Der Rehabilitierungs-Thread für missverstandene Opernfiguren

Solitaire (19.05.2010, 16:02):
Fairys Idee einen Thread für verkannte, missbrauchte und gemobbte Opernfiguren ins Leben zu rufen gefällt mir so gut, daß ich der Versuchung nicht widerstehen kann, gleich damit anzufangen.
Wer also schon immer der Ansicht war, daß Scarpia und Pinkerton, Enrico Ashton und der Knusperhexe, Giorgio Germont und Amneris bitteres Unrecht geschieht, der sei herzlich eingeladen, eine flammende Verteidigungsrede zu halten, die es mit Dr. Kings „I have a dream...“ aufnehmen kann.
Ich bin doch mal gespannt, wem die heimlichen Forumssympathien so gelten. :D
Ich fange an mit einer Dame, die als Gewitterziege vom Dienst in die Operngeschichte eingegangen ist:

Die Königin der Nacht
-
Es gibt kaum eine Untat, die man ihr nicht zutrauen würde:
Kuppelei (sie verschachert ihr Tochter mal an Diesen, mal an Jenen, wie es gerade passt)
- Anstiftung zum Mord
- Emotionale Erpressung
- Aufbau einer Schreckensherrschaft
Außerdem lügt sie, daß sich die Balken biegen, und was sie mit all den bunten, munteren Vögeln anstellt die Papageno ihr überlässt will man lieber auch nicht so genau wissen. Vermutlich etwas, wozu man Eier, Speck und eine Bratpfanne benötigt...

Eine Sympathieträgerin ist sie wirklich nicht. Aber mal ehrlich: sie hat es auch nicht leicht.
Offenbar war sie mit einem König der Nacht verheiratet (irgendwo muß sie den Titel ja herhaben), sie hat mit ihm geherrscht, sie hat mit ihm ein Kind in die Welt gesetzt und eines Tages stirbt der Kerl und überlässt den siebenfachen Sonnenkreis, und damit die Krone, nicht ihr, sondern Sarastro.
Weil sie eine Frau ist.
(Vermutlich gab es zwischen den beiden immer schon diese „Sei-doch-nicht-immer-so-emotional-mein-Schatz“-Diskussionen)
Und damit nicht genug: „Forsche nicht nach Wesen, die dem weiblichen Geiste unbegreiflich sind. Deine Pflicht ist, dich und deine Tochter der Führung weiser Männer zu überlassen“.

Sarastro, dieser Humanist vor dem Herrn, nimmt das Ding auch noch an anstatt dem König der Nacht den Kopf zurechtzurücken. Aber wie heißt es bei den Erleuchteten ja so schön : “Ein Weib tut wenig, plaudert viel. Du Jüngling glaubst dem Zungenspiel...“
Gegen andere Zungenspiele hätten sie vermutlich nicht...aber ich werde noch ordinär und verliere meine Contenance. Haltung, Frau Solitaire, Haltung! :ignore

Wie auch immer: ICH wäre auch sauer geworden und hätte versucht, meine Tochter vor dieser Bande von Heuchlern zu bewahren.
Nein, die Königin der Nacht ist nicht böse. Die Königin der Nacht ist unglücklich und einsam, denn vermutlich hat sie auch keine beste Freundin mit der sie sich mal gepflegt einen hinter die Binde kippen und über die Männer im Allgemeinen und ihren Verblichenen im Besonderen herziehen könnte. Unglückliche und einsame Menschen, ob Königin oder nicht, tun manchmal schlimme Dinge, erst recht, wenn da niemand ist, der ihnen sagt, daß DAS aber nun trotzdem ein bisschen zu weit geht, was Aufgabe der Besten Freundin wäre. Aber vermutlich war der König der Nacht so einer, der sich einmal die Woche mit Sarastro und seinen Kumpels zum humanistisch sein getroffen hat, aber es auf den Tod nicht ausstehen konnte, wenn Frau Königin sich aufgebrezelt hat, um mit den Freundinnen um die Häuser zu ziehen.
Ich sehe das richtig vor mir: wahrscheinlich war die Königin in ihrer Jugend sowas wie die Cheerleader-Schönheit im Reich der Nacht, aber dazu auch noch schlau und mit Köpfchen (denn gerissen ist sie ja). Dem König der Nacht war eine schlaue Frau aber peinlich, also hat er ihr lauter nachtblaue, diamantenbesetzte Fummel geschenkt damit sie Ruhe gibt und er mit ihr angeben kann. Als sie dann ein Kind hatte war er richtig froh, jetzt hatte sie endlich die wahre Pflicht einer Frau erfüllt und nicht mehr so viel Zeit, sich ins Regierungsgeschäft einzumischen.
Und mit dem um-die-Häuser-ziehen war auch Schluß.
Dann plötzlich (ich will das unpassende Wort „endlich“ vermeiden) war er tot, und sie hätte mal wieder Gebrauch von ihrem Grips machen und den Staat reformieren können, und dann sowas: „Forsche nicht nach Wesen, die dem weiblichen Geiste ...“

Kein Wunder, daß ihre Koloraturen so geschliffen und tödlich sind wie der Dolch den sie im Gewande führt. :S
Rideamus (19.05.2010, 16:22):
Liebe Solitaire,

was für ein wunderbarer, fast schon entmutigend brillanter Start in einen sehr vielversprechenden, neuen Thread :down:down:down .

Das spornt aber auch an, nur braucht es etwas Zeit. Ich verpflichte mich aber schon mal selbst und kündige eine Verteidigungsrede von Filippo II, König von Spanien und anderen Territorien an, sobald ich neben meinen verbliebenen Rätsellösungen und den monetären Pflichtaufgaben dazu komme. Dem Armen geht es ja kaum besser als der Königin der Nacht. Im Gegensatz zu ihr hat man ihn ja nie geliebt, nicht einmal früher, denn alle schwärmten ja immer nur für seinen verrückten Sohn.

Bis bald in diesem Theater

:hello Rideamus
Solitaire (19.05.2010, 17:30):
Hallo Rideamus!
Danke für die Blumen. Wie gesagt: die Palme für die Idee gebührt eindeutig der Feenkönigin. :)
Und auf die Verteidigungsrede auf Filippo freue ich mich jetzt schon. Wer eine SO schöne Arie singen darf, kann kein ganz schlechter Mensch sein. :down
Fairy Queen (19.05.2010, 19:42):
Liebe Solitaire, welche Ehre für meinen spontanen Einfall- so rasch und brillantissime :down :down :down
Diese Art von Zusammenarbeit lob ich mir!

Was die Queen of the night angeht, die ist wirklich eine arme S..! Und ich habe genau wie du vollstes Mitleid mit ihr. Frauen müssen zusammenhalten und was die Heuchlerbande um Sarastro angeht: ich glaube, der ist bei der Queen ehedem abgeblitzt, weil er ihr zu langweilig war und das hat er ihr nie verziehen. Der verblichene Ehemann der Queen hatte noch ein schlechtes Gewissen deswegen und musste was gutmachen bei seinem ehemals besten Freund Sarastro, dem er die Geliebte ausgespannt hat. Nun fürchtet die Queen, Sarastro will ihre Tochter vernaschen, wenn er sie schon nciht gekriegt hat und da würde ich als Mutter auch zur rasenden Furie.
Monostatos spiegelt in Wahrheit nur das Unterbewusstsein und die wahre Natur Sarastros wider- Monostatos ist sozusagen das ES von Sarastro. Die Queen weiss also, was auf ihre Pamina wartet und verteidigt sie mit Klauen und Zähnen. Ist doch reine Mutterliebe-oder? Papageno hatte es doch auch gut bei der Queen und hat ihr gerne gedient. Einen besseren Beweis dafür, dass sie nicht so schlecht ist, wie dargestellt kann es kaum geben. :engel

Beim Plädoyer für Filippo bin ich gespannt. Bei Konwitschny war der nämlich ganz schön gerissen und hats munter und skrupellos mit Eboli getrieben. Dass er nie geliebt wurde, ist er vielleciht doch auch selber schuld????? Wobei die Arie zu schön ist um wahr zu sein.....
Braucht Eboli eigentlich auch ein Plädoyer? Das könnte ich dann machen. Aber für den Grande Inquisitore möge sich bitte ein anderer Sadist finden.......

Bei Don Giovanni nehm ich dagegen gleich drei unter meine Fittiche: Elvira, Ottavio und Masetto!
Sobald ich dazu komme.....
Der Thread wird unserer Sevi besonders gut gefallen, die lässt hier ganze Heerscharen aufmarschieren...... :D

F.Q.
Honoria Lucasta (20.05.2010, 07:37):
Auch ich mache mich zum Anwalt mißverstandener Opernfiguren und kündige hiermit an, daß ich eine Lanze für Scarpia brechen werde- okay, vielleicht eher ein Lanzerl :wink. Da aber gut Ding auch hier Weile haben muß, komme ich gerade jetzt aus dem Geschäft heraus nicht dazu, das ist eher was für's Wochenende.

Grüße!

Honoria

P.S. Solitaires und Fairy Queens Plädoyers für die Königin der Nacht sind so nachvollziehbar, daß Opernregisseure ganz revolutionär neue Interpretationsansätze finden könnten, wenn sie sich dieser beiden Expertinnen als Berater bedienten: Reverenza!
Solitaire (20.05.2010, 10:48):
Hallo Fairy und Honoria!

Ich hab es ja schon mal an anderer Stelle erwähnt: ich dachte mir immer schon, daß da mal was war zwischen Sarastro und der Königin. So gehen doch nur Leute aufeinander los, die sich mal sehr nahe waren...
Wie mein Gatte nach einer Zauberflöäte mal gesagt hat: „Alle werden am Ende getröstet, nur die Königin nicht!“
Und das mit der zu vernaschenden Tochter erinnert an Effi Briest und den Baron von Instetten: die Mutter hat ern icht gekriegt, also schnappt er sich die Tochter. Degoutant ist da noch freundlich formuliert. Da wäre Monostatos als Möchtegern-Vergewaltiger und Sarastros ES natürlich ein gefundenes Fressen für jeden Freudianer.

Den Grande Inquisitore kann man nicht verteidigen, der schmort hoffentlich und völlig zurecht in der Hölle. Wenn nicht für seine Taten, dann für den Satz: „Gott gab den Seinen um die Welt zu erlösen“ auf Fillipos frage ob er denn wirklich seinen eigenen Sohn der Inquisition, der Folter und dem Tod überlassen dürfe.
Welch eine schändliche Pervertierung des Erlösungsgedankens...
Eboli allerdings hat eine Verteidigungsrede verdient, und ich freue mich darauf. Gespannt bin ich auch auf Honoria Lucastas Plädoyer für Scarpia. Eines ist klar: faszinierender als Cavaradossi ist er allemal, aber das sind die Baritone ja meistens. :haha

Ich werde bald mal ein gutes Wort für Yamadori aus „Madama Butterfly“ einlegen. Der hat zwar nur eine winzige Nebenrolle und wird oft als Witzfigur dargestellt, aber das hat er m.E. nicht verdient.
Solitaire (20.05.2010, 12:31):
Sehen wir’s mal aus Sicht der japanischen Gesellschaft: Fremde sind im Land. Fremde die sich für den Mittelpunkt der Welt halten und sich vermutlich auch so benehmen. Die die Kultur ihres Gastlandes nicht verstehen können und wollen, und für die japanische Frauen niedliche kleine Spielzeuge mit bunten Schirmchen und seidenen Kimonos sind.
Einen solchen Mann heiratet Cho-Cho-San, ehrenwerte Tochter eines ehrenwerten Kriegers.
Wo jeder weiß, was von den Eheversprechen der Langnasen (wie Europäer und vermutlich auch Amerikaner in Japan von weniger netten Leuten gerne mal genannt werden) zu halten ist. Butterfly heiratet diesen Man nicht nur, sie gibt ihm zuliebe auch ihre Religion auf, bezeichnet sich als Amerikanerin und träumt davon, mit ihrem Mann nach Amerika zu gehen. In den Augen der Gesellschaft verrät sie damit ihr Land, ihre Kultur, ihre Familie und ihre Ehre.
Es ist historisch überliefert, daß Japanerinnen die im 19. und frühen 20. Jahrhundert Beziehungen zu Europäern oder Amerikanern hatten, oft auf immer von der Gesellschaft verstoßen würden (die Welt ist doch überall gleich und sie ist nirgendwo gut....).

Es geht Butterfly wie es einer naiven Verräterin (wir sehen es ja mit den Augen der Gesellschaft) recht geschieht: sie wird nach kurzer Ehe verlassen und bleibt allein mit ihrer Dienerin und ihrem Bastard von Kind. Kein anständiger Mann wird sie je wieder ansehen.
Und da kommt nun Yamadori und bietet ihr die Ehe an. Nicht das Konkubinat, nicht die mehr oder weniger offene Prostitution, sondern die Ehe. Er ist reich, er ist angesehen, er hat Stil und Kultur und er bietet ihr eine Zuflucht. Und als Butterfly ihn verspottet weil sie verzweifelt ist und ihr Glaube an Pinkerton manchmal fast ins Wanken gerät, hält er sein Angebot aufrecht. „Wenn sie nur wollten, Butterfly..“

Ich weiß ja nicht, ob er alt oder jung, attraktiv oder häßlich ist, aber ich denke, er ist ein anständiger Mensch (wenn auch sicher kein Kostverächter was Frauen angeht) und das sollten sich die Herren Regisseure und Tenöre die ihn manchmal als notgeilen Trottel darstellen ruhig mal hinter die Ohren schreiben.

So. Das war das. :D
Fairy Queen (20.05.2010, 16:15):
Plädoyer für Massetto:

Massetto ist ein ansehnlicher Bauernbursche, jung ,stark wie ein Baum, mutig wie ein Tiger und einer der umschwärmtesten Jungesellen im Dorf. Ein bisschen starrköpfig, ein bisschen cholerisch und aufbrausend, und manchmal ein richtiger Stier, der mit beiden Hörnern durch die Wand will und sich dabei auch schon mal eine Beule holt.
Er hat es geschafft, die von Allen heiratsfähigen Burschen heissbegehrte Dorf-Schönheit Zerlina zu erobern- in allen Wettkämpfen, ob beim Ringen , beim Jagen oder beim Fässer durch’s Dorf rollen hat er den 1. Preis bekommen und so hat die Kokette dann schliesslich nur ihn erhört.
Auch ihr Vater war's am Ende zufrieden. Der Hof, den er mal erben wird, ist zwar nciht der Grösste im Dorf aber er ist einziger Sohn und Zerlina hat keine Mitgift-ihr Vater dieser geizige Anselmo glaubt, ihre Schönheit sei Mitgift genug. Wenn’s wirklich ernst wird, sind damit aber nur wenige Burschen zufrieden, so gutherzige wie ihn gibt's nicht viele....
Massetto kann trotzdem sein Glück nicht fassen: nungehört sie endlich ihm allein!
Ja, er weiss, dass seine Zerlinetta eitel und kokett ist und er diesen Schatz hüten muss wie seinen Augapfel, aber das macht ihm keine Angst.
Selbst dem edlen Herrn mit seinem frechen Diener konnte er trotzen! Von diesem feinen Fant hat er sich nciht täuschen lassen und schon gar nicht einschüchtern! Dergleichen kennt er nur zu gut.
Dass Frauen auf diesen augeblasenen Herrchen-Tand immer wieder hereinfallen liegt nur daran, dass sie Schmeicheleien und Glitzer nicht von Echtem und Dauerndem unterscheiden können. Frauen sind einfach ein bisschen einfälltig und verstehen nicht, was in der Welt da draussen passiert, aber das ist vielleicht auch besser so.
Aber er ist klug und mutig.
Seine Zerlinetta, diese kleine Hexe, denkt zwar, sie könne ihn mit ihrem süssen Balsamo an der Nase herumführen, aber da irrt sie sich gewaltig. Er lässt sie gerne in diesem Glauben. In Wirklichkeit ist das ja viel bequemer und der Liebe viel zuträglicher. So geht sie ihm denn weiter so reizend um den Bart und ist's zufrieden, sich wie eine kluge Dame zu fühlen. Und er ist’s zufrieden , sich an ihrem certo balsamo zu laben. Jedem das Seine!

Dass sie mit dem grossen Herrn verschwinden wollte, glaubt er nicht. Aufs Schmeicheln und auf’s Tändeln verstehen die sich ja , aber sobald es zur Sache ginge, würde seine Zerlina schon merken, was sie an ihrem Massetto hat Diese verweichlichten Herrchen wissen doch gar nciht, wie man mit seiner Zerlina umgehen muss. Mehr als grosse reden shcwingen konnte der sowieso nicht, das hat er ihm sofort angesehen. Und wenn sie sich wirklich einbilden sollte, ein solcher Don könnte mehr als eine schnelle Abwechslung von ihr wollen, dann soll sie ihre Lektion lernen. Das sieht er ganz gelassen. Er kennt seine Zerlinetta in und auswendig und wenn dieser don sich eingebildet haben sollte, er könne da eine Jungfrau... bei den feinen Dämchen mit ihrer Mantillen, mag das ja so sein, und dem anderen Don , dem von dieser Anna, hâtte er zu gerne mal einen Rat unter Männern gegeben, aber seine Zerlinetta wollte genausowenig warten wie er. Und sie wäre schon sehr bald wiedergekommen, das ist er ganz sicher.
Aber seine Eifersucht hat ihr dann doch ein bisschen Angst gemacht. Er konnte ja vor den Kameraden gar nciht nciht anders. Sagen: lass sie mal , sie kommt shcon wieder- wo wäre denn da dieehre geblieben? Nein, das Spiel musste er schon mitspielen
Sogar schlagen lassen wollte sie sich am Ende, diese kleine Hexe! Den Spass sollte er sich wirklich bald mal gönnen.....
Und was die Prügel von dem Don angeht: er hat schon Schlimmeres erlebt. Aber er hat sich nicht unterkriegen lassen und das ist das Allerwichtigste. Er hat seine Würde behalten und hat der Zerlina gezeigt, dass er kein Feigling ist und dass ein freier Bauer kein Spielzeug eines aufgeputzten Don und seines lâcherlichen Dienstboten ist.
Nun muss dieser feine Signor seine Rechnung bezahlen und die Zerlina hat ihre Lektion gelernt. Also alles in allem eine Geschichte, die ihm nur Vorteile gebracht hat- sieht man von den paar blauen Flecken ab. Und die haben den Balsamo umso süsser sein lassen.
Der Don dagegen kann vom Höllenbalsam kosten- es gibt doch eine Gerechtigkeit in der Bauernwelt!
Solitaire (20.05.2010, 17:36):
Wie recht du hast. Ich mochte Massetto immer und kann es nicht leiden, wenn er als brutaler Widerling dargestellt wird der seine Frau krankenhausreif schlägt. Hatten wir ja auch schon :S. Zerlina weiß tief im Herzen ganz genau, was sie an ihm hat. "Batti, batti, o bel Masetto,
la tua povera Zerlina!“ trällert man nur wenn man ganz genau weiß, daß der das niemals ernsthaft tun würde.
Wie siehst du Zerlina, eher Erna Berger oder doch eher Teresa Berganza?
Fairy Queen (20.05.2010, 19:18):
Liebe Mina, meistens wird er einfach als Dorftrottel dargestellt, aber das mit dem brutalen schläger ist ja wohl der Hammer!!!! Welcher idiotische regisseur kommt denn auf so eine Idee?????
Massetto ist ein halber Figaro, denn er hat wirklich mehr Mut als zwei Leporellos im Quadrat!!! Sich offen gegen einen hohen Herrn aufzulehen ist schon wahrlich etwas und dass zerlina ihn erwählt hat, ist auch was.
Mozart mochte ihn, da bin ich sicher, aber leider hat er immer wieder in die puppenkiste der Commedia dell'arte greifen müssen und da sind die Figuren halt auch ein bisschen schematisiert und müssen Gegensatzpaare bilden.

Herrn Yamadori habe ich bisher übrigens nie wahrgenommen... ich bin eben kein Puccini-Fan.
Da sich Puccini angeblich(hab ich irgendwo gelesen inieiner biographie) selbst mit Pinkerton identifiziert hat, war Yamadori wahrschienlich der grosse Loser, der gegen den einzigen, grossen und europäïschen Geleibten ncihts ausrichten kann. Puccinis Frauen müssen ofern sich aber für eine einzige grosse Liebe opfern und sterben- reine Allmachtsphantasie des Maestro (wenn man mich fragt....) Jedenfalls ist mir dein Yamadori serh sympathisch, sollte ich je die Butterfly mal auf der Bühne sehen, werde ic hseiner (und deienr) gedenken.


Wie Honoria den Folterer Scarpia rehabilierten will, erwarte ich auch mit Spannung!

F.Q.
Solitaire (21.05.2010, 09:51):
Hallo Fairy!
Peter Sellars zum Beispiel kommt auf diese Idee. Sein Don Giovanni ist im New York des 20. Jahrhunderts angesiedelt, Leporello und der Don werden von den(schwarzen) Zwillingsbrüdern Eugene und Herbert Perry gesungen, was natürlich die ganze Verwechslungsgeschichte glaubhaft macht. Hier sind Masetto und Zerlina ein Paar aus dem Ghetto das sich mehr haßt als liebt, das sich streitet, anbrüllt und schlägt nach dem Motto „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“. Gegen Ende läuft Zerlina mit deutlichen Mißhandlungsspuren (die ganz sicher nicht vom Don stammen) rum. „Batti, batti..“ ist eben nicht mehr das kokette Flirten einer jungen Frau die genau weiß, daß ihr schatz ihr niemals weh tun würde, sondern die resignierte Unterwerfung eines geschundenen Wesens das begriffen hat, daß es immer schlimmer wird, je mehr sie sich wehrt. Zumindest habe ich es so empfunden. Im Salzburger Don Giovanni von 2006 mit Thomas Hampson und Ildebrando D’Arcangelo wird etwas ähnliches angedeutet: auch hier rennt Zerlina irgendwann derangiert und mit deutlichen Verletzungen durch den Rest der Oper.
Dabei sind doch Masetto und Zerlina eigentlich die einzigen ,die das mit der Liebe irgendwie hinkriegen, und denen man vor allem auch zutraut, ihre Liebe durch den ganz normalen Alltag zu retten. Was ja nicht ausschließt daß der eine oder die andere gelgentlich feststellt, daß andere Leute auch schöne Söhne und Töchter haben und mal ein bißchen ins Schwärmen gerät. Wäre ja auch schade, wenn man plötzlich blind dafür würde, nur weil man einen Ring am Finger hat...

Offtopic Modus an: Mein Schatz sagt zum Beispiel ich darf wenn Johnny Depp anfragen sollte. Und er darf, falls Anna Netrebko Interesse zeigt :engel :D Offtopic Modus aus
Fairy Queen (21.05.2010, 10:12):
Sehr praktisch, Dein Schatz- der siehst das wohl ähnlich wie mein obiger Massetto......! :D
Wobei Du bei Johnny dann bitte mal ein gutes Wort für mich einlegen könntest.... Frauensolidarität :engel.


Gut, wenn die Inszeneirung von Sellars stimmig war, will ich ncihts gesagt haben, das klingt ja serh schlüssig.

F.Q.
Honoria Lucasta (21.05.2010, 17:25):
Auszug aus einem Brief von Emma Lady Hamilton, Freundin der Königin Maria Carolina von Neapel, an ihre Cousine in England

"...und muß ich Dir jetzt noch berichten, daß Baron Scarpia, an den Du Dich sicher erinnern wirst, ermordet worden ist! Die ganze Geschichte ist ein so ungeheuerer Skandal, daß man in Rom von nichts anderem spricht. Wie es scheint, hatte der Baron sich in Floria Tosca verguckt, die von der lieben Königin als Sängerin ziemlich geschätzt wurde, häufig bei Hofe auftrat und der er demzufolge beinahe jeden Tag über den Weg lief. Die Tosca wollte von ihm trotz seines intensiven Werbens aber nichts wissen; uns war nicht recht einsichtig, warum, denn der Baron ist -war, muß ich jetzt leider schreiben- erstens gutsituiert, zweitens von Familie (nun gut, was man in Sizilien so Familie nennt, aber immerhin duldet ihn die Königin am Hof, was bei ihrem österreichisch-kaiserlichen Standesbewußtsein schon etwas heißen will) drittens Polizeiminister mit nahezu unbegrenzten Vollmachten und viertens eine ausgesprochen elegante, in günstigem Licht und entsprechender Stimmung sehr verführerische Erscheinung. Man könnte als aus dem Nichts emporgespülte Sängerin schlechter fahren - unsereins hatte es jedenfalls nicht so leicht. Wie es scheint, hatte sie stattdessen was mit dem Maler Cavaradossi, der zwar fleißig Kirchen ausmalt, aber ansonsten ein eingefleischter Republikaner war (übrigens sind alle drei tot, wie, wirst Du sehen) und eifrig gegen Thron, Altar und jede Ordnung gehetzt hat, als die Republik hier herrschte. Irgendwie hatte Cavaradossi dem ehemaligen Konsul der Republik Angelotti nach dessen Flucht aus der Engelsburg, wo Scarpia alle Möchtegern-Revolutionäre und Republikaner interniert hat, geholfen, und als Scarpia herausfand, wie eifersüchtig die Tosca auf jede Vermutung, Cavaradossi könnte sich mit irgendetwas anderem beschäftigen als mit der Verehrung ihrer geheiligten Person, reagierte, beschloß er, mit ihr trotz aller Sympathie mal ein wenig dienstlich zu werden. Übrigens haben wir die ganze Geschichte aus dem Mund seines Stellvertreters Spoletta, der auch seine Leiche gefunden hat - er wird jetzt auf Empfängen in der Stadt herumgereicht, als hätte er mehr getan als zu allem nur das bei ihm übliche dumm-verschlagene Gesicht gemacht; in der Auswahl seiner Mitarbeiter hatte Scarpia, das muß man leider sagen, keine glückliche Hand. Wie er berichtet, hat Baron Scarpia sich alle erdenkliche Mühe gegeben, Floria Tosca zu einer Aussage über den Verbleib von Angelotti und die Beteiligung Cavaradossis an dessen Aktivitäten zu bewegen, aber weder gute Worte noch der ernste Hinweis auf die Folgen von Falschaussagen haben bei ihr irgendetwas bewirkt; sie blieb nur so störrisch wie der bäuerische Maulesel, der sie im Grunde ist. Der Baron mußte also Order geben, den Maler etwas intensiver zu befragen - sehr unappetitlich, das Ganze, Cavaradossi hätte sich große Unannehmlichkeiten erspart, wenn er ein wenig aufgeschlossener gewesen wäre, schließlich muß der Baron den Staat und die Ordnung schützen und kann keine Rücksicht auf republikanische Hirngespinste nehmen. Genutzt hat Cavaradossi seine Obstination nichts, schließlich kam doch alles heraus und Scarpia ließ ihn in die Engelsburg bringen.
Der Baron blieb, wie Spoletta berichtet, mit der Tosca zurück - und sie verstieg sich -stell' Dir die Szene vor!- dazu, sich Scarpia sozusagen in corpore als Preis für die Freilassung Cavaradossis anzubieten. Das hätte sie besser nicht getan. Schließlich ist der Baron Sizilianer: Frauen sind ihm entweder Heilige oder Huren. Mit letzteren verfuhr er, wie man so hört, schon immer reichlich rauh; möglicherweise wird man auch etwas merkwürdig, wenn man stets mit Kriminellen zu tun hat und sich im Interesse des Staates in Niederungen begeben muß, von denen wir zum Glück keine Ahnung haben. Jedenfalls fing er wohl, nachdem sich Tosca nicht als Heilige, sondern vielmehr als das Gegenteil zu entpuppen schien, an, sich ihr etwas heftig zu nähern -also sozusagen geschäftlich zu werden, nachdem er Spoletta letzte Anweisungen bezüglich Cavaradossis gegeben hatte; und diese hysterische Ziege in ihrer Verblendung hatte darauf nichts Besseres zu tun, als ihn mit einem Brieföffner (!) zu erstechen, seine Leiche wie für ein Staatsbegräbnis zu drapieren und dann zu versuchen, Cavaradossi in einem irrwitzigen Streich zu befreien, vergebens, natürlich, denn beide sind jetzt tot: er hingerichtet, sie stürzte sich in einem letzten Anfall von Selbstüberschätzung von den Zinnen der Burg. Großer Skandal! Die liebe Königin war außer sich, ihr dümmlicher Gemahl grinste wie üblich blöd, es gibt jetzt in Rom keinen Polizeiminister mehr und wahrscheinlich ist Napoleon schneller hier, als wir Angelotti sagen können - und das alles letztlich nur, weil der Baron im entscheidenden Moment nicht mit seinem Kopf, sondern mit anderen Körperteilen dachte.
Natürlich werden jetzt auch Stimmen laut, die grundsätzlich werden wollen und meinen, alles sei nur gekommen, weil der Baron Gebrauch von der peinlichen Befragung gemacht habe und diese sei völlig unzeitgemäß - das mag ja alles sein, aber Staatsfeinde überführt man nun einmal nicht mit süßen Worten. Gleichviel, Baron Scarpia hinterläßt eine schmerzliche Lücke, die nur durch den Umstand gemildert wird, daß unseres Bleibens hier wohl ohnehin nicht mehr lange ist, denn wie ich bereits oben schrieb....."

Dieses erst kürzlich aufgefundene Dokument wirft zwar kein rechtfertigendes Licht auf Scarpia, wie ich finde, aber ein bißchen Entdämonisierung hat er doch verdient, oder :wink?

Grüße!

Honoria
Rideamus (21.05.2010, 17:37):
Liebe Hnoria,

ich gratuliere zu einem Meisterstück. Allein die Idee, Lady Hamilton hier einzuschalten, ist ein Juwel.

:down :down :down :leb

Jetzt muss ich mich aber mit dem König Philipp doppelt anstrengen, hoffe aber, das über Pfingsten hinzukriegen.

:hello Rideamus
Solitaire (21.05.2010, 18:46):
:down :down :down :down
Ich kann mich Rideamus nur uneingeschränkt anschließen. Die Idee mt Lady Emma ist ein Geniestreich für sich.
Und was die Dame über des Barons erotische Ausstrahlung schreibt ist natürlich vollkommen richtig :D
Heike (21.05.2010, 22:31):
Was für ein schöner Thread! Sobald ich wieder Zeit habe, bin ich dabei. Vielleicht mit Wagners Hunding - aber falls den Menschensohn vorab schon jemand anderer verteidigen möchte, nur zu.
Und bis dahin erwarte ich mal ganz besonders Filippo II :-)
Heike
Rideamus (22.05.2010, 11:41):
Aus einer unveröffentlichten Philippika

Ihr Kleingeister, Zweifler und schillernde Verd...ammer und Verdummer!

Welcher romantisierende Teufel hat Euch nur geritten, als ihr meintet, meinen schwachsinnigen Sohn Carlos gegen mich ausspielen zu müssen? Seht Euch doch an, wie mich der große Tizian dargestellt hat!



Sieht so ein verknöcherter, alter Mann aus, der nicht lieben kann und darüber verzweifelt, dass er von der einzigen Frau, die er hätte lieben können, der edlen Elisabeth de Valois, nie geliebt wurde? Ihr schwachköpfigen, sogenannten Demokraten vergesst eines:

Als Felipe II war ich zunächst und vor allem einmal KÖNIG, und zwar der mächtigste meiner Zeit und Welt, nämlich Herrscher über das Königreich von Spanien, die amerikanischen Kolonien, die Niederlande, die Freigrafschaft Burgund und das Herzogtum Mailand, später auch noch Portugal, die Philippinen und Florida. Glaubt Ihr, das wäre eine einfache Aufgabe gewesen, die man eben mal mit einem unreifen Hitzkopf teilen könnte, der nicht warten kann, bis sein Vater stirbt? Ihr vergesst, dass ich nicht nur einen sehr weisen Vater hatte (dass er meinen Sohn später in Schutz genommen haben soll, ist pure Verleumdung), sondern anerkanntermaßen der gebildetste Herrscher meiner Zeit war. Was kann ich dafür, dass meine zweite Frau Maria sich einen Ruf als Bloody Mary verschaffte und ihre Schwester Elisabeth deshalb meinen Heiratsantrag ausschlug, weil sie fürchtete, sich bei ihrem Volk unbeliebt zu machen? Könige haben nun einmal nicht die Aufgabe, beliebt zu sein, sondern Gottes Willen zu erfüllen. Deshalb habe ich schließlich auch eine Elisabeth geheiratet, wenn auch eine andere.

Hätte ich meinem verrückten Filius wirklich die Macht über die protestantischen Häretiker geben sollen? Sie hätten sich doch nur mit den Engländern gegen mich verschworen, und Ihr würdet heute alle in einer streng pietistischen Welt leben, gegen die das öde heutige Preussen wie ein Paradies für Genießer erscheinen würde. Wollt Ihr das im Ernst?

Was kann ich dafür, dass Gott mich in diesen grauenvollen Zwiespalt gestürzt hat. Ihr wisst, dass mir die Engländer lieber waren als der Papst, und dennoch musste ich gegen sie Krieg führen, weil es Gottes Wille war. Wisst Ihr nicht, dass auch ich den alten Knochen von Großinquisitor und seine persönlichen Machtansprüche gehasst habe? Allein der Gestank der vielen öffentlich verbrannten Ketzer, der auch in meine Kammern im Escorial drang, hat mir jeden Tag vergällt. Aber er vertrat nun einmal eine höhere Macht, der auch der mächtigste König zu gehorchen hat, zumal dann, wenn ihr Streben sich mit seinem eigenen Machtinstinkt deckt. Man kann sich nun einmal nicht immer aussuchen, wer seine Feinde sein müssen, weil man Gott dienen will und dafür bestimmte Freunde braucht.

Ich kann auch nichts dafür, dass Carlito schwachsinnig und brutal war, was man nicht einfach leugnen oder auch nur ignorieren darf. Ich habe versucht, ihn zu schützen und zu stützen, obwohl er für mich zeitlebens ein höchst lästiger Störfaktor war. Hätte er mein Erbe angetreten, die Welt wäre in Chaos versunken. Meine wahre Liebe und Achtung gehörten von Anfang an meiner zweiten Gemahlin und dem edlen Marques Posa, den ich für seinen Mut und seine Charakterstärke bewunderte, auch wenn ich ihn seiner Häresie wegen liquidieren lassen musste, was niemanden mehr schmerzte als mich selbst. Begreift Ihr nicht, das ich die eigentlich tragische Figur dieses Dramas war? Der Riss zwischen privater und öffentlicher Person ging mitten durch mich hindurch, und dann wurde ich noch dadurch gestraft, dass ich als einziger mit all dem weiter leben musste, was ich an Unglück nicht vermeiden konnte. Ich konnte ja nicht auch noch in ein Kloster gehen und in Ruhe Buße tun, wie mein Vater oder die Eboli. Für Könige gibt es nun einmal nur ein würdiges Ende, und das ist der Tod, und sei es der im Rollstuhl, wie er mir beschieden wurde, während ich mit ansehen musste, wie meine Lebensleistung in Trümmer fiel.

Elisabeth, die leider eine kindliche Schwäche für meinen Sohn in die Ehe mitbrachte, hatte das durchaus anerkannt, und deshalb akzeptierte sie ihre öffentliche Rolle auch für das Private. Ich habe sie und die beiden Töchter, die sie mir schenkte, geliebt und war verzweifelt, als sie so früh verstarb. Immerhin gönnte mir Verdi mit "Elle m'à jamais aimé" bzw. "Ell'a giammai m'amò" eine angemessene Darstellung meines Leides. Respektiert das endlich und legt die romantische Augenbinde ab, welche Euch der schillernde deutsche Revoluzzer angelegt hat, der sich letztlich selbst das widersprüchliche Leben leistete, dessen er mich so leichtfertig angeklagt hat.

Studiert endlich die Fakten. Sie sind gewichtiger als die dumme Fiktion, der Ihr so gerne erliegt!

Salud
Felipe II, Rey d'Espana etc.
Honoria Lucasta (22.05.2010, 14:07):
O Rideamus!

Du hast so recht! Philipp hatte, daran hat sich für wirkliche Könige auch heute nichts geändert, keine Wahl: Könige leben nicht ihr eigenes Leben, sondern das des Reiches, welches sie repräsentieren. Staatsraison muß als raison d'être ausreichen; persönliches Glück -oder die kleinbürgerliche Idee, die wir heutzutage dafür halten- ist dann eine vom Schicksal nicht geschuldete Zugabe.

Dein sehr lesenswerter Text gibt das völlig richtig wieder. Möge der König fürderhin von Zuschauern des Dramas und der Oper mit mehr Gerechtigkeit und jenem Quentchen Sympathie betrachtet werden, ohne das wahres Verstehen nicht möglich ist.

Herzliche Grüße!

Honoria
Heike (22.05.2010, 16:48):
bravissimo Rideamus!
Vor allem dass du nochmal herausstellst, dass der Philipp seinem psychopathischen Sohn beim IQ wohl Lichtjahre voraus war und sich daher um die Zukunft des Reiches sicherlich zu recht grämen musste, verdient höchsten Respekt!
Heike
peter337 (22.05.2010, 21:44):
Meien Lieben!

Eine muss man aber verteidigen, das ist die Lady Macbeth und auch ihren Gemahl, die beiden haben doch nichts getan als ein wenig gemobbt, zumal die Schwiegermutter des Herrn Macbeth sich bei ehrenwerten Damen befindet, was weder von Shakespeare noch von Verdi gewürdigt wird, und die als Beruf eben Hexen sind, ein Beruf der von der Kirche nicht gerne gesehen wurde und man später dann auch ums Leben kommen konnte, aber gehen wir zu den Macbeths zurück, oder vor, wie belieben. Lady Macbeth fragt ja nur ihren Gemahl warum er so schnell Than geworden ist und ob das mit einer Gehaltserhöhung verbunden sei, worauf jener meint, der König komme auf Besuch, dabei hat ihn keiner eingeladen, noch dazu bringt Macbeth seinen Freund Banquo mit der kommt noch mit seinem Sohn, na so ein schottisches Schloß ist ja kein Hotel. Jedoch lassen sich die Besucher nicht abhalten, und um Zimmer frei zu bekommen, hat man eben den Gedanken, ein wenig mit einem Messer zu spielen, ohne dabei was Außerordentliches zu denken, auf einmal ist es halt runtergerutscht und man wurde etwas blutig dabei und der König ist hin, weil er sich im Schlaf gerührt hat und eine Eule krächzte. Da die Ahnenfolge stimmte wird nun Macbeth König von Schottland und seine Lady eben Königin, da konnte selbst das Lieserl Nummer Zwei damals nichts machen, nur keinen Neid. Dass Banquo auf Geschäftsreise musste und umgebracht wurde, war nur dem zu verdanken, er hatt zu unfaire Preise für seine Gebrauchsgegenstände. Macbeth geht seine Mutter besuchen und fragt gleich neugierig wie lange er König sein würde, was weiß denn die alte Frau das, die sollen ihr eine Pension geben, dann wird sie was sagen oder singen, wer oder wie, aber einen Wald von Birnham entgegenzusetzen ist ja auch nicht die feine englische Art. Dass da die Lady deppert wird und sich einem Waschzwang aussetzt ist da kaum als unverständlich entegenzusetzen, a bisserl ein Wasser hat auch einer Königin nicht geschadet, es zeigt nur, das die Frau reinlich war und selbst als debile Frau auch einen Hang zur Sauberkeit hatte. Dass Macbeth deswegen dann stirbt ist nicht einzusehen, nur weil ein Wald sich ausdehnt, das hat Greenpeace gemacht, ihn deshalb auch umzubringen, das war nicht schön, das war nicht fein.
Rideamus (22.05.2010, 22:00):
Lieber Peter,

da fällt mir nur dieser Einzeiler ein:

:rofl :rofl :tongue: :leb :tongue: :rofl :rofl :rofl :rofl :tongue: :tongue: :leb :rofl :rofl

Du hast ja so Recht

:hello Rideamus
peter337 (23.05.2010, 05:04):
Auch so ein armes Luder, das immer als Mörderin bezeichnet wird ist die liebe Prinzessin Turandot. Kaum eine Rate-Tante wird heute so beschimpft, nur weil sie drei Fragen stellt und wenn man die nicht weiß zum Henker kommt, beim Günther Jauch verfällt das Geld, dabei sind die Fragen ohnedies nicht so schwer, und die letzte überhauot ist die Einfachste, weil schon in der Bejing Post immer wieder der Name, Turandot, neben allen High Society Größen angegeben wird. Aber gehen wir zuj Anfang, zumindest bei Puccini, da wandern drei Personen, wo einer so alt und gebrechlich ist, dass er eigentlich in ein Seniorenheim gehört, nur wird er dort nicht genommen, weil er und seine Begleiterin, die übrigens Liú heißt in geflickter Armenkleidung gehen, doch sie sind tapfer, erst in Bejing kommt der dritte ein Prinz zu denen, wo doch der eine sein Vater ist, nur der Prinz ist ausstaffiert wie ein Lord, schaut aus wie der Fürst Baumsti und trägt Brokatkleidung und hat nix anderes zu tun als sich zu melden, wo doch ein gewisser Prinz von Persien, gerade die Fragen nicht beantwortet hat, net einmal die dritte, aber so weit lässt es die Spielregel net zua, geköpft werden soll, auch a Möglichkeit Kanditaten net zum zweiten Mal antreten lassen, also drängt Kalaf, so heißt der brokattragende Prinz, der so viel für seinen Vater über hat, zum Gong, denn eine Türklingel war noch nicht erfunden, und lässt sich zum Ratespiel eintragen. Er sieht im Vorübergehen einmal die Prinzessin, die das überhaupt nicht einmal ignoriert und nur mit dem linken Auge einen Blick auf Kalaf wirft, und dann singt sie was, eine Art Geschichtsunterricht wegen igrendeiner Ahnin, die keinen interessieren, die von einem Mongolen verbraucht wurde, oder missbraucht, was weiß denn ich, und es interessiert eigentlich auch nur die angebliche Egoistin Turandot, denn Kalaf steht da wie ein Depp, und sagt bei den drei Frage, rein zufällig die richtigen Antworten, nun kommt die Prinzessin dran, auch sie darf eine Frage beantworten, das nenne ich doch Gentelmanlike, nur seinen Namen muss sie über Nacht erraten, da werden die Stromkosten erhöht und gleich ist das Defizit wieder drin, was das Ratespiel wieder kostet, dann darf Keiner schlafen, eigentlich eine Gemeinheit, weil der alte Kaiser hat schon seine Barbiturate eingenommen, dafür behandelt sie Liú wieder net guat, und jetzt bringt sich die wieder um, das pubertierende Madel, welches so für Kalaf schwärmt, da hat Turandot wieder ihren guaten Tag, und sagt" Guaten Tag" zum Kalaf, der muass antritscht = dumm sein, weil er verrät ihr seinen Namen, das ist zwar gegen die Spielregeln, aber die Prinzessin nímmt es da nicht sogenau und sagt sie habe sich gleich beim ersten Mal in ihn verliebt, wie eine Frau so lügen kann, aber es ist eine Notlüge, sie will halt an gewissen Eindruck schinden und macht Kalaf zum Gemahlerich und der alte Kaiser ist auch einverstanden, der hat, außer wenn es Waldemar Kmentt ist eh nix mehr zu sagen oder zu singen. Ende der Oper, der alte Vater vom Kalaf wird in ein bescheidenes Altersheim gebracht. Ende der Oper.
Fairy Queen (24.05.2010, 22:08):
Das hat sich ja hier wunderbar entwickelt! :leb :leb :leb
Dass man Scarpia verteidigen kann ist schon an sich das reine Wunder und dann auch noch so!!!
Was Fillippo angeht, hab ich mit dem armen Kerl shcon von jeher ein gewisses Mitleid gehabt. Er kann ja nun wirklich nichts dafür, dass sich sein Sohn in seine Stiefmutter verliebt, Freud noch nicht zum ödipuskomplex veröffentlicht hatte und die Rolle des Seelentherapeuten unglücklicherweise noch von der heiligen Inquisition gespielt wurde.
Was i h ihm allerdings serh verübelt habe ist die heuchlerische Geschichte mit Eboli. Das ist unter seiner Würde finde ich. aber Könige sind been auch nur Menshcen. Sein Nachfolger, Philipp V hatte dann übrigens ienen eigenen Musiktherapeuten am Hof, de für seine Dienste im Kampf gegen die royale Melancholie königlich entlohnt wurde und auf den klangvollen Namen Farinelli hörte. Der wäre wahrschieinlich auch in die Hände des Grande inquisitore gefallen, wenn dieser ihm auf die Schliche seines unkeuschen Lebenswandel gekommen wäre.


Man fragt sich übrigens wirklich, wie Schiller mit seinen Kenntnissen der Historie aus einem wahnsinnigen und unfähigen Kronprinzen eine solche Figur machen konnte..... ?(

F.Q.

Dass unser gestreifter Opernfreund hier nun mitmischt, ist natürlich ein spezieller Grund zur Freude!
Ich warte schon gespannt auf deine Rehabilitierung deines Lieblingsmörders Scarpia alias Cesare Siepi! :hello
Solitaire (25.05.2010, 10:10):
Es ist jedesmal das gleiche: Lucia di Lammermoor wird wahnsinnig und alle Welt heult Rotz und Wasser, während ich tot, kalt und ziemlich blutleer im Brautgemach liege. Aber das scheint mal wieder keine Sau zu interessieren.
Fragen sie nach einem Opernabend doch mal das Publikum, wie viele Tote es in „Lucia di Lammermoor“ gibt. Was werden die wohl antworten? Ja eben. „Zwei, wieso?“

Okay, okay, ich sehe es ja ein. Ich bin nicht der Sympathieträger des Stückes. Ich bin nicht so zart, fein, schön und hold wie Lucia (und übrigens auch nicht so durchgeknallt), und nicht so feurig, leidenschaftlich und sexy wie Edgardo (und zum Glück auch nicht so deppert). Aber daß man mir so gar keine Träne nachweint...
Ich meine, hallo? Diese Familie hat einen Ruf wie Donnerhall! Pleite sind sie, politisch fragwürdig sind sie, den einen oder anderen Mord hat es gegeben und mit den Nachbarn können sie auch keinen Frieden halten. Die sollten sich glücklich schätzen, daß ich mein Geld, meinen Einfluß und meinen guten Namen zur Verfügung stellen wollte um Ordnung in diesen Saustall zu bringen. Alles was ich dafür verlangt habe war die Hand der schönen Lucia. Enrico Ashton hat mir versichert, seine Schwester sei überglücklich, meine Gattin zu werden und nur ein wenig melancholisch wegen des kürzlichen Todes ihrer Mutter.
Himmelherrgott, kann ich denn ahnen, daß dieses Weib nicht mehr alle Tassen im Schrank hat?
Jetzt, wo ich hier so auf meiner Wolke sitze und ins Grübeln gerate wird allerdings mir klar:
Ich hätte es wissen müssen. Schon nach der Trauung hätte ich es wissen müssen. Daß dieser Trottel, der wohl Lucias Jugendliebe war, nach der Unterzeichnung des Ehevertrages ins Zimmer gestürmt ist und uns alle auf’s Übelste beschimpft hat...gut, das sehe ich ihm nach. Ich habe ihm das Mädchen ausgespannt, da kann man schon mal sauer werden. Wenn ich daran denke wie das damals bei mir und...egal. Jedenfalls: das nehme ich ihm gar nicht mal übel. Aber daß er dann meine junge Frau , die einer Ohnmacht nahe war, verflucht hat, weil er geglaubt hat sie habe die Treue gebrochen zeigt doch, was für ein hirnloser Idiot er war. Sie hat gezittert, sie hat geweint...sie sah nicht gerade aus wie eine glückliche Braut. Wenn er sie so liebt wie er behauptet, hätte er das begreifen müssen. Und an einen solchen Deppen hängt Lucia ihr Herz. Spätestens da hätte mir klar sein müssen, daß es bei ihr im Oberstübchen etwas hapert.
Aber auf der anderen Seite: sie war jung, sie war schön, sie war meine Frau und ich...sie verstehen? Ich meine, man heiratet eine Frau ja nicht, weil man ihren Verstand so faszinierend findet.

Ist ja gut, meine Damen, ist ja gut. Nur ein kleiner Scherz, kein Grund zur Aufregung. Sie werden vielleicht verstehen, daß ich ein bißchen sauer bin. Immerhin bin ICH es, dem man völlig ohne Grund ein Messer in den Bauch gerammt hat.

Ach so.
Sie glauben ich hätte... ich wäre...äh...brutal geworden?
JA WIE DENN BITTE???? WIE DENN???? Ich bin ja nicht mal dazu gekommen, ihr den Brautschleier abzunehmen.
Wenn sie mal ein vernünftiges Wort mit mir gesprochen hätte: „Paß mal auf, Arturo. Ist gerade ungünstig. Ich hab Migräne, bin hundemüde...“ was weiß ich, ihr Mädels seid da doch erfinderisch. Teufel noch mal, ich bin doch kein Menschenfresser! Aber nein, jeder Kerl außer dem Tenor ist für euch der Antichrist. DABEI BIN ICH TENOR, DU DUMME GANS!!!
Kaum lege ich ihr die Hand auf die Schulter fängt sie hysterisch an zu kreischen ich solle sie in Ruhe lassen, sie wäre Edgardos Braut und würde eher in den Tod gehen als ihm die Treue zu brechen. Oder noch besser: ICH würde in den Tod gehen.
Hier auf meiner Wolke schwöre ich ihnen, das waren ihre Worte.
Danach wurde es dann richtig unschön. Wenigstens hat sie gut gezielt, ging ziemlich schnell, das Ganze. Als sie dann völlig durchgedreht ist, saß ich schon hier oben auf meiner Wolke und habe mir das alles angesehen. Logenplatz sozusagen. Was für ein Gesäusel, Geseufze und Gejammer.

Huch! Da schwebt sie gerade an mir vorbei, Hand in Hand mit diesem Bengel. Ja sollen sie doch.
Und ihr heult schon wieder um die beiden. Ja leckt mich doch alle am Arsch.



So weit also Arturo Bucklaw, die dritte Leiche in „Lucia di Lammermoor“. Ich entschuldige mich für seine Wortwahl, er war wohl etwas aufgebracht... :I

Ansonsten herzlichen Dank für all die wunderbaren Verteidigungsreden! Ich habe sie mit wahrer Begeisterung gelesen und freue mich auf Weitere! :leb
Severina (26.05.2010, 16:10):
Kinder, ich werf mich gerade weg - einfach köstlich!!!! :rofl :rofl :rofl :rofl
Ihr solltet ein Buch daraus machen, denn das ist fast zu schade, um in einem Forum zu vergammeln!!! :down :down :down :down

lg Sevi :hello
Rideamus (26.05.2010, 18:37):
Im Nachlass wurde er unterdrückt um den Nachruhm des Ahnen nicht zu gefährden. Nun aber fand er doch an das Licht der Öffentlichkeit, dieser

Beschwerdebrief der Bäckerinnung an Herrn Engelbert Humperdinck:

Werter Herr Compositeur,

uns ist zu Ohren gekommen, dass Sie und eine gewisse Frau Wette ein ehrenwertes Mitglied unserer Innung auf das Schlimmste verunglimpft haben. Es handelt sich um Frau Rosine Leckermaul, die bis zum Erscheinen Ihres Opus eine hochachtbare Zuckerbäckerin war, deren Backkunst allgemein viel zu wenig gewürdigt wurde, weil sie, was zweifellos ihr Privileg war, keinen Wert auf schnöde Publizität legte. Sie hat in ihrem Wald mancherlei wundersame Dinge hergestellt, die ihr nie jemand nachmachen konnte, sogar ein Wohnhaus, in dem man gemütlich wohnen und heizen konnte, und einen Garten mit bunten Gewächsen ganz aus Lebkuchen und Zuckerwerk. Dafür sollte sie bewundert werden und nicht verunglimpft.

Offenbar sind sie den Verleumdungen eines Besenbinders aufgesessen, der sich geärgert hat, weil er seine Zweige aus größerer Entfernung besorgen musste, da Frau Leckermaul, ganz im Sinne eines fortschrittlichen Naturschutzes übrigens, großen Wert auf die Erhaltung ihres Waldgrundstückes in seinem ursprünglichen Zustand gelegt und sich jegliches Abholzen strikt verbeten hat. Es ist schlimm genug, dass der Herr Besenbinder, dessen Abhängigkeit vom Alkohol und entsprechend große Unzuverlässigkeit weithin bekannt ist, sowie seine viel scheltende und darum zu Recht viel bescholtene Gattin sich nicht schämten, ihre minderjährigen Kinder zum Mord anzustiften, wodurch zahllose unwiderbringliche Backkunstwerke für immer verloren gingen. Ihre nachträgliche Glorifizierung dieser Schandtat schlägt wirklich dem Fass die Krone ins Gesicht. Wenn Sie nicht mitbekommen haben, dass die Zeiten der furchtbaren Jagd auf unschuldige Frauen, die man Hexen schimpfte um sie loswerden zu können, seit geraumer Zeit vorbei sind, wird es Ihnen sicher nichts ausmachen, wenn Frau Leckermauls Kollegen und Bewunderer Sie bei der nächsten Gelegenheit teeren und mit verdorbenem Mehl bestäubt aus Ihrem Heimatort jagen.

Die groteske Schutzbehauptung, Frau Leckermaul habe Kinder als Ingredienz ihrer Backwerke benutzt, entlarvt sich ja wohl selbst. Junges Fleich ist bekanntlich völlig ungeeignet für die Herstellung von Süßwaren aller Art, das weiß jeder Lehrbub schon am zweiten Tag.

Des Weiteren haben wir vernommen, dass Sie die Musik unseres großen Meisters, Herrn Richard Wagner, der uns in einem zentralen Kapitel seiner "Meistersinger" als Bewahrer vor Hungersnöten ein unvergängliches Ehrenmal geschaffen hat, als Vorbild herangezogen haben um die Infamie Ihres hetzerischen Machwerkes zu verkleistern. Seien Sie gewiss, dies ist Ihnen gründlich misslungen. Eher werden wir anlässlich unseres nächsten Innungsfestes zum Ehrenpräsidenten einen Wal küren als ihre mörderischen Brüderchen und Schwesterchen zum Tanz einladen.

Wenn Sie all dies vermeiden wollen, steht es Ihnen frei, Ihr verleumderisches Werk zu widerrufen. Wir raten Ihnen jedenfalls dringend, sich lieber um Königskinder als um rotzfreche, verlogene Gören zu bekümmern, die Tag und Nacht Unsinn im Sinn haben und dafür auch noch 14 Schutzengel in Anspruch nehmen, die anderswo dringend benötigt werden.

Herrn Richard Straus, der Ihr Opus zur Uraufführung geleitet hat, haben wir ein gleichlautendes Schreiben nebst einer strafbewehrten Verwarnung im Wiederholungsfalle zukommen lassen.

In Erwartung Ihrer respektvollen Antwort verbleiben wir
Hochachtungsvoll
Albrecht Nürnberger, Großmeister der Bäckerinnung von Franken und Niederbayern.

sowie mit :hello Rideamus
Severina (26.05.2010, 20:54):
Sehr geehrter Herr Chefredakteur!

In Ihrem Leitartikel vom 25. Dezember 1772 "Deutschlands Dichterhoffnung in den Tod getrieben" stellen sie einen rufschädigenden und skandalösen Zusammenhang zwischen dem Selbstmord des Herrn Werther und meiner Familie her, indem sie behaupten, er hätte sich aus unglücklicher Liebe zu meiner Frau, die sich nach einer kurzen, aber leidenschaftlichen Affäre mit ihm für eine "Vernunftehe" mit mir ," dem "um vieles Älteren", entschieden hätte, das Leben genommen. Sie deuten ferner an, ich hätte mit Hilfe meiner im Sterben liegenden Schwiegermutter in spe meine Frau zu ihrem Eheversprechen genötigt, sodass es nur zu verständlich ist, dass sie später wieder dem Ruf ihres Herzens gefolgt sei. In dem der Journaille eigenen Hang zur Melodramatik versteigen sie sich sogar zu einem Vergleich mit Romeo und Julia und stellen mich als langweiligen, herzlosen Spießer hin, der überhaupt nicht das Recht hat, ein junges, lebenslustiges Geschöpf wie meine Frau Charlotte an sich zu binden.

Ich verwahre mich gegen diese Verleumdungen, die sie mit höchst fragwürdigen Zeugenaussagen zu untermauern versuchen. So führen sie einen Herrn Brühlmann an, der auf einem Sommerfest meine damalige Verlobte und nunmehrige Ehrfrau in inniger Zweisamkeit mit Herrn Werther beobachtet haben will. Dieser Brühlmann ist ein stadtbekannter Spinner, der ständig Gedichte rezitiert, halb Wetzlar mit "Divine- Klopstock"-Graffitti verunstaltet und deshalb schon etliche Male mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist.
Meine Frau hat mir ihre Bekanntschaft mit Herrn Werther, der bereits im Hause ihres Vaters verkehrte, nie verschwiegen und ich sah keinen Grund, ihr den Umgang mit ihm zu verbieten, da ich mir ihrer Treue absolut sicher war.
Dass Herr Werther für meine Frau geschwärmt hat, dass sie sich geschmeichelt gefühlt hat, will ich nicht leugnen und ist auch nur zu verständlich, wenn man ihre Herzenswärme und ihren Liebreiz kennt.
Aber glauben Sie ernsthaft, meine Frau hätte meine aufrichtige Liebe, ihren untadeligen Ruf, ihre gesellschaftliche Position, den Lebensstandard, den ich ihr als erfolgreicher Geschäftsmann bieten kann, aufs Spiel gesetzt für eine Liaison mit einem Hungerleider?
Wer war denn dieser Werther schon? Angeblich "das hoffnungsvollste Nachwuchstalent am deutschen Dichterhimmel" - zumindest werden Sie nicht müde, das den Lesern oder vielmehr Leserinnen Ihres Schmierblattes in regelmäßigen Abständen einzubläuen. Erst unlängst haben Sie sein schwülstiges "Oh Nature"-Gestammel als "Hymne eines neuen Naturverständnisses" gefeiert, dabei sollte der Möchtegerndichter erst einmal Deutsch lernen. Auf unserem Klavier liegt noch eine seiner stümperhaften Ossianübersetzungen, mit denen er sich meiner Frau als "Seelenverwandter" anbiedern wollte: "Was bin ich aufgewacht, Du schöne Frühlingszeit" - bedarf es eines weiteren Beweises für den Niedergang unserer schönen Sprache?
Und Sie und ihresgleichen unterstützen solchen Humbug, feiern jeden Reimdrechsler als Helden, propagieren einen "Geniekult" und setzen damit den Frauen, die leider anfällig für Gefühlsduseleien sind, allerlei Flausen in den Kopf. Treusorgende Ehemänner mit Verantwortungsgefühl, die ihren Lebensunterhalt durch ehrliche Arbeit verdienen, werden als langweilige Spießer lächerlich gemacht, aber einem Dichterlümmel, der in den Tag hineinlebt und im Unterschied zu unsereins genügend Zeit hat, mit verliebten Kalbsaugen den angeblich vernachlässigten Ehefrauen den Kopf zu verdrehen, liegen alle zu Füßen - verkehrte Welt, in der wir leben!

Und dann ist auch noch die Gesellschaft Schuld, wenn ein Gescheiterter wie dieser Werther seinem sinnlosen Leben ein Ende setzt. Sie erfrechen sich sogar, MIR eine unmittelbare Mitschuld an seinem Tod zu geben, weil es meine Pistole war, die der verwirrte junge Mann gegen sich gerichtet hat. Seit wann ist es ein Verbrechen, jemandem eine Waffe zu leihen? Hätte ich sie ihm verweigert und er wäre auf seiner Reise das Opfer eines Raubüberfalls geworden, hätten sie mich wahrscheinlich wegen verweigerter Hilfeleistung an den Pranger gestellt!! Um mich vollends als Unmenschen abzustempeln, zitieren Sie obendrein den Boten, ich hätte meine Frau mit "kaltem Blick" gezwungen, ihm die Waffen zu überreichen. Was für ein Unsinn! Meine Frau stand zufällig neben dem Klavier, auf dem die Kassette mit den Pistolen lag, also war es nur naheliegend sie zu bitten, das Gewünschte auszuhändigen.

Ich fordere Sie hiermit auf, Ihre haltlosen Unterstellungen zurückzunehmen, insbesondere den guten Ruf meiner Frau wiederherzustellen, indem sie Ihre Behauptung, sie hätte eine ehebrecherische Beziehung zu Herrn Werther unterhalten, widerrufen, andernfalls ich mir rechtliche Schritte vorbehalten müsste.

Albert G.

lg Severina :hello
Rideamus (27.05.2010, 00:02):
Liebe Sever/Mina

und noch'n Einzeiler: :rofl :rofl :rofl :times10 :times10 :down :down :down

:W Rideamus
Fairy Queen (27.05.2010, 07:20):
:down :down :down
Sevi hat Recht, das heir ist viel zu schade um in einem Thread zu vergammeln. Wir sollten wirklich aus soviel geballter Imaginationskraft, rhetorischer Kompetenz und Eifühlungsvermögen in "gemobbte" Opernfiguren mehr machen. Falls hier also ein Verleger mitliest. oder jemand einen solchen kennt...... :hello
An die Kusperhexe hatte ich auch schon gedacht, aber Rideamus packt das mit seinem unnachahmlichen Humor besser an, als ich es je kônnte. Lucias erstochener Gatte und der angeblich langweilige Albert können sich auch untereinander eine Menge erzählen, scheint mir... superb!!!!! :D
Man müsste glatt mal eine Oper oder eine Opernrevue machen, in der all diese Figuren auftreten und eine grosse Arie singen dürfen!
Ich bin derzeit leider nur für Ideen gut, weniger für die Ausführung.
Schickt mir bitte heute ab 17Uhr 30 alle positiven Energien über die Ardennen und den Rhein- wenn ich das Colloquium an der Uni hinter mir habe, wird es etwas besser werden.
F.Q.
Solitaire (27.05.2010, 09:55):
Hallo Rideamus und Severina!
Es wurde auch Zeit, daß endlich mal jemand die Knusperhexe verteidigt! Vielen Dank dafür, ich habe mich schon lange gefragt, wie das mit dem jungen Fleisch und dem Lebkuchen überhaupt hinhauen soll. Da eröffnen sich völlig neue Interpretationsansätze, vor allem auch in Sachen Umweltschutz! Von daher: Gerechtigkeit für Rosine Leckermaul. Wer sooo gute Backwaren herstellt kann einfach kein schlechter Mensch sein, schließlich hat sie die Drecksgören damit vor dem Hungertod gerettet. Aber Undank ist eben doch der Welt Lohn! :B



"Was bin ich aufgewacht, Du schöne Frühlingszeit"
Ja in der Tat. Das hätte mir meine Deutschlehrerin ganz dick und rot angestrichen. Aber nein, kaum schreibt sowas ein moribunder Dichter...
Und jetzt juckt es mich in den Fingern, mir eine Sprühdose zu kaufen und nachts loszuziehen: „Divine-Klopstock“ :rofl


Liebe Fairy, die positiven Energien werden fließen. Ich drücke ganz fest die Daumen!!! :)
Honoria Lucasta (27.05.2010, 13:16):
Ihr Lieben,

vom Siechbette erstanden (ein hier grassierender Magen-Darm-Virus hatte mich auf's Lager geworfen; so etwas wünsche ich meinen ärgsten Feinden nicht - oder doch, ein paar von denen schon... :haha) lese ich hier die neuesten glühenden Verteidigungsreden und bin entzückt! Wir wären alle zusammen eine Zierde für den Berufsverband der Strafverteidiger, Abteilung "Schwere Jungs und Mädchen"!

Sobald meine Gehirnströme wieder normal fließen (derzeit sind sie noch mit der Herstellung der Versorgung meiner Eingeweide beschäftigt), werde ich versuchen, eine ägyptische Königstochter ein für allemal aus dem schlechten Licht zu befreien, in das ein italienischer Opernkomponist sie gerückt hat. Pazienza.

Grüße!

Honoria
Solitaire (27.05.2010, 15:22):
Munzinger Internationales Biographisches Archiv



Mantua, Herzog von (1529 – 1595)


Unter den italienischen Provinzfürsten der Renaissance ist als Faszinierendster wohl der Herzog von Mantua zu nennen, der während seiner Regentschaft die Stadt in der Poebene zu einer Blüte der Kunst und Kultur empor hob.
.
Überliefert sind darüber hinaus des Herzogs zahlreiche außereheliche Affairen, die seine Gattin, die liebreizende Agnesa, mit Humor und Klugheit duldete, die ihm jedoch einen bis heute andauernden, betrüblich schlechten Ruf einbrachten.
Es wäre jedoch falsch, den Herzog als brutalen Lüstling darzustellen, wie es in der Vergangenheit leider häufig geschah. Durch zahlreiche Aussagen von Zeitgenossen (und ZeigenossINNEN) ist seine zartfühlende, einfühlsame Art belegt, mit der es ihm immer wieder gelang, Frauenherzen zu erobern und so durch Charme zum Geschenk zu bekommen, was andere Herrscher seiner Zeit durch Gewalt erzwingen mussten.
Erhalten geblieben ist zum Beispiel ein Brief der Tänzerin Madelaine La Tueuse, die (nach einer von Entbehrungen geprägten Jugend in Mantua) in Frankreich zu Ruhm und Ansehen kam (so war sie z.B. Star einer Tanzvorführung während der so blutig geendeten Hochzeitsfeier von Heinrich von Navarra und Marguerite de Valois im Jahr 1572). Als alte Frau berichtete La Tueuse einer Freundin in einem Brief von ihrer ersten Begegnung mit dem Herzog.

„Nun will ich dir noch berichten vom Herzog von Mantua, den ich als recht junges Ding kennenlernte und der mich einmal beschlafen. Es war dies ein gar angenehmes Erlebnis, wie ich es vorher nicht gekannt. Wie du weißt, war meine Jugend elend, ich musste mich mit Tanz auf den Straßen und anderer Tätigkeit im Alkoven am Leben erhalten, derweil mein Bruder gar streng darauf sah, daß ich ihm nicht entfliehe. Der Herzog nun umwarb mich mit liebevollen Worten wie ich sie vorher nie gehört, und erwies mir Respekt und Achtung, als sei ich eine Dame seines Hofstaates. Mein junges Herz ergab sich ihm, und auch wenn ich ihn hernach nur selten wieder sah, so war doch besagte Nacht eine überaus Erfreuliche.“

Es ist nicht bekannt, wie Madelaine La Tueuse nach Frankreich gelangte, noch was ihr sonderbarer Künstlername bedeuten mochte, doch gibt es Hinweise, daß sie es war, die einen Mordanschlag auf den Fürsten verhinderte, der ihr dafür so dankbar war, daß er ihr ermöglichte, Mantua zu verlassen und in Frankreich ein neues Leben zu beginnen.
Dieser Mordanschlag ist für das Jahr 1559 überliefert und bildet den Grundstein für des Fürsten schlechten Ruf. Es soll eine Beziehung zu der Tochter eines Angestellten seines Hofstaates gewesen sein, die den Herzog in ernste Lebensgefahr brachte. Ein Unterhaltungskünstler (vulgo: „Hofnarr“) mit Namen „Rigoletto“ befand sich seit vielen Jahren in den Diensten des Herzogs. Hier zeigt sich dessen geradezu modern anmutendes soziales Gewissen: besagter Rigoletto war ein missgestalteter, deformierter Krüppel, der niemals in der Lage gewesen wäre, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, hätte sich der Herzog nicht bereit erklärt, ihn in seine Dienste zu nehmen.
So aber war jener Elende nicht nur im Stande, sich zu ernähren, sondern konnte darüber hinaus ein in einer stillen Gegend gelegenes Haus samt Personal mieten um seiner Tochter aus einer nicht näher überlieferten (ehelichen oder unehelichen) Beziehung ein angenehmes Heim zu bieten.
Für besagte Tochter entflammte des Herzogs Herz, sowie das ihre für ihn. Jedoch wurde nie zweifelsfrei geklärt, wie weit die Beziehung ging, und ob die schöne Tochter wirklich ihre Jungfernschaft an den Herzog verlor.
Allerdings genügte dem Rigoletto (der seine Tochter in tyrannischer Manier jeden Abend in besagtem Haus einsperrte!) allein der Verdacht einer solchen Tat um einen Mordanschlag auf den Herzog zu planen. Der Anschlag misslang, was aus Rigoletto und seiner Tochter wurde ist nicht bekannt. Madelaine La Tueuse, so mitteilsam sie sonst war, weigerte sich bis an ihr Lebensende, darüber zu sprechen.
Der Herzog hingegen lebte hernach noch viele Jahre und erfreute Mantua und seine Frauen mit seinem Charme.
Wie sein Zeitgenosse, König Heinrich VIII galt auch er als musikalisch begabt: so war damals in ganz Mantua ein Couplet in Umlauf von dem einige Historiker bis heute glauben, daß der Herzog selbst es komponiert hat (ähnlich wie das angeblich für Anne Boleyn von Heinrich VIII geschriebene „Greensleeves“). Sicher ist, daß er Herzog dieses Couplet gern und oft sang. Der Text ist nicht vollständig überliefert, jedoch handelte es sich offenbar um eine humoristische Ode an die Flatterhaftigkeit der Frauen.
Der Herzog starb 1595 nach kurzer, schwerer Krankheit, von allen Frauen Mantuas heftig beweint.



Sollen wir dem sonst so zuverlässigen Munzinger Archiv wirklich glauben???
Severina (27.05.2010, 15:54):
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28. Mai: Heute ist der schwärzeste Tag meines Lebens - Elvino hat sich doch tatsächlich mit dieser dahergelaufenen Amina verlobt!!! Ich habe ja immer noch gehofft, er würde erkennen, dass ich viel besser zu ihm passe als diese fade Gans, wir hatten doch jede Menge Spaß miteinander!!! Aber Männer und ihr Beschützerinstinkt... Diese falsche Schlange hat ihn mit ihrer rührseligen Waisenmädchennummer total eingekocht, und dann immer "Ja, Elvino, natürlich Elvino, Du bist ja so klug, Elvino!" So einen Schwachsinn hat er von mir natürlich nicht zu hören gekriegt, dieses unterwürfige Weibchengetue ist nicht meins. Außerdem kann ich mir das als Wirtin gar nicht leisten, bei mir müssen die Kerle spuren. Der Gipfel war ja, als Elvino melodramatisch vor der ganzen Gesellschaft auf die Knie sank und ihr den Verlobungsring überreichte - dabei hat er noch vor einem halben Jahr gesäuselt, nur ich wäre würdig, diesen Ring seiner Mutter zu tragen. Ich finde das Ding ja potthässlich und hätte lieber einen neuen gehabt, aber bei dem Kult, den er mit seiner Mutter treibt, hab ich mich das nicht getraut. Amina, diese Gans, war vor Verzückung natürlich ganz außer sich und alle anderen in Tränen aufgelöst über dieses "unschuldige Turteltäubchen". Dass ich nicht lache, die und unschuldig - dieses berechnende Luder hat ganz genau gewusst, wie sie Elvino einfangen kann. Und überhaupt "armes Waisenkind" - Teresa verhätschelt sie doch ärger als jede Mutter, die springt doch jedem ins Gesicht, der es wagt, ein böses Wort über ihr Schätzchen zu sagen.
Alessio nervte mich auch wieder tierisch mit seiner Anhänglichkeit. Wann kapiert er endlich, dass er absolut nicht mein Typ ist? Er tut mir ja Leid, weil ich weiß, wie scheußlich sich unerwiderte Liebe anfühlt, aber ich kann's auch nicht ändern, dass mir sein bloßer Anblick Sodbrennen verursacht.
Elvino oder keiner! Also keiner. Im Moment habe ich ohnehin alle Männer dicke.
Dabei wäre heute ein ganz interessanter angekommen, weltmännischer Typ, elegant gekleidet, passt eigentlich gar nicht in unser Kaff. Er tut sehr geheimnisvoll, aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass er den verschollenen Sohn unseres Grafen nicht nur sehr gut kennt,wie er behauptet, sondern es sogar selber ist.
Er hat sofort auf Teufel komm raus mit Amina zu flirten begonnen, die natürlich auf unbedarftes Landei gemacht hat, die sich seiner Komplimente nicht erwehren kann. Elvino war jedenfalls stocksauer, aber ich bin sicher, das "unschuldige Turteltäubchen" hat ihn hinterher wieder eingekocht. Männer sind sowas von doof, man fasst es einfach nicht.
So, die Pflicht ruft!

29. Mai

Das war vielleicht eine Nacht! Ich wollte gerade die Schotten dicht machen, als mich der Incognito-Graf (Er ist's wirklich, ich hab es ihm auf den Kopf zugesagt!) auf sein Zimmer rief, angeblich weil ihm unser raues Gebirgsklima nicht bekommt, sein Hals schmerzt und blablabla.... Er faselte dann was von meinen "leuchtenden Augen" - dachte wohl, die Wirtin sei im Zimmerpreis inbegriffen. Hat wohl zu viel Mozart gehört - "Will Herr Graf ein Tänzchen wagen" - aber da beißt er bei mir auf Granit, ich bin kein Kammerkätzchen. Aber Kundenservice gab's dann schon, ich habe ihm meinen Schal um den angeblich schmerzenden Hals gewickelt und einen Salbeitee zum Gurgeln gebracht. Sein Gesichtsausdruck beim ersten Schluck war das einzig Erheiternde an diesem besch...... Tag.

So, und jetzt kommt's: In der Früh bin ich wieder hinauf in sein Zimmer, um ihm noch einen Tee zu bringen und vor allem meinen Schal wieder zu kassieren. Eigentlich sollte ich ihn ja in Fetzen reißen, es ist der von Elvino, aber ich schaffe es einfach nicht. Dann dachte ich wirklich, mich laust der Affe, denn wer lag im gräflichen Bett?? Das unschuldige Turteltäubchen!!! Von ihm selber war nichts zu sehen. Ich trommelte natürlich sofort Elvino herbei, der mir erst kein Wort glaubte und mich anflegelte, dass mir wohl jedes Mittel recht sei, um seine Braut zu verunglimpfen. Dann fiel er natürlich aus allen Wolken, als er dieses Flittchen selig schlummernd im Bett des Grafen vorfand. Inzwischen umstanden auch Teresa - völlig aufgelöst - und die anderen den Sündenpfuhl, aber Amina hörte immer noch nichts. Dann war sie endlich wach und legte eine schauspielerische Glanzleistung hin, die mir irgendwie fast imponierte, denn sie hatte doch tatsächlich die Chuzpe zu behaupten, sie wüsste überhaupt nicht, wie sie in dieses Bett gekommen ist!!! Dazu riss sie ihre Augen in gespieltem Entsetzen auf und tat, als ob sie der Ohnmacht nahe wäre. Mit dieser Unschuldstour kam sie aber diesmal nicht durch, denn so blöd ist nicht einmal Elvino!!!
Er löste natürlich sofort die Verlobung und stürzte hinaus, als ob alle Furien hinter ihm her wären.
Diese Blamage gönne ich ihm von Herzen!

Komisch nur, dass ich mein Tuch nirgendwo finden konnte, der Graf wird doch nicht mit dem Tuch um den Hals....???

Jedenfalls bin ich gespannt, wie es weitergeht!


30. Mai

Sieg, Sieg, Sieg!!!! Ich könnte springen und die ganze Welt umarmen, Elvino will mich heiraten!!!!! Gleich in der Früh kam er ganz reumütig angekrochen, es tue ihm so Leid, dass er mich wegen dieser falschen Schlange verlassen hat, er wüsste erst jetzt, was er an mir gehabt hätte, usw. usw. Eigentlich hätte ich ihn ja ein bisschen dunsten lassen sollen, aber das schaffte ich einfach nicht.
Alsessio ist natürlich total verfallen und behauptet, das kann nie gut gehen, weil mich Elvino nur aus Trotz heiratet, um Amina eins auszuwischen. Aber der ist nur sauer, weil er nun seine Felle davonschwimmen sieht. Elvino war verrückt nach mir, bevor ihm diese falsche Unschuld den Kopf verdreht hat, warum sollte er mich also nicht wieder lieben?
Schluss für heute, ich habe eine Menge zu tun, Hochzeitsvorbereitungen und so.........

31. Mai:

Alles aus! Ich sitze da und heule und bin einfach nur fassungslos über das schreiende Unrecht, das man mir angetan hat.
Teresa hat offensichtlich Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um die Unschuld ihres Lieblings zu beweisen. Ein Ding der Unmöglichkeit, sollte man denken, bei dieser Beweislage.
Sie schleppte also den Grafen an, der hoch und heilig beteuerte, nie etwas mit Amina gehabt zu haben. Er behauptete allen Ernstes, sie sei eine Schlafwandlerin und auf diese Weise in sein Zimmer und sein Bett gekommen! Hat man je etwas Alberneres gehört!!
Teresa echauffierte sich ganz furchtbar, als sie mich und Elvino als Paar sah, und da ließ ich mich zu der blöden Bemerkung hinreißen, dass man mich halt noch nie im falschen Bett angetroffen hätte. Worauf diese Intrigantin plötzlich mein Tuch hervorzog und Stein und Bein schwor, es im Bett des Grafen gefunden zu haben. Stimmt ja auch, bloß dass nur das Tuch und nie ich drin gelegen ist!!! Jetzt weiß ich auch, warum es plötzlich spurlos verschwunden war, Teresa hat es in weiser Voraussicht an sich genommen.
Natürlich lief ich rot an, aber nicht vor Scham, wie alle meinten, sondern aus Wut über diese Unverfrorenheit. Ich wollte gerade explodieren, als Teresa den Grafen aufforderte, meinen "Fehltritt" zu bestätigen. Aber anstatt die Wahrheit zu sagen, stand dieser Hurenbock nur kalt lächelnd da und schwieg. Wahrscheinlich seine Rache, weil er bei mir nicht landen konnte. Ich war so fassungslos über diese Hinterhältigkeit, dass ich kein Wort herausbrachte. Elvinos verächtlicher Blick gab mir dann den Rest, ich wollte nur mehr weg von allen.

Jetzt ist gerade ein Riesentrara draußen, irgendwer scheint zu fallen oder auch nicht, aber mich interessiert das alles nicht mehr. Ich will mit diesen Menschen hier nichts mehr zu tun haben, ich muss fort. Wohin, weiß ich noch nicht.

Lisa

lg Severina
Severina (27.05.2010, 15:59):
Liebe Solitaire,

wenn schon Archive lügen, wem könnte man dann noch glauben????

Herrlich, auch wenn ich diesen edlen Lüstling gar nicht so gerne rehabilitiert sehe - Du weißt schon :wink

lg Sevi :hello
Solitaire (27.05.2010, 16:11):
Ach, die arme Lisa! Ich kenne die Oper bisher nicht, werde sie aber wohl nun mit anderen Augen sehen als üblich.
Ja, die Welt ist ungerecht, und es ist besser, man gewöhnt sich gleich daran. :I

Honoria Lucasta, ich wünsche weiterhin gute Besserung. So ein Virus ist nicht schön, ich weiß wovon ich rede. Da muß die Königstochter warten. Bin ja mal gespannt, was du zu ihren Gunsten vorbringen kannst!
Honoria Lucasta (29.05.2010, 10:24):
Bei der Öffnung eines versehentlich seit mehr als 100 Jahren nicht ausgepackten Kartons kamen Zufallsfunde aus einem ägyptischen Amtsgebäude zum Vorschein, die jetzt nach mühevoller Entschlüsselungs- und Rekonstruktionsarbeit (man hatte sehr schludrig gearbeitet beim Versuch, sie zu verbrennen) unter Assistenz von Experten aus Kairo, Berlin und Wien lesbar gemacht wurden. Hier nun für den interessierten Leser des "Tagesboten" der Text, der auf die Interpretationspraxis von Verdi's Oper "Aida" einen gewissen Einfluß haben dürfte.

Mahu, Präfekt der Wüstenpolizei zu Achet-Aton im Gau „Hase“ an Pane-hesi, Generalgouverneur in Men-nofer, Gau „Feuersteinmesser“.
O Herr, ich schreibe Euch dies am 4. Tag im 1. Monat der Überschwemmung im 30. Regierungsjahr unseres Königs und in großer Verwirrung, denn in meinem Bezirk ist vor etwa 10 Tagen eine Person weiblichen Geschlechts aufgetaucht, die seither ständig, auch abends und nachts, um das Felsengrab herumlungert, das vor drei Monaten auf Euer Geheiß den ehemaligen Oberkommandierenden des Heeres, General Radames, aufnahm; ja, sie scheint sich dort förmlich auf Dauer niederlassen zu wollen, denn sie hat von der sie begleitenden kleinen Mannschaft (kaum 20 Soldaten) eine Art Zeltlager aufschlagen lassen und verbringt Tag und Nacht, in sengender Sonne und eisiger Nachtkälte, kniend vor dem Grab. Hauptmann Nun hat auf mein Geheiß versucht, eine ordnungsgemäße Feststellung der Personalien der Frau durchzuführen, aber er erhielt nur zur Antwort, er solle sich zu Seth scheren, sie sei als Prinzessin niemandem Rechenschaft schuldig und könne vor Gräbern wohnen, wie sie wolle. Der Hauptmann beschreibt sie als von hoheitsvoller Erscheinung, offensichtlich gebildet und befehlsgewohnt, also keinesfalls eine gewöhnliche Irre, weswegen ich mich an Euch wende mit der Frage, ob vielleicht in Men-nofer eine Königstochter abgängig ist. Wofern dies der Fall, wäre ich für weitere Instruktionen dankbar. Segen des allmächtigen Phta!

Pane-hesi an Mahu
Werter Präfekt, Euere Meldung ist mir höchst willkommen, denn tatsächlich hat das Verschwinden der ältesten Tochter des Königs, Prinzessin Amneris, am Hof bereits für einige Aufregung gesorgt, aber man hat mich von dort beschworen, die Angelegenheit aus grundsätzlichen politischen Erwägungen absolut diskret zu behandeln, weswegen wir bisher von einer förmlichen Suchmeldung abgesehen haben. Erregt die Prinzessin öffentliches Ärgernis? Falls nicht, wäre ich dankbar, wenn Ihr einstweilen nichts weiter unternähmt, als sie unter genauester Beobachtung zu halten. Bedarf sie vielleicht einer anderen weiblichen Person zur Bedienung? Osiris wache über Euer Geschick!

Mahu an Pane-hesi
O Herr, weisungsgemäß habe ich eine informelle Mitarbeiterin in’s Lager der Prinzessin eingeschleust, eine Äthiopierin mit Namen Aida. Ich habe damit instinktiv einen großen Glücksgriff getan, denn als die Prinzessin den Namen der jungen Person hörte, brach sie, wie mir die IM berichtet, in Tränen aus und seufzte „SIE dort“... und wies mit dem Kopf auf das Felsengrab- „sie dort hieß auch Aida“. Unserer IM gelang es im Verlauf der ersten Unterhaltung nur, herauszufinden, daß eine frühere Sklavin der Prinzessin ebenfalls diesen Namen trug und daß man diese Person zusammen mit General Radames in dem Grab eingeschlossen haben soll, als dieser wegen Vaterlandsverrates zum Tod verurteilt worden war. Das kann ich im übrigen nicht glauben, denn ich habe damals selbst den Verschluß des Grabes überwacht und wir haben lediglich General Radames dort zurückgelassen, damit der Gerichtsbeschluß vollstreckt und dem Gesetz der Götter Genüge getan werde. Auf weitere Nachfragen antwortete die Prinzessin nicht mehr, sondern versank in eine Art geistiger Entrückung, kniet seither auf dem Boden und wiegt sich summend hin und her. Soll mit der Operation fortgefahren werden? Segen des allmächtigen Phta!

Pane-hesi an Mahu, per Eilboten
Unbedingt fortfahren. Größte Geheimhaltung. Schicket täglich Bericht!

Mahu an Pane-hesi
Prinzessin aus Entrückung erwacht, körperlicher Zustand sehr schwach. Macht sich gegenüber IM größte Vorwürfe, weil sie für die Verurteilung General Radames verantwortlich sei. Beschuldigt sich heftig kleinlicher Eifersucht und unbeherrschten, unköniglichen Verhaltens. Klagt abwechselnd General Radames der Verstocktheit an („Hast in Zorn und Wut verwandelt meine tiefe Zärtlichkeit!“) und versichert ihm ihre Liebe („O komm doch und umarme mich in freudevollem Glück erbebt mir schon das Herz!“). Bisweilen verbale Ausfälle gegen IM, die sie mit ihrer ehem. Dienerin zu verwechseln scheint, beschimpft sie als heuchlerisch, weinerlich, als Verräterin. Bedenkliche Bewußtseinstrübung: Aida mal Sklavin, mal ebenfalls Prinzessin. Stimmt das? Soll ich einen Arzt hinzuziehen? O Isis und Osiris!

Pane-hesi an Mahu
Noch nicht.

Mahu an Pane-hesi
Prinzessin wieder besserer Verfassung. Wiederholt Aussagen über Aida: Sklavin, aber tatsächlich unerkannt Tochter Fürst Amonasros und seit langem heimlich mit General Radames verbunden – zuerst zwecks Gewinnung von Erkenntnissen zur ägyptischen Strategie gegenüber Äthiopien, später aus ernsthaftem Gefühl. Sei von ihrem zufällig gefangengenommenen Vater gezwungen worden, Radames unter Vorspiegelung ihrer Absicht, mit ihm zu fliehen, militärische Geheimnisse zu entlocken, die der Fürst dann zum Sieg über unsere Truppen nutzen wollte. Habe General Radames, dessen Genialität auf dem Schlachtfeld sie zum Wohle Ägyptens für unverzichtbar hält, nach seiner Festnahme angefleht, sich durch eine Heirat mit ihr vor dem sicheren Tod zu retten. Radames habe stur an Aida festgehalten. Prinzessin habe ihn dann in höchster Erregung dem Gericht unter Oberpriester Ramphis überantwortet; behauptet, im selben Moment von tiefer Reue erfaßt worden zu sein. Auf Nachfrage: kein weiterer Rettungsversuch zugunsten des Generals, aber verheerender Fluch gegen den Oberpriester und gesamte Obrigkeit (m.E. Grund für unsere derzeitigen Probleme an der äthiopischen Grenze). Fühlt sich trotz offenkundiger Begünstigung eines Staatsfeinds völlig im Recht, klagt sich weiter nur wegen zu großen Temperaments an; ist sich sicher, Sklavin/Prinzessin Aida wäre irgendwann Vergangenheit für den Ehemann einer Prinzessin gewesen. Spricht davon, ihm einen Thron nahe der Sonne errichten zu wollen – kann sie ein Denkmal meinen? Wieder starke Anfälle von Entrückung. Was tun mit dieser bedauernswerten Person höchsten Rangs?

Pane-hesi an Mahu, durch Sonderboten
Liquidieren.

Mahu an Pane-hesi
O Herr, bevor ich Euere Weisung ausführen konnte, ist die Prinzessin verstorben; möge ihre Seele mit Re zum Himmel steigen. Die Prinzessin hatte sich, als IM Aida sich zum Bericht in Achet-Aton aufhielt, in der prallen Sonne vor dem Felsengrab in betender Haltung auf dem heißen Sand niedergekniet und wurde am späten Nachmittag fast leblos aufgefunden – ihr erlauchter Körper war die große Hitze nicht gewohnt. Sie verschied dann in den Armen von IM Aida, ihre letzten Worte waren „O terra addio – pace t’implora“ (Sinn ist mir unklar). Zur Vermeidung von Aufsehen habe ich das bewußte Grab nächtens öffnen lassen und den Leichnam der Prinzessin hineingelegt; es waren übrigens tatsächlich dort zwei Leichen im Zustand erstaunlich guter Erhaltung vorhanden – wie die Äthiopierin Aida allerdings hinein gelangt ist, entzieht sich meiner Kenntnis, ich vermute aber stark, daß auch hier die bedauernswerte Prinzessin ihre Hand im Spiel hatte. Die Angelegenheit ist, so denke ich, mit dem erneuten Verschluß des Grabes zu Euerer Zufriedenheit erledigt. Wenn ich in anderer Sache behilflich sein kann – wir teilen jetzt ja gewissermaßen eine gemeinsame Geschichte mit Beteiligung allerhöchster Kreise… Segen des allwissenden Phta!

Pane-hesi, Generalgouverneur, an Hauptmann Nun, Vertreter der Geheimpolizei in Achet Aton, in einer verschlüsselten Botschaft
Ihr werdet die Freundlichkeit haben, das Problem Mahu endgültig zu lösen. Es war sehr unglücklich, daß er überhaupt von der Anwesenheit der Prinzessin Kenntnis erlangte, denn der Hof war froh, sie nach endlosen Wochen des Lamentierens los zu sein - ein königliches Klageweib ist auch mehr als unpassend. Je weniger von all dem bekannt wird, desto besser. Vernichtet den Schriftwechsel, vor allem die Akten Eueres tölpeligen Präfekten. Vielleicht nimmt das Grab noch eine Leiche mehr auf? Osiris wache über Euer Geschick.

An alle Leser des "Tagesboten" korrespondentielle Grüße!

Honoria
Severina (29.05.2010, 11:42):
Liebe Honoria,
kurz und bündig: :down :down :down :down
lg Severina :hello
Solitaire (01.06.2010, 11:36):
Allmächtiger, das wäre ja glatt ein Plot für „Aida II“. Fortsetzungen sind ja heute modern!
Liebe Honoria, das ist in der Tat zu schade, hier zu versauern. Gibt es nicht einen armen Menschen in der Stadtverwaltung der für die Gestaltung der Programmhefte im Stadttheater zuständig ist? Statt ewig bei Wikipedia abzukupfern, könnten die ja mal bei uns anfragen. Wir nehmen Auftragsarbeiten entgegen und sind auch gar nicht teuer. :D
Ich kann mich Severina nur anchließen: :down :down :down :down :down :down :down :down :down :rofl :rofl :rofl
Waldi (25.11.2010, 13:22):
Also, meine Lieben, ich finde ja köstlich, welche Plädoyers Ihr für Eure Mandanten loslaßt, sodaß man glauben könnte, sie seien wahre Unschuldslämmchen. Dabei sollten sie froh sein, daß ihre Untaten in künstlerisch so großartiger Form verklärt wurden!

Audiatur et altera pars! Die Gerechtigkeit fordert, nicht nur Anwälte zu hören, die einseitig Interessen ihrer Mandantschaft vertreten, ohne zur Einhaltung der Wahrhaftigkeit verpflichtet zu sein. Nur weil in billigen Kriminalromanen und seichten Fernsehserien amerikanische Anwälte wahre Genies sind, die immer recht behalten, während die Staatsanwälte durchgehend unterbemittelt agieren, darf dieses Prinzip nicht bedenkenlos auf den deutschen Raum bzw. die Opernwelt übertragen werden. Es sei zugestanden, daß ein gewisser Curt Goetz, ein sich als weltweiser Gentleman gerierender herumziehender Schmierenkomödiant, mit Hilfe seiner Gefährtin, einer herabgekommenen Adeligen, in "Hokuspokus" ein beklagenswertes, wiewohl wirksames und formal äußerst raffiniert gelungenes Vorbild dieses Fehlverhaltens gesetzt hat, was als mildernder Umstand zu werten ist. Dennoch kann die frevle Herabsetzung würdiger Personen von Stand und Rang nicht widerspruchslos hingenommen werden.

Als Rechtsvertreter der Obrigkeit, insbesondere des hochehrwürdigen Herrn Sarastro, p.t. Oberpriester und Vorstand jener freihandwerklichen Vereinigung, zu der auch Seine Majestät Joseph II. sowie Dero allerhöchstverblichener Vater, weiland Kaiser Franz (Stephan von Lothringen) wohlwollende Beziehungen unterhielten (was allein schon die Untadeligkeit der dort vertretenen Prinzipien beweist), erhebe ich daher Einspruch und halte fest, daß meine Mandantschaft völlig zu Recht handelte. Gegen den allfälligen Einwand, Seine Majestät haben sich später von dieser Organisation abgewandt, sei angemerkt: Richtig - dies geschah aber erst, als nach Rücktritt meines Mandanten unter seinem Nachfolger, dem angeblichen Prinz Tamino, arge Mißstände einrissen und die hehren Ideale von Exzellenz Sarastro herabgewürdigt wurden.

Meine Mandantschaft wünscht also festzuhalten: Die Königin der Nacht - deren Recht, diesen Titel zu führen, nebstbei konstatiert, nirgendwo nachgewiesen ist - als Unschuldsengel hinzustellen, entbehrt jeder Glaubwürdigkeit. Ihre, sagen wir es vorsichtig, Standesbezeichnung rührt im übrigen aus dem Volksmund her, da diese üble Person im Verein mit anderen Unterweltlern nicht nur einschlägige und verrufene Lokale betreibt, sondern auch das Prostitutionswesen der Residenzstadt steuert und von ihren zwangsverpflichteten Angestellten unzulässige Bußgelder eintreibt. Besagte Person rechtfertigt mit ihrem beklagenswerten Verhalten vollkommen das Urteil meines Mandanten, daß es bei Weibern der Leitung des Mannes bedürfe. Nicht nur, daß sie in höchst gesetzwidriger, ja erpresserischer Weise ihre etwas naive Tochter zum Mord an meiner Mandantschaft auffordert (in Tateinheit mit der Übergabe einer gefährlichen Waffe, zu deren Führung Pamina überhaupt erst ansuchen müßte), sie gibt dafür auch keinen anderen Grund an, als daß in ihrem Herzen die Rache koche. Weder ist sie durch richterliche Entscheidung noch durch ein geheimpolizeiliches Edikt zu einer Aufforderung dieser Art ermächtigt. Daß die "Königin" tatsächlich bescheidenen Geistes ist, erhellt die Tatsache, daß sie ihre für den bösen Zweck völlig ungeeignete Tochter ausersehen hat, die Untat zu vollbringen. Jeder nur halbwegs vernünftige Mensch hätte - ich spreche selbstverständlich nur in theoreticis - den ohnehin beleidigten Monostatos gewählt, der sowieso bereits straffällig geworden und mit derlei Werkzeugen zweifellos vertraut war. Von meiner Mandantschaft wurde ja, worauf ich nachdrücklich hinweisen möchte, bereits gegen diesen üblen Mohren nachdrücklich vorgegangen. Secundo, pflegt besagte Königin der Nacht üblen Umgang mit drei schlechtbeleumdeten weiblichen Wesen, die sich, wie Herr Schikaneder bezeugen kann, durch die Mißachtung tierschützerischer Bestimmungen hervortaten und in weiterer Folge auch nach vollbrachter illegaler Wilderei (mit Lanzen) durch Zurücklassung eines Kadavers von beträchtlichen Ausmaßen sich der groben Umweltverschmutzung schuldig machten. Daß meine Mandantschaft in Ausübung seiner vormundlichen Pflicht Pamina den Umgang mit solchen Kreisen untersagte, verdient nicht, als Ausfluß beschränkter Patriarchengesinnung bezeichnet zu werden, und behalten wir uns vor, gegen solche Verleumdungen gesetzliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Weiters begehrt ein weiterer Mandant von mit, der hochedle Don Giovanni, Grande von Spanien, folgende Richtigstellung: Die Behauptungen meines Dieners Leporello in bezug auf meine amourösen Konsumationen entbehren jeder realistischen Grundlage. Wie jeder moderne Psychologe bestätigen kann, neigen Männer gegenüber ihren Geschlechtsgenossen zu Übertreibungen in punkto sexueller Leistungsfähigkeit. Bekanntermaßen ist es jedoch nur wenigen Herren gegeben, solche Wunder zu vollbringen. Der Normalmann hingegen schafft nur einen Bruchteil dessen, was er vielleicht möchte. Ich habe in Weinlaune mit meinem Diener ein scherzhaftes Gespräch geführt, in dessen Verlauf wir beide es mit der historischen Wahrheit nicht so genau nahmen. Leporellos Angaben sind daher ähnlich wie Anglerlatein zu verstehen. Hat man einen Fisch gefangen, so werden in entsprechendem zeitlichen Abstand daraus mindestens hundertfünfzig. Tatsächlich beschränkten sich meine bisherigen erotischen Handlungen auf die standesüblichen Kontakte zu Kammerzofen u.dgl. sowie zu einigen wenigen willigen weiblichen Personen wie Donna Elvira, denen selbstverständlich bewußt war, daß ich zum Zeitpunkt zärtlichen Tuns noch minderjährig und rechtlich nicht in der Lage war, bindende Eheversprechungen abzugeben. Mich nunmehr, nach dem plötzlichen Tod meiner seligen tiefbeklagten Eltern, dahingehend zwingen zu wollen, eine längst verflossene flüchtige, ohne ernsten Rahmen stattgehabte Beziehung zu legalisieren, entbehrt jeder Berechtigung. Sie entspringt vielmehr der Eifersucht, da ich im Begriffe war, einem hochgestellten Fräulein vornehmster Herkunft auf die seriöseste Weise näherzutreten, zumal diese bestrebt war, sich aus einem höchst unglücklichen Quasi-Verlöbnis mit einem weltfremden Laffen zu lösen, und dazu meine Hilfe in Anspruch nehmen wollte. Unglücklicherweise teile ich das Schicksal des bekannten Herrn Alvaro, der ohne es zu wollen, durch ein technisches Versehen seinen präsumtiven Schwiegervater tötete.

Gerechtigkeit!
So ruft
Waldi
Rideamus (25.11.2010, 15:18):
Lieber Waldi,

hab' herzlichen Dank für diese ergoetzliche Wiederbelebung des Threads. Frau von Martens wird es ebenfalls zu schätzen wissen, dass Du die Erinnerungen an ihren Gatten Peterhans von Binningen wach hältst.

Allerdings frage ich mich, ob Don Juan Tenorio, von mindestens 640 Italienerinnen auch liebevoll Giovanni genannt, wirklich seinen Ruf bekleckern würde um der Strafe für Ehebruch zu entgehen, was immer die für eine Person vom Stand auch sein mag. Schließlich ist er kein Auerhahn und kein Hirsch. Höchstens ein Ochs, der sich anscheinend für den Vetter Vannerl ausgab um dessen Ruf zu beschädigen.

Statt dessen solltest Du Dich vielleicht lieber des notorischen Lügners annehmen, der sich so gerne mit fremden Federn schmückt, dessen Tochter man aber immer " Papa, geh! No!" rufen hört. Ich fürchte der wird bald eine Protektion sehr nötig haben.

:hello Rideamus
Fairy Queen (25.11.2010, 20:23):
Lieber Waldi, das ist mir ja ein würdiger Einstand für Deinesgleichen!!!!! Alls Schurkenanwalt hättest du glatt noch Chancen, das grosse Geld zu machen- Deine Verteidigung des Don Giovanni istr so was von absurd, dass sie schon wieder gut ist. :D
Aber ich neige eher zu Rideamus: kein echter Don Giovanni dieser Welt würde sich den Ruf vion dir in dieser Weise ruinieren lassen. Den du da verteidigst, ist zumindest nciht der, der bei Mozart und da Ponte vorkommt
Ich stelle mir gerade Ruggiero Raimondi oder Cesare Siepi als den von Dir quasi kastrierten beschriebenen Schmieren-Don vor... Wenn der wirklich Spanier sein sollte, fordert der dich wegen Ehrenbeleidigung zum Duell udn dann kann man nur hoffen, dass du besser fechten kannst, als der Commendatore.
Wie auch immer: allerherzlichst willkommen! Ich freue mich serh, dich hier zu lesen! :leb :leb :leb
Bonne soirée à tous, ich muss mich jetzt entspannen und sehe mir den Film "Lola Montez" von Max Ophüls an. Die Dame braucht wahrscheinlich auch einen Verteidiger......
Amonasro (12.07.2013, 23:29):
Ebenfalls eine häufig zu schwarz gesehene Opernfigur ist Paolo Albiani aus Simon Boccanegra. Sicher: Er ist ein Intrigant, der vor keinem Mittel zurückschreckt und die schmutzige Arbeit immer andere machen lässt, zudem ein Kriegstreiber.

Aber: Er kämpft (zumindest anfangs) für die Sache des Volkes. Sein kurzer Monolog am Anfang zeigt, dass er die Patrizier als Unterdrücker sieht, die entmachtet werden müssen. Und wie würdet ihr reagieren, wenn ihr in folgender Situation seit:
Ihr bringt einen Freund in das Herrscheramt, habt viel für dieses Ziel riskiert. Er steht klar in euerer Schuld. Und nun, wo ihr euch verheiraten wollt und den "Freund" bittet, für euch um des Mädchens Hand anzuhalten (neben dem Geld ist Paolo auch von Amelia selbst hingerissen), da sagt er plötzlich zu euch, ihr sollt alle Hoffnungen aufgeben - und nein! nicht weil das Mädchen einen anderen hat, nicht will, oder ihre Familie dagegen ist; das Einzige, was ihr zu hören bekommt, ist: weil der Doge es will. Genau jener Mann, der euch alles zu verdanken hat, verbietet euch scheinbar willkürlich die Frau zu heiraten, die ihr wollt.

Na gut, das Mädchen entführen zu lassen, ist natürlich übertrieben, die "verbale Hinrichtung" (anders kann man es nicht nennen) durch Simone aber auch. Paolo will dann, nachdem er alles verloren hat, Rache.

Natürlich kann man jetzt auch sagen, Paolo wollte von Anfang an nur schnelle Karriere machen; hat Simone von Anfang an nur ausgenutzt; den Ausruf über Amelias Schönheit fingiert, damit Simone ihm die Liebe für sie glaubt, etc., aber vieles ist hier verschieden interpretierbar.
Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich finde, Paolo ist die unsympathischste Figur in Simon Boccanegra, man sollte aber auch einmal versuchen, sich in solche Figuren hineinzuversetzen. Sein Verhalten wird dadurch in keinster Weise entschuldigt, aber nachvollziehbarer.

Gruß Amonasro :hello
stiffelio (14.07.2013, 18:01):
Hallo Amonasro,

aber vieles ist hier verschieden interpretierbar.
Bei diesem Fazit stimme ich dir 100%ig zu. Wie schon als Diskussion im SIMON-Thread begonnen, finde ich die Figur des Paolo faszinierend verschieden interpretierbar. In vielem kann man - wenn man will - ihn entschuldigen.

Folgenden Punkt sehe ich allerdings anders:
Er kämpft (zumindest anfangs) für die Sache des Volkes. Sein kurzer Monolog am Anfang zeigt, dass er die Patrizier als Unterdrücker sieht, die entmachtet werden müssen.
Paolo sagt laut Untertite der Parma-DVD: "Ihr verruchten Patrizier, zu jenen Höhen, auf denen ihr in blindem Hochmut herrscht, will ich, ein verachteter Plebejer, nun aufsteigen." Das hat für mich einen anderen Touch: Paolo ist neidisch auf die Patrizier und wünscht sich selbst soviel Macht - für sich selbst, nicht für das Volk. Ich bezweifele, dass er im "Volk" mehr sieht, als mehr oder weniger blindes Stimmvieh. Das zeigt ja auch sein Kuhhandel mit Pietro, der für mich deutlich macht, dass beide das Volk nur ausnutzen wollen. Außerdem möchte Paolo durch seinen Aufstieg die Patritier demütigen. Vermutlich gab es da in der Vergangenheit Verletzungen seines Stolzes, die immer noch an ihm nagen und seinen Hass begründet haben.

Eine Diskussion darüber würde ich aber lieber im SIMON-Tread fortsetzen.

VG, stiffelio
Severina (14.07.2013, 18:09):
Das schlage ich auch deshalb vor, weil dieser Thread satirisch gemeint ist :D1 Vielleicht findet sich ja jemand, der in diesem Sinne ein flammendes Plädoyer für Paolo verfasst!

lg Severina :hello
Hosenrolle1 (15.12.2014, 04:42):
In einer sehr interessanten Analyse der Salome (des Theaterstücks, nicht der Oper) gab es auch folgende Passage zu lesen:

So erteilt Herodes den Befehl zu Salomes Hinrichtung, aber er ist dabei nur der Testamentsvollstrecker Jochanaans. Er vollstreckt lediglich die brutalen Lynch−Aufforderungen, die Jochanaan zuvor aus seiner Zisterne heraus gegen Salome geschleudert hatte, wobei er sich anmaßte, seine Flüche als Gottesurteil zu verkünden.

Was Wilde dem wutschäumenden Jochanaan an Mordbefehlen in den Mund legt, ist die dunkle Seite der soeben anbrechenden Geschichte des Christentums, die hier deutlich auf Phänomene wie den mittelalterlichen Hexenwahn vorausweist. Wie von Jochanaan wortwörtlich gefordert, wird Salome am Schluß unter den Schilden der Soldaten zermalmt: "Les soldats s'élancent et écrasent sous leurs boucliers Salomé (...)" - ein eindrucksvolles Bildsymbol kollektiver Lynchjustiz. Jochanaan vertritt nicht die Antithese der Sinnlichkeit, sondern deren Liquidation. Salome stimmt ihm gegenüber die Bildersprache des Hohenliedes an, Jochanaan erwidert darauf - der parodistische Bezug zum Zwiegesang der Liebenden im Hohenlied ist offensichtlich - mit Zurückweisung und Verwünschungen. Angesichts von Jochanaans brutaler Aufforderung zum Mord an Salome kann deren Forderung seiner Enthauptung nicht nur als Rache, sondern auch als Notwehr erscheinen. Zumindest werden Jochanaans Flüche von Salome im Rückblick als Vernichtung empfunden (...)


Ich finde, da ist etwas dran. Wie oft wird Salome als die eigentlich Böse des Stückes hingestellt, und Jochanaan als der Gute („Er hat ja so schöne, fromme Musik“ etc.)? Strauss selbst meinte:


denn was in späteren Aufführungen exotische Tingeltangeleusen mit Schlangenbewegungen, Jochanaans Kopf in der Luft herumschwenkend, sich geleistet haben, überstieg oft jedes Maß von Anstand und Geschmack! Wer einmal im Orient war und die Dezenz der dortigen Frauen beobachtet hat, wird begreifen, dass Salome als keusche Jungfrau, als orientalische Prinzessin nur mit einfachster, vornehmster Gestik gespielt werden darf, soll sie nicht in ihrem Scheitern an dem ihr entgegentretenden Wunder einer großartigen Welt statt Mitleid nur Schauder und Entsetzen erregen.

Es ging ihm also ebenfalls darum, dass Salome keine femme fatale ist, keine böse, hinterlistige Mörderin oder dergleichen. Was ist dran an dieser Analyse? Kann man ihre Reaktion auch als eine Art Notwehr sehen?

Immerhin hat sie sich davor eben jene Lynchjustiz-Aufrufe von Jochanaan anhören müssen (von denen Herodias meint, dass sie ihr gelten, und nicht Salome), und auch dem abgeschlagenen Kopf sagt sie, dass er böse Dinge über sie gesagt habe.


LG,
Hosenrolle1
Rotkäppchen (15.12.2014, 13:20):
Hallo Hosenrolle1,

ohne die Geschichte so genau zu kennen wie du, habe ich die Salome ganz spontan auch immer mehr als Opfer denn als Täterin gesehen -- aus den von dir angeführten Gründen weniger (obwohl die mich auch überzeugen), aber ganz einfach z.B. aufgrund ihres jugendlichen Alters (Wieso geht man überhaupt auf ihren wahnsinnigen Wunsch nach Jochanaans Kopf ein??? -- Um sie dann dafür bestrafen zu können? ?() und ihrer sicher nicht gerade gesunden psychischen Entwicklung in einem, milde gesagt, suboptimalen und alles andere als liebevollen Umfeld. Das Argument mit der Notwehr finde ich tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen: Wer nimmt denn Salomes Ängste eigentlich ernst, wem kann sie sich bedingungslos anvertrauen?

LG,
Rk
Hosenrolle1 (15.12.2014, 13:37):
(Wieso geht man überhaupt auf ihren wahnsinnigen Wunsch nach Jochanaans Kopf ein??? -- Um sie dann dafür bestrafen zu können?)

Das leitet sich aus der Geschichte ab. Herodes möchte unbedingt, dass Salome für ihn tanzt, doch sie verweigert sich ihm. Erst als er meint, dass sie hinterher alles von ihm verlangen könne, was sie wolle, geht sie auf seinen Wunsch ein, lässt sich das Versprechen noch als Eid abgeben, vor allen geladenen Gästen. Er rechnet damit, dass Salome das halbe Königreich haben möchte, dass sie auf dem Thron ihrer Mutter sitzen möchte.

Nach dem Tanz fordert Salome dann den Kopf, und Herodes möchte ihn ihr nicht geben, versucht sie immer wieder von ihrem Wunsch abzubringen, ihr alles andere anzubieten. Nachdem das dreimal gescheitert ist, sinkt Herodes entnervt und erschöpft auf seinen Stuhl zurück und meint „Man soll ihr geben, was sie verlangt“.

Herodes sträubt sich auch deswegen so, weil er sehr wohl glaubt, dass Jochanaan ein heiliger Mann ist – würde er ihn hinrichten lassen, dann würde er Gottes Zorn zu spüren bekommen. (Wie er panisch wird, als nach der Enthauptung der Mond sich plötzlich verfinstert ist genial komponiert!!)

Am Schluss muss er ihr ihren Wunsch doch gewähren, weil er einen Eid geschworen hat, den er nicht brechen kann.


und ihrer sicher nicht gerade gesunden psychischen Entwicklung in einem, milde gesagt, suboptimalen und alles andere als liebevollen Umfeld. Das Argument mit der Notwehr finde ich tatsächlich nicht ganz von der Hand zu weisen:

Die These fand ich auch ganz interessant: Jochanaan hat ja ziemlich heftige Dinge gegen Salome aus seiner Zisterne gerufen, Beschimpfungen und Drohungen.

Wer nimmt denn Salomes Ängste eigentlich ernst, wem kann sie sich bedingungslos anvertrauen?

Gar niemand, das ist das Problem. Sie hat alle Reichtümer, sie hat Sklaven und lauter Untergebene, aber eben keine Vertrauensperson.

Und dann ist da dieser Fremde, der völlig anders ist als sie, der gegen ihre Mutter und ihren Stiefvater schimpft. Salome kommt aus dieser extremen dekadenten Gesellschaft, und Jochanaan verkörpert ein anderes Extrem, nämlich die absolute Lustfeindlichkeit, die es auszulöschen gilt. Ein Extrem trifft auf ein anderes. Und das endet dann in der Katastrophe.


LG,
Hosenrolle1
Rotkäppchen (15.12.2014, 13:54):
Am Schluss muss er ihr ihren Wunsch doch gewähren, weil er einen Eid geschworen hat, den er nicht brechen kann.
Das ist natürlich richtig. Wobei es mir immer extrem schwer fällt, einzusehen, dass in dieser, ich möchte (auch wenn es vielleicht nicht korrekt ist) fast sagen, "archaischen" Zeit ein Eid soviel mehr Gewicht hatte als ein Menschenleben.

LG nochmal,
Rk
Hosenrolle1 (15.12.2014, 14:09):
Es ist leider tatsächlich eine archaische Zeit, und natürlich eigentlich ein biblischer Stoff. Wilde hat sich natürlich viele Freiheiten genommen, doch das mit dem Eid kommt bereits in der Bibel so vor.

Ich zitiere:


Zu jener Zeit hörte der Vierfürst Herodes das Gerücht von Jesus. Und er sprach zu seinen Dienern: Das ist Johannes der Täufer; der ist von den Toten auferstanden; darum sind auch die Kräfte wirksam in ihm!Denn Herodes hatte den Johannes ergreifen, binden und ins Gefängnis legen lassen, wegen Herodias, der Frau seines Bruders Philippus. Denn Johannes hatte zu ihm gesagt: Es ist dir nicht erlaubt, sie zu haben! Und er wollte ihn töten, fürchtete aber die Volksmenge, denn sie hielten ihn für einen Propheten.Als nun Herodes seinen Geburtstag beging, tanzte die Tochter der Herodias vor den Gästen und gefiel dem Herodes. Darum versprach er ihr mit einem Eid, ihr zu geben, was sie auch fordern würde. Da sie aber von ihrer Mutter angeleitet war, sprach sie: Gib mir hier auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers! Und der König wurde betrübt; doch um des Eides willen und derer, die mit ihm zu Tisch lagen, befahl er, es zu geben. Und er sandte hin und ließ Johannes im Gefängnis enthaupten. Und sein Haupt wurde auf einer Schüssel gebracht und dem Mädchen gegeben, und sie brachte es ihrer Mutter.

Dass es in der Bibel sehr archaisch zugeht (von der Stellung der Frau in der Gesellschaft ganz zu schweigen) ist ja auch bekannt.

Herodes versucht sie davon abzuhalten, aber wegen dem Eid ist er machtlos - gleichzeitig ist es aber sowieso sein eigenes Todesurteil, denn der ganze Palast ist dem Untergang geweiht.

Der Todesengel rauscht schon in der Luft, und Jochanaan ruft auch aus seiner Zisterne:

Er wird auf seinem Throne sitzen, er wird gekleidet sein in Scharlach und Purpur. Und der Engel des Herrn wird ihn darniederschlagen. Er wird von den Würmern gefressen werden.


LG,
Hosenrolle1
Rotkäppchen (15.12.2014, 14:31):
Man könnte das Ganze als Gedankenspiel noch weiterführen: Was wäre dem Herodes denn passiert, wenn er seinen Eid gebrochen hätte? Wer hätte ihn dann bestraft und womit? Vor diesem Hintergrund allerdings:
gleichzeitig ist es aber sowieso sein eigenes Todesurteil, denn der ganze Palast ist dem Untergang geweiht.
ist es schon fast egal -- und zwar auch für Salome, die ja nur ein Teil der untergehenden Gesellschaft ist; für mich ein Grund mehr, sie eher als Opfer zu sehen und nicht als femme fatale, die die Katastrophe verursacht (evtl. beschleunigt sie den Untergang nur ein wenig).

LG, Rk
Hosenrolle1 (15.12.2014, 15:06):
Man könnte das Ganze als Gedankenspiel noch weiterführen: Was wäre dem Herodes denn passiert, wenn er seinen Eid gebrochen hätte? Wer hätte ihn dann bestraft und womit?

Naja, ich glaube, dass es da vor allem um sein Ansehen geht. Er ist ja darum bemüht, möglichst mächtig zu wirken, möglichst hoheitsvoll, auch wenn er kläglich darin scheitert. Salome gehorcht ihm nicht, seine Frau sagt ihm, dass sein Vater ein Kameltreiber und ein Dieb war, und wenn er da einen „Ehreneid“ ablegt und ihn dann nicht einhält, dann werden seine Gäste sich hundertprozentig von ihm abwenden und schlecht über ihn reden. Kurz gesagt: er hat einen Ruf zu verlieren.

sie eher als Opfer zu sehen und nicht als femme fatale, die die Katastrophe verursacht (evtl. beschleunigt sie den Untergang nur ein wenig).

Die Bezeichnung „femme fatale“ fand ich für Salome schon immer unpassend, denn sie ist zum einen eigentlich ein Kind, zum anderen verführt sie niemanden um ihre Opfer dann zu töten. Im Gegenteil: sie war fasziniert von Jochanaan, der hat sie abgewiesen, und aus kindlichem Trotz (mal ganz oberflächlich gesagt) will sie jetzt den Kopf haben, ihren Willen durchsetzen.

Sie ist in der Geschichte keineswegs ein nettes Mädchen, aber sie ist ein Opfer ihrer Umstände, ihrer Erziehung, ihres Umfeldes, und man sollte doch eher Mitleid mit ihr haben. Das wollte Strauss auch.


LG,
Hosenrolle1
Rotkäppchen (15.12.2014, 21:23):
Original von Hosenrolle1
Naja, ich glaube, dass es da vor allem um sein Ansehen geht. Er ist ja darum bemüht, möglichst mächtig zu wirken, möglichst hoheitsvoll, auch wenn er kläglich darin scheitert.
Ja, das Ansehen, die superwichtigste Sache für einen abgewrackten Herodes...

Das wirft für mich die Frage auf (ist natürlich wieder nur so ein Gedankenspiel), wie die Gäste den Herodes wohl sehen? Wissen die, dass er ein dekadenter Versager ist oder glauben die noch an seine Macht und Ehre. Im ersten (oder auch im zweiten?) Fall hätten sie vielleicht sogar einen gewissen Respekt gehabt, hätte er sich nicht auf Salomes irrwitzigen Wunsch eingelassen und Vernunft walten lassen, Eid hin oder her... Aber vielleicht ist das auch eine zu heutige Vorstellung, denn mit der Ehre war es ja noch bis vor nicht allzu langer Zeit eine unvorstellbar wichtige Sache, für die man sich z.B. schnell mal duelliert hat.

Das führt eigentlich zurück zum Threadthema: Gibt es Argumente, den Herodes zu rehabilitieren? Wird der etwa auch missverstanden? Kann man mit dieser Figur Mitleid haben? Also, ich habe eigentlich keines :haha

LG, Rk
Hosenrolle1 (16.12.2014, 08:51):
Ja, das Ansehen, die superwichtigste Sache für einen abgewrackten Herodes...

Das merkt man auch an seinem ganzen Verhalten, auch an dem was er sagt.

Judäa war von den Römern besetzt, doch Rom wollte nicht direkt als Besatzermacht auftreten, sondern übertrug die Herrschaft einem ortsansässigen „Klientelkönig“ wie Herodes – der natürlich unter der Kontrolle der Großmacht stand.

Zitate wie diese zeigen das überdeutlich:

"Ich will noch Wein mit meinen Gästen trinken. Den Gesandten Cäsars müssen wir alle Ehre erweisen.Cäsar kann nicht kommen. Er hat die Gicht. Es heißt, er habe Elefantenfüße. Auch gibt es Staatsgründe. Wer Rom verlässt, verliert Rom. Er wird nicht kommen. Immerhin ist Cäsar der Herr. Er wird kommen, wenn es ihm beliebt. Aber ich glaube nicht, dass er kommt."

"Ich werde auf die Gesundheit Cäsars trinken. Es sind Römer anwesend, wir müssen auf die Gesundheit Cäsars trinken."

"Warum sollte ich nicht glücklich sein? Cäsar, der Herr der Welt, der Herr über alles, liebt mich sehr. Er hat mir Geschenke von hohem Wert gesandt. Auch hat er mir versprochen, den König von Kappadozien, der mein Feind ist, nach Rom vorzuladen. Vielleicht wird er ihn in Rom kreuzigen, denn er, Cäsar, kann alles tun, was ihm beliebt. Schließlich ist er der Herr. Ihr seht, ich habe also das Recht, glücklich zu sein. In der Tat, ich bin glücklich. Noch nie bin ich so glücklich gewesen. Nichts auf der Welt könnte mir meine Freude vergällen."





Um nochmal auf die Frage zu Herodes´ Eid zurückzukommen: Im Stück sagt er auf die Frage, wobei er das beschwören will:

"Bei meinem Leben, bei meiner Krone, bei meinen Göttern."

Und dann kommt folgender Dialog:

SALOME: Ihr habt geschworen, Tetrarch.

HERODES: Und nie habe ich mein Wort gebrochen. Ich gehöre nicht zu jenen, die ihre Schwüre brechen. Ich kann nicht lügen. Ich bin der Sklave meines Wortes, und mein Wort ist eines Königs Wort. Der König von Kappadozien lügt ständig, aber er ist kein wahrer König. Er ist ein Feigling. Auch schuldet er mir Geld, das er nicht zurückzahlen will. Er hat sogar meine Gesandten beleidigt. Er hat ihnen höchst verletzende Dinge gesagt. Aber Cäsar wird ihn kreuzigen, wenn er nach Rom kommt. Ich bin sicher, dass Cäsar ihn kreuzigen wird. Und wenn nicht, so stirbt er, doch, den Würmern zum Fraß.

Herodes hat sich damit selber in die Sackgasse gebracht, aus der es keinen Ausweg mehr gibt.


Das wirft für mich die Frage auf (ist natürlich wieder nur so ein Gedankenspiel), wie die Gäste den Herodes wohl sehen? Wissen die, dass er ein dekadenter Versager ist oder glauben die noch an seine Macht und Ehre.


Hmm, die Gäste sind wohl ein eigenes Kapitel.

Wenn man sie sich (ebenfalls im Theaterstück) einmal ansieht, so sind es eigentlich nur Namenlose, die durch ihre Herkunft und/oder ihre Religionszugehörigkeit definiert sind. Sie führen ideologische Grabenkämpfe, und haben definitiv nicht das Zeug, der Geburtstagsfeier des Herodes wirklichen Glanz zu verleihen.

Salome ist auch angewidert von ihnen, wie sie schildert:

"Drinnen sitzen Juden aus Jerusalem, die sich zerreißen wegen ihrer lächerlichen Zeremonien, und Barbaren, die unaufhörlich trinken und ihren Wein auf die Fliesen schütten, und Griechen aus Smyrna, mit ihren gemalten Augen, ihren geschminkten Wangen und ihrem zu Spiralen gekräuselten Haar, und Ägypter, schweigsam, schlau, mit ihren langen Fingernägeln von Jade und ihren düsteren Mänteln, und Römer mit ihrem rohen Wesen, ihrer Plumpheit, ihren derben Reden. Ach! Wie ich die Römer verabscheue! Sie sind gewöhnliche, ungebildete Leute und spielen sich als große Herren auf."

Kurzer Ausschnitt aus einem Gespräch der Gäste:

DER NUBIER: Die Götter meines Landes dürsten nach Blut. Zweimal im Jahr opfern wir ihnen Jünglinge und Jungfrauen: fünfzig Jünglinge und hundert Jungfrauen. Aber es scheint, als brächten wir ihnen nie genug dar, denn sie sind sehr hart gegen uns.

DER KAPPADOZIER: In meinem Land gibt es keine Götter mehr, die Römer haben sie verjagt. Manche sagen, sie hätten sich in die Berge geflüchtet, aber das glaube ich nicht. Ich habe drei Nächte auf den Bergen zugebracht und sie überall gesucht. Ich habe sie nicht gefunden. Schließlich habe ich sie bei ihren Namen gerufen, aber sie sind nicht erschienen. Ich glaube, sie sind tot.


Im ersten (oder auch im zweiten?) Fall hätten sie vielleicht sogar einen gewissen Respekt gehabt, hätte er sich nicht auf Salomes irrwitzigen Wunsch eingelassen und Vernunft walten lassen, Eid hin oder her...

Ich denke, dass diesen Gästen egal ist, ob der Tetrarch irgendeinen Gefangenen töten lässt oder nicht. Nur, wenn er etwas schwört, bei seiner Ehre, bei seinen Göttern, um dann zu sagen „Nein, das mache ich nicht, ich halte mich nicht an meinen Eid“, dann kommt das natürlich alles andere als gut an. Dann steht Herodes als Lügner da. Und da sich auch Gäste aus Rom dort befinden, muss er fürchten, dass diese Cäsar davon erzählen.



Das führt eigentlich zurück zum Threadthema: Gibt es Argumente, den Herodes zu rehabilitieren? Wird der etwa auch missverstanden? Kann man mit dieser Figur Mitleid haben? Also, ich habe eigentlich keines.

Ich persönlich nicht, aber es gibt auch viele Wege, das Stück zu sehen. Manche finden es extrem symbolisch und unrealistisch (was ich gut verstehen kann, da ist schon was dran!), andere versuchen da tiefenpsychologisch herumzudeuten, usw. usf.
Die Salome selbst hat ja beispielsweise alle möglichen Künstler zu eigenen Kunstwerken inspiriert, ob das nun Gedichte, Romane, Gemälde, aus Stein gehauene Figuren sind, usw.
Insofern habe ich da nicht die Vorstellung von DER EINEN, „richtigen“ Salome. Ich finde es in Ordnung, wenn sie bei einem Künstler eine erwachsene Frau ist, eine femme fatale, beim anderen ein junges Mädchen, beim nächsten eine blutdürstige Mörderin, und beim nächsten wieder ganz anders.


LG,
Hosenrolle1