Die Operette - Schmuddelkind oder unterschätzte Kunstform?

Rideamus (06.01.2010, 14:34):
Liebe Freunde der ernst zu nehmenden Leichten Muse

Diese Abteilung heißt zwar "Oper und Operette", aber von Letzterer war außer der obligatorischen FLEDERMAUS bislang kaum die Rede. Das möchte ich mit meinem inhaltlichen Einstand ändern, indem ich ein Plädoyer für diese sträflich unterschätzte Kunstgattung halte. Ich beginne mit einem historischen Abriss und einem vorläufigen Definitionsversuch.

In einem berühmt gewordenen Gerichtsverfahren um einen Pornographievorwurf soll der Richter gesagt haben, er könne Pornographie nicht definieren, wisse aber sofort, ob es sich darum handelt, wenn er sie sähe. Ähnlich komplex ist die Situation bei der Operette. Jedermann glaubt zu wissen, was sie ist, aber niemand kann sie schlüssig definieren und gegen ihre Verwandten abgrenzen.

Schon Mozart gebrauchte den Begriff Operette als Kennzeichnung einer "kleinen", d.h. weniger ambitionierten Oper, etwa seiner ZAIDE, denn lange vor dem Aufkommen der Gattung gab es - neben den beim Volk populären Vaudevilles, die zu beliefern sich auch ein Gluck nicht zu schade war, wie ich jüngst von Peter Brixius lernte, heitere Singspiele und komische Opern mit Dialogen. Gleich den ersten Operetten waren auch die frühesten komischen Opern, namentlich Pergolesis geniale LA SERVA PADRONA - nach fast jeder Definition inhaltlich schon eine Operette - Einakter. Ursprünglich als Pausenfüller von Opern aufgeführt, entwickelten sie bald eigene Traditionen als opera buffa, opéra comique etc. Sobald diese aber abendfüllende Längen erreichten, und das dauerte nicht lange, erforderte ihre Umsetzung nicht weniger Professionalität als die große Oper.

Diese kostspielige Gattung stand naturgemäß nur wenigen offen. Wem, wie etwa Jacques Offenbach, der Zugang zu den großen Opernhäusern verwehrt blieb, der brauchte also erschwinglichere Alternativen zu dem etablierten Betrieb. Die Operette, d. h. das Operchen, war also zunächst eine Ausgeburt ökonomischer Zwänge. Dies galt in England, wo Gilbert & Sullivan ab den 1870er Jahren mit ihren von den leichten Opern eines Wiliam Balfe (THE BOHEMIAN GIRL), aber auch von Offenbach beeinflussten Savoy-Opern eine eigene Operettengattung schufen, nicht weniger als in Frankreich, wo Offenbach mit seinem Einakter LES DEUX AVEUGLES (DIE BEIDEN BLINDEN) von 1855 die neue Gattung der Opéra bouffe, also die spätere Operette begründete.

Soweit ich das eruieren konnte, geht der Name Operette allerdings auf den ehemals erfolgreichen Komponisten zahlreicher Opéra comiques (z. B. LE POSTLLON DE LONJUMEAU oder LA POUPÉE DE NUREMBERG), aber als Intendant bankrott gegangenen Komponisten Adolphe Adam zurück, der in seinen letzten Jahren Einakter für Offenbach komponieren musste und sein letztes Werk, LES PANTINS DE VIOLETTE (1856) eine Operette nannte. Der Begriff wurde von Offenbach für seinen zwei Monate später herausgebrachten LA ROSE DE SAINT-FLOUR übernommen und setzte sich bald danach als neuer Gattungsbegriff durch.

Nachdem sich de Operette als eigene Erfolgsgattung etabliert hatte, wurde sie der komischen Oper immer ähnlicher und ersetzte sie schließlich fast ganz. Die wenigen heiteren Opern, die sich im letzten Jahrhundert noch durchsetzen konnten, schwebten beständig in Gefahr, dass ihr musikalischer Aufwand ihr textliches Rückgrat zu überfordern drohte, wovor selbst ein genialer Librettist wie Hugo von Hofmannsthal nicht gefeit war, dessen ARABELLA ihm ursprünglich als Operette vorschwebte. Mit seinem Wunsch, er möge etwas mehr wie Lehar schreiben, verärgerte er Richard Strauss denn auch nicht wenig. Dennoch können Menschen, die sich von Lehars DIE LUSTIGE WITWE besser unterhalten fühlen als von ARABELLA, selbst unter Opernliebhabern auf viel Verständnis stoßen. Das ändert sich allerdings in dem Maße, wie Lehars Ambitionen, selbst Opern zu schreiben ohne auf die Erfolgsrezepte seiner Operetten zu verzichten, überhand nahmen. Offensichtlich gehört also eine Bescheidung nicht nur im finanziellen, sondern auch im musikalischen Aufwand zum Wesen der Operette. Dies gilt allerdings nur für den Aufwand der Durchführung und nicht für die Qualität der musikalischen Einfälle selbst. Fast ist man versucht zu sagen: im Gegenteil, denn nur starke Einfälle können es sich leisten, in bescheidenem Gewand daher zu kommen ohne langweilig zu erscheinen. Nicht von ungefähr hat kein Geringerer als Johannes Brahms Johann Strauss um einen seiner besten Einfälle beneidet und sich gewünscht, der Anfang von „An der schönen blauen Donau“ sei von ihm. Das Verständnis der Operette als einer kleinen Oper bezieht sich also nicht auf einen qualitativen Unterschied, sondern auf einen des Aufwands – in jeder Hinsicht.
Fortsetzung folgt.

:hello Rideamus
Rideamus (06.01.2010, 14:50):
Zu den meistverbreiteten Vorbehalten gegenüber der Operette gehört die Ansicht, Operetten hätten grundsätzlich miserable, seichte oder alberne Textbücher. Manche These über die geringere Wertigkeit der Operette geht auf solche Vorurteile zurück. Fraglos haben diese Vorurteile eine reale Basis, wenn man bedenkt, dass viele Textbücher der Gattung, die seit einem halben Jahrhundert kaum mehr fortgeschrieben wurde, altmodisch sind. Allerdings gilt das für Opernlibretti kaum weniger. Wer bei manchen Passagen des ZIGEUNERBARON berechtigtes Bauchgrimmen bekommt, dem sollten ähnliche Reaktionen bei rechtens gefeierten Opern wie FIDELIO oder DER FREISCHÜTZ, ganz zu schweigen von vielen hurrapatriotischen Texten der italienischen Opernliteratur, nicht fremd sein. Dennoch werden der Oper solche Libretti viel leichter verziehen. Liegt das wirklich daran, dass man deren Textbücher „vor lauter Musik ohnehin kaum versteht“, während der einfachere Satz der Operettenmusik, ganz zu schweigen von den gesprochenen Passagen, die Texte verständlicher macht?

Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein halbwegs ernsthaft interessierter Opernliebhaber sich nicht einmal mit den Texten seiner Lieblingsstücke beschäftigt, diese mitgelesen und ihre Schwächen mehr oder minder milde verziehen hat. Der Operette wird solche Milde viel seltener zuteil, obwohl sie mindestens ebenso gute Libretti vorweisen kann wie die Oper, vom Musical ganz zu schweigen, das womöglich mehr gute Libretti hervorgebracht hat als seine beiden älteren Geschwister zuammengenommen.

Gefragt nach ihrer spontanen Assoziation mit Oper, werden die meisten wohl an Arien von Verdi oder Puccini, wenn nicht gar an Wagner denken. Beim Musical werden es einzelne Hits sein. Beidemale wird Gesang im Mittelpunkt stehen. Bei der Operette dagegen sollte man nicht überrascht sein, wenn einem zunächst der Tanz einfällt – womöglich ein Wiener Walzer. Das bekannteste Operettenstück überhaupt, der Cancan aus Offenbachs ORPHÉE AUX ENFERS, ist ebenfalls ein Tanz.

Diese vielleicht überraschende Erkenntnis sagt sehr viel über die Natur und Funktion der Operettenmusik aus. Von Anbeginn an stand sie unter einem enormen Erfolgsdruck und musste daher vor allem eingängig sein, also schnell im Ohr bleiben und n die Beine gehen. Bekanntlich lässt sich das am ehesten über den Rhythmusgefühl zuwege bringen. Da würden komplexe Rhythmuswechsel nur stören.

Gleiches gilt für die Instrumentierung, welche die wesentlichen Akzente unterstreichen und möglichst nicht von ihnen ablenken soll. Bekanntlich verdankt Verdi, vielleicht der größte „Hitproduzent“ seiner Zeit, seine frühe Popularität und auch eine gewisse Geringschätzung seines Frühwerkes dem Umstand, dass er das Orchester wie eine große, vielstimmige Gitarre behandelt hat. Ihm daraus einen Vorwurf zu machen, wäre ähnlich verfehlt wie bei der Operette, die von ihrem Orchester nur selten mehr als eine dienende Begleitfunktion erwartet, obwohl mindestens ihre besseren Komponisten von Offenbach über Lehar bis hin zu Bernstein immer wieder bewiesen haben, dass sie mit dem Orchester sehr viel mehr anzufangen wussten, als einen rhythmischen Teppich auszubreiten oder Lokalkolorit zu gestalten, wenn es ihnen darauf ankam.

Nicht von ungefähr entstand die Operette zu einer Zeit, als Opernkomponisten, Verdi durchaus eingeschlossen, immer anspruchsvollere und komplexere Partituren schufen und das Bedürfnis des breiten Publikums nach eingängigen Melodien hinter sich ließen. Die frühe Operette war jedoch dazu gezwungen, eingängig und leicht nachsingbar zu sein. Das macht sie zur höchst demokratischen Schwester der einst ebenso volkstümlichen, später aber zunehmend elitären Oper.

So ist natürlich nicht zu leugnen, dass die Grundlage der Operettenmusik eine eher schlichte und in ihrer Tonalität meist anspruchslose ist. Der weitgehende Verzicht auf komplexe Formen, die am ehesten eindrucksvollen und möglichst rauschenden Finalensembles vorbehalten blieben, definiert die Operette deshalb weit besser als formale Kriterien wie etwa der Einsatz gesprochener Texte oder die Bevorzugung seichter Sujets, die sie mit vielen der beliebtesten und zuweilen auch besten Opern gemeinsam hat. Er stellt sie auch in die Tradition des deutschen Singspiels oder der italienischen Oper, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts dem gleichen Erfolgsdruck ausgesetzt waren, je mehr der musikalisch gebildete Hochadel für die Musikproduktion an Bedeutung verlor.

Muss Operettenmusik deshalb schlechter sein? Jeder Virtuose wird bestätigen, dass nichts schwerer zu realisieren ist als das (vermeintlich) Einfache und Anspruchslose, wenn dessen Substanz ein hohes Niveau aufweist. Das kann auch jeder Operettenbesucher bestätigen, der einmal eine lieblos-routinierte Operettenaufführung erleiden musste und diese mit einer anderen vergleichen kann, in der Können, Konzentration und eine konsequente Zuneigung zu dem gewählten Stück zum Tragen kamen. Solche Erlebnisse belegen besser als jede Theorie und Analyse, dass der vielerorts schlechte Ruf der Operette zwar auch manch epigonenhaften Komponisten und Texter, meist aber eher ihrer lieblosen Umsetzung zu verdanken ist.

In diesem Sinne werde ich in der nächsten Zeit, entsprechendes Interesse vorausgesetzt, gerne das eine oder andere gelungene Werk in einer herausragenden Einspielung vorstellen.

:hello Rideamus
Peter Brixius (06.01.2010, 14:53):
Lieber Rideamus,

vielen Dank für Dein Plädoyer (1. Teil). Dir verdanke ich es ja, dass ich über Offenbach hinaus, der schon zu meinen Hausgöttern gehörte, ein Ohr für diese leicht verschmähte Gattung gewonnen habe. Ich werde auf jeden Fall mittelfristig einen Thread zu Benatzkys "Weißen Rössl" aufmachen, das mich überraschte und und dem ich (nicht zuletzt dank Gilbert) mehr und mehr abgewinnen konnte.

Man gibt Vorurteilen sehr gerne nach, wenn man ohnedies viel hört bzw. zu hören hat. Dann kann man wenigstens einen Teil des Repertoires beiseite legen, ohne sich graoß damit zu beschäftigen (oder mit Begründungen). Dafür, was man da versäumt, hast Du mir Auge und Sinn geöffnet. Deshalb freue ich mich, dass Du Deine "Missionierungstätigkeit" fortsetzt - zum Nutzen aller Leser.

Ich revanchiere mich, wie gesagt, mit einem "Rössl".

Liebe Grüße Peter
Armin70 (06.01.2010, 16:32):
Hallo Rideamus,

schön, mal was über die Operette zu lesen. Ich muss aber zugeben, dass ich diese Gattung in meiner CD-Sammlung auch ziemlich vernachlässigt habe.

Vor einigen Jahren wurde ich dann aber neugierig und kaufte mir folgende Aufnahme:



Zugegeben überwog beim Kauf die Neugier wie Gardiner, den ich zu dem damaligen Zeitpunkt ausschliesslich als Dirigent von alter Musik her kannte, es mit der sog. "leichten Musik" hält. Ich bin bis zum heutigen Tage sehr angetan von dieser Aufnahme, wobei mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Die Besetzung kann zum Zeitpunkt der Aufnahme (1994) als luxuriös bezeichnet werden: Sänger/innen, die man eigentlich fast ausschliesslich von der Oper her kennt.

An dieser Aufnahme gefällt mir des weiteren, dass die Musik ernst bzw. seriös und trotzdem leicht genommen wird. Diesen Spagat bekommt diese Aufnahme für meinen Geschmack ganz gut hin.

Gruß
Armin
Heike (06.01.2010, 16:39):
Ich habe auch keine einzige Operetten-CD und die zwei oder drei Operettenaufführungen, die ich meiner Mutter zuliebe irgendwann vor Jahren mal besucht habe, trugen auch nicht dazu bei, das zu ändern.
Aber da ich grundsätzlich interessiert bin, neues kennenzulernen, freue ich mich auf die Fortsetzungen der Missiontätigkeit ;-)
Heike
Rideamus (07.01.2010, 11:35):
Original von Armin70
Vor einigen Jahren wurde ich dann aber neugierig und kaufte mir folgende Aufnahme:

Zugegeben überwog beim Kauf die Neugier wie Gardiner, den ich zu dem damaligen Zeitpunkt ausschliesslich als Dirigent von alter Musik her kannte, es mit der sog. "leichten Musik" hält. Ich bin bis zum heutigen Tage sehr angetan von dieser Aufnahme, wobei mir die Vergleichsmöglichkeiten fehlen. Die Besetzung kann zum Zeitpunkt der Aufnahme (1994) als luxuriös bezeichnet werden: Sänger/innen, die man eigentlich fast ausschliesslich von der Oper her kennt.

An dieser Aufnahme gefällt mir des weiteren, dass die Musik ernst bzw. seriös und trotzdem leicht genommen wird. Diesen Spagat bekommt diese Aufnahme für meinen Geschmack ganz gut hin.

Gruß
Armin

Lieber Armin,

da hast Du immerhin eines der unbestritten populärsten Spitzenwerke der Gattung erwischt, und mit der Gardiner-WITWE auch einen sehr guten Griff getan. Zwar gibt es viele (nach meinem Eindruck vor allem österreichische) eingefleischte Anhänger der WITWE, die die Aufnahme nicht so mögen, weil sie als Simulation eines Bühnenstückes weniger überzeugt als die nachfolgend genannte mit Elisabeth Schwarzkopf oder die Aufnahme von Robert Stolz mit Rudolf Schock und Margit Schramm, aber Du hast den dicksten Pluspunkt schon genannt: mag es Gardiner auch, wie üblich, etwas an Humor fehlen, er nimmt die Musik ernst, und das bekommt ihr ungeheuer gut. Wenn ich die WITWE höre, dann am liebsten in dieser Aufnahme, die rein musikalisch vielleicht die kostbarste ist, zumal trotz der internationalen Besetzung auch die Dialoge auf einem sehr erfreulichen Niveau vorgetragen werden. Die dabei zu konstatierenden, überraschend leichten, Akzente stören mich bei einer Operette unter lauter Ausländern in Paris nicht wirklich. So fehlt mir gelegentlich nur der heitere Operettenfunke, was nicht ganz dadurch ausgeglichen wird, dass Gardiner das Werk nicht weniger ernst nimmt als seine französischen Operetteneinspielungen und deshalb die mich oft störenden "Operettentraditionen" hier gänzlich fehlen. Wer nicht unbedingt eine "echte" Wiener Operette braucht, sondern lieber eine musikalisch optimal realisierte Aufnahme der Partitur haben möchte, ist hier bestens bedient.

Ein Prachtstück (jedenfalls für alle, die Elisabeth Schwarzkopf goutieren können) ist auch diese alte Produktion von Walter Legge mit den damaligen Spitzenkräften der EMI:


Elisabeth Schwarzkopf ist zwar als Grande Dame statt der zwar gewitzten, aber eher schlichten Zufallserbin genau so ein Missverständnis wie Cheryl Studer bei Gardiner, aber sie realisiert es auf ihre höchst individuelle, artifizielle Weise schon sehr gut und hat Partner sowie in Otto Ackermann einen Dirigenten, die das Genre vorbildlich beherrschen. Und das Beste: die Aufnahme ist inzwischen spottbillig, so das derjenige, der mal in die GHattung hinein schnuppern will, kaum ein Risiko eingeht.

Wer DIE LUSTIGE WITWE aber auch sehen möchte, was man ja irgendwann bei jedem Bühnenwerk tun sollte um es so wahrzunehmen, wie es gedacht war, der sollte jedenfalls die grauenhafte Dresdner Fassung meiden und sich für diese Zürcher Inszenierung von Helmut Lohner entscheiden:


Leider ist Helmut Lohners Regie weit weniger witzig und ausgefeilt als seine Inszenierung von Offenbachs DIE SCHÖNE HELENA im gleichen Haus, und verirrt sich im "Vilja"-Lied sogar massiv in Russenkitsch, aber die Herren Rodney Gilfry als Danilo und, als Luxusbesetzung, Pjots Beczala als Rossillon wissen zu überzeugen, mehr jedenfalls als die "Witwe" Dagmar Schellenbergers, die immerhin typengerecht besetzt ist, während die Valencienne Ute Gferers so ziemlich alle betrüblichen Operettentraditionen verkörpert, immerhin aber anständig singt. Franz Welser-Möst ist ein ordentlicher, aber weit weniger überzeugender Dirigent als in seinem viel besseren SIMPLICIUS von Johann Strauss.

So bleibt die beste DVD dieses Werkes trotz allen Freiheiten gegenüber der Vorlage halt doch immer noch der Spielfilm mit Jeanette MacDonald und Maurice Chevalier. Leider gibt es dieses Meisterwerk von Ernst Lubitsch derzeit nur im Original oder auf dem grauen Markt untertitelter TV-Ausstrahlungen.

Soviel zu dem anderen Favoriten der Wiener Operette. Als nächstes möchte ich mich aber dem Begründer und absoluten Meister der Operette widmen, nämlich Jacques Offenbach und seinen Meisterwerken. Von ihnen gibt es nämlich zum Glück maßstäbliche Aufzeichnungen.

:hello Rideamus
Severina (07.01.2010, 13:06):
Lieber Rideamus,
ich hatte das Glück, die Züricher "Lustige Witwe" live zu erleben, die in einigen Partien wesentlich besser besetzt war als auf der DVD. So überzeugte mich Noemi Nadelmann als Hanna Glawari sowohl vom Spiel wie auch vom Gesang her viel mehr als Dagmar Schellenberg.
Rodney Gilfry gefiel mir als Danilo wirklich sehr. Wir Wiener haben ja eine besondere Affinität gerade zu dieser Operette, und obwohl ich kein ausgewiesener Fan dieses Genres bin, sehe ich sie hin und wieder auch sehr gerne. Wobei den Wienern immer wichtiger war, dass der Danilo typengerecht besetzt ist, als dass er gut singen kann :D. Das erklärt wohl, dass er jahrzehntelang als die Paradepartie von Joopie Heesters galt, dessen gesanglichen Fähigkeiten bekanntlich eher bescheiden sind. Aber keiner schritt so elegant ins Maxime und umwarb "Lolo, Chouchou..." mit so viel Charme wie er! Von Joopie erbte Harald Serafin den Danilo, den heute viele nur als etwas überdrehten Intendanten von Mörbisch und Exponenten der Seitenblicke-Gesellschaft wahrnehmen, der aber früher ein ganz ausgezeichneter Sänger war und besonders Operetten mit unverwechselbarer Stilsicherheit interpretierte, weil er Humor nie mit Klamauk verwechselte. (Eine der großen Gefahren bei Inszenierungen und sicher einer der Grüne, warum Operetten oft so gering geschätzt werden!)
lg Severina :hello
Fairy Queen (07.01.2010, 15:03):
Tja, die Operette.......
Die sehr engagierten Missionierungsversuche von Rideamus und Anderen haben in meinem Fall immerhin für eine grössere Offenheit diesem Genre gegenüber gesorgt und es gibt inzwischen doch eine ganze Menge deutscher und frz. Operetten-Aufnahmen in meiner Sammlung.
Allerdings kann ich als passive Zuhörerin immer noch nicht so richtig damit warm werden, ganz anders dagegen , was das aktive Mitmischen, sprich Singen/Spielen von Operetten bzw. Operettenszenen angeht- das macht mir nämlich sehr viel Spass .
Rideamus hat natürlch Recht damit, dass die Textbücher vieler Opern nicht intellektueller oder logischer sind als die der Operetten- in beiden Gattungen gibt es grob ausgedrückt Schwachsinn und Kitsch wie auch das Gegenteil davon.
Vielleicht kann man das in der Oper einfach nur besser ertragen, weil sie oft in einer Fremdsprache stattfindet und es ausserdem keine gesprochenen Dialoge gibt? (gesprochener Schwachsinn in der eigenen Sprache ist wohl am schwierigsten zu tolerieren)

An peppigen und gut gesungenen /gespielten Inszenierungen von Strauss oder Lehar, Offenbach oder Lecoq kann ich schon ab und an Gefallen finden udn gerade bei der Wiener und frz. Operette gibt es einige echte Sternstunden, zu denen Ridemaus sicher noch kommen wird- ich sage nur: Natalie Dessay in Orphée aux enfers! :down

Was die lustige Witwe angeht: es gibt sie in frz. Übersetzung und sie ist hier ausgesprochen beliebt. die Personen haben andere Namen, das Ganze bekommt in frz. Sprache auch einen anderen Charakter, so auch wie die Fledermaus, wo ich als Adele dann plötzlich zur Arlette wurde. während Rosalinde Caroline heisst.
Ich habe die "Veuve joyeuse" bisher auch nur in der frz. Fassung erlebt und kann daher bei den deutschen Aufnahmen gar nciht mitreden.

Eine Operette die mich in einer sehr modernen Interpretation fasziniert hat, war Lehars "Das Land des Lächelns" unter regie von Konwitschny. Trotz einiger Dinge, die mir nichtt gefallen haben, war das für mich eine art Erweckungserlebnis, denn hier ist es gelungen, die Operette auf iene Weise zu "entstauben", dass jede Verharmlosung ad aburdum geführt wurde. Es gibt da sicher noch viel Spannedens für die Regisseure zu tun und man hört immer wieder von interessanten Neuaufnahmen.

Euphonia
Rideamus (09.01.2010, 11:16):
Original von Euphonia
gerade bei der Wiener und frz. Operette gibt es einige echte Sternstunden, zu denen Ridemaus sicher noch kommen wird- ich sage nur: Natalie Dessay in Orphée aux enfers! :down
Euphonia

Diese Anregung greife ich doch gerne auf, zumal es in der Tat ein Unding wäre, näher auf die Operetten Jacques Offenbachs einzugehen ohne mit der maßstabsetzenden Operette mit der bekanntesten Operettenmelodie überhaupt anzufangen. Über dieses Werk und seinen Komponisten hat Volker Klotz im Auftakt seines Buches "Operette" etwas sehr Schönes und Richtiges geschrieben:

"Jacques Offenbach hat etwas in die Welt gesetzt, das vorher nicht da war, ohne ihn nicht da wäre und seitdem immer noch unverkennbar da ist. Nicht bloß dieses Etwas behauptet, wann immer man es hört und sieht, unverwechselbare Eigenart und öffentliche Geltung."

Ich spreche natürlich von ORPHÉE AUX ENFERS / ORPHEUS IN DER UNTERWELT mit ihrem Galopp infernal, der auch als der Cancan schlechthin und später bei uns sogar als Schlager (Bonsoir, Herr Kommissar) bekannt wurde. Damit meinen geplanten Überblick über vorbildliche Operettenaufnahmen zu beginnen, fällt um so leichter, als es von dieser Operette eine der besten Einspielungen überhaupt gibt:


Allen, die sie noch nicht besitzen, würde ich allerdings zum Erweb der DVD raten, die musikalisch der cd-Box kaum nachsteht, obwohl dort mit Ewa Podles als Opinion publique, Patricia Petibon als Cupidon und Véronique Gens als Vénus eine wahre Luxusbesetzung auch für die Nebengöttinnen aufgeboten wird. Dennoch ist die Inszenierung Laurent Pellys von einer köstlichen Erlesenheit, die ihresgleichen sucht und von der urkomischen Pseudopornografie der Sexszene des Ehepaares Nathalie Dessay als Eurydice und Laurent Naouri als Jupiter im Gewand einer Fliege zu dem äußerst einfallsreichen Text "Bzzzzz" nur getoppt wird, was angesichts der Fülle dieser Aufführung an großartigen Sequenzen schon ans Wunderbare grenzt. Es ist wirklich jammerschade, dass eine Vollblutkomödiantin wie Nathalie Dessay aich aus diesem Genre zurückgezogen hat, und man kann nur hoffen, dass sie eines Tages wieder dorthin zurück kehrt, wie seinerzeit Régine Crespin oder neuerdings Felicity Lott. Aber davon mehr ein andermal.


Beide Aufzeichnungen werden zum Glück von Marc Minkowski mit enormer Rasanz, aber auch großem Stilgefühl und vor allem vorbildlicher Vollständigkeit (soweit das bei diesem Stück mit seinen verschiedenen Fassungen möglich ist) dirigiert. Da der Regisseur Laurent Pelly die diversen Balletteinlagen nicht scheut, sondern durchweg köstlich und höchst originell zu gestalten weiß, ganz ohne auf die ewigen Cancan-Klischees zurück zu greifen, ist dies schon mal ein unschätzbarer Vorteil gegenüber allen Konkurrenzeinspielungen, auf die ich gerne auch noch eingehen werde, falls das gewünscht wird. Vorerst aber sei betont, dass cd und DVD nicht nur die eindeutig besten Einspielungen von Offenbachs Klassiker sind, sondern beide in den Olypmp der Aufnahmen für die Insel gehören.

:hello Rideamus

PS; ergänzend sei noch angemerkt, dass die cd-Box ein vorzüglich ediertes Textheft mit einem aufschlussreichen Kommentar Marc Minkowski enthält, in dem er erläutert, warum Pelly und er die originale Version mit vier Bildern von 1858 vorgezogen und wie man diese sinnvoll mit den besten und eigentlich unverzichtbaren Elementen der größer angelegten Version von 1874 ergänzt hat. Alles in allem, eine fast perfekte Fassung mit dem Besten aus den verschiedenen Unterwelten. Die DVD - Edition sagt dazu nichts, enthält aber immerhin sehr gut übersetzte und getimete deutsche (und mehrsprachige) Untertitel. Auch Leute, die des Französischen überhaupt nicht mächtig sind, können also voll auf ihre Kosten kommen.
Cetay (inaktiv) (09.01.2010, 14:45):
Hallo Rideaums,
vielen Dank für dein Operettengagement. Ich meine, dass solche Einzelbesprechungen einen eigenen Thread verdient hätten.

Original von Rideamus

Ich spreche natürlich von ORPHÉE AUX ENFERS / ORPHEUS IN DER UNTERWELT mit ihrem Galopp infernal, der auch als der Cancan schlechthin und später bei uns sogar als Schlager (Bonsoir, Herr Kommissar) bekannt wurde. Damit meinen geplanten Überblick über vorbildliche Operettenaufnahmen zu beginnen, fällt um so leichter, als es von dieser Operette eine der besten Einspielungen überhaupt gibt:



Ich weiß nicht, ob die Bekanntheit des Cancan dem Werk nicht einen Bärendienst erweist. Zumindest war die Konfrontation mit diesem Schlager für mich Anlass genug, das Thema Offenbach für lange Zeit ad acta zu legen. Ich denke, auch viele andere "ernsthafte" Klassikfreunde haben aufgrund dieses populären Schnipsels eine völlig falsche Vorstellung von dem Werk. Auch die bekannt gewordene schmissige Overtüre stammt nicht von Offenbach selbst. Das Original ist sehr viel kürzer.
Wahrscheinlich ist sogar die Bezeichnung "Operette" irreführend, weil man hier zuerst an die Wiener Operette denkt, mit der Offenbach wenig gemein hat.

Ich ziehe die Aufnahme mit Leibowitz der mit Minkovski vor, weil sie bei aller Komik gewichtiger bleibt.

http://www.jpc.de/image/w183/front/0/3830257450870.jpg

Original von mir
Klasse! Leibowitz nimmt wie erhofft das Werk mit dem (für mich) nötigen Ernst und Gewicht und lässt die Sänger und Sängerinnen sehr zurückhaltend agieren. Operettenfreunde werden vielleicht das kabarettistische Element vermissen. Für jemanden, der sich dem Genre mit eingen Vorbehalten nähert, ist das möglicherweise eher angenehm.

Leibowitz führt Sänger und Orchester genießerisch durch die Partitur, muß sich dabei allerdings auch manchmal die Frage nach ungewöhnlich breiten Tempi gefallen lassen. Seltsamerweise gebricht es der Aufnahme trotz dieser berechtigten Fragen nicht an Schwung, im Gegenteil: man kann sich des Gefühls nicht erwehren, daß hier ein fundierter Maßstab gesetzt wurde, den Leibowitz' Nachfolger erst einmal wieder erreichen sollten. Man spürt, daß Leibowitz seine Aufgabe, eine opéra bouffe einzuspielen, wirklich ernst nahm. (jacques-offenbach.de; eine tolle Seite, leider mittlerweile geschlossen)
Cetay (inaktiv) (09.01.2010, 14:45):
doppel-post
Rideamus (09.01.2010, 15:08):
Original von Cetay
Hallo Rideaums,
vielen Dank für dein Operettengagement. Ich meine, dass solche Einzelbesprechungen einen eigenen Thread verdient hätten.

Lieber Cetay,

danke für die ermunternden Worte. Ich stelle der Moderation frei, einen eigenen Thread entweder über den ORPHÉE oder die Operetten Offenbachs zu machen. Ich werde mich dann mit den übrigen Beiträgen zu diesem Themenkreis daran orientieren. Ich wollte mich als Neuling nur nicht gleich zu sehr ausbreiten. Jedenfalls habe ich vor, weitere Einspielungen dieses Werkes und im weiteren Verlauf auch anderer Operetten Offenbachs zu kommentieren. Der (oder Adolphe Adam, wie zur Einleitung des Threads erläutert) hat übrigens wirklich das Copyright auf den Begriff Operette und kann nichts dafür, dass nach ihm die Wiener Operette kam und bei uns den Begriff besetzte. Wir sollten/müssen eben dazu beitragen, den sehr falschen Eindruck, es gäbe nur die Wiener Operette, und nur sie sei eine intensivere Beschäftigung wert, zurecht zu rücken.

Die Einspielung von Leibowitz ist in der Tat vorbildlich und war bis zum Erscheinen der Minkowski-cd auch für mich die Referenz gegenüber, z. B., der eher langweiligen Einspielung von Plasson oder gar den diversen deutschen Fassungen (später mehr dazu). Ich würde sie aber nicht gegen Minkowski ausspielen, denn ich halte beide Interpretationen für gleichwertig, und Minkoski hat zwei entscheidende Vorteile: den Klang bei vergleichbar guten Interpreten (Nathalie Dessay ist sogar noch besser als Claudine Collart) und die Vollständigkeit. Seien wir einfach froh, dass es beide gibt, und dass Leibowitz zudem sehr preiswert zu haben ist. Leute, denen das Werk gefällt, werden ohnehin beide Fassungen haben wollen.

Ansonsten hast Du natürlich völlig Recht: die Verballhornungen des Werkes gerade in zahlreichen unidiomatischen deutschen Fassungen und die Hervorkehrung der immer gleichen Cancan - Klischees haben der Operette bei uns mehr geschadet als genutzt. Dazu möchte ich aber erst bei der Gelegenheit der Vorstellung anderer Fassungen noch Einiges sagen.

Einstweilen Dir und Euch vielen Dank für die Unterstützung dieses Threads.

:hello Rideamus
peter337 (09.01.2010, 17:22):
Lieber Rideamus!

ich habe eine französische Fassungen dieser Operette eine mit Mady Mesplé und Michel Sénechal und eine

und eine deutsche Fassung mit Anneliese Rothenberger und Adolf Dallapozza,

wobei ich bemerken muss, dasss Anneliese Rothenberger eine derart kühle und unbeteiligte Eurydice singt, dass man Adolf Dallapozza gar nicht verstehen kann, dass er die wieder zurück will.

Auch denke ich dass man Offenbach nur in Französisch wirklich charmant findet, die deutsche Sprache ist manchmal unerträglich.

Liebe Grüße sendet Dir Peter aus Wien. :hello :hello
Fairy Queen (09.01.2010, 17:49):
Ich möchte noch ganz allgemein etwas für die Leute, die ihre Probleme mit Operetten haben- und dazu gehöre ich selbst auch- sagen:
um einen Zugang zum Genre zu bekommen, sollte man unter gar keinen Umständen übersetzte Offenbach-Operetten als Einstiegl nehmen, denn da kommt man allzu leicht auf ein falsches Gleis, das einem sofort wieder Alles verderben kann.
Das Interessante an Offenbach ist ja sein hintergründiger gesellschaftskritischer Einschlag, der aber eben nicht nur als behäbiger altbackener Klamauk daherkommt, sondern wirklcih Esprit hat. Das kommt in der Orphée Fassung von Pelly/Minkowski wunderbar zur Geltung. Wem das oder seine " La Grande Duchesse de Gerolstein"nicht gefällt, ist m.E. eigentlich für den intelligenten Charme der frz. Operette verloren. Ich empfehle genauso wie Rideamus unbedingt diese Luxus-Version mit Dessay/Naouri als Eurydice /Jupiter. Die Szene , in der Jupiter Eurydice in Gestalt einer Fliege verführt, ist eine Sternstunde der Gattung und gehört in den ewigen Olymp der Operette- allein um das zu sehen und zu hören (denn die Partie ist zudem noch schweineschwer zu singen!) lohnt die ganze DVD. Ihr werdet euch kringeln vor Vergnügen! :rofl :rofl :rofl
Französisch muss man dazu nciht können, man versteht Alles ohne Worte.

euphonia
Heike (09.01.2010, 18:11):
Hallo Rideamus,
Ich stelle der Moderation frei, einen eigenen Thread entweder über den ORPHÉE oder die Operetten Offenbachs zu machen.
Ich denke, du solltest das einfach selbst entscheiden, denn Satie ist im Moment sehr mit andren Dingen überlastet, wie er schrieb. Solltest du was aus diesem Bereich verschieben wollen, würde ich dir raten, ihm am besten eine Email zu schreiben mit deiner Bitte, sonst halte ich es nicht für sicher, das er das hier zur Zeit überhaupt liest!

Ich bin auch für Extra-Threads, das ist übersichtlicher und das Opern/Operettenforum leidet sicher nicht unter Überfüllung. Da findet man sich auch später bessser zurecht, wenn man was nachlesen möchte.
Heike
Severina (09.01.2010, 18:37):
Liebe Euphonia,
da ich mich über die "Grande-Duchesse" bereits kringelig lache, muss nun wirklich der Orphée her. Und Du hast völlig recht: Ich verstehe kaum ein Wort Französisch, amüsiere mich aber trotzdem prächtig.
Bin schon neugierig, was Rideamus über "La vie Parisienne" zu sagen hat, ebenfalls in einer Regie von Pelly. (Ich liebe diesen Mann, er hat ja auch unsere herrliche "La Fille du Regiment" inszeniert!)
lg Severina :hello
Rideamus (09.01.2010, 19:09):
Original von Severina
Liebe Euphonia,
da ich mich über die "Grande-Duchesse" bereits kringelig lache, muss nun wirklich der Orphée her. Und Du hast völlig recht: Ich verstehe kaum ein Wort Französisch, amüsiere mich aber trotzdem prächtig.
Bin schon neugierig, was Rideamus über "La vie Parisienne" zu sagen hat, ebenfalls in einer Regie von Pelly. (Ich liebe diesen Mann, er hat ja auch unsere herrliche "La Fille du Regiment" inszeniert!)
lg Severina :hello

Liebe Severina,

nicht nur der ORPHÉE "muss her", sondern unbedingt auch noch LA BELLE HÉLÉNE mit der grandiosen Felicity Lott. LA VIE PARISIENNE ist von der Inszenierung her ebenfalls köstlich inspiriert, in Ermangelung einer Dessay, einer Lott oder eines Minkowski aber leider klare Nummer 4 und nicht so deutlich besser als die andere Lyoner DVD, wie man erwarten möchte.

Man müsste mal einen Pelly-Faden knüpfen, denn der hat ja auch den superben PLATÉE inszeniert, der mich als jemand, der seine Probleme mit der Barockoper hat, sogar zum Fan von Rameau hat werden lassen. Er ist fast der einzige Regisseur, dem ich blind vertraue. Nathalie Dessay übrigens auch, wie man diesem Interview entnehmen kann, das die Wiener Staatsoper anlässlich der erwähnten Inszenierung der FILLE DU RÉGIMENT veröffentlichte: http://www.wiener-staatsoper.at/Content.Node2/home/prolog/ausgaben/16424.php

:hello Rideamus
Rideamus (10.01.2010, 14:14):
Original von Euphonia
... um einen Zugang zum Genre zu bekommen, sollte man unter gar keinen Umständen übersetzte Offenbach-Operetten als Einstieg nehmen, denn da kommt man allzu leicht auf ein falsches Gleis, das einem sofort wieder Alles verderben kann.
Das Interessante an Offenbach ist ja sein hintergründiger gesellschaftskritischer Einschlag, der aber eben nicht nur als behäbiger altbackener Klamauk daherkommt, sondern wirklich Esprit hat.
euphonia

Grundätzlich muss ich dieser Aussage zustimmen, denn die meisten Eindeutscher erliegen der Versuchung, Offenbachs Operetten auf "Teufel bzw. Pluto komm raus" zu aktualisieren, was diese aber, entgegen einer verbreiteten Annahme, nicht gut vertragen, weil die Art des Witzes meist eine ganz andere ist. Was Pelly immer wieder vorzüglich gelingt, ist die Kombination aus Respekt vor der Vorlage und zündenden visuellen Einfällen, die trotz ihrer Originalität aus dem Kontext heraus geboren sind und das Geschehen unmittelbar eingängig machen ohne in die ganz andere Kunstform der textlichen Aktualisierung und damit des Kabaretts auszuarten.

Dennoch heißt das nicht, dass französische Inszenierungen der Operette automatisch besser sind. So habe ich gerade mal eine Aufführung des Festivals von Aix-en-Provence von 2009 angesehen, deren Mitwirkende (Pauline Courtin, Julien Behr, Mathias Vidal in der Regie von Yves Beaunesne) , mir wenig sagen, und das verdientermaßen. Die lange als maßstäblich geltende, weil vollständige Tonaufnahme Michel Plassons enttäuscht dagegen mit einer überraschenden Bravheit, die sie am Rande der Langeweile entlang führt, was bei Offenbach natürlich eine Todsünde ist.



Wenn man das Stück nur hören will, sollte man also lieber zu dem unvollständigen, aber preiswerten Leibowitz oder eben Minkowski greifen.

Gemessen an diesem Umfeld ist doch bemerkenswert, dass die nächstbesten Inszenierungen (unter den mir bekannten) alle von deutschen Regisseuren stammen. Leider gibt es sie nur als TV-Aufzeichnungen auf dem grauen Markt. An Humor und Originalität immerhin nahe an Pelly heran kam Harry Kupfer mit seiner Inszenierung von 1999 an der Komischen Oper mit einem brillianten Jochen Kowalski als Orpheus sowie Gabriele Fontana als kompetente Eurydike und Anny Schlemm als Öffentliche Meinung. Gäbe es diese einfallsreiche Aufführung als DVD, wäre sie trotz der deutschen Fasung meine zweite Empfehlung, wenn auch die musikalische Leistung insgesamt deutlich hinter der von Minkowski und seinem Team zurück bleibt.

Die in dieser Inszenierung nachwirkende, textgetreue Schule Walter Felsensteins hat nicht nur Kupfer, sondern auch Götz Friedrich positiv beeinflusst. Seine Inszenierung mit Julia Migenes, Hans Beirer, Astrid Varnay, Donald Grobe, Helmut Lohner als Styx und dem seltsamerweise in einer deutschen Fassung französisch singenden George Shirley als (ansonsten recht guter) Pluto ist zwar schon deutlich kabarettinfizierter, aber dennoch durchaus anseh- und vor allem anhörbar, woran auch die musikalische Leitung von Jesus Lopez-Cobos großen Anteil hat. Leider gibt es auch sie nur auf dem grauen Markt der TV-Mitschnitte.

Beiden unterlegen ist leider die Brüsseler Inszenierung von Herbert Wernicke mit Alexandru Badea und Elizabeth Vidal, die für meinen Geschmack deutsche Schwerfälligkeit mit einem wenig mehr als ordentlichen Ensemble vereint. Sie ist in ihrer Seriosität durchaus respektabel, angesichts der starken Konurrenz aber allenfalls als Ergänzung der Sammlung eines Offenbach-Liebhabers interessant, wenn der Preis dem angemessen wäre:



Sie ist aber immer noch deutlich besser als diese DVD einer einst berühmten Hamburger Inszenierung:


Gesungen wird zwar - jedenfalls in den Hauptrollen - überwiegend ordentlich (hervorzuheben sind die Eurydike Elisabeth Steiners, die dafür katastrophal spielt, und als Bester des gesamten Ensembles William Workman als Aristeus/Pluto). Das rettet immerhin die musikalischen Glanznummern einigermßen, vor allem das Fliegenduett, obwohl gerade dieses Duett in allen Vergleichseinspielungen besser wegkommt. Es ist eben einfach nicht umzubringen, und das inspirierte sogar den damals noch jungen Marek Janowski, der das Orchester ansonsten engagiert, aber hilflos pauschal durch die bekannten Nummern treibt und immer dann, wenn es richtig fetzig werden sollte, von dem überforderten Chor und Ensemble im Stich gelassen wird.

Nur noch tragisch ist die Selbstkopie Theo Lingens als Styx, der einmal eine Glanzpartie daraus gemacht hatte, immerhin ordentlich der Einsatz Inge Meysels als Juno, obwohl die einmal zuviel Adele Sandrock in AMPHYTRION gesehen hat. Ganz schlimm aber ist Liselotte Pulver als Öffentliche Meinung, der man, da sie die Starrolle innehat, eine Unmenge zusätzlichen Textes als Prolog gegeben hat, den sie auf mittlerem Kleinstadttheaterniveau aufsagt. Wie Jupiter irgendwo sagt: "wäre sie doch nur im Spessart geblieben". Musikalisch kommt sie mit Ausnahme von ein paar Takten Sprechgesang gar nicht vor, was einerseits ein Glück ist, andererseits diese zentrale Rolle und manche Ensembles, in denen sie eigentlich mitwirken müsste, völlig kaputt macht. Über die mindestens total veraltete, aber wohl schon damals nicht ansprechende Inszenierung Max Liebermanns und die Kabarettsucht der Eindeutschung (Übersetzung wäre zuviel der Ehre) sei der Mantel gnädigen Schweigens gehüllt.

Auf ähnlich schwachem Niveau läuft die DDR-Verfilmung ab, die außer dem ansprechenden Jupiter von Rolf Hoppe eigentlich nichts zu bieten hat, was heute noch interessieren, geschweige denn faszinieren könnte:


Ebenfalls nachdrücklich abraten würde ich von der, inzwischen anscheinend nicht mehr angebotenen, deutschen Gesamtaufnahme von Willy Mattes mit einer denkbar unidiomatischen Interpretation und einer wenig inspirierten, geschweige denn inspirierenden Besetzung um Anneliese Rothenberger, Adolf Dallapozza und Theo Lingen:



Soviel erst einmal zu den Einspielungen von Offenbachs erstem Großerfolg, denn mich drängt es schon, das nächste und, wie ich finde, noch bessere Werk anzugehen.

:hello Rideamus
Fairy Queen (10.01.2010, 15:36):
Peinlicherweise kenne ich die "Belle Hélène selbst noch nciht- da können Sevi und ich uns gleich zusammen kringeln.......
Was die Brüsseler Orphée-Inszeierung von Wernicke angeht, habe ich die auch gesehen und wenn ich nciht vorher schon von Minkowski/Pelly so begeistert gewesen wäre, hätte das sicher auch mein Bild der Operette eher positiv beeinflusst.
Dale Duesing und Elisabeth Vidal sowie die mesiten anderen Sänger kommen zwar bei weitem nicht an das Paar Dessay/Naouri und Pellys SängerTeam heran, aber ich finde das karikaturistisch politische element eienr total dekandenten und gelangweilten Göttergesellschaft bei Wernicke fast noch glaubhafter und "seriöser" herausgearbeitet als bei Pelly.
Euphonia
Fairy Queen (24.01.2010, 07:31):
Durch eine gute Freundin, die ien Engagement in einer Operettenserie hat, habe ich gestern Offenbachs "La vie parisienne" zum ersten Mal gesehen und werde am 7.3. auch André Messagers "Veronique" anschauen, zumal meine Freundin da die Hauptrolle singen wird.


Die "Vie parisienne" ist eine Gesellschaftssatire, in der sich alle Vorurteile bezüglich der frivolen, sittenlosen und rein auf Genuss und "amour" fixierten Pariser Gesellschaft spiegeln. Die Story ist gleichzeitig kompliziert weil ziemlich viele Personen mitspielen, aber dann auch wieder simpel und typisch Offenbach: zwei Pariser geraten sich erst um die Gunst einer Kurtisane von Welt(Metella) in die Haare, die den Einen mit dem andern betrogen hat, dann aber Beide verlässt. Über dieses gemeinsame Schicksal werden sie wieder Freunde bzw Verbündete und beschliessen, sich an der Dame zu rächen bzw das Leben weiter unbeschwert zu geniessen- andere Mütter haben auch schöne Töchter.
Zufällig trifft am Bahnhof gerade ein belgischer Baron als Paris-Tourist ein (eine köstlich komische Bass-Buffo-Rolle!), dessen schwedische Ehefrau sofort die Begehrlchkeiten einer der beiden Helden weckt.
Um an den Dame "heranzukommen" gibt er sich dem Baron als Stadtführer aus und logiert die Beiden in seinem eigenen Haus, das er als Hotel ausgibt.
Das Misstrauen des Barons wird immer wieder mit dem Hinweis auf die "Pariser Sitten" beruhigt und die Parodie auf die angebliche Naivität der Belgier ist nicht ohne Chauvinismus aber je nach Inszenierung trotzdem serh witzig.(Belgier sidn für franzsoen sowas wie Ostfriesen für Deutsche...)
Unser Baron, der sich ebenfalls gerne mal ohne seine Gattin amüsieren möchte und bereits Gefallen an diesen Pariser Sitten findet, wird dann jedenfalls vom Freund des Verliebten zu einem Diner "mit der grossen Welt" eingeladen. Um ihn gazn einfachc aus den Füssen zu haben und ungestört mit seiner Frau sein zu können.
Die grosse Gesellschaft besteht aber aus den in allerlei illustre Personen verkleideten Dienstboten des Gastgebers, der sich wiederum als Schweizer Admiral ausgibt.
Unnötig zu erzählen, was dann Alles an Situationskomik passiert... am Ende ist der Baron betrunken und selig mit der angeblichen Frau Admiral unterm Tisch eingeschlafen.

Seine Gattin erfährt aber von der ganzen Intrige und kommt zusammen mit Metella zum "Fest"(alias Orgie) um die Situation aufzuklären. Erst will sich der Baron Über den Betrug an ienem armem Touristen bitter beschweren, sieht aber dann schliesslich ein, dass er sich ja prächtig im" Pariser Leben" amüsiert hat, es eigentlich keinen Grund zur Klage gibt und so kann Alles fröhlich mit Champgner und French Cancan enden. Das mal nur zur Story.
Aufnahmen hab ich keine, kannte diese Operette wie gesagt gar nicht. Die Musik ist spritzig und es gibt Unmengen von Ensembleszenen, sie müsste Rideamus also besonders gut gefallen.

Mehr evtl später bzw von denen, die sich damit besser auskennen als ich.

euphonia
Rideamus (24.01.2010, 12:50):
LA VIE PARISIENNE gehört fraglos zu Offenbachs besten und damit auch unterhaltsamsten Werken. Seinen besonderen Reiz bezieht es aus der Tatsache, dass Offenbach diesmal das Milieu der Touristen thematisierte, die zuvor erheblich dazu beigetragen hatten, anlässlich der Pariser Weltausstellung seinen ORPHÉE AUX ENFERS und später LA BELLE HÉLÈNE zu enormen Erfolgen zu machen.

Zum Glück gibt es gleich drei gute Aufnahmen dieser köstichen Operette, wenn sie auch durchweg nicht makellos sind. Natürlich zähle ich keine der deutschen dazu, die etwa so authentisch sind wie es eine Aufführung der FRAU LUNA mit der "Berliner Luft" in Monte Carlo wäre (wobei ich von Monte Carlo mehr erwarten würde als von Anneliese Rothenberger als Metella unter der Stabführung von Willy Mattes).

Wer das Stück nur hören will, wäre mit der klassischen Version mit Régine Crespin und Mady Mesplé bestens, wenn auch vielleicht etwas zu seriös bedient, gäbe es sie denn noch am Markt. Sie ist nämlich definitiv die bislang bestbesetzte Aufnahme. Aber dieses Stück sollte man wirklich auch sehen, und es gibt keinen Grund, das nicht zu tun, weil es gleich zwei sehr gute DVD-Aufzeichnungen gibt. Zufällig (?) kommen sie beide aus Lyon.

Die ältere und leider auch teurere ist diese von Arthaus, die ich musikalisch sogar etwas gelungener finde als ihre Nachfolgerin:


Vielleicht liegt das aber auch nur daran, dass ich sie schon sehr gut kannte, bevor - wieder einmal - Laurent Pelly die mitreißendste Inszenierung auf die Beine stellte, von der man beispielsweise hier, in dem Finale des dritten Aktes mit Laurent Naouri, einen sehr guten Eindruck gewinnen kann: "http://www.youtube.com/watch?v=1bj7LsIRvYg&feature=related".

Leider ist Naouri auch schon die musikalisch solideste Enpfehlung, denn weder hat Sébastien Rouland als Dirigent auch nur annähernd das Kaliber eines Marc Minkowski, noch haben Maria Ricarda Wesseling als Metella oder Marie Devellereau als die Handschuhverkäuferin das Format der großen Offenbach-Diven wie Hortense Schneider, die seinerzeit die Metella kreierte. Dennoch würde ich diese Aufnahme vor allen anderen empfehlen, denn wieder einmal sorgt Pelly mit seiner schier unerschöpflichen visuellen Einfallskraft dafür, dass das Anschauen des Werkes ein ungetrübtes nd fast grenzenloses Vergnügen bereitet:



Zweifler können das übrigens dank diverser weiteren Beispielen überprüfen, die es ebenfalls auf YouTube gibt.

:hello Rideamus
Brangäne (29.01.2010, 22:36):
Da hab ich für heute ja den richtigen Thread erwischt! Eigentlich kein großer Operettenfan...

Ja, also ich hab heut früh ein Mail gekriegt, dass ich von Culturall (so heißt die Firma die die Bundestheater-Karten in Wien vertreibt) zum Geburtstag eine Karte für die Lustige Witwe in der Volksoper geschenkt bekomme.
Die Vorstellung ist am Montag, 1.2. und werd mir wohl - wenn nichts dazwischen kommt - den Spaß machen und die Einladung annehmen.

Mit ein bißchen "Bauchweh" aber schon - und frage: Weiß jemand wie die Produktion ist? Sehr schlimm...?

Den Heesters im Theater an der Wien hab ich damals noch gesehen, was original ein originelles Erlebnis war.

Ansonsten habt ihr mir Gusto auf mehr Offenbach gemacht! Da kenn ich die Operetten nur stückchenweise. Orpheus mit Dessay hab ich einmal (leider nur zur Hälfte aber doch) im Fernsehen erwischt. Gar köstlich!
Gamaheh (30.01.2010, 00:38):
Lieber Rideamus,

herzlichen Dank für diesen Faden! (Den ich gerade entdeckt habe.) Ich kenne Operetten-Musik seit meiner frühesten Kindheit, denn meine Oma hörte sie pausenlos und schwärmte für Johannes Heesters, aber ich habe noch nie etwas Systematisches darüber gelesen (mich - mit anderen Worten - noch nie ernsthaft damit befaßt). Zu der Zeit habe ich auch einen Stapel Schellack-Platten zuhause entdeckt, unter denen sich Querschnitte aus dem Zigeunerbaron, Millöckers Bettelstudent und die Ouvertüre zu Suppés Schöner Galathée befanden - letztere hatte es mir besonders angetan. Später sah ich dann die Fernseh-Shows von Hermann Prey, die auch recht operettenlastig waren und die mich endlos begeisterten.

Ich stelle jetzt fest, daß ich lediglich drei Aufnahmen von ganzen Operetten habe (Fledermaus/Wiener Philharmoniker/Karajan und einer richtigen Starbesetzung, von der Ball-Einlage ganz zu schweigen), Lustige Witwe (Münchner Rundfunk-Orchester/Wallberg/Moser/Donath/Prey) auf Schallplatten sowie eine nicht weiter beschriftete Kassette mit Gilbert u. Sullivans Pirates of Penzance. Und eine ganze Menge Querschnitte. Ach, und natürlich eine DVD mit dieser wunderbaren Fledermaus von Covent Garden, die ich live erlebt habe (Kiri Te Kanawa, Hermann Prey; Placido Domingo dirigierte).

Das heißt aber nicht, daß ich die Operette an sich nicht mag, im Gegenteil: Für mich ist das Gute-Laune-Musik. Aber - wie schon angedeutet - ist meine Kenntnis dieses Genre sehr eklektisch, und ich freue mich darauf, mich hier bereichern zu lassen und mich insbesondere mal mit der französischen Operette zu befassen, von der ich wirklich nur die Gassenhauer kenne.

Viele Grüße,
Gamaheh
Rideamus (30.01.2010, 07:32):
Liebe Brangäne, liebe Gamaheh,

danke für die Komplimente. Die Inszenierung der LUSTIGEN WITWE kenne ich leider nicht und habe auch noch nichts davon gehört, aber das Stück lohnt allemal, wenn es nicht zu sehr à la Mörbisch verkitscht oder so brutal kaputt gemacht wird, wie kürzlich von Jerome Savary in Dresden.

Zu Offenbachs LA BELLE HELENE werde ich hier in Kürze etwas einstellen, aber weil Du, Gamaheh, gerade die PIRATES OF PENZANCE von Gilbert & Sullivan erwähnst, gebe ich Euch erst einmal ein paar Informationen zu dieser herrlichen Operette:

Die im Gegensatz zur englischsprachigen Welt, wo sie seit ihrer Erschaffung ungebrochen populär sind, relative Unbekanntheit der großen Operetten von Gilbert & Sullivan bei uns liegt sicher zu einem erheblichen Teil daran, dass die herrlichen Texte von William Schwenk Gilbert nicht nur zu den besten Libretti der Musikgeschichte gehören, sondern ihren Effekt auch mit zahlreichen virtuosen Wortspielen erzielen, die nahezu unübersetzbar sind. Wer daran zweifelt, aber mal herzhaft lachen will, höre sich nur mal diesen Hit aus dem Werk an, in dem Gilbert sogar seinen (damals) letzten Hit, die nicht weniger köstliche HMS PINAFORE, auf die Schippe nimmt: "http://www.youtube.com/watch?v=wYZM__VdEjk"

Erstaunlich ist eine derartige Ignoranz in einer Zeit zunehmender Beherrschung der englischen Sprache dennoch, denn man kann wohl davon ausgehen, dass auch die Libretti erfolgreicher italienischer Buffoopern von den meisten nicht im Detail verstanden werden. An melodischem Reiz stehen Sullivans beste Werke denen eines Lortzing, Offenbach oder Rossini jedenfalls nicht nach, und THE PIRATES OF PENZANCE ist definitiv eines seiner gelungensten und zu recht populärsten Werke.

Als Beleg dafür findet sich bei YouTube eine ganze Reihe von Ausschnitten, wobei das „Poor Wandring One“ vielleicht das prominenteste ist. Blättern in den Youtube - Ausschnitten aus diesem Werk lohnt sich jedenfalls. Dann stößt man vielleicht auf eine hübsch parodistische Parallele zu dem wiederholten Auftritt der Polizisten von Offenbachs BRIGANDS: „When the Foeman bares his Steel“ ... Tarantara Tarantara“.

Das wirkliche Potenzial dieser köstlichen Partitur legen aber nur die authentischen Tonaufnahmen von Charles Mackerras und Isidore Godfrey frei, wobei der Letztere den Vorteil der größten Vollständigkeit, eines Bonus in Form der ersten Gilbert & Sullivan-Operette TRIAL BY JURY sowie des deutlich günstigeren Preises hat:



Von den Aufnahmen, die ich kenne, am besten gesungen und gespielt ist allerdings die Aufnahme unter Charles Mackerras und dem Orchester der Welsh Opera mit Rebecca Evans, Gillian Knight, Julie Gossage,John Mark Ainsley und Richard van Allan.



Wer sich erst einmal mit der Welt von Gilbert & Sullivan (primär anhand ihres THE MIKADO) vertraut machen oder einen der besten Musikfilme überhaupt sehen will, kann sich keinen besseren Gefallen tun als sich diesen Film von Mike Leigh zu besorgen:


Leider gibt es den anscheinend nur auf Englisch (immerhin mit Untertiteln), aber wer das beherrscht, wird die Entscheidung für die DVD nicht bereuen, denn eine unterhaltsamere Darstellung der Welt der englischen Operette gibt es nicht. Einen vagen Eindruck kann man sich ab hier verschaffen, denn YouTube führt eine ganze Reihe von Clips aus dem Film: "http://www.youtube.com/watch?v=8A3rFfyRaSo&feature=related" .

:hello Rideamus
Fairy Queen (16.02.2010, 23:33):
Ich wollte, da Peter Brixius einen Thread "Zum weissen Rössl" angekündigt hat, nur kurz vermelden, dass ich diese Operette heute abend kennengelernt und mich allerkösticihst dabei amüsiert habe. :leb
Ich habe die Inszeneirung von Ursli Pfitzer mit Max Raabe und Meret Becker(die zwei fand ich umwerfend gut!) aus der "Bar jeder Vernunft" gesehen und abgesehen davon, dass die Gesangsleistungen der Ottilie wirklich unter aller Kanone waren,(haben die keine Bessere gefunden????) fand ich das phantastisch gemacht.
Ein Ohrwurm nach dem anderen,Mutterwitz und echte Satire, aber immer irgendwie liebevoll den Personen gegenüber. Bin enchantée!!! Das war genau die richtige Entspannung und obschon ich ziemlch müde bin, hab ich bis zu Ende geguckt. Merci dem edlen Mitschneide-Spender! Und auf den Thread bin ich gespannt.
F.Q.
Severina (21.02.2010, 12:37):
I



Unter meinen musikalischen Geburtstagsgeschenken befand sich auch die DVD des Orphée, und in diesem Fall waren die Vorschusslorbeeren voll und ganz gerechtfertigt. Ich habe mich jedenfalls königlich amüsiert, nicht nur über Natalie Dessay, sondern auch über Laurent Naouri. Alleine sein Mienenspiel, als ihm seine außerehelichen Eskapaden vorgehalten werden, ist oscarreif. Und endlich erlebte ich diese OPerette einmal in einer exzellenten musikalischen Umsetzung.
Laurent Pellys Regiearbeiten liebe ich sowieso, obwohl mir auch unser "Orpheus in der Unterwelt" vor drei Jahren an der Volksoper szenisch sehr gut gefallen hat. Es war eine wirklich witzige Inszenierung mit originellen Lösungen für das Bühnenbild. Bei den Sängern setzte der Regisseur leider mehr auf originelle Typen als auf deren stimmliche Qualitäten (So waren die öffentliche Meinung und der Stxy mit Schauspielern besetzt, und auch wenn Peter Matic ihn wunderbar gestaltete, sollte man den "Prinzen von Arkadien" halt auch singen können...) Deshalb konnte man bei unserem Orpheus zwar viel lachen, musikalisch ging man aber ziemlich unbefriedigt nach Hause.
lg Severina :hello
Rideamus (21.02.2010, 13:27):
Liebe Severina,

das freut mich aber (mehr, als ich überrascht bin), dass Dir diese DVD auch so gefallen hat. :J

Nun geht es hoffentlich ganz bald auf diese Aufnahme zu:


Ich verspreche auch, mich ihr so bald wie möglich zu widmen, aber erst muss ich noch Chabriers Stern vollständig vom Himmel holen.

:hello Rideamus
fürst igor (13.03.2010, 13:31):
dachte schon, die Operette ist tot ...................

die zahlreichen Zuschriften beweisen das Gegenteil; zumindest hier im Forum.

Auf den Online-Auktionshäusern ist es jedenfalls so. Die Scheiben -allerdings nur Querschnitte/Sampler- werden für das Minimum verkauft.

Ein Eldorado für die Liebhaber ............
Fairy Queen (07.02.2011, 07:21):
Ich krame diesen Thread noch mal hervor, weil ich mich gestern köstlichst bei einer Operette amüsiert habe- was in meinem Fall ausgesprochen selten ist. Meine wenigen Live- Versuche waren fast immer Enttäuschungen.
Gestern habe ich eine der selten gespielten Offenbach-Operetten in einer Aufführung gesehen, die so voller Witz, Spielfreude, Phantasie und Enthusiasmus überströmte, dass die 3 Stunden wie im Flug vergingen uind keine Sekunde Langeweile aufkam. Brausender Jubel und (bereits jetzt fast ausverkaufte Folgevorstellungen) belohnten das sehr engagierte Ensemble.





Diese obige Einspielung ist durch Zufall rausgegriffen, denn leider habe ich weder eine Cd noch eine DVD Empfehlung auf Lager, da sind Andere sicher verlâsslicher.
Les Brigands ist eine Gesellschaftssatire, in der die Welt und der Ehrenkodex einer Räuberbande gegen die höfische "anständige" Welt gestellt wird und selbstverständlich besser wegkommt...... Musikalisch und vom dramaturgischen Gesamtkonzept eine der sehr gelungenen Offenbachs, wurde das Werk Opfer der historischen Umstände: es kam leider zu einer Zeit auf die Bühne (1869) in der Patriotismus und Loyalitât angesagt waren und eben nicht beissende Gesellschaftskritik.
Ich kannte diese Operette noch nicht (wie so viele....) und habe keine ausgesprochen bekannten Arien/Musiken ausfindig gemacht. Was mir allerdings sofort auffiel waren einige Selbstzitate Offenbachs und ein typischer Operettenstreich : es gibt in Les brigands einen Duc de Mantoue, der die Frauen ebenso liebt wie sein Opernpendant und dessen berühmte Arie "La donna é moibile" sehr nett parodiert wird..... :D
Le brigands wird noch bis zum 18 2. und dann noch einmal im April hier in Lille gespielt. Wer nähere Infos môchte kann sich gerne melden.


F.Q.
Rideamus (07.02.2011, 13:35):
Liebe Fairy,

vielen Dank dafür, dass Du diesen Thread wieder ausgegraben hast, auch wenn er mich an eine meiner viele Unterlassungssünden erinnert.

Deinen Enthusiasmus für Offenbachs Meisteroperette kann ich rückhaltlos teilen. Tatsächlich fehlen hier zwar die großen Hits (wenn man mal von dem Lied der Gendarmen mit den "bottes" absieht), die man von anderen Offenbach - Operetten kennt. Das liegt aber bestimmt nicht an deren Komposition, sondern eher daran, dass die zahlreichen Perlen in den Ensembles stecken, die sich bekanntlich weniger zur Popularisierung eignen, und daran, dass deswegen ausgerechnet dieses Werk viel zu selten gespielt wird. Es ist einfach zu gut und zu wenig platt.

Die Aufnahme, die Du aus dem Katalog heraus gegriffen hast, ist fraglos die mit Abstand empfehlenswerteste, wobei ich allerdings einschränken möchte, dass jeder, der irgend kann, sich noch besser die leider derzeit nur in den USA greifbare DVD besorgen sollte, die zwarmit Claire Gibault eine andere (und nicht erkennbar schlechtere) Person am Pult, sonst aber eine fast identische Besetzung hat und die herrlich komische Lyoner Inszenierung von Louis Erlo und Maratrat zeigt.


Die deutschen Aufnahmen der BANDITEN kenne ich gar nicht erst, aber ich fürchte, dass man ihnen wie so oft den Humor gründlich ausgespült hat, bevor sie den fade kabarettisierten Eintopf kredenzten, der einem hierzulande nur all zu oft als authentischer Offenbach zugemutet wird.

Da gehen auch unauffällige Feinheiten verloren wie die Tatsache, dass das Ganze an der spanisch-italienischen Grenze und der letzte Akt im nahen (!) Mantua spielt, wesegen der Prinz ein Graf von Mantua sein und seinem Vorbild nacheifern kann. Aber nicht umsonst ist der Räuberhauptmann ein Falsacappa, also falscher Mantel, der mit solch korrupten Herrschaften bestens umgehen kann.

:hello Rideamus
Solitaire (18.02.2011, 11:53):
Ich hatte vor einiger Zeit ein sehr interessantes Buch mit dem bezeichnenden Titel „Glitter and be gay“ ausgeliehen, auch hier ging es um die Operette. Grundtenor war, daß Operette (was mir völlig neu war) in früheren Zeiten wesentlich frivoler, erotischer und „verruchter“ gespielt wurde als das heute der Fall ist. Erst die Nazis, später die prüden 50er Jahre und dann die Sonntagnachmittagsshows von Anneliese Rothenberger und Kollegen hätten die Operette in die brave, spießige Ecke gestellt. Um 1914, so die Autoren, wurde in Operetten wie z.B. „Das weiße Rössel“ (kann das sein? Wurde odch viel später geschrieben oder? Egal.) oder „Die Gräfin Maritza“ immer wieder sehr stark mit vertauschten Geschlechterrollen, homoerotischen Anspielungen, Mann sucht Mann, Frau sucht Frau etc, gespielt. Richard Tauber, so habe ich baß erstaunt gelesen, soll ein Meister dieses Changierens zwischen sexuellen Orientierungen gewesen sein, und jedem im Publikum hat es offenbar großen Spaß gemacht.
In einer Zeit, alsFrauen durchweg in langen Kleidern und bis zum Hals zugeknöpft durch die Gegend rannten war es ein ungeheurer Kitzel, eine Frau im Herrenanzug (und damit Bein) zu sehen. Ohne daß deshalb ein großes Faß aufgemacht worden wäre, haben Regiesseure und Darsteller bei ihren Produktionen immer auch das schwul-lesbische Publikum im Auge gehabt. Ich fand das sehr aufschlußreich!

Einer der Autoren,ein Professor an einer Musikhochschule in ich-weiß-nicht-mehr-wo hat erzählt, daß er einem seiner Gesangsstudenten (die alle nicht gerne Operette singen) das Lied „Ob Blond ob Braun...“ gegeben hat. Er hat sich achtbar geschlagen, aber eben auch nicht mehr, dann hat er zu ihm gesagt „So. Und jetzt sing das mal ein bisschen schwul“. Das Ergebnis muß erstaunlich gewesen sein, im späteren Konzert hat besagter Student so schamlos mit Publikum und Text geflirtet, daß eine Gruppe braver älterer Damen bei der Stelle „Mein Herz ist groß...“ und einem entsprechenden lasziven Blick rosa angelaufen und in mädchenhaftes Gekicher ausgebrochen ist.
Nur mal so.
In dieser Tradition läuft zur zeit in Köln eine vielbeachtete „Csardasfürstin“ in der sämtliche Rollen von Männern gespielt werden, und das offenbar jenseits der unsäglichen „Chez nous“-Altherrenunterhaltung.
Leider, leider werde ich es zeitlich wohl nicht mehr schaffen, in die Vorstellung zu gehen.

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