Buh-Rufe und Pfiffe in der Oper, im Konzert....

Atilla (23.12.2006, 09:46):
Hallo,

ich habe gerade ein paar Artikel über den Skandal im Mailand mit Roberto Alagna gelesen und überlege jetzt, ob ich Verständnis für die Pfiffe haben soll oder Mitleid mit dem Sänger. Ich tendiere wohl eher zu dem Mitleid. Ich war ja nicht dabei und kann mir nur ein Bild aus den Zeitungsartikeln machen. Die erste Aufführung habe ich allerdings im Radio gehört und da hat mir Alagna fast durchweg ganz gut gefallen. Ich mag seine Stimme, kann es nur nicht leiden, wenn er weinerlich werden will.
In der zweiten Aufführung wurde er dann wohl schon mit Buh-Rufen begrüßt, dann nach der "Celeste Aida" Arie ausgepfiffen, daraufhin hat er die Bühne verlassen.
Ist es nun berechtigt, wenn man mit der Leistung eines Sängers nicht zufrieden ist, ihn auszubuhen? Man hat ihm ja praktisch keine Chance gegeben, sich einzusingen. Und die Arie ist wohl auch nicht ganz ohne Schwierigkeiten zu singen.
Ich bin auch manchmal enttäuscht gewesen über Sänger und deren Leistungen in der Oper, aber laut Buh zu rufen habe ich mich nie getraut. Ich empfinde es irgendwie als unhöflich. Eher verweiger ich den Beifall. Allerdings bin ich auch kein großer Bravo Rufer, da klatsche ich eher lauter. Und Pfeifen empfinde ich sowieso als eher kulturlos (das mag in Italien anders sein).
Wie geht ihr mit Enttäuschungen in der Oper oder im Konzert um?

Gruß Atilla
satie (23.12.2006, 18:45):
Lieber Atilla,

das ist doch mal ein schönes Thema! Darüber wird wenig gesprochen. Zunächst muss man sich im klaren sein, dass das italienische Opernpublikum schon immer sehr direkt war. Es war früher nicht ungewöhnlich, wenn die Leute besonders schöne Arien und Chöre stimmkräftig aus dem Publikum begleitet haben, auch hat man wohl gerne zwischendurch, also bei Orchesterzwischenspielen oder Überleitungen schon stark geklatscht und gejubelt, wenn einem das eben gehörte gefallen hat. Da capo konnte durchaus irgendwo während der Oper vorkommen. Nun kann man sich vorstellen, dass es auch nicht verborgen wurde, wenn den Leuten die Darbietung nicht gefiel. In dem von Dir geschilderten Fall kenne ich die Hintergründe nicht, manchmal werden solche Skandale auch inszeniert (wie etwa der berühmte Tannhäuser-Skandal). Es muss nur eine Handvoll Leute im Publikum geben, die den Sänger nicht ausstehen können (warum auch immer) und schon ziehen viele mit. Der Tumult wird dann am größten, wenn es zwei extrem gegensätzliche Parteien gibt. Das kann man etwa am Sacre-Du-Printemps-Skandal sehen, wo am Ende Schlägereien und Zertrümmerung des Mobiliars standen und die Polizei massiv eingreifen musste. Im Fall des Sacre lag das kaum an der Musik, wenn überhaupt an etwas künstlerischem, dann an der Choreographie des Tänzers Nijinski.
Aber was ist nun meine Meinung zu all dem? Ich bin da gespalten. Ich persönlich neige dazu, mich ruhig zu verhalten, egal, ob mir das gezeigte gefallen hat oder nicht. Und doch denke ich mitunter, es wäre besser, auch sein Missfallen zum Ausdruck zu bringen. Ein Beispiel: der berühmte Posaunist Lindberg spielte hier in Berlin einmal ein Stück von Luciano Berio in der Philharmonie. Dabei trat er in Cowboystiefeln und Lederhose auf, mit Fransenhemd. Den Kaugummi hatte er wahrscheinlich rausgenommen. Er spielte so was von rotzig und bewusst nicht den Normen entsprechend, dass schon das einSkandal hätte sein können. Aber auch die musikalische Leistung war einfach nur, man verzeihe mir den Ausdruck, Onanie. Natürlich musste er dann noch zwei Encores spielen, davon war eines "My funny Valentine", ein Jazzstandard, der in dieser Form jedem Jazzer die Schuhe ausziehen musste. Aber es wurde nur geklatscht, und zwar frenetisch. Das schien mir eher etwas soziologisches zu sein, denn die Leute fahren ja ab auf Stars wie Nigel Kennedy und Vanessa Mae, die der Meinung sind, man müsse das alles jetzt zu Rockevents umfunktionieren. Ich wäre dagegen froh, einfach mal gute Konzerte zu hören.
Der langen Rede kurzer Sinn: ich bin zu feige, um auch mal Buh zu rufen. Wenn ich es für gerechtfertigt halte, habe ich nichts dagegen, wenn andere ihr Unbehagen laut äussern.

Herzlich

S A T I E
sennahresor (25.12.2006, 11:28):
Also ich würde sagen: Im Konzert ist es in 95% der Fälle ungehörig, zu buhen. Wenn jemand versagt, dann hatte er doch normalerweisen einfach eine Erkältung, war nervös oder sonstwas.

In der Oper sehe ich das aber anders, da gehört es dazu. Denn leider werden allzu oft Sänger engagiert, die mit ihren Partien komplett überordert sind und alleine schon deshalb die Finger davon lassen sollten, weil sie sich ihre Stimme ruinieren.
Bei normalen Repertoire-Vorstelungen sollte Buh-Rufen sicher für totale Katastrophen reserviert werden, aber bei Premieren gehört es auf jeden Fall dazu. Und da kenne ich auch nichts; schlechte Leistungen gehören entsprechend quittiert. Im übrigen muß das Publikum auch gegenüber dem Intendanten, der ja für zweifelhafte Engagements verantwortlich ist, zeigen, wo die Toleranzgrenze liegt. Und wenn der Intendant der Scala nicht sieht, daß Alagna in Aida unter der Würde eines Hauses ist, in dem Caruso, Gigli, Di Stefano usw. Erfolge gefeiert haben, dann muß eben das Publikum regulierend eingreifen.
Ich finde es viel ungerechter, wenn bei einem qualitativ unterschiedlichen Ensemble alle mit so einem lauwarmen Standart-Beifall bedacht werden, da tun mir dann die GUTEN Sänger wirklich leid.

Und noch was: Buhen ist meiner Meinung nach für Qualitätsfragen reserviert. Wenn mir eine Inszenierung oder ein Dirigat mal nicht gefällt, weil ich sie/es zu modern oder zu konservativ finde (letzteres ist m. E. schlimmer), dann ist das eine Angelegenheit des Geschmacks, der persönlichen Vorliebe und nicht der Qualität. Hier finde ich Buh-Rufe unangemessen.

Viele Grüße, Hannes
cellodil (25.12.2006, 12:15):
Ich kann nur sagen, wie ich es persönlich halte, wenn ich zu meinem Privatvergnügen irgendwelchen Veranstaltungen beiwohne...

Grundsätzlich bin ich dann denen, die auf der Bühne ihren Kopf hinhalten, gegenüber großzügig. Die haben - wie wir alle - ihre guten und ihre schlechten Tage. Selbstverständlich ärgert es mich, wenn ich mich auf einen Abend, ein Programm, einen bestimmten Interpreten gefreut habe und Herr M. oder Herr S. oder Frau K. dann an diesem Abend leider ein Formtief hat. Schlimmstenfalls gehe ich dann in der Pause. Aber in der Regel gibt es dann irgendwann eine zweite Chance und ich kann Herrn M. oder Frau K. doch noch in der Blüte ihrer Kunst erleben.

Von mir gibt's also keine Buh-Rufe für diejenigen, die auf der Konzert- oder Opernbühne stehen. Allenfalls, wenn's besonders wunderbar ist, ein "Bravo".

Was mich hingegen wirklich so weit aufbringt, dass ich meinem Ärger mit "Buh"-Rufen Luft verschaffen muss, das sind miserable Inszenierungen (egal ob Oper, Schauspiel oder Ballett). Meiner Meinung nach ist das nämlich nicht nur eine Frage des persönlichen Geschmacks. Inszenierungen mit leeren Bildern, also solchen, die nichts transportieren - seien sie nun nur fade-einfallslos oder effekthascherisch (was auf eine andere Art gleichfalls einfallslos ist), finde ich einfach eine Zumutung. Für das Publikum und auch für diejenigen, die jeden Abend mit diesem Stumpfsinn auf der Bühne stehen müssen, die für eine Inszenierung eines Regisseurs, der in der Mehrzahl der Fälle schon längst wieder anderswo sein Unwesen treibt, ihren Kopf hinhalten müssen.

Gelegenheit, sich über eine miserable Inszenierung lautmalerisch zu ereifern, gibt's freilich nur bei der Premiere, weil nur da beim Schlussapplaus die "Herren (oder bisweilen auch Damen) in Schwarz" mit auf der Bühne sind. Aber für die kann es von mir da schon mal "Buhs" geben.

Grüße

Sabine
Jeremias (25.12.2006, 14:09):
Also, ich gehe ja regelmässig ins Konzert oder in die Oper, aber Buh-Rufe habe ich noch nie von mir gegeben und werde es auch nie tun. Ich spiele ja selber Klavier und weiss, wie schwer es ist, jedes mal auf's Neue eine Top-Leistung zu bringen und ich weiss, wieviel Arbeit in der Erarbeitung des Repertoires steckt. Natürlich habe ich oftmals sehr hohe Erwartungen an den Künstler. Wenn diese dann aber nicht erfüllt werden, dann kommt es allenfalls vor, dass ich mich des Applaus enthalte.
Ganong (26.12.2006, 17:51):
Frage :

Kann nicht auch das / ein Publikum versagen ?

es gibt genug Beispiele , dass die grössten teile des publikums mit Werken in Konzertsälen wie auf der Opernbühne überhaupz nicht vertraut gewesen sind .

Da Italien angesprochen worden ist . Mehr als in Italiens Opernhäusern dürften die nicht besonders geschätzten Sängerinnen und Sänger z. B. in Wien einen extrem schweren Stand , zumindest früher , gehabt haben !

Das beste Beispiel , das ich kenne , ereignete sich in Neapel , als der Bariton MacNeil einmal furchtbar ausgebuht und ausgepfiffen worden ist . MacNeil antwortet laut :"Haltets Maul , Ihr Trottel!" . Es ging kurz tumultös weiter in Parkett und auf den Rängen .

MacNeil war da schon längst beim Abschminken . Bravo !

Schlimm ist es auch , wenn ein Publikum bei seinem Sängerlieblimng schon vor dem ersten Ton in extatische Verzückungen gerät und fast nicht mehr zu beruhigen ist . Beispiele gibt es genug , so dass ich auf eine Aufzählung verzichten möchte . Jeder dürfte die wie bezahlt wirkenenden "Fan-Clubs" auch in klweineren Häusern kennen und schon erlebt haben . Einfach furchtbar .

Besondesr übel die Erinnerungan Del Monacos "Esultate" ( verdi ; Otello 9 in Tokyo , als rund 2 500 Menschen zu Beginn seines ungemein schweren Beginnes nahzu komplett zu jubeln begonnen haben .

Grüsse ,

Frank
Atilla (23.12.2006, 09:46):
Hallo,

ich habe gerade ein paar Artikel über den Skandal im Mailand mit Roberto Alagna gelesen und überlege jetzt, ob ich Verständnis für die Pfiffe haben soll oder Mitleid mit dem Sänger. Ich tendiere wohl eher zu dem Mitleid. Ich war ja nicht dabei und kann mir nur ein Bild aus den Zeitungsartikeln machen. Die erste Aufführung habe ich allerdings im Radio gehört und da hat mir Alagna fast durchweg ganz gut gefallen. Ich mag seine Stimme, kann es nur nicht leiden, wenn er weinerlich werden will.
In der zweiten Aufführung wurde er dann wohl schon mit Buh-Rufen begrüßt, dann nach der "Celeste Aida" Arie ausgepfiffen, daraufhin hat er die Bühne verlassen.
Ist es nun berechtigt, wenn man mit der Leistung eines Sängers nicht zufrieden ist, ihn auszubuhen? Man hat ihm ja praktisch keine Chance gegeben, sich einzusingen. Und die Arie ist wohl auch nicht ganz ohne Schwierigkeiten zu singen.
Ich bin auch manchmal enttäuscht gewesen über Sänger und deren Leistungen in der Oper, aber laut Buh zu rufen habe ich mich nie getraut. Ich empfinde es irgendwie als unhöflich. Eher verweiger ich den Beifall. Allerdings bin ich auch kein großer Bravo Rufer, da klatsche ich eher lauter. Und Pfeifen empfinde ich sowieso als eher kulturlos (das mag in Italien anders sein).
Wie geht ihr mit Enttäuschungen in der Oper oder im Konzert um?

Gruß Atilla
satie (23.12.2006, 18:45):
Lieber Atilla,

das ist doch mal ein schönes Thema! Darüber wird wenig gesprochen. Zunächst muss man sich im klaren sein, dass das italienische Opernpublikum schon immer sehr direkt war. Es war früher nicht ungewöhnlich, wenn die Leute besonders schöne Arien und Chöre stimmkräftig aus dem Publikum begleitet haben, auch hat man wohl gerne zwischendurch, also bei Orchesterzwischenspielen oder Überleitungen schon stark geklatscht und gejubelt, wenn einem das eben gehörte gefallen hat. Da capo konnte durchaus irgendwo während der Oper vorkommen. Nun kann man sich vorstellen, dass es auch nicht verborgen wurde, wenn den Leuten die Darbietung nicht gefiel. In dem von Dir geschilderten Fall kenne ich die Hintergründe nicht, manchmal werden solche Skandale auch inszeniert (wie etwa der berühmte Tannhäuser-Skandal). Es muss nur eine Handvoll Leute im Publikum geben, die den Sänger nicht ausstehen können (warum auch immer) und schon ziehen viele mit. Der Tumult wird dann am größten, wenn es zwei extrem gegensätzliche Parteien gibt. Das kann man etwa am Sacre-Du-Printemps-Skandal sehen, wo am Ende Schlägereien und Zertrümmerung des Mobiliars standen und die Polizei massiv eingreifen musste. Im Fall des Sacre lag das kaum an der Musik, wenn überhaupt an etwas künstlerischem, dann an der Choreographie des Tänzers Nijinski.
Aber was ist nun meine Meinung zu all dem? Ich bin da gespalten. Ich persönlich neige dazu, mich ruhig zu verhalten, egal, ob mir das gezeigte gefallen hat oder nicht. Und doch denke ich mitunter, es wäre besser, auch sein Missfallen zum Ausdruck zu bringen. Ein Beispiel: der berühmte Posaunist Lindberg spielte hier in Berlin einmal ein Stück von Luciano Berio in der Philharmonie. Dabei trat er in Cowboystiefeln und Lederhose auf, mit Fransenhemd. Den Kaugummi hatte er wahrscheinlich rausgenommen. Er spielte so was von rotzig und bewusst nicht den Normen entsprechend, dass schon das einSkandal hätte sein können. Aber auch die musikalische Leistung war einfach nur, man verzeihe mir den Ausdruck, Onanie. Natürlich musste er dann noch zwei Encores spielen, davon war eines "My funny Valentine", ein Jazzstandard, der in dieser Form jedem Jazzer die Schuhe ausziehen musste. Aber es wurde nur geklatscht, und zwar frenetisch. Das schien mir eher etwas soziologisches zu sein, denn die Leute fahren ja ab auf Stars wie Nigel Kennedy und Vanessa Mae, die der Meinung sind, man müsse das alles jetzt zu Rockevents umfunktionieren. Ich wäre dagegen froh, einfach mal gute Konzerte zu hören.
Der langen Rede kurzer Sinn: ich bin zu feige, um auch mal Buh zu rufen. Wenn ich es für gerechtfertigt halte, habe ich nichts dagegen, wenn andere ihr Unbehagen laut äussern.

Herzlich

S A T I E
sennahresor (25.12.2006, 11:28):
Also ich würde sagen: Im Konzert ist es in 95% der Fälle ungehörig, zu buhen. Wenn jemand versagt, dann hatte er doch normalerweisen einfach eine Erkältung, war nervös oder sonstwas.

In der Oper sehe ich das aber anders, da gehört es dazu. Denn leider werden allzu oft Sänger engagiert, die mit ihren Partien komplett überordert sind und alleine schon deshalb die Finger davon lassen sollten, weil sie sich ihre Stimme ruinieren.
Bei normalen Repertoire-Vorstelungen sollte Buh-Rufen sicher für totale Katastrophen reserviert werden, aber bei Premieren gehört es auf jeden Fall dazu. Und da kenne ich auch nichts; schlechte Leistungen gehören entsprechend quittiert. Im übrigen muß das Publikum auch gegenüber dem Intendanten, der ja für zweifelhafte Engagements verantwortlich ist, zeigen, wo die Toleranzgrenze liegt. Und wenn der Intendant der Scala nicht sieht, daß Alagna in Aida unter der Würde eines Hauses ist, in dem Caruso, Gigli, Di Stefano usw. Erfolge gefeiert haben, dann muß eben das Publikum regulierend eingreifen.
Ich finde es viel ungerechter, wenn bei einem qualitativ unterschiedlichen Ensemble alle mit so einem lauwarmen Standart-Beifall bedacht werden, da tun mir dann die GUTEN Sänger wirklich leid.

Und noch was: Buhen ist meiner Meinung nach für Qualitätsfragen reserviert. Wenn mir eine Inszenierung oder ein Dirigat mal nicht gefällt, weil ich sie/es zu modern oder zu konservativ finde (letzteres ist m. E. schlimmer), dann ist das eine Angelegenheit des Geschmacks, der persönlichen Vorliebe und nicht der Qualität. Hier finde ich Buh-Rufe unangemessen.

Viele Grüße, Hannes
cellodil (25.12.2006, 12:15):
Ich kann nur sagen, wie ich es persönlich halte, wenn ich zu meinem Privatvergnügen irgendwelchen Veranstaltungen beiwohne...

Grundsätzlich bin ich dann denen, die auf der Bühne ihren Kopf hinhalten, gegenüber großzügig. Die haben - wie wir alle - ihre guten und ihre schlechten Tage. Selbstverständlich ärgert es mich, wenn ich mich auf einen Abend, ein Programm, einen bestimmten Interpreten gefreut habe und Herr M. oder Herr S. oder Frau K. dann an diesem Abend leider ein Formtief hat. Schlimmstenfalls gehe ich dann in der Pause. Aber in der Regel gibt es dann irgendwann eine zweite Chance und ich kann Herrn M. oder Frau K. doch noch in der Blüte ihrer Kunst erleben.

Von mir gibt's also keine Buh-Rufe für diejenigen, die auf der Konzert- oder Opernbühne stehen. Allenfalls, wenn's besonders wunderbar ist, ein "Bravo".

Was mich hingegen wirklich so weit aufbringt, dass ich meinem Ärger mit "Buh"-Rufen Luft verschaffen muss, das sind miserable Inszenierungen (egal ob Oper, Schauspiel oder Ballett). Meiner Meinung nach ist das nämlich nicht nur eine Frage des persönlichen Geschmacks. Inszenierungen mit leeren Bildern, also solchen, die nichts transportieren - seien sie nun nur fade-einfallslos oder effekthascherisch (was auf eine andere Art gleichfalls einfallslos ist), finde ich einfach eine Zumutung. Für das Publikum und auch für diejenigen, die jeden Abend mit diesem Stumpfsinn auf der Bühne stehen müssen, die für eine Inszenierung eines Regisseurs, der in der Mehrzahl der Fälle schon längst wieder anderswo sein Unwesen treibt, ihren Kopf hinhalten müssen.

Gelegenheit, sich über eine miserable Inszenierung lautmalerisch zu ereifern, gibt's freilich nur bei der Premiere, weil nur da beim Schlussapplaus die "Herren (oder bisweilen auch Damen) in Schwarz" mit auf der Bühne sind. Aber für die kann es von mir da schon mal "Buhs" geben.

Grüße

Sabine
Jeremias (25.12.2006, 14:09):
Also, ich gehe ja regelmässig ins Konzert oder in die Oper, aber Buh-Rufe habe ich noch nie von mir gegeben und werde es auch nie tun. Ich spiele ja selber Klavier und weiss, wie schwer es ist, jedes mal auf's Neue eine Top-Leistung zu bringen und ich weiss, wieviel Arbeit in der Erarbeitung des Repertoires steckt. Natürlich habe ich oftmals sehr hohe Erwartungen an den Künstler. Wenn diese dann aber nicht erfüllt werden, dann kommt es allenfalls vor, dass ich mich des Applaus enthalte.
Ganong (26.12.2006, 17:51):
Frage :

Kann nicht auch das / ein Publikum versagen ?

es gibt genug Beispiele , dass die grössten teile des publikums mit Werken in Konzertsälen wie auf der Opernbühne überhaupz nicht vertraut gewesen sind .

Da Italien angesprochen worden ist . Mehr als in Italiens Opernhäusern dürften die nicht besonders geschätzten Sängerinnen und Sänger z. B. in Wien einen extrem schweren Stand , zumindest früher , gehabt haben !

Das beste Beispiel , das ich kenne , ereignete sich in Neapel , als der Bariton MacNeil einmal furchtbar ausgebuht und ausgepfiffen worden ist . MacNeil antwortet laut :"Haltets Maul , Ihr Trottel!" . Es ging kurz tumultös weiter in Parkett und auf den Rängen .

MacNeil war da schon längst beim Abschminken . Bravo !

Schlimm ist es auch , wenn ein Publikum bei seinem Sängerlieblimng schon vor dem ersten Ton in extatische Verzückungen gerät und fast nicht mehr zu beruhigen ist . Beispiele gibt es genug , so dass ich auf eine Aufzählung verzichten möchte . Jeder dürfte die wie bezahlt wirkenenden "Fan-Clubs" auch in klweineren Häusern kennen und schon erlebt haben . Einfach furchtbar .

Besondesr übel die Erinnerungan Del Monacos "Esultate" ( verdi ; Otello 9 in Tokyo , als rund 2 500 Menschen zu Beginn seines ungemein schweren Beginnes nahzu komplett zu jubeln begonnen haben .

Grüsse ,

Frank
Solitaire (20.03.2008, 17:34):
Ich habe natürlich auch schon Sänger gehört, die mir ganz und gar nicht gefallen haben, aber noch nie hatte ich das Bedürfnis, sie auszubuhen. Ich finde das bösartig, gemein und vollkommen unangebracht.
Wenn es sich um „Kleinigkeiten“ (der eine oder andere in den Sand gesetzte Spitzenton, gelegentliches forcieren etc.) bei einer ansonsten fesselnden Darbietung handelt, halte ich Ausbuhen ohnehin für überzogen, singt ein Sänger (Frauen sind auch gemeint, ich hasse das feminstische „Sänger/In“) jedoch tatsächlich so schlecht, daß Buhrufe nachvollziehbar wären, weiß er das in aller Regel selbst, und es wird ihm damit auf der Bühne schlecht genug gehen, man muß ihn nicht noch zusätzlich fertig machen. Wie schon jemand geschrieben hat: man kann ja sparsam im Applaus sein, aber Buhrufe, womöglich noch während der Vorstellung, wenn der arme Kerl noch 1 ½ Stunden vor sich hat, sind unterste Schublade.

Das Bedürfnis Regisseure auszubuhen, hatte ich allerdings schon häufiger (Tendenz steigend), aber die Höflichkeit hat mich bisher davon abgehalten.

Was mich aber ebenso stört, sind nicht enden wollende Begeisterungsorgien mitten während der Aufführung. Ich kann ja verstehen, wenn es mit einem durchgeht, und nach manchen Arien (Eiskaltes Händchen etc.) mag es ja auch okay sein lautstark zu applaudieren, aber ich will keine Bravoschreie hören, kaum daß Paminas „Ach ich fühl’s“ oder Werthers „Lorsque l’enfant“ verklungen sind. Manchmal ist Schweigen eine weit größere Anerkennung, als jedes Gebrüll, und ich denke, daß man den Unterschied zwischen ernüchtertem und erschüttertem Schweigen hört.
Mime (11.04.2008, 09:36):
Liebe Solitaire,

du sprichst mir aus der Seele. Und du hast genau die richtigen Worte dafür gefunden. Danke!
:hello
Amadé (11.04.2008, 18:47):
Original von Solitaire:
Was mich aber ebenso stört, sind nicht enden wollende Begeisterungsorgien mitten während der Aufführung.

Aus diesem Grund kaufe ich äußerst selten Opern-Mitschnitte von Mozart. Nach jeder Arie wird mehr oder weniger geklatscht, da ist doch die Stimmung total im Eimer! Auch (laustarker) Applaus in den Schlussakord hinein, z.B. bei Tristan oder Götterdämmerung, aber auch bei Orchesterkonzerten oder Klavierrecitals kann mich rasend machen. Diese Menschen haben einfach keine Kultur.

Grüße Amadé
Solitaire (12.04.2008, 09:25):
Diese Menschen haben einfach keine Kultur.

Das ist jetzt aber böse :D
Soweit würde ich nun nicht unbedingt gehen.
In der neuen "Opernwelt" ist ein Bericht über den Tenor Hermin Esser, im Interview erzählt er, daß die Leute jedesmal nach seinem "Nessun dorma" förmlich ausgerastet sind, und er als sehr junger Sänger stolz wie Oskar zu seinem Kapellmeister gesagt hat "Na, hören sie, wie die toben?" worauf der ganz cool geantwortet hat "Wenn einer nach deiner Arie applaudieren kann, dann hast du nicht gut gesungen, dann hast du sie nicht gehabt". Da ist durchaus was dran.
Wobei ich finde, daß nach "Nessun dorma" durchaus kollektiver Wahnsinn erlaubt ist. :D
Ich kann aber zum Beispeil nicht verstehen, wie das Publikum sofort nach Maria Callas' "Amami Alfredo!" in Gebrüll ausbrechen kann.
Ich hab ja auch nix gegen Applaus, ich würde mir nur manchmal zumindest ein paar Sekunden Stille wünschen ehe es losgeht. Ich zumindest muß, um Elke Heidenreich zu zitieren, erstmal meine Seele wieder einfangen und in meinem Körper verstauen und dazu brauche ich Ruhe.
Aber gut, hier im Rheinland sagt man "Jeder Jeck ist anders". :wink
Amadé (12.04.2008, 20:16):
Bin ich falsch verstanden worden?
Jeglicher Applaus ist den/dem Interpreten geschuldet, das ist doch klar. In der Oper ist es noch was anderes als im Konzert.
Auf einer CD jedoch stört mich bei einem Opern-Mitschnitt das Klatschen des Publikums, da die Konzentration dann weg ist.
Menschen, die bei einem Streichquartett oder einer Sonate in den Schlussakkord hinein klatschen, möchten oft damit ihre vermeintliche Kennerschaft dokumentieren, weniger ihre Begeisterung für das Stück, für den Interpreten, die Ausführung oder für alles zusammen. Bei Zugaben sehe ich das nicht so streng.

Grüße Amadé
Solitaire (14.04.2008, 10:42):
@Amadé
Mein Gatte und ich hören manchmal Liveaufnahmen an und müssen bei diesen Bravoschreien dann grinsen. Da will dann vermutlich jemand ganz dringend mit auf die CD, und wenn's für's Singen nicht reicht, dann eben... :D
Amadé (14.04.2008, 16:19):
@ Solitaire

Ja, das habe ich auch schon vermutet.

Gruß Amadé
Billy Budd (18.04.2012, 15:51):
Ich grabe diesen Thread aus, um meine Meinung zu Missfallenskundgebungen in der Oper zu erläutern:
Bis jetzt habe ich nur selten gebuht (ca. 3-5 Mal im Jahr). Wenn ein Sänger indisponiert ist, ist es ohnehin ein Tabu. Jeder Sänger hat gelegentlich einen schlechten Tag; wie ich schon einmal geschrieben habe, ist es vermessen, stets eine Höchstleistung einzufordern. Während einer Aufführung sollte man auch keinen Unmut bekunden, da es die Künstler nur noch nervöser macht. Aber: Ich gehe davon aus, dass sich Sänger eine Beurteilung durch das Publikum erwarten. Wäre ich ein Sänger, würde ich mich über Fans ärgern, die jede Leistung (auch wenn sie nicht gut war) mit Jubelstürmen honorieren. Kritik muss generell ernst genommen werden (Wenn ein Sänger öfters ausgebuht wird, sollte er seine Berufswahl überdenken.).
Wenn jemand dermaßen schlecht sang, habe ich mir schon während der Vorstellung vorgenommen, am Schluss zu buhen, aber dann – nach reiflicher Überlegung, ob es wohl auch angemessen sei – darauf verzichtet. Kurz: Ich habe Buhrufe nur sehr dosiert von mir gegeben.
Das, was ich jetzt schreibe, wird gewiss für einigen Gegenwind sorgen und Karolus Minus wird es sich wohl endgültig mit mir verscherzen, aber ich tue es trotzdem.
In der Jahresvorschau werden an der Wiener Staatsoper nur die Besetzungen der Hauptpartien bekannt gegeben. Warum das so ist, erschließt sich mir nicht, zumal die anderen auch schon großteils feststehen. Gestern hatte ich zufällig Gelegenheit, in das neue Heft mit den Künstlerbiographien Einsicht zu nehmen und war schockiert.
Die Nebenrollen sind um einiges schlechter, als die Hauptrollen, besetzt. Der vorige Direktor Holender kannte das Potential seiner Sänger und hat sie auch dementsprechend eingesetzt, während Meyers Stimmenkenntnis gegen Null tendiert. Ich rede gar nicht davon, dass die Direktion das Potential eines exzellenten Bassisten im eigenen Ensemble brach liegen lässt und ihm voraussichtlich nur den Schließer in der „Tosca“ und den Schmidt in „Andrea Chénier“ – zwei Mini-Mini-Rollen anvertraut (Wenn schon keine großen Rollen; ich hätte mir so einen Rocco von ihm gewünscht oder wenigstens einen Bartolo oder Titurel – aber Fehlanzeige!), sondern davon, dass Meyers „wunderbare“ Neuzugänge Partien anvertraut werden, die sie nicht dersingen können (Oder auch Hans Peter Kammerer den Papageno gepachtet hat.). Es gibt eine „Ariadne“-Premiere, die an einem Haus vom Range der Wiener Staatsoper im Strauss-Jahr top-besetzt sein sollte und da kann man doch keineswegs das Buffoquartett mit Osuna und Hörl besetzen!! Oder in einem „Simon Boccanegra“ mit Domingo kann doch nicht Hong den Pietro singen!! Letzterer hat keineswegs die stimmlichen Möglichkeiten für den König in der „Aida“. Oder auch Monarcha als Rocco und Moisiuc als Minister sind (schlechte) Witze!! Das waren nur ganz wenige Beispiele.
Ich will hier nicht über unseren „tollen“ Direktor schimpfen, sondern die Frage stellen, wie ein solcher Besetzungswahnsinn eingedämmt werden kann. Das ist dringend notwendig , denn der gute Mann hat einen Vertrag bis 2020 und was dann aus einem einstigen Weltklassehaus geworden ist, wird man ja sehen.
Ich möchte dazu vier Beiträge aus dem Merker-Forum (Thread: „Führungsstil an der WSO“) zitieren:
GELÖSCHT
Da kann ich Wort für Wort unterstreichen. Außer Buhrufen gibt es leider keine Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Beschwerdebriefe liest Meyer sicher nicht oder nimmt sie nicht ernst und ein paar Stehplatzbesucher mehr oder weniger sind ihm auch egal. Die einzige Möglichkeit ist konsequentes Ausbuhen!
Das erfordert zwar viel Geduld, Nerven (Es macht keine Freude, sich deprimierende Aufführungen anzutun!) und Geld (Eine Stehplatzkarte kostet zwar nur € 1,60, aber auf die Dauer summiert sich das!), aber vielleicht können wir uns in einiger Zeit wieder auf normale Repertoireabende freuen.
Folglich werde ich in Zukunft viel öfter buhen.
Billy :hello



EDIT: Aufgrund einer PN habe ich die vier Zitate wieder entfernt. Jeder, der mag, kann das in diesem anderen Forum nachlesen.
Karolus Minus (20.04.2012, 12:35):
Original von sennahresor
Und wenn der Intendant der Scala nicht sieht, daß Alagna in Aida unter der Würde eines Hauses ist, in dem Caruso, Gigli, Di Stefano usw. Erfolge gefeiert haben, dann muß eben das Publikum regulierend eingreifen.

Ich weiß nicht, ob Caruso und/oder Gigli den Radames an der Scala gesungen haben, di Stefano hat es getan und war gerade mit der Arie hoffnungslos überfordert. Ein derart gräßliches "Celeste AiDAAA, forma diviNAAA" habe ich mein Lebtag nicht wieder gehört, wie auf dem Mitschnitt der Premiere vom 7.12.1955. Auch für di Stefano war die Partie halt zwei Nummern zu groß.
Alagnas Partie war es ebensowenig und er ist auf dem von der zweiten Vorstellung existierenden Video alles andere als gut. Aber so schnell, wie nach seinem Abgang der Ersatztenor Nr. 2 (der eigentliche Cover Walter Fraccaro war meines Wissens aufgrund von Verkehrsproblemen nicht rechtzeitig im Haus gewesen) auf die Bühne kam, sah die Geschichte doch nach abgekartetem Spiel aus. Alagna hatte sich nach der Premiere negativ über das Publikum geäußert, was auch nicht gerade gescheit war.

Gerade in Italien hat es ja lange eine Claque gegeben, die nach Bezahlung arbeitete, insofern ist da eine "Regulierung" durch das Publikum schon sehr mit Vorsicht zu genießen.
Mal ganz abgesehen davon, daß ein Großteil desselbigen von singen fachlich keine Ahnung hat und den persönlichen Geschmack als Maßstab setzt - was völlig ok ist, wenn man sich dessen auch bewußt ist.

:hello
Karolus Minus
Hosenrolle1 (31.01.2015, 17:46):
Original von Amadé
Auch (laustarker) Applaus in den Schlussakord hinein, z.B. bei Tristan oder Götterdämmerung, aber auch bei Orchesterkonzerten oder Klavierrecitals kann mich rasend machen. Diese Menschen haben einfach keine Kultur.


Volle Zustimmung; ich finde es gräßlich, wenn die Leute nicht in der Lage sind, zu warten, bis ein Akkord ausgeklungen ist. Oder generell immer dann klatschen, wenn der Vorhang zu geht, auch dann, wenn die Musik noch weiterspielt.


(Nebenbei, 2007 war in der Wr. Volksoper Premiere der neuen Freischütz-Inszenierung. Das Publikum klatschte in die Musik nach dem Jungfernkranz-Chor hinein, während die Musik des Orchesternachspiels lief (die mit den unheinlichen Bratschen).

Der Dirigent hat sich da dann umgedreht und sowas gesagt wie "Das ist eines der schönsten Orchesternachspiele, aber sie wollten es ja nicht hören".)

Ansonsten würde ich keine SängerInnen oder Musiker ausbuhen, auch nach schlechten Leistungen, einen Regisseur jedoch sehr wohl, da habe ich auch null Mitleid.



LG,
Hosenrolle1
uhlmann (31.01.2015, 18:31):
Original von Hosenrolle1
Ansonsten würde ich keine SängerInnen oder Musiker ausbuhen, auch nach schlechten Leistungen, einen Regisseur jedoch sehr wohl, da habe ich auch null Mitleid.

würde mich interessieren wieso? speziell, warum du kein mitleid mit regisseuren hast, wohl aber mit ausführenden musikern? wo ist da der unterschied?
Hosenrolle1 (31.01.2015, 18:55):
Der Hauptunterschied ist für mich der, dass SängerInnen und Musiker mal besser, mal schlechter singen können. Sie können indisponiert sein, einen schlechten Tag erwischt haben, usw. usw.
Dennoch müssen sie dort immer wieder auftreten und möglichst ihr Bestes geben. Da habe ich vollstes Verständnis dafür, wenn Fehler passieren.

Ein Regisseur jedoch hat einmal eine Inszenierung geplant, und das wars. Er muss nicht jeden Abend vor das Publikum treten und ein paar Stunden lang sein Bestes geben. Eine schlechte Regiearbeit hat nichts mit einer Tagesverfassung des Regisseurs zu tun.



LG,
Hosenrolle1
Amonasro (01.02.2015, 23:19):
Ich buhe oder pfeife grundsätzlich niemanden aus. Ich gehe davon aus, dass alle Beteiligten viel Mühe und Arbeit in eine Aufführung gesteckt haben. Wenn mir das Ergebnis nicht gefällt, zeige ich das dadurch, dass ich einfach nicht applaudiere. Es muss ein schreckliches Gefühl sein, auf der Bühne zu stehen und von allen Seiten ausgebuht zu werden; zumindest ich empfände das wahrscheinlich so.

Gruß Amonasro :hello
Rotkäppchen (01.02.2015, 23:33):
Original von Amonasro
Ich buhe oder pfeife grundsätzlich niemanden aus. Ich gehe davon aus, dass alle Beteiligten viel Mühe und Arbeit in eine Aufführung gesteckt haben. Wenn mir das Ergebnis nicht gefällt, zeige ich das dadurch, dass ich einfach nicht applaudiere.
Das halte ich ganz genauso. Kann mich auch kaum erinnern, jemals Buhs oder Pfiffe miterlebt zu haben (lahmen, kurzen Beifall schon eher) -- ist halt alles recht beschaulich hier in der Provinz :P.

LG, Rk
Hosenrolle1 (01.02.2015, 23:43):
Ich selbst habe eigentlich noch nie Buhs gehört, zumindest kann ich mich nicht dran erinnern, aber auch große Jubelstürme kamen fast nie vor. Ich habe den Beifall immer nur sehr förmlich in Erinnerung. Klatschen Klatschen Klatschen, Künstler verbeugen sich, Klatschen Klatschen Klatschen, fertig.

Ich nehme auch an, dass es da in unterschiedlichen Ländern unterschiedliche Operngastkulturen gibt. In manchen Häusern ist es völlig normal und üblich, dass (oft auch werkkundige) Zuhörer buhen und irgendwas rufen, während man sich in anderen Ländern sehr zurückhält.

Kann aber auch sein, dass viele Gäste gar nicht merken, ob jemand sich versungen hat, weil sie den Text und/oder die Noten gar nicht kennen. Oft genug habe ich erlebt, dass Künstler, die gar nicht zu hören waren, stark beklatscht wurden.

Die fehlenden Buhs können aber natürlich auch daran liegen, dass kein Regisseur da ist.

Ich halte es da auch wie Amonasro: hat mir eine Leistung nicht gefallen (bzw. war sie für mich aufgrund mangelnder Hörbarkeit nicht bewertbar), klatsche ich einfach nicht.

Und ausbuhen würde ich wirklich nur den Regisseur, sonst keinen.



LG,
Hosenrolle1
Jürgen (02.02.2015, 12:14):
Original von Amonasro
Ich buhe oder pfeife grundsätzlich niemanden aus. Ich gehe davon aus, dass alle Beteiligten viel Mühe und Arbeit in eine Aufführung gesteckt haben. Wenn mir das Ergebnis nicht gefällt, zeige ich das dadurch, dass ich einfach nicht applaudiere. Es muss ein schreckliches Gefühl sein, auf der Bühne zu stehen und von allen Seiten ausgebuht zu werden; zumindest ich empfände das wahrscheinlich so.

Gruß Amonasro :hello

Es wäre aber bestimmt genauso schrecklich, wenn plötzlich Totenstille herrschte.
Amonasro (02.02.2015, 16:16):
Das stimmt natürlich, aber dazu kommt es wahrscheinlich nie. Ein gewisser Teil des Publikums wird immer klatschen; die Aufführenden können aber dann an der Intensität des Applaus eine Bewertung ablesen.

(Beim Parsifal ist das natürlich schwierig: da soll es ja üblich sein, gar nicht zu klatschen. Ich habe den Parsifal aber noch nie live gesehen, daher weiß ich nicht, ob das wirklich so gehandhabt wird. Vielleicht auch nur in Bayreuth?)

Gruß Amonasro :hello
Hosenrolle1 (02.02.2015, 16:31):
Wobei ich dem Applaus generell nicht ganz traue, denn ich kann mir durchaus vorstellen, dass viele nur klatschen, weil jemand berühmter auf der Bühne steht, oder weil es irgendein langjähriges Mitglied des Hauses ist, für das man sich interessiert (warum auch immer).

Oder dass man klatscht weil einem der Sänger/die Sängerin so gut gefällt, völlig egal wie gesungen wurde.

Claude Debussy schrieb einmal über das Publikum, unter seinem Pseudonym Monsieur Croche:

Haben Sie schon einmal die Feindseligkeit des Publikums im Konzertsaal bemerkt? Haben Sie sich je diese Gesichter angeschaut, grau vor Langeweile, Gleichgültigkeit, ja Stumpfsinn? Niemals werden sie jene reinen Dramen miterleben, die sich im symphonischen Konflikt abspielen, wo man die Möglichkeit erahnt, zum Gipfel des Klanggebäudes emporzusteigen und dort die Luft der vollkommenen Schönheit zu atmen. Diese Leute, mein Herr, wirken immer wie mehr oder weniger gut erzogene Gäste: Sie erfüllen geduldig ihre langweilige Pflicht und harren nur deshalb aus, weil sie am Ausgang gesehen werden wollen; warum wären sie sonst gekommen?
Rotkäppchen (02.02.2015, 17:45):
Original von Hosenrolle1
Wobei ich dem Applaus generell nicht ganz traue, denn ich kann mir durchaus vorstellen, dass viele nur klatschen, weil jemand berühmter auf der Bühne steht, oder weil es irgendein langjähriges Mitglied des Hauses ist, für das man sich interessiert (warum auch immer).

Oder dass man klatscht weil einem der Sänger/die Sängerin so gut gefällt, völlig egal wie gesungen wurde.

Na klar, die Applausintensität ist nur eine sehr ungenaue Größe. Die Publikumsgunst ist, zumindest teilweise, etwas ziemlich Irrationales, bei dem die objektive Leistung (die ja auch nicht gerade einfach zu definieren ist) nicht immer die entscheidende Rolle spielt. Ich würde mich da einschließen -- ich verteile meine Gunst=Applausintensität auch nicht nach akademischen Kriterien sondern nach Gefühl.

Ich nehme an, die Künstler wissen das auch, sollten sie zumindest.

LG, Rk

PS: Debussys Urteil ist ein bisschen hart ... obwohl, wenn man so manches Gespräch in der Pause belauscht ...
Hosenrolle1 (02.02.2015, 17:50):
Das stimmt, und ich bin mir auch sicher, dass ein Sänger, der selbst gemerkt hat, dass er heute einen schlechten Tag hatte, sich versungen hat etc., sich auch seinen Teil denkt, wenn das Publikum, sobald es seiner vor dem Pausenvorhang ansichtig wird, in frenetischen Jubel ausbricht.

Ich klatsche normalerweise für das Orchester am lautesten, das sind für mich die eigentlichen Helden ;)



LG,
Hosenrolle1
Hosenrolle1 (02.02.2015, 17:58):
Zu Debussy: ich habe das eigentlich gar nicht als Urteil aufgefasst; er meint ja, dass das Publikum so wirkt, was, wenn ich es richtig verstanden habe, die Möglichkeit offen lässt, dass es in Wirklichkeit doch anders ist.

Das Zitat stammt natürlich auch aus einer anderen Zeit, aber ich denke, dass sich seitdem nicht allzuviel verändert hat.

Aber ich kann ihn auch verstehen; für viele ist ein Opernbesuch (oder Theaterbesuch) nicht mehr als ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem man gesehen werden möchte. Das Drumherum ist dabei interessanter als das eigentliche Kunstwerk, die eigentliche Aufführung. Debussy beschreibt ja auch die Gesichter der Zuseher während der Musik.

Wilhelm Busch war da in seinem "Maler Klecksel" noch ein bisschen härter:

Fern liegt es mir, den Freund zu rügen,
Dem Tee zu kriegen ein Vergnügen
Und im Salon mit geistverwandten,
Ästhetisch durchgeglühten Tanten
Durch Reden bald und bald durch Lauschen
Die Seelen säuselnd auszutauschen.

Auch tadl' ich keinen, wenn's ihn gibt,
Der diese Seligkeit nicht liebt,
Der keinen Tee mag, selbst von Engeln,
Dem's da erst wohl, wo Menschen drängeln.
Ihn fährt die Droschke, zieht das Herz
Zu schönen Opern und Konzerts,
Die auch im Grund, was nicht zu leugnen,
Zum Zwiegespräch sich trefflich eignen.

Man sitzt gesellig unter vielen
So innig nah auf Polsterstühlen,
Man ist so voll humaner Wärme,
Doch ewig stört uns das Gelärme,
Das Grunzen, Blärren und Gegirre
Der musikalischen Geschirre,
Die eine Schar im schwarzen Fracke
Mit krummen Fingern, voller Backe,
Von Meister Zappelmann gehetzt,
Hartnäckig in Bewegung setzt.

So kommt die rechte Unterhaltung
Nur ungenügend zur Entfaltung.
Ich bin daher, statt des Gewinsels,
Mehr für die stille Welt des Pinsels.



LG,
Hosenrolle1
Billy Budd (04.02.2015, 10:25):
Na na... ich sehe das wesentlich pragmatischer: Opernsänger ist Beruf wie jeder andere, und so wie man sich in jedem Beruf Kritik gefallen lassen muß, darf man auch ohneweiters Opernsänger kritisieren. Und bitte: Welche anderen Möglichkeiten als Ausbuhen gibts denn dafür? Keine!
Das tu ich aber nicht oft, sondern nur, um bei wirklich ganz katastrophalen Darbietungen, die nicht einer schwachen Tagesform (die jeder Sänger haben kann!) geschuldet sind, zu kommunizieren, daß das wirklich nicht geht: z.B. Herbert Lippert als Peter Grimes, Valentina Nafornita als Gilda und Pamina...
Wer sich vor dem Vorhang verbeugt und Applaus einheimsen will, darf auch ausgebuht werden. (während der Vorstellung ist das aber tabu!)
Billy :hello
Hosenrolle1 (04.02.2015, 10:46):
In den 40er Jahren leitete Josef Krips in der Wr. Staatsoper eine Fidelio-Aufführung.

Dort war auch ein junger Stehplatzbesucher, der Krips nach der Vorstellung ziemlich laut ausbuhte. Der junge Mann holte sich dennoch am Künstlerausgang Autogramme, und Anny Konetzni, die die Leonore sang, erkannte in ihm den Buh-Rufer und verdrosch ihn kurzerhand mit ihrer Handtasche, so dass ihr Kollege Max Lorenz, der den Florestan gesungen hatte, eingriff und die gerade noch erwiesene Gattenliebe vergaß, um dem Zuschauer zu helfen.

Der junge Mann war Eberhart Wächter, der später nicht nur ein Ensemblemitglied, sondern sogar Direktor der Staatsoper war.

(Quelle: Das schwarze sind die Noten, ISBN 978-3-9502052-7-5)



LG,
Hosenrolle1
Billy Budd (04.02.2015, 10:55):
Von dieser Begebenheit hab ich auch schon gehört ^^ ... davon war in einem Monatsmagazin der Staatsoper zu lesen, aber da ich vor ein paar Tagen alle, die ich zu Hause gehabt hab, im Zuge einer gründlichen Aufräum- und Entmistungsaktion entsorgt hab, kann ich nicht mehr nachschauen...

Wenn ich mich richtig erinnere, war das eine Aufführung im Theater an der Wien, weil die Staatsoper ja erst wiederaufgebaut werden mußte. Waechter hat, als Anni Konetzni beim Bühneneingang das Haus verlassen hat, laut "Buh!" gerufen, worauf er eine Floschn kassiert hat, ihm also auf Deutsch ein paar Tachtln verpaßt wurden. :cool

Wenn mich jetzt nicht alles täuscht, wurde einmal in der Wiener Staatsoper während des Nil-Aktes der Aida gebuht, und als ein paar Buher polizeilich abgeführt wurden, ist derselbe Eberhard Waechter, der in der Künstlerloge gsessen ist, aufgestanden und hat gesagt: "Und der Herr Bundespräsident schaut zu, wie die freie Meinungsäußerung unterdrückt wird!"!

Beide Begebenheiten aber ohne Gewähr, ich hab sie jetzt nur aus meinem Gedächtnis abgerufen!
Billy :hello
Hosenrolle1 (02.03.2015, 01:16):
Aus einem aktuellen Bericht des "Opernfreundes":

Aber als vor dem Walkürenritt ein Damenballett in Michael Flatley-Manier ohne Musik einen Irish Dance absolviert, ist es um das soignierte Münchner Publikum geschehen. Laute Zwischenrufe, Buhs, "Aufhören", dann die Gegenfraktion mit heftigem Applaus, man wähnt sich wie im Kindergarten und hofft nur, dass die Musik bald einsetzt, entsprechend verpufft da der "Ritt".

Ich hätte da ebenfalls gebuht. Während einer Vorstellung würde ich das generell nicht machen, aber dieses Irish Dance-Ballet ist nicht Teil der Oper, der Handlung (nicht mal das Orchester spielt da), deswegen hätte ich hier definitiv eine Ausnahme gemacht.



LG,
Hosenrolle1