Carola (24.06.2008, 19:58): Bis vor kurzem wusste ich über Faksimiles im wesentlichen nur, dass sie erstens teuer und zweitens schwer zu lesen sind. Beides stimmt leider oft. Andererseits: Ist es nicht faszinierend, wohlvertraute oder auch bislang fremde Werke einmal in der Gestalt zu sehen, in der sie ursprünglich vom Komponisten notiert wurden? Erfahre ich dadurch nicht etwas mehr über die Komposition? Über die Person, den Charakter, das Temperament des Komponisten, der Komponistin? Aber auch über die Zeit, in der die Werke entstanden sind?
Die einzigen Noten-Handschriften, die ich bisher gesehen habe, sind solche von J.S. Bach. Was mir in erster Linie zu ihnen einfällt ist: Es macht Freude, sie anzusehen. Was ich damit meine, wird vielleicht beim Betrachten der ersten Seite aus den Sonaten und Partiten für Violine, BWV 1001-1006, deutlich, die ich bei Wikipedia gefunden habe:
Ist das nicht wunderschön? Noch schöner ist es, die Musik anhand eines solchen Faksimiles lesend mitzuverfolgen, schön, aber auch anstrengend. Wie bei jeder anderen Handschrift muss man sich auch bei einer Notenschrift nach und nach an sie gewöhnen, sich in sie einlesen, ihre Eigenheiten kennen lernen etc. Bei einer komplexen Orchesterpartitur würde mich das überfordern, bei Solostücken habe ich inzwischen schon ein wenig Übung. Es gibt sicher auch Musikprofis, die aus wissenschaftlichem oder künstlerischen Interesse diese Handschriften studieren. Aber auch abseits solcher handfesten Gründe kann es ein großer ästhetischer Genuss und richtig spannend sein, in Faksimiles zu schauen. Und es ist auch nicht immer teuer, solche Noten zu kaufen (wenn auch meistens). Ein guter, preisgünstiger Einstieg können beispielsweise die bereits erwähnten Violinen-Stücke von Bach sein. Es gibt da ein hübsches, kleines Bändchen, 1962 im Insel-Verlag erschienen, mit den kompletten Sonaten und Partiten
Genau so sah das Büchlein aus, das im Jahre 1713 dem damaligen Landesherrn Wilhelm Ernst Herzog zu Sachsen-Weimar zum 53. Geburtstag überreicht wurde. Auf den letzten beiden Seiten ist die handschriftliche Vertonung des 12-strophigen Textes (für die 1. Strophe) zu sehen, der überwiegende Teil wird vom Glückwunschgedicht selbst eingenommen. Der Komponist der Arie wird zwar nicht genannt, das Stück konnte aber zweifelsfrei Bach zugeordnet werden.
Wie denkt Ihr über das Sammeln von Faksimiles? Spinnerte Liebhaberei, überflüssiger Luxus oder aufschlussreiches Fenster in die Vergangenheit? Oder noch etwas ganz anderes?
Mit Gruß von Carola
Solitaire (25.06.2008, 10:04): Wenn ich in der Bibliothek im Spätdienst Zeit habe, schnappe ich mir manchmal die "Neue Mozart Ausgabe" und blättere die Faksimiles durch. Vor allem die des Requiems, in Verbindung mit dem kritischen Bericht ist das hochspannend und bewegend, auch für Nichtmusiker. Im übrigen stimme ich dir zu, auch in anderen als musikalischen Bereichen. Als ich vor einigen Jahren das Anne Frank Haus in Amsterdam besucht abe, lag drt auch der Abschiedsbrief von Fritz Pfeffer (im Buch Albert dussel) an seine Ehefrau aus. Der Brief ist auf deutsch geschrieben, da Dussel Deutscher war. Wenn man ihn in der Originalhandschrift vor sich liegen sieht und liest, kommen einem die Tränen. Das wäre mir bei einem Abdruck in einem Buch vermutlich nicht ganz so ergangen.
Zelenka (25.06.2008, 16:29): Liebe Carola:
Besten Dank für Deine Fadeneröffnung! Das Sammeln von oft recht teuren Faksimiles von Notenhandschriften ist sicher ein herrliches Laster, allerdings eines, dem ich bislang noch nicht verfallen bin. Noch schöner wäre sicher nur das leider noch ruinösere und deshalb praktisch unmögliche Sammeln von Autographen … (Im letzten Jahrhundert hatte Stefan Zweig z.B. eine sehr schöne Privatsammlung von Originalen.) Für mich wären vielleicht in der Regel die jeweiligen editorischen Zugaben zu den Faksimiles (etwa zur Entstehungsgeschichte eines Werks) interessanter als die Abbildungen selbst. Mitunter sind ja auch Proben aus Handschriften etwa in Komponistenbiographien abgebildet, was mir eigentlich dann auch reicht. Das eine oder andere Original sehe ich mir schon mal in Museen oder Bibliotheken an. In der Londoner British Library habe ich in der dortigen ständigen Ausstellung u.a. Händels "Messias" im Original unter Glas gesehen, Beethovens Neunte oder Chopins Barcarolle. Und auch diese Bach-Handschrift mit der hier abgebildeten Fuge aus dem zweiten Buch des "Wohltemperierten Klaviers:
Im Sommer 1972 konnte ich in Ost-Berlin in der Deutschen Staatsbibliothek Unter den Linden das Autograph (oder war es doch nur eine gut gemachte Kopie?) von Beethovens 5. Klavierkonzert eine Stunde lang einsehen. Für mich war es ein beeindruckendes Erlebnis, die Noten, über die sich LvB wochen-/monatelang gebeugt hatte, in den Händen und vor Augen zu haben. Im 1.Satz fiel mir sofort eine Stelle ins Auge, ich glaube es waren die Takte 126/27, wo Beethoven nachträglich eine Änderung des ursprünglichen Textes vorgenommen hatte: im Solopart hatten beide Hände einen chromatischen Lauf aufwärts in 16-teln zu spielen, in der 2. Fassung sollte nun die linke Hand umgekehrt abwärts spielen, was einen größeren Effekt macht. So ist es in den Druck gegangen. Das Autograph lag in einer blauen, innen mit Samt ausgeschlagenen, Kassette. Wahrscheinlich werden solche Schätze heute nicht mehr so ohne weiteres zugänglich gemacht. Autographen besitze ich keine, jedoch eine Faksimile-Ausgabe der Klaviersonate As-dur op.110, Artaria Nr.196, im Quartformat, zusammen mit einem kritischen Bericht von Karl Michael Komma.
Grüße Amadé
cellodil (02.07.2008, 11:33): Hallo, Ihr Lieben,
ich finde Faksimiles bisweilen ganz hilfreich beim Erarbeiten eines Stückes (und manche haben ja zudem auch ästhetische Qualität), nutze sie aber nur sehr, sehr selten. Wenn ich sie nutze finde ich es aber doch auch immer wieder befremdlich, wozu sich manche spätere Herausgeber versteigen...
Liebe Grüße
Sabine
Carola (03.07.2008, 16:44): Einen interessanten Einblick in ganz unterschiedliche Faksimiles bekommt man in diesem großformatigen Bildband, der zurzeit bei 2001 angeboten wird:
Mit Handschriften aus dem Mittelalter beginnend (wunderschön illustriert!) bekommt man insgesamt 100 verschiedene Autographe zu sehen. Auf der linken Seite gibt es Informationen zum Komponisten, rechts dann ganzseitig die Noten-Handschrift. Das Ganze hat etwas von einem Bilderbuch für gehobene Ansprüche, ist also nicht besonders tiefschürfend in den Erläuterungen. Auch gibt es nie ein ganzes Werk zu sehen, sondern immer nur jeweils eine Seite. Trotzdem oder gerade deshalb, ich blättere darin mit großer Freude.
Mit Gruß von Carola
Sarastro (04.07.2008, 00:59): Liebe Carola, Deine Begeisterung für Facsimileausgaben kann ich sehr gut nachvollziehen. Ich selbst sammle zwar keine, sehe mir aber entsprechende Abbildungen in verschiedenen Büchern immer wieder gerne und aufmerksam an und freue mich, wenn ich die Sachen nach dem Notenbild wiedererkennen kann. Mir gefällt auch die klare Notenschrift von Bach, Haydn und Mozart (bei Beethoven tut man sich aus bekannten Gründen schon deutlich schwerer). Ich liebe es aber auch, Briefe und Aufzeichnungen der großen Meister in Originalabbildungen anzusehen und - soweit das möglich ist - zu lesen; auch Theaterzettel und einschlägige Stiche und Malereien etc. können mich faszinieren. Wenn man dann plötzlich die Gelegenheit hat, Autographen oder auch Erstdrucke im Original anzuschauen, ist das für mich schon ein besonderes und berührendes Erlebnis.
Autographen möchte ich eigentlich gar nicht besitzen - ich meine, die sollten besser in einer öffentlichen Institution aufbewahrt werden (vom Preis rede ich gar nicht erst). Brahms besaß ja noch Originale Haydnscher Streichquartette, so etwas könnte man sich heute wohl nicht mehr vorstellen.
Herzliche Grüße, und weiterhin viel Freude mit Deinem wunderschönen Hobby, Sarastro
Carola (04.07.2008, 17:17): Original von Sarastro
Mir gefällt auch die klare Notenschrift von Bach, Haydn und Mozart (bei Beethoven tut man sich aus bekannten Gründen schon deutlich schwerer).
Herzliche Grüße, und weiterhin viel Freude mit Deinem wunderschönen Hobby, Sarastro
Lieber Sarastro,
Beethovens Handschrift könnte vor allem im Vergleich zu Bach in der Tat unterschiedlicher kaum sein.
Bei Wikipedia fand ich diesen Auszugs aus der Hammerklaviersonate, op. 109
Man ist fast versucht, von einer Klaue statt von einer Handschrift zu sprechen. :D
Was die Originale selbst angeht, so bin ich ganz Deiner Meinung: Die gehören ins Museum, nicht in Privatbesitz. Obwohl: So ein winziges Fitzelchen mit zwei bis drei Noten von Bach... Man wird ja noch träumen dürfen.
Mit Gruß von Carola
Sarastro (04.07.2008, 21:02): Liebe Carola, "Klaue" kann man da wohl sagen, ohne dem Meister allzusehr nahetreten zu wollen. Andererseits ist es auch wieder recht berührend, das Heiligenstädter Testament im Original anzuschauen und, so gut es nach der Erinnerung geht, zu lesen: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/47/Beethoven_Heiligenstaedter_Testament.jpg
Herzliche Grüße, Sarastro
cellodil (11.08.2008, 21:16): Hallo, Ihr Lieben,
wer sich von Euch für Handschriften und/oder Schubert interessiert, der sollte mal hier nachsehen. Da kann man sich die Handschriften online anschauen.
Herzliche Grüße
Sabine
Gamaheh (11.08.2008, 22:12): ... und hier eine Menge Beethoven und auch ein paar andere ...
Grüße, Gamaheh
Leif Erikson (15.08.2008, 11:19): Liebe Carola,
vielen Dank für die Eröffnung dieses threads. Ich hatte bisher zu Autographen eine eher ablehnende Haltung wegen der exorbitanten Auktionspreise und weil Graphologie generell die Atmosphäre von Scharlatanerie und Kaffesatzlesen verbreitet. Das Blatt von J.S. Bach, das Du zeigst, hat für mich einen ungeheueren graphischen Reiz. Ich denke zwar, daß Bach sich hier besondere kalligraphische Mühe gegeben hat, aber das Ergebnis ist so schwungvoll, rythmisch und vital, daß es mit seiner Musik mithalten kann. Wenn ich etwas persönliches daraus lesen sollte, deckt es sich mit dem sympathischen Eindruck, den ich schon aus Biographien von J.S. habe.
Beethovens Notenschrift ist dagegen absolut gegen meine Erwartungen ausgefallen. Gerade bei ihm hätte ich die reichliche Verwendung von Tinte und einen robusten Gestus vermutet. Diese zarten intellektuellen Hieroglyphen veranlassen mich nochmal über ihn nachzudenken.
Gruß, Leif.
Carola (15.08.2008, 16:45): Original von Leif Erikson Liebe Carola,
... Ich hatte bisher zu Autographen eine eher ablehnende Haltung wegen der exorbitanten Auktionspreise und weil Graphologie generell die Atmosphäre von Scharlatanerie und Kaffesatzlesen verbreitet....
Gruß, Leif.
Lieber Leif,
auch ich stehe der Graphologie eher skeptisch gegenüber - aus den von Dir genannten Gründen. Wenn man allerdings die Handschriften von Bach und Beethoven vergleicht, ist nur schwer vorstellbar, dass sich der enorme Unterschied, der hier deutlich wird, nicht auch in der Persönlichkeit gezeigt haben soll. Ergiebiger erscheint mir allerdings die Frage, ob und wie Handschrift und musikalische "Handschrift" sich zueinander verhalten.
Noch gar nicht klar scheint mir auch zu sein, was es bedeutet, dass die zeitgenössischen Werke vermutlich alle am Computer entstehen, so dass der Arbeitsprozess anhand von Skizzen etc. später gar nicht mehr nachzuvollziehen ist. Oder gibt es noch Komponisten, die mit der Hand schreiben?
Vielleicht kann uns ja unser komponierender Administrator hierüber Aufschluss geben. Womöglich sogar anhand eines autographen Beispiels?