FRANCISCO COLL: FOUR IBERIAN MINIATURES FOR VIOLIN AND CHAMBER ORCHESTRA (2014)

Toni Bernet (02.11.2022, 20:34):
Muss die sogenannte zeitgenössische Musik immer so ernst sein?
Mit den vier iberischen Miniaturen ist dem damals 29 jährigen spanischen Komponisten Francisco Coll, Schüler von Thomas Adès in London, ein Violinstück gelungen, das sich dekonstruierend in die spanisch angehauchte Violinliteratur von Sarasate bis zu Ravels Tzigane einfügt. Dabei geht es bei Coll bei aller Kunstfertigkeit der Komposition und bei aller versteckten Tragik nicht ganz ohne Schmunzeln ab.
«Ich komponiere Musik, die ich selbst gerne im Konzertsaal hören möchte.» Die 4 Miniaturen sind denn auch ein spanisches Bravourstück im Gewand aktueller zeitgenössischer Musik. Die 13 Minuten Musik machen beste Werbung für das Hören von zeitgenössischen Kompositionen.

Hörbegleitung:

MINIATURE I

Sofort führt uns ein Jota, ein typisch spanischer Tanz im Tripeltakt, mitten ins musikalisch-rhytmische Geschehen hinein. Spitze Sologeigenfiguren, Glissandi und das gitarrenmässig orchestrierte Kammerorchester übernehmen die Tanzimpulse, verzerren aber immer wieder die Erwartungen, die man mit einem geregelten Tanzrhythmus verbindet. Schlaginstrumente (Crotales, Roto-Toms, Guiro, Slide Whistles, Kastagnetten, Klavier und andere) mischen sich ein. Die Geige nützt ihre Pizzicato-Virtuosität. Ein heftiger Schlag des reich besetzten Schlagwerks beruhigt die hektische Tanzvorführung. Klänge, Rhythmen, Pizzicato-Gitarren-Imitation vermischen sich, bis alles immer mehr in einen Fandango und Flamenco-Klatschen mündet und schliesslich stockend erlahmt.

MINIATURE II

Meditativ und langsam beginnt die Sologeige in dunklem Ton den zweiten Satz. Ist es Melancholie oder gar Trauer nach der Ausgelassenheit des ersten Satzes? Gewaltsame Schläge des Klaviers und Orchester unterbrechen diese Stimmung und begleiten die Sologeige in ihrem wilden Aufbegehren. Mit der Zeit aber folgt die Sologeige wieder ihrem eigenen Gesang. Erst wenn sich Kastagnetten und Pizzicato-Streicher einmischen, wird der iberische Rhythmus einer Habanera erahnbar. Die Musik wird lauter und endet in Entschlossenheit.


MINIATURE III

Ein Klaviersolo eröffnet den dritten Satz, leise setzt die Geige ein und spielt eine sehnsüchtig weitgespannte Melodie. Doch statt spanischer Rhythmen ein Aufschrei und trotziges Aufbäumen. Wieder versinkt die Sologeige in ihre eher depressive Stimmung. Das Orchester will sie mit einem seltsam lahmen Rhythmus wieder abholen. Doch die Geige bricht abrupt ab.


MINIATURE IV

Schiefe Rhythmen und heftige Orchesterakkorde brechen unvermittelt über uns herein. Erzählen von Gewalt und Drama, aber lassen immer wieder rhythmische Neuansätze erkennen. Ein fast surreales Geschehen, bis die spanische Rhythmik entschlossen zum lauten Schlussakkord hinführt.
Sfantu (06.11.2022, 15:14):
Lieber Toni,

vielen Dank für diesen bildreichen und Appetit machenden Hörbegleiter.
Gestern konnte ich endlich mal ein Viertelstündchen herausschlagen um mir den YT-Clip von einer Konzertaufführung mit Kopatchinskaja und der Camerata Bern anzusehen und zu -hören.

Kurzweilig und (nicht nur für die Solistin) virtuos sind diese Musikhäppchen - die Aufführung fand ich hochklassig. Von den Perkussionsinstrumenten, die Du nennst, kenne ich nur die Hälfte beim Namen. Namentlich die slide whistle sorgt im ersten Satz für allerlei komische Effekte - zeitweise klingt das wie die Vertonung eines Comic-Strips. Wenn die Hohepriesterin des Barfüßer-Ordens auf dem Podium ihre wie Tanztherapie anmutenden Verrenkungen macht, bin ich mal wieder an dem Punkt, zu begreifen, daß ich mir das besser nur angehört, nicht angesehen hätte.

Ich bin gespannt auf die nächste Deiner Raritäten-Erkundungen.

Von Herzen,
Sfantu
palestrina (06.11.2022, 16:05):
Klick
Zufällig habe ich diesen Silberling, eildiweil ich alles von Kopatchinskaja sammle, also das Violinkonzert ist spitze, aber der Rest ist Geschmackssache!

LG palestrina
Toni Bernet (19.11.2022, 20:15):
Vielen Dank für die Rückmeldungen, Sfantu und palestrina. Vertonung eines Comic Strip ist eine schöne Vorstellung, um diese Musik wieder zu hören.

Dass das Violinkonzert von Francisco Coll ist höchst interessant, soll eine Art Wiederspiegelung der Geschichte der Violinkonzerte sein. Aber ich muss zugeben, Colls Violinkonzert entzieht sich mir (noch?). Nur schon die drei für mich nicht zu enträtselnden Satzbezeichnungen sind eine Herausforderung: Atomised; Hyperhymnia; Phase.
Diskussionsstoff auch für euch?

Grüsse
Toni