martin (20.05.2006, 17:21): Welche englischsprachigen CD Guides kennt ihr ( gibt es überhaupt deutschsprachige?) und was ist von ihnen Eurer Meinung nach zu halten?
Ich kenne inzwischen so einige und lese gerne in ihnen.
Da ist zunächst mal der Penguins Guide. Ein englisches Unternehmen dreier älterer Herren. In keinem anderen Guide, den ich kenne, werden soviele CDs besprochen wie in ihm. Ich zweifle nicht an der Musikalität dieser älteren Herren, aber ich habe schon gewisse Zweifel, daß diese drei älteren Herren eine solche Menge Musik überhaupt beurteilen können. Ein riesiger Klopfer, dieses Ding. Ich habe allerdings ältere Versionen. Was schön ist, daß hier sehr viele CDs besprochen, gibt es ( bei aktuelleren CDs) immer sehr viele "schöne Verrisse".
Dann kenne ich den Guide für klassische Musik der BBC. Weniger umfangreich, aber vielleicht doch auch ganz vertrauenswürdig.
Jetzt aus Malta mitgebracht: Den Grammophone Guide. Auch ein absoluter Riesenkkopfer wie der Penguins Guide, allerdings werden hier viel weniger CDs besprochen als im Penguins Guide, diese allerdings viel ausführlicher. Ich freue mich darauf, darin zu lesen.
Dann habe ich noch den "Rough Guide", der natürlich ziemlich "rough" ist. Er informiert über Komponisten, gibt aber auch CD Empfehlungen.
Ich glaube, es gibt noch andere Guides. Ich habe mal gehört vom Good music guide. Nun, ich habe erst mal vier, das reicht, um Vergleiche zu ziehen.
Also, was ist Eure Meinung zu solchen Guides? Sind sie für Euch eine seriöse Quelle "kompetenter Musikhörer", die Euch beim Kauf von CDs beeinflussen?
Gruß Martin
Ganong (20.05.2006, 18:41): Lieber Martin ,
ein sicherlich interessantes Thema .
es ist interessant , in diesem "Führern" herumzublättern. Wir bekommen auch sicherlich einige interessante Anregungen . Dies gilt besonders für den Pinguine Guide der "drei älteren Herren" . Eine wahre Fundgrube immer gewesen .
Aber wie in allen solchen Büchern handelt es sich um höchst subjektive Meinungen wie wir diese ja auch hier vertreten ( sollten ) .
Mir stellt sich reflexartig die Frage : Sollen wir hier aus dem Forum nicht selbst einne "das-Klassikforum.de - CD - Führer" zusammenstellen .
Für Robert Schumanns WEerke für Klavier solo ist ja schon ein Anfang gemacht ! .
Das solltest Du einmal mit Rachmaninov als Administrator besprechen .
Viele Grüsse , Frank
Gerion (20.05.2006, 19:53): Hallo alle,
ein wirklich interessantes Thema. Auch ein zwiespältiges - mir bringt ein Probe-/Vergleichhören oft mehr als eine Rezension. Aber es ist auch immer gut, aufgrund von Empfehlungen schon eine Vorauswahl treffen zu können.
Ich nenne keinen gedruckten CD-Führer mein Eigentum, ich verlasse mich ganz auf Empfehlungen im Netz. Naja, im "Harenberg" gibt es ja immer ein paar Empfehlungen. Zu Beginn meiner Klassik-Begeisterung ist mir darüber hinaus ein kleines Reclam-Heft, der "CD-Führer Klassik" von Michael Wersin, in die Hände gefallen. Er erhebt natürlich keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit, ist aber gerdae für denjenigen interessant, dem es nicht nur um CD-Emfpehlungen geht, sondern auch um eine Orientierung über wichtige Stücke, die er mal gehört haben sollte.
Ich besuche regelmäßig www.rondomagazin.de, dort gibt es ein recht umfangreiches Archiv mit Besprechungen von Aufnahmen. Auch auf www.classical.net und www.grammophone.co.uk finden sich Hinweise, ebenso auf www.klassika.de. Am liebsten sind mir die Hinweise in Foren und Newsgroups, dort kann ich dann auch mal selber anfragen.
Ich fände eine Rubrik "CD-Empfehlungen" im Forum ganz sinnvoll. Dort könnte jeder einen Thread als Anfrage starten, mit Komponist und Stück/Opuszahl als Titel. Wir könnten alle unseren Senf dazuposten. Das ergibt über die Zeit sicherlich einen sehr ergiebigen Fundus. Beim Erscheinen neuer Aufnahmen könnte man den alten Thread auch wiederbeleben. Eine sinnville Sache, finde ich.
(Nachtrag: In gewisser Weise würden sich solche reinen Empfehlungs-Threads natürlich mit den schon gegebenen Aufzählungen von Einspielungen bei den Threads zu einzelnen Werken überschneiden. Aber ein separater Bereich wäre mE immer noch sinnvoll, wenn gezielt nach einer Empfehlung gesucht wird, ohne dass das Werk inhaltlich besprochen werden soll)
Grüße, G.
martin (20.05.2006, 22:04): Lieber Gerion, lieber Frank,
auch ich benutze selbstverständlich das Internet als Informationsquelle und lasse mich auch durch dieses Forum anregen.
Andererseits stelle ich mir immer die Frage nach der Verläßlichkeit von Aussagen, die im Internet getätigt werden. Das fängt ja schon einmal damit an, daß, um wirklich ernsthaft mitreden zu können, Du wirklich einen enormen Fundus von CDs brauchst. Gut, bei Mjaskovski 6. mag jemand schon Vergleiche ziehen können, aber wieviele Aufnahmen von Beethovens 5. gibt es? Massen, ungeheure Massen und von daher finde ich manche Aussagen, wie sie im Internet getätig werden, wie etwa: "Dies ist die Referenzaufnahme von Vivaldis Jahreszeiten" äußerst fragwürdig. Denn es gibt inzwischen vermutlich schon hunderte von Einspielungen dieses beliebten Werkes, wer kennt die schon alle? Also ich finde es schon äußerst albern, wenn jemand drei Aufnahmen von Schuberts 8. hat und dann eine davon zur Referenzaufnahme erklärt, vor allem dann, wenn er dies noch aus "eigener Erfahrung" begründen will. Aber das Wort "Referenzaufnahme" befindet sich eigentlich sowieso nicht in meinem Wortschatz. Ich mag es nicht. Únd wiegesagt, wenn es mal hoch kommt, habe ich vier oder fünf Versionen eines Werks ( wo es dann möglicherweise 200 gibt) und das sehr selten ( etwa bei den Beethovensinfonien).
Insofern schätze ich dann diese Guides, weil ich doch schon vermute, daß professionelle Kritiker zwar auch völlig daneben liegen können, aber immerhin doch anzunehmen ist, daß sie das, worüber sie reden, schon tatsächlich gehört haben.
Leider sind diese Führer halt schon sehr teuer. Ich habe in Malta den aktuellen Penguins Guide gesehen, kostet knapp 18 Lira, das sind 45 Euro, also 90 Mark, das war mir schlicht zu teuer. Die etwas älteren Ausgaben der verschiedenen Guides, die ich aus Malta mitgebracht habe, waren allerdings immer billig, wie jetzt den Grammophonguide von 2003, der mich 3 Lira gekostet hat ( ich habe alle diese Guides aus Malta). Aber das nur am Rande. Leider erfüllte sich mein Wunsch nach einem Penguins Guide etwas jüngeren Datums nicht.
Mir stellt sich reflexartig die Frage : Sollen wir hier aus dem Forum nicht selbst einne "das-Klassikforum.de - CD - Führer" zusammenstellen
Das weiß ich nicht. Ich denke zwar, daß hier schon einige Leute schreiben, die tatsächlich sehr viele verschiedene Versionen eines Werkes besitzen. Aber ich denke schon, daß, ohne hier jemandem zu nahe treten zu wollen, es nur sehr wenige Menschen hier gibt, die dann auch noch auch nur einen kleinen Ausschnitt klassischer Musik so gut kennen, daß sie wirklich seriöse Interpretationsvergleiche ziehen können.
Aber das muß ja auch nicht immer sein. Man kann ja auch einfach mal schreiben, daß einem eine bestimmte CD halt sehr gut gefällt, das ist ja auch etwas wert.
Gruß Martin
Zelenka (21.05.2006, 14:07): Doch, auch in Deutschland hat man sich mit CD-Führern versucht. Gerion hat die Reclam-Produktion erwähnt, das Fonoforum hat vor ein paar Jahren ein etwas umfangreicheres Paperback lanciert, das offenbar nicht sehr erfolgreich war und nicht wieder aktualisiert worden ist. Man könnte darüber grübeln, warum es in Deutschland keinen dem Penguin Guide vergleichbaren Führer gibt. Ein Grund ist sicher, daß Deutsch eben keine Weltsprache ist, was die Verbreitungsmöglichkeiten von vornherein stark einschränkt. Auffällig ist auch, daß es in Deutschland noch nicht einmal möglich ist, eine gescheite Fachzeitschrift herauszugeben.
Zum Penguin Guide der drei älteren Herren March, Greenfield und Layton mit langer Erfahrung im Klassik-Geschäft (aktuelle Ausgabe 2005/6): Trotz aller Abstriche, die man machen muß, ist dies sicher der wichtigste aller Führer. Allein der Umfang ist stupende, wobei Anthologien gar nicht im Hauptband auftauchen, sondern in den in alternierenden Jahren erscheinenden Jahrbüchern. Der Umfang ist kaum noch zu steigern, trotzdem ist die Berichterstattung natürlich alles andere als vollständig. Es wird regelmäßig aktualisiert. Es gibt allerdings erhebliche Lücken. Kleinere Labels haben es schwer, weniger prominente oder sehr moderne Komponisten ebenfalls. Die Sicht ist natürlich eher eine englische, was einen amerikanischen Rivalen (Jim Svejda) dazu brachte zu empfehlen, immer einen Stern abzuziehen, wenn es um Hyperion, Chandos oder überhaupt englisches Personal geht. Es ist auch eine Menge belangloses Altherren-Geschwätz enthalten, das ein Lektor endlich herausstreichen sollte um Platz für Wichtigeres zu schaffen. Aber eine Klassikabteilung oder Geschäft ist im englischsprachigen Raum ohne ein Exemplar des Penguin Guide nicht vorstellbar. Er ist die erste Anlaufstelle für die meisten Käufer und hat einen ungeheuren Einfluß. Und wenn eine CD eine "Rosette" bekommt, dann ist einiges gewonnen.
Den Guide sollte man vielleicht nicht gerade auf Malta zu kaufen versuchen, über amazon.co.uk geht es auch etwas billiger.
Das Geld, das man für den Gramophone Guide ausgibt, ist eigentlich rausgeschmissen. Die abgedruckten Rezensionen kann man vollständig auf der Website des Gramophone "www.gramophone.co.uk" lesen (>Reviews>Search gramofile, kostenlose Registrierung erforderlich). Eine Zutat im Führer ist die Hinzufügung von 1 bis 3 Symbolen analog zu den Penguin-Sternen, ansonsten handelt es sich hier eigentlich nur um Zweitverwertung der Rezensionen in der Zeitschrift.
Nicht aktuell ist im Moment der eigenwillige amerikanische Führer von Jim Svejda, ein Korrektiv zu den etablierteren Führern: "The Insider's Guide to Classical Recordings, From the Host of The Record Shelf, a Highly Opinionated, Irreverent, and Selective Guide to What's Good and What's Not". Schöner Titel! Lesenswert, wenn man ihn irgendwo erwischt.
Andere Führer kann man getrost beiseitelassen.
Internet: Die beste Seite ist wohl "www.classicstoday.com." Leider nicht genug Rezensionen, um einen wirklichen Überblick zu behalten. Danach wird es dann sehr zufällig bis hin zu Käuferrenzensionen bei Amazon. Aber man sollte sich natürlich so gut wie möglich umhören.
Frank sellt "stellt sich reflexartig die Frage : Sollen wir hier aus dem Forum nicht selbst einne "das-Klassikforum.de - CD - Führer" zusammenstellen ." Eher nicht, nach meiner Meinung. Erstens meine ich derlei insgesamt nicht besonders interessante Versuche anderswo schon gesehen zu haben, zweitens spiegeln die Diskussionen in den Threads viel getreuer die Schwierigkeiten, die man bei der Identifizierung von wirklichen Spitzenaufnahmen hat. Die Geschmäcker sind und bleiben verschieden. Aktuell in diesem Forum z.B. zu den Beethoven-Violinsonaten, um ein Beispiel herauszugreifen: Siamak mag die Aufnahme mit Menuhin/Kempff sehr, ich halte sie eher für bessere Durchschittsware (bei aller Liebe besonders zum Pianisten). Andere müssen letztlich für sich selbst entscheiden. Ein guter Führer wie der Penguin Guide wiederum wird die Aufnahme unter den besseren aufführen, zumindest fällt der potenzielle Käufer dann nicht völlig herein. Und das ist schon eine Menge wert. Der Rest ist, wie gesagt, Geschmackssache.
Gruß,
Zelenka
martin (21.05.2006, 14:41): Original von Zelenka Allein der Umfang ist stupende, wobei Anthologien gar nicht im Hauptband auftauchen, sondern in den in alternierenden Jahren erscheinenden Jahrbüchern. Der Umfang ist kaum noch zu steigern, trotzdem ist die Berichterstattung natürlich alles andere als vollständig. Es wird regelmäßig aktualisiert. Es gibt allerdings erhebliche Lücken.
Lücken gibt es natürlich, weil den Herren doch schon so einiges entgeht. Man muß allerdings dazu sagen: In vielen älteren Versionen des Penguins Guides sind viele CDs besprochen, die dann in den späteren nicht mehr auftauchen. Das ist dann nämlich der Fall, wenn CDs "durchfallen", die bekommen einmal einen Verriß und das war's dann, sie werden in der nächsten Auflage nicht mehr berücksichtigt. Das erklärt auch, warum es exorbitant viele Aufnahmen mit 3 Sternen gibt. Nur bei "raren Werken" ist dies anders. Und trotzdem ist die Fülle von aufgeführten Aufnahmen immer noch erschlagend.
Danke für den Tip mit amazon,co.uk.
Gruß Martin
ab (22.05.2006, 16:59): Original von Zelenka
Frank stellt "stellt sich reflexartig die Frage : Sollen wir hier aus dem Forum nicht selbst einne "das-Klassikforum.de - CD - Führer" zusammenstellen ." Eher nicht, nach meiner Meinung. Erstens meine ich derlei insgesamt nicht besonders interessante Versuche anderswo schon gesehen zu haben, zweitens spiegeln die Diskussionen in den Threads viel getreuer die Schwierigkeiten, die man bei der Identifizierung von wirklichen Spitzenaufnahmen hat. Die Geschmäcker sind und bleiben verschieden. Aktuell in diesem Forum z.B. zu den Beethoven-Violinsonaten, um ein Beispiel herauszugreifen: Siamak mag die Aufnahme mit Menuhin/Kempff sehr, ich halte sie eher für bessere Durchschittsware (bei aller Liebe besonders zum Pianisten). Andere müssen letztlich für sich selbst entscheiden. a
Aber, Zelenka, hier sollte es doch nicht unbedingt um Geschmack gehen (ich z.g. mag Brendels Schumann Fantasie, halte sie aber sicher nicht für eine der Höhepunkte in der Diskographie...) Wichtig ist eher: "Wenn Du, lieber Leser, die Eigenschaft x schätzt (zB vorwärtsdrängend-dramatisch), dann solltest Du eher zu A&B greifen, schätzt Du, liebe Leserin, eher die Eigenschaft y, (zB ruhend-klangvoll), dass solltest Du eher zu M&N greifen"!"
Entscheidend wäre es also, herauszufinden, weshalb Siamak Menuhin/Kempff so mag und ob in dieser Hinsicht diese Aufnahme tatsächlich einen Meriten darstellt oder nicht - oder welche da besser wäre (genau in jener Hinsicht) - darüber könnte man dann wohl leicht(er) Konsens herstellen.
Nur wenn wir solche Hinsichten klar benennen könnten, sozusagen die verschiedenen Interpretationskategorien herausarbeiteten, dann wäre das Projekt nicht zum Scheitern verurteilt, so denke ich prinzipiell. Zweifellos keine leichte Aufgabe...
Was denkt ihr?
Zelenka (22.05.2006, 20:20): Lieber ab:
Bis zu einem gewissen Punkt, den man gar nicht festlegen kann, hast Du natürlich recht, aber die scheinbar so objektiven Kriterien schlagen sehr schnell in subjektive um. Tempo ist Geschmackssache, auch wenn es genau meßbar ist und man Menuhins und Kempffs Spiel abpfeifen könnte, wenn sie mal wieder zu langsam sind. Ein langsames Tempo wirkt oft gar nicht langsam, weil unser subkektives Wahrnehmungsvermögen uns Streiche spielt. Etc. Eben doch alles persönliche Geschmackssache. Und ein CD-Führer, der von einem Comité erstellt werden soll, könnte etwas langweilig ausfallen. Du schreibst im übrigen selbst, die Aufgabe sei nicht leicht. Ich kann da nur zustimmen.