Der Einfluß Adornos auf die Musik des 20.Jahrhunderts

Jürgen (14.11.2007, 13:53):
Zitat von Satie:
Die letzte Phase ist insofern interessant, weil zwischen Schönberg und Strawinsky ein übler Streit herrschte, nicht zuletzt auch deshalb, weil Adorno Schönberg über alles verehrte, Strawinsky hingegen beinahe als behindert und krank hinstellte.

Im Strawinsky - Faden bin ich über obigen Satz gestolpert. Und ich habe mich gewundert, dass der Einfluß eines Musikkritikers und Philosophen so groß war, um sogar zwei Komponisten zu zerstreiten.

Da ich jetzt schon seit etwa drei Jahrzehnten klassische Musik konsumiere, kann ich eine (nicht repräsentative, da gefühlte) Statistik erstellen. Ich zähle in den Texten der CD/LP-Booklets die Erwähnungen des Namens Adorno und stelle fest, dass anfangs sein Wort fast schon Gesetz war. Seit den Neunzigern hat das nachgelassen.

Kann hier jemand Erhellendes beitragen, das über den Wikipedia-Eintrag hinausgeht und die Rolle Adornos als Musikkritiker beleuchtet.

Grüße
Jürgen
cellodil (14.11.2007, 14:49):
Lieber Jürgen,

eine gute Frage! Das würde mich auch interessieren.

Mal sehen, vielleicht kann ja Satie noch was dazu sagen... :hello

Herzliche Grüße

Sabine
HenningKolf (14.11.2007, 16:52):
Der Name Adorno ist für jemanden wie mich, der das Konterfei Sibelius´als Avatar hat und zudem Rachmaninow sehr schätzt durchaus ein Reizwort.

Ein Zitat Adornos zu Sibelius aus dem Jahre 1938:

"Man kann sich gut vorstellen dass er nach seinen deutschen Kompositionsstudien dorthin mit berechtigten Inferioritätsgefühlen zurückkam, wohl bewußt der Tatsache, daß ihm weder einen Choral zu auszusetzen, noch einen ordentlichen Kontrapunkt zu schreiben vergönnt war; daß er sich ins Land der tausend Seen vergrub, um vor den kritischen Augen seiner Schulmeister geborgen zu sein."

Über das cis-moll prelude Rachmaninows äußerte er, dass es sich um ein plakatives Schaustück für infantile Erwachsene handele, mit dem ein Dilettant Kraft und Virtuosität vortäusche.

Ein weiteres Zitat aus dem Jahre 1925 (da war Adorno zugegebenermaßen noch recht jung):

"Alles Schönbergische ist heilig, sonst gilt vom Heutigen nur Mahler, wer dagegen ist wird zerschmmettert"

Nun ja. Seine philosophischen Erkenntnisse sollen ja darin münden, dass die instrumentelle Anwendung von Vernunft regelmäßig zu Zwang führt, ins herrschaftliche System und die Irrationalität (Sozialismus führe zum Stalinismus, Kapitalismus in Faschismus und Kulturindustrie amerikanischer Prägung)

Seltsam, dass gerade er dann als Musikkritiker sich nicht scheut die Sprache der Demagogie und Diktatur zu benutzen. (Vielleicht auch nicht, Ratio ist den Zitaten ja eher fernliegend)

Nachdem was ich gelesen habe, z.B. im Archiv der FF (daher stammen auch die obigen Zitate), soll sein Einfluss auf die Nachkriegskomposotionswelt (Stockhausen, Nono, Henze, Ligeti, Boulez, Messiaen) immens gewesen sein.

Dass diese sich zuerst auf die Reihentechnik gestürzt hätten, sei das Verdienst Adornos gewesen. Mag sein. Eine Kompositionswelt, die mich allenfalls am Rande interessiert (Henze, Boulez) und teilweise bei mir zu allergischen Reaktionen führt. Aber das empfindet jeder anders und das ist gut so.

Irgendwo habe ich gelesen, dass in Deutschland Sibelius-Aufnahmen und Aufführungen zunächst rar gewesen seien weil Adorno soviel Einfluss gehabt habe. Lediglich Karajan habe sich darum nicht gekümmert. Ich weiß aber im Moment nicht, wo ich das her habe. Könnte aber stimmen. Ausländische Dirigenten zum Beispiel hatten in den 60ern/70ern weit weniger Berührungsängste diesbezüglich.

Aufnahmen mit Kompositionen Adornos gibt es (oder gab es) übrigens unter dem Dirigat von Gary Bertini, soweit ich mich entsinne. Ich verspüre allerdings keinerlei Neigung mich damit zu beschäftigen.

Nachher ist es Zeit für ein bißchen Sibelius und Rachmaninov, glaube ich.

Gruß
Henning
satie (14.11.2007, 21:44):
Tja, ich hatte ja den Namen ins Spiel gebracht...
Im Grunde habe ich mich mit Adorno viel zu wenig beschäftigt, wohl aber ausreichend Ahnung, welchen Einfluss er auf die deutsche Musik hatte. Wie Henning schon richtig bemerkt hatte, war Adorno vor allem für den Serialismus sowas wie ein Herrgott, Ikone einer absolut elitären Bewegung.

Adorno hat übrigens die Zwölftontechnik in letzter Konsequenz gar nicht befürwortet; ihm war Alban Berg viel lieber, und bei ihm hatte er auch Unterricht. Entscheidend ist für Adorno aber die Emanzipation der Dissonanz und eine Betrachtung der romantischen und vor allem spätromantischen Musik aus dem Augenwinkel der Verachtung. Ich habe etwa dieses Zitat gefunden:
"Nicht bloß, dass jene Klänge veraltet und unzeitgemäß wären. Sie sind falsch. Sie erfüllen ihre Funktion nicht mehr. Der fortgeschrittenste Stand der technischen Verfahrungsweise zeichnet Aufgaben vor, denen gegenüber die traditionellen Klänge als ohnmächtige Clichés sich erweisen."
(leider weiß ich die Quelle nicht)
Altes ist also gleich Cliché, das Atonale ist der Fortschritt (Adorno hatte das im Zusammenhang mit den früheren Werken Schönbergs geschrieben, und eigentlich ist atonal ein falscher Begriff, aber lassen wir das erst einmal). In seiner Philosophie der Neuen Musik stellt Adorno zwei Kapitel einander gegenüber, eines über Schönberg (Schönberg und der Fortschritt) und eines über Strawinsky (Strawinsky und die Restauration). Damit hat Adorno den Grundstein für eine fast die ganzen 55 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg dauernde Lagerspaltung gelegt, bei der die einen für den Weg Schönbergs waren und die anderen für Strawinsky. Zwei Tendenzen: eine "progressive", auf dem Fortschrittsglauben beruhende, und eine, die modernistischer Dialog mit der Tradition war. Immerhin bis in die siebziger Jahre hinein hatte diese Lagerspaltung in Europa einen beängstigenden Bestand, danach emanzipierte sich wieder die Konsonanz etc.

Interessant ist, dass Adorno den Serialismus eigentlich als mathematische Musik verworfen hat. Dennoch hatte er den Weg zu ihr hin propagiert (daher war er so wichtig). Die feindliche Haltung den alten Klängen gegenüber war jedenfalls etwas typisch deutsches, bzw. mitteleuropäisches. Ein bewusster Rückgriff auf die Tradition war hier erst einmal geradezu verboten. Das würde ich absolut auf Adorno schieben. Somit kann man eigentlich sagen, dass auch das Donaueschingen der Nachkriegszeit in seiner elitären Geschlössenheit eigentlich auf seine Kappe geht, wenn auch dort die Serialisten ihre eigene Selbstverliebtheit zu einer weiteren Verkrustung führten.
Hier muss ich betonen, dass es durchaus gute serielle Stücke gibt. Dies sind meistens solche, die in der Anlage der Reihen schon einen muskalischen Geist zeigen oder aber die Regeln der Musik wegen auch durchbrechen.
Adorno unterstützte diese elitäre Bewegung vor allem durch Verunglimpfung jener, die ihm philosophisch nicht in den Kram passten, also etwa Strawinsky, Hindemith, Britten u.a. Es gibt heute noch Musiker, die solche Komponisten als kitschig ansehen, weil sie eben diesen Rückgriff auf die Tradition und die im adorno'schen Sinn "musikalischen Clichés" zeigen.
Die von Adorno proklamierte Emanzipation der Dissonanz führte logischerweise zu einem Konsonanzverbot (hier ist schwer zu sagen, ob das mehr von Schönberg oder von Adorno kommt, aber es dürften beide gewesen sein, Schönberg der musikalische Lehrer, Adorno der philosophische Befürworter, zusammen ein "dynamisches Duo" der Neuen Musik...). Die Terzen und Quinten wurden geächtet, die Septimen, Nonen und Sekunden waren eben chic.
Generell kann man sagen, dass Adorno als philosophischer Tausendsassa eben ein gewichtiges Wort hatte. Wenn er über einen Komponisten herzog, dann machten das eben viele andere auch. Cage etwa hatte in Donaueschingen keine Chance, und Adorno hatte ihn wegen seiner Zufallskompositionen kritisiert (wohl aus ähnlichen Gründen, wei er den Serialismus letztlich kritisierte).

Während ich aber versuche, hier noch mehr zu schreiben, fällt mir auf, dass ich mich tatsächlich einmal mit Adorno befassen müsste, um mehr sagen zu können. Die Wichtigkeit seiner Person für die Neue Musik war jedenfalls sein Buch "Philosophie der Neuen Musik", und dieses Buch hatte jahrzehntelang Einfluss auf die Komponisten.
Nicht zuletzt durch den enormen Einfluss der amerikanischen Komponisten um Cage kam es zu einer Kehrtwende, die ein anderes Komponieren ermöglichte und Adorno allmählich wieder entthronte.
Ich will mal sehen, ob ich noch mehr zusammentragen kann. Ich muss sein berühmtes Buch auch endlich einmal wirklich lesen, habe bisher nur Auszüge in die Finger bekommen.

Herzlich,
S A T I E
satie (14.11.2007, 22:11):
Ich habe noch etwas gefunden, allerdings weiß ich auch hier nicht, ob es aus der Philosophie der Neuen Musik stammt, oder aus einer anderen Schrift.
Adorno hat nicht nur den Komponisten, sondern auch den Hörern diese elitäre Haltung vermittelt. Er hat eine kategorische Abstufung des Hörens erstellt, die meiner Meinung nach schon ziemlich verwegen ist:

Expertenhören (der beste Hörer ist der Experte, der die Zusammenhänge hören kann, sprich genau hört, wann ein Thema wann wie variiert wird, wie es weiterverarbeitet wird, ob von ihm etwas abgespaltet wird etc., der also die Struktur der Musik genau durchschaut beim Hören, und zwar auf allen Ebenen, also auch im Ausdruck, der Farbe etc.)

gutes Zuhören (wohl einfach eine Abschwächung des ersten?)

Bildungshören (ich vermute hier mal ein Hören, welches ein gewisses Maß an Bildung mitbringt, aber nicht auf allen Ebenen vorhandene Bildung zeigt)

emotionales Hören (das scheint klar zu sein)

Ressentimenthören (als Beispiel: Bach-Liebhaber)

Unterhaltungshören

Gleichgültiges Hören

Das zeigt also, dass hier nicht etwa der emotionale Hörer genau so gut Zugang zu Musik findet wie ein Experte, und viele hier im Forum, die man sicherlich als Liebhaber eines Komponisten oder Interpreten gelten können, stehen auf einer bei Adorno noch niedrigeren Ebene als die emotionalen Hörer (wahrscheinlich, weil der emotionale noch zu jeder Musik einen Zugang hat, der Ressentimenthörer aber eben gerade nicht).
Das sind meines Wisens nicht alle Kategorien von Hörern bzw. Hören, die Adorno aufgestellt hat. Ich habe noch von einem "Selbstermächtigungshören" gehört, mit dem ich aber gerade gar nichts anfangen kann. Ich will mal sehen, ob ich zu all dem noch mehr finde.
cellodil (14.11.2007, 22:30):
:thanks für die aufklärerischen Bemühungen.

Frage mich allerdings jetzt doch, ob ich mich mit dem Herrn A. in Sachen Musik noch intensiver beschäftigen möchte...

Naja. Mal sehen.

Herzliche Grüße

Sabine
satie (15.11.2007, 08:18):
Ich habe hier eine Adorno-Biiografie herumstehen, in die ich noch kaum geschaut hatte (wurde mir vermacht). Darin habe ich nun gelesen, dass seine Befürwortung der Musik Schönbergs (vor allem der Musik der freitonalen Phase) auf marxistischem Fundament stand. Adorno sah in der Emanzipation der Dissonanz offenbar eine auf die Gesellschaft übertragbare Entwicklung. In der Zwölftonmusik war ihm die Methode zu regelhaft.

Ob man nun Adorno mag oder nicht ist wirklich fraglich. Er hat oft genug gegen Unterhaltungsmusik gewettert, und gegen den Jazz hatte er wohl auch starke Vorbehalte (selbst der Biograph ist hier der Meinung, Adorno sei voreingenommen gewesen). Unter dem Pseudonym Hektor Rottweiler hatte Adorno einen Artikel über den Jazz veröffentlicht, der diese Musik tatsächlich in ihrer Struktur in die Nähe des Faschismus rückte (!). Adorno hatte offenbar dann auch Mühe zu begründen, warum die Nazis selber den Jazz verboten hatten. Er begründete es mit der allgemeinen Blödheit der Nazis und mit der Annahme, sie hätten den Jazz deshalb nicht gemocht, weil er eben schwarze Wurzeln hätte.
Das ist für mich ein typisches Beispiel, wie ein Philosoph sich den Hals aus der Schlinge zieht. Adorno hatte wie jeder Mensch Abneigungen. Er beging vielleicht den Fehler, diese Abneigungen alle philosophisch erklären zu wollen (so gibt es wohl auch einen Text, der den Unsinn des Heimwerkens(!) behandelt). Das hängt sicher auch mit Adornos Funtion als Kritiker zusammen. Als relativ junger Mann hatte er ja oft Musikkritiken geschrieben, und er war auf seine Art auch sehr streng. Da er gleichermaßen Philosoph wie Musiker war, hatte er natürlich das Rüstzeug, seine Meinungen philosophisch stark untermauern zu können (mehr oder weniger).

Seine Rolle für die Neue Musik ist aber schon sehr wichtig, denn die Zwölftonmusik und der Serialismus waren gerade in Deutschland extrem wichtige Entwicklungen, die durchaus einen Anwalt wie Adorno brauchten.
HenningKolf (15.11.2007, 08:39):
Adorno ist für mich wie alle die vorgeben allein seligmachende Heilslehren zu verkünden eine höchst suspekte und fragwürdige Erscheinung.

Schönberg hatte möglicherweise den richtigen Instinkt, als er meinte er habe "den Menschen nie leiden können".

Ich kann es ja nicht belegen und es ist sicherlich deshalb nicht mehr als mein eigenes Vorurteil, aber vor dem Hintergrund, dass er sich kompositorisch versucht hat mit eher mäßigem Erfolg auch in den damals an zeitgenössischer Musik interessierten Kreisen legt den Verdacht nahe, dass in vielem Neid und Minderwertigkeitsgefühle kanalisiert werden.

Na ja, Pseudonym benutzend..und dann noch Hektor und Rottweiler...da hab ich ja nicht übel Lust weiter zu hobbypsychologisieren....aber ich bremse mich mal

Henning
Jürgen (14.11.2007, 13:53):
Zitat von Satie:
Die letzte Phase ist insofern interessant, weil zwischen Schönberg und Strawinsky ein übler Streit herrschte, nicht zuletzt auch deshalb, weil Adorno Schönberg über alles verehrte, Strawinsky hingegen beinahe als behindert und krank hinstellte.

Im Strawinsky - Faden bin ich über obigen Satz gestolpert. Und ich habe mich gewundert, dass der Einfluß eines Musikkritikers und Philosophen so groß war, um sogar zwei Komponisten zu zerstreiten.

Da ich jetzt schon seit etwa drei Jahrzehnten klassische Musik konsumiere, kann ich eine (nicht repräsentative, da gefühlte) Statistik erstellen. Ich zähle in den Texten der CD/LP-Booklets die Erwähnungen des Namens Adorno und stelle fest, dass anfangs sein Wort fast schon Gesetz war. Seit den Neunzigern hat das nachgelassen.

Kann hier jemand Erhellendes beitragen, das über den Wikipedia-Eintrag hinausgeht und die Rolle Adornos als Musikkritiker beleuchtet.

Grüße
Jürgen
cellodil (14.11.2007, 14:49):
Lieber Jürgen,

eine gute Frage! Das würde mich auch interessieren.

Mal sehen, vielleicht kann ja Satie noch was dazu sagen... :hello

Herzliche Grüße

Sabine
HenningKolf (14.11.2007, 16:52):
Der Name Adorno ist für jemanden wie mich, der das Konterfei Sibelius´als Avatar hat und zudem Rachmaninow sehr schätzt durchaus ein Reizwort.

Ein Zitat Adornos zu Sibelius aus dem Jahre 1938:

"Man kann sich gut vorstellen dass er nach seinen deutschen Kompositionsstudien dorthin mit berechtigten Inferioritätsgefühlen zurückkam, wohl bewußt der Tatsache, daß ihm weder einen Choral zu auszusetzen, noch einen ordentlichen Kontrapunkt zu schreiben vergönnt war; daß er sich ins Land der tausend Seen vergrub, um vor den kritischen Augen seiner Schulmeister geborgen zu sein."

Über das cis-moll prelude Rachmaninows äußerte er, dass es sich um ein plakatives Schaustück für infantile Erwachsene handele, mit dem ein Dilettant Kraft und Virtuosität vortäusche.

Ein weiteres Zitat aus dem Jahre 1925 (da war Adorno zugegebenermaßen noch recht jung):

"Alles Schönbergische ist heilig, sonst gilt vom Heutigen nur Mahler, wer dagegen ist wird zerschmmettert"

Nun ja. Seine philosophischen Erkenntnisse sollen ja darin münden, dass die instrumentelle Anwendung von Vernunft regelmäßig zu Zwang führt, ins herrschaftliche System und die Irrationalität (Sozialismus führe zum Stalinismus, Kapitalismus in Faschismus und Kulturindustrie amerikanischer Prägung)

Seltsam, dass gerade er dann als Musikkritiker sich nicht scheut die Sprache der Demagogie und Diktatur zu benutzen. (Vielleicht auch nicht, Ratio ist den Zitaten ja eher fernliegend)

Nachdem was ich gelesen habe, z.B. im Archiv der FF (daher stammen auch die obigen Zitate), soll sein Einfluss auf die Nachkriegskomposotionswelt (Stockhausen, Nono, Henze, Ligeti, Boulez, Messiaen) immens gewesen sein.

Dass diese sich zuerst auf die Reihentechnik gestürzt hätten, sei das Verdienst Adornos gewesen. Mag sein. Eine Kompositionswelt, die mich allenfalls am Rande interessiert (Henze, Boulez) und teilweise bei mir zu allergischen Reaktionen führt. Aber das empfindet jeder anders und das ist gut so.

Irgendwo habe ich gelesen, dass in Deutschland Sibelius-Aufnahmen und Aufführungen zunächst rar gewesen seien weil Adorno soviel Einfluss gehabt habe. Lediglich Karajan habe sich darum nicht gekümmert. Ich weiß aber im Moment nicht, wo ich das her habe. Könnte aber stimmen. Ausländische Dirigenten zum Beispiel hatten in den 60ern/70ern weit weniger Berührungsängste diesbezüglich.

Aufnahmen mit Kompositionen Adornos gibt es (oder gab es) übrigens unter dem Dirigat von Gary Bertini, soweit ich mich entsinne. Ich verspüre allerdings keinerlei Neigung mich damit zu beschäftigen.

Nachher ist es Zeit für ein bißchen Sibelius und Rachmaninov, glaube ich.

Gruß
Henning
satie (14.11.2007, 21:44):
Tja, ich hatte ja den Namen ins Spiel gebracht...
Im Grunde habe ich mich mit Adorno viel zu wenig beschäftigt, wohl aber ausreichend Ahnung, welchen Einfluss er auf die deutsche Musik hatte. Wie Henning schon richtig bemerkt hatte, war Adorno vor allem für den Serialismus sowas wie ein Herrgott, Ikone einer absolut elitären Bewegung.

Adorno hat übrigens die Zwölftontechnik in letzter Konsequenz gar nicht befürwortet; ihm war Alban Berg viel lieber, und bei ihm hatte er auch Unterricht. Entscheidend ist für Adorno aber die Emanzipation der Dissonanz und eine Betrachtung der romantischen und vor allem spätromantischen Musik aus dem Augenwinkel der Verachtung. Ich habe etwa dieses Zitat gefunden:
"Nicht bloß, dass jene Klänge veraltet und unzeitgemäß wären. Sie sind falsch. Sie erfüllen ihre Funktion nicht mehr. Der fortgeschrittenste Stand der technischen Verfahrungsweise zeichnet Aufgaben vor, denen gegenüber die traditionellen Klänge als ohnmächtige Clichés sich erweisen."
(leider weiß ich die Quelle nicht)
Altes ist also gleich Cliché, das Atonale ist der Fortschritt (Adorno hatte das im Zusammenhang mit den früheren Werken Schönbergs geschrieben, und eigentlich ist atonal ein falscher Begriff, aber lassen wir das erst einmal). In seiner Philosophie der Neuen Musik stellt Adorno zwei Kapitel einander gegenüber, eines über Schönberg (Schönberg und der Fortschritt) und eines über Strawinsky (Strawinsky und die Restauration). Damit hat Adorno den Grundstein für eine fast die ganzen 55 Jahre nach dem zweiten Weltkrieg dauernde Lagerspaltung gelegt, bei der die einen für den Weg Schönbergs waren und die anderen für Strawinsky. Zwei Tendenzen: eine "progressive", auf dem Fortschrittsglauben beruhende, und eine, die modernistischer Dialog mit der Tradition war. Immerhin bis in die siebziger Jahre hinein hatte diese Lagerspaltung in Europa einen beängstigenden Bestand, danach emanzipierte sich wieder die Konsonanz etc.

Interessant ist, dass Adorno den Serialismus eigentlich als mathematische Musik verworfen hat. Dennoch hatte er den Weg zu ihr hin propagiert (daher war er so wichtig). Die feindliche Haltung den alten Klängen gegenüber war jedenfalls etwas typisch deutsches, bzw. mitteleuropäisches. Ein bewusster Rückgriff auf die Tradition war hier erst einmal geradezu verboten. Das würde ich absolut auf Adorno schieben. Somit kann man eigentlich sagen, dass auch das Donaueschingen der Nachkriegszeit in seiner elitären Geschlössenheit eigentlich auf seine Kappe geht, wenn auch dort die Serialisten ihre eigene Selbstverliebtheit zu einer weiteren Verkrustung führten.
Hier muss ich betonen, dass es durchaus gute serielle Stücke gibt. Dies sind meistens solche, die in der Anlage der Reihen schon einen muskalischen Geist zeigen oder aber die Regeln der Musik wegen auch durchbrechen.
Adorno unterstützte diese elitäre Bewegung vor allem durch Verunglimpfung jener, die ihm philosophisch nicht in den Kram passten, also etwa Strawinsky, Hindemith, Britten u.a. Es gibt heute noch Musiker, die solche Komponisten als kitschig ansehen, weil sie eben diesen Rückgriff auf die Tradition und die im adorno'schen Sinn "musikalischen Clichés" zeigen.
Die von Adorno proklamierte Emanzipation der Dissonanz führte logischerweise zu einem Konsonanzverbot (hier ist schwer zu sagen, ob das mehr von Schönberg oder von Adorno kommt, aber es dürften beide gewesen sein, Schönberg der musikalische Lehrer, Adorno der philosophische Befürworter, zusammen ein "dynamisches Duo" der Neuen Musik...). Die Terzen und Quinten wurden geächtet, die Septimen, Nonen und Sekunden waren eben chic.
Generell kann man sagen, dass Adorno als philosophischer Tausendsassa eben ein gewichtiges Wort hatte. Wenn er über einen Komponisten herzog, dann machten das eben viele andere auch. Cage etwa hatte in Donaueschingen keine Chance, und Adorno hatte ihn wegen seiner Zufallskompositionen kritisiert (wohl aus ähnlichen Gründen, wei er den Serialismus letztlich kritisierte).

Während ich aber versuche, hier noch mehr zu schreiben, fällt mir auf, dass ich mich tatsächlich einmal mit Adorno befassen müsste, um mehr sagen zu können. Die Wichtigkeit seiner Person für die Neue Musik war jedenfalls sein Buch "Philosophie der Neuen Musik", und dieses Buch hatte jahrzehntelang Einfluss auf die Komponisten.
Nicht zuletzt durch den enormen Einfluss der amerikanischen Komponisten um Cage kam es zu einer Kehrtwende, die ein anderes Komponieren ermöglichte und Adorno allmählich wieder entthronte.
Ich will mal sehen, ob ich noch mehr zusammentragen kann. Ich muss sein berühmtes Buch auch endlich einmal wirklich lesen, habe bisher nur Auszüge in die Finger bekommen.

Herzlich,
S A T I E
satie (14.11.2007, 22:11):
Ich habe noch etwas gefunden, allerdings weiß ich auch hier nicht, ob es aus der Philosophie der Neuen Musik stammt, oder aus einer anderen Schrift.
Adorno hat nicht nur den Komponisten, sondern auch den Hörern diese elitäre Haltung vermittelt. Er hat eine kategorische Abstufung des Hörens erstellt, die meiner Meinung nach schon ziemlich verwegen ist:

Expertenhören (der beste Hörer ist der Experte, der die Zusammenhänge hören kann, sprich genau hört, wann ein Thema wann wie variiert wird, wie es weiterverarbeitet wird, ob von ihm etwas abgespaltet wird etc., der also die Struktur der Musik genau durchschaut beim Hören, und zwar auf allen Ebenen, also auch im Ausdruck, der Farbe etc.)

gutes Zuhören (wohl einfach eine Abschwächung des ersten?)

Bildungshören (ich vermute hier mal ein Hören, welches ein gewisses Maß an Bildung mitbringt, aber nicht auf allen Ebenen vorhandene Bildung zeigt)

emotionales Hören (das scheint klar zu sein)

Ressentimenthören (als Beispiel: Bach-Liebhaber)

Unterhaltungshören

Gleichgültiges Hören

Das zeigt also, dass hier nicht etwa der emotionale Hörer genau so gut Zugang zu Musik findet wie ein Experte, und viele hier im Forum, die man sicherlich als Liebhaber eines Komponisten oder Interpreten gelten können, stehen auf einer bei Adorno noch niedrigeren Ebene als die emotionalen Hörer (wahrscheinlich, weil der emotionale noch zu jeder Musik einen Zugang hat, der Ressentimenthörer aber eben gerade nicht).
Das sind meines Wisens nicht alle Kategorien von Hörern bzw. Hören, die Adorno aufgestellt hat. Ich habe noch von einem "Selbstermächtigungshören" gehört, mit dem ich aber gerade gar nichts anfangen kann. Ich will mal sehen, ob ich zu all dem noch mehr finde.
cellodil (14.11.2007, 22:30):
:thanks für die aufklärerischen Bemühungen.

Frage mich allerdings jetzt doch, ob ich mich mit dem Herrn A. in Sachen Musik noch intensiver beschäftigen möchte...

Naja. Mal sehen.

Herzliche Grüße

Sabine
satie (15.11.2007, 08:18):
Ich habe hier eine Adorno-Biiografie herumstehen, in die ich noch kaum geschaut hatte (wurde mir vermacht). Darin habe ich nun gelesen, dass seine Befürwortung der Musik Schönbergs (vor allem der Musik der freitonalen Phase) auf marxistischem Fundament stand. Adorno sah in der Emanzipation der Dissonanz offenbar eine auf die Gesellschaft übertragbare Entwicklung. In der Zwölftonmusik war ihm die Methode zu regelhaft.

Ob man nun Adorno mag oder nicht ist wirklich fraglich. Er hat oft genug gegen Unterhaltungsmusik gewettert, und gegen den Jazz hatte er wohl auch starke Vorbehalte (selbst der Biograph ist hier der Meinung, Adorno sei voreingenommen gewesen). Unter dem Pseudonym Hektor Rottweiler hatte Adorno einen Artikel über den Jazz veröffentlicht, der diese Musik tatsächlich in ihrer Struktur in die Nähe des Faschismus rückte (!). Adorno hatte offenbar dann auch Mühe zu begründen, warum die Nazis selber den Jazz verboten hatten. Er begründete es mit der allgemeinen Blödheit der Nazis und mit der Annahme, sie hätten den Jazz deshalb nicht gemocht, weil er eben schwarze Wurzeln hätte.
Das ist für mich ein typisches Beispiel, wie ein Philosoph sich den Hals aus der Schlinge zieht. Adorno hatte wie jeder Mensch Abneigungen. Er beging vielleicht den Fehler, diese Abneigungen alle philosophisch erklären zu wollen (so gibt es wohl auch einen Text, der den Unsinn des Heimwerkens(!) behandelt). Das hängt sicher auch mit Adornos Funtion als Kritiker zusammen. Als relativ junger Mann hatte er ja oft Musikkritiken geschrieben, und er war auf seine Art auch sehr streng. Da er gleichermaßen Philosoph wie Musiker war, hatte er natürlich das Rüstzeug, seine Meinungen philosophisch stark untermauern zu können (mehr oder weniger).

Seine Rolle für die Neue Musik ist aber schon sehr wichtig, denn die Zwölftonmusik und der Serialismus waren gerade in Deutschland extrem wichtige Entwicklungen, die durchaus einen Anwalt wie Adorno brauchten.
HenningKolf (15.11.2007, 08:39):
Adorno ist für mich wie alle die vorgeben allein seligmachende Heilslehren zu verkünden eine höchst suspekte und fragwürdige Erscheinung.

Schönberg hatte möglicherweise den richtigen Instinkt, als er meinte er habe "den Menschen nie leiden können".

Ich kann es ja nicht belegen und es ist sicherlich deshalb nicht mehr als mein eigenes Vorurteil, aber vor dem Hintergrund, dass er sich kompositorisch versucht hat mit eher mäßigem Erfolg auch in den damals an zeitgenössischer Musik interessierten Kreisen legt den Verdacht nahe, dass in vielem Neid und Minderwertigkeitsgefühle kanalisiert werden.

Na ja, Pseudonym benutzend..und dann noch Hektor und Rottweiler...da hab ich ja nicht übel Lust weiter zu hobbypsychologisieren....aber ich bremse mich mal

Henning