Esultate! Ein (nicht mehr ganz) neuer Otello

manrico (14.08.2007, 23:40):
Endlich ist er erschienen, der glänzende Premierenmitschnitt aus Wien mit Domingo, Tomowa-Sintow, Bruson und erstklassigen Comprimarii. Nachdem wir damals in der Schule bei dieser Produktion in der Generalprobe waren (unsere Musiklehrerin hat uns das des öfteren am Vormittag ermöglicht), liegt mir diese spezielle Produktion natürlich besonders am Herzen und ich musste sie natürlich sofort kaufen.

Aber ich wollte diese Neuerscheinung eigentlich nur zum Anlass nehmen, eure Otello - Vorlieben (und natürlich auch Abneigungen) kennen zu lernen.

Liebe Grüße



Werner
Jimi (15.08.2007, 19:53):
Hallo Werner,

Handelt es sich um diese Aufnahme von 1987 unter Zubin Metha ?

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/8854513.jpg

Wenn ja würde mich interessieren wie du sie im Vergleich zu Domingos anderen Othellos einschätzt.

Wenn ich mich nicht täusche gibt es mit ihm ja mindestens 2 Studioaufnahmen, und mehrere Liveaufname ua auch auf DVD, kenne ich aber nicht.
In die Studioaufnahmen hab ich im Laden mal reingehört, hat mich zumindest nicht so sehr überzeugt dass ich gleich zugeschlagen hätte.

Meine Lieblingsaufnahme kennst du ja schon , die uralte mit Martinelli und Rethberg.Ansonsten muss man das Duett aus dem 2.Akt(Si,pel ciel) von Caruso und Tita Ruffo gehört haben. :down

Da schaun die meisten Othello Spezialisten ganz schön alt aus.

:hello Jimi
manrico (16.08.2007, 14:41):
Hallo Jimi !

Genau, diesen Otello habe ich gemeint. Er gefällt mir von den Domngo-Otellos, die ich kenne, am zweitbesten. Domingo singt kraftvoll, sehr schlank und klar. Natürlich haut nicht alles zu 100% hin, aber das funktioniert nicht einmal bei Studioaufnahmen. Die sehr elegante Aufführung geht eher Richtung Kammerspiel als Richtung Grand Opera. Auf dieser Aufnahme ist aber vor allem Renato Bruson als Iago eine Sensation. Er ist nicht aus Dummheit oder purer Rachsucht böse (wie mir das bei Justino Diaz vorkommt - ein plumper Raufbold); Bruson ist die Inkarnation des Bösen ohne Ursache. Intellektuell, verbindlich, mit glatt polierter Oberfläche ohne schmierig zu sein und Abgründen ohne Ende. Das macht ihm so schnell keiner nach. Dazu kommt Anna Tomowa-Sintow als aristokratische Desdemona und das feurige Dirigat Zubin Methas.

Mein Lieblingsotello Domingos ist der Live-Mitschnitt aus der Scala 1976. Ich glaube nicht, dass ich ein besseres Esultate! von Domingo kenne (geschweige denn von manchen anderen. Bei McCormack zum Beispiel scheint gemeinsam mit den stolzen Türken auch seine Stimme im Meer versunken zu sein. Von seinem gebellten Monolog gar nicht zu reden).
Hier sind allerdings Domingos Partner nicht annähernd so gut wie in Wien. Mirella Freni hört sich wieder einmal an wie das blonde naive Mädel vom Land (das hat sie auch noch getan, als sie bereits Großmutter war und sich in Wien als Manon Lescaut auf die Bühne gestellt hat) und Cappuccilli fängt mit dem Jago gar nix an. Nicht, dass die beiden jetzt schlecht wären, aber es ist halt nix, was im Gedächtnis bleibt.
Für mich persönlich interessant ist der Cassio dieser Aufnahme: Giuliano Cianella. Er liefert hier einen sehr odentlichen Cassio ab, von dem ich mir anhand dieser Aufnahme mehr in der Zukunft erwartet hätte. Bevor ich ihn in dieser Aufnahme kennengelernt habe, habe ich allerdings in Wien unter seinem entsetzlichen Singen gelitten - und er hat praktisch keine große Tenorrolle ausgelassen. Was in der Zeit zwischen dieser Aufnahme und seinen späteren Auftritten in Wien passiert ist, weiss ich nicht, aber er war wirklich immer furchtbar.

Von den Studioaufnahmen kenn ich nur die Einspielung unter Maazel (die mag ich vor allem wegen der Ricciarelli) und die unter Mung Wung Chung mit Leiferkus als Jago, der zumeist in den Besprechungen nicht so gut wegkommt. Er hat sehr speziellen aber durchaus interessanten Zugang zu Jago - er wirkt eher wie ein Fremder, Ausgestoßener, der sich an der Gesellschaft rächt. Domingo selbst hat bessere Otello-Einspielungen gemacht. Er muss hier insgesamt schon zu viele Kompromisse machen.
(Seinen ersten Domingo kenn ich nicht, denn wenn ich Alternativen habe, meide ich die Scotto).

Liebe Grüße


Werner
Jimi (05.02.2008, 00:57):
Original von manrico
Bei McCormack zum Beispiel scheint gemeinsam mit den stolzen Türken auch seine Stimme im Meer versunken zu sein. Von seinem gebellten Monolog gar nicht zu reden).

Hallo Werner,

beim erstenmal lesen ist mir das nicht aufgefallen, meinst du wirklich den lyrischen Tenor John McCormack(1884-1945) der ua die berühmte Aufnahme von "Il mio tesoro" gemacht hat, oder hat der einen "dramatischen" Namensvetter. Ich kann mir unmöglich vorstellen das er irgendwas aus dem Othello aufgenommen hat, denn er hatte ja sonst eher ein Repertoire etwa wie Alfredo Kraus . ?(
Es gibt wohl noch eine Ami der so ähnlich heißt Jimmy oder James McC???????n ich kann mich nicht genau erinnern, der hat glaube ich den Othello gesungen. Meinst du vielleicht den ?

:hello Jimi
manrico (05.02.2008, 19:37):
Danke, Jimi, für den Hinweis!

Natürlich habe ich nicht McCormack sondern James McCracken gemeint. Er singt (na, ja) den Otello mit Gwyneth Jones und Fischer Dieskau.

Aus heutiger Sicht frage ich mich echt, welcher Teufel mich damals geritten hat, mir diese Aufnahme zuzulegen.

lg

Werner
Jimi (05.02.2008, 21:06):
Original von manrico

Natürlich habe ich nicht McCormack sondern James McCracken gemeint. Er singt (na, ja) den Otello mit Gwyneth Jones und Fischer Dieskau.

Werner

Hallo Werner ,

genau McCracken den meinte ich.

Ich habe keine Aufnahmen von ihm, naja nachdem ich mir ein paar Clips bei Youtube angeschaut habe hält sich mein Interesse das zu ändern in Grenzen.

Besonders "spannend" finde ich sein Ave Maria.

Das ist aber wohl nicht dein Ernst dass der FiDi im Othello den Jago singt, wusste ich gar nicht, es gibt nichts was es nicht gibt :ignore

:hello Jimi
manrico (14.08.2007, 23:40):
Endlich ist er erschienen, der glänzende Premierenmitschnitt aus Wien mit Domingo, Tomowa-Sintow, Bruson und erstklassigen Comprimarii. Nachdem wir damals in der Schule bei dieser Produktion in der Generalprobe waren (unsere Musiklehrerin hat uns das des öfteren am Vormittag ermöglicht), liegt mir diese spezielle Produktion natürlich besonders am Herzen und ich musste sie natürlich sofort kaufen.

Aber ich wollte diese Neuerscheinung eigentlich nur zum Anlass nehmen, eure Otello - Vorlieben (und natürlich auch Abneigungen) kennen zu lernen.

Liebe Grüße



Werner
Jimi (15.08.2007, 19:53):
Hallo Werner,

Handelt es sich um diese Aufnahme von 1987 unter Zubin Metha ?

http://www.jpc.de/image/cover/front/0/8854513.jpg

Wenn ja würde mich interessieren wie du sie im Vergleich zu Domingos anderen Othellos einschätzt.

Wenn ich mich nicht täusche gibt es mit ihm ja mindestens 2 Studioaufnahmen, und mehrere Liveaufname ua auch auf DVD, kenne ich aber nicht.
In die Studioaufnahmen hab ich im Laden mal reingehört, hat mich zumindest nicht so sehr überzeugt dass ich gleich zugeschlagen hätte.

Meine Lieblingsaufnahme kennst du ja schon , die uralte mit Martinelli und Rethberg.Ansonsten muss man das Duett aus dem 2.Akt(Si,pel ciel) von Caruso und Tita Ruffo gehört haben. :down

Da schaun die meisten Othello Spezialisten ganz schön alt aus.

:hello Jimi
manrico (16.08.2007, 14:41):
Hallo Jimi !

Genau, diesen Otello habe ich gemeint. Er gefällt mir von den Domngo-Otellos, die ich kenne, am zweitbesten. Domingo singt kraftvoll, sehr schlank und klar. Natürlich haut nicht alles zu 100% hin, aber das funktioniert nicht einmal bei Studioaufnahmen. Die sehr elegante Aufführung geht eher Richtung Kammerspiel als Richtung Grand Opera. Auf dieser Aufnahme ist aber vor allem Renato Bruson als Iago eine Sensation. Er ist nicht aus Dummheit oder purer Rachsucht böse (wie mir das bei Justino Diaz vorkommt - ein plumper Raufbold); Bruson ist die Inkarnation des Bösen ohne Ursache. Intellektuell, verbindlich, mit glatt polierter Oberfläche ohne schmierig zu sein und Abgründen ohne Ende. Das macht ihm so schnell keiner nach. Dazu kommt Anna Tomowa-Sintow als aristokratische Desdemona und das feurige Dirigat Zubin Methas.

Mein Lieblingsotello Domingos ist der Live-Mitschnitt aus der Scala 1976. Ich glaube nicht, dass ich ein besseres Esultate! von Domingo kenne (geschweige denn von manchen anderen. Bei McCormack zum Beispiel scheint gemeinsam mit den stolzen Türken auch seine Stimme im Meer versunken zu sein. Von seinem gebellten Monolog gar nicht zu reden).
Hier sind allerdings Domingos Partner nicht annähernd so gut wie in Wien. Mirella Freni hört sich wieder einmal an wie das blonde naive Mädel vom Land (das hat sie auch noch getan, als sie bereits Großmutter war und sich in Wien als Manon Lescaut auf die Bühne gestellt hat) und Cappuccilli fängt mit dem Jago gar nix an. Nicht, dass die beiden jetzt schlecht wären, aber es ist halt nix, was im Gedächtnis bleibt.
Für mich persönlich interessant ist der Cassio dieser Aufnahme: Giuliano Cianella. Er liefert hier einen sehr odentlichen Cassio ab, von dem ich mir anhand dieser Aufnahme mehr in der Zukunft erwartet hätte. Bevor ich ihn in dieser Aufnahme kennengelernt habe, habe ich allerdings in Wien unter seinem entsetzlichen Singen gelitten - und er hat praktisch keine große Tenorrolle ausgelassen. Was in der Zeit zwischen dieser Aufnahme und seinen späteren Auftritten in Wien passiert ist, weiss ich nicht, aber er war wirklich immer furchtbar.

Von den Studioaufnahmen kenn ich nur die Einspielung unter Maazel (die mag ich vor allem wegen der Ricciarelli) und die unter Mung Wung Chung mit Leiferkus als Jago, der zumeist in den Besprechungen nicht so gut wegkommt. Er hat sehr speziellen aber durchaus interessanten Zugang zu Jago - er wirkt eher wie ein Fremder, Ausgestoßener, der sich an der Gesellschaft rächt. Domingo selbst hat bessere Otello-Einspielungen gemacht. Er muss hier insgesamt schon zu viele Kompromisse machen.
(Seinen ersten Domingo kenn ich nicht, denn wenn ich Alternativen habe, meide ich die Scotto).

Liebe Grüße


Werner
Jimi (05.02.2008, 00:57):
Original von manrico
Bei McCormack zum Beispiel scheint gemeinsam mit den stolzen Türken auch seine Stimme im Meer versunken zu sein. Von seinem gebellten Monolog gar nicht zu reden).

Hallo Werner,

beim erstenmal lesen ist mir das nicht aufgefallen, meinst du wirklich den lyrischen Tenor John McCormack(1884-1945) der ua die berühmte Aufnahme von "Il mio tesoro" gemacht hat, oder hat der einen "dramatischen" Namensvetter. Ich kann mir unmöglich vorstellen das er irgendwas aus dem Othello aufgenommen hat, denn er hatte ja sonst eher ein Repertoire etwa wie Alfredo Kraus . ?(
Es gibt wohl noch eine Ami der so ähnlich heißt Jimmy oder James McC???????n ich kann mich nicht genau erinnern, der hat glaube ich den Othello gesungen. Meinst du vielleicht den ?

:hello Jimi
manrico (05.02.2008, 19:37):
Danke, Jimi, für den Hinweis!

Natürlich habe ich nicht McCormack sondern James McCracken gemeint. Er singt (na, ja) den Otello mit Gwyneth Jones und Fischer Dieskau.

Aus heutiger Sicht frage ich mich echt, welcher Teufel mich damals geritten hat, mir diese Aufnahme zuzulegen.

lg

Werner
Jimi (05.02.2008, 21:06):
Original von manrico

Natürlich habe ich nicht McCormack sondern James McCracken gemeint. Er singt (na, ja) den Otello mit Gwyneth Jones und Fischer Dieskau.

Werner

Hallo Werner ,

genau McCracken den meinte ich.

Ich habe keine Aufnahmen von ihm, naja nachdem ich mir ein paar Clips bei Youtube angeschaut habe hält sich mein Interesse das zu ändern in Grenzen.

Besonders "spannend" finde ich sein Ave Maria.

Das ist aber wohl nicht dein Ernst dass der FiDi im Othello den Jago singt, wusste ich gar nicht, es gibt nichts was es nicht gibt :ignore

:hello Jimi
manrico (24.02.2008, 11:33):
Hallo Jimi!

Gerechter Weise muss man sagen, dass sich Dieskau als Jago gar nicht so übel macht. Natürlich ist er nicht mit dem elementaren Jago des Giuseppe Taddei zu vergleichen - allein sein herrisches "Non alzate ancor!" zeigt schon, wer Herr und wer Knecht ist - oder mit Reanto Bruson, der hinter der Maske des Biedermanns sein perfides Spiel treibt. Aber insgesamt finde ich Dieskau als Jago um Klassen besser als als Rigoletto oder gar als Macbeth (da ist er eine völlige Fehlbesetzung).

Bei McCracken finde ich es schade, dass er so daneben haut. Denn eigentlich mag ich seine sehr individuelle Stimme mit ihrer einprägsamen Farbe. Leider kann er sein Material überhaupt nicht nutzen. Ich glaube, sein Otello ist der schlimmste Fehltritt, den ich auf CD kenne. Er stolpert von einer Unglaublichkeit in die nächste - mit dem "Dio mi potevi scagliar" als wohl unerreichten Höhepunkt vokalen Versagens (Beim ersten Mal hören hab ich allen Ernstes geglaubt, die CD ist kaputt!).

Zum Live-Mitschnitt aus Wien wollt ich übrigens noch anmerken, dass Metha damals auswendig dirigiert hat - eine phänomenale Leistung, die mich damals sehr beeindruckt hat. Schade, dass das im Booklet nicht erwähnt wird.

lg

Werner
Jimi (24.02.2008, 13:01):
Original von manrico

Aber insgesamt finde ich Dieskau als Jago um Klassen besser als als Rigoletto oder gar als Macbeth (da ist er eine völlige Fehlbesetzung).


Hallo Werner,

da hast du sicher Recht, ich hab mir FiDi nur im ersten Moment versucht in dem schon oben genannten "Si pel ciel" im Vergleich mit Ruffo vorzustellen, das haut für mich schon stimmlich irgendwie nicht hin.

Hier kann man sich das Duett von Caruso und Ruffo anhören.

Andere Frage, wie findest du eigentlich Jon Vickers (als Othello) ?

Die Aufnahme von 1960 unter Serafin habe ich schon länger im Visier, konnte aber noch nicht im Cd-Laden reinhören.

Bei youtube gibt es jetzt auch von dieser Aufnahme einige Ausschnitte.
Vickers Stimmtimbre mag etwas gewöhnungsbedürftig sein, die Interpretation von Dio! mi potevi scagliar finde ich trotzdem außerordentlich beeindruckend.

:hello Jimi
manrico (24.02.2008, 17:42):
Hallo Jimi!

Bei Vickers geht es mir ähnlich wie bei Gobbi: es will mir einfach nicht gelingen, mich mit diesen verschatteten, erdfarbenen Stimmen anzufreunden (ganz im Gegensatz zu den knorrigen, schwarzen Stimmen von Metternich und Warren ). Ich bewundere zwar deren Energie und gestalterische Kraft. Aber so wirkliche Begeisterung kommt bei mir für Vickers nicht auf. Er ist mir eine Spur zu eigenwillig.
Aber generell wird die Serafin-Produktion recht hoch gehandelt.

lg

Werner
Mime (02.03.2008, 13:46):
Meiner Einschätzung nach war Mario del Monaco der Jahrhundert-Othello. Etwas stimmschöner Placido Domingo, der aber darstellerisch nicht an del Monaco herankam.
:hello
manrico (02.03.2008, 15:14):
Hallo Mime!

Ich muss zugeben, del Monaco ist nicht mein Fall. Ich hab del Monaco nicht auf der Bühne gesehen, kann ihn nur von der Konserve. Wenn man mit Opernbesuchern in Wien redet, die del Monaco live erlebt haben, so schwärmen die meisten von ihm. Diese Begeisterung kann ich bei keiner seiner Aufnahmen oder Live-Mitschnitten auch nur annähernd nachvollziehen. Sein Gesang ist mir zu undifferenziert, alles klingt, als ob ein Staudamm brechen würde und Wasser mit voller Kraft aber völlig unkontrolliert alles überflutet. Dazu kommen veristische Manierismen, die ich ohnehin nicht leiden kann (Geschluchze, Geheule, Geschrei, Gelächter).
Ich habe del Monaco zum ersten Mal in meinen Opern-Anfängen in dem Mitschnitt der Forza unter Mitropoulos kennen gelernt - eine Aufnahme, die an sich gelobt wird. Ich habe seine Stimme damals einfach nur scheusslich gefunden (ich konnte mich aber für diese gesamte Besetzung mit Ausnahme von Siepi und Barbieri nicht begeistern und kann es komischer Weise bis heute nicht - ich mag diese typische 60er Jahre Decca-Besetzung Tebaldi/delMonaco/Protti und deren Gesangsstil einfach nicht).

lg

Werner
Mime (12.03.2008, 18:27):
Hallo Werner,

Geschmäcker sind verschieden, zum Glück ist das so!

Vielleicht gelingt es dir mal, die Aufnahme mit Wolfgang Windgassen anzuschauen/hören. Sie ist zwar auf schwarzweiss und deutsch gesungen, doch all das, was du bei del Monacos Interpretation beklagst, dürfte hier deinem Geschmack entsprechen. Bin gespannt, ob ein feedback hierzu kommt.
:hello
manrico (12.03.2008, 19:56):
Hallo Mime!

Oh, ja, die Aufnahme kenn ich. Wenn ich das richtig im Kopf hab, dirigiert Argeo Quadri, Jago ist Norman Mittelmann und die Desdemona - das weiss ich sicher - singt die göttliche, die unvergleichliche Sena Jurinac. Du hast natürlich recht, das ist eine Aufnahme nach meinem Geschmack: schlank, drahtig, beinahe asketisch, und deshalb sehr sehr sehenswert. Leider hab ich sie nur auf Video, und daher schon lange nicht mehr gesehen.

Aber Zeit wird's wieder einmal dafür!

lg

Werner
Jimi (12.03.2008, 21:25):
Hallo Mime und Werner,

dass Windgassen auch den Othello gesungen hat war mir zwar bekannt, aber dass es sogar eine Dvd gibt wusste ich nicht.

Youtube hilft mal wieder Weiter :

Dio mi potevi

Beim stöbern hab ich noch eine andere Aufnahme auf deutsch gefunden :

Dio mi potevi

auch nicht schlecht :wink

:hello Jimi
palestrina (08.02.2014, 20:11):
Otello oder doch Jago ?

Hallo zusammen!
Möchte hier noch was zum Otello sagen, nachdem ich einen Entwurf von I.Bachmann gelesen habe.

Zitat I.Bachmann ....

Dieses Stück lebt nur von einer Figur und hat einen unterirdischen Motor nur von einer-das ist der
Held dieses Stücks , der negative Held , dessen Intelligenz und Gründlichkeit über die Maßen
schrecklich sind .
Sein Credo(das er sonst verheimlichen würde , aber in der Oper muß er heraus damit, weil alles heraus muß , sonst etwas keine Oper) ist das konsequenteste Credo , das es für den konsequenten Mörder gibt, also für den der Intelligenz hat.
Er nimmt die Menschen, die für ihn keine sind, sondern analysierbare Puppen, auseinander ,
er macht sie leiden und schreien und töten .
Die anderen sind die Menschen, unzulänglich ,mitleiderregend, krank,dumm,blind, aber Jago
ist erhabenen seiner Furchtbarkeit , er versucht die anderen zutod.
Man kann Menschen zutodbringen , aber nur ein Mensch kann das.Und Jago ist das extremste
Beispiel für das, was ein Mensch vermag.
Das Geheul Otellos , das Sterben Desdemonas, die Demütigungen und leiden der anderen-das
sind Sein Gewinn.
Zu nichts ,könnte man sagen, aber die Selbstzerstörung braucht diesen Gewinn.
Zitat Ende
Und noch ein Satz von W.H.Auden hinterher..
Auch wüsste ich kein anderes Stück zu nennen, in welchem der Schurke so restlos triumphiert :
Alles was sich Jago vornimmt, erreicht er(unter seine Ziele rechne ich auch die Selbstzerstörung).

Ergo, die Oper müsste eigentlich JAGO heißen !

Nach dem ich dies gelesen habe und die letzten Tage Otello gehört habe , hörte ich auf einmal
alles anders, ja die Oper hatte aufeinmal eine andere Betrachtungsweise für mich !
Das Credo von Jago wird oft so herausgebrüllt , es gibt aber einen Interpreten der mir in dieser
Hinsicht gut gefällt S.Leiferkus in der Aufnahme mit Myung-Whun Chung .
Er singt das eher verhalten nur begleitet von kurzen Ausbrüchen !
Wenn Jago alles verhaltener singt kommt die ganz Tragweite besser zur Geltung , also mehr
Ausdruck als Stimme !
Dieses Credo ist ja der Zentrale Punkt in der Oper , jetzt weiß auch der letzte was Jago vorhat !

Später noch zu der neuen GA mit Muti

LG palestrina
palestrina (09.02.2014, 15:58):
Und nun zu der neuen GA ....

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0810449010016.jpg

Otello /Aleksandrs Antonenco
Desdemona / Krassimira Stoyanova
Jago / Carlo Guelfi
Emilia / Barbara di Castri
Cassio / Juan Francisco Gatell
Rodrigo / Michael Spyres
Montano / Polo Battaglia
Lodovico / Eric Owens
Ein Herold / David Govertsen
Chicago Symphonie Chorus , Chicago Children's Choir
Chicago Symphonie Orchestra, Cond. Riccardo Muti

Der Beginn der Oper ist schon mal sehr vielversprechend, die Sturmmusik mit Chor (gewaltig und dabei immer Klangschön ) zieht einen förmlich in das Geschehen !
Dabei spielt das Orchester unter Muti einfach grandios bis zum bitteren Ende!
Man höre nur die wunderschönen Celli vorm Liebesduett .
K.Stoyanova ist der absolute Stern dieser GA. Hier singt keine säuselnde Desdemona sonder eine
Frau , die wunderschöne Töne hervorbringt gepaart mit einem Ausdruck den ich so nicht
gehört habe.Ihre Stimme, glänzend , mit kräftigen Farben versehen und einer ungeheuren Klangtiefe !
A.Antonenco der einen dunklen Tenor sein eigen nennt, macht viel aus seiner Partie .
Er ist den Herausforderungen seiner Rolle ganz gewachsen !
C.Guelfi, ja das ist sehr bedauerlich, er kennt die Rolle gut, aber seine Stimme, klingt abgesungen
mit einem sehr unangenehmen Vibrato, dick und mulmig hört sich das Stellenweise an .
Aber trotz allem, er weiß was er singt !
Hervorzuheben wären noch M.Spayres und E.Owens in den kleinen Rollen, Rodrigo und Lodovico.
Fazit: Trotz der kleinen Einschränkung eine sehr lohnenswerte Aufnahme, also ich bin voll
Begeistert ! :down

LG palestrina
stiffelio (09.02.2014, 16:03):
Hallo palestrina,

ich kann noch nicht viele Vergleiche ziehen, da ich erst zwei GA des OTELLO ganz durchgehört/gesehen habe: den aus der MET unter Levine mit Domingo/Fleming/Morris und den aus Salzburg unter Muti mit Antonenko/Poplavskaya/Alvarez. Das Credo von Leiferkus habe ich mir eben auf YT angehört.

Generell finde ich Jago auch mindestens ebenso interessant wie Otello und mag es lieber, wenn seine Bosheit glatt und elegant daherkommt und möglichst wenig primitiv. Morris hat mir diesbezüglich wesentlich besser gefallen als Alvarez. Ich finde Morris in seiner Art zu singen auch relativ dicht an Leiferkus.

Der ultimative Kick beim OTELLO fehlt mir noch, vielleicht hab ich noch nicht die richtige DVD :wink. Als nächstes wollte ich es mal mit der alten Aufnahme von Windgassen probieren, von der hier im Thread schon die Rede war.

Eine Frage aber noch: wie siehst du das mit der Selbstzerstörung bei Jago? Die ist im Libretto ja eigenlich nicht komplett "gelungen", denn Jago scheint flüchten zu können.

VG, stiffelio
palestrina (09.02.2014, 17:38):
Hallo Stiffelio,
ja, er kann zunächst flüchten, aber wird er nicht doch gefangen ?
Aber ich bin der Meinung, er muss mit seiner Schuld leben und das ist doch Selbstzerstörung genug,
ob er nun gefangen wird oder nicht, alle wissen es doch was er getan hat, vom höchsten Triumph
bis zur Niederlage.
Höre dir mal die Stelle an 3 Akt 9 Szene:
Jago: (hört die Schreie, (Chor , es lebe Otello) dann betrachtet er Otello, der ohnmächtig am Boden liegt)
Das Echo des Sieges schenkt ihm höchstes Lob.
(Nach einer Pause)ungeheuren
Wer kann verbieten, daß ich diese Stirn mit meiner Ferse zerquetsche?
Chor:
Es lebe Otello! Ruhm dem Löwen von Venedig !
Jago: ( aufrecht stehend mit der Gebäude schrecklichen Triumphes , zeigt auf den reibungslosen
Körper Otellos)
Da liegt der Löwe !.......

Und dann kommt die Niederlage, in dem Emilia die Wahrheit sagt, auch Rodrigo wusste es und hat es
sterbend Montano enthüllt !

Und nach dem Absturz hat man sich selbst zerstört !

LG palestrina
stiffelio (09.02.2014, 18:22):
Hallo palestrina,

zumindest im Libretto steht meines Wissens nichts davon, dass Jago wieder gefangen wird - allerdings auch nicht das Gegenteil, so dass die Regisseure da Gestaltungsspielraum haben, wenn sie darauf Wert legen.

Bei den meisten anderen Opernrollen würde ich dir Recht geben, was das "mit der Schuld weiterleben" anbetrifft. Aber das empfinde ich gerade das Besondere an Jago, dass er von A bis Z gegen Schuldgefühle völlig immun scheint. Und der Triumph über Otello ist ihm ja mehr als bravourös gelungen, da ändert auch die Enttarnung am Schluss nichts mehr daran. Die "Niederlage" kann ihm seinen vorherigen Sieg nicht mehr nehmen.

Vielleicht ist das sogar das stärkste Argument gegen eine Umbenennung der Oper in JAGO: dass das Ende völlig auf Otello zugeschnitten ist, während es Verdi und Boito offenbar ziemlich egal war, was aus Jago am Schluss wurde.

VG, stiffelio