D. Schostakowitsch: Sinfonie 7 C-dur op.60 "Leningrad"

Rachmaninov (29.06.2006, 20:42):
Hallo Forianer,

als erste der sogenannten Kriegssinfonien und als erste der sogenannten "Programmsinfonien" stellt die 7. Sinfonie einer der
wohl bekanntesten aber auch zugleich beliebtesten Sinfinien D. Schostakovitch's da.

Schostakovitch komponierte die Sinfone zwischen Juli und September 1941. Somit als mitten im zweiten Weltkrieg,
als deutsche Treuppen die Stadt Leningrad belagerten, in der Schostakovitch als Feuerwehrmann arbeitete
und bei dem Donner der Granaten sein Werk komponierte.

Am 5. März 1942 wurde die Sinfonie durch Kuibyschew Uraufgeführt.
Gegen den Beinamen "Leningrad" hatte Schostakovitch übrigens keine Einwände!

erster Satz

Der erste Satz beginnt freundlich, friedliche Töne erklingen und alles erscheint wie in einer friedlichen Stimmung
gehült bis langsam, undaufhaltsam aus der Ferne leiser Trommelwirbel hörbar ist, der sich im Laufe des
ersten Satzes immer weiter steigert. Das "Invasionsthema" kippt die anfänglich firedliche Stimmung und beide
Stimmungen, die der Gewalt und die des Friedens scheinen nebeneinander zu existieren.

zweiter Satz

Der zweite Satz zeigt sich wieder zuversichtlich mit einer zarten und lyrischen Grundstimmung.

dritter Satz

Der dritte Satz beginnt zunächst ebenfalls eher friedlich erfährt jedoch in der Mitte des Satzes
einen Umbruch hin zu Dynamik.

vierter Satz

Im vierten Satz das "Siegesthema", das Schostakovitch nicht einfach in heroischer Gestallt
erscheinen lässt, sonder das unterbrochen wird durch die tiefe "Trauer", die das schreckliche
Ereigniss hinterlassen hat!

Auch ich höre die 7. Sinfonie sehr gerne. Anfangs empfand ich der letzten Satz als sehr chaotisch,
habe mich aber nach und nach reingehört. Allerdings sind ca. 75 min. schon eine "Mamutaufgabe"
wenn man sich intensiver mit der Sinfonie beschäftigt.

Wie geht es euch? Ist die Sinfonie bei euch ebenfalls beliebt? Welche Aufnahmen schätzt ihr?
Cosima (29.06.2006, 20:51):
Lieber Richard,

in Sachen Schostakowitsch-Symphonien bin ich überhaupt nicht gut eingedeckt. Im Grunde könnte ich meinen Beitrag aus dem Thread über die 5. fast hier her kopieren: Wieder sind nur Gergiev und Barshai bei mir vorhanden. Und wieder gebe ich Gergiev den Vorzug.

So harre ich der Dinge, die sich hier tun werden.

Gruß, Cosima
Holger S. (30.06.2006, 07:42):
Hallo Rachmaninov,

ich muss sagen, dass ich mich mit der Siebten Sinfonie noch nicht so intensiv beschäftigt habe. Die von dir erwähnte Länge dieses Stückes spielt da sicher eine gewichtige Rolle. Ich habe die Sinfonie nur in einer Aufnahme mit Haitink, die ich mir demnächst mal wieder anhören werde (wobei ich in den nächsten Tagen allerdings schon mit anderer Musik beschäftigt sein werde). Mit der Siebten Sinfonie feierte Schostakowitsch auch international einen großen Triumph. Im Angesicht des Zweiten Weltkrieges traf Schostakowitsch hier offensichtlich voll und ganz den Nerv der Zeit! In Krzysztof Meyers Schostakowitsch-Biographie wird über die rasante Übermittlung der Partitur in andere Länder berichtet:

Ein Telegramm in die Sowjetunion... Als Antwort geht ein Mikrofilm mit der Partitur in den Iran, von dort weiter in den Irak, nach Ägypten, quer durch Afrika und mit einem Schiff über den Atlantik nach New York. Hier wird sie schon von den berühmten Dirigenten erwartet: Toscanini, Stokowski, Kussewizki .

Weiter wird davon berichtet, dass sich die amerikanischen Dirigenten geradezu um das Recht für die amerikanische Erstaufführung "rissen". Letztlich war Toscanini der Glückliche. Die Erfolge müssen dann gradios gewesen sein.

Viele Grüße
Holger
Rachmaninov (30.06.2006, 08:03):
Original von Holger S.
Ich habe die Sinfonie nur in einer Aufnahme mit Haitink, die ich mir demnächst mal wieder anhören werde


Die Haitink Aufnahme werde ich auch bald besitzen da ich mir vor wenigen Minuten die Gesamtaufnahme bestellt habe.
Freue mich bereits auf Deinen Bericht zum Werk und zur Interpretation :D


Mit der Siebten Sinfonie feierte Schostakowitsch auch international einen großen Triumph. Im Angesicht des Zweiten Weltkrieges traf Schostakowitsch hier offensichtlich voll und ganz den Nerv der Zeit! In Krzysztof Meyers Schostakowitsch-Biographie wird über die rasante Übermittlung der Partitur in andere Länder berichtet:


Natürlich traff die Sinfonie den "Nerv der Zeit".
Schließlich war die Sinfonie eindeutig gegen den Faschismus gerichtet, dem Schostakovitch "ein Grab schaufeln" wollte!

Seltsamerweise wurde, tragisch wie so oft in Schostakovitch's Leben, der Erfolg auch wieder zum Verhängnis. Nach Ende des 2. Weltkrieges wurde ihm nämlich, bedingt durch den beginnenden "kalten Krieg", dieser Erfolg im Ausland zum Vorwurf gemacht! Tragisch...... :I
Wotan (30.06.2006, 12:52):
Hallo,

die 7te von Shostakovich ist eine meiner absoluten Lieblingssinfonien. Ich kenne sowohl die Einspielungen von Bernstein als auch Gergiev, finde aber Gergiev - wie so oft- einfach überragend. :down

MfG
Wotan
Cosima (30.06.2006, 16:08):
Original von Wotan
... finde aber Gergiev - wie so oft- einfach überragend.

Hallo Wotan,

hast Du schon die Prokofjew-Symphonien unter Gergiev gehört? Ich ringe noch mit mir, ob ich sie mir zulegen soll. Allein der Preis hält mich derzeit ab, die Rezensionen waren ja alle sehr positiv.

Gruß, Cosima
Wotan (01.07.2006, 14:23):
Original von Cosima
Original von Wotan
... finde aber Gergiev - wie so oft- einfach überragend.


hast Du schon die Prokofjew-Symphonien unter Gergiev gehört? Ich ringe noch mit mir, ob ich sie mir zulegen soll. Allein der Preis hält mich derzeit ab, die Rezensionen waren ja alle sehr positiv.



Hallo Cosima,

ich habe mir die Prokofiev-Sinfonien über einen Import bestellt (waren da ein gutes Stück billiger), ich warte allerdings noch darauf. Bin sehr gespannt, v.a. weil Gergiev ja ein ganz großer Anhänger Prokofievs ist und es interessant wird, wie sein Einstand beim LSO aussieht. Sobald ich sie gehört habe, schreibe ich nochmal.

MfG
Wotan
Rachmaninov (04.07.2006, 11:42):
Original von Wotan
Hallo,

die 7te von Shostakovich ist eine meiner absoluten Lieblingssinfonien. Ich kenne sowohl die Einspielungen von Bernstein als auch Gergiev, finde aber Gergiev - wie so oft- einfach überragend. :down

MfG
Wotan

@Wotan,

Deiner Meinung zur Gergiev Aufnahme der 7. Sinfonie kann ich nur ausdrücklich bestätigen.
Bereits der erste Satz mit dem Invasionsthema ist derart prägnant und derzeit kenne ich (noch) keine andere Einspielung bei der die Trommeln so bedrohlich und transparent rüber kommen.
Glücklciherweise wird dieses Niveau über alle Sätze gehalten!
Rachmaninov (06.07.2006, 13:16):
Original von Wotan
Hallo,

die 7te von Shostakovich ist eine meiner absoluten Lieblingssinfonien. Ich kenne sowohl die Einspielungen von Bernstein als auch Gergiev, finde aber Gergiev - wie so oft- einfach überragend. :down

MfG
Wotan

@Wotan,

wie schätzt Du die Bernstein Aufnahme ein?

Bisher bin ich mir nicht sicher was ich von der Einspielung halten soll!
Wotan (06.07.2006, 18:14):
Original von Rachmaninov

@Wotan,

wie schätzt Du die Bernstein Aufnahme ein?

Bisher bin ich mir nicht sicher was ich von der Einspielung halten soll!

@ Rachmaninov

Bei der Aufnahme von Bernstein bin ich auch etwas gespalten. Ich war vor dem ersten Hören sehr skeptisch, ob Bernstein der richtige für diese Musik ist, aber ich war dann im höchsten Maße positiv überrascht. Nach mehrmaligen Hören muss ich sagen, dass es eine gute Aufnahme ist - nicht überragend, kein Meilenstein, aber auch ohne störende Auffälligkeiten. Ich höre sie auch immer wieder gerne zum Vergleich mit Gergievs brillanten Aufnahme (auch wenn sie der eben nicht das Wasser reichen kann).

MfG
Wotan
Rachmaninov (06.07.2006, 19:48):
Original von Wotan

@ Rachmaninov

Bei der Aufnahme von Bernstein bin ich auch etwas gespalten. Ich war vor dem ersten Hören sehr skeptisch, ob Bernstein der richtige für diese Musik ist, aber ich war dann im höchsten Maße positiv überrascht. Nach mehrmaligen Hören muss ich sagen, dass es eine gute Aufnahme ist - nicht überragend, kein Meilenstein, aber auch ohne störende Auffälligkeiten. Ich höre sie auch immer wieder gerne zum Vergleich mit Gergievs brillanten Aufnahme (auch wenn sie der eben nicht das Wasser reichen kann).

MfG
Wotan

@Wotan,

so ähnlich empfinde ich das derueit bei der Bernstein Aufnahme auch.

Alles sehr gut, alles ordentlich aber es fehlt mir ein wenig die Spannung.
Wohl das was Du meinst mit "ohne Auffälligkeiten".......

R
Rachmaninov (10.07.2006, 13:53):
Ein ganz vorzügliche Aufnahme der 7. Sinfonie legte auch K. Kondrashin vor.

Seine Deutung der Sinfonie gehört für mich mit in die spitzen Riege der Aufnahmen. Niemals überzeichnend (wie es teilweise bei der 5. Sinfonie vorkommt) gelingt es ihm in jedem Satz die Thematik, die Aussage und die Stimmung ins rechte Licht zu rücken.



TOP, wenn auch klanglich nicht überragend!
Rachmaninov (13.07.2006, 11:10):
Die Aufnahme von Mariss Jansons mit dem Leningrad PO - man versteh mich da bitte nicht falsch - ist sciherlich keine schlechte Aufnahme.

Aber den Vergelich mit der sehr guten Aufnahme von Gergiev kann sie wohl nicht bestehen.
Da fehlt es mir doch teilweise an der Spannung, an der Deutlichkeit der Stimmungen und vor allem diesem Nebel drohender Gefahr.
Dies merkt man dies auch bei der Präzison insb. bei den Blechbläsern.

Nochmals, keine schlechte Aufnahme, aber IMO nicht TOP
Im übrigen auch nicht gerade ein "Klangwunder"



BTW, kennt jemand seine neue Aufnahme mit dem Concertgebouw Orchestra?
nikolaus (01.10.2006, 18:57):
@ Rachmaninov als den Shostakovich-Spezialisten
und natürlich @ alle !

Ich glaube, ich habe endlich Zugang zu Shostakovich's Sinfonien gefunden Dank einer Sendung auf WDR 3 zur 7.Sinfonie.
Daher möchte ich noch einmal eure Empfehlungen herausfordern:

Ist die Gergiev-Einspielung DIE Referenz?

Gruß, Nikolaus.
Walter (01.10.2006, 19:39):
@Nikolaus,
von allen Einspielungen, die ich kenne ist die von Gergiev auf alle Fälle die, die mich am meisten berührt. Zudem ist die Aufnahme von der Klangqualität sehr gut. Ich würde damit anfangen! :engel

Gruß,
Ganong (04.10.2006, 19:20):
Werte Schostakowitschverehrer und -bewunderer !

Seit ich den überdimensionalen Artikel von W. SANDNER in der "Frankfurter Allgemien Zeitung" gelesen habe , mit wenig Freude und ohne wirklichen Gewinn bezüglich der Musik , ist in mir noch mehr als dies schon zuvor war die Mweinung verfestigt worden , dass es sich

1. um einen überwiegend politischen Komponisten gehandelt hat

u n d

2. Schostakowitsch übel , eben auch in dem Artikel von sandner , zu politischer Propaganda missbraucht wird ( und natürlich wurde ) .

Schostakowitsch war hochgradigst kurzsichtig ( augenärztlich geshen ) .

Die , die so mit ihm umgehen wie Herr sandner dies leider tut , siind vielleicht visuell nicht kurzsichtig , sicher aber politisch und klturpolitisch .

Schade um das viele FAZ - Papier .

Frank
Holger S. (05.10.2006, 16:30):
Hallo Frank,

ich kenne den von dir angesprochenen Artikel nicht, aber das, was du hier darüber geschrieben hast, scheint mir beachtenswert zu sein. Könntest du evt. kurz mitteilen, welche Thesen Sandner in seinem Artikel vertritt?

Vielen Dank
Holger
Ganong (05.10.2006, 17:20):
Lieber Holger ,

dieser Artikel von W. Sandner in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ist selbst für die Grossbeiträge in der FAZ früherer Jahre durch H. H. Stuckenschmidt , Reich - Ranicki ( in seinen besten Zeiten ) oder den jüngst verstorbenen früheren Mitherausgeber Joachim Fest ( ihm gebührt in vilerlei Hinsicht allergrösste Hochachtung . Keines wegs nur wegen seiner berühmten Hitler - Biographie . L e i d er hat die FAZ kein Wort über die hochinteressanten Disputationen von Herrn Fest gerade auch im eigenen Haus , etwa mit Marceli Reich - Ranicki und anderen mehr , in ihren dann am Ende zu kurz gefassten Artikeln über einen grossen Menschen und deutschen Bildungsbürger noch einmal - für viele dann wohl erstmals - darstellen wollen ) q u a n t i t a t i v so gewaltig wie eine rede vor dem Politbüro der DDR oder der früheren UdSSR .

Daher sind einzelne Thesen Sandners , die ich ohnehin nicht erkennen kann , bedauerlicherweise nicht als Extrakt aus diesem ernmattenden und langweiligen Leser möglich .

Es gil´t , gerade für Sandners Beiträge der Satz : Weniger ist manchmal mehr !

Und wo Sandner meint , das Wesentliche zu erfassen , da scheitert er ganz kläglich an abstrusen Verkürzungen . Z.B. in einem Artikel über das Philadelphia Orchestra !

Lieber Holger , wenn Du Wichtiges über Schostakowitsch erfahren möchtest , dann ist dieser Artikel der ungeeignetste der mir bekannten Aufsätze .

Die "FAZ" hatte vor dem ersten Selbstversteidigungs-"Schlag" Nordkoreas oder des Irans wohl kein Thema fürs Seitenfüllen .

Frank Schirrmacher ist eben kein J. Fest !

Viele Grüsse ,

Frank
nubar (06.10.2006, 17:45):
Lieber Frank,

ich kann Dir bezüglich des FAZ-Artikels nur zustimmen. Herr Sandner deutet jegliche kompositorische Arbeit Schostakowitschs in ihren angeblichen politischen Dimensionen, wobei ich insbesondere bei den Balletten und Filmmusiken widersprechen würde. Es zeugt von Unkenntnis der damaligen Lebenslage DSCHs, der eine Familie zu ernähren hatte.

Grüße, nubar
Rachmaninov (08.10.2006, 15:47):
Original von nikolaus
@ Rachmaninov als den Shostakovich-Spezialisten
und natürlich @ alle !

Ich glaube, ich habe endlich Zugang zu Shostakovich's Sinfonien gefunden Dank einer Sendung auf WDR 3 zur 7.Sinfonie.
Daher möchte ich noch einmal eure Empfehlungen herausfordern:

Ist die Gergiev-Einspielung DIE Referenz?

Gruß, Nikolaus.

@Nikolaus,

ob es "DIE" Referenz ist kann man eigentlich kaum derart definitiv sagen.

Allerdings muss ich feststellen das sie zu den Spitzenaufnahmen ohne Zweifel gehört :times10
Ganong (08.10.2006, 18:52):
Lieber nubar ,

ich stimme Dir natürlich zu . und die beiden weiteren , fast so gewaltig über uns zusammenstürzenden Artikel , wieder in der F.A.Z. , bleiben von ähnlicher Leere wie der von Dandner . Schlimm .

Richtig : Schostakowitsch musste eine Familie ernähern und ( be - ) schützen .

Viele Grüsse und Dank für Dein tiefgehendes verständnsi der lage des komponisten und Menschen .

Beste Grüsse ,

Frank
Falstaff (12.11.2017, 00:34):
In den letzten Tagen habe ich mal wieder verschiedene Interpretationen der 7. gehört und tendiere für mich nach wie vor zu Mravinsky:



Sie hat etwas Rigoroses, etwas Strenges und gleichzeitig aber auch immer wieder etwas Bizarres, fast Skurriles, das ich sehr zu schätzen weiß. Vielleicht mag er sich da, in meinen Ohren, von dem eigentlichen Thema der Sinfonie entfernen, aber gleichzeitig wird es unter ihm streckenweise eher zu absoluter Musik ohne den aktuellen Bezug. Das mag ich jetzt ganz falsch liegen, aber wie gesagt, so klingt es für mich.

:hello Falstaff
Falstaff (12.11.2017, 00:41):
Eine andere Version, die ich sehr schätze, ist die von Karel Ancerl:



Er nimmt die Sinfonie wesentlich 'flotter' als Mravinsky und entfernt sich dabei noch mehr von irgendeiner 'Betroffenheitsdeutung', wie sie wohl so gern gerade bei dieser Sinfonie angewandt wird. Nicht, dass es Größe und Pathos entbehrt, aber für mich wird das wesentlich aus der Musik heraus produziert und weniger aus einen Programm.

:hello Falstaff