Fast oder zu Unrecht vergessene Sänger von Weltrang: Tenöre
Waldi (20.10.2017, 11:36): Immer wieder hört man von Künstlern, die von den Plattenfirmen oder den Medien stiefmütterlich behandelt wurden, obwohl sie an Klasse wesentlich berühmtere Namen eigentlich überstrahlten. Es geht mir dabei nicht um wehleidige Nostalgie oder gar die Behauptung, daß früher alles besser war (das war es auch nicht), nur um das Aufzeigen von Gerechtigkeit. Das beinhaltet natürlich schon auch den Hinweis auf Maßstäbe, an denen sich das Vergangene ebenso zu messen hat wie die Gegenwart. Der besseren Übersichtlichkeit scheint es mir angebracht, nicht alle Fächer in einen Topf zu rühren, sondern die traditionellen Kategorien in separaten Threads zu behandeln. Wen es interessiert, der ist also herzlich aufgefordert, Entsprechendes für Bässe und Baritone, für Soprane oder Mezzi bzw. Altistinnen zu starten, denn ich könnte im Moment nicht sagen, wann ich selbst dazu komme.
ich beginne mit einem Sänger, welcher der jüngeren Generation wohl kaum ein Begriff sein wird; den Älteren unter uns ist er vermutlich noch einigermaßen geläufig, obwohl ich typischerweise derzeit weder eine Solo-CD noch ein Cover gefunden habe, der sein Bild zeigt (man muß also sein Porträt bei Wikipedia anschauen, um nicht womöglich irgendwelche Rechte zu verletzen, übernehme ich aber kein Bild von dort).
Gerhard UNGER wurde 1916 in Bad Salzungen geboren und starb 2011 in Stuttgart. Für mich besaß er einen der schönsten lyrischen Tenöre, die ich je gehört habe, eher hell und wunderbar timbriert. Auf der Bühne sang er auch dementsprechend beispielsweise den Tamino, den Alfredo oder den Pinkerton. Auch war er ein berühmter Konzertsänger, besonders mit Bach. Er verfügte sogar über das hohe D. Die Plattenfirmen setzten ihn jedoch stur als Charakter- bzw. Spieltenor ein. Dabei setzte er immer wieder Leistungen, die wohl erreicht, aber kaum übertroffen werden können. Legendär sind etwa sein David in den "Meistersingern", sein Pedrillo in der "Entführung" oder sein Georg im "Waffenschmied". Er sang aber auch Moderneres wie im "Wozzeck" oder im "Schwarzen Peter". Glänzende Partien legte er auch im Operettensektor hin, etwa den Stanislaus im "Vogelhändler". Weitere Rollen waren u.a. Brighella ("Ariadne"), Valzacchi ("Rosenkavalier"), Jaquino ("Fidelio"), Mime ("Ring"), Steuermann ("Holländer"), Jan Janicki ("Bettelstudent"), Monostatos ("Zauberflöte")
Unger begann seine Karriere relativ spät 1945 (daran war der Krieg schuld). Seine Stammhäuser waren Berlin und später Stuttgart, aber er sang in der ganzen Welt, in Bayreuth, in Salzburg, an der Scala, in Buenos Aires etc. etc. Dank klugem Einsatz seiner Stimme bewahrte er lange seine Qualitäten und trat noch bis in die späten 1980er Jahre auf. Als er starb, dachte ich, daß ein Aufschrei durch die Musikwelt gehen würde, doch sein Tod wurde kaum zur Kenntnis genommen.
Falstaff (20.10.2017, 22:45): Als er starb, dachte ich, daß ein Aufschrei durch die Musikwelt gehen würde, doch sein Tod wurde kaum zur Kenntnis genommen. Ich befürchte, er starb zu einer Zeit, in der nur noch selten ein Aufschrei durch die Musikwelt ging, wenn ein Künstler aus dem Bereich der klassischen Musik starb.
Lieber Waldi, das ist eine sehr schöne Idee für verschiedene Threads, in denen wir an hochverdiente Sänger und Sängerinnen erinnern können, mit dem die Medien/Industrie nicht entsprechend umgegangen sind.
LG Falstaff
Falstaff (20.10.2017, 23:24): Bei den zu Unrecht Vergessenen oder Vernachlässigten fällt mir immer sofort Flaviano Labò ein.
Labò wurde am 1. Februar 1927 in der Nähe von Piacenza geboren und starb am 13. Februar 1991 durch einen durch Nebel bedingten Verkehrsunfall in Mailand.
Noch während seiner Zeit in der Armee wurde Antonino Votto auf ihn aufmerksam. Nach Gesangsunterricht in Parma, Mailand und Piacenza debütierte er dort 1954 als Cavaradossi. Sehr schnell trat er dann in ganz Italien und Europa auf und debütierte 1957 an der MET. Die Scala erreichte er allerdings erst 1960 als Don Carlo.
Bis 1987 sang er dann weiterhin an den großen Opernhäusern der Welt.
Labò besaß einen typischen italienischen 'tenore robusto', mit dem er prädestiniert für das heldische Fach war. Don Carlo, Aida, Trovatore, Tosca, Macbeth, Manon Lescaut, Turandot, Cavalleria Rusticana, Carmen, Andrea Chenier, La Forza del Destino. Er sang aber auch in der Bohème oder im Werther. Seine Stimme war relativ schlank, besaß Glanz und verfügte über eine durchschlagende, strahlende Höhe. Zudem war er, soweit ich ihn gehört habe, gerade in den schwereren Partien stets zuverlässig, verfügte über einen recht jugendlichen Impetus. Vielleicht ließ er es an einer gewissen Beweglichkeit, an technischer Raffinesse vermissen. Aber die Sicherheit, auch eine gewisse Selbstverständlichkeit, mit der er die Partien anging, fasziniert mit schon sehr.
Labòs Erbe auf Schallplatte ist äußert dünn. Am bekanntesten ist natürlich seine Studio-Aufnahme des 'Don Carlo' für die DGG mit Santini-Stella, Cossotto, Bastianini und Christoff. Daneben gibt es noch Auszüge aus der 'Manon Lescaut' mit Anna Moffo und ein Rezital. Und das war's - soweit ich weiß.
Sicherlich war die damalige Konkurrenz in Italien zu groß. Del Monaco, Corelli und auch di Stefano v.a. besetzten die großen Partien im Bewusstsein der Öffentlichkeit und die entsprechenden Plätze bei den großen Labels. Möglicherweise gab es aber auch noch andere Gründe. Schwierigkeiten bei Plattenaufnahmen oder er hatte grundsätzlich weniger Lust dazu oder seine Stimme eignete sich nicht für's Mikrophon. Ich habe keine Ahnung. Jedenfalls wäre man heute, nicht nur Italien, froh, solch einen Tenor für bestimmte Partien noch zu besitzen.
Immer noch eine der besten Aufnahmen!!!! Und sein Carlos ist wirklich grandios.
Dank der CD gibt es jetzt doch eine ganze Reihe von Live-Mitschnitten mit ihm. Wer sich aber einen kurzen Überblick über sein Singen verschaffen möchte, sei auf YouTube verwiesen:
https://www.youtube.com/watch?v=JHmwj-MQW1Q
:hello Falstaff
Waldi (21.10.2017, 09:48): Da gibt's doch noch was:
Don Perlimplin (21.10.2017, 11:16): Unbedingt in die Schar "fast oder zu Unrecht vergessener Sänger" gehört der am 29.9.1916 in Mainz geborene Josef Traxel, der in den Nachkriegsjahren, vornehmlich zwischen ca. 1950 und 1965, in der ersten Reihe namhafter Tenöre im deutschen Sprachraum stand. Bedingt durch den 2. Weltkrieg, an dem Traxel als Soldat teilnehmen musste, hat er nie eine professionelle Gesangsausbildung genossen, was umso mehr erstaunt, weil er sich im Verlauf seiner Karriere als einer der ganz wenigen Vertreter der klassischen Gesangsschule erwies.
Traxel besaß kein dramatisches Stimmaterial, wie etwa Helge Rosvaenge oder Peter Anders, doch seine Stimme hatte ein feines, lupenreines Gepräge, die zu einem schier idealen Legato fähig war. Viele seiner Tonaufnahmen belegen dies eindrucksvoll. Auffällig ist der Mangel an Vibrato, das der Sänger aber durch andere Vorzüge wettmachen kann.
Traxels Repertoire war weitgespannt, es reichte von der Barockmusik (Bach, Händel) über die deutsche, italienische und französische Oper bis zur Operette. Auch als Liedsänger hat er sich einen Namen gemacht, ich denke da spontan an die schöne Colosseum-Platte mit Balladen von Carl Loewe.
Sein Bravourstück, fast seine Erkennungsmarke war das Postillonlied aus Adolphe Adams Spieloper "Der Postillon von Lonjumeau", das in mehreren Versionen auf Tonträger vorliegt. So mühelos, so rein habe ich das hohe D am Schluss der Arie "Freunde, vernehmet die Geschichte" nirgends sonst gehört, selbst nicht von Nicolai Gedda oder Helge Rosvaenge, und erst recht nicht von Rudolf Schock, dessen Anstrengung, den Ton zu erreichen, der Hörer schmerzhaft mitempfindet.
Nachdem sich Traxel Ende der 1960er Jahre von der Bühne zurückgezogen hatte, spätestens aber nach seinem frühen Tod am 8. Oktober 1975 geriet er ziemlich bald in Vergessenheit. Das hatte verschiedene Gründe: Zum einen war er kein "Rampentenor", kein Star für den Boulevard und das Fernsehen. Seine sängerische Existenz war im besten Sinne seriös, gründlich, technisch hochversiert, doch sein Naturell war auffallend zurückhaltend und bescheiden. Deshalb hat er nie den Bekanntheitsgrad und erst recht nicht die Popularität eines Rudolf Schock erreicht, dem er sängerisch eindeutig überlegen war. Sein Leben bot auch, im Gegensatz zu etwa Peter Anders oder Fritz Wunderlich, keinen Stoff für Legendenbildung oder Tragik. Sein künstlerisches Wirken beschränkte sich im wesentlichen auf Auftritte bei den Salzburger und Bayreuther Festspielen sowie auf die Tätigkeit an seinem langjährigen Stammhaus, der Württembergischen Staatsoper in Stuttgart. Konzertreisen ins Ausland blieben die Ausnahme. Traxel war im besten Sinne bodenständig.
Im Jahr 1955 schloss er einen Vertrag mit der Kölner Electrola, die ihn in rascher Folge in Opernquerschnitten, Oratorien, Kantaten und Konzertstücken einsetzte und auch diverse Recitals mit ihm veröffentlichte. Leider wurden die meisten seiner Aufnahmen noch in Mono produziert, so dass sie wegen technischer Veralterung ab Mitte der 1960er Jahre total ins Hintertreffen gerieten. Zusätzlich erschwert wurde der Verkauf seiner Aufnahmen auch durch die Tatsache, dass er, wie das damals noch gängiger Standard war, praktisch sein ganzes weitgespanntes Repertoire in deutscher Sprache sang, was den Absatz im Ausland zusätzlich erschwerte.
In den letzten Jahren hat allmählich eine Renaissance seiner Aufnahmen eingesetzt, vor allem durch die "Edition Josef Traxel" des Hamburger Archiv für Gesangskunst, die viele seiner Electrola-Einspielungen, aber auch eine Fülle von Rundfunkmitschnitten, wieder veröffentlicht hat. Leider sind diese CDs nicht im normalen Handel erhältlich. Einige seiner Aufnahmen, die zur Zeit über die bekannten Vertriebswege (jpc, Amazon) angeboten werden, möchte ich zum Schluss hier vorstellen:
Es handelt sich ausschließlich um CD-Ausgaben, mit Ausnahme der Loewe-Balladen, die nur auf LP existieren. Bei den Recitals sind Überschneidungen möglich.
Waldi (21.10.2017, 13:15): Lieber Don, Josef Traxel war ein ausgezeichneter und sicher zu wenig geschätzter Sänger, aber "als von Weltrang" würde ich ihn - unabhängig von seinen bedeutenden stimmlichen Qualitäten - nicht ansehen. Du selbst betonst seine - sympathische - Bescheidenheit und Bodenständigkeit. Ich wollte diesen Thread aber eher auf solche Protagonisten beschränken, die von überregionaler Bedeutung waren, sonst werden hier persönliche Lieblinge en masse genannt (ich hätte da viele) und die Übersichtlichkeit geht womöglich verloren. Aber man könnte ja einen weiteren Thread starten, in dem etwa die Tenöre des deutschen Sprachraums herausgestellt werden, die nie oder kaum über diese Grenzen hinaus bekannt wurden, obwohl sie es verdient hätten, und die auch innerhalb dieser vielfach zu wenig Popularität genossen, meist, weil sie von den Labels nicht ausreichend beachtet wurden. Da wäre Traxel natürlich im vordersten Bereich. Übrigens führt die ganze hier angezogene Problematik irgendwann zu der Frage, inwieweit illegale Mitschnitte (die von den benachteiligten Sängern etc. mit Recht als schädigend empfunden wurden) heute etwas darstellen, wofür man irgendwie dankbar ist. Denn damit können die Sündenlöcher der Labels sozusagen ein bißchen gestopft werden.
:hello Waldi
Don Perlimplin (21.10.2017, 17:49): aber "als von Weltrang" würde ich ihn - unabhängig von seinen bedeutenden stimmlichen Qualitäten - nicht ansehen. Lieber Waldi,
Deine Einstellung in Ehren, aber ich denke, dass Josef Traxel, auch international gemessen, mindestens die Bedeutung eines Gerhard Unger (den ich übrigens außerordentlich schätze) oder eines Flaviano Labò hatte. Ganz abgesehen davon, wo wären die Grenzen für den "Weltrang" zu ziehen? Für manche blieben da wohl nur Caruso, Schaljapin und Maria Callas übrig! Ich weiß, dass man den Rang eines Sängers nicht an seinen Tonträgern messen kann, aber nur zum Vergleich: jpc bietet z.Zt. von Unger 25, von Labò 13 und von Traxel 42 verschiedene CD-Ausgaben an. Wenn es um Weltrang geht und ich mich auf die Tenöre der letzten 50 Jahre beschränke, so fallen mir spontan folgende Namen ein: Bergonzi, del Monaco, Corelli, Domingo, Carreras, Pavarotti, Gedda, danach wird die Luft schon recht dünn. Im deutschen Fach wären zu nennen vor allem Wunderlich (der aber durch seinen tragisch frühen Tod weltweit nicht den Ruhm erreicht hat, den er zweifellos bei längerer Lebensdauer errungen hätte) und vielleicht noch Peter Schreier. Als Mozart-Spezialisten wären Haefliger und Dermota zu nennen, und vor allem hätte Simoneau den Rang für die Weltspitze, aber auch er war nie so eigentlich berühmt, sondern nur einem kleinen Kreis von Liebhabern ein wirklicher Begriff. Hingegen Gerhard Unger: mir ist er vor allem als Pedrillo (aus diversen Aufnahmen) bekannt geworden, dann noch aus diversen Spielopern- und Operettenaufnahmen, aber von Weltruhm kann da nicht wirklich die Rede sein, noch weniger bei Flaviano Labò, den ich einzig und allein aus dem DON CARLOS unter Santini (DGG) mit Bastianini, Stella, Cossotto und vor allem Boris Christoff kenne. Und selbst diese Aufnahme ist nie wirklich richtig bekannt geworden, weil ihr die Produktionen mit Solti und Giulini, ob zu Recht oder Unrecht, sei dahingestellt, den Rang abgelaufen haben. Ich denke, dass ich mich nicht zu weit aus dem Fenster lehne, wenn ich sage, dass Josef Traxel sich ganz bestimmt mit den beiden Vorgenannten messen kann. Traxel war zwar keine Reisetenor, aber immerhin hat er jahrelang in Bayreuth prominente Rollen gesungen (Steuermann, Erik, Walter v.d. Vogelweide, Stolzing, Seemann im Tristan und Froh), in Salzburg etliche Mozart-Partien sowie Merkur in der Uraufführung von "Die Liebe der Danae" von R. Strauss. Er war u.a. Gastsänger in Wien (Staatsoper), an der Mailänder Scala, in München, Berlin, sogar in den USA. Dann war er ein gefragter Oratoriensänger: Händels Messias, Haydns Schöpfung und Jahreszeiten, Bachs Johannes-Passion sowie Kantaten, Rossinis Stabat Mater, etliche Mozart- und Bruckner-Messen etc. und hat damit auch international, zumindest auf Platte, Furore gemacht. In Kanada gibt es sogar eine Josef-Traxel-Gesellschaft, die sich von dort aus um die Wiederauflagen seiner Aufnahmen bemüht hat, z.T. mit Erfolg. Ich denke also nicht, dass ich hier einen "persönlichen Liebling" ins Feld geführt habe, sondern einen Sänger von durchaus überregionaler Bedeutung.
LG, Perlimplin
Waldi (21.10.2017, 18:30): Das mit der kanadischen Traxel-Gesellschaft war mir nicht bekannt. Das ist tatsächlich ein starkes Argument, da hast Du recht.
Die Italiener haben es natürlich leichter, das ist die internationale Anerkennung beinahe schon vorprogrammiert; der echte oder oder vermeintliche Über-Status italienischer Tenöre hat ja schon seinerzeit Johann Nestroy zu zum spöttischen Kommentar veranlaßt: Und wenn mit der Stimme ich geben ein Gicks. Bei un primo tenore, da machen das nix!
Wunderlich war im angloamerikanischen Bereich doch sehr bekannt und beliebt. Die ersten drei LPs von ihm, die ich mir vor vielen Jahren zulegte, waren amerikanische Produktion. Man sollte die USA überhaupt nicht unterschätzen, weder in der Rezeption noch bezüglich der eigenen Künstler (die man wiederum bei uns vielfach nicht einmal dem Namen nach kennt).
Unter den so etwa 1920/30 geborenen - hauptsächlich italienischen - Tenören gab es so viele erstklassige Stimmen, daß längst nicht alle ihren Fähigkeiten entsprechend promoted wurden, wie man heute sagt. Deswegen kann man da noch immer Entdeckungen machen. Weltrang haben meines Erachtens doch ein paar mehr als die von Dir Genannten, die natürlich den puren Olymp verkörpern.
Don Perlimplin (21.10.2017, 20:18): Ja, die Italiener waren auf internationalem Parkett immer besonders gefragt, hatten aber auch über viele Jahrzehnte die meisten und oft die besten Sängerinnen und Sänger zu bieten. Die Josef-Traxel-Gesellschaft wurde seinerzeit, so um das Jahr 2000 herum, von einem Dr. Gérard Mohr gegründet. Er war Chefarzt einer großen Klinik in Quebec oder Montreal. Es ist mir leider entfallen. Ich hatte einige Zeit via Internet Kontakt mit ihm, der aber leider eingeschlafen ist. Was die USA betrifft, so habe auch ich den Eindruck, dass man dort mit seinen Klassik-Künstlern pfleglicher umgeht als es hier der Fall ist. Ich denke vor allem auch an die vielen Emigranten, die nach 1933 Deutschland bzw. Europa verlassen mussten und dort freundliche Aufnahme fanden, wie Rubinstein, Serkin, Horowitz, Milstein, Stern, Heifetz, Erica Morini, Szell, Leinsdorf, Fritz Reiner, Ormandy, Steinberg, und noch viele andere. Wir verdanken diesen Künstlern unzählige großartige, unvergängliche Aufnahmen, die bei RCA und CBS erschienen und später auch in Europa Furore machten.
Falstaff (22.10.2017, 00:34): Ich denke, man kann den 'Weltrang' eines Künstlers u.a. daran ablesen, an welchen Häusern er wie oft und wie lange gastiert hat und hat er überhaupt international gesungen. Und von daher würde ich auch Traxel, auch wenn er so weit ich weiß, nie in Paris oder London und auch nicht an der MET gesungen hat, durchaus mit dazu nehmen. Aber alleine die Verpflichtungen in Bayreuth und Salzburg, an der Scala und in Nordamerika rechtfertigen, nach meiner Meinung nach, die Wahl. Übrigens fiel er mir auch gleich spontan ein.
LG Falstaff
Falstaff (23.10.2017, 00:47): Ernst Kozub (1924-1971)
1950 debütierte Kozub, noch als lyrischer Tenor, an der Komischen Oper Berlin in 'Zar und Zimmermann'. Dann kam er über Frankfurt/M. nach Hamburg und sang von da ab auch das Heldentenorfach u.a. in Deutschland, London, Wien, Mailand. Klemperer besetzte ihn als Erik in seiner legendären 'Holländer'-Aufnahme, Solti als Melot in seinem 'Tristan. Ansonsten ist seine diskographische Hinterlassenschaft, was offizielle Aufnahmen angeht, sehr spärlich. Rolf Liebermann besetzte ihn als Max in den von ihm initiierten Opernverfilmungen der Hamburgischen Staatsoper. Und dann wollte ihn Solti erneut für eine Aufnahme. Kozub sollte den Siegfried in seiner 'Ring'-Aufnahme singen. Allerdings war Kozub wohl nicht in der Lage, sich entsprechend vorzubereiten, so dass die Rolle dann mit Windgassen besetzt wurde.
Die wenigen Aufnahmen mit ihm zeigen eine, auch im Heldentenorfach, Stimme mit weiterhin lyrischen Kern, aber nun mit ausgeprägter Mittellage und gut sitzender Höhe. Manche Phrasen sang er leicht verwischt, aber insgesamt gestaltete und phrasierte er intelligent und auch immer wieder sehr persönlich. Dabei verfügte er über die entsprechende Kondition für diese Rollen und die notwendige Autorität. Anders als Windgassen besaß Kozub durchaus auch ein 'italienisches' Timbre, weich und warm im Klang, aber trotzdem mit kraftvoller, sicherer Höhe.
Kozub hat sicherlich nicht die große Karriere gemacht, weil a) Windgassen doch sehr präsent war, weil b) die Zeit für Heldentenöre (auch wenn er kein klassischer war) vorbei war und weil c) er wohl nicht der zuverlässige 'Arbeiter' war.
Irgendwann Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger erlitt er einen Autounfall, der seine Karriere beendete.
In der 'Tannhäuser'-Aufnahme singt übrigens Kozub die Titelpartie und Kollo den Walther!
:hello Falstaff
Rossini (23.10.2017, 10:30): Hallo! Ein schöner Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht!! Mir geht es hin und wieder genauso bei anderen Sängern. Z.B. der Tenor Hanns Nocker. Zu allererst hörte ich ihn mit einem Video-Ausschnitt aus Offenbachs Ritter Blaubart. Sehr gut und komödiantisch sehr lustig angelegt. Kürzlich erwarb ich eine Gesamtaufnahme von Othello aus dem Jahre 1959. Eigentlich war ich nur neugierig, wie ein solcher Komödiant eine so schwere Rolle singt. Nach dem anhören der Aufnahme war ich echt positiv überrascht. Und nun kommt das merkwürdige bei diesem exelenten Tenor, ich konnte ihn in keinem meiner vielen Nachschlagewerke über Sänger nirgendwo finden???? ?( :I Rossini
Falstaff (24.10.2017, 00:22): Lieber Rossini, zum Glück gibt es von Hanns Nocker nicht nur einen Wikipedia-Artikel, sondern doch auch ein paar Aufnahmen, v.a. auf DvD.
LG Falstaff
Don Perlimplin (24.10.2017, 09:48): Ich wollte diesen Thread aber eher auf solche Protagonisten beschränken, die von überregionaler Bedeutung waren, sonst werden hier persönliche Lieblinge en masse genannt Hallo,
ein wenig kann ich inzwischen die Befürchtung von Waldi, der diesen Thread eröffnet hat, nachvollziehen. Das soll jetzt keineswegs als Abwertung für den genannten Tenor Hanns Nocker verstanden werden, aber im Gegensatz zu den vorgenannten Sängern ist sein Bekanntheitsgrad, sowohl hierzulande und erst recht weltweit, wohl äußerst niedrig. Ich beschäftige mich seit nunmehr über 50 Jahren intensiv mit Operngesang, aber ich gestehe freimütig, dass mir Hanns Nocker noch nirgendwo begegnet ist. Ich hörte von seiner Existenz gestern durch Rossini zum ersten Mal, und ich denke, es wird den meisten hier nicht anders ergehen. Nun ist allerdings die Sache mit dem "Weltrang" immer ein zweischneidiges Schwert. Es gibt sicher eine riesige Anzahl von Sängern (hier: Tenören), die aufgrund ihres Könnens und ihrer Stimme diesen Rang verdient, aber aus den unterschiedlichsten Gründen nie erreicht haben. Jeder von uns wird den einen oder anderen kennen und auch nennen können. Spontan fallen mir da z.B. Christo Bajew und Herbert Schachtschneider ein, die beide über großartige Stimmen verfügten und die ich mehrfach auf der Bühne erlebt habe. Der Erstgenannte trat aber m.W. fast nur an seinem Wohnort Koblenz auf, wo er jahrelang ein prominentes Hotel-Restaurant führte, letzterer war über viele Jahre an der Kölner Oper an führender Stelle tätig. Doch wenn wir nun anfangen, jeden dieser durchaus respektablen Künstler hier aufzuführen, so wird die Diskussion tatsächlich der ursprünglichen Intention von Waldi nicht mehr gerecht.
LG, Perlimplin
Waldi (24.10.2017, 10:36): Danke, lieber Perlimplin, Du triffst den Nagel auf den Kopf.
ich will daher jenen Künstler nennen, auf den meine Absicht vielleicht am besten zutrifft:
Giacomo (Jaume, Jaime) ARAGALL wurde 1939 in Barcelona geboren und wurde oft als der vierte der Drei Tenöre bezeichnet. Tatsächlich war er zumindest beim Wiener Publikum (er ist nicht umsonst auch österreichischer Kammersänger) vielfach beliebter als Pavarotti, Domingo und Carreras (der den gleichen Gesangslehrer hatte). Ich erinnere mich, daß ich seinerzeit mit einer guten Freundin unserer Familie oft darüber diskutierte, weil ich mir damals nicht vorstellen konnte, daß man jemanden über die drei stellen konnte. Naja, inzwischen ist mir schon klar geworden, daß da eine Ebenbürtigkeit besteht... Warum also konnte sich dieser Ausnahmesänger, der auf der ganzen Welt gastierte, keine entsprechende Ausnahmestellung erringen? Nun, Aragall war/ist ein eher scheuer Mensch, offenbar mit wenig Selbstvertrauen. Er mochte sich nicht gern in die Auslage stellen, spontanes Engagement wurde durch Hemmungen gebremst, und schrille Vermarktung ging ihm ganz gegen den Strich. Außerdem litt er schrecklich unter Lampenfieber, sagte verhältnismäßig oft ab und erwarb sich daher bei den Theaterdirektoren einen schlechten Ruf, obwohl eigentlich jeder zugab, daß er eine göttliche Stimme besaß. Sie ist auch auf etlichen Aufnahmen zu hören, aber der mangelnde PR-Nachdruck hat ihn nach dem Ende seiner Karriere doch sehr ins Abseits gedrängt. Er ist und bleibt jedoch der klassische Geheimtipp.
Don Perlimplin (24.10.2017, 11:22): Hallo, lieber Waldi,
mit Giacomo Aragall nennst Du einen idealen Protagonisten für diesen Thread. Er war in der Tat ein großartiger Tenor, mit einer fantastischen Stimme und einem unverwechselbaren Timbre. Mir ist er besonders mit dieser Gesamtaufnahme im Gedächtnis geblieben:
Sie entstand 1968 in Berlin. Damals war Lorin Maazel noch ein junger, aufsehenerregender Dirigent, noch nicht von der Routine seiner späten Aufnahmen befallen. Und Aragall sang hier in allerbester Umgebung: mit der großartigen Pilar Lorengar als Violetta und dem sehr guten Dietrich Fischer-Dieskau als Père Germont. Für mich eine der besten GA dieser Oper (von der ich mindestens 5 weitere besitze). Aber es gibt noch ein paar Aufnahmen mit Aragall, die der Erwähnung wert sind:
Vor allem die "La Bohème" mit Ileana Cotrubas (Mimi) unter Carlos Kleiber ist ein Juwel, trotz einiger klanglicher Mängel. Es ist ein Live-Mitschnitt vom 7.11.1979 aus Covent Garden London.
Die "Rigoletto"-Aufnahme leidet nach meinem Empfinden etwas unter dem nicht adäquaten Rigoletto von Bernd Weikl, der in italienischen Opern meist nicht die beste Figur macht. Zudem spielt das Münchner Rundfunkorchester recht pauschal. Da kann auch Lamberto Gardelli nicht recht viel ausrichten. Aber allein wegen Aragall (und Lucia Popp) ist die Aufnahme beachtenswert.
Waldi (24.10.2017, 13:41):
Gencer/Aragall/Bruson ist auch eine Kombination, die einen dahinschmelzen läßt.
Amonasro (24.10.2017, 16:15): Aragall ist mir bisher ausschließlich durch diese Aufnahmen bekannt:
Sein Timbre gefällt mir sehr gut, auch wenn beide Aufnahmen hauptsächlich wegen Sutherland gekauft wurden.
Gruß Amonasro :hello
Don Perlimplin (24.10.2017, 18:08): Immer wieder hört man von Künstlern, die von den Plattenfirmen oder den Medien stiefmütterlich behandelt wurden, obwohl sie an Klasse wesentlich berühmtere Namen eigentlich überstrahlten. Ohne Zweifel gehört in diese Reihe der bei uns kaum bekannte Tenor Renato Cioni. Er wurde 1929 auf Elba geboren und starb auch dort im Alter von 84 Jahren, im Jahr 2014. Cioni entstammte einer wenig begüterten Fischerfamilie, konnte aber aufgrund seiner außerordentlichen Begabung Musik und Gesang studieren. Nach seinem Debüt in Spoleto als Edgardo in "Lucia di Lammermoor" 1956 trat er im darauffolgenden Jahr im italienischen Fernsehen RAI als Pinkerton in "Madame Butterfly" an der Seite von Anna Moffo auf und wurde schlagartig landesweit bekannt. Bereits 1959 trat er seine erste Gastreise in die USA an und hatte Auftritte in Philadelphia, New York und San Francisco. 1961 debütierte er an der Mailänder Scala, wieder als Pinkerton, und 1964 sang er dort unter Herbert von Karajan den Alfredo in Verdis "La Traviata" an der Seite von Mirella Freni und Mario Sereni. Es folgten Verona (Arena), Florenz (Maifestspiele) und die Römische Oper. Zahlreiche weitere Gastspiele im Ausland folgten, u.a. in Brüssel, Wien, Chicago und London. An Covent Garden sang er 1964 den Cavaradossi zusammen mit Maria Callas und Tito Gobbi. Nach erfolgreichen Auftritten in der New Yorker MET (ab 1969/70) folgten noch Einladungen u.a. nach Tokio und Buenos Aires. Da er unbegreiflicherweise auf LP kaum vertreten ist (mir sind lediglich 2 DECCA-Produktionen bekannt: Edgardo in LUCIA (unter John Pritchard) und Herzog in RIGOLETTO (unter Nino Sanzogno), beide Male mit Joan Sutherland. Es gibt noch einige Mitschnitte, aber ansonsten ist Cioni hierzulande ein unbeschriebenes Blatt. Dabei hatte er eine wunderbare, weiche und doch kräftige Tenorstimme von seltener Reinheit. Dabei war er ein einfühlsamer, feinsinniger Darsteller, der den grobschlächtigen, aber weitaus populäreren Mario del Monaco künstlerisch weit überragt. Auch die viel bekannteren und oft auf Tonträger zu hörenden Kollegen Gianni Poggi und Franco Bonisolli mögen ihm vielleicht an Stimmkraft, aber nicht an Gesangskunst überlegen sein. Hier sind die weiter oben genannten Aufnahmen:
Sie stammen aus den Jahren 1961 bzw. 1962. Klanglich sind sie ausgezeichnet gelungen.
Waldi (24.10.2017, 18:32): Zu Renato Cioni ergänzend:
Don Perlimplin (24.10.2017, 19:12): Lieber Waldi,
scheinbar bin ich einem Irrtum aufgesessen: Der LA TRAVIATA-Mitschnitt aus der Scala von 1964 gibt als Violetta nicht Mirella Freni, sondern Anna Moffo an. Oder gibt es da mehrere Aufführungen mit verschiedenen Partnern?
Schönen Abend, Perlimplin
Waldi (24.10.2017, 19:59): Lieber Perlimplin, kein Irrtum Deinerseits. Cioni hat mit beiden Damen gesungen:
Amonasro (24.10.2017, 21:16): Lieber Perlimplin, danke für die Nennung von Renato Cioni. Die beiden Studio-Aufnahmen mit Sutherland sind wirklich empfehlenswert. Schade, dass keine weiteren Aufnahmen folgten. Hier spielt möglicherweise auch eine Rolle, dass Sutherland, die zu dieser Zeit mit verschiedenen heute wenig bekannten Tenören (neben Cioni z. B. Mario Monti, Pierre Duval, John Alexander) Aufnahmen machte, später überwiegend mit Pavarotti gekoppelt wurde. Anfangs war ich wegen dem doch eher dünnen und verglichen mit Pavarotti weniger schönen Klang seiner Stimme skeptisch, aber gerade wenn ich mit Pavarottis Edgardo auf der späteren Sutherland-Aufnahme vergleiche, finde ich Cionis Darstellung die deutlich emotionalere. Gerade im Rezitativ vor dem Duett mit Lucia und in der Szene, in der er Lucias Ring von sich wirft, wird das deutlich. Der Duca im Rigoletto liegt ihm noch etwas besser, auch wenn ich hier doch Pavarotti leicht vorziehe. Beide Aufnahmen sind zudem in den übrigen Rollen ausgezeichnet besetzt.
Gruß Amonasro :hello
Falstaff (30.10.2017, 23:47): Ein schier unerschöpfliches Thema, wenn man einmal richtig in die Vergangenheit einsteigt. Hier nun aber erstmal ein Sänger aus den 50igern.
Gino Penno (1920-1998)
Penno sang eigentlich nur in den 50iger Jahren. Zu Beginn des Jahrzehnts debütierte er in Cherubinis 'Lodoiska' und beendete seine Karriere dann etwa 10 Jahre später aus nicht ganz bekannten Gründen. Gesundheitsprobleme, Verlust der Stimme, angestrebte Karriere als Rechtsanwalt? In den Jahren dazwischen sang er jedenfalls v.a. in Italien, aber auch in London, Paris oder an der MET.
Penno verfügte über einen dramatischen bis hochdramatischen italienischen Tenor, sang die klassischen dramatischen Partien des italienischen Fachs aber auch Siegfried oder Lohengrin. Seine Stimme zeichnete sich nicht unbedingt durch Flexibilität aus, aber durch Durchschlagskraft, eine bezwingende Dramatik und kraftvolles, sicheres Singen aus. Allerdings, jedenfalls habe ich es immer so gefühlt, brauchte er das entsprechende Umfeld, um zu wirklich großer Form aufzulaufen.
Offiziell sind nur wenige Einspielungen vorhanden. Die Konkurrenz von del Monaco und Corelli war wohl zu groß. Möglicherweise fehlte ihm auch der Ehrgeiz für eine 'richtige' Plattenkarriere.
So weit ich es übersehe, war es das auch schon. Eine Aufnahme, die zu Beginn seiner Karriere (1950) entstand.
Berühmter ist er allerdings durch seine Zusammenarbeit mit Maria Callas, die auf verschiedenen Mitschnitten dokumentiert ist:
Wobei ich v.a. Penno als Jason einfach unwiderstehlich finde. Ganz groß!
Penno hatte sicherlich nicht DIE Stimme, aber heutzutage wäre man doch froh, gäbe es noch einen Sänger für die dramatischeren Rollen des italienischen Fachs.
:hello Falstaff
Falstaff (31.10.2017, 00:37): Die hier ist sicherlich eine spezielle Aufnahme mit Penno, weil es Wagner auf Italienisch ist. Aber der 'Lohengrin' bietet sich vielleicht am ehesten dafür an.
Das ist schon ungewöhnlich für Ohren, die mit dem deutschen Wagnergesang der 50iger großgeworden/vertraut sind. Aber es hat eine besondere Faszination.
:hello Falstaff
Don Perlimplin (01.11.2017, 18:20): Auch bei den Tenören gibt es noch vernachlässigte Größen zu entdecken.
Ein Sänger, der seit Jahren total aus dem Blickfeld geraten ist und doch, vor allem in Deutschland, eine aufsehenerregende Karriere gemacht hat, ist der ungarische Tenor Sandor Konya. Er wurde 1923 in Sarkad geboren, wurde im 2. Weltkrieg Soldat und geriet 1945 in Norddeutschland in US-Gefangenschaft. Dort wurde er mehr zufällig entdeckt und konnte nach seiner Ausbildung 1951 in Bielefeld als Turiddu debütieren. Er kam bald zur Städtischen Oper Berlin, sang in Hamburg, Stuttgart und München und wurde bereits 1958 von Wieland Wagner nach Bayreuth geholt, wo er überaus erfolgreich mehrere Jahre als Lohengrin auftrat. Es wurde eine seiner Paraderollen, die er über 300mal auf der Bühne gesungen hat. In der Folge sang er in Bayreuth auch den Stolzing (ab 1959) und den Parsifal (ab 1960). Bereits 1960 trat er erstmals an der Mailänder Scala auf, und ein Jahr später hatte er sein Debüt an der MET in New York. Konya trat auf allen großen Bühnen der Welt auf, neben Wagner vor allem im italienischen Fach. Berühmt war u.a. sein Radamès. Konya nahm die deutsche Staatsbürgerschaft an und ließ sich am Steinhuder Meer nieder. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er auf Ibiza, wo er 2002 gestorben ist. Seine große Zeit hatte Sandor Konya in den 1960er Jahren. Er besaß eine große, dramatische Stimme, und sang in fast akzentfreiem Deutsch, so auch viele seiner italienischen Rollen. Das bezeugen auch etliche Tondokumente. Neben diversen Mitschnitten von den Bayreuther Festspielen gibt es auch einige Studioproduktionen, von denen ich einige hier vorstellen möchte. Sein Debüt-Album bei der DGG sah so aus:
Aber auch auf CD ist der Sänger, zumindest in antiquarischen Ausgaben, noch präsent:
und dann noch ein paar Querschnitte auf LP:
Die gab es m.W. auch alle auf CD, leider finde ich die Cover dazu nicht. Wahrscheinlich sind diese Auflagen längst vergriffen.
Waldi (01.11.2017, 22:34): Zu Konya auf CD:
Liebestraum (01.11.2017, 23:05): Konya ist nie aus dem Blickfeld geraten, schon gar nicht für Wagner-Freunde:
außerdem:
:hello LT
Don Perlimplin (02.11.2017, 12:23): Konya ist nie aus dem Blickfeld geraten, schon gar nicht für Wagner-Freunde Hallo Liebestraum,
da magst Du recht haben, aber ich bin kein Wagner-Enthusiast, habe aber trotzdem zwei Lohengrin-GA im Schrank (Kempe und Kubelik). Die Leinsdorf-Aufnahme wurde viel gelobt, aber ich habe sie nicht, ebenso nicht die Meistersinger-GA mit Kubelik. Doch es ist gut, dass Du sie herausgestellt hast, denn Konya war auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn ein großartiger, allseits anerkannter Wagner-Tenor.
Hallo Waldi,
die von Dir abgebildete Tosca-Aufnahme habe ich auch abgebildet, nur mit einem anderen Cover. Sie wurde übrigens in deutsch gesungen, wie auch die Bohème. Es gab auch noch eine Butterfly auf Deutsch, die gibt es m.W. aber nicht auf CD:
Der Dirigent war Ferdinand Leitner. Alle drei Puccini-GA sind gut klingende Stereoproduktionen. Leider hat die DGG - wahrscheinlich mangels Absatz - die Serie nicht fortgeführt.
Falstaff (09.11.2017, 21:52): Unbedingt in die Schar "fast oder zu Unrecht vergessener Sänger" gehört der am 29.9.1916 in Mainz geborene Josef Traxel, Lieber Don Perlimplin, heute sah ich eine Ausgabe des 'Weihnachtsoratoriums' mit ihm, Giebel, Höffgen und FiDi aus Leipzig. Auf dem Cover wurde er doch wirklich als 'Josef Kraxel' verewigt. X( Die Welt ist wirklich ungerecht!
LG Falstaff
Falstaff (09.11.2017, 22:36): Ich möchte jetzt einen Sänger vorstellen, der möglicherweise in seinem Heimatland gar nicht so sehr vergessen ist, was ich nicht beurteilen kann und der, so weit ich weiß, wohl auch nicht an allen großen Opernhäusern dieser Welt gastiert hat. Sein künstlerisches Zentrum war Paris. Aber ich möchte trotzdem hier an ihn erinnern, weil er für einen Gesangsstil stand, der ab den 60iger/70iger Jahren kaum noch gepflegt wurde, durch den die entsprechenden Werke aber eigentlich erst ihre volle Faszination erhalten.
Henri Legay wurde 1920 in Paris geboren und starb dort 1992. Studiert hat er in Brüssel und Paris, verdiente sich sein Geld u.a. als Begleiter von Piaf und Montand und debütierte 1952 an der Opéra-Comique, bevor er dann an das Palais Garnier wechselte. Seine Auftritte scheinen sich auf Frankreich, die Schweiz und Belgien beschränkt zu haben. Auch auf Platte ist er relativ selten vertreten, musste er mit seinem Repertoire und seinem Gesangsstil doch mit Vanzo, Simoneau und v.a. Gedda konkurrieren.
Henri Legay war ein typischer Vertreter der klassischen französischen Gesangstradition. Eine musikalische Linie wird dabei stets aus der Sprache her entwickelt und weniger aus der Melodie, auch aus dem Klang heraus, wie bei den Italienern. Wortdeutlichkeit, Charme und Esprit des Vortrags, leichte, relativ helle Tonbildung, Einsatz der Voix mixte in der Höhe und damit Vermeidung der reinen Bruststimme zeichnen u.a. diese Schule und auch den Gesang von Legay aus. Dabei besaß er stimmlich mehr Fundament als z.B. Simoneau, aber vielleicht nicht die technische Vollkommenheit eines Gedda. Er bewegte sich v.a. im lyrischen französischen und italienischen Fach.
Die geringe Zahl seiner Studioaufnahmen mag zunächst auf die schon damals überwältigende Präsenz von Nikolai Gedda zurückzuführen sein (später dann Alfredo Kraus) und dann wohl auch auf die aufkommende Mode (Legay sang noch bis mindestens 1979), auch die französische Oper immer stärker mit italienisch geschulten Sängern zu besetzen. Nicht nur Domingo und Carreras haben sich in diesem Bereich ja weidlich ausgetobt. So wie der typische lyrische italienische Tenor a la Schipa, Valletti, Tagliavini, Kraus langsam verschwand, so fanden auch Legay, Vanzo oder Simoneau nur in Gedda und Kraus wirkliche Nachfolger. Aber letztlich ist auch dieser Stil ziemlich verschwunden.
Deshalb finde ich es schon wichtig, hier an Legay zu erinnern, der immer ein wenig im Schatten der beiden anderen (Vanzo/Simoneau) stand. Seine Aufnahmen, auch dank der jeweiligen Partner und Dirigenten sind, jedenfalls für mich, auch heute noch grandiose Zeugnisse einer ziemlich vergangenen Kunst.
Dies gilt v.a. für die wirklich unübertroffene 'Manon':
Dazu gibt es wunderbar lyrisch gesungene und trotzdem blühende 'Perlenfischer':
:hello Falstaff
Falstaff (11.11.2017, 23:08): Heute möchte ich an einen Tenor erinnern, der in seiner russischen Heimat zwar eine große Anzahl von Gesamtaufnahmen hinterlassen hat, der aber im Westen dann kaum noch zum Zuge kam. Wohl auch, weil seine Stimme ihren Zenit damals bereits überschritten hatte.
Wladimir Atlantov wurde 1939 in Leningrad geboren, debütierte 1962 am Kirow-Theater in Leningrad, sang ab 1967 am Bolschoi in Moskau und konnte dann ab 1987 auch im Westen gastieren.
Zunächst sang er die gängigen Spinto-, aber auch lyrische Partien des russischen, italienischen und französischen Repertoires und wandte sich dann in späteren Jahren u.a. auch dem Otello zu.
Atlantows Stimme zeichnete sich eigentlich immer durch große Kraft aus, war stets höhensicher (gerade dort blühte sie geradezu auf), war aber auch immer zu feineren dynamischen Abstufungen fähig. Die waren aber immer eher erkämpft als selbstverständlich. Seine wirklich gute Atemkontrolle befähigte ihn dagegen zu lang gesponnenen Phrasen und seine Diktion mindestens im Russischen scheint mir ebenso gut gewesen zu sein. Gleichzeitig besaß er, v.a. in späteren Jahren, aber auch immer eine gewisse Unstetigkeit in der Tongebung. Und auch die längeren Phrasen litten oft darunter. Sein Timbre (und auch seine Herangehensweise an das unterschiedliche Repertoire) war typisch slawisch oder in diesem Fall russisch. Eine leichte Schärfe, Härte war nicht zu überhören. Die Wärme eines typisch italienischen Tenors war nicht sein eigen.
ABER: Atlantow konnte auf der Bühne eine unglaubliche Präsenz entwickeln, so dass die Mankos seiner Stimme leicht in den Hintergrund gerieten. Ich habe ihn den 80iger und 90iger Jahren oftmals als Otello und Canio erlebt und es war wirklich ein Erlebnis! Gerade diese Gebrochenheit in der Stimmführung passte wunderbar zu den beiden Charakteren (er hatte etwas von einem 'Tier', auch wenn das sicherlich nicht im Sinne von Stimmpuristen ist) und gleichzeitig genoss man es, dass dort ein Sänger auftrat, beim dem man keine Angst haben musste, bei dem man wusste, dass er diese Partien, nicht nur darstellerisch, bewältigen würde. Feinheiten durfte man nicht unbedingt erwarten. Aber die Kraft dieser Stimme und die Bühnenpersönlichkeit überwältigten einen wirklich. Und man kann sagen, was man will, aber sichere, strahlende, kraftvolle Spitzentöne haben auch etwas für sich. So oft hört man sie live ja doch nicht. :)
Atlantows diskographisches Vermächtnis, was die UdSSR-Zeit angeht, ist nicht immer unbedingt einfach erhältlich. Aber es lohnt sich, hört man doch dort eine Stimme, die einen, wenn auch nicht durch sensible Technik, aber durch die Unmittelbarkeit der Interpretation und des Singens wirklich einnimmt.
Sein musikalisches Leben spielte sich wohl v.a. zwischen Leningrad, Moskau, Wien und anderen Städten in Westeuropa ab. Ob er jemals seinen Otello in New York präsentieren konnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Wenn nicht, haben sie dort wirklich etwas verpasst.
:hello Falstaff
Waldi (19.01.2018, 10:41): In bezug auf Timbre und Musikalität zählt Rudolf Christ zu meinen angenehmsten Erinnerungen. Christ wurde 1916 in Wien geboren, erlernte das Installateurshandwerk. 1939 trat er in den Chor der Wiener Volksoper ein, studierte Gesang und kam über Innsbruck dann wieder nach Wien zurück, wo er 1949-76 im Ensemble der Volksoper wirkte. Dort war er der führende Haustenor, sang aber auch natürlich an der Staatsoper. Häufig trat er auch an der Deutschen Oper am Rhein auf und gastierte darüber hinaus in der Schweiz, in Italien, Belgien und den Salzburger Festspielen, spielte sich aber nie in den Vordergrund. Dennoch wurde ihm die verdiente Auszeichnung als österreichischer Kammersänger zuteil. Ein Herzinfarkt bedeutete einen entscheidenden Karriereknick. Christ starb relativ früh 1982 in Wien. Auf Tonträgern ist er vor allem in Operetten verewigt, für die sich sein schmiegsames Organ vortrefflich eignete. Doch war er ein ausgesprochen vielseitiger Tenor. Zu seinen Partien zählten u.a. Tamino, Hoffmann, Almaviva, Fenton, Wenzel, Nemorino, Eisenstein und viele andere. meine Liebe zur Oper verdanke ich wohl ein wenig auch ihm, konnte ich ihn doch in den 1950ern noch selbst auf der Bühne der Volksoper erleben. Auch am Rhein, so wurde berichtet, soll er noch viele Freunde haben.
Waldi (11.09.2018, 09:55): Viel zu früh gestorben ist der amerikanische Sänger Donald GROBE (1929-1986), der in Chicago debütierte, dessen langjähriges Stammhaus aber die Deutsche Oper in Berlin wurde. Doch sang er an vielen führenden Theatern, in Salzburg, an der Met usw. Sein wunderschön timbrierter lyrischer Tenor befähigte ihn zu großen Partien, obwohl er oft nur für kleinere, für einen Spieltenor gedachten Rollen eingesetzt wurde. In dieser Hinsicht ist er etwa mit Gerhard Unger zu vergleichen. So wie dieser brillierte Grobe auch in dem so schwierig zu bewältigenden Fach der deutschen Spieloper. Einen weiteren Schwerpunkt in seinem Repertoire bildeten Werke des 20.Jahrhunderts. Hans Werner Henze schrieb für ihn die Rolle des Studenten Wilhelm in "Der junge Lord".
Waldi (11.12.2019, 15:26): Erstaunlich rasch aus dem Blick- oder besser Hörfeld entschwunden ist auch Rüdiger WOHLERS, ein lyrischer Tenor, der sogar im Vergleich mit Wunderlich bestehen konnte. Wohlers wurde 1943 in Hamburg geboren. Seine Hauptwirkungsstätten waren Zürich und Stuttgart, wo er auch mit dem Titel eines Kammersängers ausgezeichnet wurde. Doch trat er an vieln führenden Häusern auf. Er sang in Hamburg, München, Wien, bei den Schwetzinger und den Salzburger Festspielen, an der Mailänder Scala, in London usw. Besonders berühmt war er als Mozarttenor, aber auch im deutschen Fach (etwa als Lyonel in "Martha" - leider ist die Fernsehfassung nie als DVD erschienen und nur als Ausschnitt bei youtube zu finden) oder bei Rossini und sogar in der französischen Oper reüssierte er wiederholt. Heute lebt Wohlers, der nach dem Rückzug von der Bühne pädagogisch wirkte, in der Schweiz. Sein inzwischen geringer Bekanntheitsgrad hängt zweifellos damit zusammen, daß er derzeit auf Platte bzw. CD unerklärlich schwach vertreten ist - für mich ein unverzeihlicher Fehler der Produzenten.