Rideamus (09.12.2012, 11:26): Alle Jahre wieder mache ich einen Anlauf, dieses Meisterwerk einmal ausführlich vorzustellen, zuletzt in meinem Adventsrätsel 2011, und jedes Mal musste ich zunächst feststellen, dass das Gedächtnis des Internet zwar theoretisch ewig währt, in der Praxis aber nur eine Halbwertzeit von höchstens Monaten hat. Kommt dann noch etwas dazwischen, heißt es eben, von vorne anzufangen. Auf die Gefahr hin, der/m einen oder anderen Setzlinge in ein Heim zu liefern, wo schon längst ausgewachsene Bäume stehen, wage ich es hiermit erneut, denn endlich ist die lange verschwundene Musteraufn ahme dieser Oper wieder am Markt verfügbar un d sollte von jedem ergattert werden, der ein Ohr und ein Herz für außergewöhnliche Meisterwerke hat.
Zur Unterfütterung dieser anspruchsvollen Behauptung beginne ich mit einem vier Jahre alten Zitat Edwin Baumgartners, das manchen vielleicht noch bekannt vorkommt:
Zitat von Edwin
Diese grandiose Aufnahme ist derzeit ebenfalls nur "antiquarisch" für ein Schweinegeld zu bekommen. Und sie ist jeden Cent wert! "Le Roi malgré lui" ist eine Komische Oper mit einer Überfülle an eleganter, witziger und glänzend formulierter melodik - aber was Chabrier damit harmonisch macht, ist atemberaubend: Da gibt es Stellen wie bei Ravel, Poulenc oder gar Honegger. Das Werk war ein Kultwerk der "Groupe des Six" - man merkt, weshalb. Alterierte Septimen- und Nonenakkorde in einem freien Wechselspiel, aber durch die Instrumentierung sind die Konturen schärfer als bei Debussy. Dieser "Roi" gehört für mich zu den außerordentlichsten Werken des 19. Jahrhunderts - weil er in seiner ganzen Haltung ganz klar in das 20. blickt. ... Sperrig sind die Werke (Chabriers) ganz und gar nicht! Sie sind, ganz im Gegenteil, ausgesprochen "süffig". Mich hat's schon in den Fingern gejuckt, Verdis "Otello" und "Falstaff" als nahe Verwandte auszugeben. Aber das wäre ein Irrtum, denn die motivische Arbeit Chabriers kommt eben doch von Wagner. Und die Eleganz der Melodik ist nicht italienisches Brio, sondern typisch französisch: Nobel und mit ungeheurem Geschmack veredelt.
Weshalb ein Meisterwerk wie der "Roi" heute nicht gespielt wird, hängt mit der prinzipiellen Aversion einiger Enggeister gegen französische Musik zusammen. Man traut französischen Komponisten einfach keine Erfolgsoper zu ...
Welche Schätze sich die Bühnen dabei entgehen lassen, zumal gerade Chabriers "Roi" eine der wenigen wirklich gelungenen Musikkomödien ist, deren Musik sich nicht in Platitüden verliert, ist wirklich unglaublich!
Natürlich kann ich hier nur jeden Satz unterschreiben, und deshalb habe ich das Zitat auch so ausführlich hierher übernommen und den letzten Satz fett gesetzt. Ich hoffe, dass Edwin Euch jetzt wieder einmal den Mund richtig wässrig gemacht hat.
Fortsetzung folgt
:hello Rideamus
Rideamus (09.12.2012, 11:28): Ich fahre mit meinen eigenen Worten fort. Zunächst mit der Nacherzählung des Inhaltes dieser viel zu selten gehörten Oper. Es würde hier zu weit führen, an dieser Stelle auch die Musik en détail zu erläutern, aber wer kann und mag, findet hier ausführliches Notenmaterial, darunter sogar den Klavierauszug: http://imslp.org/wiki/Le_roi_malgr%C3%A9…er,_Emmanuel%29
CHABRIER, Emmanuel: LE ROI MALGRÉ LUI (König wider Willen)
OPERA COMIQUE in drei Akten _________________________________________________________________________
Libretto von Emile de Najac & Paul Burani Uraufführung am 18. MAI 1887 in Paris Die Handlung spielt im Jahr 1574 in Krakau Originalsprache: Französisch
Die Personen Henri de Valois, gewählter König von Polen - Bariton Comte de Nangis, Henris Freund – Tenor Laski, Polnischer Adliger und Eigentümer Minkas – Bass Minka, Leibeigene Laskis – Sopran Alexina, Herzogin von Fritelli und Nichte Laskis – Sopran Duc de Fritelli, Italienischer Adliger, Kanzler des Königs und Gatte Alexinas – Bariton Basile, ein Wirt – Tenor Liancourt, ein französischer Adliger- Tenor D'Elboeuf, ein französischer Adliger – Tenor Maugiron, ein französischer Adliger – Bariton Comte de Caylus, ein französischer Adliger - Bariton Marquis de Villequier, ein französischer Adliger – Bass Ein Soldat – Bass Sechs Dienerinnen – Sopran und Mezzosopran Pagen, Französische und polnische Adelige, Soldaten, Diener, Volk
Orchester: Streicher, je zwei Flöten (Pikkolo), Oboen, Klarinetten, Fagotte, 4 Hörner, 3 Trompeten (cornets a piston), 3 Posaunen, Pauken und Schlagzeug sowie 2 Harfen. ___________________________________________________________________
1: Akt Ein Schloss in der Umgebung von Krakau, 1574
Das polnische Volk, dessen König jüngst ohne Nachfolger gestorben war, hat den jüngeren Bruder des französischen Königs und Herzog von Anjou, Henri de Valois, zum König gewählt. Obwohl der nicht die geringste Lust dazu hatte, war Henri dem Befehl seiner Mutter, Katharina von Medici, gefolgt und war nach Polen gereist. Am nächsten Tag soll er endlich gekrönt werden, aber schon jetzt können Henri und sein Gefolge ihre Langeweile und ihr Heimweh nach Frankreich kaum unterdrücken. Angeödet spielen sie Karten (Introduction: „Cinq, Trois, J’ai gagne“).
Henris Freund Nangis kommt von einer Erkundungstour nach Krakau zurück, auf der er außerdem Soldaten für die Leibwache des Königs anwerben sollte. (Rondeau: „Huit jours, mort de ma vie“). Er berichtet, dass die Mehrzahl der Polen auf Henris Seite stünde. Lediglich die Aristokraten unter ihrem Führer Fürst Laski betrieben nach wie vor die Inthronisierung des Erzherzogs von Österreich. Für die Polen hat auch Nangis wenig übrig, wohl aber für ein Mädchen, das er in Krakau traf. Dann präsentiert er die Angeworbenen, die dem künftigen König von Polen die Treue schwören. (Choeur: „Solides, fideles“) Man hält es für sicherer, dass Henri bis zur Krönung inkognito verborgen bleibt.
Der Herzog von Fritelli, ein gebürtiger Venezianer, den die Franzosen zum Kammerherrn ernannt hatten, will die Vorbereitungen des Krönungszuges besprechen, tatsächlich aber etwas über Henris Pläne erfahren, denn er gehört zu den Mitverschwörern Laskis. Voller Opportunismus heuchelt er Sympathie mit dem heimwehkranken Henri und verspottet die Polen (Couplets: „Le Polonais est triste et grave“). Tatsächlich nimmt er nur an der Verschwörung teil, weil er mit Laskis Nichte Alexina verheiratet ist. Die aber tanzt dem tumben Toren kräftig auf der Nase herum, ohne dass er es merkt.
Nangis berichtet von seiner Liebe zu der Leibeigenen Minka, die er nur deshalb nicht mit sich genommen hatte, weil sie ihm berichten soll, sobald die Verschwörer um ihren Besitzer Laski zur Tat schreiten wollen. Angeblich um Neues zu berichten, tatsächlich aber um ihren Geliebten zu sehen, kommt Minka herbei geeilt. Nangis muss einem Wachsoldaten Prügel androhen, der die Leibeigene davon peitschen will (Entree de Minka et scene: „Ah laissez-moi, de grace“). Minka hat nur wenig Zeit, beruhigt den eifersüchtigen Nangis jedoch, dass sie nur ihn liebt. Er müsse sich in Geduld fassen. (Romance: „Helas! A l’esclavage“) Sie verspricht Nangis, ihn abends zu besuchen, muss sich aber auf Geheiß Nangis’, der auch ihr Henris Identität verheimlicht, schnell verstecken, da Henri hinzu kommt.
In einer melancholischen Romanze gibt Henri seinem Heimweh nach Frankreich Ausdruck (Entree du Roi et Romance: „Beau pays, pays du gai soleil“) und beteuert, dass er alles tun würde um nicht König von Polen werden zu müssen. Nangis erinnert ihn an eine Affäre mit einer Polin in Venedig, in deren Licht er einmal eine bessere Auffassung von den Polen hatte. Henris sentimentale Erinnerungen an diese Affäre werden durch die Ankunft Fritellis unterbrochen. Dieser bekommt mit, dass die venezianische Geliebte Henris seine eigene Frau Alexina war, mit der er kurz nach dieser Affäre verheiratet wurde um einen Skandal zu vertuschen. Alexina aber weiß nicht, dass der französische Liebhaber, der sie in Venedig ohne ein Wort im Stich ließ, Henri ist, der gegen seinen Willen nach Frankreich abberufen worden war und sie nur deshalb überstürzt verlassen hatte. Sie hatte das damals als Treulosigkeit interpretiert und will sich deshalb nunmehr an allen Franzosen rächen. Um nicht als gehörnter Trottel da zu stehen, erklärt sich Fritelli mit dem tollkühnen Plan seiner Frau einverstanden, Henri bei dem abendlichen Ball Laskis zu entführen, so dass der österreichische Erzherzog an seiner Stelle gekrönt werden kann. (Rondeau a deux voix: Ah! D’amour plus un mot“)
Minka hat alles mitgehört und stößt auf der Suche nach Nangis mit Henri zusammen, dessen Identität sie nicht kennt. Sie bittet ihn um Hilfe bei der Suche nach Nangis und erzählt ihm von ihrer Liebe zu ihm sowie von der Verschwörung (Duo: Je l’aime de toute mon ame“). Henri ist entzückt, als er erfährt, dass Fritelli in die Verschwörung verwickelt ist. Er zitiert ihn herbei und konfrontiert den geständigen Fritelli mit seinem Verrat. Zu Fritellis Überraschung bittet er den verblüfften Verschwörer dann aber, ihn Laski als Nangis vorzustellen und in die Verschwörung einzubeziehen. Er hat erkannt, dass die Verschwörung, sollte sie glücken, ihn von der unerwünschten Königsbürde befreien würde ohne dass er explizit gegen den Befehl seiner Mutter verstoßen muss. (Finale: A Choeur „La Garde fidele“ und B: Scene: „Et Nangis? Le voici.“)
Henri lässt den treuen Nangis vorführen und verhaften ohne dass dieser weiß, wie ihm geschieht. Dann befiehlt er Fritelli, ihn seiner Mitverschwörerin als Nangis vorzustellen. Alexina und Henri erkennen einander, aber der eifersüchtige Fritelli hat Henri verschwiegen, dass Alexina seine Ehefrau ist, während sie Henri für Nangis hält. (TERZETTO: Quelle surprise! Ma beaute de Venise!“). Gemeinsam wollen sie ihre Verschwörungswerk fortführen, als sie Minkas Stimme hören, die Nangis wie vereinbart signalisiert, dass sie zu ihrer Verabredung gekommen ist. Während Henri und die beiden anderen die Wachen ablenken, gelingt Nangis die Flucht.
2. AKT Ballsaal im Palast Graf Laskis
Der Akt beginnt mit dem polnischen Fest, das im Original den Chor einbindet, aber als "Fête polonais", eines der mitreißendsten Orchesterstücke überhaupt den Namen der Oper sogar im Konzertsaal erhalten hat (Introduction et choeur dansée: „Ah! Hurrah! Valse endiablee). Während die vornehme Gesellschaft die bevorstehende Krönung und sich selbst mit einem ausgelassenen Walzer feiert , stellen Fritelli und seine Frau Laski und dessen Verschwörern einen neuen Bundesgenossen vor. Es ist der angebliche Nangis, in Wahrheit aber Henri selbst, der behauptet, diesen wegen der Demütigung durch Henri auf den Tod zu hassen (SCENE ET COUPLETS: Rien n’est aussi pres de la haine). Dabei erkennt Henri, dass Alexina Fritellis Ehefrau ist. Als er diesem vorwirft, ihm das verschwiegen zu haben, gesteht ihm Fritelli, dass er seine Frau liebe und nicht verlieren möchte. Nur deshalb habe er sich den Verschwörern angeschlossen, obwohl er ansonsten eher die französische Lebensart zu schätzen wisse. Als Henri aufseufzt, dass noch nie ein König so viel Mühe hatte, eine Krone zu gewinnen, wie er sie habe, die seine los zu werden, erkennt ihn auch Fritelli. Um sein Leben fürchtend, beschwört er ihn, die Verschwörung auffliegen zu lassen, aber Henri denkt nicht daran.
Ihr Dialog wird durch eine Schar Blumenmädchen unterbrochen, die Minka um ihren noblen Liebhaber beneiden (SEXTUOR DES SERVES: Ah! Quelle affaire). Sie erzählt ihnen mit einem Zigeunerlied, wie sie sich kennen gelernt haben (CHANSON TZIGANE: Il est un vieux chant de Boheme). Zum Schluss kommt Nangis hinzu und stimmt unter dem Fenster in das Lied ein. Als Minka zu ihm eilen will, wird sie von Henri und Fritelli abgefangen. Als sie ihr verbieten, die Wache zu rufen, hält Minka Henri für einen Verräter. Dieser nimmt ihr unter Androhung der Todesstrafe für Nangis das Versprechen ab, den Mund zu halten und lässt sie von Fritelli einsperren. Dann schickt er ihn weg, weil er Alexina entdeckt, die zufällig gerade allein ist. Alexina will nichts mehr mit ihm zu tun haben, lenkt aber ein, als Henri ihr schwört, sie damals geliebt zu haben und selbst verzweifelt gewesen zu sein, als er habe abreisen müssen. Alexina, die ihm das nur zu gerne glaubt, erinnert sich mit ihm an die schönen Stunden in Venedig (DUO-BARCAROLE: Oui, je vous hais).
Dann kommen die Verschwörer hinzu. Henri schwört, ihnen zu folgen und dafür zu sorgen, dass der gewählte König noch vor der Krönung außer Landes geschafft wird. Als Alexina ihn informiert, dass Fritelli Henri ausliefern würde, protestiert dieser aus Angst vor Henri. Warum den Kopf für eine Verschwörung riskieren, wenn sich doch nichts änderte? (ENSEMBLE DE CONJURATION: Messierus! C’est un ami respirant la vengeance) Henri aber will nichts davon wissen. Er versichert den Verschwörern, er selbst werde ihnen Henri ausliefern, wenn man ihm dabei nicht in die Quere komme. Allein gelassen, eilt er zu Minka um sie zu befreien und zu bitten, Nangis möglichst schnell herbei zu holen. Minka ist zuerst skeptisch, lässt sich dann aber überzeugen und stimmt ihr Lied an, mit dem sie Nangis herbei lockt (MORCEAU D’ENSEMBLE: Ah! Viens! Minka fidele tiendra son doux serment).
Kaum ist Nangis zu ihr gestoßen, wird er auch schon von den Verschwörern, die ihn für Henri halten, festgenommen. Als Henri ihm zuflüstert, er solle sich für ihn ausgeben, spielt Nangis die Rolle mit Gusto (CHANSON FRANCAIS: Je suis le roi). Von allen bedrängt, gibt er nach und bestätigt, dass er Polen noch in der gleichen Nacht verlassen werde, wenn seine geliebte Minka mitreisen dürfe. Laski erlaubt das und gestattet beiden zu gehen. Als beide fort sind, verrät Laski seinen Geheimplan, dass Henri nur dann daran gehindert werden könne zurück zu kehren, wenn man ihn auf der Reise an die Grenze umbringe. Er schlägt vor, darüber abzustimmen, wer den König töten solle. Da alle Repressalien fürchten, stimmen sie durch die Bank für Henri. Dieser akzeptiert das Los.
Da kommt Minka zurück und bekennt, sie habe Nangis, also den vermeintlichen Henri, laufen gelassen. Da die Franzosen bereits hinzu strömen, können die Verschwörer Minka nicht töten, denn sie fürchten die Strafe der Franzosen. Henri erbietet sich jedoch, dafür zu sorgen, dass der verhasste Valois niemals König werde. Minka fürchtet derweilen das Schlimmste, weil sie nun endgültig davon ausgeht, dass ihr Nangis tatsächlich der König und Henri ein Verräter ist, der ihrem Geliebten den Garaus machen will. (FINALE: Avant une heure, il faut qu’il meure).
3. AKT Eine Herberge zwischen Krakau und der polnischen Grenze.
Nach einem ENTR’ACTE bereitet der Wirt Basile mit seinen Leuten den Empfang des neuen Königs vor (CHOEUR ET SCENE: Hâtons-nous“). Fritelli kommt hinzu und berichtet, der neue König werde nicht Henri sein, sondern der Erzherzog von Österreich. Dem Wirt ist das egal, denn Steuern verlangen alle Könige. Nun kommt Henri, der sich noch immer als Nangis ausgibt, von den Anwesenden aber für den neuen König gehalten wird. Fritelli wundert sich, dass Nangis/Henri so für den Erzherzog schwärmt. Noch verwunderter ist er, als Alexina atemlos auftaucht und berichtet, der Erzherzog habe aus Furcht vor der Verschwörung gegen den neuen König schon wieder das Weite gesucht, und man könne mit Henri zurückkehren um ihn zu inthronisieren. Fritelli aber wittert Unrat, denn er errät die wahre Absicht seiner Gattin, die in Venedig begonnene Romanze fortzusetzen (COUPLET: Je suis du pays des gondoles“). Um seine Gattin an einer Weiterführung ihres Vorhabens zu hindern, lügt Fritelli ihr vor, Nangis habe Henri getötet und verberge sich nun vor aller Welt. Er bittet sie außerdem, die hinzu kommende Minka daran zu hindern, ihre Nase in alles zu stecken.
Zwischen den beiden Frauen, die jeweils glauben, ihr Geliebten seien tot, entspinnt sich ein melancholisches Duett um die verlorenen Geliebten (NOCTUIRNE A DEUX VOIX: „O reve eteint! Reveils funebres). Henri versucht indessen, von dem Wirt eine Kutsche für die Flucht zu bekommen, muss aber erfahren, dass alle Kutschen bereits dem Erzherzog entgegengeschickt wurden um ihm einen würdigen Empfang zu bereiten. Er müsse sich also mit einem altern Karren und einer geschwätzigen Dienstmagd als ortskundige Führerin begnügen. Da diese nicht aufzutreiben ist, eilt Alexina davon um sich zu verkleiden und sich als die Magd auszugeben. Allein gelassen, will die verzweifelte Minka sich umbringen. Da kommt gerade noch rechtzeitig Nangis hinzu und erklärt ihr, dass er zwar nicht der König sei, sie aber sei seine Königin, denn wer sich liebt, herrsche über das Herz des bzw. der anderen. (DUO: Il n’est plus, helas, celui que j’aime“) Dennoch fürchtet Minka weiterhin, ihr vermeintlicher König könne von dem verräterischen Nangis getötet werden. Nangis aber besorgt sich um seinen König und macht sich mit Minka auf die Suche nach ihm ohne das Missverständnis der verwechselten Identitäten aufzuklären.
Alexina kommt, nunmehr als Magd verkleidet, um Henri mitzunehmen. Sie ist bereit, ihm zu helfen, obwohl er den König getötet habe. Henri durchschaut Fritellis Lüge und gibt sich Alexina zu erkennen. Erleichtert sinken sich beide in die Arme. Fritelli, der seine Frau nicht erkennt, treibt beide zur Eile an, weil die Franzosen jeden Augenblick eintreffen müssen. Beide eilen davon. Fritellis Erleichterung, den Rivalen losgeworden zu sein, währt aber nur kurz, denn bald darauf treffen die Franzosen ein, angeführt von Minka und Nangis, welche die beiden „Flüchtlinge“ eingefangen haben. Nun endlich bekennen sich Henri und Nangis zum jeweiligen Entzücken ihrer Geliebten zu ihrer wahren Identität, und Henri fügt sich in das Los, König von Polen zu sein. Nangis bekommt seine geliebte Minka, und der düpierte Fritelli wird von dem großzügigen Henri zum Großmeister des Hofes ernannt, was natürlich dazu führt, dass Alexina stets in seiner Nähe sein muss (FINALE: „La garde fidele au roi ne sait qu’obeir“).
Zugegeben, die Handlung ist nicht sehr leicht nachzuvollziehen, und das nicht nur wegen meiner raffenden Synopsis, und das mag manches Opernhaus daran gehindert haben, sich an eine Realisierung der Oper zu wagen. Dasselbe Argument könnte aber für manch andere Oper ebenfalls gelten, der ein schwaches Libretto keineswegs geschadet hat. Man wird die Ursachen für den anhaltenden Misserfolg der Oper wohl anderswo suchen müssen, denn an der Musik, die von Anbeginn an jeden begeistert hat, der sie hören konnte, kann es nicht liegen.
Im nächsten Abschnitt möchte ich mich deshalb der Werkgeschichte widmen. Vielleicht liefert die ja weitere Aufschlüsse.
:hello Rideamus
Rideamus (09.12.2012, 11:46): Wesentliche Informationen für diese Darstellung und auch andere Teile des Threads verdanke ich neben diversen Internet-Quellen wie Wikipedia der vorbildlichen Einführung von Harry Halbreich im originalen Textheft der oben gezeigten Einspielung von Charles Dutoit. Ich weiß leider nicht, wieviel man davon der preisgünstigen Neuausgabe erhalten hat, aber wer sicher gehen will, alle Dereinschlägigen Informationen über diese Oper zu erhalten, sollte sich womöglich auf dem Marktplatz noch eine der originalen Ausgaben besorgen
Zunächst ein paar Informationen über den Helden dieser Oper, Henri de Valois, und die kuriose, aber dennoch historische Episode seines Kurzkönigtums in Polen, das er nach nur wenigen Monaten aufgab, um als Nachfolger seines sehr jung verstorbenen Bruders Charles IX die französische Krone anzunehmen und dort als Henri III zu regieren.
Der sehr muntere und intelligente Henri wurde 1551 als dritter Sohn von Henri II und Katharina de Medici geboren, hatte normalerweise also wenig Chancen auf eine Krone, was ihm eine relativ unbeschwerte Jugend verschaffte, zumal er auch der Lieblingssohn seiner Vaters war. Da dieser aber noch relativ jung bei einem Turnierunglück umkam, geriet er unter die Fittiche seiner machtbewussten Mutter, die nicht nur ihre beiden Töchter, sondern erst recht ihre drei Söhne für ihre politischen Ambitionen einsetzte. Zu denen gehörte für die papsttreue Italienerin selbstverständlich auch die Bewahrung des katholischen Glaubens gegen die immer mächtiger werdenden Protestanten, die sie ungeachtet des Schreckens der von ihr wahrscheinlich angeordneten, mindestens aber aktiv tolerierten Bartholomäusnacht keineswegs vernichten konnte, sondern nur bis aufs Blut reizte. Die nach dieser grausamen Schlachterei immer wieder aufflammenden Religionskriege sollten die Regierungszeiten ihrer drei Söhne bestimmen, die faktisch ihre eigene war. Erst als Henri III einem sehr frühen Wunsch seines Vaters nachgab und nicht nur die Heirat seiner Schwester Marguerite mit dem nachmaligen König Henri IV erlaubte, sondern diesem auch die Thronfolge zusprach, da er kinderlos (weil nach hartnäckigen Gerüchten homosexuell) geblieben war, fanden die Religionskriege ein allmähliches Ende.
Aber noch stand er in der Blüte seiner Jugend, als der polnische König Sigismund von Polen und Litauen kinderlos starb und ein Wahlkönigtum ausgerufen wurde, um das sich der russsiche Zar Iwan (der Schreckliche), der Erzherzog von Österreich und, auf Betreiben der großmachtsüchtigen Katharina von Medici, die von einer Einkesselung der rivalisierenden Österreicher träumte, auch deren Sohn Henri de Valois bewarben, der allerdings wenig Lust zeigte, in einem fernen Königreich zu regieren. Nach dem Motto, dass das am weitesten entfernte Übel wohl das kleinste sein müsse, wählte der polnische Adel Henri. Das war seinen beiden Rivalen natürlich überhaupt nicht recht, und sie unterstützten eifrig Verschwörer in Polen, die den jungen Franzosen aus dem Weg schaffen sollten.
So ließ es sich tatsächlich nicht vermeiden, dass Henri unter dem Schutz der Geheimhaltung nach Krakau reiste, wo er 1574 eintraf und als Henryk Walezy (Valois) zum König gekrönt wurde. Diese Zeit der Geheimhaltung wurde von den Autoren, die die Vorlagen zu Chabriers Libretto lieferten, fantasievoll aufgegriffen. Die im Libretto angesprochene kurze Zeit in Venedig hatte Henri übrigens auch zugebracht, allerdings erst auf der Reise von Polen zurück nach Frankreich, und wohl kaum mit einer polnischen Adeligen, wenn man seine vermutlich gleichgeschlechtlichen Neigungen berücksichtigt.
Auch die Flucht aus Polen, welche im Libretto unmittelbar vor Henris Krönung verlegt wurde, hat eine Wurzel in der historischen Realität. Henri war nämlich von einem geheimen Boten vom Tod seines Bruders informiert worden und wollte nach Frankreich zurück um sein Thronerbe anzutreten, das ihm von manchen dort streitig gemacht wurde, was vielleicht den Umweg über Venedig erklärt. Als die Polen dies mitbekamen, reiste ihm eine Delegation nach, fing ihn vor der Grenze ab und bedrängte ihn, in Polen zu bleiben. So musste Henri, im Gegensatz zu der Darstellung des Librettos, nicht etwa versprechen, nicht mehr nach Polen zurück zu kehren, sondern genau das Gegenteil - ein Versprechen, das er natürlich nicht zu halten gedachte und auch nie einhielt.
Nachdem er zwei Jahre davon geblieben war, wählten sich die Polen den Ungarn Stefan Barthory als neuen König, so dass Henryk Walezy formal zwei Jahre, faktisch aber nur für drei Monate in Polen regierte. In Frankreich wurde er aber auch nie mehr richtig glücklich, denn er überlebte seine nach wie vor dominierende Mutter nur um ein halbes Jahr und wurde im August 1589 von einem zum Assassinen trainierten, mörderischen Mönch um sein mit 38 Jahren selbst damals eher kurzes, wiewohl höchst farbiges Leben gebracht.
Bemerkenswert ist übrigens, dass die Librettisten von Giuseppe Verdis erster und bis zum FALSTAFF einziger Komödie UN GIORNO DI REGNO (auch bekannt als IL FINTO STANISLAO) eine sehr ähnliche Geschichte erzählen. Diese spielt allerdings 50 Jahre später zur Zeit Ludwigs XIV, der damals ebenfalls einen polnischen König unterstützte, nämlich Stanislaus I. Leszcynski, der sich in Paris aufhielt und sich von einem befreundeten Adeligen vertreten ließ, damit er inkognito nach Polen zurück reisen und dort bereits zum dritten Mal König werden konnte. Vier Monate später wurde er jedoch, wie schon zwei Mal zuvor, von einer Koalition aus Österreichern, Russen und Kursachsen abgesetzt. Statt seiner wurde der Kurfürst von Sachsen, der nachmalige "Große Kurfürst" August, zum König in Polen ernannt, was schließlich zu Preußens Gloria führte. Aber das ist eine andere Geschichte.
Wie es scheint, sind die Regierungszeiten von Königen, die ihr Amt inkognito antreten mussten, eher in Monaten als in Jahren zu messen. Dafür überleben sie in bemerkenswerten komischen Opern, denn auch Verdis viel geschmähte Oper, die kaum populärer ist als die Chabriers, verdient die nachhaltige Missachtung keineswegs, die ihr aus Gründen der zu dem Zeitpunkt tragisch verlaufenden Biografie Verdis zuteil blieb.
Die Gründe für die mangelnde Popularität der Oper Chabriers sind allerdings ganz andere. Dazu in Kürze mehr.
:hello Rideamus
Rideamus (09.12.2012, 13:39): Im April 1886 war die Uraufführung von Chabriers wagnerisierender Oper GWENDOLINE am Brüsseler Theatre de la Monnaie ein rauschender Erfolg gewesen. Das konnte aber nicht verhindern, dass der Intendant des Theaters bereits nach der zweiten Aufführung Konkurs anmelden musste. Chabrier fühlte sich jedoch bestätigt und suchte nach einem neuen Opernstoff. Diesmal sollte es wieder eine Komödie sein, denn diese Gattung lag Chabrier sehr am Herzen und hatte sich schon zehn Jahre zuvor mit seiner Operette L'ÉTOILE für ihn bewährt.
Ein Freund machte ihn auf eine 1836 uraufgeführte Komödie mit Musik (damals ein Vaudeville genannt) von Marguerite-Louise Virginie Ancelot (1792–1875) aufmerksam. Diese war die Frau des Dramatikers Jacques-Francois Ancelot (1794-1854), dessen berühmtestes Drama MARIA PADILLA ihm eine Mitgliedschaft in der Academie Francaise (sowie eine Vertonung durch Donizetti) eingebracht, und der auch die Vorlage zu Bellinis I PURITANI geliefert hatte. Der Titel dieses Vaudevilles, an dem beide mitgewirkt hatten, lautete bereits LE ROI MALGRÉ LUI. Heute ist dieses Stück wohl nur noch in verstaubenden französischen Archiven zu finden.
Chabrier war von dem Thema begeistert und beauftragte die Librettisten Emile de Najac und Paul Burani mit der Erarbeitung eines Librettos, für das er sich auch die Einführung einer komischen Figur wünschte. Das Ergebnis war die schillernde Gestalt des Venezianers Frittoli, dessen zwielichtige Rolle allerdings im Text weit weniger komisch geriet als Chabriers Musik nahe legt. Chabrier ließ sich die einzelnen Teile schicken, kaum dass sie fertig waren, und las sie sich laut vor, damit er Ton und Rhythmus der Texte erfasste, denn wie die Mehrzahl der großen französischen Komponisten legte er großen Wert auf eine starke Affinität zwischen Text und Musik. Er war jedoch nicht sehr glücklich mit dem Ergebnis und nahm viele Veränderungen vor, bei denen ihm auch sein Freund Jean Richepin wertvolle Hilfe leistete.
Leider übersahen beide über den vielen Änderungen im Detail (oder konnten nichts mehr dagegen tun), dass die Verwechslungskomödie eine miserable Dramaturgie aufwies, und zahlreiche Kritiker, unter ihnen Vincent d'Indy, der mit Chabrier befreundet war und seine Musik bewunderte, bemängelten, dass nicht nur die Beteiligten, sondern auch das Publikum sehr bald nicht mehr wusste, wer in diesem verwirrenden Verwechslungsspiel gerade wer sein sollte oder wo versteckt war, und wer jeweils was wusste. Entsrpechend schwer fiel mir auch ein halbwegs nachvollziehbarer Überblick in meiner Synopsis. Zudem pendelt das Stück unschlüssig zwischen mehreren Hauptpersonen, und man weiß nie so recht, mit welchem Helden man gerade sympathisieren soll, denn selbst die zwielichtige Alexina wird von Chabrier mit einer so hinreißenden Musik ausgestattet, dass sie als Partnerin Henris und neben den vermeintlichen Zentralgestalten Nangis und Minka als vierte Sympathieträgerin gelten muss.
Nichtsdestoweniger wurde die Uraufführung an der Opéra comique am 18. Mai 1887 dank Chabriers mitreißender Musik ein großer Erfolg, von dem allerdings die Librettisten ausgenommen waren, denn im Gegensatz zu den Interpreten und Chabrier wurden sie bereits bei der Uraufführung mit einem Buhkonzert verabschiedet. Nach der dritten Vorstellung aber brannte das Opernhaus ab, und ein weiteres Mal war ein Meisterwerk Chabriers ein Opfer katastrophaler Umstände geworden. Daran änderten weder eine stark gekürzte (und wohl auch billigere) Inszenierung am pariser Théâtre Lyrique ein halbes Jahr später noch mehrere erfolgreiche Aufführungen in Deutschland etwas Wesentliches, die der deutschen Erstaufführung in Dresden im April 1888 folgten.
Zur Aufführungsgeschichte des Werkes, das schon seit dem Brand der Opéra comique, ähnlich wie Offenbachs LES CONTES D'HOFFMANN, unter einem Unstern zu stehen schien, später mehr. Wie sehr schon die damalige Fachwelt das Werk schätzte, lässt sich am besten in der Reaktion von Eric Satie bemessen, der ungeachtet der Brandkatastrophe und der Vernichtung des Opernhauses nur bedauerte, dass er nicht mehr in der Lage sein würde, Chabriers Meisterwerk zu hören.
Zur späteren Aufführungsgeschichte mehr im Anschluss an die Schilderung des bedeutendsten Aspektes dieser Oper, nämlich ihrer Musik. Dafür brauche ich aber noch etwas mehr Zeit. Wer kann und mag, darf aber natürlich gerne schon mal einspringen.
:hello Rideamus
Rideamus (10.12.2012, 15:18): Zitat von Rideamus
Bemerkenswert ist übrigens, dass die Librettisten von Giuseppe Verdis erster und bis zum FALSTAFF einziger Komödie UN GIORNO DI REGNO (auch bekannt als IL FINTO STANISLAO) eine sehr ähnliche Geschichte erzählen. Diese spielt allerdings 50 Jahre später zur Zeit Ludwigs XIV, der damals ebenfalls einen polnischen König unterstützte, nämlich Stanislaus I. Leszcynski, der sich in Paris aufhielt und sich von einem befreundeten Adeligen vertreten ließ, damit er inkognito nach Polen zurück reisen und dort mit einem überraschenden Staatsstreich König werden konnte. Vier Monate später wurde er jedoch, wie schon zwei Mal zuvor, von einer Koalition aus Österreichern, Russen und Kursachsen abgesetzt. Statt seiner wurde der Kurfürst von Sachsen, der nachmalige "Große Kurfürst" August, zum König in Polen ernannt, was schließlich zu Preußens Gloria führte. Aber das ist eine andere Geschichte.
Emotione macht mich gerade mit vollem Recht darauf aufmerksam, dass ich hier Blödsinn erzählte, weil ich die französich-polnischen Könige vermischt habe. Verdis Oper spielt tatsächlich etwa 150 Jahre später zur Zeit Ludwigs XV, der den polnischen Thronprätendenten Stanislaus Lesczinsky gegen die Verbündeten von August dem Starken unterstützte, der aber die Oberhand behielt.
Die Geschichte ist zwar trotzdem nicht ganz unähnlich, aber es tut mir Leid, wenn ich hier jemanden verwirrthaben sollte.
:( Rideamus
Rideamus (10.12.2012, 15:23): Zitat von »Quasimodo« Maurice Ravel soll gesagt haben, die ersten Akkorde von "Le roi malgré lui" hätten die Harmonik der französischen Musik für immer verändert (die engl. wikipedia gibt als Quelle dafür ein Chabrier-Buch von Poulenc an). Das finde ich nachvollziehbar: diese Akkordrückungen ohne die üblichen Auflösungen und die damit - wenn auch vorerst nurfür kurze Abschnitte - ganz und gar auf andere Füße als die herkömmlichen Funktionen gestellte Harmonik lassen so einiges von dem erahnen, was Ravel selbst, aber auch Debussy (Ganztonrückungen!) sowie in ganz anderer Art Satie später machen sollten.
Nach meiner Erinnerung (habe das Stück vor ein paar Monaten gehört) bleibt die Harmonik überwiegend im konventionellen Rahmen, aber Einsprengsel der genannten Art machen die Musik immer wieder sehr interessant.
In der Tat: diese ersten Akkorde: http://www.youtube.com/watch?v=CZmlbgQ8szg.
Beim flüchtigen Hinhören klingen sie wie eine große Mundharmonika, durch die auf allen Tönen gleichzeitig ein- und ausgeatmet wird, was zur Zeit der Uraufführung ein sensationeller Effekt gewesen sein muss. Danach aber geschieht ein kleines Wunder, wenn sich diese geballten Akkorde nach und nach in ihre Bestandteile auflösen und zu kleinen Melodiestücken kommen, die wir später in der Oper wieder hören werden. Ich kenne kein originelleres Potpourri als dieses Vorspiel, das bereits die ganze Spannweite der folgenden Oper erahnen lässt, die, wie Michael Stegemann in dem Opernführer von Csampai/Holland schreibt, wo man Chabrier, im Gegensatz zu den meisten Opernführern, immerhin ein kleines Kapitelchen gönnt, ein "Meisterwerk sui generis" ist, in dem Chabrier "das erstaunliche Experiment (gelingt), so ziemlich alle gängigen Formen des Musiktheaters in Einklang zu bringen". Dabei liegt die Betonung durchaus auch auf dem Wort Einklang, denn, um Edwins Lob in Erinnerung zu bringen: "Sperrig sind die Werke (Chabriers) ganz und gar nicht! Sie sind, ganz im Gegenteil, ausgesprochen "süffig". Mich hat's schon in den Fingern gejuckt, Verdis "Otello" und "Falstaff" als nahe Verwandte auszugeben. Aber das wäre ein Irrtum, denn die motivische Arbeit Chabriers kommt eben doch von Wagner. Und die Eleganz der Melodik ist nicht italienisches Brio, sondern typisch französisch: Nobel und mit ungeheurem Geschmack veredelt."
Tatsächlich kenne ich kein anderes Werk, das so viele Neuerungen bei gleichzeitiger Bewahrung der tonalen Tradition einflicht, und es ist kein Wunder, dass die Komponisten der "Groupe des six", aber nicht nur sie, für dieses Werk Chabriers schwärmten. Mehr noch als in seiner Meisteroperette L'ÉTOILE (s. http://www.das-klassikforum.de/thread.php?threadid=1382&hilight=etoile) vermochte Chabrier, diesmal befreit von den technischen Limitierungen eines zweitrangigen Operettenorchesters, eine Vielzahl von überraschenden Wendungen unterzubringen, die ja schon ein Charakteristikum des Orchesterkomponisten waren. Man denke nur an seine sieben Jahre früher entstandende BOURRÉE FANTASQUE, um mal einen weniger beknnten Reißer zu nennen, die ihrem Namen voll und ganz gerecht wird (s. http://www.youtube.com/watch?v=WH4MQAjGymA).
Hat Chabrier überhaupt Vorläufer? Mir fallen wenige ein, an die er anschließt, aber wenn ich unter den französischen Opern suchen müsste, werde ich am ehesten bei Berlioz' BENVENUTO CELLINI fündig, der eine ähnlich kühne Abfolge verschiedenster musikalischer Stile in ein einziges Werk bündelt, und dessen Orchestersatz ähnlich unbekümmert ist. Zugleich aber erinnert mich Chabriers Komposition immer wieder an den schon von Edwin angesprochenen FALSTAFF, denn wie Chabrier hier zuweilen auf engstem Raum in seinen eminent flexiblen Orchesterkommentaren das eher banale Geschehen seines Librettos kommentiert, das lässt einen nur bedauern, dass er nie einen Boito als Librettisten hatte und von dem Publikum seiner Zeit nicht (noch) mehr geschätzt wurde. Chabrier hätte wirklich einer der wichtigsten Wegbereiter der Musik des 20. Jahrhunderts werden können. Immerhin war er es für viele seiner Zeitgenossen, die sich in dem unglaublichen Potenzial der Musik auskannten und seine sprühende Einfallskraft fortführten.
Bei all dieser Innovationskraft ist erstaunlich, wie zugänglich, ja, süffig, Chabriers Musik bleibt. So gelang es ihm, in seine Oper eine der schönsten Barcarolen seit Offenbach einzubauen und diese mit einer kontrastierenden Emphase einzuleiten, die an seine starke Beeinflussung durch Richard Wagner erinnert (s. http://www.youtube.com/watch?v=FcHMFSLrJdYI). Die beispiellos mitreißende Musik zu dem polnischen Ball habe ich ja bereits erwähnt, da sie das einzige Stück aus der Oper ist, das im Konzertsaal überlebt hat. Hier kann man sie in Charles Dutoits optimaler Interpretation und Besetzung (mit Chor) aus seiner Gesamtaufnahme hören: http://www.youtube.com/watch?v=TbNhugsSW7c
Braucht es wirklich noch mehr Zeugnisse für die Publikumswirksamkeit dieser Oper? Gut: wie wäre es mit dieser heimwehdurchtränkten Arie Henris (http://www.youtube.com/watch?v=NIZqb6wQZKk) oder diesem zauberhaften Duett, in dem beide Frauen um ihre vermeintlich toten Liebhaber trauern: http://www.youtube.com/watch?v=3QFPEoQ8nxw - und aus dem sie mit diesem freudigen Duett wieder erwachen und auf herrlich französische Weise erwagnern: http://www.youtube.com/watch?v=vpM3fSswIhY?
Allein diese Nummern wären jeden Cent der rund zehn Euro wert, die Dutoits Gesamtaufnahme derzeit kostet.