Cherubinis Streichquartette

Sarastro (02.10.2009, 00:06):
Die sechs Streichquartette von Luigi Cherubini (1760-1842), einem gebürtigen Florentiner, der seit 1788 in Paris lebte, habe ich für mich erst vor ganz kurzer Zeit entdeckt, und da sie ohne Zweifel eine sehr wertvolle Bereicherung und Erweiterung des üblichen Repertoires darstellen, möchte ich sie gern kurz vorstellen:

Quartett Nr. 1 Es-Dur (1814)
Quartett Nr. 2 C-Dur (1829), eine Umarbeitung von Cherubinis einziger, 1815 entstandener Symphonie D-Dur
Quartett Nr. 3 d-Moll (1834)
Quartett Nr. 4 E-Dur (1835)
Quartett Nr. 5 F-Dur (1835)
Quartett Nr. 6 a-Moll (1837)

Am bedeutendsten ist wohl das erste Quartett (sehr spannungsgeladene Durchführung im ersten Satz), dann folgen aber sicher gleich Nr. 3 und Nr. 6, letzteres mit einem wunderbaren Andantino grazioso und einem kraftvollen, markigen Scherzo (die Themen aus beiden Sätzen werden nochmals in Finale eingebaut). Wenn man bedenkt, daß Cherubini bei der Komposition der Quartette 3-6 tief in den Siebzigern stand - und das zu einer Zeit, da die durchschnittliche Lebenserwartung bekanntlich deutlich niedriger war als heutzutage -, hört man diese Werke wohl noch einmal anders ...

Beethoven hat Cherubini sehr hoch geschätzt, und dieser hat von jenem, wie man schnell merkt, viel gelernt, ohne dabei an Originalität zu verlieren.
Auf jeden Fall muß man sich heute nicht mehr die Einschätzung von Alfred Einstein, Größe in der Musik, S. 91, der nur das Es-Dur-Quartett gelten lassen wollte, zu eigen machen. Nach Einstein ist dieses Quartett "so originell und zugleich so meisterhaft gearbeitet, daß man begierig nach den anderen greift, um – sie enttäuscht wieder aus der Hand zu legen."
Mindestens für Nr. 3 und 6 ist dieses ungünstige Urteil allerdings ganz ungerecht und heute, wo die Möglichkeiten, diese Werke genauer kennenzulernen, besser geworden sind, kaum noch vertretbar (so sehr ich im übrigen das geistreiche Buch des Autors schätze!),

Ich habe diese Werke durch die sehr preiswerte Brilliant-Edition (3 CDs in Box) kennengelernt.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/51A3G2y86-L._SS500_.jpg

Eingespielt wurden sie nach den Angaben dieser Edition zwischen 1973 und 1975 vom Melos-Quartett (sehr irritierend ist allerdings, daß beim Abspielen am Computer als Interpret das Quartetto David angezeigt wird, von dem es auch eine Einspielung aus dem Jahr 1998 gibt – was nun? Kann das jemand erklären?).

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/7318590010037.jpg

Kennt und schätzt jemand diese Quartette, bzw. einige davon?

Schöne Grüße,
Sarastro
Jürgen (02.10.2009, 08:58):
Original von Sarastro
Eingespielt wurden sie nach den Angaben dieser Edition zwischen 1973 und 1975 vom Melos-Quartett (sehr irritierend ist allerdings, daß beim Abspielen am Computer als Interpret das Quartetto David angezeigt wird, von dem es auch eine Einspielung aus dem Jahr 1998 gibt – was nun? Kann das jemand erklären?).


Nun, der Player auf Deinem Computer holt sich die Metadaten von irgendeiner Datenbank, die er über das Internet abfragt. Die Einträge in dieser Datenbank stammen nicht von einer Einzelperson oder Firma, das würde ja Kosten verursachen. Sie stammen vielmehr (ähnlich wie das bei Wikipedia funktioniert) von weltweit verstreuten Einzelbenutzern, die diese Metadaten auf ihrem Computer manuell eingegeben haben und sie dann an die Datenbank übermittelt haben.

Soweit die Theorie, die in der Praxis auch meist funktioniert.

Was ist bei Dir passiert? Entweder waren die Benutzereingaben falsch (was ja auch bei Wikipedia vorkommt), oder die CD konnte nicht eindeutig identifiziert werden.
Technisch passiert Folgendes: Es wird aus den Laufzeiten der einzelnen Tracks der CD eine ID generiert, die in den Datenbanken als Schlüssel fungiert. Bei einer Neuauflage oder Lizenzausgabe einer Aufnahme kann es vorkommen, dass der eine oder andere Track in der Laufzeit minimal abweicht. Dadurch passt der Schlüssel nicht mehr.
Die Vorgehensweise der Tools, die sich die Metadaten ziehen, ist wohl unterschiedlich. MP3Tag z.B. gibt mir dann eine Auswahlliste ähnlicher Einträge, man kann die Datenbank aber auch anhand von Schlagwörtern durchforsten.

Fazit: Die angezeigten Information stimmen zwar meist, man kann sich aber nicht 100%ig darauf verlassen. Du kannst die Daten ja ändern und an die Datenbank senden. Wie und ob das geht hängt von Deinem Player ab.


Grüße
Jürgen
Sarastro (02.10.2009, 22:40):
@Jürgen
vielen Dank für diese ausführlichen Erläuterungen; jetzt wird mir manches klarer!

Herzliche Grüße,
Sarastro

***

Ich höre in diesen Tagen die Cherubini-Quartette weiterhin sehr intensiv; sie gefallen mir immer besser. Ein besonderes Glanzlicht ist Nr. 5, das vorletzte. Möglicherweise erschließt es sich etwas langsamer als Nr. 1 oder auch Nr. 3 und 6, ist aber keineswegs schlechter!
Herrliche Musik; damit könnte man den ahnungslosen Hörer, der nicht weiß, von wem das ist, irreführen: Über weite Strecken klingt es nach spätem Beethoven, ist aber dann doch wieder etwas anderes ...
ab (07.10.2009, 12:04):
Sollte jemand mit den Gedanken spielen, sich mit diesen Streichquartetten näher zu befassen, so sollte man zum Vergleich jedenfalls die Aufnahme von Hausmusik London in Betracht ziehen, die bei cpo ebenfalls günstig (und wie ich finde mit besserem Preis/Leistungs-Verhältnis) erschienen sind. Hausmusik, hier mit Monica Huggett, Pavlo Beznosiuk, Roger Chase, Richard Lester, spielt auf s.g. Originalen Instrumenten (Ihre Mozart- oder Mendelssohn-Aufnahmen bei Virgin werden zu Recht höchst geschätzt, Beethoven, Hummel oder Schubert findet sich dort auch.)
Das klingt schon sehr anders als bei den Cherubinis! Anfang der 70er war halt noch eine ganz anderer Tradition als Ende der 90er.

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0761203994922.jpg

Kennt jemand von euch die recht junge Einspielung des Quartetto Savinio, die beim Italienischen Label Stradivarius erschienen sind? Die kenne ich leider genauso wenig wie die vom Quartetto David, die etwa zur selben Zeit wie die von Hausmusik entstanden sind.
Amadé (07.10.2009, 20:52):
http://www.jpc.de/image/w183/front/0/0761203994922.jpg
Danke ab für den Hinweis,
Cherubinis Quartette sind für mich bis jetzt ein weißer Fleck. Dann werde ich die CDs mal bestellen.

Gruß Amadé
ab (08.10.2009, 10:48):
Habe nun das Quartetto Savinio sowie Quartetto David gesoundschnitzelt. Die Savinios spielen noch holzhackerischer als die Cherubinis :ignore und bei der Konkurenz ist bei classicstoday von Hurwitz, wie soeben gegoogelt, zu lesen:
The Quartetto David sounds like the best group to come out of Italy since the old Quartetto Italiano, and they do the music proud, playing with sensitivity, taste, and a real singing tone.
Mein Eindruck beim Hören zuvor war tatsächlich, dass es wohl dem Ton zufolge ein skandinavisches Ensemble sei. Hurwitz hält diese für die Beste der derzeit erhältlichen Einspielungen.
Sein Kollege Preiser meint ebendort im Vergleich:
There have been a couple of different attempts at these quartets over the years, but all that seems to be available at the moment are versions by the Quartetto David on BIS. The BIS sound is fuller and a little more detailed than this CPO disc, but Huggett & Co. get more out of the music. In their hands, Cherubini sounds much more like a respectable old master than a curmudgeonly has-been. This is an easy recommendation for anyone who appreciates fine, well-played chamber music.
Ich kann Sabbatini, auch dort rezensierend, nur zustimmen:
Hausmusik London finds the right balance between classical temperance and pre-romantic outbursts.

Mein (vorschnelles) Fazit nach diesen Kürzesteindrücken: Hausmusik stellt die "wenig tiefschürfenden, aber stets geistreichen und eleganten Stücke des Wahlfranzosen" (Stäbler in FonoForum) am meisten durchgearbeitet dar bzw. sogar bloß (?).

:hello
Sarastro (17.10.2009, 18:01):
Original von ab

Hausmusik London finds the right balance between classical temperance and pre-romantic outbursts.

Mein (vorschnelles) Fazit nach diesen Kürzesteindrücken: Hausmusik stellt die "wenig tiefschürfenden, aber stets geistreichen und eleganten Stücke des Wahlfranzosen" (Stäbler in FonoForum) am meisten durchgearbeitet dar bzw. sogar bloß (?).



Hallo ab,
solche pauschalen (Ab-)Qualifizierungen wie "wenig tiefgründig" - bei dem von Dir zitierten Kritiker - ärgern mich immer ein wenig, weil dahinter doch immer wieder unausgesprochen der Vorwurf der Oberflächlichkeit und Glätte lauert, was durch die Cherubini vom selben Kritiker zugesprochene "Eleganz" in gewisser Weise noch unterstrichen wird. Wenn letzterer die Quartette - immerhin - als geistreich bezeichnet, stimme ich ihm gern zu, aber wo steckt "Eleganz" oder Glätte etwa im ruppigen Scherzo des sechsten und letzten Quartetts? (wobei ich wohlgemerkt "Eleganz" an und für sich noch nicht als negative Eigenschaft empfinde).
Möglicherweise haben einer positiveren Einschätzung der Cherubini-Quartette durch manche Kritiker zwei Umstände entgegengewirkt:
1. Der noch den Idealen der (Spät-)Klassik verhaftete Stil des Komponisten zu einer Zeit, als dieser nicht mehr ganz zeitgemäß erscheinen mochte (gerade darum aber schätzte Beethoven Cherubini im Unterschied etwa zu Louis Spohr, der ihm zu "dissonant" war(!)).
2. Der qualitativ - in der Tat - uneinheitliche Charakter des Quartettwerks, und das sollte man sich bewußt halten. Anders als bei den entsprechenden Spätwerken von Beethoven (und bereits Haydn) stehen nicht alle sechs Quartette auf derselben Höhe; erst recht kann man nicht von einem qualitativen Fortschreiten sprechen. Ich würde, was das musikalisch-kompositorische Niveau betrifft, drei Gruppen unterscheiden:
a) Die Spitzenwerke Nr. 1 und 3
b) (vielleicht mit geringem Abstand folgend, in meiner subjektiven Einschätzung aber kaum schlechter als a) Nr. 5 und 6
c) - mit deutlichem Abstand zu a und b - Nr. 2 (die zum Streichquartett umgearbeitete einzige Symphonie) und 4.

Wer also von Nr. 2 (oder 4) auf alle Quartette schließt, gelangt zu einem schiefen Eindruck.

Mit der Aufnahme des Melos-Quartetts (auf die Du, ab, nicht Bezug nimmst) bin ich übrigens sehr zufrieden und habe im Moment kein großes Bedürfnis nach einer Alternative, das kann aber noch kommen. Die von Dir erwähnte Aufnahme mit "Hausmusik" interessiert mich natürlich schon.

Vielleicht sollte ich noch erwähnen, daß sich meine (differenzierte) Wertschätzug der Cherubini-Quartette einzig auf diese Werke selbst, wie ich sie durch die Einspielung des Melos-Quartetts kenne, gründet und nicht von anderen Werken des Komponisten beeinflußt ist. Ich kenne keine einzige der Opern Cherubinis, für die dieser seinerzeit so berühmt war, und ich weiß auch gar nicht, ob sie mir gefallen würden.

Herzliche Grüße,
Sarastro
ab (17.10.2009, 21:01):
Vielleicht hast Du recht mit Deinen Vermutungen, warum Chrubini nicht positiver eingeschätzt wird; ich persönlich für mich merke die Güte eher daran, dass ich einfach sehr selten zu diesen CDs greife, und dann auch lieber bloß einzelne Sätze mir anhöre.

Mittlerweile kann man ja noch mehr Vergleich aus der Zeit heranziehen, man denke an die gerade erstmals aufgenommenen drei Quartette von Dussek mit dem Camesina Quartet
http://www.jpc.de/image/w150/front/0/4020796424763.jpg
oder die von Ries bei CPO mit dem Schuppanzigh Quartett. Auch die von Ignaz Pleyel, etwa vom nicht hoch genug zu lobenden Artis Quartett Wien (ORF) möchte ich hier unbedingt nennen (mehr noch als die gelobten bei Naxos mit dem Enso Quartet)
http://www.jpc.de/image/w600/front/0/9004629313641.jpg
Später dann noch Onslow mit dem mandelring Quartett bei CPO.

Louis Spohr oder Dittersdorf sind da natürlich wirklich nicht die besten Konkurrenten...

:hello