Solitaire (13.05.2010, 19:51): „Diese Oper ist wie ein Denkmal für die Kinder, die es nicht überlebt haben...“
Brundibar
Das Kapitel „Brundibar“ ist das wohl eines der tragischsten Kapitel der Operngeschichte. Es muß erzählt und darf nicht vergessen werden. „Brundibar“ ist zunächst einmal eine Kinderoper des tschechischen Komponisten Hans Krasá. Sie erzählt die Geschichte der Kinder Pepicek und Aninka die mit ihrem Gesang Geld für die kranke Mutter sammeln wollen. Aber ihre zarten Stimmen sind zu schwach und werden von den Vorübereilenden nicht gehört. Der böse Leierkastenmann Brundibar will sie außerdem verjagen. Mit Witz, List und Solidarität gelingt es ihnen, gemeinsam mit vielen anderen Kindern und helfenden, sprechenden Tieren, Brundibar zu besiegen. Nichts kann den Chor der Kinder aufhalten, die jetzt alle gemeinsam singen. „Brundibar“ wurde als die schönste Kinderoper des 20. Jahrhunderts bezeichnet, und ich bin sehr geneigt, dem zuzustimmen. Die Musik ist anspruchvoll. Sie verlangt von den Kindern die sie singen musikalische Übung und eine gewisse Erfahrung. Aber es ist auch eine Musik, die Kindern zutraut, von ihnen bewältigt zu werden. Einzigartig in der Welt wird die Oper aber durch ihre Aufführungsgeschichte. „Brundibar“ wurde 1943 im KZ Theresienstadt von jüdischen Kindern aufgeführt. Zwischen 1943 und 1944 sangen und spielten die Kinder die Oper mehr als 50 mal. Wie jeder weiß, waren in Theresienstadt sehr viele Künstler inhaftiert. Den Nazis kamen künstlerische Bestrebungen im Lager entgegen. Sie tolerierten sie, weil es ihren Plan, aus dem Lager eine Art "Vorzeige-KZ" zu machen, entgegenzukommen schien. So gab es in Theresienstadt auch andere kulturelle Veranstaltungen. Daher viel es dem in Theresienstadt gefangenen Komponisten Hans Krasá relativ leicht, Musiker zu finden, die bereit waren, seine bereits 1938/39 in Prag entstandene und gespielte Oper zur Aufführung zu bringen. Gesungen werden sollte das Stück von Kindern. Es ist dieser Oper zu verdanken, daß diese Kinder, die in dieser entsetzlichen Wirklichkeit leben mussten, erfahren durften, daß das Leben auch schön sein kann. Daß sie einmal, einmal wenigstens, wie andere Kinder sein durften: aufgeregt im Zuschauerraum eines provisorischen Theaters sitzen und auf ein Theaterstück warten. Halb krank vor Lampenfieber hinter der Bühne stehen und auf ihren Auftritt warten. Sich verkleiden, singen, spielen, leben. Greta Klinsberg, die als Kind die Lager durchlitten und überlebt hat sagte später: "Sehen sie, in dem Augenblick, in dem wir zu singen begannen, vergaßen wir, wo wir sind. Das ist das großartige an dieser Oper."Hitler hatte einen unsäglichen Propagandafilm über das Lager in Auftrag gegeben. Unter dem zynischen Titel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" sollte die Welt in dem Glauben gehalten werden, die Lager seien gemütliche "Feriencamps". Aus diesem Grund wurde auch eine Aufführung von "Brundibar" gefilmt. Einige Meter Film sind erhalten geblieben ,unter anderem jene Szene, mit dem Schlussgesang aus "Brundibar". Diese Bilder sind das letzte Zeugnis der Kinder von Theresienstadt. Wenig später, im Oktober 1944 wurde der Komponist Hans Krasá nach Auschwitz deportiert und dort noch am Tag seiner Ankunft ermordet. Mit ihm nahezu alle Kinder des Ensembles und des Publikums. Nur sehr wenige haben überlebt. Einige dieser wenigen interviewte die Journalistin Hannelore Wonschick 1998 für ihr Radio Feature "Brundibar und die Kinder von Theresienstadt" und sie machte jedesmal die gleiche Erfahrung: die Menschen erzählten von ihren grauenvollen Erinnerungen. Stockend, oft weinend. Bis das Gespräch auf "Brundibar" kam. "Brundibar...Brundibar war wundervoll" "Brundibar! Das war ein Lichtblick für die Kinder. Sogar für die Erwachsenen. Es war enorm". "Brundibar hat den Kindern das Vertrauen gegeben. Die Welt kann auch schön sein. Die Welt unter Hitler war fürchterlich schwer. Aber die Welt kann schön sein. Wenn die Kinder auch dem Dachboden Brundibar gespielt haben war das Leben für sie schön" Die Oper ist in den letzten Jahren wiederentdeckt worden und wird häufig gespielt und niemand der sie sieht oder auch nur auf CD hört, kann dabei den Gedanken an die ersten Kinder verdrängen, die sie gespielt und gesungen haben. Rudolf Freudenfeldt, der ebenfalls überlebt und im Lager, als Erwachsener, die Proben geleitet hat schrieb Mitte der 60er Jahre: "In Theresienstadt kannte ein jeder Brundibar. Alle Kinder sangen die Melodien daraus, jeder sah es sich mehrmals an. Ich weiß nicht, wie viele überlebt haben. Aber man kann es überall auf der Welt versuchen. Man pfeife bloß irgendein Motiv aus unserer Oper und man wird sie finden. Sie werden sich zu erkennen geben."
Das erste Brundibar-Ensemble in Theresienstadt: http://www.drmk.ch/werke/wbilder/brundibar-finale.jpg
Severina (13.05.2010, 20:59): Liebe Mina, vielen Dank für diesen berührenden Artikel, der wieder einmal so manches Problemchen relativiert, das man zum Problem aufbauscht. Ich überlege nur, ob und wie man mit dem Wissen der Entstehungsgeschichte im Hinterkopf eine Aufführung von "Brundibar" heute aushalten könnte...... lg Severina :hello
Solitaire (13.05.2010, 22:14): Hallo Severina! Ich kenne die Oper bisher nur von der CD, aber ich denke nicht, daß man sie hören, sehen oder aufführen kann, ohne an die ersten Kinder zu denken die sie gespielt haben. Diese Oper wird wohl auf ewig mit ihrem Schicksal verknüpft sein.Es ist wohl wirklich so: die unzähligen Kinder, die kein Grab haben und nicht mal einen Namen, weil niemand überlebt hat, der ihren Namen hätte nennen können, haben mit dieser Oper zumindest ein Denkmal, ein Denkmal aus Musik. Ich finde die Musik wunderschön, aber natürlich zerreißt sie einem das Herz wenn man sie hört. Dennoch: Brundibar war für viele ein Symbol der Hoffnung, und ich denke, das sollte die Oper trotz allem auch heute sein. Vor einigen Jahren gab es eine Deutsch/Isralische Koproduktion der Oper die in beiden Ländern aufgeführt wurde, überhaupt wird die Oper hier in Deutschland und überall auf der Welt heute wieder häufig gespielt.
Der erhalten gebliebene Filmausschnitt mit dem Schlußchor der Oper aus Theresienstadt: Klick
Die gleiche Szene in späteren, glücklicheren Tagen. Das Bild ist schlecht, der Ton scheppert, aber das spielt in diesem einen Fall vielleicht mal keine Rolle.
Klick
Falls bei jemandem Interesse an der CD und/oder dem Radiofeature besteht, bitte per PN melden!
Solitaire (14.05.2010, 14:26): Bei Wikipedia bin ich auf einen kurzen Abriß zur Geschichte der Wiederentdeckung der Oper gestoßen, und erlaube mir, ihn hier zu zitieren:
Die Aufarbeitung der vergessenen Kinderoper begann Ende der 1970er Jahre, als die Benediktinerschwester Veronika Grüters auf der Suche nach der Geschichte ihrer Familie zufällig auf den Stoff der Oper stieß. Sie rekonstruierte eine Fassung des „Brundibár“ anhand eines Klavierauszugs in tschechischer und hebräischer Sprache und konnte so 1985 die erste Brundibar-Aufführung in Deutschland verwirklichen. 1994 wurde die Oper erstmals im Görlitzer Musiktheater aufgeführt. Das Landesjugendorchester Sachsen (D), der Kinderchor Severácek Liberec (CZ), der Knabenchor Jelenia Góra (PL) und SchülerInnen des Augustum-Annen-Gymnasiums Görlitz erarbeiteten das Werk unter der musikalischen Leitung von Reinhard Seehafer. Im Anschluss an diese Aufführungen fand die französische Erstaufführung der Kinderoper im Amphitheater "Jean Cocteau" statt. Mitte der 1990er Jahre nahm sich die Organisation „Jeunesses Musicales“ der Oper an und initiierte in Kooperation mit anderen Institutionen Pilotprojekte, in denen Arbeitshilfen für die Aufführung der Oper erstellt wurden. Höhepunkt dieses Projektes waren gemeinsame Aufführungen durch den Tölzer Knabenchor, die Polnischen Nachtigallen und den Prager Kinderchor, die hintereinander in Berlin, Warschau und Prag die Oper in der jeweiligen Landessprache aufführten. 1995 wurde die Kinderoper als Teil eines Schul- und Erinnerungsprojektes mit dem überlebenden Zeitzeugen Herbert Thomas Mandl am Gymnasium Tanzenberg von ARBOS - Gesellschaft für Musik und Theater zum ersten Mal in Österreich gezeigt. In Israel wurde die Oper durch eine Produktion des Mecklenburgischen Staatstheaters Schwerin gegeben. Die Kinderoper wird auch an Schulen und Theatern – teils als Klavierfassung, seltener in der vollständigen Theresienstädter Orchesterfassung – aufgeführt. Dabei wird die Oper, die eine Spieldauer von ca. 35 min hat, mit Vorträgen von Zeitzeugen und Ausstellungen verbunden.
Heike (14.05.2010, 19:43): Liebe Solitaiere, danke für diesen Artikel. Ich weiß gar nicht so richtig, was ich dazu schreiben soll, so berührt mich das.
Normalerweise mag ich Kinderchöre oder auch Knabenchöre ganz und gar nicht, auch Kinderopern sind nicht mein Genre - aber in diesem besonderen Fall kann man gar nicht anders, als sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Ich habe mal bei amazon geschaut, es gibt ein Buch über diese Kinder (das von der Rezensentin der SZ beim Erscheinen gelobt wurde), das habe ich auf meine Wunschliste gesetzt:
Wir alle wissen um die vielen ermordeten Kinder in Auschwitz, Theresienstadt und anderswo. Aber wenn einzelne dieser Kinder eine persönliche Geschichte, ein Gesicht oder eine Stimme bekommen, dann werden diese Verbrechen mir nochmal ganz besonders schrecklich gegenwärtig. Heike
Solitaire (14.05.2010, 21:58): Liebe Heike,
danke für diesen Buchtip! Bei uns in Remscheid wurde die Oper vor einigen Jahren gespielt, einstudiert u.a. von der Chorleiterin in deren Chor ich jeden Donnerstag singe, und durch die ich in meiner Kindheit überhaupt zum Chorsingen gekommen bin. Schändlicherweise habe ich die Aufführung verpasst, weil ich im Urlaub oder krank war oder sonst irgendein dämlicher Grund mich daran gehindert hat.
Rideamus (15.05.2010, 11:02): Liebe Mina,
nachträglich noch vielen Dank dafür, dass Du auf diesee Werk aufmerksam gemacht hast, das sich, das sollte man nicht vergessen, auch lohnt, wenn man seine Entstehungsgeschichte nicht kennt.
Ich hatte es in einem anderen Forum mal zum Auftakt eines meiner allerersten Rätsel gemacht, und dabei diese Aufnahme beworben, die es zu Glück immer noch gibt:
Sie ist auch insofern bemerkenswert und lohnt die Anschaffung, weil sie ein sehr gutes Hörspielfeature enthält, welches die Entstehung des Werkes und sein späteres Schicksal dokumentiert.
Damals vergaß ich leider die Erwähnung dieses vorzüglichen Buches von Maurice Sendak, das sich schon deswegen lohnt, weil es nicht nur die Geschichte der Oper unübertrefflich illustriert, sondern mit vielen subtilen Hinweisen innerhalb der Bilder einen idealen Einstieg in den Hintergrund der Oper bietet, den man so auch schon Kindern erklären kann, ohne sie zu überfordern. Nicht nur ein Kinderbuch für Erwachsene, sondern auch ein sehr erwachsenes - und nebenbei auch noch wunderbar einfallsreich illustriertes - Buch für Kinder, denen noch vorgelesen und erklärt wird.
:hello Rideamus
Solitaire (15.05.2010, 20:07): Hallo Rideamus! Natürlich hast du recht, die Oper ist auch ohne den geschichtlichen Hintergrund lohnend. Die Musik ist wirklich ganz wunderschön! Ich habe sie gestern Abend noch gehört, und zwar genau die von dir empfohlene CD, die ich mir mal zum Geburtstag habe schenken lassen. Das Buch kenne ich leider nicht. Übrigens kann man sich mal wieder nur wundern wie dumm die Nazis waren: ich an ihrer Stelle hätte ja was dagegen gehabt eine Oper auführen zu lassen, in der ein böser Tyrann vertrieben wird und vielleicht eher auf "Hänsel und Gretel" bestanden. :ignore