Ein Plädoyer für das Violinkonzert von Wladimir Vogel und dessen Zukunftsmusik

Toni Bernet (07.06.2023, 09:21):
Nicht nur unbekannt, sondern nahezu schon vergessen ist ein Violinkonzert, das zu den ersten radikal modernen Violinkonzerten der Musikgeschichte gezählt werden kann, nämlich Wladimir Vogels Violinkonzert aus dem Jahr 1937. Nach einer Zeit des Experimentierens entstand das moderne, sich von der Spätromantik ablösende Violinkonzert Wladimir Vogels Anfang der 30er Jahre. Zahlreiche Violinkonzerte, die heute zur klassischen Moderne zählen, entstanden in dieser Zeit: so die Violinkonzerte von Igor Strawinsky (1931), Alban Berg (1935), Arnold Schönberg (1936), Sergej Prokofjew (1937), Béla Bartók (1938), Benjamin Britten (1938/39), Paul Hindemith (1939) und Karl Amadeus Hartmann (1939). In dieser Zeit suchte auch der aus Nazi Deutschland über Strassburg, Paris und Brüssel schliesslich in die Schweiz flüchtende Wladimir Vogel nach neuen Wegen, ein Violinkonzert für eine neue Epoche und eine neue Hörerschaft zu komponieren. Von seinem Lehrer Feruccio Busoni beeinflusst und dem deutschen Expressionismus verbunden, suchte er wie Hans Eisler nach Wegen, die Zwölftonmusik Schönbergs im Geiste der antifaschistischen sozialistischen Arbeiterbewegung für die Zukunft fruchtbar werden zu lassen. Er hat in diesem Zusammenhang speziell auch eine die Musik bereichernde Art des chorischen Sprechgesangs erfunden.

1936 erhielt er den Auftrag, für die Geigerin Suzanne Suter-Sapin ein Violinkonzert zu komponieren. Man einigte sich auf einen Preis von Fr. 3000.-. Abgeschlossen hat Wladimir Vogel das Violinkonzert im Spätsommer 1937. Zur Aufführung gelangte es erst am 16. 11. 1938 in Brüssel. 1940 überarbeitet Vogel sein Violinkonzert zu einer zweiten Fassung, die 1945 von Sandor Vegh in Genf uraufgeführt wurde. Das Konzert erhielt begeistertes Echo von der Musikkritik, und zahlreiche berühmte Dirigenten (Erich Schmid, Räto Tschupp, Hermann Scherchen, Paul Klecki u.a.) führten es mit dem Geiger Andrej Lütschg in den 1960er und 1970er Jahren öfters wieder auf. (Vgl. die Aufführungsliste in der grundlegenden Dissertation von Christoph Kloidt über «Wladimir Vogels ‘Concerto pour violon et orchestre’», Februar 1998, s. 73).



Die zweite als definitiv anzusehende Fassung wurde 1975 vom Geiger Andrej Lütschg auch auf LP eingespielt und 2000 erschien eine CD mit der Geigerin Bettina Boller. Eine Partitur ist noch heute schwierig zu bekommen, der Standort der musikalischen Quellen ist die Zentralbibliothek Zürich, die seit 1978 die Schenkung und den Nachlass Wladimir Vogels verwaltet.

Das viersätzig angelegte Werk ist formal zugleich dreisätzig, weil Satz 3 und 4 eine gewisse Einheit bilden. Die ersten beiden Sätze sind zudem noch freitonal komponiert, während Satz 3 und 4 die Zwölftontechnik in einer eigener Form verwenden. Dabei gibt es Elemente in den ersten Sätzen, die bereits Elemente des Reihenprinzips vorausnehmen. Doch ist laut dem Musikwissenschaftler Christoph Kloidt gerade «die Einheitlichkeit des Gesamtwerkes ein wesentliches Merkmal».



Eine Einführung in den Gehalt seines rund 40 Minuten dauernden Violinkonzertes schrieb Wladimir Vogel für die Schallplattenaufnahme 1975 selbst: «Der Concerto-Form verpflichtet, verkörpert das Violinkonzert eine Synthese von Virtuosität und konzertantem Musizieren, wobei dem Orchester eine wichtige Rolle zukommt, nicht nur eine konventionelle Begleitung. Dies verlangt von Solisten, Dirigenten und Orchester fast den gleichen Beitrag in der Ausdeutung der Musik. Der Titel des Werkes könnte also ebenso gut ‘Konzert für Violine und für Orchester’ heissen. Neben diesen allgemeinen Feststellungen ist auf die Konzeption des Stückes hinzuweisen. Den vier Sätzen mit ihren vier Charakteren entsprechen auch vier Erscheinungsformen: das Repräsentiativ-Dynamische des ersten Satzes mit seiner gehobenen, fast klassizistischen Haltung; das Lyrisch-Romantische des zweiten; das Humorvolle des Scherzo und das Doppelsinnig-Turbulente des Finale. Doch das Verbindende und das Einheitliche werden durch das allen Sätzen gemeinsame Prinzip des Konstruktiven als einer kompositorischen Technik erreicht.»


Einen neuen Hörbegleiter kann ich anbieten auf:

https://unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com/20-jahrhundert/vogel/
Sfantu (12.06.2023, 23:29):
Lieber Toni,

dank Deines Impulses hörte ich dieses Konzert nach sicher jahrerlanger Pause nun erstmals wieder.
Beide von Dir genannte Aufnahmen stehen in meiner Sammlung. Am Wochenend' machte Bettina Boller den Anfang, heute folgte Andrej Lütschg, danach erneut Frau Boller.

Dein Hörbegleiter war dabei wieder einmal eine bewährte Hilfe - ich lerne das jedesmal neu zu schätzen.





Andrej Lütschg, Violine
The Orchestra of St John's Smith Square London - John Lubbock
(LP, Tudor, 1974)

Introduzione. Allegro non troppo e deciso 13'15
Lento - Andante cantabile 16'35
Scherzo 5'15
Finale (in modo di Mozart). L'istesso tempo 3'35




Bettina Boller, Violine
Orchestre de chambre de Lausanne - Jürg Wyttenbach
(CD, Musikszene Schweiz, 2000)

Introduzione. Allegro non troppo e deciso 12'05
Lento - Andante cantabile 15'32
Scherzo 4'56
Finale (in modo di Mozart). L'istesso tempo 3'45

Beide Einspielungen haben ihre Meriten.
Die jüngere Aufnahme sagt mir insgesamt aber ein wenig mehr zu. Der Ansatz hat mehr Biß, mehr Kontur, kehrt das Expressive weiter nach vorn. Frau Boller zeigt mehr Zähne, Lütschg bleibt dagegen neutraler ohne deshalb blaß zu wirken. Der langsame Satz gelingt Boller-Wyttenbach aber deutlich besser. Lütschgens Geigenton kippt hier streckenweise fast in eine Art Katzenjammer. Auch klanglich ist die Schweizer Produktion leicht im Vorteil: das Tutti klingt satter und farbiger. Die Balance geht jedoch hier wie dort in Ordnung.
Toni Bernet (13.06.2023, 19:46):
Vielen Dank, Sfantu, für die Rückmeldung. Ich kannte seit einigen Jahren die Aufnahme von Bettina Boller, die LP kenne ich nicht. Ob das Konzert doch irgendmal wieder neu aufgenommen wird, gute Geiger und Geigerinnen gäbe es ja viele, die sich Violinkonzerte dieser Art annehmen könnten.
Ohne Aufnahmen oder nur mit Aufnahmen, die schlecht zugänglich sind, geht viel gute Musik vergessen.