Toni Bernet (11.03.2024, 11:15): Es weckt nicht gerade Interesse für einen Komponisten, wenn er, wie Carl Reinecke, von sich sagt: er wolle «nicht dagegen opponieren, wenn man mich einen Epigonen nennt». Auch war er gegen Ende seines langen Lebens überzeugt, dass seine Werke kaum überleben werden. Und das sagt einer, der mehr als 300 Kompositionen in allen Musikgattungen mit rauschhafter Energie komponiert hat. Leistung und Selbstbewusstsein stimmen da nicht überein. Denn als Pianist und als Dirigent machte er Karriere. Er hatte hochangesehene Stellungen inne: als Leiter des Gewandhausorchesters und als Kompositionslehrer und später Direktor des Konservatoriums in Leipzig. Gross ist die Liste seiner Schülerinnen und Schüler, doch kränkte ihn die nach 35 Jahren erfolgte Entlassung als Chefdirigent des Gewandhausorchesters. Er wurde durch einen jüngeren, durch Arthur Nikisch ersetzt.
Ich meine, Reinecke hätte es verdient, ihn auch als Komponisten mehr zu würdigen und ihm hier einen Thread zu eröffnen.
Toni Bernet (11.03.2024, 11:23):
Unglücklich erging es Reinecke auch mit seinem Violinkonzert g-moll. Die Uraufführung spielte zwar Joseph Joachim am 21. Dezember 1876, doch übernahm es Joachim nicht in sein Repertoire, wahrscheinlich weil er schon bald in die Vorbereitung von Brahms Violinkonzert (1976-78) miteingebunden war. Und Brahms Violinkonzert brachte eine neue Dimension in die Gattung Violinkonzerte, und Reineckes Konzert wurde nicht mehr gespielt, weil alle anderen Geiger das Werk mieden, weil als im Besitz von Joseph Joachim war. Joachim aber spielte und propagierte jetzt nach dessen Uraufführung 1878 überall sein Brahmskonzert. Erst heute hat Reineckes Violinkonzert wieder eine Chance, gehört zu werden, wenigstens zunächst einmal auf Tonträgern. Das Konzert gehört denn auch zur Tradition der klassisch romantischen Geigenkonzerte von Mendelssohn (Uraufführung: 1845), Schumann (1853 entstanden, UA: 1937), Bruch (Uraufführung: 1866), Dietrich (Uraufführung: 1876). So epigonenhaft ist Reineckes Violinkonzert (1878) also gar nicht. Aber wie auch immer: Dass weder Vergessenheit noch Epigonentum einen abhalten sollte, die Qualität dieses Konzertes zu würdigen und Melodien und Klangzauber auf sich wirken zu lassen.
Mehr vgl. https://unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com/romantik/reinecke/
Sfantu (11.03.2024, 20:17): Danke, lieber Toni,
für Deine Initiative in Sachen Reinecke. Die von Dir gezeigte Einspielung dieses schönen Konzerts mit Ingolf Turban steht auch in meiner Sammlung. Besonders gefällt mir die Ausgewogenheit aus schwärmerischer Kantilene da mit kraftvoll-markigen Tutti-Passagen dort. Überhaupt steht Reinecke, wie ich meine, für ein sicheres Gespür der Proportionen und der Ausdrucksebenen. Dem Finalsatz mangelt es allerdings an mitreißendem Schwung - trotz fraglos makelloser, hingebungsvoller Gestaltung durch Turban und das Berner Orchester. Die etwas verspätet "Zündung" kommt erst kurz vor Ende. Die tragischen Begleitumstände, welche mit zur langen Vernachlässigung des Werks führten, waren mir nicht mehr präsent. Sehr glutvoll und quasi all'Ungarese die erste der beiden Violinromanzen, die hier als Zugabestücke mit enthalten sind. Auch die ebenfalls bei jpc erschienene Doppel-CD mit den prächtigen vier Klavierkonzerte mit Klaus Hellwig und der Nordwestdeutschen Philharmonie bringt - souverän gestaltet - echte Trouvaillen zu Gehör. Ebenfalls das Flötenkonzert ist hörenswert - mein Favorit bleibt jedoch sein zauberisches Harfenkonzert. Wie schon im Falle der Flöte bringt Reinecke auch hier das Kunststück fertig, ein eher zartes, filigranes Soloinstrument inmitten eines hochromantischen Orchesterapparates nicht untergehen sondern - im Gegenteil - zu schönster Geltung kommen zu lassen. Und das in kreativen Instrumenten-Dialogen und kontrastreicher Motivgestaltung.
Konzert für Harfe und Orchester e-moll op. 182
Xavier de Maistre, Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz, Ludwigshafen - Hannu Lintu (CD, Claves, 2005)
Andréjo (11.03.2024, 20:42): Zunächst schließe ich mich gerne der Empfehlung von Sfantu zum Harfenkonzert in obiger Einspielung an. Zabel und Parish-Alvars haben ihrerseits markante Konzerte verfasst. Zabel kannte ich vorher nicht, Parish-Alvars war im 19. Jahrhundert einer der großen Solisten auf seinem Instrument
Die vier Klavierkonzerte kann man bestens hören. Sie sind im Rang nicht ganz gleichwertig, aber erfreulich unverwechselbar, jedes für sich, und erfüllt von prägnanter Melodik.
Konkurrenz-Einspielungen kann man im Rahmen der Hyperion-Serie der romantischen Klavierkonzerte erwerben. Reinecke kenne ich hierbei nicht; man kann nicht alles kaufen (und hören).
Das bekannteste Kammermusikwerk dürfte seine Flötensonate Undine sein, wiederum eine ausgesprochen eigenwillige und perfekt runde Komposition. Da gibt es eine Reihe von Aufnahmen, wobei ich meine auf die Schnelle jetzt gar nicht finde. Aber vielleicht melde ich mich noch mal mit weiterer Kammermusik, die sich lohnt. Denn im Regal steht noch mehr.
Ich denke, dass Reinecke neben seiner Selbstdistanz auch aufgrund des Vielschreiber-Malus in der Rezeption nicht den Rang einnimmt, den er verdient. Veröffentlichungen existieren aber schon etliche.
Die Sinfonien sind mir vermutlich unbekannt. Zugegeben, stellen Sinfonien (mit Ausnahmen natürlich) nicht mein primäres Augen- oder Ohrenmerk bei hochromantischer Musik aus der zweiten Reihe dar. Wobei ich - wenig überraschend - dann doch immer mal wieder bemerke, dass mir Wertvolles und Spezifisches entgehen kann.
Auch von mir ein Dank an Toni Bernet!
:) Wolfgang
Joe Dvorak (12.03.2024, 03:01): Wenn ich den Namen Reinecke höre, denke ich sofort -und nur- an das Flötenkonzert. Die Romantik im engeren Sinne ist mit dieser Gattung nicht gerade reich gesegnet, zumindest wurde ausserhalb von Spezialistenkreisen wenig bekannt. Ausser Reinecke. Die Großen haben das Instrument alle links liegen lassen, erst in der Spätromantik und Vormoderne konnte es reüssieren und wir finden wieder hochkarätige Beiträge, allen voran von Carl Nielsen. Da ich Bläserkonzerte lieber höre als Violin- oder Klavierkonzerte, greife ich meist zu Reinecke, wenn mir nach einem konzertanten Werk von Schubrahmsohn zumute ist. Gespielt wird es meist von den Lokalmatadoren aus der alten Heimat, die dem Werk Brahms'sches Gewicht verleihen, wozu der dunkle wuchtige Orchesterklang einen wichtigen Beitrag leistet.
Flötenkonzert D-Dur, op. 283 Tatjana Ruhland, RSO Stuttgart, Alexander Liebreich
Andréjo (12.03.2024, 11:05): Joe hat jetzt die CD verlinkt, die ich mir gekauft hatte. Ja, das Flötenkonzert kenne ich von daher auch. Und im Regal werde ich sie finden, die CD - muss halt wieder ein klein wenig umgeräumt werden.
Hier die Streichquartette - ebenfalls durchaus lohnend. Dass man - also ich - sich trotzdem nicht mehr an Details erinnert, dürfte halt an der Masse des verfügbaren Materials liegen. :S ;)
Maurice inaktiv (12.03.2024, 11:49): Mir ist Reinecke durch seine Solowerke und auch seine Sinfonien bekannt. Hier würde ich bei Chandos mal reinhören, was die Sinfonien Nr. 2 und 3 angeht, die Nr. 1 und 3 gibt es inzwischen auch bei CPO zu erwerben. Die Werke sind grundsolide, man kann sie sich immer anhören, sie tun nicht weh, doch es fehlt an der Farbigkeit der Zeitgenossen, etwa Brahms.
Ich sehe sie auf einer Stufe mit Friedrich Gernsheim oder August Klughardt. Alles Romantiker, die ich eher zur Brahms-Schule stecken würde, oder Raff, der mehr von Liszt und Wagner beeinflusst wurde.
Andréjo (12.03.2024, 13:00): Naja, könnte man sich natürlich schon kaufen, die Sinfonien von Reinecke.
Bei Brahms musste ich jetzt ein wenig grinsen. Bei ihm klingt doch alles braun. Das meine ich jetzt nicht todernst natürlich, aber auch nicht völlig daneben ...
(Die Kammermusik von Brahms finde ich schon farbig auf ihre Art und das zweite Klavierkonzert mag ich besonders gern. Aber ich erinnere mich an einen Konzertbesuch vor etlichen Jahren mit meinem Sohn und da hat Rudolf Buchbinder gespielt. Ich habe ihm natürlich vorher gesagt, er solle nicht enttäuscht sein, wenn alles braun klingt - er ist kein Kenner. :D ;) Das hat er mir zuletzt quasi bestätigt, aber der Klavierpart hat ihm bestens gefallen.)
Frank "Hüb'" liest ja hier hoffentlich nicht mit, sonst bekomme ich Malheur.
:hello Wolfgang
Nicolas_Aine (12.03.2024, 14:58): Mir ist Reinecke durch seine Solowerke und auch seine Sinfonien bekannt. Hier würde ich bei Chandos mal reinhören, was die Sinfonien Nr. 2 und 3 angeht, die Nr. 1 und 3 gibt es inzwischen auch bei CPO zu erwerben. Die Werke sind grundsolide, man kann sie sich immer anhören, sie tun nicht weh, doch es fehlt an der Farbigkeit der Zeitgenossen, etwa Brahms.
Ich sehe sie auf einer Stufe mit Friedrich Gernsheim oder August Klughardt. Alles Romantiker, die ich eher zur Brahms-Schule stecken würde, oder Raff, der mehr von Liszt und Wagner beeinflusst wurde.
https://www.amazon.de/Reinecke-Sinfonien-2-3-Shelley/dp/B00005A8EL/ref=sr_1_12_mod_primary_new?__mk_de_DE=%C3%85M%C3%85%C5%BD%C3%95%C3%91&crid=B0CJPWWE5J7Z&dib=eyJ2IjoiMSJ9.5KVqcIQ5kFKaE1VfxQU1cwSTg81FiaUDFKtRJUdBfI2Vsbb11ZjtNc1y4D1xqkKEtfDzysLoVDmYPpUw86BUKAxwtKYKxDOy6ybcdmFZ7_b3QSMRvdH_p1kjbWIRRAThkvyNieDE9T74kXP6ZpbD2ykkrF7qN5aVYE1NJyqEygXzig5Zf0OiG-KocQUhnpIjWI_TYLCRE_bgIaEEuGj9AafBXN6dtZqhoRj4lQ5kxLo.TiXH6AvueiLVM-Gttb8W-LODK6OaltD94qu7YAM-CCs&dib_tag=se&keywords=carl+reinecke&qid=1710240067&s=music&sbo=RZvfv%2F%2FHxDF%2BO5021pAnSA%3D%3D&sprefix=carl+reinecke%2Cpopular%2C188&sr=1-12 das geht mir ähnlich. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit die 2. Sinfonie gespielt und finde mich in Deiner Beschreibung sehr genau wieder.
Das Violinkonzert leg ich mir bei Gelegenheit zu, ich mag Turban :)
Maurice inaktiv (12.03.2024, 18:48): das geht mir ähnlich. Ich habe vor nicht allzu langer Zeit die 2. Sinfonie gespielt und finde mich in Deiner Beschreibung sehr genau wieder. Dann sind wir ja ausnahmsweise mal einer Meinung. :beer Man hört halt irgendwie heraus, dass er sein Handwerk verstanden hat. Als Lehrer war er sicher genau richtig, wenn auch nicht modern eingestellt. Irgendwie kommt er mir immer als "nicht mehr ganz aktuell" rüber. Bei Robert Fuchs habe ich nicht den Eindruck, aber auch er gehört in diese Riege hinein. Allerdings finde ich gerade seine Streichersinfonien sehr lebendig, seine Sinfonien insgesamt "frischer" als eben Reineckes Werke.
Besonders fällt es auf, wenn man Gernsheims Sinfonien hört, die klar seinen Freund Brahms erkennen lassen. Doch Gernsheim empfinde ich auch als anspruchsvoller als Reinnecke etwa.
Es ist eine sehr interessante Generation. Sie stehen deutlich für die Romantik im deutschsprachigen Raum. Doch bereits die nächste Generation um Bruckner, Mahler, Rott, von Zemlinsky, Franz Schmidt, Richard Strauss, Siegmund von Hausegger finden andere Wege. Sie bauen diese Romantik bis an die Grenzen aus, beginnen teilweise darüber hinaus zu gehen. Schönberg, Webern und Berg öffnen dann den Weg zur Moderne.
Dazwischen, zeitgleich und danach kommen Eduard Erdmann, Emil Bohnke, Ernst Toch, etc.
Da habe ich noch immer viele Komponisten nicht erwähnt.