Florence Beatrice Price: Violin Concerto No 2

Toni Bernet (01.11.2021, 17:42):
Spricht man von amerikanischen Violinkonzerten, fallen Komponisten-Namen wie Erich Wolfgang Korngold oder Samuel Barber, vielleicht erinnert man sich noch an George Rochbergs Violinkonzert (Uraufführung durch Isaak Stern!) oder an die Serenade after Plato‘s Symposium von Leonhard Bernstein. Noch sind es wenige, die die erste afro-amerikanische Komponistin Florence Price erwähnen würden. Sie selbst stellte sich einmal dem Dirigenten und Musikdirektor des Boston Symphony Orchestra folgendermassen vor: “My dear Dr. Koussevitzky, To begin with I have two handicaps—those of sex and race. I am a woman; and I have some Negro blood in my veins.” Aber Koussevitzky ignorierte sie als Komponistin, wie es noch viele taten. Sowohl als Frau wie auch als Afro-Amerikanerin hatte sie alle Schwierigkeiten, sich in den USA der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Orchesterkomponistin durchzusetzen. Sie war aus ihrer Heimat Arkansas wegen Rassendiskriminierung in den Norden nach Chicago weggezogen, befreite sich dann von einem gewaltsam gewordenen Ehepartner und setzte sich darauf bewusst in verschiedenen Organisationen sowohl für schwarze MusikerInnen und generell für Frauen als Musikerinnen ein.
Florence Price studierte Klavier, Orgel und Komposition und war von der Idee Antonin Dovraks begeistert, eine Tradition amerikanischer Symphonien weiterzuführen, die dieser mit seiner Symphonie aus der neuen Welt begonnen hatte und die sich auf die vielfältige amerikanische Volksmusik beziehen sollte. Nur sollte nach Florence Price die Tradition der Black Folk Music nicht übergangen werden. Neben vielen Songs, Spirituals und Kompositionen für Kinder komponierte sie speziell auch Orchestermusik, nämlich Symphonien, Konzerte für Klavier oder Violine. Ihre Karriere war vielfältig, neben Komponistin war sie Solistin, Administratorin und Mutter zweier Töchter. 1933 brachte das Chicago Symphony Orchestra unter dem deutschstämmigen Dirigenten Frederick Stock ihre erste Symphonie in e-moll zur Aufführung. Erstmals spielte ein bekanntes amerikanisches Orchester ein Orchesterwerk einer afro-amerikanischen Frau. Man kann nicht sagen, Florence Price sei in ihrer Zeit unbekannt geblieben, aber ihre Orchesterwerke wurden selten gespielt und ihr Werk nach ihrem Tod 1953 auch nicht weiter gepflegt. So entdeckten die Käufer eines höchst renovierungsbedürftigen Hauses, in dem Florence Price jeweils ihre Sommerzeit verbrachte, 2009 noch stapelweise Noten und Schriften von ihr. Erst kürzlich wurden ihre Violinkonzerte No 1 und 2 neu herausgegeben und auf CD eingespielt. Auch auf Youtube werden einige neuere Aufführungen vor allem des 2. Violinkonzertes dokumentiert. Dass der international bekannte Dirigent Yannick Nézet-Séguin 2021 auf dem Label Deutsche Grammophon die beiden Symphonien Nr. 1 und 3 eingespielt hat, weist auf ein wachsendes Interesse an ihrer Musik hin.
Woran das liegt, ist noch nicht klar. Den einen kann ihre von der Spätromantik ausgehende Musik wie Filmmusik erscheinen, andere entdecken eine eigene spezielle kreative Energie in dieser Musik, die Elemente von afro-amerikanischer Musik (Spirituals und Java-Musik) belebend in die amerikanische Orchestermusik einbrachte.
So können wir Im Violinkonzert No 2 spiritualartige Melodien hören, von einem klassischen Blechbläserquartett des Orchesters gespielt, sowie Juba-Rhythmen (Juba, auch Giuba, war ursprünglich ein «Plantagentanz, erdacht und entwickelt im 19. Jahrhundert von Westafrikanischen Sklaven, die während ihrer Versammlungen bei Strafandrohung keine Trommeln benutzen durften. Stattdessen nutzten sie auf den Plantagen den Körper als Rhythmusinstrument und Kommunikationsmittel. Dies beinhaltete Stampfen, Klatschen und Schlagen oder Klopfen auf Arme, Beine, Brust und Backen, um damit verschiedene komplexe Rhythmen zu erzeugen.» Wikipedia)

Das Violinkonzert No 2 von Florence Price ist einsätzig und dauert bloss ungefähr 16 Minuten. Es entspricht eher einer Rhapsodie als einem in Sonatenform komponierten Konzertsatz. Mehrere Themen lösen sich ab, wiederholen sich, entwickeln sich im Zusammenspiel von Orchester und Geige und verändern sich je nach Orchestrierungs-Kontext. Man kann eine Struktur entdecken, die von Abschnitt zu Abschnitt in sich überfliesst: Anfangsthema – Juba-Thema – Spiritual-Thema – Kadenz - Anfangsthema – Jubla – Spiritual – Reprise Anfangsthema – Jubla – Spiritual – Jubla nochmals in vollem Orchester, virtuose, kadenzartige Geigenpassagen – Verklingen des Spiritual-Bläserchors – kurze Coda.
Hier zu hören!

Einen Hörbegleiter finden Sie hier!
Cetay (02.11.2021, 03:58):
Wer Hi-Res-Streaming oder physische Tontraeger vorzieht, sei ergaenzend auf diese Aufnahme hingewiesen:



Er-Gene Kahng, Janacek Philharmonic, Ryan Cokerham

Ich habe mir das Zweite zu Gemuete gefuehrt und war doch etwas enttaeuscht. Blues, Spiritual, Juba - ohne die Hoerhilfe (Dank dafuer @ Toni) haette ich diese Elemente kaum heraushoren koennen, das kann aber durchaus an meiner mangelnden Hoerkompetenz liegen. Trotzdem, ich habe mir das pointierter vorgestellt, erhofft, gewuenscht - eher in Richtung von Ives. Dass es jetzt eine Einspielung der Sinfonien beim Gelblabel gibt, deute ich nicht unbedingt als wachsendes Interesse. Es koennte schlichtes Reiten auf der Welle der Wokeness sein.