Der Pianist: Evgeni Koroliov

Rachmaninov (23.03.2006, 11:13):
Hallo,

Siamak hat Evgeni Koroliov bereits im GBV Thread genannt. Aber ich denke er hat hier seinen "eigenen" Thread verdient, ist er doch einer der bedeutensten Bach Interpreten unserer Zeit, ohne sich auf dieses Repertoi reduzieren zu lassen.

Zunächst seine Biographie:
(mit freundlicher Genemigung des Künstlersekretariat Rolf Sudbrack)

Evgeni Koroliov wurde 1949 in Moskau geboren. Sein Vater stammte aus Witebsk in Weißrussland, die Mutter aus Zentralasien. Ersten Klavierunterricht erhielt er bei Anna Artobolewskaya an der Zentralen Musikschule. Zu dieser Zeit erteilten ihm auch Heinrich Neuhaus und Maria Judina gelegentlich kostenlos Unterricht. Später studierte er am Staatlichen Konservatorium 'P.I. Tschaikowsky' in Moskau bei Lew Oborin und nach dessen Tod bei Lew Naumow. Nach Beendigung seines Studiums wurde Koroliov eingeladen, am Tschaikowsky Konservatorium zu unterrichten. 1976 übersiedelte er zu seiner Frau nach Mazedonien, mit der er seitdem neben seiner solistischen Laufbahn im Klavierduo auftritt. 1978 wurde er als Professor an die Hochschule für Musik nach Hamburg berufen.
Evgeni Koroliov hat bei zahlreichen internationalen Wettbewerben Preise gewonnen: u.a. den Bach-Preis Leipzig 1968, Van Cliburn-Preis 1973, Grand Prix Clara Haskil Vevey-Montreux 1977, Bach-Preis Toronto 1985. Dies führte zu Einladungen, in vielen Ländern Ost- und Westeuropas, in Kanada und den USA aufzutreten. Koroliov gab Konzerte u.a. bei den Ludwigsburger Festspielen, dem Schleswig Holstein Musik-Festival, dem Festival Montreux, dem Kuhmo Festival in Finnland, den Internationalen Bachtagen Stuttgart, dem Glenn Gould Festival Groningen, dem Chopin Festival in Duschniki (Polen), dem Budapest Spring Festival und bei "Settembre Musica" in Turin. Er gastierte in der Großen Musikhalle Hamburg, der Kölner Philharmonie, dem Gewandhaus Leipzig, dem Konzerthaus Berlin und dem Herkulessaal in München, bei der Societa dei Concerti in Mailand, im Teatro Olimpico in Rom, dem Theatre du Chatelet in Paris und auf vielen weiteren Konzertpodien in zahlreichen Ländern. Als Kammermusiker war er Partner von Natalia Gutman, Mischa Maisky u.a.

Dem Werk Bachs besonders verbunden, spielte bereits der Siebzehnjährige das gesamte 'Wohltemperierte Klavier' in Moskau. Seitdem hat Koroliov mehrfach die großen Klavierwerke Bachs in Zyklen vorgetragen, einschließlich der 'Clavierübung' und der 'Kunst der Fuge', die er 1990 für das Label 'Tacet' auch auf Compact Disc eingespielt hat. Gefragt, welche CD er mit auf eine einsame Insel nehmen würde, wählte der Komponist György Ligeti diese Aufnahme:
"Wenn ich nur ein Werk mit auf die einsame Insel mitnehmen darf, so wähle ich Koroliovs Bach, denn diese Platte würde ich, einsam verhungernd und verdurstend, bis zum letzten Atemzug immer wieder hören."
josquin (23.03.2006, 12:09):
Hallo Ra..,
die Äußerung Ligetis bezog sich auf seine Kunst der Fuge!
Inselwürdig halte ich von ihm u.a. Schubert D960, auch Tacet.

Gruß
Norbert
Rachmaninov (23.03.2006, 12:30):
Ja,
seine Aussage war auf die Kunst der Fuge bezogen!

Aber ich würde die vier Bach-Aufnahmen Koroliov - GBV, KDF und WTK I und II - als top bezeichnen.

Die Schubert D960 Aufnahme kennen ich zwar (noch) nicht, aber da insb. die drei letzten Schubert Sonaten bei mir stark im Interesse meiner Sammlung stehen, gehe ich davon aus, daß ich da wohl mal zugreifen werde.
AcomA (23.03.2006, 14:16):
hallo,

evgeny koroliovs stärken lassen sich IMO folgendermaßen beschreiben:
sonorer anschlag im legato und non-legato
unabhängigkeit der hände
weite phrasierungsbögen

einschränkungen:
unspektakulär
kein 'sich gehen lassen'

weitere einpielungen mit referenzcharakter:

js bach - inventionen (hänssler)
j haydn - sonaten (auswahl) u. f-moll variationen. (hänssler)
prokofiev - sarkasmen, visions fugitives, sonate nr.5 (tacet)

http://www.jpc.de/image/middle/front/0/2254401.jpg http://www.jpc.de/image/middle/front/0/6241121.jpg http://www.jpc.de/image/middle/front/0/6573924.jpg

seine interpretation der inventionen ist die alternative zu gould !

sonate c-moll Hob XVI:20 - IMO die beeindruckendste leistung koroliovs auf der haydn-cd. ich kann diese sonate mit andras schiffs version vergleichen. schiff spielt nahezu ohne pedal und in seiner typisch 'tänzelnden' art. dadurch kommt eine gewisse 'genervtheit' beim hörer zustande. anders bei koroliov, herrlich klare und großbogige phrasierung mit voneinander unabhängig agierenden händen (bei schiff allerdings auch). der wechselnde anschlagmodus im laufe der sätze und genaue motivische arbeit sowie höchst beeindruckende spritzigkeit und virtuosität im finale sind vom feinsten !
variationen f-moll Hob XVII:6 - als erstes fällt einem dieser ungemein sonore und 'singende' klavierton dieses evgeny koroliov auf ! und das unterscheidet ihn ganz erheblich von den jungs wie pletnev, den alten backhaus oder den jungen gulda. es fehlt dadurch an dynamik.

alleine schon die kopplung der frühen sarkasmen mit den reifen visions fugitives und der gemäßigten 5. sonate ist intelligent. eine sehr intellektuelle platte !

gruß, siamak :)
Rachmaninov (23.03.2006, 14:31):
Original von AcomA

einschränkungen:
unspektakulär
kein 'sich gehen lassen'


Sehr treffende Charakterisierung seiner Spielweise!


weitere einpielungen mit referenzcharakter:

js bach - inventionen (hänssler)
j haydn - sonaten (auswahl) u. f-moll variationen. (hänssler)


Diese beiden Aufnahmen besitze ich auch und noch eine weitere Aufnahme mit Werken Bachs.

Kennst Du seine Aufnahme mit den Prokofiev Sonaten oder die Mozart Sonaten? Letztere habe ich mir bestellt!
Auch seine Debussy Aufnahme habe ich bisher nicht gehört. Allerdings höre ich eh tendenziell weng Debussy.
AcomA (23.03.2006, 16:31):
hallo Sergejewitsch,

die zweite prokofiev-platte koroliovs habe ich bis dato nicht gehört, sie wird von einigen hoch eingestuft. in die mozart-sonaten platte habe ich mal reingehört. ich hatte nicht das unbedingte bedürfnis, sie mir zuzulegen.

gruß, siamak :)
Cosima (23.03.2006, 17:18):
Hallo,

von Korliov kenne ich nur diese eine Aufnahme aus der Bach-Edition:

http://images-eu.amazon.com/images/P/B00004S3CO.03.LZZZZZZZ.gif

Ich weiß nicht, ehrlich, ich kann nicht viel anfangen mit diesem Pianisten. Das klingt mir irgendwie zu hausbacken, da ist kein rechter Pepp in seinem Klavierspiel. Unspektakulär muss ja nicht grundsätzlich negativ sein (Magaloff ist ja z.B. auch nicht gerade ein Tier am Klavier, aber der hat irgendwie seinen eigenen Charme), aber hier werde ich einfach nicht warm.

Gruß, Cosima
ab (17.05.2006, 15:47):
Ja! Seine D.660 Sonte von Schubert ist wirklich inselwürdig. Sehr gut beschrieben finde ich sie übrigens bei rondomagazin.de unter "meine Platte".

Seine Prokofiev-CD gefällt mir übrigens genauso wenige wie seine Tschaikovsky-CD mit den Jahreszeiten. Bei seinem Mozart verspürte ich nicht den Drang, zuzugreifen. Sein Bach ist aber wunderbar!

Ich schätze an seinem Schubert vor allem jenen bezwingenden, gleichmäßigen Fluss, der der Sonate fast psychedelischen Charakter verleiht. (Uchida erreicht übrigens etwas Ähnliches.) So manche wird aber wohl den dafür geopferten volleren Klang, einen vorwärtsdrängenderen Fluss sowie weniger lyrisch gehaltenen, expressiveren Ausdruck vermissen.
Cosima (30.08.2007, 21:44):
Original von Cosima
Ich weiß nicht, ehrlich, ich kann nicht viel anfangen mit diesem Pianisten. usw....

Ist ja fürchterlich, was ich hier seinerzeit geschrieben habe! :S
Inzwischen ist Koroliov sogar einer meiner Lieblingspianisten. Ich mag sogar seinen Mozart sehr! Mehr aber noch seinen Schubert und Bach.

Seine D 960 ist göttlich, D 940 nicht minder. Und beim Prokofjew langt er auch mal richtig zu.

Seltsam das alles. Ich musste das mal eben richtig stellen.
nikolaus (30.08.2007, 22:38):
Original von Cosima
Original von Cosima
Ich weiß nicht, ehrlich, ich kann nicht viel anfangen mit diesem Pianisten. usw....

Ist ja fürchterlich, was ich hier seinerzeit geschrieben habe! :S
Inzwischen ist Koroliov sogar einer meiner Lieblingspianisten. Ich mag sogar seinen Mozart sehr! Mehr aber noch seinen Schubert und Bach.

Seine D 960 ist göttlich, D 940 nicht minder. Und beim Prokofjew langt er auch mal richtig zu.

Seltsam das alles. Ich musste das mal eben richtig stellen.

Das ist doch nicht schlimm!
Ich habe das auch bisweilen. Das Hörerlebnis hängt doch von so vielen Dingen ab. Z.B. habe ich letztens Bartoks Violinsonate No. 1 im Konzert gehört und war wirklich begeistert. Hier zu Hause kann ich sie fast nicht ertragen. Aber ich bin mir sicher, ihre Zeit wird wieder kommen...

Herzliche Grüße, Nikolaus.
ab (17.05.2006, 15:47):
Ja! Seine D.660 Sonte von Schubert ist wirklich inselwürdig. Sehr gut beschrieben finde ich sie übrigens bei rondomagazin.de unter "meine Platte".

Seine Prokofiev-CD gefällt mir übrigens genauso wenige wie seine Tschaikovsky-CD mit den Jahreszeiten. Bei seinem Mozart verspürte ich nicht den Drang, zuzugreifen. Sein Bach ist aber wunderbar!

Ich schätze an seinem Schubert vor allem jenen bezwingenden, gleichmäßigen Fluss, der der Sonate fast psychedelischen Charakter verleiht. (Uchida erreicht übrigens etwas Ähnliches.) So manche wird aber wohl den dafür geopferten volleren Klang, einen vorwärtsdrängenderen Fluss sowie weniger lyrisch gehaltenen, expressiveren Ausdruck vermissen.
Cosima (30.08.2007, 21:44):
Original von Cosima
Ich weiß nicht, ehrlich, ich kann nicht viel anfangen mit diesem Pianisten. usw....

Ist ja fürchterlich, was ich hier seinerzeit geschrieben habe! :S
Inzwischen ist Koroliov sogar einer meiner Lieblingspianisten. Ich mag sogar seinen Mozart sehr! Mehr aber noch seinen Schubert und Bach.

Seine D 960 ist göttlich, D 940 nicht minder. Und beim Prokofjew langt er auch mal richtig zu.

Seltsam das alles. Ich musste das mal eben richtig stellen.
nikolaus (30.08.2007, 22:38):
Original von Cosima
Original von Cosima
Ich weiß nicht, ehrlich, ich kann nicht viel anfangen mit diesem Pianisten. usw....

Ist ja fürchterlich, was ich hier seinerzeit geschrieben habe! :S
Inzwischen ist Koroliov sogar einer meiner Lieblingspianisten. Ich mag sogar seinen Mozart sehr! Mehr aber noch seinen Schubert und Bach.

Seine D 960 ist göttlich, D 940 nicht minder. Und beim Prokofjew langt er auch mal richtig zu.

Seltsam das alles. Ich musste das mal eben richtig stellen.

Das ist doch nicht schlimm!
Ich habe das auch bisweilen. Das Hörerlebnis hängt doch von so vielen Dingen ab. Z.B. habe ich letztens Bartoks Violinsonate No. 1 im Konzert gehört und war wirklich begeistert. Hier zu Hause kann ich sie fast nicht ertragen. Aber ich bin mir sicher, ihre Zeit wird wieder kommen...

Herzliche Grüße, Nikolaus.