Der deutsche Kapellmeister

Agravain (08.10.2009, 10:29):
Liebe Forianer,
unter den Dirigenten gibt und gab es seit jeher große Persönlichkeiten und glänzende Stars. Daneben gab es in Deutschland auch immer den sogenannten Kapellmeister, eine Bezeichnung, die mittlerweile oft eher leicht abwertend benutzt wird, besonders als Adjektiv "kapellmeisterlich".
Auf Anhieb fällt mir eine Reihe von Dirgenten ein, auf die der Begriff oft angewandt wird: Herbert Kegel, Otmar Suitner, Heinz Rögner, Günter Herbig. Was haltet ihr von selbigen und ihren Einspielungen? Gibt es noch andere, die in diese Reihe gehören - auch Lebende sind willkommen :) (von den genannten gibt es ja nur noch Herbig). Und was zeichnet den Kapellmeister in Euren Augen eigentlich als solchen aus?
Grüße
Agravain
Agravain (09.10.2009, 13:40):
Bei mir sind gerade einer Reihe "kapellmeisterlicher" Aufnahmen hereingetrudelt, die ich jetzt sukzessive durchhören werde: Urlaub sei Dank! Bin gespannt, ob etwas interessantes dabei ist. Also:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0782124325329.jpg

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0782124901127.jpg

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0782124491321.jpg
http://www.jpc.de/image/w600/rear/0/0782124491321.jpg

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0782124212124.jpg

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0782124301125.jpg

Bei Gelegenheit dann Höreindrücke!

Viele Grüße
Agravain
Jürgen (09.10.2009, 14:48):
Original von Agravain
Auf Anhieb fällt mir eine Reihe von Dirgenten ein, auf die der Begriff oft angewandt wird: Herbert Kegel, Otmar Suitner, Heinz Rögner, Günter Herbig.

Was mir bei all den von Dir aufgeführten Dirigenten/Kapellmeistern auffällt, ist dass sie ihren Wirkungsschwerpunkt in der DDR hatten.
Das mag Zufall sein. Vielleicht ist dort aber dieser etwas veraltete Begriff wertneutral länger in Benutzung geblieben.
Solange es in Dresden eine hervorragende Staatskapelle gibt, kann Kapellmeister nicht abwertend gemeint sein.

Original von Wikipedia
Der Kapellmeister ist ursprünglich nicht bloß Dirigent, sondern auch Komponist und Arrangeur für den Klangkörper, dem er vorsteht, und hat weit reichende organisatorische Aufgaben.


Grüße
Jürgen
Agravain (09.10.2009, 14:55):
Original von Jürgen
Was mir bei all den von Dir aufgeführten Dirigenten/Kapellmeistern auffällt, ist dass sie ihren Wirkungsschwerpunkt in der DDR hatten.
Das mag Zufall sein.

Ja, das ist im Grunde Zufall. Nichtsdestotrotz kommt der Begriff "kapellmeisterlich" in negativen Kritiken gerne einmal vor, ist demnach also auch negativ zu verstehen. Es gibt aber noch eine ganze Reihe von Dirigenten, auf die der begriff Kapellmeister eher zutreffen würde, als "Stardirigent", die also im Bewusstsein des Feld-Wald-und-Wiesen-Hörers quasi Dirigenten der zweiten Reihe waren/sind. Typisch wären für mich in diesem Zusammenhang auch Günter Wand, ja auch Masur, Sawallisch, Schmidt-Isserstedt, Schuricht und so viele mehr.
Wooster (09.10.2009, 16:41):
Kegel fällt mir bei der Bezeichnung nicht ein. Suitner und Konwitschny schon eher. Die anderen beiden kenne ich nur dem Namen nach.
Obwohl es vielleicht nicht richtig ist, verbinde ich mit "Kapellmeister" u.a. auch recht konservatives Repertoire (allein daher paßt Kegel schlecht). Dann natürlich "solides", wenig glamouröses Auftreten und die entsprechende Interpretationshaltung.

Dirigenten, auf die jedenfalls einiges davon zutrifft (manches auch nicht), wären außer den schon genannten:

Abendroth
Böhm
Jochum
Keilberth
Krips
Knappertsbusch
Kempe
Leitner
Schmidt-Isserstedt
Wand

Wooster
Amadé (09.10.2009, 21:12):
Der Studiengang "Ausbildung zum (Orchester)dirigenten" heißt an deutschen Ausbildungsstätten auch heute noch Kapellmeisterstudium und gliedert sich in verschiedene Ausbildungsbereiche. Der angehende Kapellmeister muss u.a. ein versierter Klavierspieler sein, denn in seinem späteren Beruf an einer Bühne hat er zunächst als Korrepetitor die Vorbereitung der Sänger bei der Einstudierung einer Oper, Operette vom Klavier aus zu leiten und bei den ersten Klavierproben auf der Bühne die Musik=Klavierauszug zu spielen, das Dirigat wird dann jedoch vom Chefdirigenten oder 1. Kapellmeister übernommen. Fühlt er sich in seinem Metier sattelfest, bewirbt er sich um eine freigewordene 3. oder 2. Kapellmeisterstelle, später dann um eine 1.. Die oberste Sprosse seiner Karriereleiter ist der Generalmusikdirektor=Chefdirigent. Die Anzahl der Bewerber übersteigt jedoch bei weitem die freien Stellen, so dass nicht jeder zwangsläufig irgendeinmal in seinem Berufsleben diese höchstdotierte und mit öffentlicher Wahrnehmung verbundene Stufe erklimmt. Die meisten der alten auch heute noch bekannten und auch jüngeren Maestri haben diese Ausbildungssequenz Musikhochschule - Theater/Oper durchlaufen und holten sich hier ihre lebenslange Metiersicherheit, z.B. Klemperer, Busch, Erich Kleiber, Karajan, Wand, Fricsay, Solti, heute:Thielemann. Aber auch damals gab es schon erfolgreiche Quereinsteiger, die in der Regel im Konzertbereich, weniger in der Oper, erfolgreich waren, z.B. Toscanini (Cellist), Münch und Ormandy (Geiger), und heute: Holliger, Heinrich Schiff, René Jacobs.

Grüße Amadé
Agravain (10.10.2009, 09:43):
Original von Amadé
Der Studiengang "Ausbildung zum (Orchester)dirigenten" heißt an deutschen Ausbildungsstätten auch heute noch Kapellmeisterstudium und gliedert sich in verschiedene Ausbildungsbereiche. etc. (s.o.)
Grüße Amadé

Vielen Dank für die Information, die unseren Mitstreitern, die wenig Schimmer von dem eigentlichen Berufsbild des Kapellmeister haben, sicher weiterhilft. Da mir dieses Berufsbild aber durchaus bekannt ist, muss ich nochmals sagen: Mir geht es nicht um eine solche offensichliche Definition. Meine Frage ist vielmehr: Warum wird - zB innerhalb der Kritik - der Begriff "Kapellmeister" oder "kapellmeisterlich" immer wieder negativ verwendet. Was unterscheidet eben den Kapellmeister begrifflich - nicht im Ausbildungsgang - vom Maestro? Warum liest man zB so etwas: "Dagegen nahm sich Mahlers Sechste einen Tag darauf mit dem Philharmonia Orchestra unter Esa-Pekka Salonen recht profan und kapellmeisterlich, vor allem weil der es nicht versteht, die Türen im Adagio in die Sphären der Verzückung und Entrücktheit zu öffnen." (Quelle HIER) Warum wird zwar vom Maestro Karajan, vom Maestro Muti, etc. gesprochen, nicht jedoch vom Maestro Suitner? Was unterscheidet für Euch kapellmeisterliches Musizieren vom nicht-kapellmeisterlichen? Was sind vielleicht die Qualitäten des Kapellmeisters, die beim Maestro vielleicht untergehen? Wenn ich bspw an Bernstein denke, so hat er für mich weniger kapellmeistlerliche Qualitäten, sondern ganz andere Stärken. Wie ist's bei Euch?
Verregnete Grüße
Agravain
Gerion (10.10.2009, 10:43):
Vielleicht kann man es so verstehen, dass mit dem Adjektiv "kapellmeisterlich" eine Interpretation gemeint ist, die keinen (erkennbaren) neuen Deutungsansatz verfolgt, keine Weiterentwicklung in sich birgt, vielleicht emotional nicht über die Maßen berührt, aber andererseits auch nicht abfällt.

Vielleicht wird mit dem eher dem deutschen Sprachraum entstammenden (?) "Kapellmeister" auch ein wenig das Klischee des deutsch-peniblen, braven, genauen, in der Genauigkeit oder gar Verstocktheit aber auch gehemmten "Kapellleitungsarbeiters" verbunden? Während hingegen der "Maestro" schon allein vom Wortklang her eher an musisch-künstlerisch-bewegende-emotionale Leistungen denken lässt.

Wenn ich mein Wortverständnis erkären müsste, würde ich es so sagen: Ein Kapellmeister ist kein schlechter Dirigent. Er kann - in meinen Augen - sogar große Interpretationen liefern. Aber er wird nicht als die Interpretation eines Werkes kontinuerlich und wesentlich beeinflussender/fortentwickelnder Faktor wahrgenommen. Auch ist er in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit eher lokal begrenzt tätig (das muss natürlich nicht stimmen).

Grüße
Gerion
Amadé (10.10.2009, 16:04):
Die Frage lässt sich wohl nicht so einfach beantworten, da a) bei jedem Kapellmeister/Maestro andere Voraussetzungen vorliegen, z.B.
- Musikalität,
- Ausbildung,
- Temperament,
- Durchsetzungsvermögen
und b) zusätzliche Faktoren zum Tragen kommen, die sich auch wechselseitig ergänzen, wie z.B.
- sich als Chef eines Hauses über einen längeren Zeitraum bewähren und auch vom Personal/Orchester in seinen Fähigkeiten als überragend anerkannt werden
- Ausstrahlung auf Publikum und Mitwirkende
- sich Charisma erwerben
- Aussehen
- Vitamin B, also Protektion, seitens Kollegen, Freunden, Produzenten, Agenturen, Schallplattenfirmen.

Die Liste lässt sich sicher noch verlängern.

Gruß Amadé
Waldi (06.03.2011, 12:56):
Meine Lieben,

Sogenannte Kapellmeister sind für mich - und ich denke dabei an an das künstlerische Niveau à la Suitner, Kosler, Kegel usw. - solche Orchesterleiter, die nicht nach Sensationen haschen oder sich durch unverwechselbare Eigenschaften beim Publikum in goldenen Lettern festbrennen (wollen), sondern die werkgerecht und auf solider Grundlage so interpretieren, daß sich das hohe (oder auch Spitzenniveau) gleichsam wie von selbst ergibt. Exzentrisch gibt sich ein guter Kapellmeister nur dort, wo Partitur/Komponist oder sonstige Faktoren dieser Art es suggerieren.
Die besten Kapellmeister zählen für mich auch zu den Stars und die guten sind sowieso unentbehrlich. Wer verträgt schon ununterbrochen Trüffeln oder musikalische Fünf-Hauben-Kost?
Wäre ich Musiker oder Sänger, würde ich mir die konstante Lehre und Leitung durch Kapellmeister wünschen. Den letzten Schliff könnte ich mir dann bei den Pult-Superstars holen, die manchmal so hoch im Olymp schweben, daß sie vergessen, wie andere Leute ihres Kreises in mehr irdischen Zonen den Aufstieg dorthin suchen.

Natürlich kann man "kapellmeisterlich" auch als geringschätzigen Ausdruck für mehr oder weniger ordentliche Musikhandwerker verwenden, aber mir persönlich schmeckt das nicht so.

Liebe Grüße
Waldi
Severina (06.03.2011, 18:07):
Ich definiere den Kapellmeister genau wie Waldi und wie er ärgert es mich auch immer, wenn diese Bezeichnung besonders im Zusammenhang mit Oper eher despektierlich angewendet wird, so im Sinne von "Soilde dirigiert, aber ohne geniale Funken". Nun können aber in einem Repertoirebetrieb nicht jeden Tag die genialen Funken sprühen, daher sind die Kapellmeister unverzichtbar, will man ein durchgängig hohes Niveau halten. Und schon so mancher Kapellmeister ist als Einspringer für ein kränkelndes Pultgenie über sich hinausgewachsen und hat für eine Sternstunde gesorgt.

lg Severina :hello
Armin70 (06.03.2011, 18:38):
Ich glaube, dass viele sog. Musikkritiker oder solche, die sich dafür halten, den Begriff des "kapellmeisterlichen Dirgierens" einfach pauschal verwenden, um eine angeblich durchschnittliche Interpretation zu charakterisieren, ohne sich über den Begriff des "Kapellmeisters" im Klaren zu sein.

Vielleicht liegts auch daran, dass sich der Begriff "Kapelle" im Wort "Kapellmeister" irgendwie geringer und/oder veraltet anhört im Vergleich zum Begriff "Orchesterdirigent". Das ist natürlich kompletter bullsh..., weil z. B. berühmte Orchester wie die Berliner und die Dresdner Staatskapelle so heissen.