Die Sinfonien Allan Petterssons - nachtschwarze Brachial-Sinfonik?

Tranquillo (03.02.2008, 13:34):
Hallo zusammen,

es braucht - so mein Eindruck - in diesem Forum nicht besonders erwähnt zu werden, dass auch im 20. Jahrhundert noch bedeutende Sinfonien geschrieben wurden, die es allemal wert sind, sich eingehend mit ihnen zu beschäftigen. Keine Frage - es gibt eine Sinfonik jenseits von Beethoven, Brahms und Bruckner, auch wenn in manch anderem Foren der Horizont allenfalls bis zum Jahr 1900 reicht (und dort sogar ernsthaft behauptet wird, dass es nach Beethoven mit der Sinfonie nur noch bergab ging).

Einer der letzten bedeutenden Sinfoniker des 20. Jahrhunderts war der Schwede Allan Pettersson (1911-1980, weitere Informationen über Leben und Werk finden sich hier). Die Sinfonie war eindeutiger Schwerpunkt in seinem Schaffen. Er komponierte 17 Sinfonien, wobei er die erste nicht zur Aufführung freigab und die letzte nicht mehr vollenden konnte.

Petterssons Kompositionsweise widersetzt sich jeglichem Schubladendenken. Obwohl er zu Beginn der 1950er Jahre in Paris Unterricht bei Honegger, Milhaud und Leibowitz nahm, der ein Verfechter der Zwölftonmusik war, entwickelte er unbeeindruckt von seinen Lehrern und von Zeitströmungen eine höchst individuelle Kompositionsweise, die sich nur schwer umschreiben lässt. Seine Sinfonien stellen sowohl an die Ausführenden als auch an die Hörer sehr hohe Ansprüche - die meisten von ihnen sind einsätzige Werke mit einer Dauer von 45-70 Minuten, die vom Hörer volle Aufmerksamkeit und Konzentration erfordern.

Beim deutschen Label cpo ist seit einiger Zeit eine preiswerte Gesamtaufnahme (Sinfonien Nr. 2-16) verfügbar, die über einen längeren Zeitraum mit verschiedenen Dirigenten und Orchestern entstand.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761203724727.jpg

Einzelne Sinfonien sind auch beim schwedischen Label BIS erhältlich.

Der Musikjournalist Klaus Umbach bezeichnete Petterssons Sinfonien als "nachtschwarze Brachial-Sinfonik". In den 1950er Jahren hielten schwedische Musikkritiker Pettersson für einen durchgeknallten Spinner ("er hat wohl nicht alle Tassen im Schrank"), erst mit der Uraufführung seiner 7. Sinfonie 1968 (Stockholmer Philharmoniker unter der Leitung von Antal Doráti, der diese Sinfonie später für die Schallplatte aufnahm und sich sehr für Pettersson einsetzte) begann Pettersson sich langsam als Komponist durchzusetzen.

Welche Sinfonien Petterssons kennt Ihr, wie ist Euer Eindruck?

Viele Grüsse
Andreas
Cosima (03.02.2008, 14:25):
Hallo Andreas,

gleich vorweg: Ich habe noch nie ein Werk dieses Komponisten gehört. Aber Pettersson scheint in Mode zu sein. Egal in welches Forum man schaut, stets stößt man auf seine Werke. Und auf Begeisterung darüber (vielleicht ein Zeichen unserer Zeit). Ein älterer Sinfonieführer von 1978 nennt noch nicht einmal seinen Namen, in dem aktuelleren Buch von Csampai / Holland las ich eben den Artikel von Reinhard Schulz.

Schulz fasst Petterssons Sinfonien als Versuche auf, eine „bewegt-zerrüttete Gefühlswelt“ in musikalische Tonsprache zu fassen, ihr somit Gestalt zu geben. Pettersson, der anscheinend ein schweres Schicksal zu tragen hatte (trunksüchtiger Vater, eigene schwere Erkrankung), soll eine sehr düstere, gesellschaftskritische Weltsicht gehabt haben, die sich in einer scharfen und herben musikalischen Sprache niederschlug.

Sicherlich kann man Petterssons Werke nicht auf seine psychischen und physischen Befindlichkeiten reduzieren, aber ehrlich gesagt: Mir macht dieser Mann ein wenig Angst. Ich weiß nicht, ob ich mich auf seine Werke wirklich einlassen möchte.

Gruß, Cosima
Poztupimi (03.02.2008, 14:45):
Hallo Andreas,

mir geht es da wie Cosima, bisher kenne ich kein einziges seiner Werke. Da ich aber inzwischen - seit letztem Jahr schätze ich mal - bei den Symphonien auch im 20. Jahrhundert angelangt bin, bin ich mir sicher, daß im Laufe des Jahres auch Petterssons Symphonien auf meinem Programm stehen werden. Wie auch noch die anderer Komponisten, die die Jahrtausendwende übersprungen haben oder erst danach geboren wurden. Und dann kann ich auch hoffentlich meine Meinung kundtun.

Viele Grüße,
Wolfgang
HenningKolf (03.02.2008, 14:59):
Andreas,

natürlich bekommst Du hier, so vermute ich, eher breite denn vereinzelte Zustimmung, dass das 20. Jhdt. einiges an bemerkenswerter Sinfonik zu bieten hat, wobei mein persönlicher Eindruck ist, dass man insoweit außer bei Komponisten aus der ehemaligen Sowjetunion auch in den skandinavischen Ländern besonders gut fündig werden kann (was nicht heißen soll, dass es sich nicht lohnen würde in anderen geographischen Regionen zu suchen).

Mit Petterson wollte ich mich schon immer beschäftigen, bin aber bisher noch nicht dazu gekommen - vielleicht rücke ich ihn auf der CD-Wunschliste (die für die nächsten 5 Jahre oder mehr reicht) ein wenig nach oben. Gibt es eine Komposition, eine einzelne Einspielung, die Du zum Einstieg besonders empfehlen würdest? Es müssen ja nicht immer gleich Gesamtaufnahmen sein.


Gruß
Henning
Tranquillo (03.02.2008, 17:30):
Original von HenningKolf
Gibt es eine Komposition, eine einzelne Einspielung, die Du zum Einstieg besonders empfehlen würdest? Es müssen ja nicht immer gleich Gesamtaufnahmen sein.
Hallo Henning,

ich würde die 7. Sinfonie als Einstieg empfehlen, sie ist - so habe ich es beim ersten Hören empfunden - relativ leicht zugänglich. Die Uraufführung im Jahr 1968 war ein grosser Erfolg, die Zuhörer müssen begeistert gewesen sein. Die Sinfonie wurde dann durch die Schallplattenaufnahme unter der Leitung von Antal Doráti einem breiteren Hörerkreis bekannt. Ein wichtiges Motiv in dieser Sinfonie ist ein rhythmisierter Molldreiklang in den tiefen Blechbläsern, und einige Abschnitte klingen für mich durchaus spätromantisch-tonal.

Die Anzahl der Aufnahmen ist sehr überschaubar:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761203919024.jpg

http://www.bis.se/images/covers/BIS-CD-580_72_150.jpg

Es gibt die obige Aufnahme bei cpo mit dem Philharmonischen Staatsorchester Hamburg unter der Leitung von Gerd Albrecht aus dem Jahr 1991 sowie bei BIS eine Aufnahme mit dem Norrköping Symphony Orchestra und Leif Segerstam als Dirigent aus dem Jahr 1993 (zusammen mit der Sinfonie Nr. 11). Letztere Aufnahme kenne ich nicht. Die cpo-Aufnahme ist eine Live-Aufnahme, was man allerdings nur an der etwas weniger "glatten" Akustik merkt. Störende Geräusche aus dem Publikum oder von den Musikern sind nicht zu hören.

Viele Grüsse
Andreas
HenningKolf (03.02.2008, 18:12):
@ Andreas

Danke für die Hinweise!

Henning
Tranquillo (03.02.2008, 22:34):
Original von Cosima
Aber Pettersson scheint in Mode zu sein. Egal in welches Forum man schaut, stets stößt man auf seine Werke. Und auf Begeisterung darüber (vielleicht ein Zeichen unserer Zeit).

Hallo Cosima,

ich weiss ja nicht, in welche Foren Du geschaut hast - im (nach eigener Aussage) grössten und führenden deutschsprachigen Klassikforum habe ich so gut wie gar nichts zu Pettersson gefunden.

Inwiefern sollte die Begeisterung über Petterssons Musik (wenn sie denn vorhanden wäre) ein Zeichen unserer Zeit sein?

Ein älterer Sinfonieführer von 1978 nennt noch nicht einmal seinen Namen, in dem aktuelleren Buch von Csampai / Holland las ich eben den Artikel von Reinhard Schulz.

Ein Sinfonien- oder Konzertführer liefert Informationen über Werke, die häufiger in Konzerten gespielt werden - da müssen zwangsläufig Schwerpunkte gesetzt (und Komponisten weggelassen) werden.

Schulz fasst Petterssons Sinfonien als Versuche auf, eine „bewegt-zerrüttete Gefühlswelt“ in musikalische Tonsprache zu fassen, ihr somit Gestalt zu geben. Pettersson, der anscheinend ein schweres Schicksal zu tragen hatte (trunksüchtiger Vater, eigene schwere Erkrankung), soll eine sehr düstere, gesellschaftskritische Weltsicht gehabt haben, die sich in einer scharfen und herben musikalischen Sprache niederschlug.

Diese Folgerung liegt nahe, und ein Satz Petterssons scheint dies zu unterstützen: "Das Werk, an dem ich arbeite, ist mein Leben, das gesegnete, das verfluchte: Um den Gesang wiederzufinden, den die Seele einst gesungen hat." Man hat ihm unterstellt, die treibende Kraft seines Schaffens sei Selbstmitleid gewesen, worauf er antwortete: "Glaubst Du, dass ich das, was ich geschaffen habe, hätte schaffen können, glaubst Du, dass man eine einzige Note schreiben kann, die lebt, wenn man dasitzt und sich selbst bemitleidet? Was ich vermittle, ist nicht Selbstmitleid, sondern bare Information." So einfach scheint es also doch nicht zu sein.

Gesellschaftskritisch war Pettersson insofern, als er sich mit den Unterdrückten identifizierte und seine Musik als Engagement für das Menschliche verstand. Ein anderer Satz über sich selbst lautet: "Ich bin kein Komponist. Ich bin eine Stimme, die etwas hinausschreit, was der Lärm der Zeit zu übertönen droht."

Mir macht dieser Mann ein wenig Angst. Ich weiß nicht, ob ich mich auf seine Werke wirklich einlassen möchte.

Das kannst Du erst wissen, wenn Du es ausprobiert hast. Bisher hast Du ja noch keine einzige Note von ihm gehört. Ich bin hier nicht derjenige, der Pettersson auf den Sockel heben will, aber ich denke, man sollte sich über ihn ein eigenes Urteil bilden - und das kann man nur, wenn man sich mit seiner Musik auseinandergesetzt hat.

Viele Grüsse
Andreas
Cetay (inaktiv) (04.02.2008, 06:06):
Mein Urteil über Pettersson gründet sich etwas dünn auf eine einzelne Aufnahme:

Original von Dox Orkh im "Meister des Nordens" Thread

Obwohl ich ein großer Fan von Sibelius bin und auch Nielsen sehr schätze, habe ich sonst fast nichts von Nordischen Komponisten.
Es gibt einfach viel zu viel zuviel interessante Musik da draussen. ?(

Allan Pettersson malt eher in grauen Farben. Dass der Musik dieses Komponisten häufig das Attribut "depressiv" verpasst wird, kann ich anhand der 7. Sinfonie gut nachvollziehen. Mir ist diese Musik etwas zu plakativ -beispielsweise wird ein bedrohlich düsteres Thema ständig wiederholt und dabei die Lautstärke immer mehr gesteigert- und ich empfinde die Architektur als nicht zwingend. Es gibt doch einige Längen und der stets dunkle Orchestersound ermüdet auf Dauer. Ganz klar, man respektiert sich, aber eine Freundschaft wird kaum draus.

http://www.euravent.co.uk/acatalog/DR031A.jpg

Manchmal kommt mir der Verdacht, dass ich vielleicht einfach eine schlechte Interpretation erwischt habe. Mir ist der Dirigent Sergiu Comisiona sonst völlig unbekannt, sein Mozart ist solide. Kennt jemand diese Aufnahme? Wie schneidet sie zu anderen Einspielungen (Segerstam, Albrecht) der 7ten ab?
Rachmaninov (04.02.2008, 08:24):
@Tranquillo,

ich muß gestehen, daß ich mich bisher nicht mit den Sinfonien Allan Petterssons beschäftigt habe.
Natürlich ist eine Beschäftgung geplant, da ich sowohl der nordischen Musik als auch der Sinfonik des 20. Jhrhunderts sehr zugeneigt bin.

Wahrscheinlich werde ich mit der von Dir empfohlenen 7. Sinfonie beginnen :hello
Tranquillo (04.02.2008, 10:57):
Original von Dox Orkh
Manchmal kommt mir der Verdacht, dass ich vielleicht einfach eine schlechte Interpretation erwischt habe. Mir ist der Dirigent Sergiu Comisiona sonst völlig unbekannt, sein Mozart ist solide. Kennt jemand diese Aufnahme? Wie schneidet sie zu anderen Einspielungen (Segerstam, Albrecht) der 7ten ab?

Hallo Dox Orkh,

mir sagt weder der Dirigent etwas noch kenne ich die Aufnahme, allerdings finde ich schon die Koppelung von Petterssons Siebter mit dem Fagottkonzert von Mozart etwas seltsam.

Bei der Interpretation von modernen Werken kommt dem Dirigenten immer eine ganz besondere Verantwortung zu. Wenn beispielsweise Mozart schlecht interpretiert wird, fällt das sofort auf Dirigent und Orchester zurück. Wenn aber ein moderner Komponist schlecht interpretiert wird, wird das Ergebnis leider in den allermeisten Fällen dem Komponisten angelastet.

Insofern ist es sicher nicht verkehrt, dem Komponisten eine Chance zu geben und sich (sofern verfügbar) eine zweite Interpretation anzuhören. Ich kenne nur die Aufnahme mit Gerd Albrecht - die kann aber so schlecht nicht sein, denn sie wurde mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Langeweile und Ermüdung beim Hören kommt bei mir jedenfalls nicht auf, aber das ist natürlich eine sehr subjektive Angelegenheit (abhängig davon, mit welchen Hörgewohnheiten und Erwartungen man an diese Musik herangeht).

Viele Grüsse
Andreas
liegnitz (04.02.2008, 12:55):
Original von Dox Orkh
Mein Urteil über Pettersson gründet sich etwas dünn auf eine einzelne Aufnahme:

Original von Dox Orkh im "Meister des Nordens" Thread

Obwohl ich ein großer Fan von Sibelius bin und auch Nielsen sehr schätze, habe ich sonst fast nichts von Nordischen Komponisten.
Es gibt einfach viel zu viel zuviel interessante Musik da draussen. ?(

Allan Pettersson malt eher in grauen Farben. Dass der Musik dieses Komponisten häufig das Attribut "depressiv" verpasst wird, kann ich anhand der 7. Sinfonie gut nachvollziehen. Mir ist diese Musik etwas zu plakativ -beispielsweise wird ein bedrohlich düsteres Thema ständig wiederholt und dabei die Lautstärke immer mehr gesteigert- und ich empfinde die Architektur als nicht zwingend. Es gibt doch einige Längen und der stets dunkle Orchestersound ermüdet auf Dauer. Ganz klar, man respektiert sich, aber eine Freundschaft wird kaum draus.

http://www.euravent.co.uk/acatalog/DR031A.jpg

Manchmal kommt mir der Verdacht, dass ich vielleicht einfach eine schlechte Interpretation erwischt habe. Mir ist der Dirigent Sergiu Comisiona sonst völlig unbekannt, sein Mozart ist solide. Kennt jemand diese Aufnahme? Wie schneidet sie zu anderen Einspielungen (Segerstam, Albrecht) der 7ten ab?


Ich hab Sergiu Comissiona in Madrid anfang der 90 erlebt. Er war damals Dirigent der Orquesta Sinfonica de la RTVE.
Ich kann mich, leider, gut erinnern an ein Deutsches Requiem.
Einfach grausam.
Vorsicht!

Bei Amazon.uk gibts es auch diese Aufnahme, die Ich nicht kenne.

http://ecx.images-amazon.com/images/I/41S69SZVVJL._AA240_.jpg

Herzliche Grüsse
von Emma
Cetay (inaktiv) (04.02.2008, 13:50):
@ Andreas & Emma

Vielen Dank für eure wertvollen Hinweise. Ich habe heute morgen die 7te nochmal gehört und war bis etwa Minute 15 absolut fasziniert, danach ging regelrecht die Luft raus. Das geht vom Dirigat her sicher besser.
Ich denke, ich werde es mit Segerstam versuchen. Der hat mit seiner Schnittke 1-Einspielung bewiesen, dass er bei Neutönerischem über eine volle CD-Länge den Spannungsbogen halten kann.

Viele Grüße
Jochen
uhlmann (04.02.2008, 16:35):
pettersson ist mir irgendwie sympathisch. ich mag diese "getriebenen" komponisten, die uns mit ihrer musik an ihren stimmungen, ihrer freude, ihren ängsten und sorgen, quasi an ihrem ganzen leben teilhaben lassen. pettersson ist so einer.

aufgrund ihrer radikalen emotionalität ist diese musik natürlich nichts für den mainstream. da muss man sich schon "darauf einlassen", so nebenbei kommt man ihr nicht auf die schliche.

ich kann diese stücke (ich habe die symphonien 7, 9, 11, 13, 14) nicht immer hören. die musik ist so emotionsgeladen, dass sie mich fertig macht, wenn ich nicht in der richtigen stimmung bin. bei kaum einem anderen komponisten breche ich so oft ein begonnenes werk ab - es geht dann einfach nicht.

ich empfinde petterssons symphonien als musik gewordene depressionen. manchmal sind sie mir für den musikalischen gehalt etwas zu lang geraten, aber kaum ein komponist hat seine (vorwiegend düstere) emotionalität so perfekt in musik gesetzt. man muss wohl schon ein bisschen masochistisch veranlagt sein, um etwa die neunte mit ihren knapp 80 minuten durchzuhalten. hin und wieder gelingt es mir.
Cosima (04.02.2008, 17:41):
Original von uhlmann
ich empfinde petterssons symphonien als musik gewordene depressionen.

Genauso stelle ich mir die Sinfonien – nach all dem Gelesenen darüber – auch vor. Und genau das schreckt mich ab. Aber vielleicht gebe ich den Werken irgendwann eine Chance, sympathisch ist mir dieser Komponist ja auch irgendwie ….

Gruß, Cosima
Tranquillo (05.02.2008, 09:01):
Original von uhlmann
aufgrund ihrer radikalen emotionalität ist diese musik natürlich nichts für den mainstream. da muss man sich schon "darauf einlassen", so nebenbei kommt man ihr nicht auf die schliche.

Hallo Uhlmann,

das stimmt - Petterssons Musik ist - trotz aller Differenziertheit der musikalischen Mittel - keine unterkühlt-intellektuelle Schreibtischmusik, kein abstraktes Spiel mit Tönen. Sie "lebt", sie will etwas ausdrücken, und das tut sie unmittelbar und direkt.

ich empfinde petterssons symphonien als musik gewordene depressionen.

Das empfinde ich anders - seine 10. Sinfonie beispielsweise ist für mich ein einziger, 27 Minuten dauernder Aufschrei. Von Depression ist da nichts zu spüren. Nach einem auffahrenden Motiv in den Bässen und einer Fanfare der Blechbläser setzt eine Bewegung ein, die unerbittlich vorwärtsdrängt, ein Strudel, der alles mit sich zu reissen scheint. Nur an wenigen Stellen (ich habe drei gezählt) kommt die Musik andeutungsweise kurz zur Ruhe, aber auch dort brodelt es im Untergrund. Auf der musikalischen Ebene findet sich komplexe Polyphonie, Polyrhythmik, Polytonalität, ausgefeilte motivische Arbeit - das Chaos ist nur scheinbar und oberflächlich. Die Mittel, die Pettersson einsetzt, um den Eindruck des Vorwärtsdrängens zu erzeugen, sind mitunter erstaunlich konventionell (z. B. Basslinie in vorwiegend gleichen Notenwerten - das gab es auch schon in der Barockmusik). Bemerkenswert für ein so radikales Werk: Es endet mit einem Durdreiklang - zwar nur kurz und in hoher Lage gespielt, aber trotzdem zweifelsfrei als solcher zu erkennen.

In Petterssons drei Streicherkonzerten (komponiert zwischen 1950 und 1957) ist für mich ebenfalls keine Depression zu spüren. Das erste Streicherkonzert ist in seiner Radikalität in gewisser Weise mit der 10. Sinfonie verwandt, während das zweite und dritte schon etwas "abgeklärter" wirken. Die einzige mir bekannte Aufnahme ist bei cpo erhältlich (Deutsche Kammerakademie Neuss, Leitung Johannes Goritzki):

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761203922529.jpg

Viele Grüsse
Andreas
Nordolf (22.02.2008, 21:46):
Hallo Andreas!

Ich habe jetzt mehrmals die folgende Aufnahme der 6. Symphonie von Pettersson gehört:

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0761203912421.jpg

Manfred Trojahn / Deutsches Symphonie-Orchester Berlin 1993

Diese einsätzige Symphonieschleife wogt auf und ab wie eine schwarze Welle, die keinen Blick auf den freien Himmel mehr zulässt. Bitterkeit und Resignation, ein Aufbäumen, das nie zum Zug gelangt, sondern immer wieder in sich zusammenfällt - dieses Werk ist von einer konsequenten Düsternis, die ihresgleichen sucht. Pettersson verwendete Material aus einem seiner "Barfußlieder" für die Symphonie. Das Lied, dessen Text er verfasst hat, handelt vom Tod: "Mehr kann keiner erraten, / doch wünschen vielleicht, / wenn ihm noch Wünsche geraten: / vor Todes Blick erbleicht." (Übers. von A. K. W. Meyer). Die sich zum Höhepunkt aufbäumenden Bläser, Trommeln und Streicher scheinen genau vor diesem Blick zu "erbleichen" und nie ganz zu einer Auflösung gelangen zu können. Ich denke, man sollte in dieser Symphonie keine positiven Aussagen suchen: - sie ist durchweg negativ. Die Musik sagt immer wieder: es gibt Verzweiflung, es gibt kein Entrinnen, es gibt ohnmächtige Wut, es gibt den Tod. Solche Radikalität kenne ich vielleicht noch annähernd von Mahlers 6., Schostakowitsch 8. - die Klangsprache des Russen hat viel mit der von Pettersson gemeinsam -, oder Vaughan Williams' 6. Symphonie.

Pettersson komponierte dieses Werk, als seine Krankheit täglich ein Stück mehr seiner Gesundheit mit sich fortnahm. Die Krankheit führte zur Verkrüppelung seiner Hände. Nach der 5. Symphonie wurde das Schreiben für ihn immer schwieriger. Vermutlich dürfte das nicht ohne Einfluss auf das Werk geblieben sein. Aber grundsätzlich klingen hier die Erfahrungen seiner Jugend wieder, der Zeit in den Slums von Stockholm, die er selbst so beschreiben hat: "Ich sehe mich als Zeugen, der diese Zeit überlebt hat. Ein Leben voller Armut, Krankheit, Alkoholismus und Demütigungen. Wir Arbeiterfamilien waren die weißen Neger. Wir wohnten in Nytorget in einem kleinen Kellerloch mit Gittern vor den Fenstern. Ratten und Läuse waren die rechtmäßigen Bewohner. Wir waren die Eindringlinge." Solche pointierten Aussagen zeigen jedoch auch die literarische Begabung Petterssons.

Die 6. Symphonie beginnt mit einem dunklen Klangteppich, der von den Streichern gewoben wird. Die Blechbläser setzen ein und erzeugen herbe unheilvolle Rufe. Gleichzeitig wird das Schlagwerk immer präsenter. Die Steigerungen schwellen wellenartig an, um dann wieder ohne Auflösung zu versinken. Diese Klangwände sind das hervorstechenste Merkmal der Symphonie. Sich ständig wiederholende Ostinato-Figuren, unerbittlich jeden Fluchtweg abschneidend, mauern den Hörer ein. Trommelklänge erzeugen eine Stimmung von Krieg, Kampf und Gewalt. Dazwischen immer wieder die Aufschreie der Bläser und Streicher. Alles fällt momentweise in bedrohliche Ruhe zurück. Schließlich erheben sich die Bläser zu einem dunklen Hymnus, der von spitzen Streichertönen durchbrochen wird. Dann erfolgt endlich eine wirkliche Entladung der Spannung: - aber nur kurz. Ein schneller Rückfall in untätige Stille ist das Ergebnis dieses Aufbäumens. Trauermarschartige Rhythmik schleppt das Werk weiter voran. In den letzten Minuten der Symphonie - nach fast einer Stunde - verendet der Spuk mit von Kontrabässen und dem Kontrafagott erzeugten Klangflächen.

Diese Musik ist zutiefst morbid, aber nicht selbstmitleidig. Der bequeme Vorwurf des Selbstmitleids, der damals Petterssons Werk gegenüber erhoben wurde, zeigt die Unfähigkeit unserer Gesellschaft mit Phänomenen wie Verzweiflung, Depression und Hoffnungslosigkeit umzugehen, die zur menschenlichen Realität nun einmal dazugehören: - Phänomene, die sich nicht einfach "jung, handelnd und dynamisch" hinwegorganisieren lassen.

Herzliche Grüsse!
Jörg
Tranquillo (24.02.2008, 11:54):
Original von Nordolf
Diese einsätzige Symphonieschleife wogt auf und ab wie eine schwarze Welle, die keinen Blick auf den freien Himmel mehr zulässt. Bitterkeit und Resignation, ein Aufbäumen, das nie zum Zug gelangt, sondern immer wieder in sich zusammenfällt - dieses Werk ist von einer konsequenten Düsternis, die ihresgleichen sucht.

Hallo Jörg,

deine Eindrücke teile ich - die Sechste erscheint mir unter allen Sinfonien Petterssons als die düsterste. Das will schon etwas heissen, denn die anderen Sinfonien strahlen auch nicht gerade ungebrochenen Optimismus aus.

Pettersson komponierte dieses Werk, als seine Krankheit täglich ein Stück mehr seiner Gesundheit mit sich fortnahm. Die Krankheit führte zur Verkrüppelung seiner Hände.

Auch, aber nicht nur. Pettersson litt an Polyarthritis, einer schmerzhaften rheumatischen Entzündung der Gelenke.

Die 6. Symphonie beginnt mit einem dunklen Klangteppich, der von den Streichern gewoben wird...

Sehr gut beschrieben!

Diese Musik ist zutiefst morbid, aber nicht selbstmitleidig. Der bequeme Vorwurf des Selbstmitleids, der damals Petterssons Werk gegenüber erhoben wurde, zeigt die Unfähigkeit unserer Gesellschaft mit Phänomenen wie Verzweiflung, Depression und Hoffnungslosigkeit umzugehen, die zur menschenlichen Realität nun einmal dazugehören: - Phänomene, die sich nicht einfach "jung, handelnd und dynamisch" hinwegorganisieren lassen.

Das sehe ich genauso. Dem Vorwurf des Selbstmitleids hat Pettersson immer wieder vehement widersprochen (darüber habe ich weiter oben schon etwas geschrieben). Es ging ihm um etwas ganz anderes.

Viele Grüsse
Andreas
Andréjo (01.03.2022, 13:00):
Hallo, miteinander!

Schon lange ein Pettersson-Fan, besitze ich mittlerweile das Gesamtwerk - alle seine Sinfonien (zumindest in der jeweiligen cpo-Einspielung), die beiden Violinkonzerte, das Bratschenkonzert, die Barfußlieder, frühe Kammermusik, die Kantate Vox Humana und die frühen Streicherkonzerte - jeweils wenigstens eine, zum Teil zwei, im Falle des Violinkonzerts drei Einspielungen, bei Letzterem also alle, die es meines Wissens zur Zeit gibt

In den Achtzigern bin ich erstmals - quasi halb bewusst - über den Rundfunk mit Pettersson in Berührung gekommen. Damals, meinerseits noch ohne CD-Spieler, gab es sicher nicht viele Aufnahmen, LPs habe ich mir nur selten gekauft, aber leider ließen sich die überlangen Sinfonien auch nicht angemessen auf Kassette bannen. Von daher blieb ein geheimnisvoller Eindruck von etwas undurchdringlich nachromantischem Riesigen und zugleich ungreifbar atonal Modernen. Ich hatte schon recht viel Musikerfahrung, aber dieser Eindruck ließ sich nicht wirklich klassifizieren und fiel der Vergessenheit anheim. Vermutlich blieb ein halb bewusster Rest ...

Vor vielleicht gut zwanzig Jahren begann die Wiederentdeckung dank Rundfunk, CD, über die einschlägigen Internetforen und mit Hilfe mancher Lexika.

Neuentdeckern möchte ich - in diesem Thread auf die Gefahr der Redundanz hin - empfehlen, mit der Siebten anzufangen, dann aber möglichst rasch die Zehnte, Elfte, Sechste, Achte und Neunte nachzuschieben.

Zu den letzten fünf Sinfonie: Der Spätstil gipfelt in der extrem komplexen Dreizehnten, die letzten drei sind wieder einfacher zu hören. Es mag banal erscheinen, aber meines Erachtens ist es symptomatisch für den späten Pettersson, dass die lyrischen Inseln - sie sind ja (so gut wie) ausschließlich bis dahin in Moll gehalten - stärker an Bedeutung gewinnen (gut, die Sechste weicht hierbei ab aufgrund des halbstündigen meditativen Trauergesangs zum Ende hin). Jetzt aber besinnt sich Pettersson auch auf das Dur. In der Chor-Sinfonie, der Zwölften, impliziert dies überdeutlich das Moment der Zuversicht im letzten Neruda-Gesang. Rätselhaft, unwirklich, vielleicht unwirsch-trotzig erscheint der Dur-Schluss der Dreizehnten. Es ist wohl wirklich nur ein Takt nach über einer Stunde Musik, dem eine etwas längere Moll-Passage vorausgeht. Irgendwie fühle ich mich - quasi mit umgekehrten Vorzeichen - an den atonalen Schlussakkord in Ives' zweiter Sinfonie erinnert.

Ein wunderbares Werk ist das Violinkonzert, Nr. 2 von 1977/1978/1980. Hier steht tröstlich Tonales in dem (für Pettersson nicht untypischen) merkwürdig barock-romantischen Duktus (quasi Bach a la Stokowski) fast gleichberechtigt neben inbrünstig Atonalem, wobei tendenziell wiederum die zweite Hälfte des Werks zuversichtlicher klingt. Von den drei Einspielungen ist die älteste (Haendel, 1988) die quasi authentische - fiebrig, angespannt, wie verzweifelt -, die zweite erklingt kühler, distanzierter (Keulen, 1999). Wallin, 2019, wiederum scheint mir den analytischen Aspekt zu betonen, ist sehr transparent - ein Manko gewiss bei Haendel - und farbig sowie aufnahmetechnisch vermutlich die stärkste Produktion. Ich möchte keine von den dreien beiden missen.




Tut mir Leid - aber ich habe noch nicht herausgefunden, wie man Bilder über jpc oder amazon so verlinkt, dass sie anklickbar sind.


Die ersten beiden Bilder habe ich in einem anderen Forum selbst verlinkt und hierher kopiert - vielleicht der Grund, dass es funktioniert.

Ich werde später mal weiter schauen und freue mich natürlich auch über Hilfe von Euch. Alles, was hier überflüssig ist, kann ich wieder löschen ... oder Ihr tut das. Herzlichen Dank!

EDIT: Die Änderung der Bildgröße habe ich jetzt verstanden.


https://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/violin-concerto-sacd/hnum/9066332



Hier noch der interne Link zu Sfantus Beitrag: Allan Pettersson - Violinkonzert Nr. 2

:) Wolfgang
Andréjo (23.01.2023, 12:55):
Düster ...


Kurz zum letzten Beitrag von Tranquillo, der aber vermutlich hier nicht mehr schreibt.

Die Meinung, Petterssons sechste Sinfonie sei seine düsterste, empfinde ich keineswegs als unberechtigt. Die Düsterkeit wird freilich, so meine ich, leichter als solche empfunden, weil die Sinfonie vergleichsweise zugänglich ist. Sie ist nicht kurz, aber gewiss auch nicht seine umfangreichste. Man kann dem impliziten Programm folgen und es von daher relativ bequem nachvollziehen. Das gilt für andere (düstere) Sinfonien des schwedischen Meisters durchaus weit weniger ...

Ob ich Nummer sechs selbst als sein düsterstes Werk empfinde, ist nicht leicht für mich zu beantworten. Man müsste den Begriff fest umreißen können. Allein das scheint mir bereits schwierig.

:) Wolfgang
Sfantu (19.02.2024, 21:02):
Nachdem ich mir in den letzten Monaten die handvoll Schallplatten und CDs mit Petterssons Musik, die ich habe, wohl dosiert anhörte, erschien kürzlich bei BIS diese Gesamtausgabe mit 17 CDs + 4 DVDs. Ich begriff das als Zeichen, zögerte noch ein, zwei Wochen. Dann konnte ich nicht anders, als diesen Klotz zu bestellen - heute traf er bei mir ein. Kann noch nicht sagen, wie konstant und nach welcher Methode ich diese Reise antreten werde - chronologisch oder nach Andréjos empfohlener Wegleitung (was die Sinfonien angeht). Abseits solcher Fragen packen mich jedenfalls Neugierde und ein leichtes - doch sehr wohl freudiges - Schaudern vor dem Einstieg in dieses Wagnis.



Allan Pettersson

Gesamtwerk

Ulf Wallin, Violine
Ellen Nisbeth, Bratsche
Jörgen Pettersson, Altsaxophon
Bengt-Ake Lundin, Klavier
Peter Mattei, Bariton
Anders Larsson, Bariton
Duo Galland
Radiokören
Eric Ericsons Kammarkör
Norrköppings Symfoniorkester - Christian Lindberg / Leif Segerstam
Radiosymfonikerna Stockholm - Stig Westerberg
Nordiska Kammarorkestern - Christian Lindberg

(BIS, 17 CDs, 4 DVDs, 2023, AD: 1976 - 2023)
Andréjo (19.02.2024, 22:18):
Dein Interesse freut mich, werter Sfantu! Da ich Dich als sprachgewandten Analysator Deiner Höreindrücke kenne, könnte auch das sehr interessant sein.

Mein längerer Beitrag von vor jetzt auch schon wieder zwei Jahren lässt erkennen, dass ich mich habe einfühlen und dann einhören müssen und später auch einlesen können. Du kannst das schneller, geschulter, quasi am Stück erledigen. Aber lass Dir ruhig Zeit!

:) Wolfgang
Andréjo (19.02.2024, 22:37):
In Petterssons drei Streicherkonzerten (komponiert zwischen 1950 und 1957) ist für mich ebenfalls keine Depression zu spüren. Das erste Streicherkonzert ist in seiner Radikalität in gewisser Weise mit der 10. Sinfonie verwandt, während das zweite und dritte schon etwas "abgeklärter" wirken. Die einzige mir bekannte Aufnahme ist bei cpo erhältlich (Deutsche Kammerakademie Neuss, Leitung Johannes Goritzki):


Viele Grüsse
Andreas
Die drei Streicherkonzerte habe ich zufällig vor Kurzem mal wieder gehört - vorher wohl allenfalls vielleicht drei Mal und länger nicht mehr.

Mittlerweile empfinde ich den romantischen Gestus dieser relativen Frühwerke als viel ausgeprägter denn erinnerlich. Selbst diese vielleicht eher kühlen, im Gestus eher objektiven Streicherkonzerte sind im Grundcharakter nicht viel weniger pathetisch als späteres Schaffen.

Da mir alles, was der sechsten Sinfonie vorausgeht, durchaus weniger vertraut ist als, was mit ihr einsetzt, könnte mein Gesamtbild sich noch stärker wandeln. Irgendwie ist es sogar schade, dass ich den naiven Eindruck von vor Jahrzehnten - siehe Beitrag weiter oben - schon länger nicht mehr annähernd heraufbeschwören kann - aber das ist ein beinahe philosophisch greifbares Lebensprinzip, meine ich. Das letzte Mal war die Erfahrung so ähnlich geartet bei der Nummer 13, die man mit Fug und Recht wohl als Petterssons undurchdringlichstes, unverständlichstes Opus wird werten dürfen.

Was ich nicht verstehe (sollte ich das nicht schon geschrieben haben - in zwei anderen Foren habe ich es auf jeden Fall schon getan), ist die Tatsache, dass viele Musikliebhaber die Zehnte als besonders radikal empfinden. Warum eigentlich? Sie dauert nur eine halbe Stunde, ist ganz klar in vier Teile strukturiert - und der Quasi-Kopfsatz ist doch nur radikal im Sinne eines dauerhaften Aufschreis (1). Diesen Schrei kann aber nun jeder nachvollziehen. Es ist nichts anderes als zum Beispiel der Schrei am Ende von Karl Amadeus Hartmanns Violinkonzert - meine ich.

(1) EDIT: Soeben lese ich mit Interesse, dass Tranquillo in seinem hier per Zitat teilverlinkten Beitrag auch von einem "Aufschrei" gesprochen hat. Zunächst freut mich dieser Zufall. Aber ich möchte schon behaupten, dass dieser Aufschrei keineswegs 27 Minuten dauert. Die Musik ändert sich nämlich ganz wesentlich in den Folgepassagen. Man möge es nachhören!
Joe Dvorak (21.02.2024, 03:43):
Für eine erneute Beschäftigung mit Pettersson wurde die Sechzehnte ausgewählt. Zum einen ist sie mit 27 Minuten nur halb so lang wie ihre Kolleginnen, zum anderen ist ein obligates Saxophon dabei. Ich meine, es würde auch als Saxophonkonzert durchgehen, aber dann kauft es keiner. Ausgewählt wurde die Aufnahme mit dem Widmungsträger John-Edward Kelly und die hat es wirklich in sich. Nicht in dem Sinne, dass sich stereotyp Furor und Depression abwechseln, sondern dass diese Kontraste hier zugunsten eines musikalischen Flusses verwischt werden, der geradezu obszön die verborgene Melodieseligkeit des Ganzen herausarbeitet und vor allem sinnstiftende Zusammenhänge mir besser hörbar vermittelt. Unterstützt wird dies durch den warmen, voluminösen Klang des Soloinstruments und das dunkle, kompakte Klangbild.



John-Edward Kelly, RSO Saarbrücken, Alun Francis

Demgegenüber wirkt die jüngere Aufnahme aus Norrköping drängender (man achte auf die tiefen Streicher gleich zu Beginn) und punktet mit viel mehr Detailreichtum, der allerdings oft ins Grelle, wenn nicht Schrille umschlägt. Das klingt dann mehr nach dem typischen dissonanten neoromantischen Expressionismus, der mich einfach nur nervös macht und nach einer Weile Abschaltereflexe auslöst.



Jörgen Pettersson, Norrköpings Symfoniorkester, Christian Lindberg

Ich habe ein paar Mal hin- und her verglichen, um sicher zu gehen, dass ich keiner Täuschung aufsitze, aber es hat sich verfestigt: Wenn Francis dran ist, dann ist das fesselnd, die sich auftürmenden Klangballungen und heftigen Entladungen machen Sinn, das packt emotional, ohne zu überwältigen, das ist grandiose Musik. Wenn die Gotländer am Werk sind, wird es unangenehm. Dies wäre ein gutes Beispiel für die in einem anderen Thread diskutierte Frage, wie wichtig die Interpretation (genauer: Aufnahme) für ein Werk ist. In diesem konkreten Fall wäre das Werk bei mir durchgefallen, wenn es nur diese eine Aufnahme gäbe.
Andréjo (21.02.2024, 12:13):
Die Aufnahme, auf der gleich zweimal Pettersson steht, kenne ich nicht. Lassen wir's erst mal dabei. Wenn der Wahnsinn über mich kommt, kommt er sowieso ... Oft werden ja die Lindberg-Einspielungen als die besseren gesehen und ein paar- ein paar mehr sogar - habe ich mir auch noch zusätzlich zugelegt. In diesen Fällen kann ich eigentlich beiden Versionen das Richtige abgewinnen. Die neueren Einspielungen sind oft klangtechnisch stärker, die älteren schärfer und herber. Aber so wie Du die Dinge formulierst, könnte es bei der Saxophon-Sinfonie umgekehrt sein, was das Scharfe und Herbe anbelangt.

Fazit indes: Weder ist mein Geschmack maßgeblich noch ist meine Stimmung immer gleich. Und in der Mischung liegt ohnehin oft die Würze. Warum sollte immer nur eine einzige Interpretation - da besonders schnell oder besonders farbenreich oder besonders romantisch oder was weiß ich - die wahre sein? Aber das sage ich ja nicht zum ersten Mal hier.