D. Schostakowitsch: 24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87
Rachmaninov (18.01.2007, 17:45): Hallo Forianer,
eigentlich wollte ich noch nicht dieses Werk ansprechen, jedoch haben mich derzeit 2 entscheidende Dinge dazu bewogen dies vorzuziehen.
1. die Aufforderung von Nikolas im Zusammenhang mit op.34 und 2. der derzeit laufende Thread zum "Wohltemperierten Klavier"
Als im Jahr 1950 die Menschen den 200. Todestag von J.S.Bach feierten befand sich die Welt politisch gesehen im sogenannten "kalten Krieg" der Supermächte USA und der UDSSR mit ihren jeweiligen Verbündeten.
In dieser für alle Künstler der UDSSR lebten alle Künstler im "Bann" der großen Partei und nicht nur Schostakowitsch konnte jederzeit damit rechnen eine hohe Auszeichnung zu erhalten oder aber auch deportiert zu werden.
In dieser politischen Atmosphäre fanden in Leipzig die Feierlichkeiten zur Ehrung von J.S.Bach statt, den Schostakowitsch verehrte.
Schostakowitsch besuchte die Feierlichkeiten als Teil der sowjetischen Delegation und konmnte so ein zweitesmal Ostdeutschland besuchen.
Er war Teil der Jury und hilet auch im Rahmen der Festspiele einen Beitrag über J.S. Bach.
So äußerte er sich:
Das musikalische Genie Bachs steht mir besonders nahe. Es ist unmöglich an ihm gleichgültig vorüberzugehen. Ich höre seine Musik stets mit großem Gewinn und ungeheurem Interesse. Viele seiner Werke hörte ich mehrmals. Und jedesmal entdecke ich darin neue, wunderschöne Stellen. Bach spielt in meinem Leben eine bedeutende Rolle. Ich spiele täglich ein Stück von ihm. Dies ist mir ein Bedürfni, und der tägliche Kontakt mit der Bachschen Musik gibt mir ungeheuer viel"
Musik und Gesellschaft,1951 #1
In einem Gespräch mit einem Kollegen äußerte Schostakowitsch seine Bewunderung des Wohltemperierten Klaviers und das es reizvoll sein müsse diese Tradition fortzusetzen. Es muß nicht erwähnt bleiben das der Kollege Zweifel hinsichtlich dieser Überlegungen hatte und das dies überhaupt möglich sein.
Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte Dimitri den Entschluß bereits gefasst.
Nach der Rückkehr in die Heimat schrieb er die D. Schostakowitsch: 24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87 in der Art des Wohltemperierten Klaviers Er schrieb zwei Zyklen mit jeweils 12 Präludien und Fugen.
Nach seiner eigenen Aussage sei dies kein fortlaufender Zyklus, sondern eine Serie von nicht miteinander verbundenen Werken.
Die Vorstellung erfolgte im April und Mai 1951. Wie immer bekam er Lob und Kritik (meist je nachdem was der jenige sich politisch selber erhoffte!!) Beliebte und gefährliche Vorwürfe waren "Formalismus" und "Dekadenz" (recihte ggf. bereits zu politischen Vernichtung!)
Wenige setzten sich für das Werk ein und schließlich war es Nikolajewa (Siegerin des vorherigen Wettbewerbs in Leipzig), die das Werk sehr erfolgreich in Konzerten spielte.
Man könnte sagen er hat das Werk Bach's ins seine sowjetisch geprägten Musiksprache übertragen, oder vorsichtiger formuliert, übernommen!
Selber muß ich sagen, daß ich mich mit op.87 bisher weniger beschäftigt habe. Dies wird sich natürlich jetzt deutlich ändern.
Wie seht ihr das Werk?
Würdet ihr Hans von Bülow's Satz:"Die Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers sind das Alte Testament, die Sonaten von Beethoven das Neue Testament der Klavierspieler"
ggf. ergänzen mit "..und die 24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87 die logische Weiterentwicklung des testamentes im 20. Jahrhunderts"?
Rachmaninov (19.01.2007, 09:15):
ggf. ergänzen mit "..und die 24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87 die logische Weiterentwicklung des Testamentes im 20. Jahrhunderts"?
Olli Mustonen hat eine Aufnahme eingespielt, die Teile aus J.S.Bach's wohltemperiertem Klavier I und Schostakowitsch's Präludien & Fugen op. 87 gegenüberstellt.
nikolaus (20.01.2007, 12:59): ggf. ergänzen mit "..und die 24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87 die logische Weiterentwicklung des testamentes im 20. Jahrhunderts"?
Nein, ich soweit würde ich wohl nicht gehen. Ein entscheidender Faktor ist für mich eine sehr persönliche Note Schostakowitschs in diesem Werk (wie sicher auch in allen anderen). Er benutzt die Form als Mittel zum Zweck und schafft eine, wie ich finde, sehr intime und persönliche Stimmung. So gesehen hat er die Form nicht wesentlich weiterentwickelt, sondern mit einem (anderen) Inhalt gefüllt.
Allerdings muß ich jetzt wieder einschränkend einwerfen, daß ich nur die Aufnahme mit Jarret kenne. Vielleicht ist es ja auch eine Interpretationsfrage!?
Nikolaus. ?(
Walter (21.01.2007, 09:07): Original von nikolaus
Allerdings muß ich jetzt wieder einschränkend einwerfen, daß ich nur die Aufnahme mit Jarret kenne. Vielleicht ist es ja auch eine Interpretationsfrage!?
Nikolaus. ?(
Also der Jarrett spielt zwar etwas eigenwillig, aber dennoch nicht soo anders, dass es zu eine so starken Veränderung der Aussage und des Inhalts des Werkes käme. Für mich geht bei Jarrett etwas Shostakovich verloren, dafür lässt sich der Interpret immer erkennen.
Obwohl ich das Werk sehr schätze würde ich es allerdings nicht als Weiterentwicklung des Testamentes im 20. Jahrhundert bezeichnen. Allerdings wäre ich da schon auf die Einschätzungen unserer Kenner gespannt. Für mich ist es ehr die gelungene
Fortsetzung der Tratiditon des Wohltemperierten Klaviers.
Gruss,
ab (01.02.2007, 21:45): Wer kennt die von: Muza Rubackyté/Klavier. DDD. Brilliant Classics. 2 CDs
Nee - ich habe von der Nikolajewa weder das op 34 noch das op 87
was ich im Netz und von der Schallplatte höre gefällt mir aber richtig gut!
Lohnen sich die beiden CDs??
Rachmaninov (18.01.2007, 17:45): Hallo Forianer,
eigentlich wollte ich noch nicht dieses Werk ansprechen, jedoch haben mich derzeit 2 entscheidende Dinge dazu bewogen dies vorzuziehen.
1. die Aufforderung von Nikolas im Zusammenhang mit op.34 und 2. der derzeit laufende Thread zum "Wohltemperierten Klavier"
Als im Jahr 1950 die Menschen den 200. Todestag von J.S.Bach feierten befand sich die Welt politisch gesehen im sogenannten "kalten Krieg" der Supermächte USA und der UDSSR mit ihren jeweiligen Verbündeten.
In dieser für alle Künstler der UDSSR lebten alle Künstler im "Bann" der großen Partei und nicht nur Schostakowitsch konnte jederzeit damit rechnen eine hohe Auszeichnung zu erhalten oder aber auch deportiert zu werden.
In dieser politischen Atmosphäre fanden in Leipzig die Feierlichkeiten zur Ehrung von J.S.Bach statt, den Schostakowitsch verehrte.
Schostakowitsch besuchte die Feierlichkeiten als Teil der sowjetischen Delegation und konmnte so ein zweitesmal Ostdeutschland besuchen.
Er war Teil der Jury und hilet auch im Rahmen der Festspiele einen Beitrag über J.S. Bach.
So äußerte er sich:
Das musikalische Genie Bachs steht mir besonders nahe. Es ist unmöglich an ihm gleichgültig vorüberzugehen. Ich höre seine Musik stets mit großem Gewinn und ungeheurem Interesse. Viele seiner Werke hörte ich mehrmals. Und jedesmal entdecke ich darin neue, wunderschöne Stellen. Bach spielt in meinem Leben eine bedeutende Rolle. Ich spiele täglich ein Stück von ihm. Dies ist mir ein Bedürfni, und der tägliche Kontakt mit der Bachschen Musik gibt mir ungeheuer viel"
Musik und Gesellschaft,1951 #1
In einem Gespräch mit einem Kollegen äußerte Schostakowitsch seine Bewunderung des Wohltemperierten Klaviers und das es reizvoll sein müsse diese Tradition fortzusetzen. Es muß nicht erwähnt bleiben das der Kollege Zweifel hinsichtlich dieser Überlegungen hatte und das dies überhaupt möglich sein.
Bereits zu diesem Zeitpunkt hatte Dimitri den Entschluß bereits gefasst.
Nach der Rückkehr in die Heimat schrieb er die D. Schostakowitsch: 24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87 in der Art des Wohltemperierten Klaviers Er schrieb zwei Zyklen mit jeweils 12 Präludien und Fugen.
Nach seiner eigenen Aussage sei dies kein fortlaufender Zyklus, sondern eine Serie von nicht miteinander verbundenen Werken.
Die Vorstellung erfolgte im April und Mai 1951. Wie immer bekam er Lob und Kritik (meist je nachdem was der jenige sich politisch selber erhoffte!!) Beliebte und gefährliche Vorwürfe waren "Formalismus" und "Dekadenz" (recihte ggf. bereits zu politischen Vernichtung!)
Wenige setzten sich für das Werk ein und schließlich war es Nikolajewa (Siegerin des vorherigen Wettbewerbs in Leipzig), die das Werk sehr erfolgreich in Konzerten spielte.
Man könnte sagen er hat das Werk Bach's ins seine sowjetisch geprägten Musiksprache übertragen, oder vorsichtiger formuliert, übernommen!
Selber muß ich sagen, daß ich mich mit op.87 bisher weniger beschäftigt habe. Dies wird sich natürlich jetzt deutlich ändern.
Wie seht ihr das Werk?
Würdet ihr Hans von Bülow's Satz:"Die Präludien und Fugen des Wohltemperierten Klaviers sind das Alte Testament, die Sonaten von Beethoven das Neue Testament der Klavierspieler"
ggf. ergänzen mit "..und die 24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87 die logische Weiterentwicklung des testamentes im 20. Jahrhunderts"?
Rachmaninov (19.01.2007, 09:15):
ggf. ergänzen mit "..und die 24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87 die logische Weiterentwicklung des Testamentes im 20. Jahrhunderts"?
Olli Mustonen hat eine Aufnahme eingespielt, die Teile aus J.S.Bach's wohltemperiertem Klavier I und Schostakowitsch's Präludien & Fugen op. 87 gegenüberstellt.
nikolaus (20.01.2007, 12:59): ggf. ergänzen mit "..und die 24 Präludien und Fugen für Klavier solo op. 87 die logische Weiterentwicklung des testamentes im 20. Jahrhunderts"?
Nein, ich soweit würde ich wohl nicht gehen. Ein entscheidender Faktor ist für mich eine sehr persönliche Note Schostakowitschs in diesem Werk (wie sicher auch in allen anderen). Er benutzt die Form als Mittel zum Zweck und schafft eine, wie ich finde, sehr intime und persönliche Stimmung. So gesehen hat er die Form nicht wesentlich weiterentwickelt, sondern mit einem (anderen) Inhalt gefüllt.
Allerdings muß ich jetzt wieder einschränkend einwerfen, daß ich nur die Aufnahme mit Jarret kenne. Vielleicht ist es ja auch eine Interpretationsfrage!?
Nikolaus. ?(
Walter (21.01.2007, 09:07): Original von nikolaus
Allerdings muß ich jetzt wieder einschränkend einwerfen, daß ich nur die Aufnahme mit Jarret kenne. Vielleicht ist es ja auch eine Interpretationsfrage!?
Nikolaus. ?(
Also der Jarrett spielt zwar etwas eigenwillig, aber dennoch nicht soo anders, dass es zu eine so starken Veränderung der Aussage und des Inhalts des Werkes käme. Für mich geht bei Jarrett etwas Shostakovich verloren, dafür lässt sich der Interpret immer erkennen.
Obwohl ich das Werk sehr schätze würde ich es allerdings nicht als Weiterentwicklung des Testamentes im 20. Jahrhundert bezeichnen. Allerdings wäre ich da schon auf die Einschätzungen unserer Kenner gespannt. Für mich ist es ehr die gelungene
Fortsetzung der Tratiditon des Wohltemperierten Klaviers.
Gruss,
ab (01.02.2007, 21:45): Wer kennt die von: Muza Rubackyté/Klavier. DDD. Brilliant Classics. 2 CDs
Jüngst im Radio Ausschnitte daraus gehört. Das gefiel mir deutlich besser als ihre Melodiya-Aufnahme, die ich mit ihr habe (und mich nicht wirklich anzuhören reizt)!
:hello
Gerion (30.05.2010, 22:53): Seit kurzem liegt eine neue Einspielung der Präludien op. 87 von Alexander Melnikov vor:
Erste Eindrücke vom Reinhören: Eine sehr warme, doch transparente Aufnahme. Melnikov spielt die langsameren Stücke mit großer Innigkeit und Wärme (Man höre das Präludium Nr. 23 F-dur!). Manchmal hat die Aufnahme recht starken hall (vgl. A-Dur Präludium). Aber insgesamt eine wunderbare Einspielung, finde ich. Sie kommt mir oft geradezu entrückt vor, zieht mich in ihren Bann (A-Dur Fuge! Ein Strudel, ein Kosmos, den Melnikov zwingend öffnet und in den es einen hineinzieht!).
Nachzutragen ist auch noch: Die Doppeleinspielung der Präludien und Fugen Bach/Schostakowitsch von Olli Mustonen wurde bei Ondine fortgesetzt: