Falstaff (25.07.2017, 23:29): Gerade ist die Übertragung der Bayreuther Festspieleröffnung, die Neuinszenierung der 'Meistersinger von Nürnberg' durch Barrie Kosky zu Ende gegangen. Leider habe ich nur den 3. Akt gehört und gesehen, so dass ich mir eigentlich kein Urteil erlauben dürfte. Ich tue es aber trotzdem. :D Auch in der Hoffnung, dass noch andere die Übertragung gesehen haben und Weiteres dazu beitragen können.
Zufälligerweise las ich heute ein Interview mit Kosky, in dem er (sinngemäß) sagte: 'Man müsste nur einmal im Kopf das Wort 'deutsch' durch das Wort 'Wagner' ersetzen.' Für mich ein hochinteressanter Ansatz du seine Umsetzung im 3. Akt fand ich entsprechend faszinierend.
Wenn man Aufführungsgeschichte im Kopf hat (haben möchte), dann sind die 'Meistersinger' in Bayreuth ja durchaus ein problematisches Werk. Und die Sachs'sche Schlussansprache eben auch. Von daher fand ich die Idee des Tribunals angemessen. Aber ich finde, Kosky, als erster jüdischer Regisseur auf dem 'Grünen 'Hügel' hat dabei in keiner Weise das Werk niedergemacht, es als 'deutschtümelnd' diskreditiert (was so einfach gewesen wäre), sondern hat Wagners Ideen von Kunst, von seiner eigenen Kunst gegen die Rezeptionsgeschichte wunderbar gegen eine einfache Verurteilung gesetzt. (Wohlgemerkt, ich kann nur den 3. Akt beurteilen.)
Ich habe damals die Katharina-Wagner-Inszenierung der 'Meistersinger' in Bayreuth gesehen und fand sie größtenteils sehr faszinierend (v.a. den 3. Akt). Dies ist nun eine ganz andere Herangehensweise, aber sie macht mich neugierig, mir auch noch die beiden anderen Akte in der Mediathek des Bayerischen Rundfunks anzuschauen. Ich hoffe, sie werden dort noch auftauchen. :)
Kommen wir zu den Sängern. In toto war es mit Sicherheit hochkarätiger Wagnergesang heutiger Zeit, in der einen oder anderen Position sicherlich besser zu besetzen. Aber in einer Zeit, in der Wagneropern wahrlich nicht mehr auf höchstem Niveau zu besetzen sind, kann man darüber nicht meckern. Die großen Szenen des Davids habe ich leider nicht gehört, also kann ich zu Behle nichts sagen. Gleiches gilt für Groisböck als Pogner, Lehmkuhl als Magdalene oder Kränzle als Beckmesser. Vogt ist schlichtweg nicht mein Fall als Wagnersänger, von daher schweige ich lieber. Schwanewilms fand ich im 3. Akt ok und ebenso Volle. Beide keine grandiosen Vertreter dieser Partien, ausdrucksmäßig wie auch gesangstechnisch. Aber wie gesagt, in Ermangelung besserer Interpreten heutzutage... wenigstens keine Ausfälle. :)
Nun bin ich gespannt auf andere, ergänzende oder wie auch immer geartete Beiträge. :)
:hello Falstaff
Philidor (12.10.2020, 16:57): Genial.
Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg
Hans Sachs - Michael Volle Veit Pogner - Günther Groissböck Sixtus Beckmesser - Johannes Martin Kränzle Walther von Stolzing - Klaus Florian Vogt David - Daniel Behle Eva - Anne Schwanewilms Magdalene - Wiebke Lehmkuhl
Chor und Orchester der Bayreuther Festspiele
Philippe Jordan
Inszenierung und Regie: Barrie Kosky
Großartig gesungen. Der Hammer ist aber die Inszenierung. Von Kosky gibt es dazu einen sehr lesenswerten Text im Beiheft. Nur ein paar Gedanken: Nürnberg ist in Wagners Oper kein realer Ort. Es ist geboren aus seiner Sehnsucht und seinem Verlangen nach einem Paradies auf Erden.
Die Ouvertüre ist inszeniert - Richard Wagner tritt darin auf, dazu Frau Cosima und Schwiegervater Liszt, mehrere jüngere Versionen von Richard himself und Kapellmeister Levi. Der erste Aufzug spielt - wie das Vorspiel - in Wagners Wohnzimmer zu Wahnfried. Wagner wird zu Sachs, Levi zu Beckmesser, Cosima zu Eva, eine jüngere Version von Richard zu Walther, eine noch jüngere zu David, eine Bedienstete zu Magdalena, Liszt zu Pogner ... und es funktioniert - und wie! (Wagner selbst unterschrieb Briefe an Cosima mit "Hans" und nannte sie "Eva".)
Der zweite Aufzug spielt auf einer imaginären Blumenwiese. Der dritte dann im Saal der Nürnberger Prozesse ...
Sachs' Ansprache "Verachtet mir die Meister nicht ..." ereignet sich vor völlig geleertem Saal, als Rede ans Theaterpublikum. Die schwierige Stelle mit "welschem Dunst und welschem Tand" bleibt interessanterweise ohne weitere Kommentierung, danach fährt allerdings ein Bühnenorchester auf eigenem Podium in den Saal, und Sachs wendet sich um und dirigiert dieses samt Schlusschor - die "Komische Oper in drei Aufzügen" endet als Oratorium auf dem Theater.
Also, diese Aufführung hätte ich sehr, sehr gerne gesehen; aber auch vom Medium funktioniert sehr viel.
Gruß Philidor
:hello
Philidor (12.10.2020, 17:02): Grundsätzlich fühlte ich mich durch die Inszenierung ausgezeichnet unterhalten. Für mich eigentlich _DIE_ Grundanforderung an eine Regie. Was hilft es, wenn alles bis zum Ende durchdacht und logisch in sich geschlossen ist, aber langweilt? - Darüber hinaus sind die "Meistersinger" einfach eine meiner liebsten Opern, so dass ich hier sowieso "biased" bin.
Der erste Akt war für mich der unterhaltendste, weil die Familiensaga hier funktioniert. Im zweiten Akt hat sie eigentlich keine Bedeutung.Jedoch: Das Altersverhältnis Eva/Magdalene war hier umgekehrt, Eva war die klar ältere, nicht nur optisch, sondern auch stimmlich. (Ich müsste nochmal im Libretto schauen, in wie wie eine ältere Magdalene dadurch gedeckt ist.) Das funktionierte natürlich nur mit der Krücke der Familiensaga, und das auch nur als Notbehelf; transportiert jedoch die Zuneigung Sachs/Eva deutlicher als in manch anderer Inszenierung, wo sie wie eine Onkelehe aussieht.
Im dritten Akt könnte man sagen, dass Wagner selbst - und nicht Sachs - hier das traditionelle Meistersingertum vor dem Gericht verteidigt,allerdings in erweiterter Form, mit Öffnung für neue Ideen. Hier bleiben für mich viele Fragen offen, z. B. warum Sachs alleine auf der Bühne bleibt.
Man kann Kosky sehr leicht Inkonsequenz vorwerfen, weil die historische Kulisse der Nürnberger Prozesse nicht schlüssig ins Stück integriert wird. Jedenfalls habe ich keine klare Verankerung erkannt. Die oberflächliche Anbindung durch die Vokabel "Singgericht" aus dem Libretto alleine trägt das ja noch nicht. - In Nürnburg wurde ein Unrechtsregime verurteilt. Wer war nun in der Inszenierung Ankläger, Angeklagter, Verteidiger und Richter?
Vielleicht - nur ein Gedanke - wollte der Jude Barrie Kosky, übrigens der erste jüdische Regisseur in Bayreuth, auch zeigen, dass die"Verwerflichkeit" der Meistersinger selbst aus jüdischer Sicht nicht eindeutig zu klären ist und lässt daher viele Dinge offen. Dass er keine schlüssige Lösung anbietet, hat er selbst wohl als allererster bemerkt, insofern würde ich diesen Vorwurf nicht erheben. Die Frage ist eher: Warum löst er das nicht auf?
Auf Wikipedia findet man Ansätze für Erklärungsversuche: Er verstand die Figur des Beckmesser aus den Meistersingern als Verkörperung der Angst vor den assimilierten Juden: »Es war die Angst davor, dass im deutschen Gewand versteckt eine Giftbombe lauert, die das Deutsche vernichten will: Die Juden sehen aus wie wir, sie reden wie wir, aber im Innersten sind sie nicht wie wir, sondern sie wollen unsere Kultur vergiften.« Die Stadt Nürnberg verstand er als deutsche Utopie, ihr wahres Gesicht die Nürnberger Gesetze oder (je nach Interpretation) die Nürnberger Prozesse.
Immerhin zeigt Kosky die verzerrte Fratze des "hässlichen Juden" aus dem "Völkischen Beobachter".
Übrigens sehe ich das Pogrom als relativ harmlos gezeichnet. Konwitschnys Darstellung der Prügelszene in Hamburg ging wesentlich mehr unter die Haut, da wurde die latente Gewaltbereitschaft des "Volkes" unter der dünnen Oberfläche der geordneten Ständegesellschaft spürbar, da wurden Messer gezückt und Stoffbahnen entzwei geschnitten, da brannte es am Ende (was dem Wasserguss einen anderen Sinn gab ...). Physische Gewalt war bei Kosky eher Begleiterscheinung, jedenfalls relativ zur Hamburger Inszenierung. Kosky hob stattdessen die Ausgrenzung hervor.
Gruß Philidor
:hello
Amonasro (12.10.2020, 17:28): (Ich müsstenoch mal im Libretto schauen, in wie wie eine ältere Magdalene dadurchgedeckt ist.) Als Eva und Walther im 2. Akt zusammen fliehen wollen, heißt es:
WALTHER (hinter der Linde) Käm sie nicht wieder? O der Pein! (Eva kommt in Magdalenes Kleidung aus dem Hause.) Doch ja, sie kommt dort? Weh mir! - nein! die Alte ist's.
Magdalene scheint also von Wagner als deutlich älter gedacht zu sein.
Die Inszenierung kenne ich nicht, klingt aber interessant. Danke für den Bericht.
Gruß Amonasro :hello
Philidor (12.10.2020, 17:31): Danke Dir, lieber Amonasro; ich hatte noch unscharf im Hinterkopf, dass sie wohl knapp doppelt so alt wie David sein könne, was diese Liebschaft wiederum wenig glaubwürdig macht.