Toni Bernet (15.12.2020, 11:31):
Unter den vergessenen und unbekannten Violinkonzerten finden sich sehr oft Werke von Frauen, von Komponistinnen. Das hatte einerseits Gendergründe, anderseits soziale Gründe.
Unter all den Menschen, die die sogenannte klassische Phase der Musikgeschichte in Italien vorbereitet haben, Männer wie Lotti, Pugnani, Giardini, Giornovichi u.a. sticht die damals berühmte Geigerin Maddalena Laura Lombardini Sirmen (1745-1818) hervor. Sie hat selber Violinkonzerte komponiert und 1773 eine eigene Sammlung von 6 Violinkonzerten im Druck herausgegeben, Konzerte, die sie auf ihren Tourneen durch ganz Europa jeweils vorgestellt hat. Lombardini war zwar keine Waise, wurde aber wegen ihrem Talent jung vom erfolgreichen musikerzieherischen System der Venezianer Waisenhäuser aufgenommen und zur Geigerin, Sängerin, Cembalistin und Komponistin ausgebildet. Tartini nahm sie später als seine Schülerin an. Um nicht als Nonne oder vertraglich lebenslang an Venedig gebunden zu bleiben, heiratete sie, und zwar den Geiger Lodovico Sirmen, selber auch Komponist.
Nach einigen gemeinsamen Tourneen trennten sich die beiden wieder und Lombardini zog als Geigerin und Sängerin in Begleitung eines Priesters durch Europa. In Paris schrieb ein Kritiker über das ungewohnte Auftreten einer Frau als Geigerin: «Sie ist eine Muse, die die Lyra des Apoll schlägt, und zu ihrer außergewöhnlichen Begabung kommt noch ihre persönliche Anmut hinzu“ (Mercure de France Sept. 1768, S. 117f.). Durch die Entwicklung des modernen konkaven Geigenbogens, der sich mit dem Namen von François Xavier Tourte verbindet und der eine neue virtuose Bogentechnik ermöglichte, verschwand der alte Rundbogen und die alte Streicherkultur Tartinischer Prägung, die das Violinspiel Lombardini Sirmens gekennzeichnet hatte. Am Schluss starb sie verarmt wieder in Venedig. Sie traf in London auch den Mailänder Bach, Johann Christian Bach, aber Begegnungen mit Grössen wie ihre Zeitgenossen Mozart oder Haydn tauchen in deren oder ihrer Vita nicht auf, vielleicht einer der Gründe, warum sie von der Musikgeschichte vergessen ging.
Zum Anhören empfehlen kann ich das 3. Violinkonzert aus dem Opus 3 in A-Dur von Maddalena Laura Lombarini Sirmen von 1773.
Einen Hör-Öffner finden sie hier:
Maddalena Laura Lombardini Sirmen: Violinkonzert Nr. 3 A-Dur op 3 (1773) - unbekannte-violinkonzerte Webseite! (jimdofree.com)
oder www.unbekannte-violinkonzerte.jimdofree.com (Abschnitt Klassik)
Auch für andere unter Euch Klassik-Fans ein Gewinn, diese Komponistin zu entdecken? Das fragt und grüsst
Toni Bernet