Emil Niklaus von Reznicek zwischen Mahler und R. Strauss

Toni Bernet (30.01.2021, 16:46):

Mit seiner 5-Minuten-Ouvertüre zur Oper Donna Diana gehört Reznicek zu jenen Komponisten, die mit einem ihrer Werke so grossen Erfolg hatten, dass in der Folge alle übrigen Kompositionen in den Hintergrund versetzt und fast vergessen wurden. 1894 war die Uraufführung seiner Oper Donna Diana in Prag.

Als Zeitgenosse und Freund von Richard Strauss, aber auch als dessen Konkurrent, war er als Komponist und Dirigent in ganz Europa tätig und hinterliess ein reiches Werk, das erst langsam wieder wahrgenommen wird. Dabei kommen etwa die Orchesterkompositionen wie Schlemihl (1912) oder seine vier erhaltenen Sinfonien (1904; 1918; 1919; 1924) durchaus anspruchsvoll und vielfältig daher, Werke, die in ihrer farbigen Orchestrierung und etwas grotesken und selbstironischen Art durchweg zwischen Mahlers Weltanschauungs-Sinfonien und Richard Strauss’ jugendlich überschwänglichen Sinfonischen Dichtungen ihren Platz hätten.

Wie also muss man E.N. von Reznicek einstufen? Als verspäteten Romantiker, Neoklassizist oder als Komponisten des Jugendstils. Was sind seine Eigenarten gegenüber Mahler oder Strauss?

Welche seiner Werke sind empfehlenswert und würden sich lohnen, kennen zu lernen? Was vermitteln sie an musikalischem und existentiellem Gewinn?
Und warum ist er ein One-hit-Komponist geblieben? Welche Hörerfahrungen mit seiner Musik haben Sie gemacht?
Sfantu (30.01.2021, 16:51):
Lieber Toni,

Kompliment für diese Faden-Eröffnung!
Das verspricht, interessant zu werden.

Gruß,
Sfantu
Waldi (01.02.2021, 11:02):
Während die Ouvertüre zu "Donna Diana" sozusagen keine Rezeptionsprobleme bereitet, lösen Rezniceks übrige Werke meist ganz gegensätzliche Reaktionen aus, wobei viele Einwände dahingehend lauten, daß die Musik zugleich alles und nichts sei, einige schöne Einfälle im einzelnen und sonst ein Mix oder Brei, von dem man nicht wüßte, wo er hinzutun sei oder wie man ihn einordnen könnte. Ich übertreibe da absichtlich ein wenig, um damit die Diskussion herauszufordern. Auch muß ich gestehen, daß ich bisher nur wenig von Reznicek gehört habe. Dieses Wenige empfand ich aber auch als recht zwiespältig. "Donna Diana" scheint mir bis jetzt auch gar nicht so typisch für sein Gesamtwerk zu sein. Als Einstieg, um sich Rezniceks Schaffen zu nähern, dürfte sich "Der Sieger" eher eignen, von dem es eine sehr gute Einspielung unter Jurowski gibt. Das Stück gilt zumindest teilweise als Parodie auf die symphonischen Dichtungen von Richard Strauss.
Maurice inaktiv (01.02.2021, 15:06):
Ich selbst habe seine Sinfonien hier vorliegen. Dafür hat CPO gesorgt, die bisher wohl die einzigen Einspielungen vorgelegt haben von den Werken. Ich sage es mal so; Wer sich im Spätromantischen Repertoire und der frühen Moderne wohl fühlt, sollte auch einen Zugang zu Reznicek kriegen. Seine Schreibweise macht mir zumindest mehr Probleme als seine Musik. :D

Da er aber im Spielplan der Orchester quasi nicht vorhanden ist, wird man auch kaum auf ihn aufmerksam.

Ich selbst habe bewusst einen Bogen um ihn gemacht, was die Eröffnung eines Threads angeht, da seine ganze Biographie nicht einfach ist. Er saß quasi im Kaiserreich genau so zwischen den Stühlen, als auch später in der Nazi-Zeit. Dort hatte er ein recht merkwürdiges Liebe-Hass-Verhältnis zwischen der Partei, den führenden Mitgliedern des Regimes und ihm selbst ergeben. Sein Sohn schlug den Weg des Pro-Nazis ein, seine Tochter ging in den Widerstand. Er selbst wurde protegiert, aber durfte seine wichtigsten Werke nicht aufführen, die er vor 1933 geschrieben hatte. Seine zweite Frau war Jüdin gewesen, und nur durch viel Glück und Geschick wurden falsche Papiere für sie aus der Schweiz besorgt, so dass hier niemand eingegriffen hatte.

Er selbst hatte böhmische und rumänische Vorfahren, wurde in Wien geboren, ging nach Jahren der Wanderungen um 1902 herum nach Charlottenburg, und blieb dort auch bis zu seinem Lebensende wohnen.

Musikalisch bandelte er sogar mit dem Jazz an, war gut mit Alban Berg befreundet und stand selbst wohl vor allem in der Spätromantik, die er später aber "moderner" komponierte, ohne wirklich ein "Modernist" noch zu werden.

Im Gegensatz zu Richard Strauss, dem es gelang, nicht von den Spielplänen nach dem 2.Weltkrieg zu verschwinden, gingen andere Komponisten, die zumindest teilweise nazikonform liefen, unter. Etwa Ernst Pepping, der aber als wichtiger Kirchenmusiker auch am Ende über diese Klippen hinwegsegeln konnte. Hans Pfitzner, Werner Egk, Joseph Marx und Carl Orff standen übrigens auch auf dieser Liste mit drauf. Außer Orff findet man keinen dieser Komponisten heute regelmäßig auf den Spielplänen in Deutschland.

Teile seiner Werke gelten als verschollen, da man seine Manuskripte 1943 von den Nazis beschlagnahmt und versteckt wurden. Nach dem Kriege 1945 fielen diese den Sowjet-Truppen in die Hände. Teile davon taugten später wieder auf, aber einige Werke blieben verschollen (etwa 3 Studiensinfonien und 2 Requiems).















Die Oper "Donna Diana" (Uraufführung 1994 in Prag), Die Oper "Ritter Blaubart" (geschrieben 1915/16, 1920 in Darmstadt uraufgeführt) wurde wohl sein wichtigstes Werk.
Sfantu (01.02.2021, 23:08):
Ich selbst habe seine Sinfonien hier vorliegen. Dafür hat CPO gesorgt, die bisher wohl die einzigen Einspielungen vorgelegt haben von den Werken.
20 Jahre vor Beermann wurden bereits diese Aufnahmen der Zweiten & Dritten eingespielt. Die Platten stehen in meiner Sammlung, die Musik wird mit Engagement & Verve dargeboten:



Sinfonie Nr. 4 f-moll
Philharmonie Hungarica - Gordon Wright
(LP, Schwann, 1985)




Sinfonie Nr. 3 D-dur
Philharmonia Hungarica - Gordon Wright
(LP. Schwann, 1984)

& zeitgleich mit Beermann gingen die Donau Philharmonie Wien & Manfred Müssauer mit der Fünften sowie Ballettmusik & einem Walzerintermezzo aus "Donna Diana" für das Label Antes ins Studio. Kenne die CD allerdings nicht, da ich mit der Beermann-Version gut zufrieden bin & nicht unbedingt eine Weitere brauche.


Wie also muss man E.N. von Reznicek einstufen? Als verspäteten Romantiker, Neoklassizist oder als Komponisten des Jugendstils. Was sind seine Eigenarten gegenüber Mahler oder Strauss?
Das hast Du, wie ich finde, selbst schon ganz treffend eingeordnet:

Dabei kommen etwa die Orchesterkompositionen
durchaus anspruchsvoll und vielfältig daher, Werke, die in ihrer farbigen Orchestrierung und etwas grotesken und selbstironischen Art durchweg zwischen Mahlers Weltanschauungs-Sinfonien und Richard Strauss’ jugendlich überschwänglichen Sinfonischen Dichtungen ihren Platz hätten.
Wenn ich ein Werk als Einstieg empfehlen sollte, dann vielleicht am ehesten die fünfte Sinfonie. Im Falle der Beermann-Aufnahme verdiente sie m. E. mehr noch als die Zweite, die auf derselben CD enthalten ist, den Beinamen "Ironische", ist stattdessen aber mit "Tanz-Sinfonie" betitelt. Doppelbödigkeit, Stimmungsbrüche & Parodie sind allenthalben hör-& spürbar. Was Reznicek gerade gegenüber den beiden großen Namen, die Du erwähnst, auszeichnet, ist, daß er nicht sich selbst in den Mittelpunkt rückt sondern sich mehr hinter das Werk stellt. Strauss geht es (sicher nicht nur & nicht immer) um sein mehr als gesundes Ego, die auftrumpfende Geste, die gern mal unvermittelt ins Süßliche kippt. Mahler windet sich in selbstmitleidigem Weltschmerz. Reznicek nehme ich das ironische Spiel, seine sarkastische Distanz am ehesten ab.

Nochmal zum Problem des one hit wonder: muß man nicht zugestehen - bei aller Problematik (das Gesamtwerk verschwindet hinter einem 5minütigen Reißer): die Donna-Diana-Ouvertüre ist schon grandios.
Maurice inaktiv (01.02.2021, 23:24):
Wegen EINER Ouvertüre von vielleicht fünf Minuten würde ich jetzt keinen Wirbel veranstalten. Und selbst diese Ouvertüre findet man allenfalls noch auf diversen Ouvertüren-Sampler, aber nicht mal mehr als Zugabe im Konzertsaal. Das ist am Ende sehr wenig, wenn man sich seine Werke mal anhört. Das Problem zudem ist, dass in seiner Generation eine unglaublich große Anzahl an exzellenten Komponisten am Leben und am agieren waren. Alleine die alle hier aufzuzählen wäre erstaunlich.

Von "A" wie Kurt Atterberg, bis "Z" wie Alexander von Zemlinsky" wird man eine kaum für möglich gehaltene Zahl finden. Die Konkurrenz war hart, auch waren viele Dirigenten zugleich richtig gute Komponisten, auch wenn deren Werke oftmals erst viel später wirklich eingespielt wurden (etwa Wilhelm Furtwängler, Bruno Walter und Felix von Weingartner).
Sfantu (02.02.2021, 08:30):
Dieser Wirbel dominiert ja nunmal die Reznicek-Rezeptionsgeschichte seit über 100 Jahren.
Ähnlich derjenigen von Schmidt durch das "Notre Dame"-Intermezzo oder jener von Dukas durch dessen "L'Apprentice"
Das Kunstmusik-Publikum ist zahlenmäßig klein & mehrheitlich konservativ. Daß ein paar Enthusiasten, u. a. in Klassikforen, sich für mehr interessieren als das, was sie eh schon kennen, ist erfreulich. Aber eben nicht repräsentativ für die große Masse.
Interessant finde ich, wie man einen Überblick über Zugaben in Konzerten erlangen kann. Programme sind ja einsehbar. Aber Zugaben...?
Maurice inaktiv (02.02.2021, 11:18):
Zugaben kann man recht einfach ersehen: Meißt sind es bekannte, aber kurze Stücke: Einen oder zwei der Ungarischen Tänze oder Slawischen Tänze, oder ein kurzes Solostück, wenn man einen Solisten am Abend dabei hatte, oder eben eine kurze, aber fetzige Ouvertüre.
Sfantu (02.02.2021, 12:35):
Äähhm, ja.
Danke für die Erläuterung. Allerdings stelle ich mir weniger die Frage, was eine Zugabe ist (soweit war ich schon). Ich frage mich eher, wie man zu der Erkenntnis gelangt, daß dieses oder jenes Stück "nicht mal mehr als Zugabe im Konzertsaal" ertönt. Um das zu wissen, müsste man entweder jedes Konzert hören oder eine repräsentative Umfrage unter Orchestermusikern/Dirigenten machen.
Maurice inaktiv (02.02.2021, 14:29):
Ich frage mich eher, wie man zu der Erkenntnis gelangt, daß dieses oder jenes Stück "nicht mal mehr als Zugabe im Konzertsaal" ertönt. Um das zu wissen, müsste man entweder jedes Konzert hören oder eine repräsentative Umfrage unter Orchestermusikern/Dirigenten machen.
Hast DU es je in einem Konzert mal gehört? Kennst DU jemanden, der/die das Stück vor Corona mal im Konzertsaal gehört hat? Ich nicht. Daher auch meine Antwort entsprechend. Dazu braucht man keine Umfragen zu veranstalten. In England wird man einen Marsch aus der "Pomp and Circumstance"_Reihe auswählen, das geht immer. Hast Du einen Geiger als Gast, gibts meist was von Bach Solo zu hören, bei einem Pianisten Chopin. Das ist jetzt mal sehr pauschal geschrieben, ich weiß es selbst. Doch so funktioniert es eben. Du weißt das auch selbst.
Sfantu (03.02.2021, 08:21):
Hast DU es je in einem Konzert mal gehört?
Ja, hab' ich. Ich käme deshalb aber nicht zu dem Schluß: "Man hört sie ständig als Zugabe im Konzert". Das zu behaupten, oder auch zu sagen, daß ein Stück "nicht mal mehr als Zugabe im Konzertsaal" erklingt, wäre genau so unbelegbar wie die Aussage "Es gibt im Grunde keinen Investment-Banker, der einen über den Tisch ziehen will" oder "Alle Investment-Banker wollen einen über den Tisch ziehen".
Würde man Menschen auf der Straße befragen, was ihnen zu Reznicek einfällt, wäre meine Prognose: 95 von 100 antworten: "Rezni...wer??" & die übrigen 5: "Donna Diana".

Aber zurück zum Thema:

@Waldi

Du erwähnstest den "Sieger" & daß er als Parodie auf die Tondichtungen Richard Strauss' gelte.
Das hatte ich auch gelesen. & weiterhin, dieses Werk bilde zusammen mit dem "Schlemihl" eine Art Gegensatz-Paar. In Letzterem portraitiere Reznicek im Grunde genommen sich selbst. Quasi die Karikatur eines "Verlierers" als Pendant zur Karikatur eines "Siegers"? Also gewissermaßen als Ausdruck des zwiespältigen Verhältnisses zu Strauss &/oder zu sich selbst? Kannst Du oder sonst jemand, der beide Werke kennt, das nachvollziehen? Ich kenne sie eben beide nicht & wäre daher neugierig auf eure Bewertungen.
Cetay (inaktiv) (03.02.2021, 08:43):
Würde man Menschen auf der Straße befragen, was ihnen zu Reznicek einfällt, wäre meine Prognose: 95 von 100 antworten: "Rezni...wer??"
Schuldig! :whistling:
Maurice inaktiv (03.02.2021, 09:54):
Du erwähnstest den "Sieger" & daß er als Parodie auf die Tondichtungen Richard Strauss' gelte.
Das hatte ich auch gelesen. & weiterhin, dieses Werk bilde zusammen mit dem "Schlemihl" eine Art Gegensatz-Paar. In Letzterem portraitiere Reznicek letztenendes sich selbst. Quasi die Karikatur eines "Verlierers" als Pendant zur Karikatur eines "Siegers"? Also gewissermaßen als Ausdruck des zwiespältigen Verhältnisses zu Strauss &/oder zu sich selbst? Kannst Du oder sonst jemand, der beide Werke kennt, das nachvollziehen? Ich kenne sie eben beide nicht & wäre daher neugierig auf eure Bewertungen.
Ich kenne "Schlemihl" nicht, aber ich habe gerade mal "Der Sieger" ins CD-Fach eingelegt, denn diese Einspielung habe ich vorliegen, aber schon ewig nicht gehört.

Vor allem der Booklet-Text ist, wie fast immer bei CPO, sehr interessant. So pflegten Richard Strauss und Reznicek in der Öffentlichkeit einen eher freundlichen Umgang, bei dem man seine gegenseitige Wertschätzung zum Ausdruck brachte, während sie sich sonst überhaupt nicht ausstehen konnten. Der Grund dafür dürfte vor allem in den Erfolgen von Richard Strauss zu finden sein, während Reznicek als gebildeter Adliger immer wieder dann, wann sich der Erfolg begann einzustellen, auf die Nase fiel.

"Der Sieger" erscheint mir "frecher" und auch "moderner" zu sein, als etwa "Till Eulenspiegel" oder "Don Juan" von Strauss. Reznicek bedient sich hier bereits in Teilen bei der Moderne, das ist über die Spätromantik hinaus, was man da passagenweise hören kann. Es ist nicht atonal, auch nicht impressionistisch, und doch alles andere als romantisch. Und doch kann man zu eindeutig heraushören, dass Reznicek hier den Komponisten Richard Strauss auf den Arm nimmt. Alleine der Anfang ist eine Mischung aus Eulenspiegel und Don Juan, auch habe ich so hin und wieder das Gefühl, dass er auch Gustav Mahler dabei nicht ausgeschlossen hat.

Der Orchesterapparat, den Reznicek für den "Sieger" eigentlich verlangt istb riesig: Piccolo, 3 Flöten und Oboen, 3 Fagotte plus Kontrafagott, 8 Hörrner, 6 Trompeten und Posaunen (!!!!!), Kontrabasstuba, Pauken, diverses Schlagwerk, 3 Harfen, Celesta und 24-22-16-12-10 Streicher. Eine Alternative dazu hatte er aber auch parat: Man könne auch auf die Hälfte der Hörner, Trompeten und Posaunen und die dritte Harfe verzichten. Auch die Streicher könne man reduzieren. Nun, Reznicek soll ein sehr ironischer Mensch gewesen sein, daher dürfte auch das mit der Besetzung mehr auf die Größe der strauss'schen Kompositionen eine Anspielung gewesen sein.
Waldi (03.02.2021, 10:12):
Das hatte ich auch gelesen. & weiterhin, dieses Werk bilde zusammen mit dem "Schlemihl" eine Art Gegensatz-Paar. In Letzterem portraitiere Reznicek letztenendes sich selbst. Quasi die Karikatur eines "Verlierers" als Pendant zur Karikatur eines "Siegers"? Also gewissermaßen als Ausdruck des zwiespältigen Verhältnisses zu Strauss &/oder zu sich selbst? Kannst Du oder sonst jemand, der beide Werke kennt, das nachvollziehen? Ich kenne sie eben beide nicht & wäre daher neugierig auf eure Bewertungen.
Den "Schlemihl" kenne ich auch nicht, den "Sieger" zu wenig, um mehr zu sagen, als daß er ziemlich superstraussisch wirkt. Was Maurice dazu bemerkt, klingt sehr plausibel. Rezniceks Neigung, Seriöses und Ironie zu verquicken, kann sowohl als Vorzug wie als Schwäche ausgelegt werden, je nachdem ob man seine Auffassung als souveräne Geste ansieht oder als Unvermögen, Scherz und Ernst zu trennen.
Die These, "Sieger" und "Schlemihl" als einander ergänzendes Gegensatzpaar zu deuten, kommt mir attraktiv vor. Sollte ich Gelegenheit finden, die Stücke vergleichend zu hören, werde ich daran denken. Im Moment ist das aber nur ein Wunschvorhaben auf meiner leider langen Liste. :hello
Sfantu (03.02.2021, 10:33):
@Maurice André
@Waldi

vielen Dank für eure bisherigen Eindrücke! Es bleibt also spannend.
& ja - die Liste ist lang. Den Satz kann vermutlich jeder von uns für sich übernehmen...
Philidor (03.02.2021, 14:43):
Würde man Menschen auf der Straße befragen, was ihnen zu Reznicek einfällt, wäre meine Prognose: 95 von 100 antworten: "Rezni...wer??" & die übrigen 5: "Donna Diana".
Mir wäre noch nicht einmal Donna Diana eingefallen.

Ich hätte mich dunkel erinnert, dass dem jungen GMD in Aachen, einem gewissen Herbert von Karajan, angeboten wurde, an der Staatsoper "Unter den Linden" die Oper "Die Bürger von Calais" von Reznicek als Premiere neu einzustudieren und dass besagter Karajan die Chuzpe hatte, im Prinzip zuzusagen, aber die Bedingung stellte, die laufenden Aufführungen von "Fidelio", "Tristan" und "Meistersinger" vorher zu übernehmen, um "das Orchester kennenzulernen". - Da der Tristan seinerzeit noch als Stück für eingeweihte Druiden galt, war dieses Ansinnen eines 30jährigen fast schon ein Affront.

So weit alles richtig, nur ist "Die Bürger von Calais" nun mal nicht von Reznicek, sondern von Wagner-Régeny ... :D :ignore

Allerdings habe ich bei einer Web-Recherche gelernt, dass besagte Ouvertüre auch bisweilen von blasphemischen Sumpforchestern symphonischen Blasorchestern zum Besten gegeben wird. Dort vielleicht häufiger als in den heiligen Hallen der Berufsorchester.

Ausnahme: Das Dirigat des Siegers beim 6. Dirigentenwettbewerbs "Sir Georg Solti", der beim Preisträgerkonzert selbige Ouvertüre vom hr Sinfonieorchester spielen ließ.

Gruß
Philidor

:hello
Andréjo (03.02.2021, 15:43):
von blasphemischen Sumpforchestern symphonischen Blasorchestern zum Besten gegeben
Gar nicht so unhübsch!

:) Wolfgang

Und zur Sache: Der Sieger wurde in den Einkaufskorb gelegt. Außer jener Donna-Diana-Ouverture (auf einem Karajan-Ouverturen-Sampler, glaube ich) finde ich nichts im Schrank und kann mich auch auf nichts besinnen. Dabei mag ich doch die kleinen Namen immer wieder - klein nicht, was den Namen per se anbelangt - der klingt nicht schlecht. In Foren taucht er überdies immer mal wieder auf.
Maurice inaktiv (03.02.2021, 17:37):
Allerdings habe ich bei einer Web-Recherche gelernt, dass besagte Ouvertüre auch bisweilen von blasphemischen Sumpforchestern symphonischen Blasorchestern zum Besten gegeben wird. Dort vielleicht häufiger als in den heiligen Hallen der Berufsorchester.
Wenn, dann auch nur von den besseren Orchestern dieser Branche. Und ich kann mich daran nicht erinnern, sie jemals gehört zu haben von einem solchen Orchestern.

https://www.youtube.com/watch?v=LuU3v7cCRjg

Hier die Ouvertüre "Donna Diana" aus einem Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unter Claudio Abbado 1988

Das Stück hat es also durchaus bis in dieses Konzert geschafft. Mich haut sie nicht von den Socken. Ich mag mehr Suppés oder Rossinis Ouvertüren.
Sfantu (04.02.2021, 18:24):
@Marcie

Schön, daß Du den Goldpirol nennst. Damit hatte ich fast gerechnet. Du hattest Dich schon früher mal ziemlich begeistert darüber geäussert.
Was mir natürlich auf den Nägeln brennt: da wir ja schon über das nicht ganz einfache Verhältnis Reznicek-Strauss sprachen: wie fällt ein Vergleich aus, wenn Du Rezniceks "Eulenspiegel" dem von Richard Strauss gegenüber stellst? Oder gibt es im Booklet Infos/Details hierzu?
Maurice inaktiv (04.02.2021, 21:12):
ann ich leider nicht vergleichen, da ich den von Strauss weder habe noch kenne.
Falls es jemand tun mag:

https://www.youtube.com/watch?v=99qWgSItaNQ

Hier der Eulenspielgel von Richard Strauss mit Herbert von Karajan

https://www.youtube.com/watch?v=-uIQ71RHS2o

Hier nun von Rezniceks Eulenspiegel mit Marcus Bosch

Viel Spaß, wer auch immer es mal machen möchte.
Sfantu (04.02.2021, 22:33):
@Maurice André

danke für den Service.
Verblüffend, wie nah beieinander sie doch waren. Bin zwar nach wie vor der Meinung, daß die Spätromantik unpassend für dieses Sujet ist - & obwohl (oder gerade: weil) Strauss ein Leben lang das Till Eule-Thema für sich gepachtet hatte: Patt-Situation. Mit hauchdünnen Vorteilen für Reznicek.
Toni Bernet (05.02.2021, 17:47):



Die Entstehungsgeschichte des Violinkonzertes e-moll von Emil Nikolaus von Reznicek verlief ungewohnt und kompliziert. Das ist wohl ein Grund dafür, dass dieses interessante Werk kaum gespielt wird. Mit seiner 5-Minuten-Ouvertüre zur Oper Donna Diana gehört Reznicek zu jenen Komponisten, die mit einem ihrer Werke so grossen Erfolg hatten, dass in der Folge alle übrigen Kompositionen in den Hintergrund versetzt und fast vergessen wurden. 1894 war die Uraufführung der Oper Donna Diana in Prag. Als Zeitgenosse und Freund von Richard Strauss, aber auch als dessen Konkurrent, war er als Komponist und Dirigent in ganz Europa tätig und hinterlässt ein reiches Werk, das erst langsam wieder wahrgenommen wird. Dabei verdienen es Orchesterkompositionen wie Schlemihl (1912) oder die 3. Sinfonie im alten Stil (1918) neu aufgeführt zu werden, Werke, die in ihrer farbigen Orchestrierung und etwas grotesken und selbstironischen Art durchweg zwischen Mahlers Weltanschauungs-Sinfonien und Richard Strauss’ jugendlich überschwänglichen Sinfonischen Dichtungen ihren Platz hätten.
Über sein Violinkonzert e-moll schrieb Reznicek:
«Im selben Jahr schrieb ich ein Violinkonzert e-moll. Als Interpreten für den
Solopart hatte ich eine unglückliche Wahl getroffen und dadurch auf
Jahre hinaus die Lust an dem Stück verloren. In solchen Fällen bin ich nämlich
eigen. Ich bin keiner von denen, die, wenn sie was komponiert haben, anbetend vor
jeder Note knien. Wenn ich aus irgendeinem Grund in dem Stück ein Haar gefunden
habe, lege ich es bis auf weiteres in die Schublade. Dieses Weitere bezüglich des
Violinkonzertes hat sich vor einigen Monaten in Gestalt einer zwanzigjährigen Geigerin
gefunden, die das Stück im Rundfunk auf die Platte gespielt hat
und zwar mit ausgezeichnetem Gelingen, und es wurde in Aussicht genommen, diese
Platte demnächst zu senden. Der musikliebende Hörer kann sich dann selbst ein
Urteil über das Stück und die Interpretin bilden. Ein Urteil darf ich mir aber (als
Ausnahmefall) selber gestatten: Es ist für, nicht gegen die Geige geschrieben.»

Die Entstehungsgeschichte scheint im Detail folgendermassen abgelaufen zu sein:
1918 schrieb Reznicek ein dreisätziges Konzertstück für Violine und Orchester in E-Dur. Es war Ende August 1918 vollendet.
Was ihn darauf veranlasste, das Violinkonzert nochmals zu schreiben (ev. aufgrund eines neu eingetroffenen Auftrags des Geigers Carl Flesch?), ist nicht klar. Auf jeden Fall entsteht jetzt ein Konzert in e-moll, in klassizistischer Spätromantik, mit feinen Anspielungen an Mendelssohn. Für dieses neue Konzert übernimmt Reznicek den zweiten Satz aus dem E-Dur Konzertstück und schreibt zwei neue, völlig verschiedene Ecksätze.
Dieses Konzert wurde von Flesch abgelehnt, es sei aufbereiteter Bériot (wie man nur auf diese Idee kommen konnte?). Das e-moll Violinkonzert ging dann 1924 in Berlin in Druck und wurde am 26. Februar 1925 von Ignatz Waghalter uraufgeführt, eine Aufführung, die Reznicek als ungenügend gut gespielt empfand. Das Konzert blieb ab dann liegen, erst 1941, als Reznicek bereits 81 Jahre alt und krank war, wurde es von Alice Schoenfeld nochmals gespielt, und diese Aufführung galt dann für Reznicek als offizielle Uraufführung.

Auffallend am e-moll Konzert ist seine Orientierung an Mendelssohn, unüberhörbar gleich zu Beginn, aber auch sonst formal und in den typisch sich wiederholenden Geigenläufen aufwärts. Ob diese Orientierung an Mendelssohn (Reznicek studierte in Leipzig bei Carl Reinecke und Salomon Jadassohn) mit einer allgemeinen Sehnsucht nach Neuorientierung nach der auch geistigen Katastrophe des Ersten Weltkriegs zu tun hat? Neuorientierung wurde kulturell als Notwendigkeit empfunden (z.B. Surrealismus in der Malerei, etwa bei Max Ernst u.a.). In der Musik entstand der Neoklassizismus: Pulcinella von Strawinsky entstand 1920, Prokofjews Klassische Sinfonie in den Jahren 1916 bis 1917.

Je mehr ich dieses Konzert hörte, desto mehr interessierte es mich, auch andere Werke von ihm zu hören, die wieder ganz verschieden sind, gerade auch diejenigen Werke, die vor dem ersten Weltkrieg entstanden sind. Und doch hat Reznicek was Spezielles, nahe bei R. Strauss, aber auch wieder ganz anders.

Gruss an alle, die sich auch mit Reznicek beschäftigen.
Toni
Sfantu (06.02.2021, 23:49):
Lieber Toni,

es wäre ja verwunderlich gewesen, wärest Du es nicht, der hier die Rede auf das Violinkonzert bringt. Das war beinahe schon Gedankenübertragung. Habe nämlich gerade in den letzten Tagen das Konzert in der mir vorliegenden Aufnahme mehrmals gehört. Der Eindruck bleibt dabei zwiespältig. Die Parallelen zu Mendelssohn sind schon frappant: e-moll wie im berühmten op. 64, dann übernimmt die Violine auch hier gleich in den ersten Takten ohne Umschweife das Thema. Soweit, so gut - wenn auch um etliche Jahrzehmte versetzt. Erst später im Laufe des Kopfsatzes wird allmählich klar, daß wir hier im frühen zwanzigsten Jahrhundert sind.
Der Klappentext meiner Langspielplatte geht nur oberflächlich auf das Werk ein, befaßt sich mehr mit einer Art Psychogramm Rezniceks & seinem Stellenwert im Laufe der Musikgeschichte: " gehört er zu den wenigen, die unbeirrt durch Tagessensationen ihren besonderen Weg gegangen sind, klug, ein wenig skeptisch, ein wenig sarkastisch humorvoll, ein wenig ironisch beobachtend, zum Führer nicht berufen, zum Geführtwerden aber doch zu selbständig, kritisch veranlagt, mit feinem Spürsinn für die technische Erfindungskraft der Gegenwart, das Brauchbare davon geschickt aufgreifend - im Grunde aber doch stets die klang- und sinnfrohe Österreichernatur, die nicht spekulieren sondern musizieren will" .
Diese Charakterisierung trifft im Grunde recht gut den Wesenszug dieses Solokonzerts.
Technisch etwas unglücklich scheint mir der Schluß des Finalsatzes: eine schon sicher geglaubte Coda führt noch einmal unversehens zu einem Fortspinnen in Form einer vorläufigen Zurücknahme des vorangegangenen energetischen Drives, ehe es zu einem Abschluß führt, der nicht ganz folgerichtig & somit gewissermaßen zurückgenommen wirkt. Ohne irgendeine Ahnung vom Violinspiel zu haben, scheint mir der Solopart doch arg vertrackt & letztlich undankbar zu sein, also nicht eben geschmeidig für das Instrument geschrieben.
Die Aufnahme in meiner Sammlung ist gut bis sehr gut. Dem Solisten fehlt es aber an einem letzten Quäntchen Draufgängertum, seinen stellenweise technisch scheinbar sehr schwierigen Part nimmt er mehr mit Kalkül denn mit Risiko.


Violinkonzert e-moll

Michael Davis,
Philharmonia Hungarica - Gordon Wright
(LP, Schwann, 1984)

Mit Stoppuhr, ohne Angabe der Spielzeiten & ohne Vorlage der Partitur kann ich nur mutmaßen, wann der zweite Satz beginnt, der Übergang ist attacca.

Allegro molto 10'25
Allegretto con comodo 7'01
Capriccioso 9'03

Hanspeter Krellmann zitiert in seinem Klappentext Paul Bekker
Toni Bernet (08.02.2021, 20:22):
Hallo Sfantu

mit grossem Interesse lese ich deine spannenden Zeilen zum e-moll-Violinkonzert von Reznicek. Mir gefällt die Charakterisierung dieses Werkes, die du zitierst, ebenfalls sehr. Es ist und bleibt ein Werk zwischen den Zeiten. Neue Orientierung war damals notwendig. Für ein Violinkonzert sich an Mendelssohn zu orientieren, ist also verständlich, und dies doch auf irgendwie originelle Art. Wie Brahms sich ja auch an Beethovens Violinkonzert orientierte. Nur will auch ich das Werk von Reznicek nicht auf die einmalige Höhe von Brahms heben. Aber immerhin ein Violinkonzert, das sich lohnt zu hören. Einige CD-Aufnahmen mehr, wären ein Gewinn. Ob sich in Zukunft nicht auch jüngere Geiger oder Geigerinnen diesem Konzert widmen werden, ich denke, sie könnten damit Erfolg haben.

Es grüsst
Toni
Sfantu (25.05.2022, 23:41):
Heute war es endlich soweit,
die Ruhe und Konzentration zu finden, diese beiden Brocken - nachdem sie nun doch einmal zu meiner Sammlung gestoßen sind, hintereinander zu verkosten. Ihre angenommene Stellung als Geschwisterwerke bestätigte sie dabei eindrücklich.



Schlemihl
Ein symphonisches Lebensbild für Orchester mit Tenor-Solo

Nobuaki Yamamasu, Tenor
WDR Sinfonieorchester Köln - Mikhail Jurowski
(CD, cpo, 2004)

Der Mann. Mit stolzem Schwung 6`03
Orgie. Scherzo 6`07
Die Frau. Adagio 13`16
Belebt, mit stolzem Schwung 12`06
Sehr breit und feierlich 6`26

Der Schlemihl kann als ein Selbstportrait Rezniceks gehört und verstanden werden (ein Versuch von Selbsttherapie vielleicht?).
Die aus dem Volksglauben stammende Figur des Schlemihl, während der Restauration erfolgreich durch Chamisso literarisch aufgegriffen, bot Reznicek offenbar einige Anknüpfungspunkte zur Identifikation: was er auch anfängt, wird am Ende zuverlässig vom Pech vereitelt > der Verlust der ersten Ehefrau und der beiden gemeinsamen Kinder, das Vor-der-Nase-Sitzen des geliebten und gehassten Richard Strauss, dem alles zuzufliegen schien und den sein übergroßes bajuwarisches Ego von Erfolg zu Erfolg trug, die schwere Erkrankung der zweiten Ehefrau, das Hin-und-her-geworfen-Sein seines nonkonformistischen und von Selbstzweifeln durchdrungenen Geistes?

Überwältigend zunächst die überbordende Fülle, ein wahres Kaleidoskop an Stimmungen, an Farben. Gerade in den ersten beiden Sätzen wird in alpdruckartigem Wahn ein Panoptikum der denkbar gegensätzlichen Gemütsverfassungen durchschritten, bei dem es den Hörer / Betrachter gleichermaßen freudig erregt wie erschaudert. Vielerlei Anspielungen, Zitatfetzen oder auch nur angetäuschte, also Fast-Zitate sorgen beinahe für Drehschwindel: Beethovens Szene am Bach, Ach, Du lieber Augustin, immer wieder das "Fanget an" aus den Meistersingern. Voll von eitler Selbstüberschätzung also der erste Satz, voll von Zynismus und Parodie der zweite. Darin vollzieht sich eine wahnhaft kapriolische Tour de force, nicht unähnlich dem Hexensabatt bei Berlioz. Wie eine Erlösung wirkt demgegenüber der dritte Satz, den das weibliche Prinzip mit friedlicher und ausgleichender Ruhe durchdringt.
Am Ende gelangt der Protagonist (mit einem alter ego namens Tobias Knopp) durch das sphärische Tenor-Solo zu dieser Einsicht:

Oh, was hat in diesen Stunden
Knopp für Sorgen durchempfunden
Rauchen ist ihm ganz zuwider
Seine Pfeife legt er nieder
Ganz vergebens tief im Pult
Sucht er Trösttung und Geduld
Oben auf dem hohen Söller
Unten in dem tiefen Keller
Wo es sich auch hinverfüge
Angst verkläret seine Züge
Ja, er greifet zum Gebet
Was er sonsst nur selten tät
Endlich öffnet sich die Türe
Und es heißt: ich gratuliere!

Es folgt noch andeutungsweise ein Neubeginn, möglicherweise das Geschrei der neugeborenen Tochter Felicitas malend (später die erste Biografin ihres Vaters) - ganz zum Schluß wellenartiges Auf-und-Abwogen der Streicher: der Fluß des Lebens fährt fort? Immer des Ungewissen, der stetigen unterschwelligen Erwartung neuer Enttäuschung, neuen Scheiterns eingedenk? Diese abschließenden Wellenbewegungen wechseln denn auch von Takt zu Takt zwischen Dur und moll.

Die Musik schöpft mitten aus der Spät-und Spätestromantik. Viele Anklänge an Strauss und Mahler. Das mehrschichtig Ironische, Brüchige darf aber wohl als genuiner Reznicek seine Geltung behaupten.




Der Sieger
Symphonisch satyrisches Zeitbild mit Alt-Solo

Beate Koepp, Alt
WDR Rundfunkchor Köln
WDR Sinfonieorchester Köln - Mikhail Jurowski
(CD, cpo, 2004)

Der Aufstieg und die Gefährtin 16`45
Der Tanz um das goldene Kalb 12`17
Der Tod 19`24

Hier wird recht unverhohlen Richard Strauss auf die Schippe genommen.
Als Gegenentwurf zum Schlemihl marschiert, schreitet, stolziert der Protagonist durch sein "Heldenleben". Glänzende Erfolge, Aufstieg, Hybris - freilich immer karikierend, bestimmen den Stimmungsgehalt der ersten beiden Sätze. Waldi hat den Stil bereits ganz treffend als superstraussisch charakterisiert. Die Palette an Klangfarben ist nicht weniger reich oder schillernd als im Schlemihl aber wohl doch eine Spur abgerundeter, weniger verzweigend. Und paßt das nicht wiederum zu den unterschiedlichen Grundcharakteren?: dort von Selbstzweifeln und Rückschlägen geplagte, sensible Schlemihl, hier der straighte, souveräne, selbstbewußte Sieger.
Der "Tanz um das goldene Kalb" ließ mich mehrfach an das Rondo aus Edward Elgars 2. Sinfonie denken - so schillernd und doch eine sinistre, raubtierhafte, gefährliche Schönheit symbolisierend.
Der abschließende Todes-Satz ist dann allerdings komplett von Ironie und Häme befreit, ja, schlägt beinahe in Mitgefühl um. Im Angesicht fortschreitenden Grauens und Vergehens stämmt sich der Sieger letztmals vergebens und in vermutlich kompletter Realitätsverkennung gegen sein Ende. Freilich ereilt es ihn schließlich doch.

Die tröstenden Zeilen der beteiligten Sänger:

Ist einer Welt Besitz für Dich zerronnen
Sei nicht im Leid darüber - es ist nichts

Und hast Du einer Welt Besitz gewonnen
Sei nicht erfreut darüber - es ist nichts

Vorüber gehen die Schmerzen und die Wonnen
Geh an der Welt vorüber - es ist nichts

Schlemihl erlebte am 18. Dezember 1912, der Sieger am 18. Dezember 1913 in Berlin die Uraufführung.

In beiden Einspielungen leistet das Kölner Orchester Großes.
Jurowski disponiert die Klangmassen mit Übersicht. Der Tenor im Schlemihl müßte den Text beseelter, inniger darbieten.
Ein schönes Timbre aber keine Durchdringung des Gesungenen.

Beide Male plastischer, klarer, farbenreicher Klang.