Fast oder zu Unrecht vergessene Sängerinnen: Soprane
Falstaff (27.10.2017, 01:16): Ich nehme hier den Ball von Waldi einmal auf und wende mich den vergessenen Sopranen zu.
Gertrude Grob-Prandl ist so eine Sängerin, die eigentlich erst wieder durch die CD ein wenig in das Bewusstsein gerückt ist.
Geboren 1917 in Wien studierte und debütierte sie dort, dies an der Volksoper als Santuzza. In den folgenden sechs Jahren blieb sie an diesem Haus, bevor sie dann für zwei Jahre nach Zürich wechselte. Ab 1947 sang sie bis in die sechziger Jahre an der Wiener Staatsoper und von dort auch an vielen der bedeutenden Opernhäusern: Mailand, Rom, London, Barcelona, Buenos Aires, San Francisco, Salzburg, Verona, Berlin, Hamburg.
Bayreuth blieb ihr verwehrt, dort waren die entsprechenden Rollen belegt und auch an der MET hat sie nie gesungen.
1995 verstarb sie in ihrer Heimatstadt Wien.
Die Grob-Prandl verfügte über einen riesigen, voluminösen, hochdramatischen Sopran, mit dem sie natürlich v.a. in den hochdramatischen Wagner-Partien reüssierte. Die Stimme besaß eine reiche, farbige Mittellage und eine absolut sichere Höhe. Allerdings fehlte ihr das leuchtend-jubelnde Singen einer Nilsson, das dramatisch-exzessive einer Varnay oder das intensiv-leidenschaftliche einer Mödl. Trotzdem würden sich sicherlich alle Besetzungsbüros heute alle zehn Finger lecken, wenn sie noch über eine solch sichere Bank für die entsprechenden Wagner- und Strauss-Partien verfügten. Denn die sehr wenigen offiziellen Aufnahmen und die Live-Mitschnitte zeigen eine Sängerin, die gerade mit heute oft schmerzlich vermissten Sicherheit, Kraft, Expansion und Selbstverständlichkeit durch all diese so schwierigen Partien geht.
Immerhin ist sie als Brünnhilde (offiziell) in der überhaupt ersten Ring-GA unter Rudolf Moralt dokumentiert.
Zudem gibt es unter de Sabata und mit Max Lorenz (leider nicht mehr in der 'Blüte seiner Jahre' einen wunderbaren 'Tristan aus Mailand.
Und zum Glück dies hier auch noch:
Interessant ist, dass Varnay und Mödl in der Zeit von den großen Labels ja auch ziemlich ignoriert wurden. Von daher ist Grob-Prandl kein Einzelfall. Alle standen wohl im Schatten der Nilsson. Trotzdem denkt man immer an diese großen Drei, wenn an Wagner-Heroinnen dieser Jahre gedacht wird und von ihnen sind v.a. Aufnahmen in den letzten Jahren veröffentlicht worden. Grob-Prandl ist da leider vergessen worden.
:hello Falstaff
Falstaff (29.10.2017, 22:37): Schade, hier scheint offensichtlich niemand Gertrude Grob-Prandl zu kennen.
Deshalb fahre ich mal mit Antonietta Stella fort.
Die Stella, geboren 1929 in Perugia, war in den 50iger und 60iger Jahren als ein Spinto-Sopran von besonderer Schönheit und bekannt. Ab 1950 sang sie an allen großen Opernhäusern in Italien und ab 1955 dann in aller Welt. Ihre Stimme, jugendlich schlank, ausgeglichen in den Lagen und stets voller Farben und Schönheit des Timbre war v.a. für die entsprechenden Partien bei Verdi und Puccini geeignet. Weitgespannte Bögen, sichere Höhe, durchaus auch inniges Singen kennzeichnen ihren Gesang. Allerdings fehlte ihr die technische Fertigkeit z.B. für Triller oder andere Verzierungen. Trotzdem sang sie in ihrer Glanzzeit auch die Trovatore-Leonore oder Traviata.
Was bleibt in Erinnerung, wenn man sie hört? Vielleicht v.a. die Schönheit des Materials, die Ehrlichkeit des Singens und eine ganz persönliche Betroffenheit. Die Stella war jemand, die nicht vorgab, nicht 'schummelte', sondern die schlicht und ganz direkt sang. 'Sang' im besten Sinne des Wortes.
Natürlich hatte es jeder Sopran in diesen Jahren schwer gegen Callas und Tebaldi anzukommen. Auch die Stella ist wohl solch ein Opfer. Sie hat einige offizielle Aufnahmen hinterlassen, am Bekanntesten wohl die Elisabetta in der DGG-Aufnahme des 'Carlo', aber letztlich entspricht die diskographische Hinterlassenschaft in keiner Weise dem Wert, den man ihr damals an den Opernhäusern wohl zumaß.
:hello Falstaff
Falstaff (29.10.2017, 22:41): Unbedingt (nicht nur ihretwegen) hören sollte man den 'Don Carlo', den es mit ihr in 2 verschiedenen Aufnahmen gibt:
:hello Falstaff
Falstaff (29.10.2017, 22:43): Unter dem selben Dirigenten gibt es einen 'Andrea Chenier', den ich immer sehr geliebt habe. Nicht nur wegen der Stella, sondern auch wegen Corelli, der doch einen wesentlich eleganteren Chenier als del Monaco abgibt.
:hello Falstaff
Don Perlimplin (30.10.2017, 10:15): Hallo Falstaff,
Du hast recht vermutet, zu Gertrude Grob-Prandl fällt mir nicht viel ein, sie ist mir nur namentlich bekannt, ich habe aber keine Aufnahme von ihr und kenne auch keine. Umso mehr fällt mir dagegen über Antonietta Stella ein, die in den 1950er und 60er Jahren eine beachtliche Karriere gemacht hat, allerdings immer im Schatten von Maria Callas und Renata Tebaldi stand. In meiner LP-Sammlung hatte ich folgendes Recital, das mir in positiver Erinnerung ist:
Die rechte Abbildung zeigt die spätere CD-Ausgabe. Stella spannt einen weiten Bogen von Bellini über Verdi bis zu Puccini und Mascagni. Ein wunderbares Porträt! Des weiteren kam sie in diversen beachtlichen Opernproduktionen zum Einsatz, drei davon hast Du bereits hervorgehoben. Der "Stimmen-Papst" Jürgen Kesting bedauert in seinem Standard-Werk "Die großen Sänger", dass in den beiden DON CARLOS-Aufnahmen nicht Maria Callas als Elisabetta zum Einsatz kam, bescheinigt aber immerhin Antonietta Stella "klangvollen Gesang", obgleich sie ansonsten bei ihm kaum Erwähnung findet. Neben den beiden zu Recht berühmten DON CARLOS-Produktionen sind folgende Opern-GA mit Stella empfehlenswert:
Die Abbildung zeigt einen LP-Querschnitt; leider gibt es m.W. die GA z.Zt. weder auf LP noch auf CD.
Besonders gut finde ich sie auch hier:
in fantastischer Umgebung: mit Fiorenza Cossotto (Acuzena), Carlo Bergonzi (Manrico) und Ettore Bastianini (Luna). Der Dirigent Tullio Serafin ist ebenfalls große Klasse, und die Klangqualität superb (für eine Aufnahme von 1962). Sehr gerühmt wird auch folgende Studio-Produktion:
Der Erwähnung wert scheinen mir noch folgende Mitschnitte zu sein:
Sie liegen mir leider nicht vor, deshalb kann ich zur technischen Beschaffenheit nichts sagen. Zum Schluss noch ein Hinweis auf die erste DON CARLOS-Aufnahme (EMI) von 1953. Sie liegt bei Amazon in folgender Aufmachung vor:
und ist neu für sagenhafte 99 Cent und gebraucht sogar für 57 Cent zu erwerben. Ich besitze sie auf LP, sie ist klanglich gut geraten (Mono!). Ich persönlich ziehe Antonietta Stella allerdings in der späteren DGG-Stereoaufnahme vor. Ihre Elisabetta ist dort noch ausgefeilter, um nicht zu sagen, reifer. Doch das mag Geschmacksache sein.
LG, Perlimplin
Waldi (30.10.2017, 10:37): Das Lob für den Stella-"Trovatore" kann ich ganz dick unterstreichen - das war schon zu LP-Zeiten eine meiner Lieblingsaufnahmen dieser Oper. Daran hat sich nichts verändert.
Hinweisen möchte ich außerdem auf eine Sängerin, die seinerzeit zu den beliebtesten Künstlerinnen gehörte:
Graziella SCIUTTI (Turin 1927-2001 Genf)
Sie wurde gerne in Soubrettenrollen eingesetzt, war jedoch im Grund ein lyrischer Sopran mit einer Neigung ins Dramatische. Berühmt sind ihre Mozart-Interpretationen (Susanna, Zerlina etc.), aber auch mit Rossini-Rollen konnte sie reüssieren. Ihr breites Repertoire ist nur teilweise auf Tonträgern dokumentiert, vermutlich ist das mit schuld, daß sie als eine der Weltbesten jetzt eher in den Hintergrund getreten ist (ähnlich der allerdings besser dokumentierten Reri Grist, auf die ich vielleicht ein anderes Mal noch zu sprechen komme).
Don Perlimplin (30.10.2017, 11:21): Nachdem der Italienerin Antonietta Stella hier die Ehre widerfahren ist, möchte ich nun eine weitere Sopranistin vorstellen, die zu Unrecht, aber nicht ganz ohne eigenes Zutun, nicht so gewürdigt wird, wie sie es aufgrund ihrer künstlerischen Leistung eigentlich verdient hätte, die Spanierin Pilar Lorengar. Geboren wurde sie 1929 in Saragossa, kam früh zur Ausbildung nach Berlin und wurde dort unter die Fittiche von Carl Ebert, dem legendären Regisseur, und der Pianistin Hertha Klust genommen. Ihr Debüt fand 1955 bei den Festspielen in Aix-en-Provence statt, als Cherubino in Mozarts Figaro. Ab 1958 war sie ständiges Mitglied der Städtischen (später: Deutsche) Oper Berlin, der sie bis zu ihrem Tod 1996 treu blieb. Sie starb in ihrer Wahlheimat Berlin. Pilar Lorengar war keine Freundin von angestrengter Reisetätigkeit, was sicher dazu beigetragen hat, dass sie nicht den Bekanntheitsgrad mancher ihrer Kolleginnen erreicht hat, obwohl ihr gesanglich ganz sicher ein Platz in der ersten Reihe zukam. In Berlin war sie eine Institution, viele Opernfreunde dort haben sie bis heute in allerbester Erinnerung. Trotz ihrer Abstinenz, was Gastverträge anging, ist sie im Lauf ihrer langen Karriere u.a. bei den Salzburger Festspielen (in "Idomeneo" und "Zauberflöte"),in Wien, Mailand, London und beim Glyndebourne Festival aufgetreten. An der New Yorker MET hatte sie insgesamt über 150 Auftritte in 16 verschiedenen Rollen, und das mit großem Erfolg. Viele ihrer (nicht sehr zahlreichen) Plattenaufnahmen sind bei Kennern bis heute beliebt, manche sogar Geheimtips.
LG, Perlimplin
Waldi (30.10.2017, 12:30): O ja, die "Verkaufte Braut" singt sie hinreißend!
Falstaff (30.10.2017, 22:20): Der "Stimmen-Papst" Jürgen Kesting bedauert in seinem Standard-Werk "Die großen Sänger", dass in den beiden DON CARLOS-Aufnahmen nicht Maria Callas als Elisabetta zum Einsatz kam, Oh ja, lieber Don Perlimplin, das wär's gewesen. ;)
Aber wir können froh sein, dass die Stella wenigstens ein paar offizielle Aufnahmen machen konnte. Ich bevorzuge übrigens auch eher die 2. 'Carlos'-Aufnahme. U.a. wegen Labò und auch wegen Bastianini. So sehr ich Gobbi schätze, höre ich ihn doch lieber in komischen oder in richtigen Schurkenrollen.
LG Falstaff
Falstaff (30.10.2017, 22:24): Viele ihrer (nicht sehr zahlreichen) Plattenaufnahmen sind bei Kennern bis heute beliebt, manche sogar Geheimtips Bei der Lorengar kenne ich v.a. die Aufnahmen, die sie mit Wunderlich gemacht hat und da ist sie überall wirklich hervorragend.
Bekannt ist ja auch noch ihre 'Traviata' unter Maazel:
LG Falstaff
Falstaff (30.10.2017, 22:34): Graziella SCIUTTI (Turin 1927-2001 Genf) Lieber Waldi, ich befürchte, sie wurde mit ihrem Repertoire schlichtweg von den großen Namen, die gleichzeitig oder kurz danach auftraten, überschattet und auf die sich die Plattenindustrie mit ihren Vermarktungsmöglichkeiten ganz besonders stürzten. Wobei sie ja durchaus im offiziellen Bereich relativ gut dokumentiert ist. Aber eine Despina, eine Marzelline oder eine Zerlina fallen ja gerne einmal unter den Tisch und stehen immer im Schatten der weiblichen Hauptpartie(n).
Jedenfalls, was die Sciutti angeht, wieder einmal ungerecht.
LG Falstaff
Falstaff (30.10.2017, 23:03): Raina Kabaivanska, 1934 im bulgarischen Burgas geboren.
Sie studierte zunächst in Sofia, hatte dort auch ihre ersten Auftritte (1957/58) und gewann ein Stipendium für weitere Studien in Moskau. Sie erreichte es aber, dass die Bedingungen geändert wurden, so dass sie stattdessen in Mailand weiter studieren konnte. Italien blieb dann auch das Zentrum ihres künstlerischen Schaffens, wenn sie auch in den folgenden Jahrzehnten an allen großen Opernhäuser der Welt auftrat. 2007 sang sie noch einmal bei der Trauerfeier von Pavarotti, mit dem sie 1959 den Opernwettbewerb in Vercelli gewonnen hatte.
Die Kabaivanska sang v.a. die bedeutenden Rollen des lyrischen und Spinto-Faches des italienischen Repertoires. Verdi und Puccini waren also zwangsläufig die Säulen ihres Repertoires. Es gab aber auch Ausflüge zu Wagner, Strauss, Janacek oder Lehar.
Ihre Stimme zeichnete sich durch ein sehr eigenes Timbre, stilistische Sicherheit, Höhensicherheit und Ausdrucksfähigkeit aus. Zudem gab sie den italienischen Partien, obwohl in ihrem Gesang dabei sehr gut assimiliert, eine eigene, leicht silbrig geschärft klingende Note. Will sagen, sie sang ganz mit 'Italianità', aber die Herkunft aus Bulgarien war durchaus immer zu hören, was ihren Interpretationen aber einen zusätzlichen Reiz verlieh.
Auch die Kabaivanska konnte nur relativ wenig offizielle Aufnahmen machen. Vielleicht besaß sie keine ausgesprochene Mikrofonstimme, vielleicht war sie schlichtweg besser auf der Bühne als im Studio, vielleicht bemühte sie sich auch zu wenig, um bei den Labels anzukommen. Ich weiß es nicht. Ein Verlust ist es jedenfalls.
:hello Falstaff
Liebestraum (30.10.2017, 23:26): Bei den meisten eurer Sopran-Beiträgen muss ich Einspruch erheben: Denn so lange eine Sängerin medial in einer gelungenen Stereo-Produktion mit anderen Stars mitgewirkt hat, wird sie auch nicht vergessen. Hier und da hätte man sich vielleicht gewünscht, sie in noch weiteren Produktionen zu erleben. Aber deshalb sind sie noch nicht vergessen! Allein bei Gertrude Grob-Prandl bin ich eurer Meinung. Denn sie kann mit einer solchen Produktion nicht dienen.
Antonietta Stella wird nicht vergessen wenn sich der Plattenteller für Christoff ("Don Carlo"), für Corelli ("Andrea Chenier") oder für Bergonzi (Il Trovatore") dreht.
Pilar Lorengar wird nicht vergessen: Sutherland ("Don Giovanni" / Bonynge), Fischer-Dieskau ("La Traviata"), Wunderlich ("Die verkaufte Braut").
Liebestraum (30.10.2017, 23:35): Wenn ich an den Thread denke, dann fallen mir spontan ein:
Leyla Gencer Mariella Devia
:hello LT
Falstaff (30.10.2017, 23:55): Bei den meisten eurer Sopran-Beiträgen muss ich Einspruch erheben: Denn so lange eine Sängerin medial in einer gelungenen Stereo-Produktion mit anderen Stars mitgewirkt hat, wird sie auch nicht vergessen. Lieber Liebestraum, ich denke, dass eine oder auch mehrere gelungene Studio-Aufnahmen einer Sängerin, einem Sänger nicht unbedingt ausreichen, um sie im allgemeinen Bewusstsein weiterhin am Leben zu erhalten. V.a. nicht, wenn sie/er aufgrund ihres Könnens einen ganz anderen 'Rang' verdienen würde.
Übrigens finde ich es auch interessant, warum bestimmte Sänger/Sängerinnen nie ganz in den Fokus gerückt sind. Das werden wir hier nicht unbedingt abschließend klären können. Aber einige Details kann sicherlich jeder Interessierte dazu beitragen.
LG Falstaff
Falstaff (30.10.2017, 23:58): Wenn ich an den Thread denke, dann fallen mir spontan ein:
Leyla Gencer Mariella Devia Interessant, dass du gerade die Gencer nennst, die ja bekanntermaßen von der Plattenindustrie völlig ignoriert wurde, aber eine große Karriere gemacht hat und gerade heute, durch diverse CD-Veröffentlichungen im Bewusstsein ist. Aber vielleicht kannst du zu ihr noch Genaueres schreiben. Genauso wie bei der Devia. Beide verdienen es ja nun wirklich, dass an sie erinnert wird.
LG Falstaff
Liebestraum (31.10.2017, 09:11): Aber gerade durch die Plattenindustrie, durch qualitativ sehr gute Stereo-Produktionen können die Sängerinnen immer wieder durch das Wiederauflegen auf den Plattenteller ins Bewusstsein gebracht werden.
Im Prinzip kenne ich Leyla Gencer nur dem Namen nach, ihre Stimme nicht. Ich weigere mich, die teilweise unter miserablen Bedingungen entstandenen Live-Aufnahmen zu hören, da vergeht mir jede Lust, mir das Ganze über längere Zeit anzuhören.
:hello LT
Waldi (31.10.2017, 11:03): Caro Liebestraum,
Es geht auch um die "fast" Vergessenen, also um die, welche den Älteren und Alten unter uns durchaus geläufig sind, die aber den Jungen in der Regel völlig unbekannt sind. Natürlich ist jemand wie die Sciutti nach wie vor Referenz, aber wer weiß das schon von den unter Dreißigjährigen?
Und laß Dich nicht von einigen weniger gelungenen Live-Mitschnitten der Gencer abhalten: Es gibt auch durchaus gelungene Aufnahmen, dank derer man eine Jahrhundertstimme erleben darf. Ähnlich wie bei Bidu Sayao, bei der ich für jede gesungene Note dankbar bin, die sich erhalten hat.
:hello Waldi
Amonasro (31.10.2017, 12:18): Dem oben zu Antonietta Stella gesagten kann ich mich nur anschließen. Insbesondere den Trovatore (meine derzeitige Lieblingsaufnahme) und den Andrea Chénier sollte man kennen. Die von Perlimpin kurz genannte Traviata mit Di Stefano und Gobbi ist übrigens ebenfalls eine Studioaufnahme, kein Live-Mitschnitt.
Eine andere Kandidatin für diesen Thread ist Magda Olivero, heute vor allem für ihre Rollen in Verismo-Opern bekannt. Ihre meines Wissens nach einzige Studio-Gesamtaufnahme ist diese:
Es existieren mehrere Live-Mitschnitte, u. a.:
Gruß Amonasro :hello
Liebestraum (31.10.2017, 12:28): Das Vergessen wird sich nicht aufhalten lassen. Mir sind solche Namen wie Maria Cebotari, Maria Müller, Erna Berger, Erna Sack usw. durchaus bekannt. Aber hören möchte ich sie nicht mit ihren Mono-Überlieferungen. Das klingt mir zu eindimensional und zu ältlich-betagt.
Jede Generation hat ihre Sänger, nur wenige überdauern den jeweiligen Zeitraum, das war so und wird wohl immer so sein. Das mag hart klingen, ist aber nicht zu ändern...
Außerdem ist die Zahl der Aufnahmen bis ins unermessliche angestiegen, wer soll da den Überblick behalten? Bestes Beispiel ist da Wagners "Ring des Nibelungen", von dessen Zyklus gab es bis zu den 70er Jahren nur drei Stereo-Aufnahmen: Solti, Böhm und Karajan! -- Und wie viele gibt es jetzt?? -- Selbst den alten Keilberth-Stereo-Live-Mitschnitt hat man noch vor ein paar Jahren ausgebuddelt. -- Allein die Anzahl von erschienenen Produktionen auf DVD ist noch kaum überschaubar...
So ist es auch mit den Sopran-Stimmen. Im Zeitalter der Globalisierung gelangen wirklich schöne Stimmen an unser Ohr - nicht gerade hochdramatische, die sind schon seit 50 Jahren schwach gesät. Wer denkt da noch von der GENERATION-HEUTE an alte Sopran-Kamellen, außer uns, die wir die Sängerinnen noch kannten??
:hello LT
Cetay (inaktiv) (31.10.2017, 13:49): Ich denke, da hat LT einen Punkt. Durch die Veränderung der medialen Landschaft muss heute niemand mehr ganz vergessen werden - zumindest nicht von den Spezialisten. Dass von den unter Dreißigjährigen fast niemand Sängerinnen aus den Dreißigern kennt, liegt möglicherweise daran, dass man sich erst mal auf die Oper spezialisieren muss und sich dann sich erst mal mit dem Repertoire vertraut machen muss. Wie viele Opern, die man kennen muss, gibt es? Zwei Dutzend, Hundert? Und von jeder muss man sich ein halbes Dutzend Aufnahmen anhören, bevor man erkennt, wer in welcher Rolle brilliert hat und warum. Das erfordert ein halbes Leben Spezialistentum. Deswegen wird man diese alten Heroienen auch nie ins allgemeine Bewusstsein (zurück-)bringen. Ich würde sagen, da gäbe es beim Normal-Klassikhörer ganz andere Lücken zu schließen. Die meisten der hier im Forum in den letzten Wochen und Monaten besprochenen Sängerinnen (Schwarzkopf, Janowitz, Ludwig, Mödel) kenne ich -als intensiver Klassikhörer bereits eine 10%-Minderheit der Bevölkerung repräsentierend- nur, weil sie auf einer 9. gesungen haben. Gut, ich bin ein Opern-Ignorant, aber frage mal in der Pause das gemeine Opernpublikum nach diesen Damen und ihren Paraderollen. Das Ergebnis würde mich interessieren. Und wenn wir gerade bei den unter Dreißigjährigen sind: Soeben frage ich meinen Filius (24), wer Maria Callas war. Die Antwort: "keine Ahnung". Ich möchte euch den Spaß nicht verderben, aber ich gebe LT (mit einer Ergänzung) recht. "Nur wenige überdauern den jeweiligen Zeitraum im allgemeinen Bewusstsein, das war so und wird wohl immer so sein. Das mag hart klingen, ist aber nicht zu ändern." Die Frage, warum manche in den Fokus gerückt sind und manche nicht, bleibt trotzdem interessant und unter diesem Aspekt lese ich die Beiträge trotz Unkenntnis der Gattung und ihrer Protagonistinnen mit Gewinn. Dieselbe Frage müsste man sich bei vielen Komponisten ja auch stellen..
Don Perlimplin (31.10.2017, 15:31): Die von Perlimpin kurz genannte Traviata mit Di Stefano und Gobbi ist übrigens ebenfalls eine Studioaufnahme, kein Live-Mitschnitt. Stimmt, da habe ich mich durch das Cover irritieren lassen. Es handelt sich um eine originale Studioproduktion von EMI-Columbia aus 1956.
Mir sind solche Namen wie Maria Cebotari, Maria Müller, Erna Berger, Erna Sack usw. durchaus bekannt. Aber hören möchte ich sie nicht mit ihren Mono-Überlieferungen. Das klingt mir zu eindimensional und zu ältlich-betagt. Der Einwand ist nicht ganz unberechtigt, aber ich glaube, dass Dir dadurch viele einmalige musikalische Erlebnisse entgehen. Auch ich ziehe generell Stereoaufnahmen vor, besonders, wenn es sich um Werke für großen Chor und/oder Orchester handelt. So kann ich z.B. mit Nikischs Aufnahme von Beethovens Fünfter aus dem Jahr 1913 nichts anfangen, das ist Telefonhörermusik und höchstens für Spezialisten (zu Vergleichszwecken) brauchbar. Doch mich erstaunt es immer wieder, wie gut es die Techniker so ab 1925 (nach Ende der Trichterära und der Einführung des elektrischen Aufnahmeverfahrens) verstanden haben, gerade die menschliche Stimme rein und klar abzubilden. Nichts gegen die heutigen Sänger, aber wo gibt es heutzutage noch einen Heldentenor, der den Namen wirklich verdient, wie z.B. Lauritz Melchior? Da kann z.B. ein René Kollo trotz digitaler Technik nicht punkten, oder wer bietet Ersatz für Kirsten Flagstad oder Birgit Nilsson im Bereich der dramatischen Soprane? Man könnte die Liste endlos fortsetzen. Mich persönlich stört Mono bei überragenden Gesangsleistungen überhaupt nicht. Ich würde nicht eine einzige Callas-Aufnahme gegen die heutigen digitalen Hochglanzprodukte eintauschen wollen! Technik mag veralten, auch Gesangstile mögen sich wandeln, aber künstlerische Leistungen werden ihren Wert behalten, unabhängig von Mode und Zeitgeist. Doch jeder soll und muss natürlich selbst entscheiden, was er hören möchte. Eine brillante Digitalaufnahme hat, unabhängig vom musikalischen, auf jeden Fall technologische Vorzüge, die faszinieren können. Ich jedenfalls ziehe innerhalb der weiter oben gesetzten Grenzen immer die darstellerische Leistung der klanglichen Beschaffenheit vor. Bei den meisten eurer Sopran-Beiträgen muss ich Einspruch erheben Auch dieser Einspruch ist wohlbegründet, aber das Beispiel von Gertrude Grob-Prandl hat gezeigt, dass es wenig Sinn macht, wenn wir hier Künstler nennen, die auf Tonträger kaum vertreten wahrscheinlich nur noch Spezialisten bekannt sind. Deshalb halte ich es für besser, wenn wir auch und gerade Sängerinnen und Sänger benennen, die, aus welchen Gründen auch immer, nie die Popularität erreicht haben, die sie eigentlich verdient hätten, sprich: Künstler, die in die erste Reihe gehören, aber in der zweiten gelandet sind. Und davon gibt es eine ganze Fülle, nicht nur bei den Sopranen.
Don Perlimplin (31.10.2017, 16:32): Ich komme jetzt zu einer Sängerin, die ganz ohne Zweifel in diesen Thread hineingehört: Lisa Otto. Sie wurde 1919 in Dresden geboren und debütierte nach ihrer Gesangsausbildung 1941 am Landestheater Beuthen (Oberschlesien) im "Rosenkavalier". Nach Stationen in Nürnberg und Dresden kam sie 1952 an die Städtische Oper Berlin, der sie über viele Jahre die Treue hielt. Dort brillierte sie in verschiedenen Mozart-Opern (u.a. Zauberflöte, Entführung), Webers Freischütz, Beethovens Fidelio und vielen anderen, vor allem Soubretten-Rollen. Lisa Otto verfügte über eine klangvolle, weiche Sopranstimme, die sie auch für geistliche Musik prädestinierte. So sang sie z.B. auf einer LP der Deutschen Grammophon mit dem ominösen Titel "Halleluja .... Halleluja" drei bekannte Stücke in unvergleichlicher Reinheit: das "Laudate Dominum" aus KV 339 von Mozart sowie das "Ave Maria" sowohl von Bach-Gounod als auch von Schubert. Da braucht sie keinen Vergleich zu scheuen, selbst nicht mit den bekanntesten Primadonnen ihrer Zeit. Hier die Cover, links die originale LP, rechts die spätere CD-Veröffentlichung:
Im übrigen singt hier der großartige Berliner Händel-Chor unter der Leitung von Günther Arndt (Aufnahme: 1961). Die Electrola-LP mit Bachs "Bauern-" und "Kaffeekantate" wurde m.W. nicht auf CD überspielt.
Ansonsten ist die wunderbare, bescheidene Künstlerin von der Plattenindustrie sträflich vernachlässigt worden. Immerhin durfte sie in einigen noch heute berühmten Produktionen mitwirken:
Unvergessen ist sie vor allem als Despina in Karajans berühmter "Così"-Einspielung von 1954. Eine sowohl sängerisch wie auch komödiantisch einmalige Leistung. Nicht minder gut ist ihr Ännchen in Joseph Keilberths "Freischütz"-Aufnahme von 1958 (Stereo). Bei der DGG sang sie die Papagena sowohl unter Fricsay (1953, mono) als auch unter Böhm (1964, Stereo). Auch ihre Blonde ist sehr gelungen (EMI-Querschnitt von 1953). Die Nebenrolle der Najade sang sie sowohl in der Karajan-"Ariadne" von 1954 (mono) als auch auf dem Querschnitt unter Alberto Erede von 1959 (Stereo). Unvergessen ist auch ihre Micaela in Bizets "Carmen" auf einem EMI-Querschnitt von 1954. Auch hier braucht sie keinen Vergleich mit berühmteren Rollenvertreterinnen zu scheuen. Lisa Otto starb 2013 und ist in ihrer Wahlheimat Berlin (Friedhof Heiligensee) bestattet.
Don Perlimplin (31.10.2017, 17:41): An noch eine großartige Künstlerin soll hier erinnert werden, die auf dem Höhepunkt ihrer leider nur kurzen, rund 10 Jahre umfassenden Karriere Weltruhm genoss, die bulgarische Sopranistin Ljuba Welitsch.
Sie wurde 1913 in Borisowo geboren und debütierte nach ihrem Studium 1934 an der Oper Sofia. Über Graz, Hamburg, Dresden, Berlin und München landet sie nach dem Krieg in Wien, zuerst an der Volksoper und seit 1946 an der Staatsoper. Die Salzburger Festspiele sehen sie 1946-1950 u.a. in der Rolle der Donna Anna in Mozarts "Don Giovanni". Gastspiele führen sie an die Covent Garden Opera London (1947-52), zum Glyndebourne Festival (1948-49) und schließlich an die New Yorker MET ((1949-52). Trotz großartiger Auftritte als Tosca, Aida und Amelia (Un ballo in maschera) erringt sie ihren Weltruhm hauptsächlich mit einer einzigen Rolle: Salome in der gleichnamigen Oper von Richard Strauss. Sie singt diese Partie zuerst zum 80. Geburtstag des Komponisten an der Wiener Staatsoper. Wie keine andere Künstlerin verkörpert sie diese Rolle, so dass sie viele Jahre damit praktisch identifziert wird. Sie starb am 1. September 1996. Ihr Grab befindet sich auf dem Wiener Zentralfriedhof.
Leider lassen ihre stimmlichen Mittel bereits zu Beginn der 1950er Jahre merklich nach. Ihre letzte Plattenaufnahme absolviert sie im "Rosenkavalier" unter Herbert von Karajan (EMI, 1956, Stereo) an der Seite so berühmter Namen wie Elisabeth Schwarzkopf, Christa Ludwig, Nicolai Gedda und Otto Edelmann. Sie singt, besser gesagt, haucht hier die kleine Nebenrolle der Leitmetzerin. Nach dem Ende ihrer Opernlaufbahn startet sie eine späte Karriere als Filmschauspielerin und tritt dort vor allem in komischen Rollen auf. Eine Gesamtaufnahme der "Salome" mit Welitsch gibt es nur als klanglich gewöhnungsbedürftigen Mitschnitt von der MET aus 1949 (Dirigent: Fritz Reiner):
Sehr empfehlenswert ist ein 2 CD-Album, das ihre sämtlichen Aufnahmen für die US-amerikanische CBS enthält:
Ihr bekanntestes und berühmtestes Recital ist bei EMI erschienen, aber leider nur noch gebraucht (und manchmal gar nicht) zu erwerben:
Hier konnte ich nur die Rückseite kopieren. Das hat aber den Vorteil, dass man die enthaltenen Titel lesen kann. Den berühmten Schlussgesang aus "Salome" gibt es als Track 6 (Aufnahme: 1946 mit dem Orchester des ORF, Dirigent: Lovro von Matacic).
Ich erlaube mir, Jürgen Kesting aus seinem Werk "Die großen Sänger" zu zitieren. Er schreibt zu dieser Aufnahme: ".... diese Schlußszene ist Musik gewordene Hysterie. Welitschs Schlußgesang ist .... ein Anschlag auf die Nerven des Hörers. Sie singt nicht, sie verwandelt sich in die Figur. Was hier geschieht, ist mehr als Singen und etwas anderes als Singen: Hier drückt sich eine Leidenschaft aus, die sich im Tod erfüllt. Was Welitsch hinterlassen hat, ist nicht nur die ominöse "beste" Darstellung dieser Szene - sondern die einzige überhaupt. Kennt man sie, ist man für alle anderen Aufnahmen verloren. Selbst so passionierte Sängerinnen wie Maria Cebotari, Christel Goltz oder Hildegard Behrens wirken blass oder krude neben der schönen Bulgarin."
Besonders bedauerlich finde ich, dass diese große Künstlerin 20 Jahre nach ihrem Tod nicht nur fast, sondern vor allem zu Unrecht, vergessen ist. Deshalb soll hier an sie angemessen erinnert werden.
Cetay (inaktiv) (31.10.2017, 19:36): Ihr bekanntestes und berühmtestes Recital ist bei EMI erschienen, aber leider nur noch gebraucht (und manchmal gar nicht) zu erwerben:
Hier konnte ich nur die Rückseite kopieren. Das hat aber den Vorteil, dass man die enthaltenen Titel lesen kann. Den berühmten Schlussgesang aus "Salome" gibt es als Track 6 (Aufnahme: 1946 mit dem Orchester des ORF, Dirigent: Lovro von Matacic). Als kleinen Service steuere ich die Vorderseite (leider ein etwas unbefriedigender Schuss) bei:
Falstaff (01.11.2017, 00:45): So ist es auch mit den Sopran-Stimmen. Im Zeitalter der Globalisierung gelangen wirklich schöne Stimmen an unser Ohr - nicht gerade hochdramatische, die sind schon seit 50 Jahren schwach gesät. Wer denkt da noch von der GENERATION-HEUTE an alte Sopran-Kamellen, außer uns, die wir die Sängerinnen noch kannten?? Sicherlich tauchen immer wieder neue, schöne Stimmen auf. Das hat es immer gegeben und wird es immer geben. Aber wie kann ich beurteilen, ob eine neue Stimme wirklich eine gute ist oder nur ein Marketingprodukt, wenn ich keine Vergleichsmöglichkeiten kenne und höre? Wie kann ich sagen (und wir müssen hier noch nicht einmal das völlig brachliegende Wagnerfeld betrachten), dass jemand z.B. eine dramatische Verdi-Partie adäquat singt, wenn ich nicht mehr weiß, wie diese Rolle eigentlich klingen sollte, welchen Standard es dort einmal gegeben hat. Natürlich gibt es Moden, natürlich ändert sich die Technik. Aber es gibt auch technische Vorgaben, geradezu objektive Kriterien, die man aus alten Aufnahmen durchaus erfahren kann.
Wie sieht es mit dem Legato aus? Braucht es Verzierungen für die und die Rolle? Wie sollte man es mit Portamenti, Rubati, Appogiaturen, Triller etc. halten? Wie können bestimmte schwierige Passagen gemeistert werden, ohne das der Sänger/die Sängerin scheitert? Wo kann man atmen? Wie geht man mit dem Vibrato um? Und so weiter und so fort.
Oder auch eher subjektive Kriterien. Wie gestalte man eine Partie? Wieviel Pathos ist vonnöten? Wie erreicht man es, dass eine Arie nicht nur als Ansammlung von Noten und Höhepunkten daherkommt, sondern als ein durchdachtes Ganzes?
Natürlich haben die Sänger von Gestern nicht ständig alle möglichen Kriterien erfüllt und nur perfekt gesungen. Aber sie hatten irgendwie alle ihre Vorzüge, haben hier und da und dort Spuren hinterlassen, die es wert sind, weiter angehört zu werden.
Wenn ich mich für ein Metier wirklich interessiere, kann ich nicht die Vergangenheit ausblenden. Es gab in Hamburg einmal eine Tutanchamun-Austellung, in der neben der Goldmaske und anderen wirklichen Kostbarkeiten auch eine kleine Götterstatue gezeigt wurde, die seinen Sarkophag beschützen sollte. Ihre Inschrift lautete: 'Ich habe das Gestern gesehen, ich kenne das Morgen.'.
Zudem finde ich es in diesem und dem Tenor-Thread überaus löblich, Menschen noch einmal in den Mittelpunkt zu stellen, die einmal anderen etwas bedeuteten und ihnen Freude bereiteten. Und die deshalb nicht vergessen werden sollten.
:hello Falstaff
PS: Nur eine kleine Sache nebenbei. Wenn ich über ein Thema mehr erfahren möchte, lese ich auch Bücher in Sütterlin. Auch wenn es mir wahrlich schwerfällt. Aber das kann natürlich jeder halten, wie er will. ;)
Falstaff (01.11.2017, 00:54): Eine andere Kandidatin für diesen Thread ist Magda Olivero, Danke, lieber Amonasro, für die Erwähnung von Magda Olivero. Eine wahrlich große Sängerin, die leider immer im Schatten stand. Warum auch immer. Neben der Gencer ist sie das größte Opfer der Aufnahmepolitik der großen Labels in der damaligen Zeit. Ich selber liebe sie sehr. Was für ein fantastisches Timbre hatte sie! Was natürlich eine Göttergabe ist. Aber auch so war sie eine wunderbare Gestalterin von Verismo-Partien. Ihre 'Iris' ist wirklich wunderbar und die von dir gepostete 'Adriana', für mich jedenfalls, bis heute unerreicht.
Es gibt aber noch eine weitere Studio-Aufnahme. Und zwar die 'Turandot' aus dem Jahr 1938 vor ihrer langen Pause. Das ist insgesamt bitter wenig, aber wenn man an die Gencer denkt....
LG Falstaff
Falstaff (01.11.2017, 01:04): An noch eine großartige Künstlerin soll hier erinnert werden, die auf dem Höhepunkt ihrer leider nur kurzen, rund 10 Jahre umfassenden Karriere Weltruhm genoss, die bulgarische Sopranistin Ljuba Welitsch. Ist sie wirklich vergessen, lieber Don Perlimplin? ;)
Oh, ich hoffe nicht. Aber sei es wie es sei Hier muss an sie erinnert werden, weil ihre 'Salome' wirklich ein Meilenstein ist. :down :down :down Vielleicht ähnlich der Zerbinetta durch Gruberova. Aber Welitsch (Was war das für eine Type!!!!) war natürlich nicht nur die Salome. Dieses unglaublich erotische Timbre! Ihre Donna Anna zeigte plötzlich eine ganz andere, wirklich hochinteressante Figur. Und ihre Operettenaufnahmen! Was passierte da plötzlich alles als sogenannter Subtext. Sie war wirklich in der Lage, jede von ihr gesungene Partie in etwas ganz besonderes zu verwandeln.
Hier sieht man sie selber im Interview mit August Everding:
https://www.youtube.com/watch?v=ALWEbgI09wY
LG Falstaff
Falstaff (01.11.2017, 01:08): Übrigens gibt es zum Glück noch eine zweite vollständige 'Salome' mit ihr.
:hello Falstaff
Cetay (inaktiv) (01.11.2017, 06:10): Ich erlaube mir, Jürgen Kesting aus seinem Werk "Die großen Sänger" zu zitieren. Er schreibt zu dieser Aufnahme: ".... diese Schlußszene ist Musik gewordene Hysterie. Welitschs Schlußgesang ist .... ein Anschlag auf die Nerven des Hörers. Sie singt nicht, sie verwandelt sich in die Figur. Was hier geschieht, ist mehr als Singen und etwas anderes als Singen: Hier drückt sich eine Leidenschaft aus, die sich im Tod erfüllt. Was Welitsch hinterlassen hat, ist nicht nur die ominöse "beste" Darstellung dieser Szene - sondern die einzige überhaupt. Kennt man sie, ist man für alle anderen Aufnahmen verloren. Selbst so passionierte Sängerinnen wie Maria Cebotari, Christel Goltz oder Hildegard Behrens wirken blass oder krude neben der schönen Bulgarin." Wer sich hier ein Hörbild machen will, kann diese scheinbar überweltlich dargebotene Schlussszene im direkten Vergleich mit zwei der blassen oder kruden Konkurrentinnen hören und zwar in dieser Box:
Darauf befindet sich die Salomé komplett mit Christel Golz / Clemens Krauss und angehängt werden die Schlussszenen mit Maria Ceborati / Arthur Rother und eben Ljuba Welitsch / Lovro von Matacic. Die hierfür abgerufenen 22,49 scheinen fair zu sein - immerhin beinhaltet das schmucke Teil 15 CDs.
Waldi (01.11.2017, 09:10): Nicht zu vergessen: Die Welitsch war auch eine phantastische Operettensängerin und etwa als Rosalinde oder Saffi eine Klasse für sich.
Don Perlimplin (01.11.2017, 09:58): Ist sie wirklich vergessen, lieber Don Perlimplin? Lieber Falstaff,
"vergessen" ist vielleicht nicht das richtige Wort. Aber sie ist doch den heutigen Opernliebhabern so gut wie unbekannt. Das liegt sicher auch daran, dass sie nur wenige Aufnahmen hinterlassen hat, die zudem noch von der Plattenindustrie stiefmütterlich behandelt wurden. Wie ist es sonst zu erklären, dass das großartige EMI-Recital seit über 20 Jahren nur noch antiquarisch erhältlich ist? Aber Du hast recht: für einen kleinen Kreis von Liebhabern wird die Welitsch immer ein Idol bleiben. Dieses unglaublich erotische Timbre! Da muss ich noch einmal kurz Kesting zitieren: "Der Klang ihrer Stimme ist gleichzeitig rein und hitzig, klar und exquisit koloriert. 'Ich habe deinen Mund geküßt', mit dem gedunkelten /n/, ist ein süchtiger Orgasmus, .... und dabei funkelt die schlank-sinnliche Stime nicht nur wie ein Diamant, sondern sie verbrennt sich". Besser und treffender kann man diese künstlerische Glanzleistung wirklich nicht beschreiben. Die Welitsch war auch eine phantastische Operettensängerin Danke, Waldi, dass Du auch an diese Seite erinnerst. In der berühmten DECCA-Aufnahme der "Fledermaus" unter Herbert von Karajan gibt es ein paar Galaeinlagen, da singt, besser gesagt, haucht die Welitsch auf unnachahmliche Weise "Wien, Wien, nur du allein ...." Das ist Ende der 1950er aufgezeichnet, da ist ihre Stimme nur noch ein dünner Faden, aber die Ausstrahlung!
LG, Perlimplin
Don Perlimplin (01.11.2017, 10:08): Lieber Cetay,
vielen Dank für den Hinweis auf das Strauss-Opern-Album. Der Preis ist wirklich moderat, kaum 1,50 € für 1 CD! Wer nicht schon das meiste in anderen Editionen im Regal hat, sollte da unbedingt zugreifen.
LG, Perlimplin
Falstaff (01.11.2017, 20:36): Das liegt sicher auch daran, dass sie nur wenige Aufnahmen hinterlassen hat, die zudem noch von der Plattenindustrie stiefmütterlich behandelt wurden. Wie ist es sonst zu erklären, dass das großartige EMI-Recital seit über 20 Jahren nur noch antiquarisch erhältlich ist? Lieber Don Perlimplin, das ist in der Tat ein Skandal. Leider steht bei ihr auch kein Jubiläum ins Haus, so dass Warner sich vielleicht mal erbarmen würde.
LG Falstaff
Don Perlimplin (02.11.2017, 12:31): Magda Olivero. Eine wahrlich große Sängerin Ja, in der Tat, aber auch sie ist von den Plattenproduzenten viel zu wenig beachtet worden. Immerhin gibt es in der Reihe "Lebendige Vergangenheit" von Preiser eine schönes Recital mit 19 Arien aus Opern von u.a. Verdi, Puccini, Cilea, Catalani:
allerdings zu einem recht hohen Preis.
Gruß :hello Perlimplin.
Don Perlimplin (02.11.2017, 13:09): Nach der extravaganten Ljuba Welitsch komme ich nun zu einer Sängerin, die zum Glück noch unter den Lebenden weilt. Im vergangenen Jahr feierte sie, übrigens bei guter Gesundheit, ihren 85. Geburtstag. Es ist die 1931 in Krefeld geborene Ruth-Margret Pütz.
Nach Anfangsjahren in Köln und Hannover kam sie 1959 an die Württembergische Staatsoper Stuttgart, der sie bis zum Ende ihrer Sängerlaufbahn 1995 angehörte. Sie trat aber auch in Wien und München sowie bei den Bayreuther und Salzburger Festspielen auf, u.a. mit Herbert von Karajan, Igor Markevitch und Sergiu Celibidache, mit dem sie eine lebenslange Freundschaft verband. Ruth-Margret Pütz war eine bescheidene Künstlerin, die nie viel Aufhebens von sich gemacht hat und vielleicht dadurch international wenig bekannt wurde, obwohl sie eine wunderschöne, luprenreine Stimme besaß und auch als Koloratursopran tolle Leistungen vollbracht hat. Ich erinnere da an ihre Philine in dem MIGNON-Querschnitt der Electrola mit Pilar Lorengar, Fritz Wunderlich und Gottlob Frick. Das Glanzstück "Ja für den Abend - Titania ist herabgestiegen" singt sie mit einer Bravour und so herrlichen Koloraturen, dass es eine wahre Freude ist. Da stört es überhaupt nicht, dass sie die Arie in deutsch und nicht in der französischen Originalsprache singt:
Darüber hinaus gibt es noch ein paar Aufnahmen, die ihre Kunst exemplarisch zeigen:
Besonders hervorzuheben ist sie in der Rolle der Rosina in der deutsch gesungenen GA von Rossinis "Der Barbier von Sevilla" unter Otmar Suitner. Da braucht sie sich auch unter berühmteren Rollenvertreterinnen nicht zu verstecken.
International ist sie wohl vor allem mit der folgenden Aufnahme bekannt geworden:
in Mozarts "Zauberflöte" unter Otto Klemperer (Aufnahme: 1964). Da singt sie, in geradzu luxuriöser Umgebung, eine ganz bezaubernde Papagena. Sicher keine Hauptrolle, aber ihr kurzer Auftritt prägt sich ein.
Falstaff (05.11.2017, 00:15): Eine Sängerin, die mir in den letzten Jahren, dank einiger CD-Veröffentlichungen immer wieder untergekommen ist, ist Melitta Muszely.
In Wien 1927 geboren, kam sie über Regensburg (Operndebüt dort 1950) 1953 nach Hamburg und blieb dort im Ensemble bis 1968. Ihre Tätigkeit damals fiel v.a. in die erste Intendanz Rolf Liebermanns, unter dem sie auch an verschiedenen UA teilnahm. Gastverträge banden sie in diesen Jahren allerdings auch an die Komische Oper Berlin, an die Berliner und Wiener Staatsoper. Zudem gastierte sie u.a. in Paris, Lissabon, Salzburg, Venedig und Edinburgh.
Die Muszely sang damals Partien des lyrischen und des Koloratursoprans. So übernahm sie unter Felsenstein alle vier Partien im 'Hoffmann'. Dabei reichte ihr weitgespanntes Repertoire von Mozart und Strauss bis hin zur Leonore im 'Trovatore' wie auch in der 'Forza' oder auch zu Puccini. Viele Aufnahmen belegen zudem ihr Engagement im Bereich der Operette.
Die Muszely besaß für einen Koloratursopran, anders als z.B. die Köth, viel Substanz in der Stimme, verfügte über eine breite Mittellage und die Fähigkeit, runde, warme, gehaltvolle und dramatischere Phrasen zu singen. Gleichzeitig verfügte sie im lyrischen Bereich weiterhin über die Agilität und Höhensicherheit eines reinen Koloratursoprans.
Zahlreiche Einspielungen (oftmals Querschnitte) und Live-Aufnahmen dokumentieren ihre Kunst. Allerdings stand sie wohl immer im Schatten der 'Stars' in den jeweiligen Fächern. Gerade in einer Zeit, in der die Originalsprache aufkam und immer wichtiger wurde, reichten ihre Fähigkeiten wohl nicht aus, sich gegen die entsprechenden Sängerinnen international durchzusetzen. So sind ihre 'Forza'- und auch ihre 'Trovatore'-Leonore nett gesungen, aber auch nicht mehr. Da war man schon damals anderes gewohnt. Trotzdem kann sie in den lyrischeren Verdi-Partien, aber v.a. bei Mozart und Strauss, in der Spieloper oder der Operette sehr wohl überzeugen. Letztlich ist sie eine der vielen, vielen wirklich guten Soprane der damaligen Zeit, die über große Qualitäten verfügte, die aber immer, was ihre Rollen betraf, auf stärkere Konkurrenz traf.
:hello Falstaff
Waldi (11.11.2017, 17:30):
Ich komme noch einmal auf Pilar Lorengar zurück: Als Violetta ist sie trotz sehr berührender Momente nicht ideal eingesetzt, in den hochdramatischen Passagen verliert die schöne Stimme etwas an Farbe, wird ein wenig zu hart und etwas gläsern. Trotzdem natürlich eindrucksvoll.
Waldi (19.11.2017, 10:32): Sicher nicht vergessen, aber doch ziemlich in den Hintergrund gerückt: Mariana Nicolescu (auch Nicolesco).
Die 1948 geborene Rumänien studierte in ihrer Heimat und in Italien, später auch bei Elisabeth Schwarzkopf. Ausgehend von Italien sang sein in der ganzen Welt vor allem im italienischen Fach (Verdi, Puccini) sowie Mozart-Partien, aber auch Modernes. Ich schätze vor allem ihre volle Mittellage. Große Verdienste erwarb und erwirbt sie sich vermutlich auch noch jetzt um die Förderung des Nachwuchses und brachte es sogar bis zur UNESCO-Ehrenbotschafterin. Im Vergleich zu ihrer umfassenden Aktivität ist ihre Diskographie aber zumindest bisher ziemlich überschaubar. Die Labels haben nicht nur in der fernen, sondern auch in der jüngeren Vergangenheit oft eine Schwerpunktpolitik betrieben, die von Opernmaulwürfen wie mir als unzulänglich empfunden wird.
Waldi (14.01.2018, 13:06): In ihrem Heimatland vermutlich noch verehrt, aber bei uns in Vergessenheit geraten ist die niederländische Sopranistin Erna Spoorenberg (1926-2004), die immerhin mehrere Jahre an der Wiener Staatsoper wirkte, bevor sie nach Holland zurückkehrte, wo die Oper in Amsterdam ihr Stammhaus wurde. Oft trat sie aber auch international auf. 1970 zog sich die Sängerin von der Bühne zurück und widmete sich anschließend der Gesangspädagogik. Ihr warme, voluminöse Stimme setzte sie oft für Mozart ein, die Konstanze war auch ihre letzte Rolle. Doch reüssierte sie auch im italienischen und französischen Fach sowie als Konzertsängerin. Ich schätze sie besonders als Anna in Boieldieus "Dame blanche".
(keine Angst, das ist nicht der André Rieu, sondern dessen Vater!)
Waldi (18.01.2018, 10:46): Eine Sängerin, die ich seit meinen Anfängen bis heute immer wieder gerne höre, ist die 1926 in Füssen geborene Lotte Schädle. Sie begann a 1954 als Soubrette, eroberte sich aber bald das lyrische und das Koloraturfach. Besonders erfolgreich war sie im Rahmen der heute leider sträflich vernachlässigten deutschen Spieloper. Ihre Marie im "Waffenschmied" oder ihr Ännchen im "Freischütz" waren und bleiben für mich traumhaft. dennoch verfügte sie über ein sehr breites Repertoire. Kaum jemand erinnert sich noch, daß sie auch etliche Male die Lucia di Lammermoor gesungen hat. Aber als Mozart- und Konzertsängerin und durch ihre langjährige Zusammenarbeit mit Karl Richter bleibt sie jedenfalls im Gedächtnis ihrer Anhänger. Ihre Stammhäuser waren München und Nürnberg, doch war sie auch stets gern gesehener Gast im Ausland, in Bayreuth und in Salzburg. 1980 nahm sie ihren Abschied von der Bühne.
Waldi (24.09.2018, 11:57): Bidu Sayao , eigentlich Balduina de Oliveira Sayao (1902-1999), zählte im zweiten Viertel des 20.Jahrhunderts zu den Allergrößten. Sie ist zwar noch keineswegs vergessen, aber mehr und mehr droht ihr das Versinken im Nebel der Vergangenheit. Nicht nur wegen des wachsenden zeitlichen Abstands, sondern auch, weil es in ihrer Ära noch keine Stereoaufnahmen gab, und viele der jungen Klassikfreunde sich zumindest vorerst mit den reduzierteren technischen Möglichkeiten früherer Jahrzehnte nicht bescheiden wollen. Daß eine brasilianische Sängerin eine Weltkarriere auf etlichen großen Bühnen Amerikas und Europas (Met, Scala, Paris...) schafft, und das unter keineswegs günstigen politischen Zeitumständen, ist schon bemerkenswert genug. Sayao war aber auch klug genug, sich allmählich zurückzuziehen, bevor ihre wunderbare Stimme nachließ. Sie war nicht nur eine sehr vielseitige Sängerin, die im italienischen und französischen Fach brillierte, die blendend Mozart sang, aber auch eng mit Heitor Villa-Lobos zusammenarbeitete, sie verstand es auch hervorragend, ihre Figuren zu charakterisieren - legendär etwa ihre Gilda (an der Seite von Jussi Björling).
Waldi (14.10.2018, 10:22): Ganz still geworden ist es um Arlene SAUNDERS. Die 1935 in Cleveland geborene Sängerin trat an fast allen großen Bühnen der Welt auf, ihre Schwerpunkte lagen aber an der New York City Opera und der Staatsoper Hamburg, wo sie 1967 auch zur Kammersängerin ernannt wurde. Relativ früh, schon 1985, zog sie sich nach einer Abschiedsvorstellung als Marschallin in Buenos Aires zurück. Bekannt war sie vor allem durch ihre Mitwirkung in frühen Opernfilmen, ich erinnere nur an ihre seelenvolle Agathe im "Freischütz" unter Leopold Ludwig. Sie sang auch oft und erfolgreich Operetten, ebenso aber auch Modernes (Menotti: "Globolinks"). Es gab zahlreiche Einspielungen mit ihr, derzeit wird davon aber leider kaum etwas angeboten. Das ist mehr als bedauerlich, denn sie gehörte zweifellos in die erste Reihe!
Waldi (09.11.2019, 16:26): Herva NELLI wurde 1909 in Florenz geboren und übersiedelte mit ihren Eltern schon als KInd in die Vereinigten Staaten. Sie war in den USA als dramatischer Sopran weithin präsent, trat aber meines Wissens nie in Europa auf. Bekannt wurde sie hier nur durch ihre Verbindung zu Toscanini, der sie ganz besonders schätzte und ihr testamentarisch seinen Dirigentenstab hinterließ. Nelli war 1937 bis 1962 aktiv. Nach ihrem Rückzug von der Bühne eröffnete sie in Poughkeepsie ein Restaurant. Sie starb 1994 an Leukämie in Connecticut.
Sfantu (22.11.2019, 00:23): Mal wieder inspiriert durch Waldi - soeben verklungen:
Giuseppe Verdi - Otello (Gesamtaufnahme)
Desdemona - Herva Nelli Emilia - Nan Merriman Otello - Ramon Vinay Iago - Giuseppe Valdengo Cassio - Virginio Assandri Roderigo - Leslie Chabay Montano - Arthur Newman Lodovico - Nicola Moscona
Diese Box hätte sicher nochmal die 4 Jahre, welche sie nun schon ungehört mein Plattenregal ziert, herum gestanden, bis ich sie endlich mal aufgelegt hätte. Zuerst zu Herva Nelli: über lange Strecken fand ich ihr Timbre zu metallisch, fast kalt, als daß sie mich in dieser Rolle hätte aufhorchen lassen. Sie singt / spielt sich im Verlauf jedoch zunehmend frei. Bis sie mir im 4. Aufzug dann letztendlich rollendeckend erscheint: gebrochen, in Todesahnung, mit "den letzten Dingen" beschäftigt, sodaß sie dann schon auch anrührt & packt. Geradezu gruselig Desdemonas bange Frage an Emilia in der ersten Szene "Ascolta. Odo un lamento...taci! Chi batte a quella porta?" Pure Gänsehaut!! Ansonsten ist das hier natürlich fast schon ein Sänger-Fest. Ramon Vinay: welche Worte soll man da wählen? Schon in seiner mörderisch fordernden Auftritts-Szene trifft er den Spitzenton mit solch einer Selbstverständlichkeit, sogar noch mit spürbarer Reserve nach oben, gleichzeitig diese bronzen-baritonale Grundierung. Viele Konkurrenten müssen sich hier ins Pressen oder Schreien retten, Vinay singt einfach nur - schier unfaßbar! Zudem durchlebt er seine Rolle geradezu. Valdengos Iago überzeugt mich nicht restlos, da fehlt mir eine Portion Dämonie. Luxuriös besetzt ist der Cassio durch Virginio Assandri: klares, kerniges Timbre in der "Maske", vorbildliche Diktion! Toscanini läßt erwartungsgemäß straff & prägnant musizieren. Was absolut positiv zu vermerken ist - allein: hie & da die Zügel etwas lockerer zu lassen (Rubati) könnte für noch mehr Emphase sorgen. Erede oder Solti machten das später, wie ich meine, mit mehr Abwechslung, mehr Kalkül. Klanglich ist die Aufnahme eine Wucht, wenn man das Aufnahmedatum berücksichtigt. Kenne keine andere Mono-Aufnahme aus jener Zeit, die ähnlich satt & prägnant klingt. Allein die Dynamik gibt halt nicht das her, was bei solch einer fast cineastisch- üppigen Partitur am Ende doch sein muß. Drum bleibt Solti mit Cossuta / Price am Ende doch mein Favorit.
Waldi (23.01.2020, 22:24): Zu den schönsten Stimmen der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg zählte auch die von Elena RIZZIERI (1922-2016), die 1946 in Venedig als Gounods Margherita debütierte. Sie sang vor allem italienisches und französisches Fach, war aber auch eine hochgeschätzte Mozartinterpretin. Sie sang an allen großen Häusern in Italien, beim Maggio musicale, in Glyndebourne, in Spanien, Portugal, Deutschand, Irland und England. Eine mögliche Filmkarriere - Rizzieri wurde auch ob ihres attraktiven Äußeren sehr geschätzt - schlug sie zugunsten der Bühnenlaufbahn aus. Aktiv war sie bis in die 1970er Jahre. Glücklicherweise gibt es etliche Platteneinspielungen und Rundfunkaufnahmen. Ein besonderer Leckerbisssen ist die italienische Version von Flotows "Martha", in der sie die Titelrolle singt.
Waldi (21.04.2020, 12:20): Still geworden ist es auch um Lucy PEACOCK, die vor allem an der Deutschen Oper Berlin tätig war. Geboren 1947 in der texanischen Kleinstadt Jacksonville studierte sie in Chicago und startete ihre internationale Laufbahn vor allem von Deutschland aus. Sie sang unter anderem in Mailand, in Wien, bei den Salzburger Festspielen und in Bayreuth (Eva in den "Meistersingern"). Bekannt wurde sie nicht zuletzt durch die Fernsehfassung von Flotows "Martha" (1978) unter Horst Stein, bei der sie die Titelrolle verkörperte (leider gibt es keine DVD davon). Tondokumente gibt es leider nicht sehr viele. Schwerpunkte ihres Repertoires bildeten Mozart, Wagner, Richard Strauss aber auch Operetten. In den "Hugenotten" sang sie die Valentine an der Seite von Richard Leech. Die Künstlerin lebt heute in Berlin (und darf nicht mit der gleichnamigen englisch-kanadischen Schauspielerin verwechselt werden).
Waldi (21.04.2020, 16:14): Aus traurigem Anlaß ausnahmsweise noch einmal: Arlene SAUNDERS kam 1930 in Cleveland zur Welt. 1958 debütierte sie als Rosalinde in der "Fledermaus". 1961 stieß sie zum Ensemble der New York City Opera, ab 1964 zählte sie zu den Protagonistinnen der Hamburger Staatsoper. 1967 erhielt sie den Titel einer Kammersängerin. Im Rahmen ihrer Karriere sang sie praktisch an allen großen Opernhäusern der Welt (Met, Scala, Wien, Covent Garden, Paris, Rom...). 1985 nahm sie als Marschallin in Buenos Aires ihren Abschied. Glücklicherweise bleibt sie uns dank mehrerer Fernseh-Opernfilme (etwa als Agathe im "Freischütz") nicht nur stimmlich präsent. Nicht zu vergessen auch ihre Mitwirkung in Uraufführungen von Werken Menottis und Ginasteras. Vor wenigen Tagen, am 17.April, ist Arlene Saunders ein Opfer des Corona-Virus geworden.
Waldi (18.03.2022, 13:25): Zu den im 3.Viertel des 20.Jahrhunderts weltweit gefragten Sopranistinnen im italienischen Fach gehörte auch Ivana TOSINI, die am 30.Jänner 1930 in Ferrara geboren wurde. Sie debütierte 1953 in Venedig und machte zunächst an den führenden italienischen Bühnen Karriere. Bald wurde man auch im Ausland aufmerksam auf sie. Gastrollen führten sie durch Europa und bis in die USA. Mit Rücksicht auf ihre Familie zog sie sich aber schon 1965 ins Privatleben zurück und lebte seither in Imola, wo sie - unbemerkt von der großen musikalischen Szene - im Juni 2021 im Alter von 91 Jahren verstarb. Ihr Schwerpunkt lag vor allem bei Verdi und Puccini, aber sie sang zum Beispiel auch die Titelrolle in der italienischen Erstaufführung von Samuel Barbers Oper "Vanessa" (1961). Leider gibt es nur wenige Aufnahmen von dieser Sängerin. Am bekanntesten ist ihre Amelia in "Il duca d'Alba" von Donizetti (in der Fassung von Thomas Schippers), erhalten ist auch ihre Glauce in Cherubinis "Medea" an der Seite von Maria Callas.