Don Carlo, Salzburg, 16.8.13

stiffelio (17.08.2013, 10:58):
Hallo,

gestern habe ich leider nur den 2.-4. Akt auf Arte ansehen können und gerade schaue ich mir das Ganze auf arte+7 hier nochmal an.
Bisher hat es mich trotz Kaufmann, Harteros und Hampson irgendwie nicht wirklich begeistert. Geht euch das auch so?
(gerne auch in einen neuen oder geeigneteren Thread, falls jemand Lust auf eine Diskussion verspürt)

VG, stiffelio

edit: ups, das ist ja schon unbeabsichtigt ein neuer Thread geworden. Eigentlich wollte ich mich an den "Oper im TV-Sammelthread" anhängen. Vielleicht ein Schicksalswink...
Schweizer (17.08.2013, 11:17):
Liebe stiffelio, ich habe die ganze Aufführung gesehen und würde mich gerne einbringen, mitdiskutieren ...
Nur soviel: es gab für mich regiemässig starke wie schwache Szenen, solche die mich überzeugten, andere die mir wenig geprobt, unfertig erschienen und folglich nur mit (mitgebachter?) Routine abliefen.
starke Eindrücke (was mir spontan einfällt):
- erster Akt
- Duett Philipp-Posa "Restate ..."
- 4. Akt ohne Szene Grossinquisitor-Philipp
- Kerkerduett Carlo-Posa
- musikalisch die geöffneten Striche

schwach:
Mitternachtsszene Carlo/Eboli/Posa
Autodafé

Gruss vom Schweizer
Amonasro (17.08.2013, 11:41):
Hallo stiffelio,

ich fand die Aufführung sehr gelungen. Als Freund eher klassischer Aufführungen konnte ich mich gut mit Peter Steins Inszenierung anfreunden. Sie wirkte modern, blieb aber auf das wesentliche reduziert, sodass die Persönlichkeit der Sänger mehr im Vordergrund stand. Auch das Bühnenbild war sehr schön gestaltet (vor allem im 4.Akt). Trotzdem gab es auch interessante Details wie z.B. das Schneien am Ende von Akt 1, was mir sehr gefallen hat. Die Sänger waren ohne Ausfall gut bei Stimme. Jonas Kaufmann bringt für mich jedoch irgendwie nicht den Stürmer-und-Dränger-Carlo rüber. Ich finde seine Stimme auch sehr dunkel, was nicht wirklich zur Rolle passt. Glanzlichter waren Thomas Hampson und Anja Harteros, die jedoch an mancher Stelle etwas angestrengt wirkte. Thomas Hampson überzeugte sowohl darstellerisch als auch stimmlich. Die Sängerin der Eboli, die ich gestern zum ersten Mal sah und hörte, meisterte ihre Rolle gut, aber nicht herausragend. Das Lied vom Schleier habe ich schon unbeschwerter, leichter gehört. Sie stellte eher eine sehr energische, berechnende Eboli dar, was dazu führte, dass im 2.Akt sie im Mittelpunkt zu stehen schien, nicht die Königin. Die kleineren Rollen waren alle grandios besetzt (Robert Lloyd als Mönch und Eric Halfvarson als Großinquisitor). Matti Salminen überzeugte stimmlich mehr als darstellerisch. Bei seinem Auftritt im 2.Bild des 2.Akts war ich zunächst verwirrt: Er wirkte eher belustigt; man hätte denken können, er genießt es förmlich seine Frau zu demütigen. Das passt irgendwie nicht zu Philip, der ja einfach nur streng und prinzipientreu ist, aber selbst darunter leidet. Später wirkte Salminen auch eher wie der väterliche Freund aller Beteiligten, selbst beim Gespräch mit dem Großinquisitor lächelte er still in sich hinein. Nach Posas Tod wurde er stimmlich jedoch nochmal stärker und beeindruckte - wenn auch nur in dieser Szene. Chor und Orchester unter Pappano, den ich ohnehin sehr schätze, ließen keine Wünsche offen.

Das große Plus der Aufführung waren aber die sonst gestrichenen Stellen (Holzfällerchor, Gespräch zwischen Elisabetta und Eboli in Akt 3 und die Klage des Königs über Posas Tod in Akt 4), die ich gestern zum ersten Mal hörte. Ich war überrascht, welche schönen Stellen einfach gestrichen werden. Ich werde auf jeden Fall versuchen, eine Aufnahme zu finden, die diese Stellen berücksichtigt (vor allem den Teil nach Posas Tod).

Das waren meine flüchtigen Eindrücke.

Gruß Amonasro :hello
stiffelio (17.08.2013, 11:51):
Liebe Severina,
wenn wir jetzt schon unbeabsichtigt einen eigenen Thread für diese Don Carlo-Aufführung haben, erlaube ich mir, deine dankenswert ausführliche Besprechung (der ich in weiten Teilen zustimme) hierherzukopieren:

Original von Severina:
Die vielen Vorschusslorbeeren, die überwiegend euphorischen Kritiken und auch die Papierform versprachen einen großartigen Openabend, aber ehrlich gesagt fand ich ihn dann gar nicht sooo großartig.

Dass Peter Stein keine aufregende Inszenierung liefern würde, stand für mich von vornherein fest, aber ein bisschen weniger Belangloses hätte ich mir schon erwartet. Eine Zeitung kolportierte einen angeblichen Zwist zwischen Stein und Jonas Kaufmann, weil der sich geweigert hätte, zu allen Proben zu erscheinen. Das kann ich gut verstehen, denn WAS hätte er proben sollen??? Mit Anja Harteros und auch Thomas Hampson hat er schon so oft gearbeitet, dass er sich mit beiden blind versteht, da funktioniert das Zusammenspiel ohne viele Worte.

Das Ärgernis begann für mich schon beim völlig stimmungslosen Bühnenbild. Nun liebe ich bekanntlich minimalistische Lösungen, leere Räume, aber sie müssen Atmosphäre vermitteln, und das schaffen in Salzburg bestenfalls das Fontainebleau-Bild und das Kerkerbild. Diese weißen, völlig strukturlosen Wände mit ihren abgezirkelten Öffnungen erinnerten mich an die Puppenhäuser, die ich mir als Kind aus Schuhkartons zu basteln pflegte... Mit einer suggestiven Lichtregie hätte man auch daraus etwas machen können, aber auch die fehlt. Besonders lächerlich finde ich das Gartenbild, wo vor einem grünen Zelt im Hintergrund die armen Sänger durch aus roten Stoffbahnen gebildete Absperrungen irren müssen. Ähnliche Vorrichtungen gibt es heute bei Megaevents, um den Publikumsansturm zu regulieren....
Dann noch der Kitsch dieses vergoldeten Denkmals des seligen Karl V... Dass der dann als goldbestäubter "Geist" umherwandelt, den armen Carlo dadurch erschreckt, dass er ihm ganz wie der Tod im Jedermann von hinten die Hand auf die Brust legt, hat schon ein bisschen was von den Pradler Ritterspielen.
Absolut lachhaft das Autodafè. Ich dachte ja bisher, schlimmer als an der WSO könne man diese Szene nicht in den Sand setzen, aber Peter Stein trat den Beweis an: Man kann! Das ist schlicht nur peinlich. (Was sollen bitte die Indianer? Noch dazu in einer derart lächerlichen Aufmachung, dass sie nicht einmal auf einem Kinderfasching damit durchkämen!)

Viele Kritiker schwärmten von den "historischen Kostümen", für die alte Gemälde Pate gestanden hätten. Nun, wo diese ominösen Gemälde hängen, wüsste ich wirklich gerne. Bis auf die Kopfbedeckung von Filippo war nichts, aber schon gar nichts zeitgemäß an diesen Kostümen, speziell bei den Damen. Das elegante, fließende schwarz-weiße Ensemble, das Elisabetta im 3. Akt trägt, erinnert an die Reformkleider einer Emilie Flöge, und wenn sie damit einem Gemälde entstiege, dann einem von Gustav Klimt. Wobei mich nicht die Kostüme an sich stören, die von kleidsam (Don Carlo) über hässlich (Posa) bis lächerlich (das Nachthemd Filippos) reichen, sondern der Unsinn, der darüber verbreitet wurde.

Unter diesen ungünstigen Rahmenbedingungen ist es ein Wunder, dass trotzdem spannende Momente zu erleben waren, aber die gingen ausschließlich auf das Konto des intensiven (Zusammen)spiels von Anja Harteros, Jonas Kaufmann und Thomas Hampson. Da stimmte wirklich alles, jede Geste, jeder Gesichtsausdruck, das war Musikdrama der Extraklasse.

Und stimmlich?

Nun ja, Jonas Kaufmann brauchte so ziemlich den ganzen Fontainebleau-Akt, um auf Betriebstemperatur zu kommen. Danach gefiel er mir sehr gut, bis auf die extrem kopfigen Piani, die mich diesmal störten. Aber die dramatischen Passagen ließen keine Wünsche offen. Aber wie Kaufmanns Gesicht sämtliche Gefühlsregungen des unglücklichen Infanten widerspiegelt, wie er in jedem Moment absolut im Spiel ist, unmittelbar auf seine Kontrahenten reagiert, das ist ein Erlebnis für sich und lässt mich leicht verschmerzen, dass mich sein Singen diesmal nicht so restlos glücklich gemacht hat. (Aber ich muss gestehen, dass mir bei seinen Verdi-Partien immer das letzte Quäntchen fehlt. Das ist der Komponist, der ihm zumindest in meinen Ohren am wenigsten in der Kehle liegt.)

Wunderbar, ganz ohne Abstriche, Anja Harteros, die einfach alles kann: Glasklare, innige Piani ebenso wie große dramatische Ausbrüche, emotional wahrhaftig und bezwingend in jeder Phrase. Großartig auch ihr Spiel, der innere Kampf der liebenden Frau mit der Würde der Königin.

Positiv überrascht war ich von Thomas Hampson, der im Unterschied zu meinen letzten Live-Begegnungen mit ihm diesmal überwiegend gesungen und nicht gebrüllt hat. Das sein einst so einschmeichelnder Bariton inzwischen härter geworden ist und an Schmelz eingebüßt hat, mit diesen Abstrichen muss man leider leben. Das wird aber durch die intensive Gestaltung dieses intelligenten Singschauspielers weitgehend ausgeglichen.
Die Kritikerin der Wiener Zeitung, die von einer "fehlenden Chemie" zwischen Hampson und Kaufmann faselte, muss bei einer anderen Veranstaltung gewesen sein, den ergreifender als die beiden kann man die Kerkerszene wohl kaum gestalten. (Das war ebenso mitreißend wie bei Keenlyside und Villazón am ROH)

Sehr gut gefiel mir auch Ekaterina Semenchuks Eboli. Beim Lied von Schleier dachte ich mir noch "Sehr brav, aber nicht sensationell", aber wie sie dann bei "O don fatale...." ff aufdrehte, ohne schrill zu klingen, das hatte wirklich Klasse.

Absolut nicht festspielwürdig war für mich hingegen Matti Salminen. Er legte den Filippo über weite Strecken als Sprechrolle an, aber selbst da fehlte es ihm an der nötigen Durchschlagskraft. Dieser König verbreitete weder Autorität noch Schrecken, auf mich wirkte er eher wie ein gütiger Opa, der mit milder Nachsicht die Fantastereien eines Heißsporns wie Posa belächelt. (Tatsächlich umspielte in vielen Szenen ein leises Lächeln seine Lippen, das völlig deplatziert wirkte.) Für "Amor per te non ha" kratzte er dann sämtliche Stimmreste zusammen, schöpfte aus dem Fundus seiner reichen Erfahrung und brachte es insgesamt doch recht eindringlich über die Rampe. Trotzdem: Für die Salzburger Festspiele ist das zu wenig!

So, vielleicht später mehr, fürs Erste reicht es (mir)! Ich warte auf Eure Eindrücke!

lg Severina :hello

PS: Haben wir tatsächlich noch keinen Don-Carlo-Thread??? Das muss sich schleunigst ändern, aber vor dem September werde ich leider kaum dazu kommen, einen zu eröffnen.
stiffelio (17.08.2013, 15:23):
Lieber Schweizer, lieber Amonasro,

wäre dies mein erster Don Carlo, dann wäre ich vermutlich sehr beeindruckt gewesen. Mein Problem ist, dass ich dafür schon zu viele als überwältigend gut empfundene Don Carlos-Aufnahmen gesehen habe.
Zuvorderst die der ROH mit Villazon, Keenlyside und Furlanetto, dann den französischen Don Carlos mit Alagna, Hampson und van Dam. Aber auch den Don Carlo von 1986 unter Karajan mit Carreras, Cappuccilli und Furlanetto und den von 1992 unter Muti mit Pavarotti, Coni und Ramey würde ich zwar nicht als GA, aber in einzelnen Szenen dazuzählen.

Für die Rolle des Don Carlo ist mir am liebsten die gefährliche Labilität nahe am Abgrund eines Villazon oder die Zerbrechlichkeit unter glatter Oberfläche eines Carreras. Kaufmann singt und spielt den Don Carlo sehr gut, in Teilen auch hervorragend, aber er wirkt mir einfach zu gesund, zu normal. Ich nehme ihm beispielsweise sein Mißtrauen gegenüber Posa am Ende der Mitternachtsszene ab, aber nicht mehr sein plötzliches Umschwenken wenige Augenblicke später.

Auch Hampson war sehr gut, am besten im Zusammenspiel mit Kaufmann, in den Szenen mit Philipp fehlte ihm jedoch der spielerische Gegenpart. Ich gebe außerdem Severina recht, dass man seine Stimme besser nicht mit früher vergleicht, schon gar nicht mit dem absolut berauschenden Posa, den er 2001 im französischen Don Carlos verewigt hat. Komischerweise ist es mir auch noch nicht gelungen unter all den einzeln überzeugend gespielten Szenen den vollständigen Menschen Posa zu entdecken.

Bezüglich Salminen habe ich Severina kaum etwas hinzuzufügen. Das war kein König Philipp, tut mir leid. Schon das "Restate", sonst eine meiner Lieblingsszenen, hat für mich ungeheuer darunter gelitten.
Halfvarson als Großinquisitor - na ja. Auch vor seiner Stimme hat meinem Eindruck nach der Zahn der Zeit nicht halt gemacht. Natürlich kann man sich bei dieser Greisenrolle vorstellen, wie er im Duett mit Philipp über seine stimmlichen Grenzen hinaus gehen muss. Beeindruckender finde ich aber einen echten Stimmkampf , wie ihn sich z.B. Anisimov mit Ramey geleistet hat.

Glanzlicher waren tatsächlich die beiden Damen, beide mit Facetten, die mir in ihren Rollen neu waren und gut gefallen haben. Am allerbesten hat mir dadurch tatsächlich der zweite Teil des 4. Aktes und der 5. Akt gefallen. Im 5. Akt konnte mich dann auch Kaufmann voll überzeugen, wie er versucht, sich nach Posas Tod gewaltsam zusammenzureißen. Auch Posas Todesszene war ein Highlight, allerdings haben mich Keenlyside und Villazon an der ROH doch noch mehr beeindruckt. Die selten gespielte Klage des Königs nach Posas Tod kannte ich bereits aus dem französischen Don Carlos.

Ich gebe aber gern zu, dass es vermessen ist, von einer noch so gut besetzten Aufführung zu erwarten,dass sie sämtliche Glanzlichter aus früheren Zeiten toppen könnte.

VG, stiffelio
Zefira (17.08.2013, 16:01):
Liebe stiffelio, ganz kurz zu Halfvarson: Ich habe ihn (letztes Jahr, glaube ich) in der Kinoübertragung aus der MET als Großinquisitor gesehen (mit Alagna als Carlos und Keenlyside als Rodrigo). Da habe ich, nach meiner Erinnerung, hier noch dazu geschrieben, dass ich noch nie einen derart ausgeleierten Bass gehört hätte.
Verglichen damit war er gestern wieder richtig gut.
Eine große Enttäuschung war für mich Salminen. Der wirkte wie ein knuffiger Teddybär, nicht wie ein König. Auch stimmlich m.M.n. überhaupt nicht gut.

Später vielleicht mehr, bin nur kurz hier ....

Grüße von Zefira
Severina (17.08.2013, 16:54):
Liebe Stiffelio,

bei unserer Carlo(s)-Hitliste stimmen wir bei den ersten beiden Plätzen völlig überein, auch bei mir führt der ROH-Carlo vor dem Carlos mit Alagna (zwar nicht mehr am Zenit seiner Stimmpracht, aber immer noch sehr gut) und Hampson. Besonders in der Sterbeszene sind Villazón und Keenlyside einfach unglaublich: Der Ausdruck in Keenlysides Augen am Schluss, als ob sie schon das Jenseits schauen - da rieselt es mir jedesmal kalt über den Rücken.

Aber hier geht's vorerst um die Salzburger Aufführung: So faszinierend Villazóns psychische Grenzwanderung als Carlo natürlich ist, so bin ich grundsätzlich nicht der Meinung, dass der Infant kein seelisch gesunder Mann sein darf. Sein Unglück speist sich schließlich aus zwei sehr realen Quellen: Einerseits die unglückliche Liebe zu seiner Stiefmutter, die ja auch kein stures Sich-in-etwas-Verrennen ist, denn sie war ihm zugedacht und wurde ihm quasi gestohlen, und dann das problematische Verhältnis zu seinem Vater, der ihn von sich und der Politik fern hält, nicht den Sohn, sondern den Gegner in ihm sieht. Das sollte eigentlich reichen, um auch einen psychisch gesunden Menschen durchdrehen zu lassen. Kaufmann spielt nicht die existenzielle Verzweiflung aus wie Villazón, sondern die Wut des vom eigenen Vater um sein Lebensglück Betrogenen. Bei Villazón geht in der Schlussszene die Verzweiflung in stille Resignation über, nur die Aussicht auf eine Vereinigung im Jenseits gibt ihm die Kraft zum Weiterleben. Durch Kaufmanns Trauer blitzt hingegen der Wille, die unglückliche Liebe zu Elisabetta durch politische Taten zu sublimieren, für ihn ist Flandern nicht nur Endpunkt seiner Flucht, sondern eine echte Option.
Ich finde den Moment so berührend, in dem Kaufmann innerlich diesen Wandel vollzieht: Wenn ihm Elisabetta die Hand auf die Schulter legt, zuckt er zusammen, empfindet diese Berührung noch sinnlich-erotisch, die Qual, widerstehen zu müssen, spiegelt sich deutlich in seinen Zügen. Doch dann geht ein Ruck durch ihn, sein Körper strafft sich, sein Blick wird entschlossen, ist auf ein neues Ziel gerichtet. Zwar hat er der Liebe seines Lebens eben abgeschworen, aber er wird diese Liebe nun seinem Volk schenken, ihm ein guter und gerechter König sein. Es sind diese Momente, die mich für das Nichtvorhandensein eines Regiekonzepts entschädigen.

Mir gefallen beide Varianten, wobei ich mir einen "Rollentausch" gar nicht vorstellen könnte, denn seelische Gebrochenheit zu mimen liegt Kaufmann ebenso wenig wie Villazón als "Auf-zu-neuen-Ufern"-Carlo überzeugen würde.

Eben ist der zweite Durchlauf beendet. Hach, die Harteros ist im letzten Bild einfach grandios. Im Übrigen frage ich mich, ob das Blau live auch so penetrant war wie auf dem Bildschirm, das tut einem richtig in den Augen weh. Und dann wieder der vergoldete Carlo Qunito - hilf Himmel, diesen Kitsch hätte ich Peter Stein wirklich nicht zugetraut.

lg Severina :hello

PS: Ein Mysterium ist auch Posas Tod: Er wird zwar von hinten erschossen, hat aber nur eine Bauchwunde :J

PPS: Zefira, das ist lustig, denn genau an einen Teddybär musste ich bei Salminen auch immer denken!
stiffelio (17.08.2013, 17:12):
Liebe Severina
Original von Severina
So faszinierend Villazóns psychische Grenzwanderung als Carlo natürlich ist, so bin ich grundsätzlich nicht der Meinung, dass der Infant kein seelisch gesunder Mann sein darf.
Völlige Zustimmung, was das "dürfen" betrifft. Ich habe auch nur gemeint, dass ich es anders (bisher) noch überwältigender gefunden habe.
Vielen Dank für deine Ausführungen zum Don Carlo von Kaufmann. Da hast du mir große Motivation für einen neuen Durchgang mitgegeben.

PS: Ein Mysterium ist auch Posas Tod: Er wird zwar von hinten erschossen, hat aber nur eine Bauchwunde :J
Fand ich zuerst auch dusselig, inzwischen scheint es mir medizinisch gesehen gar nicht so falsch: das ist offenbar eine Durchschusswunde (keine Steckwunde) bei der das Austrittsloch wesentlich größer sein kann, als das manchmal recht unauffällige Einschussloch. Freilich fehlt mir dafür das entsprechende Austrittsloch am Hemd Posas :J.

VG stiffelio
Zefira (17.08.2013, 17:22):
Mein Bruder sagt in solchem Fall: "Rückwärts durch die Brust ins Auge!" :haha
Ingrid (17.08.2013, 18:16):
Hallo,

nun wurde schon so viel Nachdenkenswertes geschrieben, dass ich im Moment nicht so recht weiß, wo ich einsteigen soll. Obwohl ich mal wieder sehr dazu tendiere, mit dem Münchner DC zu vergleichen und durch die vielen Liveerlebnisse "unserem" (Rose-Insz.) ganz eindeutig den Vorzug geben würde, hat mich der gestrige Don Carlo doch von Anfang bis Ende wach gehalten und deshalb kann er nicht ganz so schlecht gewesen sein :wink

In einem anderen Forum fand jemand Jonas Kaufmann grottenschlecht, weil er keine Bühnenpräsenz und kein Schauspieltalent hätte. Da muss man dann schon überlegen, auf was manche Menschen Wert legen. Mir gehen auch die kleinen Gesten voll unter die Haut, wie sie Severina beschrieb... ein Blick, eine Handbewegung und dazu der stimmliche Einsatz immer passend zu den Emotionen. Auch gestern nahm ich ihm die, für ihn vorgesehene Rolle ab, obwohl sie ganz anders war, als die in München, denn da mußte er ja ein totales Psycherl mit epileptischen Anfällen usw. verkörpern. Man kann also bei ihm echt nicht sagen, er spielt nur sich selbst. Er bringt sich zwar sehr sehr stark ein, aber eben doch dem Gesamtkonzept untergeordnet.

Von Anja Harteros kann ich sowieso nie genug bekommen, obwohl ihre Stimme jetzt schon viel schwerer geworden ist. Kann mich noch so gut an ihre Gräfin erinnern, als sie noch eine schwebende Leichtigkeit an den Tag legte, die einem fast selbst die Luft nahm, da sie offensichtlich unendlich viel davon besaß. Sie hat sich halt jetzt weiter entwickelt und das ist doch auch gut so.

Diese Inszenierung steht und fällt halt mal wieder mit seinen Protagonisten und als Philipp ist mein Wunschkandidat eindeutig Rene Pape, obwohl mich in der gestrigen Insz. die Auseinandersetzung mit dem Großinquisitor schon mitriss. Das lag vielleicht daran, dass sie sich auch körperlich recht nahe kamen, was ich so noch nicht kannte und die Großaufnahmen taten ihr übriges. Salminens Schmunzeln fand ich allerdings, wie ihr, ziemlich irritierend. Ob das gewollt war?

Hampson empfand ich ebenfalls unterschiedlich gut, aber ich erlebte schon einen schlechteren Posa (Leihgabe aus Wien :wink). H. sah zumindest sehr gut aus :D und das wollte er sicher auch zeigen, stimmlich ebenfalls. Schade trotzdem, dass man durch das Schussaustrittsloch :wink etwas von der Dramatik seines Ablebens abgelenkt wurde. Gut, dass die Zwei nicht zum Lachen anfingen, denn Blut zu finden, war ja nicht so einfach. Die Schützen wurden auch sehr dominant zur Schau gestellt. Bei uns knallte es immer sehr überraschend von der Seite.

Den Garten fand ich ebenfalls schrecklich. Also wegen der Inszenierung würde ich in diese Vorstellungen auf jeden Fall nicht gehen. Umsonst nimmt man einen Don Carlo aber immer sehr gerne mit. (Unser automat. Mitschnitt im TV endete leider fünf Minuten zu früh... warum auch immer).

Liebe Grüße
Ingrid
Severina (17.08.2013, 18:33):
Liebe Ingrid,

man kann Kaufmann stimmlich sicher einiges vorwerfen - gestern z.B. hatte er sicher nicht seinen besten Tag - , manche mögen auch keine baritonal gefärbten Tenöre, aber ihm Bühnenpräsenz und schauspielerisches Talent abzusprechen, halte ich für absurd. Natürlich kann man sagen "So stelle ich mir DC nicht vor", aber das bedeutet ja nur, dass ihn Kaufmann anders gespielt hat, nicht schlecht oder gar nicht.
Dass er eine Rolle völlig unterschiedlich interpretieren kann, hat er schon oft bewiesen, z.B. auch als Don José. Zwischen Zürich und London liegen Welten!

Ich beneide Dich, dass Du Anja Harteros schon so oft live erleben durftest und noch darfst.

Dass Dir der Schluss erspart geblieben ist, solltest Du übrigens nicht allzu heftig bedauern, denn der machte für mich alles kaputt, was Harteros und Kaufmann zuvor an Emotionen aufgebaut hatten.

lg Severina :hello
Ulrica (17.08.2013, 18:47):
So weit bin ich leider nicht gekommen....
Gesundheitlich etwas angeschlagen, musste ich dann einfach schlafen, Schade.

Ich fand hier gerade gelungen, dass gleichzeitig die Verortung in der "Echtzeit" ohne Plüsch und Plum und die Herausarbeitung zeitloser Aussagen der Oper stimmig rüberkamen.

Ich verstehe nicht ganz, warum Carlo ein psychisch labiler Mensch sein soll - wobei mir die von euch erwähnte Inszenierung fehlt. Im Gegenteil, er sieht die Welt m. E. am klarsten, er steht für Reform, für Veränderung, einer mit der festen Absicht, seine an sich legitime Nachfolge auf dem Thron mit gesellschaftlichen Veränderungen zu verbinden. Es wäre richtig, dass er und Elisabeth zusammengehören, denn sie würde ihn auch unterstützen. Aber er läuft auf, gegen die Wand des unter Altersstarrsinn und Realitätsverlust leidenden Vaters, aber auch gegen eigene Unsicherheiten dessen, der sich irgendwie im falschen Film wähnt. Beeindruckend die Szene der beiden Alten in tiefster Lage, wo Verkrustung auf noch größere Verkrustung kombiniert mit diktatorischer Machtfülle, die selbst den König zurückstecken ließ, stößt. Alte Männer, deren Gefährlichkeit gerade darin besteht, dass sie es nicht mehr wirklich peilen, aber die Macht haben, alles brutal zu blockieren, was angebracht wäre.

Eine echte Schillersche Geschichte mit hervorragnd herausgearbeiteten Charakteren. Dass jemand wie Carlo schwer unter diesem Druck leidet, ist eigentlich nachvollziehbar. Dass seine Stimme dunkel - bodenständig klingt, assiziiere ich mit dem Bestreben, den fundierten Blick für sein Ziel nicht zu verlieren.

Kaufmann und Hateros fand ich hier wirklich das Traumpaar, nicht als "ach wie schön, seufz", sondern gerade unter dieser unerträglichen Situation, in die sie geraten sind.

Sicher, Matti Salminen hört man inzwischen an, dass die Stimme nicht mehr so ist, wie sie mal war. Die für das Fach wichtigen Tiefen sind aber noch voll da und einen schwärzeren Bass als Halfwarson habe ich auch kaum noch gehört. Ganz so klapprig wie er seine Rolle recht beeindruckend gestaltet hat, dürfte er wohl noch nicht sein, oder?

Auch Kaufmann und Hampson haben super zusammengepasst. Selbst falls sie persönlich Differenzen pflegen sollten, so überdeckt dies die erwartete Professionalität zweier so hochkarätiger Sänger.

O Don Fatale war wirklich ein Highlight, zumal ich weiß, wie schwer das ist. Einiges in der ganz hohen Lage liegt fürchterlich. Es ist relativ häufig so, dass Schleierarie und O Don Fatale nicht gleich rüberkommen, weil im Prinzip zwei nicht unbedingt kompatible Stimmfächer zu bedienen sind. Die schwere Stimme von Frau S. kommt naturgemäß besser mit O Don Fatale zurecht, obwohl ich an der Schleierarie auch nichts auszusetzen hatte. Es muss ein gewaltiger Act sein, die Koloraturen hinzubekommen.


LG
Ulrica
Ingrid (17.08.2013, 18:57):
Liebe Severina,

bin wirklich auch sehr dankbar, nicht so arg weit weg von München zu wohnen und ich, zumindest in früheren Zeiten, ziemlich oft in der Oper sein durfte. Anja Harteros hat hier ja zu Beginn ihrer Karriere häufig bei uns gesungen und da konnte ich ihren Werdegang, wie Du den von Jonas Kaufmann in Zürich, doch ein wenig verfolgen.
Leider bekam ich für die Premierenserie Il Trovatore keine Karte und deshalb hörte ich ihre Leonora nur am Rundfunk. Da war sie einfach überwältigend gut. Im Nov. wird es Frau Stoyanova sein, aber wieder JK als Manrico. Da gibt es plötzlich Karten wie Sand am Meer. Zeigt schon ein wenig AH Stellenwert an, oder? (Leider ganz schön OT, Entschuldigung)

:hello Ingrid
Schweizer (17.08.2013, 19:22):
Liebe Severina, danke für Deine Eindrücke. mit vielem bin ich einverstanden, Dein vernichtendes Urteil puncto Matti Salminen teile ich nicht. Und ich bin erstaunt, dass Du (und weitere Teilnehmerinnen), die ihr bei anderer Gelegenheit in jede Pose einen Sinn hineininterpretiert, sein sehr differenziertes Rollenprofil auf Grund seiner mit 68 Jahren stimmlichen Defizite pauschal runtermacht.
(Info: Während Der 21-jährigen Aera Pereira gab es dreimal Neuinszenierungen Don Carlo in Zürich: Salminen war erst bei der jüngsten im März 2012 Premierenbe-setzung; aber er hat Raimondi und Colombara in den früheren Produktionen nachgesungen. Ich habe ihn x-mal als Philipp gehört/gesehen. Das von Dir als deplaziert monierte Lächeln ist völlig neu, muss also von Regisseur Stein intendiert sein ... und macht für mich Sinn.)
Schauen wir uns doch mal die Rolle Philipps an: beim ersten Auftritt im Gartenbild ist er vorerst autoritärer König "perchè è sola la regina?" und ohne Federlesens schickt er die diensthabende Anstandsdame ins Exil; da kann man nicht viel falsch machen, es wäre schon Kunst das in den Sand zu setzen. Der Hof reagiert mit "Ah, La regina egli offende" und es folgt die zweistrophige Kanzone "non pianger" der Königin: in der Salzburger Produktion bietet Elisabetta ihrem Gemahl bereits ein erstes Mal die Stirn (nicht erst wie üblich in der Schatullen-Szene des 4.Akts) indem sie, ich glaube mich zu erinnern es war zwischen den zwei Strophen, sehr dezidiert einige Schritte auf ihn zugeht, ihm pantomimisch klar übermittelt was sie von seiner Intervention hält. Und dann schenkt sie der Freundin in der zweiten Strophe den Ring. Der König reagiert überrascht mit einem Lächeln um den Mund, es ist ein Lächeln aus Verlegenheit: ich interpretierte als *habe ich übereilt gehandelt, bin ich zu harsch gewesen?*
Schon dieser Beginn war dadurch differenzierter als üblich (und eigentlich viel stimmiger/logischer), denn er zeigte den König nicht nur als Autoritätsperson, zeigte ihn schon ein erstes Mal zweifelnd, bereitete das Feld für seine Suche nach einem Mensch (Posa) im folgenden Duett "Restate", welches sich in zwei grosse Abschnitte gliedert: im ersten Teil ist er einerseits über den Stolz des jungen Ritters/Heisssporns und dessen Ablehnung einer königlichen Gunst und andrerseits über dessen in seinen Augen politischen Fantastereien erstaunt. Da diese gewagten Utopien von Posa mit solcher Vehemenz vorgetragen werden, quittiert der König sie mit einem milden Lächeln (von Dir Severina richtig erkannt), das sagen will *ich mit meiner Lebenserfahrung weiss es besser als Du Träumer*. (Kommentar respektive rhetorische Frage: wer von uns hat nicht schon mal aus vermeintlicher Überlegen-heit heraus über jemand anderen gelächelt?). Aber irgendwie mag er diesen Spinner, der es ohne Speichelleckerei wagt seine Überzeugung zu verbalisieren und die Chuzpe besitzt ihm "la pace dei sepolcri" ins Gesicht zu schleudern. Und weil er ihn mag, warnt er ihn ein erstes Mal vor dem Grossinquisitor. Im zweiten Teil des Duetts öffnet Philipp sich dem jungen Mann, Salminen offenbart seine Zweifel gegenüber Sohn und Gemahlin, in kleinen Gesten der Hand bettelt er fast um Hilfe, versucht mehrfach Posa am Ärmel oder der Hand zu berühren, der sich aber entzieht. Und als Philipps Hand endlich auf der Schulter Posas zu liegen kommt, bekommt des Letzteren Gesichtsausdruck etwas Gefrorenes, die Augen wachsam, die Körperhaltung wird steif (so nach dem Motto: *was will der von mir?*). Erst als Posa die Chance für seine politischen Pläne realisiert, relaxed er wieder. Und so endet das Duett in unausgesprochenem Konsens. Mit "ti guarda dal Grandinquisitor!" nimmt der König wieder Haltung an und beendet so die Szene gemäss Hofprotokoll.
Ich fand die Szene und das Zusammenspiel von Salminen/Hampson sehr gut, beeindruckend und differenziert.
Severina, die Autodafé-Szene fand ich genauso daneben wie Du, das hat aber nichts mit Salminen zu tun, denn sein Part in diesem Bild besteht ja nur darin die Provokation durch Carlo's Auftreten mit den Flandrischen Deputierten abzuwehren.
Sein Part lässt keinen Raum für individuelle Gestaltung, was auch für die letzten zwei Bilder im Gefängnis und im Kloster San Just zutrifft.

Und im 4. Akt kam darstellerisch in seiner grossen Arie Frust, Trauer, Einsamkeit, Melancholie, Misstrauen, Enttäuschung, Zweifel usw., die ganze reiche Gefühlspalette herüber.
Warum mich die Szene mit dem Grossinquisitor nicht überzeugt hat: dahinter bin ich noch nicht gekommen?
In der Auseinandersetzung mit Elisabetta wird alles für Philipp zuviel, ein müder, alter Mann erinnert sich seiner längst verlorenen Autorität und überdreht, wird physisch.

Mein Resumé: Matti Salminen ist stimmlich klar über seinen Zenith hinaus, er war von den fünf Hauptdarstellern der Schwächste; aber darstellerisch hat er ein hochdifferenziertes Rollenportrait abgeliefert.

Liebe Severina und Stiffelio, ich provoziere Euch nun ganz bewusst: ihr, die ihr üblicher weise geradezu geil auf neue Sichtweisen von Regie und/oder Rolleninterpretationen aus seid, scheint Euch beide nicht auf einen von der Regie ganz anders als üblich gezeigten Re Filippo einlassen zu können/wollen, was mich bei Eueren intellektuellen Fähigkeiten doch sehr verwundert hat!

Gruss vom Schweizer
PS: zum ganzen Rest dann erst morgen oder nächste Woche, meine Replik zu Salminen brannte mich aber eben unter den Nägeln.
Severina (17.08.2013, 19:48):
Liebe Ulrica,

wie gesagt, Carlo als psychischen Grenzgänger zu zeigen, ist eine mögliche Spielart, die nur dann aufgeht, wenn sie so überzeugend wie von Villazón verkörpert wird. (Wobei das eher auf seinen ersten Carlo zutrifft, am ROH war er etwas geerdeter!)

Wobei ich Carlo generell etwas anders sehe als Du, speziell, wenn man sich auf Schiller beruft: Dort ist er der typische Sturm-und-Drang-Held, der nur seinen Emotionen folgt, seine Gefühle absolut setzt, mit dem Kopf durch die Wand geht und den Verstand völlig außen vor lässt. Man kann Philipp beinahe ein wenig verstehen, dass er diesem ungestümen und unreifen Heißsporn die flandrischen Provinzen verweigert.

Bei Verdi hat Don Carlo ein bisschen mehr Bodenhaftung, aber ein politisch denkender Mensch ist er genuin ganz bestimmt nicht, das wird er erst unter dem Einfluss Posas, der im Infanten ein Werkzeug sieht, seine Menschheitsträume zu verwirklichen. Kaufmann spielt ja sehr deutlich die Ungeduld, fast Gereiztheit, als ihm Posa beim ersten Zusammentreffen vom Elend in Flandern erzählt. Das interessiert ihn nicht die Bohne, seine Gedanken sind einzig und alleine bei Elisabetta, der Liebeskummer absorbiert ihn total. Es ist Posa, der ihn mit der Idee infiziert, sich an die Spitze der flandrischen Freiheitsbewegung zu setzen. (Bei Schiller appelliert er an gemeinsame Jugendideale, die Karlos inzwischen ziemlich vergessen hat!) Im Prinzip sucht Carlo verzweifelt seinen Platz im Leben, nachdem der ihm ursprünglich zugedachte an der Seite Elisabetas plötzlich von seinem Vater besetzt ist. Da ist das politische Engagement eine Art Ersatzbefriedigung und natürlich auch eine Chance, gegen seinen Vater anzutreten. Posa ist der Drahtzieher im Hintergrund, der Carlo geschickt in die Richtung dirigiert, in der er ihn haben will. (Denn im Grunde genommen opfert er sich nicht für den Freund, sondern für seine Ideale, die durch ihn realisiert werden sollen.)

In einem hast Du allerdings Recht: Dass Carlo und Elisabetta nicht nur emotional, sondern auch intellektuell auf einer Linie liegen und Posas Ideale von Freiheit und Humanität verwirklichen würden.

lg Severina :hello
Ingrid (17.08.2013, 20:02):
Lieber Schweizer,

Du hast das Rätsel um Salminens leises Lächeln in verschiedenen Situationen gut aufgelöst. Vielen Dank dafür.

Es wurde dann wohl doch mehr an der Personenführung geschliffen, als man auf Anhieb dachte. Gut, dass jedem wieder eine Besonderheit ins Auge sticht und durch diese Diskussionen alles runder wird.

Las auch, dass die Probensituationen in Salzburg im Moment nicht so ideal wären und auch nicht honoriert werden. Da kann man schon verstehen, dass manche Künstler nicht unentwegt vor Ort sein wollen und können, weil sie noch anderweitige Verpflichtungen haben.

:hello Ingrid
Severina (17.08.2013, 20:28):
Lieber Schweizer,

von Dir lasse ich mich jederzeit gerne provozieren :wink, weil Du Deine Thesen argumentativ untermauerst und verständlich machst, worum es Dir geht.

Richtig, ich bin "geil auf neue Sichtweisen", aber die habe ich leider an Salminen nicht festmachen können. (In Zürich habe ich ihn übrigens zweimal als Filippo erlebt, einmal auch mit Kaufmann, und da hat er mir sehr gut gefallen!)

Für mich setzt Salminen nämlich seinen ersten Auftritt sehr wohl in den Sand, denn das "Perchè è sola la Regina?" kommt ohne jede Autorität, ohne Nachdruck, so beiläufig, als wundere er sich, dass sie keinen Sonnenschirm dabei hat. Dieser erste Satz muss doch schon deutlich machen, welches Kaliber der König ist, dass dort, wo er hintritt, nichts mehr wächst. Er demütigt die Königin bewusst vor ihrem gesamten Hofstaat, Unsicherheit, Verlegenheit oder gar die Einsicht, falsch gehandelt zu haben, kann ich da nicht erknnen und passt auch gar nicht zum Charakter Filippos und seinem Selbstverständnis als absoluter Herrscher.

Du meinst, Stein/Salminen wollen den König von Anfang an als Menschen mit Schwächen zeigen, aber dann gerät mE das gesamte Stück in eine Schieflage. Vor allem nimmt es seiner großen Arie viel von ihrer Wirkung, die ja gerade darin besteht, dass Philipp hier zum ersten Mal als Mensch erscheint, sich seiner Einsamkeit auf dem Thron bewusst wird, sich vielleicht zum erstmals insgeheim fragt, ob der Preis nicht zu hoch ist, den er für sein Gottesgnadentum zahlt. Diese Arie ist für mich ein zartes grünes Pflänzchen inmitten einer emotionalen Wüste, die den König umgibt, verurteilt, sofort wieder zu verdorren. Das Salminen das sehr ergreifend interpretiert hat, habe ich ja durchaus anerkannt.

Sehr gut fand ich auch das von Dir erwähnte subtile Zusammenspiel mit Posa am Ende der Audienzszene, die Sehnsucht nach körperlicher Nähe seitens Filippos, das Befremden, das er damit im Marquis auslöst. Das fällt für mich eben unter die oben erwähnten "Momente, die mich für das Nichtvorhandensein eines Regiekonzepts entschädigen."

Aber die wenigen plausiblen Momente bei Salminen reichen für mich nicht aus, um daran eine neue Rollenauffassung festzumachen. Die sehe ich irgendwie nicht. Wenn dieser mächtige König in seinen Entschlüssen wirklich so leicht ins Wanken gerät, wie Du sein erstes Lächeln interpretierst, dann ist es für mich ziemlich unverständlich, warum er just seinem einzigen Sohn gegenüber diese unmenschliche Härte an den Tag legt. Dann müsste er sich doch auch fragen, ob ihn nicht auch eine Teilschuld an der Entfremdung zwischen ihnen trifft. In der Szene mit dem Großinquisitor wirkt er nur müde und resigniert, selbst der einzige Moment des Aufbegehrens, als es um Posa geht, kommt für mich viel zu halbherzig rüber.

So, ich warte auf Dine Parade! :D :D :D

lg Severina :hello

PS: Hach, wie schön, dass es hier endlich wieder eine zünftige Aufführungsdebatte gibt!! :down
stiffelio (17.08.2013, 20:57):
Lieber Schweizer
Original von Schweizer
Mein Resumé: Matti Salminen ist stimmlich klar über seinen Zenith hinaus, er war von den fünf Hauptdarstellern der Schwächste; aber darstellerisch hat er ein hochdifferenziertes Rollenportrait abgeliefert.

Liebe Severina und Stiffelio, ich provoziere Euch nun ganz bewusst: ihr, die ihr üblicher weise geradezu geil auf neue Sichtweisen von Regie und/oder Rolleninterpretationen aus seid, scheint Euch beide nicht auf einen von der Regie ganz anders als üblich gezeigten Re Filippo einlassen zu können/wollen, was mich bei Eueren intellektuellen Fähigkeiten doch sehr verwundert hat!


ich sehe Philipp gar nicht als hoffnungslosen Betonkopf, sonst wäre ja auch nicht zu erklären, warum er sich Posa als Vertrauten aussucht. Ein leises Lächeln kann da hier und da durchaus zu einer interessanten Rollengestaltung gehören, auch Furlanetto hat seinen Philipp m.E. so angelegt.
Mein Hauptpunkt ist folgender: es gab einige Szenen, in denen das Lächeln oder vielmehr die Emotionsarmut Salminens für mich nicht mehr zur Musik passte. Am stärksten genau beim "la pace dei sepolcri" und den folgenden Sätzen Posas. Egal, wie man das Rollenportrait Philipps regiemäßig anlegt, hier ist m.E. musikalisch festgelegt, dass Philipp maximal alarmiert ist. Davon kann ich bei Salminen nichts entdecken. Ob das nun an ihm, oder an den Regievorschriften lag, will ich gar nicht entscheiden. Aber es gefällt mir nicht.

Das wäre auch meine provozierende Replik auf deine Provokation :wink: das Adjektiv "neu" ist für mich prinzipiell kein Qualitätsmerkmal, auch nicht bei einer alternativen Rolleninterpretation. Sie muss mich (ganz subjektiv) überzeugen, dann ist es mir schnurzegal, wie alt sie ist.

Aber auch ich freue mich auf weitere Provokationen :cool
VG, stiffelio
Schweizer (17.08.2013, 21:58):
Liebe Severina und Stiffelio, da ich Besuch habe, kann ich nur ganz kurz und generell antworten, ohne heute auf Euere Argumente einzugehen: keine von Euch muss Salminen's Interpretation gut finden. Mich störte schlicht das vernichtende Urteil "festspielunwürdig", das ich als pauschalierend und ungerecht empfand. Aus diesem Grund habe ich versucht - genau wie ihr zwei das oft auch macht - mit meiner Sicht, so wie ich diesen König Philipp von der Regie und vom Künstler her empfand - argumentativ Verständnis für eine anders als übliche Sichtweise dieser Rolle zu wecken.
Soviel für heute vom Schweizer
Severina (17.08.2013, 22:57):
Lieber Schweizer,

ebenfalls ganz kurz: Das "Festspielunwürdig" kam von mir und bezog sich auf Salminens sängerische Leistung, und dazu stehe ich auch. Niemand hat das Recht auf eine bestimmte Interpretation, aber bei den horrenden Preise in Salzburg darf man mit Recht erwarten, dass ein Sänger seine Rolle vokal mehr als nur halbwegs anständig bewältigt, und da waren mir die Abstriche, die man bei Salminen machen musste, entschieden zu groß.

Es ist ein Unterschied, ob Salminen seine altersbedingten "stimmlichen Defizite", wie Du es ja selbst bezeichnest, bei einer Repertoireaufführung in Wien oder Zürich vorführt, oder bei einem Festival wie Salzburg, das bekanntlich den Anspruch erhebt, die jeweils besten Interpreten einer Rolle aufzubieten. Nun klaffen Anspruch und Wirklichkeit oft auseinander, aber nicht immer so eklatant wie hier, und das musste, mit Verlaub, dem Stimmkenner Pereira schon im Vorfeld klar gewesen sein. Und für erwiesene Nibelungentreue, wie Pereiras Festhalten an Salminen in einem anderen Forum bezeichnet wurde, ist Salzburg eine etwas zu teure Spielwiese.

Halvarsson bekam übrigens beim Schlussapplaus ein paar deutliche Buhs, der war aber um nichts schlechter als Salminen!

lg Severina :hello
nikolaus (17.08.2013, 23:26):
Ich wage es mal, mich einzuschalten, auch wenn ich bei weitem nicht so differenziert analysieren kann.

Da ich nur selten ganze Opern sehe und höre, bin ich wahrscheinlich schnell zu beeindrucken.
So fand ich den Abend musikalisch (einschliesslich Orchester und Dirigat) und darstellerisch herausragend, allen voran Harteros-Kaufmann-Hampson.
Dabei bin ich eigentlich überhaupt kein Fan von Kaufmann, aber seine Leistung gestern hat mich sehr überzeugt.
Eine bessere Elisabeth als Harteros kann ich mir derzeit nicht vorstellen.

Die Inszenierung würde ich auch nur als solide bezeichnen mit doch deutlichen Schwächen in der Garten-Szene und im Autodafé, und beim goldenen Karl habe ich auch nur kopfschüttelnd schmunzeln können...

Was mich aber die ganze Zeit beschäftig hat und immer noch beschäftigt:
Peter Steins Inszenierung erinnert mich in vielen Dingen an Luc Bondys Pariser Don Carlos mit Mattila-Alagna-Hampson.
Gut, die Fassungen sind fast identisch; aber auch die Tableaus gleichen sich in ihrer Ausstattung und Ästhetik ziemlich, ebenso die Personenführung (wobei ich Bondy dann konsequenter und besser finde...).

Liegt das einfach am in diesem Fall ähnlichen, "klassizistischen" Stil?
Oder täusche ich mich und sehe die Unterschiede nicht?

Nikolaus.
Zefira (18.08.2013, 00:15):
Ich habe diese Ähnlichkeit auch gesehen. Wobei mir bei Bondy vieles besser gefallen hat. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine wunderbare Gartenszene, alle Damen in schwarzen Kleidern mit einem gelben Getränk in der Hand (irgendwelcher Saft wohl).

Waltraud Meier war so grandios als Eboli, dass ich diese Szene nicht so schnell vergesse.

Grüße von Zefira
Schweizer (18.08.2013, 09:01):
Liebe stiffelio, ganz kurz vor unserem heutigen Ausflug, damit schon etwas abgearbeitet ist:
"das Adjektiv "neu" ist für mich prinzipiell kein Qualitätsmerkmal, auch nicht bei einer alternativen Rolleninterpretation. Sie muss mich (ganz subjektiv) überzeugen, dann ist es mir schnurzegal, wie alt sie ist." ...
Das unterschreibe ich sofort, nur kaufe ich es Dir nicht ab, denn was Du bei anderer Gelegenheit - regie- und rolleninterpretationsmässig - schon als gut, spannend, grossartig etc WEIL NEU gefunden hast, bestärkt mich in meinem Gefühl, dass Du Dich hier als Replik ins Theoretisieren flüchtest, Deine sonstigen Einschätzungen mit Deinem obigen Statement nicht übereinstimmen.
Gruss vom Schweizer
stiffelio (18.08.2013, 11:22):
Lieber Schweizer,

kannst du das bitte mit Beispiel(en) belegen? Ich fürchte, dass du mich da irgendwo falsch verstanden haben musst, denn ich bin wirklich die Letzte, die etwas gut findet, WEIL es neu ist (eher OBWOHL :wink), was dir jeder, der mich näher kennt, bestätigen könnte.

VG, stiffelio
Severina (18.08.2013, 11:42):
Das bestätige ich gerne, denn Stiffelio hat schon so manche moderne Inszenierung komplett abgelehnt, die ich toll finde, z.B. den "Giulio Cesare" aus Salzburg.

Und selbstverständlich gilt Stiffelios Credo, dass modern nicht automatisch gut bedeutet, auch für mich. Um das an Zürich festzumachen: Ich konnte mit Michielettos "Poliuto" überhaupt nichts anfangen (war dann aber am ThadW von seinem "Trittico" begeistert!), auch der Ballo gefiel mir gar nicht, dafür war ich vom entzückenden (und wunderbar altmodischen) "Re Pastore" begeistert.
Und ich liebe nach wie vor alle alten Ponnelle-Inszenierungen und gäbe meine halbe DVD-Sammlung mit Freuden her, existierte eine Aufzeichnung seines genialen Züricher "Don Giovanni"! Aber leider....

lg Severina :hello
stiffelio (18.08.2013, 15:20):
Hallo nikolaus

Original von nikolaus
Was mich aber die ganze Zeit beschäftig hat und immer noch beschäftigt:
Peter Steins Inszenierung erinnert mich in vielen Dingen an Luc Bondys Pariser Don Carlos mit Mattila-Alagna-Hampson.
Gut, die Fassungen sind fast identisch; aber auch die Tableaus gleichen sich in ihrer Ausstattung und Ästhetik ziemlich, ebenso die Personenführung (wobei ich Bondy dann konsequenter und besser finde...).

Liegt das einfach am in diesem Fall ähnlichen, "klassizistischen" Stil?
Oder täusche ich mich und sehe die Unterschiede nicht?


wenn du dich täuschst, dann täusche ich mich auch. Stein hat sich auch nach meinem Eindruck sehr deutlich von Bondy inspirieren lassen (freundlich ausgedrückt). Am stärksten hatte ich diesen Eindruck in der Klosterszene nach Fontainbleau. Da kam noch hinzu, dass Hampson einiges in der Körpersprache aus Paris übernommen hat, z.B. wie er Carlo(s) am Ende gewaltsam davon abhält, Elisabeth hinterherzulaufen.
Wir sind uns aber auch darin einig, dass Bondy vieles besser umgesetzt hat. Heute werde ich es nicht mehr schaffen, aber morgen muss ich in den Pariser Don Carlos unbedingt nochmal hineinschauen.
Wobei ich Peter Stein als Regisseur eigentlich durchaus schätze. Amonasro hat es oben schon sehr gut auf den Punkt gebracht: Steins minimalistische Regie gibt den Sängern viel Raum zur Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Ganz hervorragend hat das ja bei seinem Simon Boccanegra mit Hampson geklappt, der nach wie vor zu meinen ganz großen Highlights gehört. Aber in einer anderen Besetzung (Guelfi u.a.) war gleichzeitig schon das Problem dieser Art von Regiekonzept deutlich: man braucht dann auch große und miteinander harmonierende Sängerpersönlichkeiten. Sobald da etwas fehlt, geht das Konzept schnell nicht mehr auf.

Schön, dass du dich hier eingemischt hast, einer weiterer Mitdiskutant bringt doch immer auch frischen Wind mit.

VG, stiffelio
Severina (18.08.2013, 15:45):
Den Bondy-Carlo habe ich schon ewig nicht mehr angeschaut und daher nur mehr vage Erinnerungen an die Inszenierung, aber ich werde ihn mir entweder noch heute oder morgen vornehmen und mich dann dazu äußern!

lg Severina :hello
Allegra (18.08.2013, 16:41):
Erstmal vielen Dank für den Link! Das wird mir die nächsten Abende versüßen.
Nur ganz kurz habe ich mir die Sterbeszene des Posa angesehen. Vielleicht liegt es an der Nähe der Kamera, aber schauspielerisch (wie auch musikalisch/gesanglich) lässt das für mich keine Wünsche offen. Wer auch immer von der Presse was wie zu sehen erwartete ... :down
Schweizer (18.08.2013, 18:41):
Liebe Severina, ich provoziere mal weiter:
ich finde es geradezu belustigend mit welcher Halsstarrigkeit Du (und stiffelio notabene) in diesem Fall am üblichen, traditionellen Rollenbild des Königs festhältst, eine mal andere Rolleninterpretation offensichtlich nicht mal in Erwägung zu ziehen gewillt bist; und damit schiesst Du Dir gleich selbst in den Fuss, weil Du Deinem Eingeständnis "geil auf neue Sichtweisen zu sein" nicht nachlebst!

Bevor ich auf Deinen letzten Beitrag eingehe, erlaube mir einige Gedanken zum heute so oft diskutierten, je nach Sichtweise begrüssten respektive verhassten, Type-Casting. In Salzburg stimmt es (fast) aussehens- und altersmässig in den 5 Hauptpartien; Carlos und Elisabetta, Kaufmann (Jahrgang 1969) und Harteros (1972) gehören zur selben Generation, die Eboli der Semenchuk ist ebenfalls jung-attraktiv, Salminen (1945) König Philipp (laut Geschichte in dritter Ehe mit der Tochter des französischen Königs verheiratet) ein alter Mann. Nur Hampson (1955) als Posa ist nicht ganz im passenden Alter: obwohl "auf jung" hergerichtet, wirkt er auf mich bei seinem ersten Auftritt im Kloster San Just etwas steif in seinen Bewegungen, was aber ein zu vernachlässigendes Gemecker auf hohem Niveau ist.
Regisseur Stein hat mit einer von Pereira ausgewählten/engagierten Besetzung zu arbeiten: "die Jungen des Plots", Harteros/Semenchuk und Kaufmann sind im Vollbesitz ihrer stimmlichen Möglichkeiten, Hampson mit zwar nicht mehr gleich samtener Stimme wie noch vor zehn Jahren geht problemlos durch. Aber was macht man mit Salminen und seiner gealterten, heutzutage trockenen, etwas steifen Stimme? Richtig, Stein kreiert für ihn ein völlig neues Rollenprofil, das den König gleich von Beginn weg als einen nicht mehr im Vollbesitz seiner Kräfte stehenden, alten Mann zeigt und dieses Konzept wird mit vielen kleinen regielichen Détails konsequent durchgehalten. Der König ist sich auch mal seines eigenen Tuns unsicher (bin ich mit meinem Vorwurf an die Königin zu weit gegangen), die Fantastereien Posas quittiert er mit einem besserwisserischen Lächeln (Altersstarrsinn oder vielleicht sogar der Beginn einer Demenz?), danach - weil er einsam und allein gegen alle steht (die Kirche mit dem Grossinquisitor ist ein mächtiger Gegner / Probleme mit seinem Sohn / eine Gemahlin die ihn nicht liebt, nur ihrer Pflicht nachkommt) bettelt er mit einem werbenden Lächeln um die Freundschaft Posas, nur noch ganz selten blitzt die Autorität des absoluten Herrschers durch: a) im Autodafé wenn er die Entwaffnung seine Sohnes fordert b) wenn er bei der Forderung des Grossinquisitors nach Posas Kopf mit der Faust auf den Tisch schlägt c) wenn die Gattin gleich danach mit Klagen/Forderungen ankommt und auf seine Anklage hin ihm auch noch die Stirn bietet, überläuft das Fass und er schlägt in seiner Überforderung drein). Das alles gehörte für mich, von Regisseur Stein sozusagen aus der Not geboren, zum reichen Portrait einer neuen Leseart von König Philipp's Partie. Und Matti Salminen's Stimme passte eben für mich zu diesem zutiefst verunsicherten alten Mann, zu dieser von Stein und Pappano getragenen Charakterstudie, die mich faszinierte: und genau aus diesem Grund verwahre ich mich auch jetzt noch gegen Dein ursprünglich pauschal-vernichtendes Urteil, das sich primär am Lächeln Salminens verhedderte und in "festspielunwürdig" gipfelte.
Severina, selbstverständlich gibt es eine Handvoll reputierter Bassisten, die die Partie in traditioneller Auffassung erheblich besser gesungen hätten, das ist gegessen.

Nun zu Deiner Antwort, dem ersten Abschnitt beginnend mit:
"Für mich setzt ..." nein, sehe ich nicht so. Ich verstehe allerdings Deine Reaktion weil Du das traditionelle Rollenprofil hochhältst. Was Du hier schreibst/erläuterst, könnte - wie auch weite Teile des zweiten Alinéas - so in jedem Opernführer stehen. Alles richtig wenn man sich an die Aufführungstradition klammert!

"Du meinst Stein/Salminen wollen den König von Anfang an als Menschen mit Schwächen zeigen." ... jawohl, ganz genau: siehe oben.

"dann gerät mE das ganze Stück in Schieflage. Vor allem nimmt es seiner grossen Arie viel von Ihrer Wirkung, die ja gerade darin besteht, dass Philipp hier ZUM ERSTEN MAL etc" ...
Einspruch! Severina, erklär mir doch bitte warum ein nach Dir so selbstsicherer, absoluter Herrscher schon zuvor den Spinner, der ihm Theorien von Gedankenfreiheit vorfaselt, ihm zu widersprechen wagt ("la pace dei seplocri") und ihm beleidigende Ungeheurlichkeiten an den Kopf wirft ("O Re, non abbia mai di voi l'istoria a dir: Ei fu Neron!") nicht einfach von Wachen in den Kerker schmeissen lässt, sondern sich ihm im Gegenteil kurz danach sogar öffnet, zutiefst Privates offenbart. Das ist ein Mann, der zweifelt, der misstrauisch ist, der verunsichert ist. Das ist in der Partie des Königs angelegt, einfach schon drin und deshalb ist es mE weder gegen das Werk noch die Musik wenn man diesen König sogar schon gleich ab Beginn so zeichnet!

Es freut mich Severina, dass Du mittlerweile gewisse Abschnitte Salminen's Philipp wertschätzest.
"Diese Arie ist für mich ein zartes grünes Pflänzchen inmitten einer emotionalen Wüste, die den König umgibt, verurteilt, sofort wieder zu verdorren. Das Salminen das sehr ergreifend interpretiert hat, habe ich ja durchaus anerkannt."
und
"Sehr gut fand ich auch das von Dir erwähnte subtile Zusammenspiel mit Posa am Ende der Audienzszene, die Sehnsucht nach körperlicher Nähe seitens Filippos, das Befremden, das er damit im Marquis auslöst."

"Das fällt für mich eben unter die oben erwähnten *Momente, die mich für das Nichtvorhandensein eines Regiekonzepts entschädigen.*"...
Da werden wir bezüglich Philipp in dieser Inszenierung nicht einig, für mich gibt es ein ganz klar erkennbares, oben skizziertes Konzept.

So, ich hoffe ich habe meine Sichtweise zu Stein's/Salminen's Philipp nun plausibel und genug détailliert dargelegt und kann dann bald mal zum Rest der Aufführung und den übrigen vier Sängern übergehen.
Gruss vom Schweizer
Ingrid (18.08.2013, 18:50):
Habe gerade ein wenig bei YT nach Vergleichen Ausschau gehalten, da ich ja kaum auf DVDs zurückgreifen kann.
Fand das Duett Villazon/Keenlyside und stellte fest, dass ich Rolando inzwischen nicht mehr so gut vertrage. Ist mir zu aufgesetzt, selbst wenn er sich in der Situation so durch den Wind fühlte. Auch die Verbeugungen nach diesem Duett (Applaus) sollten doch eigentlich nicht sein, oder?

Die Schlussszene des DC (Harteros/Kaufmann) wurde von der BSO eingestellt. Inzwischen, wahrscheinlich auch durch die Diskussion hier, finde ich tatsächlich diese Wandlung von der Trauer um die verlorene Liebe in das Heldische von Stein deutlich besser umgesetzt. Allerdings sang JK das Piano bei uns viel besser. Er hatte letzten Freitag wohl wirklich keinen so guten Tag erwischt.

Richtig witzig fand ich dann noch das DC/Posa-Duett von FiDi und James King gesungen. Am Anfang verstand ich nichts, bis ich langsam drauf kam, dass das weder Französisch noch Italienisch war ?(

Liebe Grüße
Ingrid
stiffelio (18.08.2013, 19:31):
Lieber Schweizer,

ich habe mir heute nachmittag den Don Carlo nochmal vor dem Hintergrund deiner Rollenbeschreibung König Philipps angesehen und beginne langsam, mich mit ihr anzufreunden. Vieles von dem, was du schreibst, kann ich nachvollziehen und auch wenn es mir vermutlich nie so gut gefallen wird wie andere Interpretationen, kann ich zugestehen, dass Stein hier möglicherweise aus der Not eine Tugend gemacht hat.

Aber eines solltest du Severina nicht vorwerfen:
Original von Schweizer
Das alles gehörte für mich, von Regisseur Stein sozusagen aus der Not geboren, zum reichen Portrait einer neuen Leseart von König Philipp's Partie. Und Matti Salminen's Stimme passte eben für mich zu diesem zutiefst verunsicherten alten Mann, zu dieser von Stein und Pappano getragenen Charakterstudie, die mich faszinierte: und genau aus diesem Grund verwahre ich mich auch jetzt noch gegen Dein ursprünglich pauschal-vernichtendes Urteil, das sich primär am Lächeln Salminens verhedderte und in "festspielunwürdig" gipfelte.

Severina hat weiter oben ganz klar dargelegt, dass sich ihr "festspielunwürdig" NICHT am Lächeln und an der Rollengestaltung Salminens festmachte, sondern allein an der stimmlichen Leistung. Dass für dich die Defizite von Salminens Stimme zur Rollengestaltung passte, und damit die Not, wie oben beschrieben, zur Tugend werden lässt, ändert nichts daran, dass die Not dennoch vorhanden war. Diese Not kann man nun festspielunwürdig finden oder auch nicht (ich selbst hätte diese Bezeichnung nicht verwendet, weil ich mich für eine solche Etikettierung in der Bewertung von Stimmen gar nicht für kompetent genug halte), aber man sollte sie nicht mit falschen Argumenten ("primär am Lächeln Salminens verheddert") abstreiten.

Können wir es nicht einfach dabei belassen, dass es bei Salminens Stimmgestaltung objektiv Defizite gab, die du ja auch an anderer Stelle umumwunden zugestehst und die Severina gestört haben und dich weniger?
Was du ansonsten schreibst, ist ja durchaus interessant und eröffnet neue Sichtweisen, selbst falls man sich ihnen nicht mit vollen Segeln anschließen mag.

VG, stiffelio
stiffelio (18.08.2013, 19:52):
Liebe Ingrid,

wenn du gerade eh auf YT unterwegs bist: dies ist zwar Zeffirelli pur, aber es war mein erstes Duett Philipp/GI und trotz aller Annährung an modernere Konzepte liebe ich es heute noch. Ein Philipp mit emotionaler und stimmlicher Wucht und ein GI wie von Dostojewski persönlich :D. Auch diese folgende Szene mit Elisabeth ist für mich ein Highlight geblieben.
Ich will Zeffirelli hier nicht verteidigen, das ist sicherlich Geschmackssache, aber ich hatte jetzt ganz einfach Lust, diese beiden Links hier einzustellen.

VG, stiffelio
Severina (18.08.2013, 19:59):
Lieber Schweizer,
kleine Bemerkung zu Beginn: Philipp war zum Zeitpunkt der Eheschließung mit Elisabeth 33 (damit immer noch mehr als doppelt so alt wie sie) und keineswegs ein alter Mann. Aber an diese historische Realität hat sich schon Schiller nicht gehalten und geht daher auch für die Oper in Ordnung.

Ja, Du hast Steins Sicht auf Filippo sehr plausibel und durch die Beispiele anschaulich dargelegt, aber deshalb muss mir diese Sicht trotzdem nicht gefallen. Denn dass ich "geil auf neue Sichtweisen bin", heißt eben NICHT, dass ich diese neuen Sichtweisen auf jeden Fall der traditionellen vorziehe, also verstehe ich nicht ganz, warum ich mir mit meiner Skepsis ins Bein schieße. Oder hältst Du mich für so engstirnig, dass es für mich nur ein Entweder - Oder und kein Sowohl-als-Auch gibt? Ich finde es interessant, wenn eine Opernfigur gegen den Strich gekämmt wird, und dass dies der Regisseur im konkreten Fall getan hat, dafür hast Du mir dankenswerter Weise die Augen geöffnet (Das meine ich ernst und ehrlich!). Ich revidiere daher gerne mein harsches Edikt dahingehend, dass es zulässig ist, den König als alten und schwachen Menschen zu zeigen. Trotzdem ist Salminen in dieser Lesart nicht mein König. Er berührt mich einfach nicht so wie z.B. Furlanetto in der ROH-Fassung, die ich mir am Nachmittag wieder einmal angeschaut hat. Und da kannst Du jetzt noch so viele kluge Argumente vorbringen, warum Salminens greisenhafter Filippo sehr wohl berührend ist, wenn ich es nicht empfinde, hilft das alles nichts.

Zu Deiner Frage, warum der König Posa nicht einfach verhaften lässt nach all den Ungeheuerlichkeiten, die er ihm an den Kopf wirft: Bei Schiller ist die Antwort eindeutig: "Wer mich entbehren kann, wird Wahrheit für mich haben!" Philipp weiß, dass der Preis für seine Einzigartigkeit die Einsamkeit ist, dass er von Intriganten und Schleimern umgeben ist, die ihm nach dem Mund reden (Auch aus einer Art Selbsterhaltungstrieb heraus - einem absoluten Herrscher zu widersprechen, kann schnell den Kopf kosten!) Er weiß nicht, was er von all den Gerüchten, die ihm von Carlo und der Königin zugetragen werden, glauben soll/darf, er weiß nicht, ob sein Sohn wirklich auf Verrat sinnt. Von seinen auf seine Gnade angewiesenen Höflingen wird er die Wahrheit nicht erfahren. Und da ist also dieser merkwürdige Marquis, tapfer für Spanien kämpfend, aber sich vom Hof fern haltend, keine Begünstigung für sich erbittend - ein stolzer, freier, unabhängiger Geist. Ein absolutes Novum, diese Spezie Mensch kennt Filippo nicht. "Wag ich's mit diesem Sonderling?" fragt er bei Schiller, bevor er sich die obige Antwort gibt. Die gesellschaftliche Utopie Posas nimmt er nicht ernst, "la pace dei sepolcri" trifft ihn daher weniger als die Aussicht, als neuer Nero in die Geschichte einzugehen. Den tief gläubigen (in historischer Sicht bigotten) Christ, der - und das trifft natürlich auf Salminen jetzt ganz besonders zu - in Kürze vor seinem obersten Richter stehen und die Bilanz seines Lebens vorweisen muss, muss dieser Vergleich mit dem barbarischen Christenverfolger bis ins Innerste erschüttern. (Das zeigt Salminen auch sehr deutlich!) Posa hat da zweifellos einen wunden Punkt getroffen. Vor allem glaubt/hofft Philipp jetzt, dass jemand, der es wagt, ihm derartiges offen ins Gesicht zu sagen, auch nicht davor zurückschrecken wird, ihm die Wahrheit über Carlo und die Königin zu entdecken, sofern es eben etwas zu entdecken gibt.
Außerdem denke ich, dass es Philipp vielleicht ein wenig darauf anlegt, den Inquisitorgeneral zu reizen. Denn dass seine Warnung eigentlich nur rhetorisch gemeint sein kann, weil der mächtige Arm der Inquisition überall hinreicht, muss dem König bewusst sein. Aber das wäre ein Aspekt, den ich selber noch nicht konsequent genug zu Ende gedacht habe!

Und jetzt würde mich brennend interessieren, was Du zum Rest der Besetzung/Inszenierung zu sagen hast! Vielleicht gibt es ja sogar einen Punkt, wo wir uns treffen :wink :D

lg Severina :hello
Schweizer (18.08.2013, 20:56):
Liebe Severina,
ich freue mich unglaublich über Deine jüngste Antwort, denn sie beweist mir, dass Du meinen Argumenten insofern gefolgt bist, dass Du jetzt ein in sich logisches Stein'sches Regiekonzept für Philipp zu erkennen vermagst.
Gefallen muss es Dir nicht, das habe ich nie eingefordert!
Richtig eingestiegen bin ich in die Diskussion weil ich total überrascht war, dass Du (und Stiffelio notabene), die ich Dich (Euch) oft neuen Regieideen oder Rollengestaltungen gegenüber als progressiv-aufgeschlossen wahrnehme, diesmal völlig konservativ reagiert habt; für mich machte just diese ungewohnte Sichtweise des Philipps ein Teil des Reizes dieser Inszenierung aus, die dadurch für mich etwas spannender wurde (ich habe circa 30 Inszenierungen des DC intus).

Zum nächsten Punkt:
"Denn dass ich "geil auf neue Sichtweisen bin", heißt eben NICHT, dass ich diese neuen Sichtweisen auf jeden Fall der traditionellen vorziehe, also verstehe ich nicht ganz, warum ich mir mit meiner Skepsis ins Bein schieße."
Severina, das war doch nur ironisch gemeint. Habe ja eingangs geschrieben, "ich provoziere mal weiter". (Gibt es ein Ironie-Emoticon?)

Dank auch für die klugen Querverweise zu Schiller (er war mein Matura-Dichter), alles zu 100% akkurat.

"Und jetzt würde mich brennend interessieren, was Du zum Rest der Besetzung/ Inszenierung zu sagen hast! Vielleicht gibt es ja sogar einen Punkt, wo wir uns treffen" ...
ganz viele wie Du meinem allerersten Beitrag, den ich paste, entnehmen kannst:

*es gab für mich regiemässig starke wie schwache Szenen, solche die mich überzeugten, andere die mir wenig geprobt, unfertig erschienen und folglich nur mit (mitgebachter?) Routine abliefen.
starke Eindrücke (was mir spontan einfällt):
- erster Akt
- Duett Philipp-Posa "Restate ..."
- 4. Akt ohne Szene Grossinquisitor-Philipp
- Kerkerduett Carlo-Posa
- musikalisch die geöffneten Striche

schwach:
Mitternachtsszene Carlo/Eboli/Posa
Autodafé*

Mehr ist mir auf Grund von Besuch erst morgen möglich.
Gruss vom Schweizer
Billy Budd (18.08.2013, 22:41):
Ich lese Eure Ausführungen mit großem Interesse, auch wenn ich mich mangels Zeit (und ehrlich gesagt auch mangels Interesse an der Aufführung) nicht daran beteiligen kann.
Billy :hello
Schweizer (19.08.2013, 17:24):
Der 1.Akt gefiel mir ausnehmend gut, aus zwei Gründen: der in Salzburg gewählte Beginn mit dem frierenden, hungernden Volk, das das Ende des Kriegs herbeisehnt, macht den späteren Entscheid Elisabetta's für die Vernunft und gegen das Herz viel plausibler. Und musikalisch empfinde ich den Einstieg mit dieser düsteren, getragenen Chormelodie passender zum Werk als der doch recht fröhliche Hörnerklang zum Jägerchor.- Anja Harteros und Jonas Kaufmann sind zwei verliebte junge "normale" Menschen, spielen das wunderbar, eine reine Freude ... und beide singen diese Szene mit leichter Stimme bis Tebaldo herbeieilt und durch seine Ankündigung "Regina siete!" die Stimmung kippt. Das Bühnenbild und die Beleuchtung waren stimmungsvoll.
In der Münchner Rose-Inszenierung (ich habe darüber im Jan12 berichtet) war der erste Akt viel düsterer und wie Ingrid richtig sagte, war Carlos da psychisch angeschlagen was für zusätzliche Spannung sorgte. Aber, gleich schon vorn weg: Kaufmann ist für mich in jeder Version (des Carlo) und generell in jeder Rolle eine Offenbarung (er enttäuschte mich erst einmal in Zürich bei einem uninspiriert heruntergesungenen Alfredo) weil er einfach eine riesengrosse Palette von schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten hat und NIE dem Affen Zucker gibt. Das was manch einer oder eine RV als Qualität zu gute halten, "verzehrend- intensiv" nannte beispielsweise jemand seinen ROH-Carlo, ist für mich mit seltenen Ausnahmen schon VIEL zuviel. Das JK's Stimme polarisiert, weiss ich, mir gefiel das Gesamtpaket erneut, selbst wenn er am vergangenen Freitag stimmlich nicht ganz in Höchstform war.
Musikalisch mit dem Öffnen des Strichs zu Beginn ziehe ich Salzburg vor, regiemässig war München aufregender, hatte die Nase knapp vorn.
(Fortsetzung folgt)
Severina (19.08.2013, 18:10):
Original von stiffelio
Hallo nikolaus

Original von nikolaus
Was mich aber die ganze Zeit beschäftig hat und immer noch beschäftigt:
Peter Steins Inszenierung erinnert mich in vielen Dingen an Luc Bondys Pariser Don Carlos mit Mattila-Alagna-Hampson.
Gut, die Fassungen sind fast identisch; aber auch die Tableaus gleichen sich in ihrer Ausstattung und Ästhetik ziemlich, ebenso die Personenführung (wobei ich Bondy dann konsequenter und besser finde...).

Liegt das einfach am in diesem Fall ähnlichen, "klassizistischen" Stil?
Oder täusche ich mich und sehe die Unterschiede nicht?


wenn du dich täuschst, dann täusche ich mich auch. Stein hat sich auch nach meinem Eindruck sehr deutlich von Bondy inspirieren lassen (freundlich ausgedrückt). Am stärksten hatte ich diesen Eindruck in der Klosterszene nach Fontainbleau. Da kam noch hinzu, dass Hampson einiges in der Körpersprache aus Paris übernommen hat, z.B. wie er Carlo(s) am Ende gewaltsam davon abhält, Elisabeth hinterherzulaufen.
Wir sind uns aber auch darin einig, dass Bondy vieles besser umgesetzt hat.

VG, stiffelio

Seltsam, bin ich so blind? Eine Ähnlichkeit zwischen der Pariser und Salzburger Inszenierung drängt sich mir nicht auf, dafür habe ich eine andere verblüffende Feststellung gemacht: Das Fontainebleau-Bild ist in Paris und London nahezu ident! Nicht nur, dass in beiden weiße, kahle Baumstämme himmelwärts streben (In Salzburg liegen nur einige schwarz verkohlte am Boden) gibt es noch eine viel frappantere Parallele: Beide Regisseure lassen Carlo(s) im letzten Moment Elisabeth, als sie schon hinausgefüht wird (in Paris hoch zu Ross, in London auf einem Hochstuhl), sein Porträt zustecken, und in beiden Fällen ist es in einem rotsamtenen Etui untergebracht! Das ist wohl kaum ein Zufall!

Ansonsten ist die Bondy-Inszenierung psychologisch sehr fein gesponnen. Besonders gut gefällt mir immer das Gartenbild, wo Bondy wie sonst kein Regisseur ein Spannungsfeld zwischen Elisabeth, Posa und der Eboli aufbaut. Die Eboli wittert von Anfang an ein Geheimnis, will unbedingt einen Blick auf den Brief werfen, was aber der Marquis geschickt verhindert, indem er sie galant am Arm nimmt, in eine andere Richtung dirigiert, mit smalltalk vom franz. Hof ablenkt - das ist sogar ein bisschen zum Schmunzeln. Die Eboli wieder ist hin- und hergerissen zwischen ihrer Neugierde und den Schmeicheleien des charmanten Posa (maßgeschneidert für Hampson!). Am Ende möchte die Eboli unbedingt dabei sein, wenn Carlos kommt, aber wieder greift der Marquis ein und sorgt dafür, dass es keine Zeugen gibt für die prekäre Unterredung. In keiner der mir bekannten Inszenierungen hat der Regisseur so viel aus diesem Bild herausgeholt wie Bondy.

Aber da ist in diesem Thread ein bisschen OT :S!

lg Severina :hello
Severina (19.08.2013, 18:58):
Original von Schweizer
Der 1.Akt gefiel mir ausnehmend gut, aus zwei Gründen: der in Salzburg gewählte Beginn mit dem frierenden, hungernden Volk, das das Ende des Kriegs herbeisehnt, macht den späteren Entscheid Elisabetta's für die Vernunft und gegen das Herz viel plausibler. Und musikalisch empfinde ich den Einstieg mit dieser düsteren, getragenen Chormelodie passender zum Werk als der doch recht fröhliche Hörnerklang zum Jägerchor.- Anja Harteros und Jonas Kaufmann sind zwei verliebte junge "normale" Menschen, spielen das wunderbar, eine reine Freude ... und beide singen diese Szene mit leichter Stimme bis Tebaldo herbeieilt und durch seine Ankündigung "Regina siete!" die Stimmung kippt. Das Bühnenbild und die Beleuchtung waren stimmungsvoll.
In der Münchner Rose-Inszenierung (ich habe darüber im Jan12 berichtet) war der erste Akt viel düsterer und wie Ingrid richtig sagte, war Carlos da psychisch angeschlagen was für zusätzliche Spannung sorgte. Aber, gleich schon vorn weg: Kaufmann ist für mich in jeder Version (des Carlo) und generell in jeder Rolle eine Offenbarung (er enttäuschte mich erst einmal in Zürich bei einem uninspiriert heruntergesungenen Alfredo) weil er einfach eine riesengrosse Palette von schauspielerischen Ausdrucksmöglichkeiten hat und NIE dem Affen Zucker gibt. Das was manch einer oder eine RV als Qualität zu gute halten, "verzehrend- intensiv" nannte beispielsweise jemand seinen ROH-Carlo, ist für mich mit seltenen Ausnahmen schon VIEL zuviel. Das JK's Stimme polarisiert, weiss ich, mir gefiel das Gesamtpaket erneut, selbst wenn er am vergangenen Freitag stimmlich nicht ganz in Höchstform war.
Musikalisch mit dem Öffnen des Strichs zu Beginn ziehe ich Salzburg vor, regiemässig war München aufregender, hatte die Nase knapp vorn.
(Fortsetzung folgt)

Ja, mir gefällt dieser Anfang auch sehr gut, weil er den moralischen Druck zeigt, der auf Elisabetta lastet. Sie hätte ja die Möglichkeit, die Hand des Königs auszuschlagen, aber sie stellt ihr persönliches Glück hintan, um zwei Völkern den Frieden zu bringen. In der Londoner und Pariser Inszenierung wird sie von einer eleganten Hofgesellschaft umringt, die unter einer Fortsetzung des Krieges am wenigsten zu leiden hätte, was Elisabettas Entscheidung viel unverständlicher macht.
Interessant finde ich ja das Verhalten der drei verschiedenen Carlosse, die ich in den letzten beiden Tagen via Konserve gesehen habe, in dieser Schicksalsminute: Villazón hofft auf ein Nein und wird von seiner Verzweiflung übermannt. Kaufmann weiß vom Verstand her, dass die Antwort nur ein Ja sein kann, aber so ein kleines Fünkchen Hoffnung glimmt auch in seinen Augen, während Alagna resigniert zur Seite geht: Für ihn ist der Ausgang klar, die Sache gelaufen.

Zu Villazón: Der polarisiert als Bühnenpersönlichkeit ähnlich wie Kaufmann als Sänger. Man mag ihn (bzw. seine Stimme) oder nicht, Überzeugungsarbeit leisten zu wollen ist da reine Zeitverschwendung.
Es gibt Partien, wo mich Villazón unendlich nervt, andere, wo er mich 100%ig überzeugt, und dazu zählen sein Werther und auch der Carlo vom ROH (Nicht so sehr der aus Lyon, da ist er auch für mich ein bisschen zu hysterisch) Wobei ich natürlich den Rolando Villazón der Vergangenheit meine (2008 war schon die äußerste Grenze), denn aktuell finde ich seinen stimmlichen Zustand nur mehr traurig. Und da er diese Defizite mit enervierendem Überagieren kompensieren will, stimmt für mich auch das Gesamtpaket längst nicht mehr. Aber als Carlo in der ROH-Produktion finde ich ihn fabelhaft, stimmlich sogar besser als Kaufmann am 16.8. in Salzburg.

Aber ich will da jetzt gar nicht den üblichen Ranking-Unsinn starten, beide, Kaufmann und Villazón, überzeugen mich auf ihre Art. (Und auf der DVD aus Paris von 1996 überzeugt mich sogar Roberto Alagna, vor dem ich inzwischen schreiend davonlaufe :cool)

lg Severina :hello
Schweizer (19.08.2013, 21:12):
Der Kreuzgang des Klosters San Just hatte für mich durchaus Atmosphäre, die Statue war offensichtlich frisch renoviert, glänzte deshalb etwas übermässig. Für mein Empfinden ging die Handlung mehr oder weniger "normal" voran, das Zusammenspiel Carlo-Posa war prima (im Duett war übrigens auch eine kurze Sequenz vorhanden, die man üblicherweise nie zu hören bekommt).
Kommen wir zum Bild in den Gärten der Königin mit dem Planschbecken: auch das hatte durchaus noch seinen Reiz für mich; im Gegensatz zu München und zum neuesten Don Carlo in Zürich tritt Eboli genau mit der dazu vorgesehenen Musik auf: das tückische Schleierlied empfand ich ebenfalls als "brav aber nicht sensationell", besser als Severina kann ich das nicht beschreiben. In der folgenden Szene mit der Königin und Posa gab es regielich die erste Überraschung: Eboli ist eine fröhliche, hübsche junge Frau im heiratsfähigen Alter (keineswegs Rivalin der Königin oder Giftzahn), die an den Nachrichten (Klatsch) vom französischen Hof oder sogar an Posa interessiert ist (wenn es die Etikette zulassen würde). Sie hängt geradezu an seinen Lippen und somit muss er sie gar nicht ablenken, damit die Königin das zugesteckte Brieferl lesen kann. Was danach mit dem Auftritt des Königs und dem anschliessenden "Restate"-Duett folgt, habe ich in extenso erklärt.
Und jetzt kommen wir leider zu den zwei Bildern, die mE völlig disparat ausfielen: das einzig positive Element (falls überhaupt) ist die kurze, musikalisch nicht besonders wertvolle Manteltausch-Szene, die allerdings das Verständnis dafür erleichtert, dass Carlo um Mitternacht Eboli für die Königin hält (Liebe macht blind No1); Eboli ihrerseits, von Carlo mit heissen Liebesschwüren besungen, fühlt sich geschmeichelt ("amata io sono, amata io son") und die Chance, den Infanten zu angeln lässt sie gar nicht daran denken, dass Carlo sie für eine andere halten könnte (Verblendung/Liebe macht blind No2)! Das böse Erwachen Eboli's, die Erkenntnis was da abläuft und das Umschlagen der Stimmung in Hass habe ich noch nie so mies erlebt, Das schien mir völlig ungeprobt, übelste Rampensingerei mit konventionellsten Gesten folgte (bei Hampson und Kaufmann aus irgendwelchen anderen Inszenierungen, und die relativ unerfahrene Eboli vermochte keinen Akzent zu setzen) ... und das in einem Bühnenbild das keinen mitternächtlichen Park mit Brunnen suggerierte, sondern auf mich eher wie ein VIP-Zelt bei einem Polo- oder Cricket-Match wirkte, furchtbar!
Und leider ging es mit dem Autodafé-Bild gleich unterirdisch weiter, Severina hat die Negativa präzis beschrieben ... ich sage nur: schlimmer geht's nimmer!
(Fortsetzung folgt morgen)
Schweizer (20.08.2013, 12:52):
Nach diesem dem Bühnenbild, der Ausstattung und mangelnder Regie geschuldeten "Absturz" (gesungen wurde ja auch in diesen zwei Bildern auf hohem Niveau) war ich für den 4. Akt recht skeptisch, da ich im Netz schon ein kleines Bild des Privatraums des Königs mit diesen Fliesen gesehen hatte. Schön war dieses Bild nicht und was es letztlich darstellen sollte (eigentlich müssig darüber zu spekulieren?), aber es wurde insofern spannend als dieser Winkel hinter dem Tisch mehrdeutig genutzt wurde. Sowohl Philipp wie Elisabetta fanden sich - wenn angegriffen - wie ein Tier in die Enge getrieben dort hinten in diesem Winkel und Eboli, nachdem sie auf den Hilferuf des Königs hin zuerst zur Königin hinstürzte, zog sich danach in diese Ecke zurück und schämte sich dort "la perdei, la perdei o rimorso fatale" (da kam bei mir die Erinnerung an meine Primarschulzeit hoch, wenn man vom Lehrer für ein disziplinarisches Vergehen für einige Minuten ins Eck gestellt wurde). Im Gegensatz zur von mir beanstandeten Mitternachtsszene war in diesem Akt wieder eine Regiehandschrift zu erkennen, allerdings störte mich die physische Nähe der beiden Greise während ihrer Auseinandersetzung über Macht und Menschenleben. Erst im Nachhinein ist mir aufgefallen, dass sich diese Szene in all meinen gesammelten DC-Aufführungen noch nie auf so wenigen Quadratmetern abgespielt hat. An dieser Stelle will ich Ekaterina Semenchuk für die fulminant gesungene Parade-Arie einen grossen Lorbeerkranz winden; gesanglich ist diese junge Russin bereits erstklassig, ihr darstellerisches Vermögen hinkt noch hinterher, muss für eine ganz grosse Eboli noch reifen. Der Grossinquisitor von Halfvarson war stimmlich deutlich besser als vor 18 Monaten in München, szenisch jedoch war die Auseinandersetzung mit dem König dannzumal viel beklemmender.

Das Kerkerbild war für mich aus zwei Gründen super: einmal für das ergreifende Spiel von Thomas Hampson und Jonas Kaufmann, dieser Abschied ging unter die Haut, liess mich erschauern, war im heutigen Chargon "ganz grosses Kino"!!! Und zweitens für den geöffneten Strich, das musikalisch herrliche Duett Philipp-Carlo mit Männerchor, beides ein absoluter Höhepunkt.

Zum letzten Bild der Oper: da darf/muss vor jedem übrigen Kommentar die über jeden Zweifel erhabene Anja Harteros als Elisabetta für ihren makellos-sublimen Gesang und ihre intensive Darstellung in München, Zürich und Salzburg mit Lob überschüttet werden. Sie ist die Elisabetta unserer Tage, konkurrenzlos! Danach habe ich mich auch vom wunderbaren Zusammenspiel mit JK verzaubern lassen, auch dieser Abschied war ergreifend. Den Schluss mit dem wie in der griechischen Tragödie auftauchenden Mönch als *Deus ex macchina* störte mich nicht, empfand ich als transzendente Erlösung Carlo's, die übrigen Figuren erstarrten in Bewegungslosigkeit.

Gesamtbeurteilung: eine Sternstunde war es auch für mich nicht, denn das Loch in der Mitte störte/enttäuschte mich dann doch allzu sehr, Die Regie und Bühne würde ich als retro-modern bezeichnen, ich meine damit klassisch, aber nicht Zefirelli-like überladen im Sinne von Opulenz.
Stimmlich waren die drei Bässe alle jenseits des Zenits; Harteros, Kaufmann und Semenchuk darf man der Spitzenliga zurechnen, Hampson war weit besser als von mir erwartet, ganz nahe dran.
Darstellerisch war das Quartett Elisabetta, Carlo, Rodrigo, Filippo (letzterer entgegen Euerer Meinung) erste Sahne, die unübliche Interpretation des Königs fand ich spannend-interessant, war für mich neben grandiosen Szenen zwischen den drei Erstgenannten so was wie das Salz in der Suppe (ich erinnere daran, dass ich ca 30 DC-Insenierungen bis dato erlebt habe); und Eboli: da war ein interessanter, anderer Ansatz zu Beginn, aber irgendwie blieb der halbwegs im Sand stecken?
Gruss vom Schweizer
Severina (20.08.2013, 16:15):
Lieber Schweizer,

danke für Deine anschauliche Analyse, die ich zu 90% teile. Mir hat allerdings auch das San-Yuste-Bild nicht gefallen, es war mir zu steril in diesem grell ausgeleuchteten Weiß. Und dazu diesen Denkmal.....

Das Arbeitszimmer hingegen atmet für mich den Geist der äußerst spartanisch gehaltenen Privatgemächer Philipps im Escorial, auch dort gibt es diesen Sockel aus blau-weiß-gemusterten Fliesen. Dass Philipp und der Großinquisitor ihren Machtkampf am Schreibtisch austragen, stört mich auch, denn es nimmt der Szene viel von ihrem bedrohlichen Charakter.

Ja, Kaufmann und Hampson sind im Kerkerbild große Klasse, das geht an die Nieren, wenn auch mir persönlich nicht ganz so wie Villazón und Keenlyside am ROH. Aber da sind wir wieder einmal beim weiten Feld der Geschmacksfragen :D! Ich schmelze halt bei Keenlysides Timbre dahin :down, und so wie er ist noch kein Posa gestorben. (Leider kann ich mit Deinen 30 DCs nicht mithalten, aber mich würde interessieren, wen Du schon aller in den Hauptrollen erlebt hast!)

Bei Anja Harteros Elisabetta kann man speziell im letzten Bild nur mit offenem Mund (und natürlich Ohren :wink) da stehen und genießen. Das ist nicht nur von der Stimmführung her perfekt (So weit ich das mit meinen Schweinsohren beurteilen kann), sondern auch in dieser Emotionalität unerreicht.

Am Schluss scheiden sich unsere Geister, denn diesen goldbestäubten Carlo Quinto finde ich einfach nur zum Lachen. Persönlich gefallen mir die Inszenierungen ohnehin besser, die auf diese kuriose überirdische Rettungsaktion verzichten und Carlo ganz schnöde sterben lassen (Ob durch Mord oder Selbstmord ist mir dabei egal, Hauptsache tot :cool!)

lg Severina :hello
Schweizer (20.08.2013, 16:46):
Liebe Severina, ich werde gelegentlich mal in meinen Aufzeichnungen "graben" und Dir die spektakuläreren Besetzungen durchgeben.
Und Dir und stiffelio schon mal ein ganz herzlich gemeintes Dankeschön für diese Diskussion.
Gruss vom Schweizer
Severina (20.08.2013, 21:48):
Hast Du schon diese mehr als absurde Kritik in einem opernblog gelesen??
http://www.ilcorrieredellagrisi.eu/2013/08/fratello-streaming-don-carlo-a-salzburg/

Da kann man wirklich nur den Kopf schütteln....... ?(

lg Severina :hello
Ingrid (20.08.2013, 23:08):
Dass über Kaufmann hergezogen wird, gehört ja schon fast zum guten Ton vieler Möchtegernkritiker, aber selbst Anja Harteros jegliches Talent abzusprechen, diese Rolle singen zu können, ist schon ganz harter Tobak. Bekam irgend jemand eigentlich nicht sein Fett ab? Habe schon ganz den Überblick verloren.

Wie hat der arme Rezensent doch leiden müssen. Falls er die Karte bezahlt hat, bekam er nach dieser Kritik bestimmt gleich sein Geld zurück und Schmerzensgeld dazu :S

:hello Ingrid
Fairy Queen (20.08.2013, 23:11):
Liebe Carlosianer/innen, es macht grosse Freude eure Diskussion zu lesen, auch wenn ich selbst nur Auschnitte der Inszenierung gesehen habe.(1. und 2. Akt ganz, und dann nur einzelne Szenen )
Der Don Carlos ist eine der Opern, die ganz grossen Stoff für den Regisseur, die Musiker und die Sänger bieten und in der am Ende Alle verlieren. Idealer kann eine Oper kaum geschrieben sein: eine literarisch hochwertige Vorlage, Liebe, Tod und Weltgeschichte- alle Ingredienzien, die man sich nur wünschen kann.
Von dem was ich gesehen habe, schliesse ich mich weitestgehend Sevis Urteil an. Die sängerisch und schauspielerisch weltklassesalzburgwürdigen Hauptdarsteller hätten eine bessere Inszenierung verdient. Mich hat das absolut nicht vom Hocker gerissen, wahrscheinlich wâre es nur geringfügig anders gewesen, wenn man einfach nur ein Bühnenbild als Hintergrund gegeben hâtte und die Sänger in eigener Intelligenz und Intuition agiert hâtten. Das positivste Element(und das ist ja auch nciht zu verachten) ist für mich die Freiheit, die Stein ihnen dazu gelassen hat. Mein Hauptkritikpunkt ist derselbe wie Sevis:
Matti Salminen als Filippo fiel für mich so unangenehm aus dem Rahmen, dass ich nach dem 2.Akt die Lust verloren habe und mir das nciht mehr antun wollte. Ich fand ihn als Figur derart unglaubwürdig und als Ehemann dieser Elisabetta so indiskutabel (das war hier nicht nur der Vater- Ehemann sondern der Opa !)dass die ganze Geschichte hinkte, in Schieflage geriet und einen grossen Teil der Dramatik verlor. Wenn ein Filippo als Ehemann so indiskutabel ist, wird der Konflikt fast karikaturistisch und "Ella giammai m'amo", diese herrliche Arie, die ich so liebe, eher zur Lachnummer. Das wollte ich mir nciht antun. :I In einer solchen Dreieckskonstellation (Viereck, wenn man Eboli dazunimmt) muss der Filippo(darstellerisch und stimmlich) für mich zumindest noch ein Mann in den besten Jahren sein und nciht wie jenseits von gut und böse auftreten, als sei er bereits ein halber Carlo Quinto oder ein asexueller Schatten des Grande Inquisitore. Ich erinnere mich an die Konwitschny-Inszenierung oder Ruggiero Raimundi als Filippo- solche Figuren heizen den Konflikt wirklich an und machen aus Vater und Sohn echte Rivalen. Nein, das war wirklich nicht salzburgwürdig, da hat Sevi vollkommen recht. Salminnen hâtte besser den Mönch singen sollen......
In die Autodafé habe ich kurz hineingesehen- das war - wie schon gesagt wurde,eine Zumutung angescihts der Brisanz dieser Szene. So schwach hab ich das noch nicht erlebt, da ist sogar meine Visonti Version aus Convent Garden besser. Und gerade aus dieser Szene kann man soviel machen!
Aufgrund eurer Lobeshymnen habe ich die ergreifende Sterbeszene Posas und den Schluss noch angesehen und kann euch da nur beipflichten- das ist grosses Opern- Sänger-Kino, ohne Stein und die Carlo-Statue hâtte das aber genausogut oder besser funktioniert,glaube ich. Sehr schön, die Arie Filippo plus Chor plus Carlo zu hören- wie kann man so tolle Musik bloss streichen???????? Schade dass Rideamus das nciht noch erlebt hat!
Zu den grossartigen Leistungen von Harteros(neben Cotrubas, die Harteros in dieser Rolle stimmlich aber überflügelt, die berührendste meiner Elisabettas) und Kaufmann(der einen sehr charakterstarken Carlos gibt- Villazon fand ich hier der Ambivalenz der Rolle angemessener, zumal der historische Carlo angeblich verrückt und regierungsunfâhig war) gibt es meinerseits nichts zu dem bereits Gesagten hinzuzufügen, auch Hampson hat mich sehr positiv überrascht. Von Eboli habe ich zuwenig gesehen, die Rolle ist ja sehr schwieirg und verlangt sowohl einen hispanisch kokettierenden Koloratur-Mezzo als einen dramatischen Spinto- das unter einen Hut bzw eine Stimme und Person zu bekommen gelingt nur selten erstklassig, wenn es hier der Fall war, umso besser.
Was die vernichtende italienische Kritik angeht: wahrscheinlcih ist das ein italienisches Pendant zu fanatischen deutschen Wagnerianern: IHR National- Heiligtum Verdi kann unmôglich von teutonischen Banausen richtig interpretiert und gesungen werden. die haben doch überhaupt keine Ahnung vom heiligen Geist dieser Musik........ man stelle sich- um diese Art der Kritik zu begreifen- Mirella Freni und Luciano Pavarotti als Elsa und Lohengrin vor und was dann in gewissen Foren dazu wäre geschrieben worden..............
Mich lâsst diese Aufführung trotz der Sänger-Highlights eher gespalten zurück- eine Fehlbesetzung in einer Schlûsselrolle in einem solchen Drama nebst der sehr mittelmâssigen Regie kann mir leider alles verderben.
Liebe Grüsse an alle Verdianer in nah und fern

F.Q.
stiffelio (20.08.2013, 23:46):
Original von Severina
Seltsam, bin ich so blind? Eine Ähnlichkeit zwischen der Pariser und Salzburger Inszenierung drängt sich mir nicht auf, dafür habe ich eine andere verblüffende Feststellung gemacht: Das Fontainebleau-Bild ist in Paris und London nahezu ident! Nicht nur, dass in beiden weiße, kahle Baumstämme himmelwärts streben (In Salzburg liegen nur einige schwarz verkohlte am Boden) gibt es noch eine viel frappantere Parallele: Beide Regisseure lassen Carlo(s) im letzten Moment Elisabeth, als sie schon hinausgefüht wird (in Paris hoch zu Ross, in London auf einem Hochstuhl), sein Porträt zustecken, und in beiden Fällen ist es in einem rotsamtenen Etui untergebracht! Das ist wohl kaum ein Zufall!


Liebe Severina,

das ist wirklich kurios, denn gerade der Fontainbleau-Akt in Salzburg hat mich mit diesem brettlebenen weißen Boden, der für mich ein wenig von der Atmosphäre eines Zauberwaldes vermittelt (in London durch die weißen Stämme dazu stärker als in Salzburg) zunächst an London erinnert. Andererseits sind diese Fensterlichter im Hintergrund (Salzburg) meinem Eindruck nach aus Paris entlehnt, wo sie etwas unauffälliger durch die Bäume schimmern. Der Fontainebleau-Akt in Salzburg als ein Mischmasch aus London und Paris, die ihrerseits - wie du schreibst - auch wieder Ähnlichkeit haben?
San Just hat mich dann wieder an Paris erinnert - dieser weiße Gewölbegang um das zentrale Grabmal (o.k., in Paris wesentlich dezenter), aber wie gesagt auch vor allem die Choreographie von Carlo und Posa. Nicht nur das "Einfangen" durch Posa, als Carlo Elisabeth hinterherlaufen will, auch der knieende Carlo mit Posa hinter ihm beim "Dio, che nell'alma infondere...". Auch das Bühnenbild vom Garten im nächsten Akt fand ich - weniger gelungen - an Paris angelehnt. Dieses große grünliche Wasserbecken korrespondierte mit dem hellblau angedeuteten Becken in Paris. Dazu noch das gelbe Feld im Hintergrund: voilà, gelb und hellblau ergibt grün :D.
In der Choreographie im Duett Carlo-Elisabeth hat mich dann einiges zuerst leicht an London erinnert (wobei hierbei Salzburg, Paris und London alle drei recht eng beieinander liegen), aber Carlos Hand an Elisabeths Hals beim "Qual voce a me dal ciel..." - das ist doch ganz klar Paris!
EINE Sache im Duett war dann aber in Salzburg tatsächlich ganz neu für mich: das "O Carlo, o Carlo" von Elisabeth noch am Boden liegend und von Carlos Umarmung träumend, was Carlo, als er das sieht, erst zu seinem Ausbruch "Sotto il mio piè dischiudasi la terra" animiert. Ein interessanter Gedanke, wie gesagt ganz anders als in London und Paris, wo sich Elisabeth bereits von Carlo gelöst hat und ihn eher aus seiner Trance reißen will bzw. vor ihm bereits zurückschreckt.
Und die letzte Übereinstimmung von Salzburg mit Paris, die mir einfällt: auch in Paris wird Posa von hinten erschossen, das Blut fließt aber aus der Ausschusswunde am Bauch. Und mit Posas Blut beschmiert Carlo Philipps Gesicht.
Ich hinke mit meiner Reaktion auf die Beiträge hier hinterher, aber drei Don Carlosse hintereinander fordern ihren Zeittribut :wink.

VG, stiffelio
Severina (21.08.2013, 01:03):
Liebe Stiffelio,

das Fontainebleaubild ist in Paris und London mehr als nur ähnlich, das ist beinahe ident, bis hin eben zur Idee, dass Carlos Elisabetta nachläuft und ihr im letzten Moment sein Bild zusteckt. (Das wie schon erwähnt in beiden Inszenierungen ein rotsamtenes Etui ist!)

Da wiegen die szenischen Übereinstimmungen beim Duett Posa-Carlo und dann Elisabetta-Carlo nicht so schwer, denn die ähneln sich meistens. Was soll man da auch groß anders machen? Wobei Du ja die sehr interessanten Nuancen in Salzburg schon erwähnt hast. Das war ganz toll gespielt von Harteros und Kaufmann, was da in Blickwechsel und Körpersprache an Subtexten mitschwang, erlebt man selten auf einer Opernbühne.

Und wenn wir schon bei Blicken und Körpersprache sind: Auf die Spitze treibt das Jonas Kaufmann in der ersten Szene mit Posa, als der ihn an seine Mission in Flandern erinnert. Wie Kaufmanns Mimik da zwischen Ungeduld, Genervtheit (Lass mich doch mit Deinem Flandern in Ruhe!) und Verzweiflung (Ohne Elisabetta ist mein Leben sinnlos!) changiert, wie er sich zunächst gegen alle Vernunftgründe sperrt, gar nicht zuhören will, sich dann doch allmählich öffnet für Posas eindringliche Appelle, sich neu zu orientieren, wie er sich schließlich innerlich einen Ruck gibt und zuletzt für die Idee begeistern lässt, seine hoffnungslose Liebe zur Königin in eine hoffnungsvolle für das flandrische Volk zu sublimieren, das ist absolut oscarreif.

lg Severina :hello
Severina (21.08.2013, 01:20):
Hi hi, Fairy, bei Deiner Analyse der Ehequalitäten des reichlich angejahrten Filippo musste ich herzhaft lachen, und ich hoffe, der Schweizer liest jetzt nicht mit, wenn ich Dir meine spontanen Gedanken beim ersten Auftritt Salminens verrate :

"Hilf Himmel, was will dieser Tattergreis mit einer Eboli? Der müsste doch im Gegenteil eigentlich heilfroh sein, wenn ihm Carlo die mühsamen ehelichen Pflichten abnimmt :ignore!" Die Standhaftigkeit Elisabettas ist in dieser Konstellation jedenfalls noch bewundernswerter....

lg Sevi :hello
Fiverocker (21.08.2013, 09:57):
Hallo zusammen,

ich hatte den Auftrag, diese Sendung für meine Eltern, die große Opernfans sind, aufzunehmen, deshalb habe ich frühzeitig unseren HDD Recorder programmiert. Die kurzfristige Verschiebung auf nach 20.00 Uhr (ursprünglich für 17:25 geplant) habe ich leider nicht mitbekommen, folglich habe ich nur den Anfang de Sendung auf meinem Recorder :-(

Da meine Eltern kein Internet haben fällt das Anschauen des Webstreams weg, ich suche deshalb jemanden, der die Sendung digital aufgezeichnet hat und auf DVD brennen könnte, gegen Unkostenerstattung versteht sich.

Jegliche Hilfe in dieser Angelegenheit ist willkommen!
Kontakt bitte gerne via PM.

Danke,
Markus
Fairy Queen (21.08.2013, 12:25):
Liebe Sevi, :leb :ignore
leider ist genau das- ob man nun darüber lacht oder nicht- der Eindruck den man gewinnt und der aber gewiss weder von Verdi noch von Schiller je so gewollt war und dem Drama eine vollkommen andere Wendung gibt. Wenn dann auch noch so ein starker und attraktiver Carlos wie Kaufmann daneben auf der Bühne steht, wird dieser Effekt noch gedoppelt und kein Mensch begreift mehr die Subtilität und Brisanz der menschlichen Verstrickungen(die die psychologische Grundlage der politischen Versteickungen sind) die eigentlich in dieser Oper steckt
In einer solchen Konstellation wird das ganz simpel: Eboli ist eine billige Kurtisane, die einem alten Lustgreis auf dem Thron zu Willen ist, um dadurch Gold und Macht zu gewinnen. Elisabetta kann nur geduldig betend auf den Tod dieses Opa-Gatten warten und für Don Carlo liegt die Konkurrenz einzig und allein in der politischenMacht dieses Vaters begründet. Die Lösung könnte man wenn man böse und zynisch sein wollte "Die Zeit wirds schon richten" nennen und das Drama ist damit nur halb so wild. Carlo heiratet Elisabetta und beide reformieren Spanien nachdem der König in absehbarer Kürze das Zeitliche gesegnet hat. Einzig verlangte Tugend : Alles nimmt ein gutes Ende für den, der warten kann. Mir ist das viel zu simpel.
Wenn ich da an Konwitschny denke, wo Filippo wirklich eine komplexe Persönlichkeit war und wo sich das Drama auch zwischen Eboli und Filippo und Elisabetta und Filippo in aller Ambivalenz zeigte.....

Es gibt eben subtile und "simplifizierte"(um höflich zu bleiben.. :wink.) Operninterpretationen, für mich war dies hier in summum leider eine der letztgenannten Sorte.
Was bleibt sind aber in jedem Fall tolle sänger-darstellerische Leistungen! Matti Salminnen ist gewiss auch ein Weltklasse-Sänger, aber nciht in dieser Inszenierung und in dieser Rolle.
F.Q.
Schweizer (22.08.2013, 21:35):
Liebe Severina,
auf Deinen Wunsch, obwohl OT, eine Liste der wichtigeren Aufführungen/Besetzungen:

Mein allerster Don Carlo in Basel 1961/62
mit Enriquetta Tarrès als Elisabetta und Grace Bumbry als Eboli: ich müsste in den Keller in den alten Programmen wühlen um die Männer hinschreiben zu können.

1964 in Köln
Felicia Wheathers als Elisabeth, Mark Elyn als Philipp,

1967 STOP Wien
Jones, Ludwig, Ghiaurov, Domingo, Paskalis

1968 STOP Wien
Jones, Hesse, Kreppel, Spiess, Paskalis

1969 Verona
Caballe, Cossotto, Domingo, Cappuccilli (an den Namen des Philipp kann ich mich im Moment nicht erinnern.)

1979 MET
Scotto, Horne, Plishka, Giacomini, Milnes

1979 Zürich
Chiara, Randova, Salminen, Lima, Zancanaro

1980 Zürich
M.Price, Obrastzova, Nesterenko, Martinucci, Bruson

1993 Zürich
Benackova, Kaluza, Raimondi, Araiza, Hampson

2001 Zürich
Prokina, d'Intino, Colombara, Cura, Pyatnychko

2012 STOP München
Harteros, Smirnova, Pape, Kaufmann, Daniel

2012 Zürich
Harteros, Kasarova, Salminen, Sartori, Cavaletti

Irgendwann/irgendwo habe ich auch Ricciarelli als Elisabeth gehört ... kann das im Moment aber nicht situieren.
In Repertoire-Aufführungen in Zürich:
- auch Daniela Dessì mit ihrem Mann Fabio Armiliato
- Kaufmann
- Baltsa

Dazu Aufführungen querbeet durch die Deutsche, Oesterreichische und Schweizerische Provinz.

Gruss vom Schweizer
stiffelio (22.08.2013, 21:45):
Lieber Schweizer,

oh wow! Weißt du ob es von der Aufführung 1993 Zürich irgendeine Aufnahme gibt?

VG, stiffelio

P.S. hab schon ein bisschen was gefunden - sieht allerdings eher nach Amateurvideo aus, mit den damit verbundenen qualitativen Einschränkungen
http://www.youtube.com/watch?v=Yp-GuO8gETs
http://www.youtube.com/watch?v=c7wksmBIeEE
http://www.youtube.com/watch?v=9vtddL2tRiw
Severina (22.08.2013, 22:32):
Liebe Stiffelio,

nein, leider gibt' keine offizielle Aufnahme, denn als alter Araiza-Fan hätte ich die bestimmt :D! (Obwohl Araiza 1993 leider schon auf dem absteigenden Ast war :I)

Lieber Schweizer, danke für diese beeindruckende Liste! Die letzten beiden Inszenierungen aus Zürich kenne ich ja auch.

lg Severina :hello
stiffelio (23.08.2013, 14:45):
ebenfalls an alle Carlosianer/innen :wink,

pünktlich zum Auslaufen des arte+7-Links gibt es den Salzburger Don Carlo jetzt auch auf YT:
"http://www.youtube.com/watch?v=INIGuW0P9pw"
"http://www.youtube.com/watch?v=nwjmhdz7a3M"
"http://www.youtube.com/watch?v=q0CzGKFdibc"
"http://www.youtube.com/watch?v=TBlvVxjfVDg"
"http://www.youtube.com/watch?v=Z2kyCu5tF0o"

VG, stiffelio
Fairy Queen (31.08.2013, 20:46):
Ich war mal wieder eine Woche offline und danke herzlich für diese Links!!!!! :thanks :engel
F.Q.
Zefira (01.09.2013, 00:09):
Ich wollte als Kuriosum gerne noch nachtragen: Als bekennende Wollsüchtige bin ich Mitglied im internationalen Strickforum Ravelry, in dem es natürlich auch eine Untergruppe für Operninteressierte gibt; leider englischsprachig, ich beteilige mich kaum, lese aber hin und wieder drin. Die amerikanischen Teilnehmerinnen, die die Möglichkeit hatten, die Oper zu verfolgen, sind einhellig der Meinung, dass Kaufmann einfach grandios war. Einige hat es aber sehr beschäftigt, dass in der Autodafé-Szene Indianer (oder jedenfalls Indianer darstellen sollende Statisten) aufgetaucht sind, sie fragten nach dem Sinn dieser Einzelheit, und da ich die einzige Deutsche in diesem Forum bin, fragten sie mich (wohl im Glauben, ich müsse das irgendwie besser verstehen ...)
Ich habe mich still und leise aus der Diskussion geschlichen, weil mir, je interessanter es wurde, die Sprachgrenze immer mehr im Wege stand.
Da die Amerikanerinnen Kaufmann lobten, lobte ich Hampson. Eine Hand wäscht die andere :beer

Grüße von Zefira

@ Fiverocker: Ich kann da leider nichts machen, nach dem Brennen der DVD habe ich den Mitschnitt von der Festplatte gelöscht. Eine Selbstgebrannte über PC zu kopieren hat bei mir noch nie geklappt.
stiffelio (02.09.2013, 14:43):
Original von Zefira
Einige hat es aber sehr beschäftigt, dass in der Autodafé-Szene Indianer (oder jedenfalls Indianer darstellen sollende Statisten) aufgetaucht sind, sie fragten nach dem Sinn dieser Einzelheit

Hallo Zefira,

ein solches Autodafé mit Krönung war ja nicht zuletzt sicher auch eine Machtdemonstration, zu der sich der gesamte Hof versammelte. Zum Herrschaftsbereich des spanischen Königs gehörte damals ja auch Nordamerika und ich kann mir schon vorstellen, dass damals einige mehr oder weniger verschleppte Indianer am spanischen Hof lebten, deren Anwesenheit bei solchen Gelegenheiten die Machtfülle des Königs demonstrieren und ausländische Gesandte beeindrucken sollte. Ähnlich wie exotische Tiere, die auf den Entdeckungsfahrten eingefangen wurden.

Einen besonderen Sinngehalt über eine malerische Machtdarstellung Philipps hinaus habe ich in diesem Detail jedenfalls nicht entdecken können. Aber wie auch meine Vorchreiber fand ich die Autodafé-Szene eine der schwächsten dieser Inszenierung (wobei mir die Indiander freilich ziemlich gleichgültig waren).

VG, stiffelio