Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande
Jürgen (27.08.2009, 10:52): http://prenzlmaler.files.wordpress.com/2008/06/constablekornfeld18261.jpg
Ich habe mir heute mal vorgenommen, Beethovens Sinfonie Nr.6 zu hören. Normal lege ich seine Sinfonien selten auf, aber gerade mit dem Beginn der Pastorale verbinde ich ein erhebendes, leichtes und angenehmes Gefühl. Der Programmtitel des ersten Satzes trifft es eigentlich recht gut. Sicherlich, wenn Beethoven einen anderen Titel gewählt hätte, hätte ich das vielleicht auch behauptet. Aber der Programmtitel ist nun mal in die Welt gesetzt, hat sich bei mir im Kopf festgesetzt und will da einfach nicht mehr raus.
Nun stellte sich mir die Frage: Welche Aufnahme soll ich hören?
Das Kriterium der Beurteilung war: Bei wem stellt sich das erhebende, leichte und angenehme Gefühl am ehesten ein? Man kann auch sagen: Wer stellt den Programmtitel am besten dar?
Ich habe aus Zeitgründen nur je die ersten 2 Minuten gehört, das hat aber auch gereicht.
Bevor ich meinen Favoriten präsentiere, will ich fragen, ob Ihr bei der Pastorale genauso empfindet, wie ich. (Heitere Empfindungen / Stellung der Pastorale innerhalb der restlichen Sinfonien) Ausserdem würden mich Eure Favoriten interessieren.
Grüße Jürgen
nikolaus (27.08.2009, 15:43): Nun, ich die 6. Sinfonie gehört nicht zu meinen Lieblingssinfonien Beethovens.
Aber ich kann Deine Assoziationen gut nachvollziehen: Es war 2005 auf der Fahrt nach Lugano; ich habe am Viewaldstätter See übernachtet. Als ich am nächsten, strahlendschönen Morgen losfuhr, lag die 6. Sinfonie (übrigens Harnoncourts Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe) im Player. Das war so ein tolles, erhebendes Gefühl, diese Musik zu hören und durch diese wunderschöne Landschaft (bis auf den Gotthard) zu fahren! Das werde ich nie vergessen!
Nikolaus.
Jürgen (27.08.2009, 16:35): Original von nikolaus Nun, ich die 6. Sinfonie gehört nicht zu meinen Lieblingssinfonien Beethovens.
Aber ich kann Deine Assoziationen gut nachvollziehen: Es war 2005 auf der Fahrt nach Lugano; ich habe am Viewaldstätter See übernachtet. Als ich am nächsten, strahlendschönen Morgen losfuhr, lag die 6. Sinfonie (übrigens Harnoncourts Aufnahme mit dem Chamber Orchestra of Europe) im Player. Das war so ein tolles, erhebendes Gefühl, diese Musik zu hören und durch diese wunderschöne Landschaft (bis auf den Gotthard) zu fahren! Das werde ich nie vergessen!
Nikolaus.
Es sind diese seltenen Momente, wenn man die Musik nicht nur mit den Ohren hört, sondern die wunderschöne Landschaft, die Sonne und vielleicht noch die frische Luft auf die Sinne wirken, die unvergessliche Musikerlebnisse erzeugen.
Grüße Jürgen
Gerion (27.08.2009, 21:13): Ja, solche Erlebnisse kenne ich auch gut. Wenn ich diese Musik im Player habe und in Köln über die Rheinbrücke fahre, so dass sich - vielleicht bei strahlend blauem Himmel - der Dom vor mir erhebt, ist es schon ein erhebendes Gefühl...
:hello Gerion
Agravain (28.08.2009, 17:03): Original von Gerion Ja, solche Erlebnisse kenne ich auch gut.
Dem kann ich mich natürlich anschließen. Ich erinnere mich gut daran, was für ein schon fast holistisches Erlebnis es war, als ich vor einigen Jahren einige Tage im stürmigen, aber sonnigen Spätherbst auf der der irischen Westküste vorgelagterten Insel Inishmore war und an einem wunderbaren Tag das Meer betrachtete. Dazu hier ein Pic.
Aus irgendwelchen Gründen (ich glaube, weil ich im Anschluss an den Urlaub ein Konzert mit gleich genanntem Stück zu geben hatte), hatte ich einen Discman und Orffs "Carmina burana" (im der von mir favorisierten Jochum-Aufnahme) dabei. Ich setzte ihn auf, hörte das große "O Fortuna" und war wie eins mit dieser arachaischen Natur. Ich muss heute immer, wenn ich das Werk höre, an diese Momente denken...
Aber wir sind ja nicht in einem Thread zu Musik und Natur (obwohl das sicher auch recht interessant wäre), noch bei Orff, sondern bei Beethoven.
Ich persönlich mag die "Pastorale", vielleicht, weil sie eben nicht so typisch beethovensch ist. Keine innere Dramatik, kein Ringen, keine Vehemenz, keine dynamischen Rückungen, keine Tragik. Stattdessen eben die angesprochene heiteren Empfindungen, Entspannung, Ausgeglichenheit. Was für eine Veränderung nach der fünften Symphonie. Beethoven entdeckt das Land neu, einen locus amoenus, allerdings im Zuge Rousseaus. Keine Schäfer, Nymphen und erotische Standardbilder, kein Watteux, kein Rokoko. Dafür quasi "natürliche" Natur (obschon der Hirte ja im Titel des letzten Satzes noch auftaucht) oder zumindest der Ausdruck des Eindrucks, den sie auf Beethoven macht. Man hört in dieser Musik, was Beethoven auch verbal formulierte: "Kindlich freue ich mich darauf (= Aufenthalte auf dem Land); wie froh bin ich, einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können, kein Mensch kann das Land so lieben wie ich." Mich erinnert das immer das den künstlerischen Produktionsprozess, wie ihn der englische Dichter William Wordsworth 1804 in einem seiner schönsten Naturgedichte (= "The Daffodils") beschreibt, nämlich:
For oft, when on my couch I lie In vacant, or in pensive mood, They flash upon that inward eye Which is the bliss of solitude; And then my heart with pleasure fills, And dances with the daffodils."
Erst sehen, erleben, dann sich plötzlich des emotionalen Eindrucks erinnern und das Kunstwerk quasi ungewollt hervorbringen. Ich denke hier begegnen sich beide Künstler, sollte beethovens Symphonie doch erst "Pastoral-Sinfonie oder Erinnerung an das Landleben" tragen. Darum auch mehr empfindung als Malerei.
Am Ende ist es Beethovens Liebe zur Natur, die den Hörer gefangen nimmt, wobei - und das weist auch schon auf die sich anbahnende romantische Naturauffassung hin (immerhin schreiben wir das Jahr 1808) - nicht nur das Schöne beglückt, sondern auch das Erhabene fasziniert, wie die Hineinnahme des "Gewitters" in seine "Natursymphonie" zeigt.
Ich kann nur nochmals sagen: Ich höre die "Pastorale" gern, und zwar nicht nur - aber dann besonders gern - , wenn ich mit dem Wagen übers Land in den Urlaub fahre.
Und welche Aufnahme höre ich? Ganz klar diese:
Jürgen (31.08.2009, 09:04): Original von Agravain Keine Schäfer, Nymphen und erotische Standardbilder, kein Watteux, kein Rokoko. Dafür quasi "natürliche" Natur (obschon der Hirte ja im Titel des letzten Satzes noch auftaucht) oder zumindest der Ausdruck des Eindrucks, den sie auf Beethoven macht. Man hört in dieser Musik, was Beethoven auch verbal formulierte: "Kindlich freue ich mich darauf (= Aufenthalte auf dem Land); wie froh bin ich, einmal in Gebüschen, Wäldern, unter Bäumen, Kräutern, Felsen wandeln zu können, kein Mensch kann das Land so lieben wie ich."
Ich habe auch den Eindruck, dass Beethoven hier fast autobiographisch seine eigenen Eindrücke seiner Landausflüge aufs Notenpapier gebracht hat. Und dazu brauchte er keine "Krücken", wie Nymphen oder andere antike Gottheiten. Er wollte lediglich das einfache wie wunderbare, den Duft von frisch gemähtem Gras, nachdem er die letzten mehrgeschossigen Häuser längst hinter sich gelassen hatte. Er saugt die Farben von blühenden Wiesenblumen in sich auf, rastet im Schatten hundertjähriger Eichen und genießt sogar das Aroma von frischem Viehdung. Deine Ausführungen, wie auch Dein Zitat, unterstützen mich da.
Ich habe mal in die von Dir genannte Klempereraufnahme hineingehört und gebe Dir, was die Interpretation angeht, recht. Moderates Tempo und dennoch heiter, Spannung aufbauend. Aber die Tonqualität ist hart an meiner Schmerzgrenze. Starkes Rauschen und obwohl es frühes Stereo aus dem Jahre 1957 ist, ein Klangbild wie in einer Einzelgarage aufgenommen. Es stützt mein Vorurteil vieler EMI-Aufnahmen gegenüber.
Ein Rezensent verwies auf die fast gleichaltrige Decca-Aufnahme unter Pierre Monteux mit den Wiener Philharmonikern. Und siehe da, der Klang ist um eine Größenordnung besser, aber auch die Interpretation sprüht Heiterkeit aus. Da muss ich nochmal nachbohren.
Nun aber mal zu den Aufnahmen, die ich nicht nur in halbminütigen Schnipseln gehört habe.
Ich beginne mit meinem Schlusslicht, Harnoncourt, den Nikolaus auch schon erwähnt hat.
Warum gefällt sie mir nicht? Weil schon das Eingangstempo so niedrig ist, dass keine heiteren Empfindungen aufkommen wollen, eher getragene Dramatik. Möglicherweise sind dabei Details hörbar, die in anderen Aufnahmen untergehen, was diese Aufnahme zumindest aussergewöhnlich macht. Wenn aber der mir wichtig erscheinende Grundgedanke nicht mehr zum Tragen kommt, macht mir die Aufnahme keinen Spaß.
Es erinnert mich an Harnoncourts Aufnahme von Smetanas "Mein Heimatland", wo er auch Schwierigkeiten hatte, die ländlich-natürliche Frische heiter darzustellen.
Grüße Jürgen
ab (31.08.2009, 11:48): Auch wenn man womöglich einem Beethoven-Sinfonien-Muffel nichts glauben sollte :wink , so fiele mir hier als erstes zu nenne doch sofort folgendes ein:
Erich Kleiber: Concertgebouworkest Amsterdam Aufgenommen zwischen 28. und 30. September 1953.
Gelegentlich stößt man zwar auf Aussagen, dass seine frühere Aufnahme von 1948 mit dem London Philharmonic - obzwar zwei Minuten rascher - die noch ruhendere und schönere und auch noch bessere sei. Neuerdings gibts auch eine Radiomitschnitt mit dem RSO Köln von 1955 (medici). Ich habe beide nie gehört bin aber jedesmal schon bei der 53-Aufnahme fasziniert, wie wunderbar unsentimental, komplex in der Linienführung, aber doch jede für sich durchsichtig ist. Ich finde, der ungewönlich zügige langsame Satz tut der Musik gut.
Geben tuts sie in verschiedensten Ausgabe. (Ich habe sie einmal in einer Italienischen Serie in Händen bekommen, gemeinsam mit CMv.Weber-Sinfonie Nr. 1.) Keine Ahnung ob die DECCA-Ausgabe der von Archipel klanglich vorzuziehen ist, die Box mit den Sinfonien 3,5,7&9 von Andromeda dürfte vemutlich auf dem Archipel-Material beruhen.
Warum gefällt sie mir nicht? Weil schon das Eingangstempo so niedrig ist, dass keine heiteren Empfindungen aufkommen wollen, eher getragene Dramatik. Möglicherweise sind dabei Details hörbar, die in anderen Aufnahmen untergehen, was diese Aufnahme zumindest aussergewöhnlich macht. Wenn aber der mir wichtig erscheinende Grundgedanke nicht mehr zum Tragen kommt, macht mir die Aufnahme keinen Spaß.
Harnoncourt ist mir hier zwar auch deutlich zu langsam, aber das Tempo ist keineswegs unüblich. Er benötigt für den Satz ziemlich exakt genauso lange wie Klemperer oder G. Wand (13 min mit Wdh.) Furtwängler braucht 11:30 ohne Wdh., was nochmal ein ganzes Stück langsamer ist. Abgesehen vom zu langsamen Tempo finde ich den "rustikalen" Charakter bei Harnoncourt ziemlich gut getroffen (liegt u.a. an der Präsenz und Artikulations der Holzbläser und der Bordunstellen in den Streichern). In den anderen Sätzen sind die Tempi ebenfalls durchschnittlich (Aber es ist weder meine Lieblingssinfonie noch meine favorisierte Interpretation).
Wooster
Jürgen (04.09.2009, 11:30): Original von Wooster Harnoncourt ist mir hier zwar auch deutlich zu langsam, aber das Tempo ist keineswegs unüblich. Er benötigt für den Satz ziemlich exakt genauso lange wie Klemperer oder G. Wand (13 min mit Wdh.) Furtwängler braucht 11:30 ohne Wdh., was nochmal ein ganzes Stück langsamer ist.
Du hast recht, das physikalisch messbare Tempo ist hier weniger ausschlaggebend. Es ist vielmehr das gefühlte Tempo. Bei Harnoncourt habe ich halt den Eindruck, der Satz fiele bei ihm auseinander.
Original von Wooster Abgesehen vom zu langsamen Tempo finde ich den "rustikalen" Charakter bei Harnoncourt ziemlich gut getroffen
Aber gerade beim ersten Satz finde ich den "rustikalen" Charakter nicht am rechten Platz. Ich suggeriere mit der Ankunft auf dem Lande eben das Inhalieren von Natur und Landschaft und den damit verbundenen Chill-Out-Faktor, aber weniger das ländlich/dörflich Derbe ("rustikal"). Beim lustigen Zusammensein der Landleute ist das etwa anderes.
Nun komme ich zu Karajan (1963/84). Beide Aufnahmen sind nicht unähnlich, im Tempo wie in der Lesart. Die ältere Aufnahme rauscht allerdings recht ordentlich (ist aber noch akzeptabel). Karajan hat von meinen Aufnahmen das höchste Tempo, was daher tänzerisch und leicht herüberkommt. Nachdem ich aber viele Aufnahmen gehört habe, ist es mir eine kleine Nuance zu schnell. Bei mir rangieren beide Karajan-Interpretationen deutlich über dem Durchschnitt.
Genauso lieb ist mir Suitner mit gemäßigterem Tempo, dennoch die Spannung aufrechthaltend.
Bei Rattle mit den Wiener Philharmonikern habe ich den Eindruck, es werde lieblos heruntergespielt. Ich konnte nur zweimal anspielen, da ich mir das freiwillig nicht nochmal antun wollte. Ich habe mal gelesen, dass die WP so spielen, wenn sie einen Dirigenten nicht leiden können. Dass das hier auch der Fall sein sollte, ist natürlich eine reine Mutmaßung.
Mein Testsieger heißt Blomstedt. Er braucht für den ersten Satz 9:30 und ist damit nur geringfügig langsamer als Karajan, was aber durchaus hörbar ist. Seine Interpretation ist feinfühlig, sein Ausdruck ist zart aber dennoch deutlich.
Grüße Jürgen
Amadé (04.09.2009, 20:53): Original von Jürgen Mein Testsieger heißt Blomstedt. Er braucht für den ersten Satz 9:30 und ist damit nur geringfügig langsamer als Karajan, was aber durchaus hörbar ist. Seine Interpretation ist feinfühlig, sein Ausdruck ist zart aber dennoch deutlich.
Schön, die Blomstedt-Gemeinde wächst.
Gruß Amadé
jünter (08.09.2011, 11:53): Original von Jürgen Das Kriterium der Beurteilung war: Bei wem stellt sich das erhebende, leichte und angenehme Gefühl am ehesten ein?
Angeregt durch Amadés derzeitige Vergleichshörsitzungen (siehe „Was höre ich gerade jetzt“ – Thread) möchte ich auf die zu Recht viel gelobte, hier jedoch noch nicht genannte Einspielung von Karl Böhm mit den Wienern von 1971
aber Böhm ist hier mein eindeutiger Favorit. Jedes mal wenn ich die CD höre bin ich mir wieder aufs Neue sicher: Schöner und stimmungsvoller kann man diese wunderbare Musik nicht spielen.
Und ich denke so bei mir: Die Welt ist noch nicht verloren, alles wird gut!
Cetay (inaktiv) (09.09.2011, 08:58): Original von jünter Karl Böhm mit den Wienern von 1971 (...) Schöner und stimmungsvoller kann man diese wunderbare Musik nicht spielen.
Und ich denke so bei mir: Die Welt ist noch nicht verloren, alles wird gut!
Meine volle Zustimmung. Das ist eine außerweltlich klangschöne Aufnahme mit einer einmaligen Kombination aus orchestraler Fülle und ätherischer Schwerelosigkeit. - quasi die Hummel, die allen physikalischen Gesetzen zum Trotz fliegt ( :hello @ Fairy)
Ich höre mehr Wiener Philharmoniker als Beethoven, aber in diesem Falle bleibt der Zeigefinger unten - das ist einfach zu betörend.
Cetay (inaktiv) (13.09.2011, 19:00): Nachdem ich drei vergebliche Anläufe unternommen habe, etwas zu diesem Werk zu schreiben, belasse ich es dabei, ohne weitere Begründung zu bemerken, dass es für mich zum Schönsten gehört, das Musikgeschichte hervorgebracht hat. Ich halte es mit Franz Winter, der in seinem Beethoven-Hörbuch mutmaßt, dass die Ankunft auf dem Lande eigentlich für die Ankunft im Paradies stehen soll. Das ist himmlische Musik (ohne Kitsch und Pathos, die bei diesem Attribut in den Sinn kommen könnten.)
Jedesmal, wenn ich die Pastorale gehört habe, denke ich, dass ich sie eigentlich viel zu selten höre. Da wurde jetzt Abhilfe geschaffen, denn in letzten Tagen habe ich rund drei Dutzend verschiedene Aufnahmen gehört - bezeichnenderweise hat mir dieser Vergleichsmarathon das Werk in keinster Weise verleidet. Die 6. erscheint mir sehr robust gegenüber den unterschiedlichsten Interpretationsansätzen; es gab kaum Aufnahmen, die mir so gar nicht gefallen wollten und bei der Masse sind die vielen "guten" letzlich nur Durchschnitt. Um beim Blindtest herauszuragen, muss eine Einspielung etwas Besonders haben und wenn es "nur" die vielleicht wertvollste Besonderheit ist, sich -scheinbar ohne Zutun des Dirigenten- natürlich und selbstverständlich zu entfalten.
Mengelberg ist Subjektivität pur: Temposchwankungen, Portamentos, verbogene Phrasierungen, dramatische Gesten. Natürlich "darf" man das heutzutage nicht mehr machen und angesichts der immer öder werdenden Interpretationslandschaft ist das fast zu bedauern. Denn bei Mengelberg wirkt nichts willkürlich, im Gegenteil, es ist in sich ungemein stimmig und manchmal regelrecht erhellend. Ich kann mich der Faszination dieses Konzertmitschnitts nicht entziehen und werde regelrecht in die Musik hineingesaugt.
Konwitschny und Kegel sind das genaue Gegenteil, das wirkt sehr objektivierend im oben beschriebenen positiven Sinne. Wer einen vom Interpreten weitgehend unverstellten Blick auf das Werk erhaschen möchte, liegt hier wahrscheinlich richtig.
Norrington überflutet den Hörer mit einer Fülle an sonst kaum gehörten Details - die Szene am Bach ist mehr Malerei als Ausdruck der Empfindung, da wird Sonnenlicht von Nebelschwaden gebrochen, spiegeln sich Wolken in Gewässen, überall plätschert, brummt, kreucht und fleucht es... Die großen Linien bei der absoluten Gleichberechtigung und röntgenographischen Ausleuchtung aller Stimmen noch zu verfolgen, ist schwierig. Dennoch hat die Aufnahme einen unwiderstehlichen Reiz. Es ist auch spannend zu hören, wieviel bei den "großen" Mainstreamaufnahmen zugunsten einer äußerlichen Dramatik geopfert wird.
In eine ähnliche Richtung wie Norrington geht Abbado, federleicht und transparent, dabei weder die innere Dramatik noch den großen Bogen aus den Augen verlierend. Das wäre vielleicht die Top-Empfehlung, wäre da nicht...
...Böhm, der für mich konkurrenzlos bleibt, weil unter seiner Fuchtel die Anfangsprämisse, dass es sich hier um paradiesische Musik handelt, beglückend in Töne umgesetzt wird.
Amadé (13.09.2011, 20:45): Lieber Cetay,
Kegel ist - bisher - meine absolute Spitze, neben Erich Kleiber COA, was der da alles aus der Partitur herausholt! Böhm und Abbado-BP finde ich auch sehr gut. Norrington-SWR dirigiert den zweiten Satz bewegt, ich finde zu bewegt. Merkwürdig ist auch in diesem Satz, dass er die langgezogenen Triller der 1.Geigen ab T.7 immer auffallend einen Ton höher beginnt, dass ist für mich gewöhnungsbedürftig. Am besten gelungen finde ich bei dieser Aufnahme die drei letzten Sätze. Die übrigen genannten Aufnahmen besitze ich auch, habe sie jedoch noch nicht gehört. Bisher sind in meiner Durchschau erst ein Drittel der Aufnahmen begutachtet worden. Mehr als drei oder vier schaffe ich nicht am Tag.
Gruß Amadé
Heike (13.09.2011, 21:44): Nun, ich die 6. Sinfonie gehört nicht zu meinen Lieblingssinfonien Beethovens. Zu meinen auch nicht. Aber sehr gelungen finde ich die Einspielung in dieser Box:
Gerade die 6. verträgt meiner Meinung nach diese schlanke Interpretation besonders gut. Das ist leicht, aber nicht flach. Gefällt mir ausgesprochen gut. Heike
Cavaradossi (01.04.2017, 16:57): Mit welcher Musik kann man der Frühling schöner begrüßen als mit Beethovens "Pastorale"?
Ich besitze über 20 Aufnahmen. Meine liebsten sind:
Heute habe ich mir Furtwänglers Version von 1952 angehört. Technisch eine seiner besten Aufnahmen, verbreitet sie eine selten poetische Stimmung, mit ihren gemessenen Tempi, die jedes Detail auskosten - man sieht eine herrliche Sommerlandschaft vor sich, mit Schmetterlingen, einem murmelnden Bach und Vogelgezwitscher ..... Da spielt es keine Rolle, daß es noch kein Stereoklang ist! Ähnlich geht es mir bei Bruno Walter, der vor allem die "frohen und dankbaren Gefühle nach dem Sturm" wunderbar auskostet, und Otto Klemperers Version von 1957 verbreitet ebenfalls eine fröhliche Stimmung. Er wiederholt sogar die Exposition des Kopfsatzes, damals noch eine Seltenheit.
Falstaff (02.04.2017, 01:41): Mit welcher Musik kann man der Frühling schöner begrüßen als mit Beethovens "Pastorale"? Lieber Cavaradossi, ich war heute bei Freunden und wir veranstalteten wieder einmal 'Blindhören' mit klassischer Musik. Und während einer der Pausen standen wir auf der Terrasse und schauten uns den von Gewitterblitzen erleuchteten Nachthimmel an und waren alle der Meinung, dass wir eigentlich nun die Pastorale hören müssten. :)
Leider kam es nicht dazu. Kennst du Furtwängler Live-Aufnahmen aus dieser Box?
Wie beurteilst du diese? Ich muss gestehen, ich habe sie lange, lange nicht mehr gehört, könnte mir aber vorstellen, dass v.a. die 1. Version von 1947 ganz besonders intensiv ist, da es das 1. Konzert in Berlin nach dem Kriege war. Und hoch emotionale Momente stachelten ihn ja immer besonders an.
LG Falstaff
Falstaff (02.04.2017, 01:47): Eine hochgradig subjektive Interpretation ist sicherlich auch diese hier:
Vielleicht kann man sagen, dass Mengelberg nicht mehr über Beethovens Empfindungen reflektiert, sondern darüber, was diese Musik in ihm selber auslöst. Wie gesagt, äußerst subjektiv, aber auch sehr faszinierend.
:hello Falstaff
Hörbert (02.04.2017, 08:24): Kennst du Furtwängler Live-Aufnahmen aus dieser Box?
Zumindest ich kenne sie und schätze sie auch, wie alles bei Furtwängler ist sie eine höchst subjektive Angelegenheit.
Leider ist weder die Aufnahmequalität besonders gut noch ist die Interpretation mit seiner Stockholmer Aufnahme von 1948 auf gleicher Höhe. Wie bei ihm üblich fasst er die 6. zu einem zweisätzigen Werk zusammen aber der große Bogen der z.B. die Stockholmer Aufnahme auszeichnet fehlt fast gänzlich.
Ich schätze die Interpretation dennoch da sie Zeugnis von seiner letzten Phase ablegt. Allerdings mag ich sie nicht im gleichen Maße wie die schon erwähnte Stockholmer.
Nun ist aber Furtwängler bei Beethovens 6. ohnehin nicht meine erste Wahl, -das wäre vielmehr Rene Leibowitz mit dem "Royal Philharmonic Orchestra" von 1961-.
MFG Günther
Cavaradossi (02.04.2017, 09:55): Kennst du Furtwängler Live-Aufnahmen aus dieser Box? Lieber Falstaff,
leider nein. Ich besitze nur ganz wenige Live-Aufnahmen. Obwohl ich kein Technik-Freak bin, stören mich bei Mitschnitten die Nebengeräusche sehr. Vor allem bei älteren Aufnahmen. Furtwänglers Studio-Pastorale aus Wien ist mir gerade deshalb so lieb, weil sie so gut klingt, aber natürlich auch wegen der herrlichen Interpretation. Nie habe ich so viel liebevolle Kleinmalerei erlebt wie in dieser Aufnahme. Es gibt aber noch eine, die mit ganz besonders ans Herz gewachsen ist, diese:
Erich Kleiber mit dem Concertgebouw-Orchester Amsterdam (1952). Die hat einen ganz anderen Interpretationsansatz, ist aber auf ihre Art genauso fesselnd wie Furtwänglers. Kleiber steht mit seiner Lesart René Leibowitz näher, dessen GA ist sehr schätze, aber ich persönlich halte gerade dessen Pastorale für eine der weniger spannenden Versionen. Doch das ist natürlich Geschmacksache.
Auf die Opernarien komme ich später zurück - mein Sohn steht schon neben mir und will einen Frühlingsspaziergang machen. Bis später!
LG :hello Cavaradossi
Falstaff (02.08.2018, 23:40): Die 'Pastorale' war eigentlich immer die Sinfonie unter allen Neunen, die ich am wenigsten beachtet habe. Beethoven war halt Dramatik für mich, große Geste und große Idee, Ringen und Aufbruch. Und vieles mehr. Und dazwischen dieses heitere Dahingeplätscher. Aber vielleicht ist das wirklich eine Frage des Alters. Und des Ortes. Mittlerweile lebe ich ja nicht mehr in Hamburg, sondern auf dem Lande, umgeben von Wäldern und Wiesen und genieße und benutze diese Natur sehr intensiv und sehr regelmäßig. Und plötzlich ist sie da, diese Dankbarkeit solch einem Musikstück gegenüber. Dass man sich einmal (nimmt man nur die Neun) ausruhen kann zwischen all den Stürmen und Kämpfen, dem ewigen 'Mann-stehen-müssen', Herausforderungen annehmen und bewältigen müssen. Das hört ja nicht auf, aber welch eine Wohltat, dieses Innehalten, die eigene Naturliebe widergespiegelt zu bekommen. Und wenn ich die 'Pastorale' heute höre, denke ich zunächst: Gott, ist das schön! Gewitter hin oder her. Das gehört halt dazu. Das ist natürlich auch beängstigend, aber die Natur rundet sich auch wieder.
Gerade habe ich die Einspielung von Günter Wand gehört, den ich ja nun sehr liebe. Witzigerweise ist die mir zu brav, zu sehr in sich geglättet. 'Witzigerweise', weil das Obige vielleicht zu sehr nach seichter Naturromantik klang. Das suche ich gar nicht mal. Das Idyll soll vorhanden sein, aber eben auch der schwankende Boden, der aber insgesamt nichts an einer geradezu heilenden Kraft der Natur, so wie ich sie erlebt habe, ändert. Mengelberg finde ich da wesentlich faszinierender, ebenso Furtwängler. Den alten Klemperer muss ich nun nochmal hören, genauso Thielemann. Und viele andere, (Toscanini z.B.), die in meinem Regal relativ unbeachtet schlummern.
:hello Falstaff
Falstaff (02.08.2018, 23:58): Gerade habe ich Mengelberg mit der 6. noch mal gehört.
Das ist in dieser subjektiven Ausdeutung (alleine nur die Temposchwankungen!) unglaublich faszinierend. Verstörend sicherlich, aber gerade dadurch faszinierend. Wunderbar, wir er z.B. die gefährlichen Klippen des 2. Satzes umschifft. Nie wird das langweilig. Und ich liebe subjektive Deutungen, finde das ungemein spannend, wie, in diesem Fall, Dirigenten mit einem vorhandenen Text frei und selbstbewusst umgehen. Aber....
Aber in diesem Fall ist das selbst für mich fast zu viel. Bei Mengelberg klingt es mir oft zu wenig nach Natur und zu sehr nach 3. und 5. Sinfonie. Irgendwie biegt er mir dann doch das Stück zu sehr in Richtung der anderen Sinfonien und belässt ihm zu wenig den ihm doch eigentlich innewohnenden Charme und der Freude an der Natur. Das ist, wie gesagt, ungemein spannend und auch mutig (diesen Mut würde man heute gerne mehr im Konzertsaal hören!!!), aber vielleicht dann doch ein falsches Verständnis. Oder eben nicht meines (heute, am 2.8.18 ;) ) dieser Sinfonie. :hello Falstaff
Falstaff (03.08.2018, 01:36): Da Wilhelm Furtwängler in seinen Interpretationen immer sehr von äußeren Umständen abhängig war, würde ich persönlich in diesem Fall vielleicht gar nicht mal zur 1944-Interpretation greifen, auch nicht zu den RIAS-Aufnahmen, als er eben endlich wieder in Berlin dirigieren konnte, sondern zur EMI- (jetzt Warner-) Aufnahme von 1952. Wobei man natürlich eigentlich sämtliche Aufnahmen mit ihm (und derer sind nicht wenige ;) ) vergleichen müsste.
Sehr beeindruckend, wie Furtwängler sozusagen herunterkommt von der Mengelbergschen Subjektivität und seiner Aufgeregtheit zu einem mehr (für seine Verhältnisse) gelassenen Umgang mit dem Werk. Nun ist es immer die Frage, was man von diesem Werk erwartet und wovon man sich überwältigen lässt. Will ich eine mehr existenzielle Frage stellen oder beantwortet wissen, dann ist sicherlich die 1944-Version die richtige. Da findet sich eine aufgrund der Zeitumstände eher in Richtung der anderen Beethoven-Sinfonien gerichtete Version. Die spätere, bei EMI bzw. Warner, aufgenommene ist nun wesentlich ruhiger, dem Natur-Ideal eher verpflichtet. Trotzdem ist sie in Dynamik und Agogik, in der emotionalen Aufladung immer noch weit entfernt von einer schlichten Naturbeschreibung. Aber gerade so, dass ich sie innerhalb des Beethovschen Kanons sehr gut ertragen kann.
:hello Falstaff
Abendroth (03.08.2018, 22:23): Ja, Falstaff, Mengelbergs Pastorale, die ich noch nicht lange kenne, hat mich auch fasziniert. Sie ist in der frz. Beethovenbox "La Discotheque Ideale", die 2 x 9 Beethovensinfonien enthält. Sie wurde von David Zinman für die Box ausgewählt, obwohl Mengelberg "sehr weit von meiner (Zinmans) Art zu dirigieren entfernt ist". Und Zinman glaubt, dass zwischen Mengelberg und dem Amsterdammer Orchester "so viel Vertrauen und gegenseitiges Verständnis war, dass sie sich Freiheiten erlauben konnten, die nur ganz wenige sich erlauben können, ohne lächerlich zu wirken".
Meine 'normale' Lieblingspastorale stammt von einem in Sachen Beethoven wohl eher unterschätzten Dirigenten: Paul Kletzki und die Tschechische Philharmonie.
Falstaff (04.08.2018, 22:00): Habe gerade eine Aufnahme entdeckt, mit der ich rundum glücklich bin.
De Sabatas Aufnahme aus dem Jahre 1947 mit dem Orchestera dell' Accademia di Santa Cecilia.
Für mich bekommt er exakt die Mischung hin, die ich mir für die 'Pastorale' wünsche. Ein durchaus dunkler Klang, aber nie satt und fett, eine gewisse italienische Leichtigkeit, wunderbare lyrische Stimmung ohne in eine banale Oberflächligkeit zu geraten, ein Innehaltenkönnen ohne Anflug von romantischer (nicht im Sinne der aufkommenden Romantik gemeint) Naturtümelei und v.a. Charme. Gerade der Charme ist wohl etwas, was mir bei den anderen Aufnahmen unbewusst fehlte.
:hello Falstaff
Falstaff (04.08.2018, 23:23): Ich befürchte, nach der de Sabata Aufnahme hat es jede andere recht schwer bei mir. Weil gerade eingetroffen nun diese hier:
Interessant, die fast leicht melancholische Grundstimmung zu Beginn. Das ist kein italienischer Sommernachmittag, von Sonne umschmeichelt und verwöhnt. Das sind eher typische Städter, die sich auf noch ungewohntem Terrain bewegen. Auch Natur muss man lernen. Sozusagen. Aber es erscheint auch alles irgendwie so wie dahingewischt. So wie Sommer auch Farben und Konturen verwischen kann. Und so geht es im 2. Satz weiter. Wie durch einen Schleier spürt man den Bach, wie er mal schneller, mal langsamer dahinfließt, wie sich an seinem Ufer Leben ereignet. Und es bleibt ein Gefühl von Schwere, von Last. So wie ein wirklich heißer Sommertag eben auch sein kann. Für mich verortet Thielemann seine 'Pastorale' eindeutig im Sommer. Aber vielleicht höre ich das auch nur so, weil draußen (und mittlerweile auch in der Wohnung) uns diese schwerlastende Gluthitze umgibt. Jedenfalls gelingen ihm, gerade auch im 2. Satz, Momente unglaublicher Schönheit, so dass man dem immer weiter lauschen möchte. Und dann kommen leichte Veränderungen nach Moll hin und man ist sofort wieder hellwach, will es nicht wahrhaben, sehnt sich nach der Wiederherstellung so leicht vergangener Hingabe. Die zum Glück auch kommt. Diese gedämpfte Stimmung durchzieht dann auch den 3. Satz, so dass das Gewitter wirklich eine Erlösung ist, auch wenn es mit einer eher dumpfen, düsteren Vehemenz einschlägt. Die dunkle Grundstimmung behält Thielemann auch im letzten Satz bei, auch wenn es scheinbar viel heller, befreiter klingt. Und auch hier sind es wieder die Momente schierer Schönheit, die einen überwältigen. Zudem er ein entspanntes und ruhiges Tempo anschlägt. Na, und die Wiener? Es muss eine Lust sein mit diesem Orchester arbeiten zu dürfen. Es ist eine Wohltat ihnen zu lauschen, wie sie mitgehen und es umsetzen. Wobei man nie das Gefühl hat, dass sie nur 'Befehlsempfänger' gewesen wären. Eine tolle Partnerschaft! Lange Rede, kurzer Sinn. De Sabata ist für mich eine Sternstunde. Aber Thielemann kommt ihm, wieder für mich, nahe. Wenn auch völlig anders, mehr von der deutschen Seite her. Die mir ja nun eben sehr auch liegt.
:hello Falstaff
Falstaff (04.08.2018, 23:58): Und danach nun die Kehrtwendung. ;)
Französischer Esprit liegt natürlich nahe bei dem Dirigenten. Aber das ist es gar nicht einmal. Für mich ist das eine wunderbare Mischung zwischen deutscher Tradition (Achtung Tiefsinn :P ) und eine wirklichen französischen Leichtigkeit. Das ist einerseits klar und durchhörbar, andererseits scheint eine gewisse Erdenschwere immer wieder durch. Cluytens dirigiert vermeintlich zügiger als Thielemann, aber wirklich nur vermeintlich, er lässt die unterschiedlichen Begebenheiten immer wieder aufleuchten, gibt ihnen aber auch gleichzeitig ein gewisses Maß an innwärts gerichteter Romantik. Der Klang ist wesentlich heller als bei Thielemann und so erzielt er durchweg diese gewisse Schwerelosigkeit. Das ist kein brütender Sommernachmittag, das ist eher ein Flanieren in der Natur. Aber (!) seine Natur sind nicht nur schöne Bäume und weite Wiesen, sondern da kann etwas lauern, da bekommt Natur durchaus eine metaphysische Bedeutung. Man bewegt sich, sozusagen, auf unsicherem Eis. Etwas, was er nicht durch das Ausspielen expliziter Passagen deutlich macht, sondern was von vornherein im Klang, in der Grundidee angelegt ist. Großartig!
:hello Falstaff
Cetay (inaktiv) (05.08.2018, 11:50): Ich befürchte, nach der de Sabata Aufnahme hat es jede andere recht schwer bei mir. Das kann ich sehr gut verstehen. Ich hab die Pastorale in den letzten Jahren kaum noch gehört, aber wenn, dann immer mit dieser Aufnahme. Besonders beeindruckend fand ich, wie die rhythmischen Mehrdeutigkeiten im zweiten Satz profiliert aber ganz organisch auftreten, so dass man im Fluss (oder am Bach?) regelrecht die Orientierung verliert. Das habe ich so sonst nirgends gehört.
xarddam (26.10.2020, 11:16): Hallo, für mich ist Beethoven's sechste Sinfonie eine der schönsten seiner Sinfonien
Mir gefällt die Version von den Heidelberger Sinfonikern (unter T. Fey) von 2001 sehr gut auch die Aufnahme mit dem Pittsburgh Symphony Orchestra (unter William Steinberg) von 1965 , höre ich sehr gerne immer wieder an.
Auch die Aufnahme von der Staatskapelle Dresden (mit Herbert Blomstedt), ist sehr hörenswert für mich.
Jetzt möchte ich mir einmal eine Klaviertrankription von Franz List anhören
Was für eine Aufnahme (Pianist) ist da zu empfehlen ??
Waldi (26.10.2020, 18:40): Ist auch meine Lieblingssymphonie. Für mich ist Furtwängler nach wie vor am überzeugendsten, egal ob 1952 oder 1954 oder eine andere Aufnahme.
Philidor (26.10.2020, 18:46): Beethoven 6? Nicht meine Lieblingssinfonie ... das wären dann eher Bruckner 5 oder Mahler 6 oder Mahler 9 ...
... vor Jahren habe ich mal eine Vergleichshören meiner Pastoralen angestellt mit folgendem Ergebnis (welches heute wohl anders ausfiele):
die folgenden Aufnahmen würde ich gerne kurzfristig wieder hören: Bruno Walter (1936), Leonard Bernstein (1978), Herbert von Karajan (1982), Carlos Kleiber (1983), Sir Charles Mackerras (1994) und Emmanuel Krivine (2010).
Klemperer, Böhm, Wand, Abbado, Järvi und Chailly fand ich enttäuschend. In Sachen Furtwängler wäre die 1952er Studioaufnahme mein Favorit.
Gruß Philidor
:hello
Jan Van Karajan (01.12.2020, 22:27): Auch ich schätze die Pastorale sehr, auch wenn sie am Anfang nicht so ganz mein Fall war. Viele Tonträger mit ihr besitze ich nicht, wobei Karajans früher Zyklus eine Ausnahme bildet. Im Netz habe ich aber auch in andere Aufnahmen reingehört, zum Beispiel Furtwängler, Klemperer, Böhm und Carlos Kleiber. Einen klaren Favoriten kann ich unter diesen Herren jedoch nicht nennen. Furtwängler sagte mir sehr zu, in meinem Kopf kamen sofort ländliche Bilder auf. Klemperers langsame Tempi passten gerade im ersten Satz hervorragend, Böhm könnte ich schwer einordnen. Mit Carlos Kleiber werde ich mich auf diesem Gebiet ohnehin noch weiter befassen. Die Pastorale an sich wird auf jeden Fall mehr und mehr zu einem meiner persönlichen Favoriten :thumbsup: . Grüße Jan :hello
Waldi (02.12.2020, 08:47): Sehr empfehlenswert ist auch die Einspielung von Klaus Tennstedt mit dem London Philharmonic Orchestra:
xarddam (20.12.2020, 09:12): Hallo, hier ein sehr schöner, und -wie ich finde- überaus gelungener und anschaulich dargestellter, rund 24 minütiger "Videorundgang" (= Werkseinführung) durch die 6. Sinfonie mit der Dirigentin Joana Mallwitz www.youtube.com/watch?v=zAZofH-ZNM0
Sfantu (17.09.2022, 18:48): In der Anahme, sie sei Bestandteil des derzeit angepriesenen und vielerorten gelobten Zyklus` des Pittsburgh Symphony mit William Steinberg (2. Abb.), griff ich zu als ich vergangene Woche diese Schallplatte (1. Abb.) für `nen Franken auf einem Brocki-Stapel fand. Es stellte sich aber heraus, daß diese Pastorale gut 10 Jahre vorher entstand, nämlich 1952. Amadé erwähnt sie in seinem Beethoven-Buch. Bemerkenswert für mich neben der guten Mono-Aufnahmequalität die sorgsam herausgehobenen Holzbläser-Stimmen. In der Gewitter-Szene schleppen die hohen Streicher einmal deutlich hinterher. Und es fehlt hier die Pauke (!) . Die Tempi sind natürlich und ausgewogen. In der oben erwähnten Fehlannahme machte ich mir erst garnicht die Mühe, die Spielzeiten mitzustoppen - ich könnte es im Nachhinein ja irgendwo bequem nachlesen. So aber fand ich keine Quelle hierzu. Und danach, sie allein deshalb gleich nochmal aufzulegen, stand mir nun wirklich nicht der Sinn. Fazit > schöne Details, die man andernorts so nicht hört. Jedoch kein must have. Bei den beiden Bewertungen des stereophonen DG-Zyklus (2. Abb.) auf jpc mußte ich kurz räuspern, wie man auf die Idee kommen kann, den Repertoire-Wert irgendeines LvB-Sinfonien-Zyklus` bei 4 von 5 einzustufen. Angemessen fände ich 0 bis -1.
Pittsburgh Symphony Orchestra - William Steinberg (LP, verschiedene Ausgaben: u. a. Capitol und EMI, 1952, mono)
Bei den beiden Bewertungen des stereophonen DG-Zyklus (2. Abb.) auf jpc mußte ich kurz räuspern, wie man auf die Idee kommen kann, den Repertoire-Wert irgendeines LvB-Sinfonien-Zyklus` bei 4 von 5 einzustufen. Angemessen fände ich 0 bis -1.
:thumbsup: :times10 :thumbsup:
Ein echter Brueller zum Start in den Tag.
Joe Dvorak (18.09.2022, 04:50): In der oben erwähnten Fehlannahme machte ich mir erst garnicht die Mühe, die Spielzeiten mitzustoppen - ich könnte es im Nachhinein ja irgendwo bequem nachlesen. So aber fand ich keine Quelle hierzu. Und danach, sie allein deshalb gleich nochmal aufzulegen, stand mir nun wirklich nicht der Sinn. Ein Stromer eilt helfend herbei.
I - 11:41, II - 12:55, III - 5:30, IV - 3:55, V - 10:03 (Complete EMI recordings, vol. 2)
Deutlich flotter ist die spaetere Aufnahme geraten: I - 11:08, II - 12:15, III - 5:19, IV - 3:29, V - 9:15 (DG)
Sfantu (18.09.2022, 07:54): @Joe Dvorak
danke für den Service. Und was den Repertoire-Wert angeht: schön, daß mich jemand versteht .
Donaldist (18.09.2022, 11:29): Guten Morgen, seit einiger Zeit "arbeite" ich mich durch diese Aufnahme. Ein abschließendes Urteil kann und will ich noch nicht abgeben. Der erste Eindruck geht eher mit Attila Csampai als mit Kai Lührs-Kaiser, also eher Daumen nach oben. Die ewige Tempodiskussion wird auch diese Aufnahme nicht beenden. Zufällig war die Pastorale die erste, die ich hörte. Und jetzt ein wirklich sehr persönliches Empfinden zu einem klitzekleinen Aspekt. Als Kind war für mich daheim die Londoner Karajan Aufnahmen das Maß aller Dinge. Mein Bild im Kopf war vom ersten Hören an ein Junge (ich), der unter einem Baum an einem herrlichen Sommertag schläft und von Sonne und Vogelgezwitscher sanft geweckt wird. Bei Nezet-Segun stelltr sich stattdessen ein Eindruck ein, in dem mich "die Tiere des Waldes" eher stören, nach dem Motto "Steh auf, du fauler Hund. Es gibt viel zu tun." Einmal mehr herrlich, was Musik im Kopf erschaffen kann. Mein kurzes Wort zum verregneten Sonntag. Der Teckel will trotzdem raus. Euch eine gute Zeit.
Sfantu (08.12.2024, 21:37):
Bayerisches Staatsorchester - Carlos Kleiber (CD, live, 7. November 1983, Münchner Nationaltheater ℗ 2004)
Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande . Allegro ma non troppo 8'16 Szene am Bach. Andante molto mosso 12'02 Lustiges Zusammensein der Landsleute 2'48 Gewitter. Sturm. Allegro 3'30 Hirtengesang. Frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm. Allegretto 8'26
Kurios schon einmal nur die Entstehungsgeschichte dieses Albums. Das Master-Tape der Aufnahme dieses (dem Vernehmen nach) einzigen Dirigats der Pastoralen durch Kleiber nahm wohl trotz sorgfältiger Archivierung Schaden und war zur weiteren Verwertung unbrauchbar. Kleibers Sohn schnitt das Konzert damals jedoch per Kassettenrecorder mit. Und auf dieser Grundlage konnte die vorliegende CD erarbeitet werden. Bemerkenswert also, daß im Ergebnis ein akzeptables bis gutes Stereo zu hören ist.
Unser Amadé räumt der Aufnahme in seinem Beethoven-Buch einen vergleichsweise vorderen Rang ein:
I Kein Schlendern, eher ein Laufen längs des Bachs, frisch musiziert II Flüssig, sehr schöne Bläser-Details IV Ausdrucksvoll V Lebendig und fröhlich (1)
Für mich hat diese Darbietung ihre Stärken vor allem in den drei Binnensätzen. Eine liebevoll ausgestaltete Szene am Bach. Ein rustikales, ja rasantes "Zusammensein". Leider (wie im Kopfsatz) ohne Wiederholungen. Ein plastisch-packender Gewitter-Satz. Die Ecksätze dagegen (ein etwas zu schnell genommenes Allegro ma non troppo) und das abschließende Allegretto bringen Abstriche hinsichtlich metrischer Akkuratesse. Takte werden teilweise nicht voll ausgezählt und drängen dadurch verhetzt voran. Da die Pluspunkte aber leicht überwiegen (Musizieren auf der Stuhlkante, spürbare Spannung mit Ereignischarakter), gerät diese Aufführung dennoch zu einem Gewinn.
Der teils zur Raserei ausartende frenetische Beifall (nach geschlagenen 3'50 Minuten wird ausgeblendet) zeugt von der Anwesenheit erheblicher KKKs (Kleiber-Kult-Kohorten).
(1) Bernd Stremmel - Klassik-Prisma. Interpretationen auf Tonträgern im Vergleich. Beethoven. Band 1 - Orchestermusik und Vokalwerke. Verlag Dohr, 2018, S. 165