Felix von Weingartner (1863-1942) - Bedeutender Dirigent mit großem kompositorischem Potential

Maurice inaktiv (15.02.2021, 14:42):
Felix Weingartner, Edler von Münzberg wurde wurde am 02. Juni 1863 in Zadar, dem damaligen Kaisertum Österreich geboren. Zadar liegt im heutigen Kroatien, was damals zu Österreich-Ungarn gehörte. Gestorben ist er am 07. Mai 1942 in Winterthur in der Schweiz.

Er studierte in Graz und Leipzig, und nun auch in Weimar bei dem großen Franz Liszt. Auch war er bei Carl Reineke Schüler gewesen. Doch ich vermute mal, dass er bei ihm nicht wirklich so glücklich war.

Sein "Hauptberuf" sollte aber nicht das Komponieren werden, sondern vor allem das Dirigieren. Er wurde zunächste Kapellmeister in Königsberg, Danzig, Hamburg, Frankfurt und Mannheim. 1891 bekam er die begehrte Selle als 1.Kapellmeister an der Berliner Hofoper und dirigierte die Sinfonieabende der Königlichen Kapelle. 1898-1905 wurde er Chefdirigent des "Kaim-Orchesters", dem Vorgänger der Münchner Philharmoniker. 1907 wurde er Nachfolger von Gustav Mahler in Wien. 1911 gab es sie wieder ab, um sich vor allem den Wiener Philharmonikern widmen zu können (1908-1927), die unter seiner Leitung weltberühmt werden sollten.

1919 bis 1924 war er der Leiter der Wiener Volksoper. Von 1927-1935 ging er nach Basel, um dort Direktor des Konservatoriums zu werden. Außerdem wurde er der Leiter der Konzerte der Allgemeinen Musikgesellschaft in Basel. 1935-1936 ging er nochmals zur Wiener Staatsoper als Direktor zurück. Außerdem gab er Konzerte in Hamburg, Boston und München.

Durch den Wandel der politischen Neigungen in Österreich ab ca. 1936, was am Ende 1938 der Beitritt zu Hitlers 3.Reich als negativen Höhepunkt gipfelte, verließ von Weingartner das Land und ging in die Schweiz.

Felix von Weingartner zählte mit seiner eleganten Schlagtechnik, sparsamen Zeichengebung und dem Verzicht auf jede Effekthascherei, dem Gespür für das richtige Tempo und den großen Wert auf werktreue Interpretationen zu den Wegweisern des modernen Dirigenten, der prägend wurde, und der sich am Ende auch durchsetzen konnte, gegen jene Zeitgenossen, die Einschnitte und Eingriffe in die Werke der Komponisten vornahmen.

Weingartner zählte auch als Schriftsteller mit Büchern über das Dirigieren und "Die Sinfonien nach Beethoven" zu den führenden Personen seiner Zeit. Ebenfalls schrieb er ein Buch über den Schweizer Dichter Carl Spitteler und machte ihn der Öffentlichkeit bekannt.

Felix von Weingartner schrieb 7 Sinfonien, 2 Symphonische Dichtungen, eine Sinfonietta, eine Serenade, ein Violin, ein Cellokonzert und 8 Opern. Dazu kommt diverse Kammermusik.

Am 16.Oktober 1905 nahm er sechs Stücke für Welte-Mignon auf, und war damit einer der ersten Pianisten, die Aufnahmen hinterließen als ausübender Künstler.

Er war insgesamt fünf Mal verheiratet gewesen. Seine letzte Frau war die Dirigenten Carmen Studer gewesen.

Weingartners Grab findet man auf dem Friedhof Rosenberg in Winterthur.

Als Komponist wurde er nie wirklich anerkannt. Daher sind die Einspielungen, die das Label CPO gemacht hat, als vorbildlich anzusehen. Es fehlen leider immer noch Vergleichseinspielungen, aber vielleicht kommen die auch irgendwann mal.

Quellen: Wikipedia, die Booklets der CPO-Reihe (besonders jene von Sonja Striebel)
Maurice inaktiv (15.02.2021, 14:47):
Hier mal ein paar CD-Hinweise:
xarddam (15.02.2021, 17:00):
danke für's Vorstellen dieses Komponisten.
Kannte ich nicht
Ich höre mir jetzt gerade die 1. Sinfonie an
Das ist wunderschöne Musik, die sofort bei mir hängen bleibt (Melodien)
Maurice inaktiv (15.02.2021, 17:08):
Danke sehr. Der Verdienst insgesamt geht an Marcie. Er hatte hier damit angefangen. ich selbst habe aber die GA der Sinfonien auch hier stehen, wenn auch noch als Einzel-CDs. Daher konnte ich da recht zügig nachlegen.

Übrigens wäre auch ein Vergleich mit den Werken von Reznicek ganz interessant, der ja auch Sinfonien geschrieben hatte. Ein anderer Kandidat wäre Franz Schmidt, dessen Sinfonien entstanden in der gleichen Zeit etwa.
xarddam (16.02.2021, 06:59):
oh ja.
Dann werdeich mir Heute die 3. Sinfonie mal anhören ... :)
Toni Bernet (20.02.2021, 16:05):
Aufgrund der Eröffnung dieses Threads habe ich die Aufnahme mit dem Violinkonzert von Felix Weingartner (mit dem Geiger Laurent Albrecht Breuninger) wieder hervorgeholt. Mir war in Erinnerung, dass mir damals die Anfangsmelodie hangen geblieben ist. Und so beschäftigte ich mich - im Rahmen meiner Homepage von unbekannten Violinkonzerten - erneut mit diesem Violinkonzert. Hier folgend, was dabei herausgekommen ist.

Felix Weingartner (1863-1942): Violinkonzert G-Dur op. 52 (1911)

Unter den vielen erst im 21. Jahrhundert neu entdeckten und beim Label cpo eingespielten Orchesterwerken des Komponisten und Dirigenten Felix Weingartner (7 Symphonien, mehrere symphonische Dichtungen, Serenaden usw.) sticht das Violinkonzert von 1911 als eines der unproblematischen Werke hervor. Es ist melodienreich, überschaubar, spätromantisch in Harmonik und Stil, und – was ein Violinkonzert ausmacht – dankbar für den Solisten, virtuos und unmittelbar wirksam in seiner Ausstrahlung auf das Publikum. Glückliche Klänge des Orchesters holen die Zuhörenden unmittelbar ab und lassen sie staunen über die Schönheit und Eleganz des Geigenspiels.

Felix Weingartners Violinkonzert wurde 1911 für den noch am Anfang seiner Karriere stehenden Fritz Kreisler (1875 – 1962) komponiert, der es am 28. Oktober 1912 in Wien mit grossem Erfolg uraufführte.
Darauf erschien am 1. November in der «Neuen freien Presse» unter dem Kürzel «J.K.» eine begeisterte und höchst kompetente Konzertkritik, aus der ich hier gerne Ausschnitte wie den folgenden zitiere: «So will auch Weingartners Konzert vor allem ein kleines, lebensfrohes Fest der Geige sein, bei dem allerdings auch das in modernen Farben prangende Orchester mitfeiert. Die Faktur ist die sicherste, der gefällige Inhalt von Laune und Geist eingegeben» (J.K.). J.K. ist übrigens niemand anders als Julius Korngold, der Vater von Erich Wolfgang.
Hier zu hören!

Satz 1 (Allegro placido)

«Sein wie aus einem stillen Glücksgefühl geborenes, stufenmässig ab und auf steigendes Hauptthema hält klassischen Zuschnitt fest, während das Seitenthema, schon gegenwartsfreudiger geformt, mit Natürlichkeit Modulationsbrücken zwischen D-Dur und Des-Dur schlägt. In der Durchführung melden sich hauptsächlich Instrumentaleffekte, die mit bemerkenswerter Oekonomie der Mittel erzielt sind» (J.K.). Brillante Läufe der Geige, Hornrufe, Klarinetten-Terzen, Flötentriller, eine Stimmung wie an einem Frühlingsmorgen, Bläserrufe und sonores Mitsingen der Geige lösen sich ab. Farbige Klänge, auftrumpfende Fanfaren der Blechbläser und Dreivierteltakt-Seligkeit begleiten die Geige durch die Durchführung. Triller und Läufe in der Geige führen dann zur Reprise. Das Hauptthemas strahlt gross und breit im Orchester auf und verliert sich nochmals in Zwischenthemen der Exposition. Schliesslich bringt auch die Geige nochmals das Seitenthema. Das Orchester bereitet mit einem weiten Anlauf einen Höhepunkt vor, der Platz für die Kadenz der Geige macht. Brillant, aber ohne das Orchester und sein schönes klassisches Hauptthema zu vergessen, schliesst dann der Satz in wirkungsvoller Brillanz.


Satz 2 (Andantino quasi allegretto)

«Ein kleiner, freier Variationssatz, der nun folgt, nützt ein balladenhaftes, volksliedartiges G-moll-Thema. Die Veränderung in E-dur bringt viel Eigentümliches, vielleicht das Eigentümlichste des ganzen Werkes. Die silberschimmernde Melodie wird geheimnisvoll vom Orchester umrauscht, die Rückkehr in die Moll-Melodie vollzieht sich mit Feinheit und Stimmungskraft» (J.K.). Auch hier bieten die Variationen der Geige reiche Gelegenheit für virtuoses Brillieren, im E-Dur Mittelteil auch zum weitausholenden Singen in höchsten Tönen. Der Schluss klingt schliesslich ruhig in G aus.

Satz 3 (Caprice savoyard: Allegro molto deciso)

«In dem Caprice savoyard betitelten Finale entfesselt ein breitschallendes Ges der Hörner (und Trompeten), das als Fis zu deuten ist, eine wirbelnde Zweivierteltakt-Flottheit. Ein quecksilbriges Sechzehntelthema, dann eine Chanson populaire tollen in atemloser Bewegung dahin. Witzige Rhythmik, witzige Instrumentierung: der pikante französische Esprit des brillanten Stückes ist offenbar. Es gibt dem Geiger zu schaffen, den es dafür auf den Thron hebt» (J.K.). Treffender und knapper als in diesem Zitat von J.K. kann dieser Satz nicht zum vergnügten Mithören verlocken.
Einzig noch ein vertiefendes Zitat aus dem Buch «Akkorde» von Felix Weingartner selbst kann den Charakter dieses Konzertes zum Ausdruck bringen: «Auch einmal nichts Tiefes sagen, sich leicht und vornehm unterhalten, sich von der liebenswürdigen Seite geben, das muss der grosse Künstler können … Dieses anmutige Spiel, dieses lächelnde Tändeln mit den Erscheinungen des Lebens verlangt nicht minder grösste geistige Freiheit und Elastizität und nicht weniger sittlichen Ernst als die Tragik.

Was hier vielleicht noch zu fragen wäre: Warum bleibt dieses Violinkonzert so gänzlich ungespielt? Könnte es nicht sehr wohl mit E.W. Korngolds Violinkonzert an Ausstrahlung mithalten?