Solitaire (26.02.2009, 08:01):
Die bewegendste Aussage die ich je über die Stimme eines Sängers gehört habe, gilt der deutschen Sopranistin Erna Berger. Zum Erscheinen einer Doppel-CD mit ihren Liedern und Arien vor einigen Jahren schrieb ein Kritiker, von allen Sängern, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts geboren wurden habe „niemand eine Stimme gehabt, die die allgemeine Grausamkeit mit mehr Süße zu lindern vermochte als Erna Berger“.
Erna Berger wurde am 19. Oktober 1900 in Sachsen geboren und lebte in ihrer Kindheit einige Jahre in Südamerika. Später studierte sie in Deutschland Gesang. 1926 erhielt sie ein Engagement an das Opernhaus in Dresden, das lange Zeit ihre künstlerische Heimat wurde. Engagiert wurde sie von Dirigent Fritz Busch, der sie einmal „die Beste die wir haben“ genannt hat. Unter Fritz Busch feierte Erna Berger einen ersten Erfolg als todkrankes Kind Hannele in der Uraufführung der Oper „Hanneles Himmelfahrt“ von Paul Graener.
Berger hatte keine große Stimme, heute würde wohl nahezu jeder Kritiker bemängeln, daß ihre Stimme „zu klein“ sei. (Wie sagt Manuel Brug so treffend: Sind die Stimmen zu klein, oder unsere Opernhäuser zu groß?...)
Ich würde sie als lyrischen Koloratursopran bezeichnen wenn man mich danach fragen würde. Obwohl ihr Stimmumfang recht begrenzt, und die Stimme nicht sehr voluminös war, war sie von erstaunlicher Tragfähigkeit und überstrahlte, vor allem in der Höhe, mühelos jedes Orchester. Dies befähigte sie, auch Mimi, Butterfly, und Gilda zu singen, zu denen ihr mädchenhafter Sopran sehr gut passte. Auch Violetta hat sie gesungen, allerdings dürfte das wohl eine sehr junge Violetta gewesen sein, die noch nicht allzu lange ihr Geld in den Alkoven der Reichen verdient haben wird. :engel
Ihr Hauptaugenmerk galt jedoch den Opern von Wolfgang Amadeus Mozart, Berger war zu ihrer Zeit eine legendäre Susanna, Konstanze, Zerlina und, vor allem, Königin der Nacht. In ihrer Stimme lag, wie einmal ein Kritiker es formuliert hat, immer ein Lächeln (was nicht ganz zur Königin der Nacht passt, dennoch ist sie wunderbar in dieser Rolle). Auch Cherubino hat sie gesungen. Sie ist für mich das absolute Ideal der Mozartsängerin: eine glockenklare, helle, schlanke Stimme. Ich habe niemals eine schönere Version der „Rosenarie“ aus „Die Hochzeit des Figaro“ gehört als ihre, niemals ein wunderbareres Briefduett als die Aufnahme mit Elisabeth Grümmer als Gräfin und Erna Berger als Susanna.
Geradezu unglaublich ist Bergers Textverständlichkeit. Im Gegensatz zu manch anderen Sopranistinnen versteht man bei ihr jedes Wort das sie singt, auch noch in den höchsten Höhen. Außer Fritz Wunderlich fällt mir kein zweiter Sänger ein, der ihr hier das Wasser reichen könnte.
Wie bei jedem Deutschen Sänger ihrer Generation stand Erna Bergers Leben und Karriere unter dem Schatten der Nazidiktatur. Eines ist ganz klar: eine Widerstandskämpferin war sie nicht. Sie ist nicht ins Exil gegangen wie Lotte Lehmann, die mit ihrem jüdischen Ehemann Deutschland verlassen und an der MET Erfolge gefeiert hat, sie hat sich aber offenbar auch nicht so an das neue Regime angebiedert, wie das zum Beispiel der Dirigent Karl Böhm getan haben soll.
Erna Berger ist in Deutschland geblieben und hat, weitgehend unbehelligt von der Diktatur, gesungen. In ihrer Autobiographie hat sie später einmal geschrieben, daß sie es sich als Schuld anrechnen muß, sich nur um ihre Musik gekümmert zu haben, ohne nach den politischen Verhältnissen in ihrem Land zu fragen. Die Tatsache, daß sie auch in Vorstellungen gesungen hat, die Adolf Hitler besucht hat, hat ihr später einmal den bösartigen Spitznamen „Des Teufels Sängerin“ eingetragen. Dies jedoch ist m.E. in höchstem Maße unfair.
Als die Nazis 1933, direkt nach ihrer Wahl, eine Hetzkampagne gegen Dirigent Fritz Busch starteten, (der entschieden gegen die neuen Machthaber war, und nie einen Hehl daraus gemacht hat) und ein Pamphlet gegen ihn in Umlauf brachten, fanden nur 5 Mitglieder des Ensembles der Semperoper den Mut, dieses Schreiben nicht zu unterschreiben. Eine von ihnen war Erna Berger. Auf die Aufforderung, ihre Unterschrift zu geben antwortete sie nur „Ich unterschreibe nichts gegen Busch“.
Fritz Busch emigrierte kurz darauf erst nach England, später nach Amerika. Kurz vor seinem Tod 1951 kehrte er nach Deutschland zurück. Er hat nie vergessen, daß Erna Berger zu den ganz wenigen gehörte, die sich der Hasskampagne gegen ihn nicht angeschlossen haben.
Erna Berger blieb also während des Krieges in Deutschland und sang weiter, sie wurde Mitglied des Ensembles der Wiener Staatoper und der Berliner Staatsoper und trat auch im Ausland auf. Eine Südamerikatournee führte sie zurück in die Heimat ihrer Kindheit.
Im Alter von 54 Jahren nahm sie als Zerlina in „Don Giovanni“ Abschied von der Opernbühne, gab jedoch weiterhin Liederabende und unterrichtete. Ihre erhalten gebliebenen Aufnahmen belegen, daß der Körper der Sängerin wohl alterte, ihre Stimme aber immer die eine jungen Mädchens zu blieben schien. Im Alter von 80 Jahren sang die im Fernsehen Anläßlich eines Portrait das Schubertlied „Im Abendrot“, man merkt ihr gewisse leichte Mühen mit der Atmung an, die Stimme selber aber klingt immer noch erstaunlich jung und frisch.
1990 ist Erna Berger im Alter von 90 Jahren verstorben.
Meine erste Begegnung mit ihr war der Film „Die schwedische Nachtigall“ über das Leben der schwedischen Sopranistin Jenny Lindt (die Hans Christian Andersen zu seinem Märchen „Der Kaiser und die Nachtigall“ inspiriert haben soll), in dem sie der Schauspielerin Ilse Werner ihre Stimme lieh.
Mich hat diese Sängerin seither nie losgelassen, ich habe niemals eine lieblichere, süßere Stimme gehört. Erna Berger singt, wie Fritz Wunderlich, als ob singen die einfachste Sache der Welt sei. Selbst das gefürchtete dreigestrichene f der Königin der Nacht klingt
bei ihr so selbstverständlich und natürlich, daß jeder der es hört glauben muß, er könne das auch.
Während des Krieges haben Erna Berger und ihre Kollegen gesungen bis es nicht mehr ging weil die Gefahr zu groß wurde. Vorher aber haben sie gesungen und gespielt, nach Bombennächten und oft unterbrochen vom Fliegeralarm. Dann ging es für alle Beteiligten in den Keller, nach der Entwarnung wurde weiter gesungen, gespielt und zugehört. Tod und Teufel zum Trotz. Ehe der Spielbetrieb ganz eingestellt werden musste hat man die Aufführungen teilweise auf den frühen Nachmittag verlegt, ehe die Bomber kamen, um in Ruhe Mozart spielen und singen zu können ehe es in den Luftschutzkeller ging. So berichtet es Erna Berger in ihren Memoiren
„Auf Flügeln des Gesanges“.
In der Opernverfilmung „Don Giovanni“ ist Erna Berger an der Seite von Cesare Siepi auch für heutige Opernfans als Zerline zu erleben, außerdem gibt es einige Portraits auf CD, sowie diverse Opernquerschnitte oder Gesamtaufnahmen in denen Berger u.a. als Butterfly, Zerlina, Konstanze, Mimi oder Antonia zu hören ist.