
Wenn ich an die Vielzahl der Musikinstrumente oder experimentiellen instrumental und Geräuschklangkörper denke, die Wilson mit seinem Miniorchester dabei verwendet, dann erscheint er mir auch wie ein kleiner Junge in den Riesensandkästen der Strände Kaliforniens. Er soll so eine große Sandstrandkasten auf seinem Grundstück haben, in dem er ein Klavier hingestellt hat, um besser komponieren zu können..
So das war's , ich erwarte auch nicht unbedingt eine Fortsetzung des fruchtbaren Austausches, sondern bin eher auch mal daran interessiert, was meine Beitragskommentatoren selbst für Künstler oder Komponisten nennen würden, die sie ähnlich bedeutsam oder faszinierend finden wie ich es wahrscheinlich bei Brian Wilson durchklingen lassen..Dabei ist die 'klassische Stilrichtung' für mich überhaupt nicht entscheidend.. Das Wissen bringt uns weiter, nicht das Ignorieren...