Sully (27.08.2011, 17:49): Ferdinand Hérold (1791-1833, French)
In Frankreich hatte man Ferdinand Hérold nie ganz vergessen. Die restliche Musikwelt entdeckt ihn gerade wieder und dies nicht erst, seit sein "Holzschuhtanz" bei der letzten Fußball-WM für eine Fernseherwerbung herhalten musste. Der französische Komponist aus dem Elsass war einer der kreativsten seiner Zeit, der Epoche Schuberts und Beethovens. Höchst originelle Sinfonien voller Esprit hat man schon von ihm kennengelernt, auch Ballette oder Opernouvertüren. Nun legt das Label Mirare aus Frankreich einen weiteren Puzzlestein vor, mit dem sich das Bild eines überaus spannenden Komponisten weiter rekonstruieren lässt: Es sind Klavierkonzerte von Hérold, das zweite, dritte und vierte. Verfasst sind sie an der Schwelle zur Romantik, jedoch noch ganz im klassischen Stil. Später versteckte er sie, damit man ihn nicht als unmodern empfinden sollte.
Heute erscheinen diese Kompositionen für ihre Entstehungszeit um 1810 in der Tat sehr klassizistisch, aber auch der große Hummel schrieb in ähnlichem Stil. Und Hérold beweist auch hier sein ausgeprägtes Klangempfinden, seinen Sinn für Melodien und Instrumentation. Und wenn sich dann noch feinsinnige Experten wie der Pianist Jean-Frederic Neuburger und der Klassik- und Spätklassikspezialist Hervé Niquet am Pult der Sinfonia Varsovia zusammenfinden, dann ist diese Wiederentdeckung des verkannten Franzosen tatsächlich ein Hörgenuss. Die Aufnahme ist voller Elan gespielt, gut ausbalanciert und mit großem Verständnis für den Stil der Zeit interpretiert.
Ein Album mit zwei Overtüren und den Symphonien No.1 und 2 sind ein Hörgenuß.
Gruß Sully
Rideamus (28.08.2011, 07:56): Dem Plädoyer für Ferdinand Hérold möchte ich mich sehr gerne anschließen. Seien Bedeutung für seine Zeit kann man schon daran ermessen, dass Schubert Variationen über ein ThjemaThema von Hérolds MARIE für Klavier zu vier Händen schireb (Op. 82, D. 908).
Heute noch am (relativ) bekanntesten sind wohl seine Ballette LA FILLE MAL GARDÉE und LA SOKNAMBULE (ein Stoff, den wir vorwiegend von Bellinis Oper kennen):
Ziemlich bekannt ist auch - und leider nur - seine rasante Ouvertüre zu der Oper ZAMPA, die sich, wenn man einmal die ganze Oper kennt, als ein ähnliches Phänomen entpuppt wie die Ouvertüren Franz von Suppés: man denkt, nur die Ouvertüren wären das Überleben wert gewesen, aber bei näherem Hinhören stellt man fest, dass sie nur den Auftakt zu herrlichen Bühnenwerken bildeten, welche die Themen ihrer Ouvertüren meist in großartigen Arien und besonders Ensembles darboten. Im Netz kursiert eine superbe Aufnahme dieser Oper aus Paris von 2008 mit Patricia Petibon, in der William Christie seine Arts FLorissants leitet, die unbedingt eine offizielle Veröffentlichung verdient. Ichbrecycle gier mal eine ältere Rätsellösung von mir:
Hérold zählte neben dem im gleich Jahr geborenen Giacomo Meyerbeer und dem nur ein Jahr jüngeren Gioacchino Rossini im 19. und anfangs des 20. Jahrhunderts zu den populärsten Komponisten Frankreichs, wenn nicht Europas, und es ist wirklich erstaunlich, zudem höchst ungerecht, wie gründlich er dennoch in Vergessenheit geraten konnte. Insofern ereilte ihn ein ähnliches Schicksal, wie es dem zehn Jahre jüngeren Albert Lortzing bei uns beschieden war. Man kennt ihn, spielt ihn aber kaum noch, und das aus nicht unähnlichen Gründen. Nicht von ungefähr gehören melodisch schlichte, leicht sentimentale Klagen über die entschwundene Jugendzeit lange Zeit zu den beliebtesten Schöpfungen beider Komponisten.
Während Lortzing aber immerhin noch zum Inbegriff des musikalischen Biedermeier werden konnte, hatte Hérold aus unserer heutigen Sicht das Pech, als einer der größten Komponisten des Belcanto in der falschen, wiewohl damals weltweit wichtigsten Sprache zu arbeiten. Die Virtuosinnen der Koloratur singen nun einmal lieber auf italienisch statt auf französisch und setzen sich daher lieber für eine der vielen noch immer unbekannten Opern Donizettis ein als für die beiden einst ungemein populären Opern Hérolds. Aber vielleicht ändert sich das gerade, denn zum Glück haben wir seit nde des letzten Jahrtausends wieder sehr gute französische Stimmvirtuosinnen, und die Singvögel bleiben nicht mehr nur in der italienischen Allée des charmilles, in die höchstens mal ein Offenbach eindringen darf.
Wenn man die putzmunteren Ouvertüren von Hérolds vorletzter Oper ZAMPA oder seines letzten und erfolgreichsten Werkes LA PRÉ AUX CLERCS hört, mag man kaum glauben, dass sie den Auftakt zu ziemlich ruchlosen Spielen bildet. Dass Hérold seinen DON GIOVANNI kannte, als er ZAMPA schrieb, und keineswegs an einer mangelnden Fähigkeit scheiterte, dessen Tonwelt zu evozieren, verraten die Klänge, mit denen er dort die Auftritte der Marmorstatue begleitet, die am Ende eines jeden Aktes für eine dramatische Wendung sorgt. Sein Interesse aber galt nun einmal nicht der Tragödie. Selbst als er sein erfolgreichstes Werk, LA PRÉ AUX CLERCS, komponierte, das nur ein Jahr nach dem großen Erfolg von ZAMPA, also 1832, auf die Bühne der Opéra comique gelangte, wo es in nur 70 Jahren über tausend mal aufgeführt wurde, und dafür – einige Jahre vor Meyerbeer – ein Sujet nach einer Vorlage des CARMEN-Schöpfers Prosper Mérimée um die berüchtigte Margarete von Anjou wählte, vermied er die Grausamkeiten der Bartholomäusnacht.
Beide Opern waren bis zum Zweiten Weltkrieg auch bei uns enorm erfolgreich, und das so sehr, dass sogar Johann Nestroy eine viel belachte Parodie mit dem Titel "Zampa der Tagedieb oder die Braut von Gyps" herausbringen konnte. Leider sind beide Werke heute weitgehend von den Opernbühnen der Welt verschwunden. Hérold war sicher kein Revolutionär der Musik, aber er schuf einige ihrer unterhaltsamsten Stücke, und sein Werk wäre es wirklich wert, wieder einmal intensiver wahrgenommen zu werden. Es enthält nämlich wunderbare Schätze, die man heben sollte, wann immer man irgend die Gelegenheit dazu hat.
:hello Rideamus
Sully (28.08.2011, 11:38): Hallo Rideamus,
ein Danke für die zusätzlichen Informationen.
Ergänzung zu Ferdinand Herold:
In youtube kann man neben den Overtüren zu den Opern 'ZAMPA' und 'LA PRÉ AUX CLERCS' und mehr auch hören. So auch...
Herold - Concerto pour Piano No.3 en la majeur - I. Allegro maestoso Jean-Frédéric Neuburger piano; Sinfonia Varsovia, cond. Hervé Niquet http://www.youtube.com/watch?v=-YdiUMLHCCU
Hört es euch an und genießt es!!
Gruß Sully
Rideamus (28.08.2011, 14:25): Zum Genießen, ja, nachgerade zum Niedrknien ist auch diese Arie aus Hérolds ZAMPA in der Interpretation von Patricia Petbon, die ich gerade auch YouTube gefunden habe: http://www.youtube.com/watch?v=b5rRaEu3Z4E&feature=related :times10
Wer die Ouvertüre kennt, wird hier ebenfalls etwas wieder erkennen. Viel Freude auch damit.
:hello Rideamus
Maurice inaktiv (17.03.2013, 17:34): Die Aufnahme mit den beiden Sinfonien habe ich auch.Für mich ist die CD sehr gelungen.Man kann jedem nur raten,sie sich mal zu kaufen.
Schön dass man hier auch einen Thread zu Herold findet.
Zu Zampa möchte ich eine kleine Geschichte erzählen... Im Wien des 19. Jhdts wurde gerne getanzt. Darum haben viele Komponisten Melodien aus Opern und später dann Operetten hergenommen und daraus "Tanzmusik" gemacht (zb Rosen aus dem Süden op.388 von Strauß Sohn)
Dies tat auch Strauß Vater, jedoch hatte der keine eigenen Bühnenwerke geschrieben die er umarbeiten hätte können. Also bearbeitete er ungeniert Werke anderer Komponisten. Meyerbeer, Auber, Rossini, Bellini und eben auch Herold.