Forbidden Pleasures: Interpretationen jenseits von Gut und Böse
Pollux (12.11.2007, 20:12): Erlaubt ist was gefällt? Nicht doch! Wenn es hin und wieder vorkommt, dass die Neueinspielung eines sattsam bekannten Werks aus dem Rahmen fällt und eine noch nicht dagewesene, extreme Lesart präsentiert, schlagen die Wellen der Empörung mancherorts schnell hoch - bei Ottonormalhörern und Lordsiegelbewahrern der Musik gleichermaßen. Bei besonders eigenwilligen Deutungen wird der Tonfall der Kritik auch schon mal extrascharf. "Das kann man doch nicht machen!" ist da noch eine milde Form der Ablehnung. Andere nehmen's wiederum gelassen.
Wieder andere finden mitunter großes Vergnügen an bizarren Deutungen, wie zum Beispiel ich. In meiner Sammlung befindet sich eine Doppel-CD mit Mozartsonaten, gespielt von Glenn Gould. Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn eingefleischte Mozartianer diese Einspielung als Karikatur oder gar als glatte Verarschung ansehen. Ich bin ja auch selbst der Auffassung, dass diese Lesart daneben ist, aber, und das ist ein großes ABER, es macht mir auch irgendwie höllischen Spaß, das anzuhören. Mozart im Glenn-Gould-Nähmaschinen-Stil auf der Suche nach dem Kontrapunkt - faszinierend daneben! Und ab und zu genieße ich eben solche "verbotenen Freuden".
Wie sieht's in eurem Giftschrank aus? Einschlägige Geständnisse bitte in diesem Thread. Keine Angst, ihr kommt alle mit Bewährung davon.
HenningKolf (12.11.2007, 20:19): ich weiß, dass diese hier
manch Liebhabern alter Musik die Zornesröte ins Gesicht treibt.
Ich mags, bin aber auch kein Liebhaber alter Musik...
Glenn Gould hingegen vermag mich oft reichlich zu nerven
Gruß Henning
Meiner Ansicht nach ist diese Aufnahme in keiner Hinsicht daneben, sondern völlig ernst zu nehmende Musik.
Garbarek beabsichtigt ja hier nicht mit häßlichem Dazwischen-Tröten die Alte Musik in einen Kontext zu stellen, der nichts mit ihr zu tun hat. Sein Saxophon intoniert sehr langgezogene, atmosphärische und schöne Töne - rhythmisches, tänzerisch swingendes Jazz-Saxophon bleibt völlig ausgespart.
Sowohl die alten Kirchenchoräle als auch sein Saxophon verbreiten eine deutlich spirituelle Gestimmtheit. In den spätmittelalterlichen Chorgesängen spiegelt sich allerdings eine kollektive gemeinschaftliche Religiösität wieder, während Garbareks Instrument eine individuelle Einzelstimme darstellt. Diese Einzelstimme versinnbildlicht (für mich) eine auf das Selbst ausgerichtete moderne Spiritualität.
Hier wird nicht in kritischer oder popularisierender Absicht gegen die Kirchenmusik angespielt - vielmehr findet ein Gespräch mit ihr statt.
Wunderschöne und tiefe Musik!
:hello Jörg
satie (13.11.2007, 00:05): Ich habe lange überlegt, ob ich hier etwas schreiben soll. Aber warum nicht, schließlich wollen wir ja der Diskussion nicht aus dem Weg gehen, sondern durch sie einander besser verstehen lernen. Wer also angepflaumt reagiert, der ist selber schuld, wie immer... Diese Garbarek-Hilliard-Sache...nun, zwar kann man Garbarek nichts vorwerfen, er ist ein hervorragender Musiker (ich denke da nur an das tolle Album mit Keith Jarrett (wie hieß es noch???). Ein hervorragender Jazz-Saxophonist, der durch einen kühl-rauen Ton besticht, der ihm ganz eigen ist. Elegien aus dem hohen Norden, das sind seine Balladen fast immer, egal um welche Standards oder was auch immer es sich handelt. Und so ist ja klar, dass Garbarek auch hier seine ihm ganz eigene Art des Saxophon-Spiels einbringt, die zunächst auch gar nicht so schlecht passt zum Gesang des Hilliard-Ensembles. Auch das Hilliard-Ensemble ist hervorragend, eines der Spitzen-Ensembles der alten Vokal-Musik. Unglaublich schön im Klang, ein Wahnsinn, wie die zusammen atmen. Man hat also zwei sehr bekannte, große Namen. Wenn nun jeder davon für Qualität bürgt, so muss die Mischung beider geradezu einen Gipfelpunkt der Musizierkunst, ein nie da gewesenes Klangereignis, eine Freude für Jung und Alt, ein wahrer Quell der musikalischen Erleuchtung sein. Möchte man meinen.
Und tatsächlich, das alles geht zusammen, klingt "schön", "meditativ", "rein", "introvertiert", "atmosphärisch", "tief", "ergreifend", "schlicht" etc. etc. etc. ad infinitum.
ABER:
Das alles träfe zu, wenn dieses Saxophon nicht dabei wäre, und ich meine, in erhöhtem Maße. Warum? Weil rein quantitativ eine Stimme mehr zu einer Komposition zu setzen ihren Grad an Schlichtheit reduziert, zwangsläufig, sofern sie nicht einfach nur eine andere Stimme doppelt. UND: über ein Organum von Perotin zu improvisieren mag möglich sein, nimmt ihm aber musikalisch alles, wenn aus einem Verständnis heraus improvisiert wird, welches ganz offensichtlich gar kein Verständnis für diese Musik ist. Garbarek hört einen d-moll-Akkord und spielt halt eine Skala in d-moll, so wie man sie im Jazz spielen kann (mit großer Septime und ähnlichen tollen Färbungen). Garbarek macht, was ein Jazzmusiker eben macht mit einem Akkord. Nur gar zu blöd, dass die Musik vor 1600 kein akkordisches Verständnis hat, sondern nur ein modales, an Intervalle gebundenes. Diese Musik wird gesprengt, wenn man die Modi so bedenkenlos überschreitet, aus Lust an einer erhöhten Farbigkeit. Die eigentliche Musik wird zum esoterischen Background-Sound für eine streckenweise reichlich narzisstische Selbstdarstellung (ja, ich fange jetzt an zu beißen!) eines Solisten aus einem völlig anderen Bereich der Musik. Die Schuld gebe ich hier keineswegs Jan Garbarek, der einfach nur spielt, wie er eben spielt, nordische Elegien, wie immer. Die Schuld gebe ich dem Hilliard-Ensemble, welches eigentlich besser wissen sollte, was es dieser Musik damit antut. Der Hörer wird hineingeführt in ein Missverständnis von Alter Musik (und ich wette, viele Leute finden jetzt anscheinend "Alte Musik" schön, seit sie diese Scheibe gehört haben; würden sie eine Stunde lang die Musik ohne Saxophon hören, würde ihnen aber wohl etwas fehlen). Für mich ein Beispiel, wie man vermarktet und wie man die Leute noch mehr davon abbringt, sich einmal der Askese, dem Schweigen, der Ruhe, dem Kargen, Einfachen hinzugeben indem man gnadenlos das Crossover-Rezept aufwärmt. Mir kommt es vor, als ob man in einer alten gotischen Kirche unter der Discokugel mit Pfarrer Fliege die mit Gummibärchen verzierten Oblaten in den Latte Macchiato tunkt und dabei auf der gedämpften Orgel "My funny Valentine" oder "Autumn leaves" hört, während man sich in einer Ecke auf dem Designer-Sofa herumfläzt. Und danach ist man einhellig der Meinung: Der war doch total smooth, der Gottesdienst, was?
Darauf noch ein Bier aus der Küche holend, S A T I E. Prost.
Gamaheh (13.11.2007, 00:15): Original von Pollux Mozartsonaten, gespielt von Glenn Gould. Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn eingefleischte Mozartianer diese Einspielung als Karikatur oder gar als glatte Verarschung ansehen. Ich bin ja auch selbst der Auffassung, dass diese Lesart daneben ist, aber, und das ist ein großes ABER, es macht mir auch irgendwie höllischen Spaß, das anzuhören. Mozart im Glenn-Gould-Nähmaschinen-Stil auf der Suche nach dem Kontrapunkt - faszinierend daneben!
Hallo Pollux,
ich liebe Glenn Goulds Mozart (den Gould als den "leider zu spät Verstorbenen" bezeichnete) und finde ihn überhaupt nicht daneben, ganz im Gegensatz zu den seichten, lieblichen Mozart-Kugel-Interpretationen, von denen es viel zu viele gibt. Sein Beethoven vielleicht ...
Und Satie: Ist das Dein Ernst? Vielleicht sollte ich doch mal in die Kirche gehen!
Grüße, Gamaheh
satie (13.11.2007, 00:45): Liebe Gamaheh, schön, mal wieder von Dir zu lesen! Also, in die Kirche kann man schon gehen, allerdings gehe ich lieber hin, wenn kein Pfarrer auf der Kanzel steht (privat hingegen unterhalte mich gern mit ihm). Mit Religion haben alle ihr Problem, und ich weiß auch nicht genau, was das ist. Ich sehe mich irgendwo zwischen Pantheismus und Mystizismus und will eigentlich gar nicht hierüber reden. Mir ist es absolut ernst gewesen mit meinem Beitrag (und letztere Schilderung würde ich zu gerne auch mal live erleben, vielleicht noch mit Hermes Phettberg als Ministrant). Aber ist es mir denn nicht IMMER ernst?
Eine gute Nacht wünscht der nach dem zweiten Bier seltsamerweise irgendwie sich leicht schwummrig fühlende und langsam aber sicher die Tasten nicht mehr so richtig treffende S A T I E
(ich sollte regelmäßiger Alkohol trinken)
P.S.: zu Goulds Mozart werde ich dann wohl auch noch was sagen müssen...seid gewappnet...
Poztupimi (13.11.2007, 01:10): Original von Satie
Für mich ein Beispiel, wie man vermarktet und wie man die Leute noch mehr davon abbringt, sich einmal der Askese, dem Schweigen, der Ruhe, dem Kargen, Einfachen hinzugeben indem man gnadenlos das Crossover-Rezept aufwärmt.
Darauf noch ein Bier aus der Küche holend, S A T I E. Prost.
Lieber Satie,
also, die Vermarktung hat bei mir auch zu dem für die beteiligten Künstler etc. erfreulichen Ergebnis geführt, daß ich die CD erworben habe - und sogar noch "Mnemosyne", lange ist's her. Aber ich habe sie in den letzten Jahren zunehmend seltener gehört, zuletzt eigentlich nur noch von der letzteren die ersten vier Stücke der ersten CD. Und seid ich das wie ich finde wunderbare "Remember me my Deir" in der Fassung mit dem Ensemble "Amarcord" endlich ohne Saxophon besitze, habe ich auch "Mnemosyne" nicht mehr gehört. Ich fand es zuletzt doch einfach nur anstrengend. Und jetzt brauche ich noch "O Lord in Thee is all My Trust" von Tallis ohne Saxophon!
Viele Grüße, Wolfgang
satie (13.11.2007, 09:25): Zu Gould und seinen Mozart-Bearbeitungen werde ich mich wohl doch lieber nicht weiter äußern, denn mein Herz brauche ich noch eine Weile, zumindest hatte ich nicht heute vor, ins Gras zu beißen. Wem das gefällt, der hat entweder einen sehr schrägen Sinn für Humor (man kann sich z.B. freuen, dass Plattenfirmen ihr Geld in so was reinstecken oder diverse Hörer gar nicht merken, was der da macht etc.) oder aber einfach keinen Geschmack. Das Argument, hier werde wenigstens nicht so verweichlicht gespielt, hat zwar generell eine Gültigkeit, nicht aber im Fall von Gould, der manche Passagen genau so "standard-delikat" spielt, wie andere, nur muss es ihm eben gerade in den Kram passen. Ich ziehe da einen Andreas Staier bei weitem vor, der uns Mozart stellenweise auch ganz neu erscheinen lässt, aber in einer Lesart, die a) sich nicht einfach keinen Dreck um Artikulation und Tempi schert b) ein gewisses historisches Bewusstsein erkennen lässt c) Mozart überhaupt als Musik gelten lässt d) nicht Interpretation mit Selbstdarstellung verwechselt (zumindest nicht so...) e) dem gesunden Menschenverstand nicht einfach nur Lebwohl sagt
Das reicht.
Herzlich, S A T I E
P.S.: Ich möchte noch eine Interpretation anführen: den Bolero von Ravel durch einmal Emerson, Lake and Palmer und dann auch durch James Last. Beide sind weniger schlimm als Goulds Mozart und weniger schlimm als Garbarek/ Hilliard, aber sie sind natürlich ebenfalls Bearbeitungen und keine Interpretationen. Gould macht meiner Ansicht nach auch eine Bearbeitung, zumindest verwischt die Grenze zwischen Interpretation und Bearbeitung in diesem Fall.
Jeremias (13.11.2007, 09:35): Dann würden hier auch sämtliche Live-Darbietungen von Pogorelich genannt werden müssen! Für die 6 Moments musicaux von Rachmaninoff op.16 benötigte er einst fast 1 Stunde (normaldauer. 30 Minuten!). Chopins Sonate h-moll war derart auseinander genommen, dass man sie nicht wiedererkannte.... und dennoch fasziniert er auf seine Weise!
satie (13.11.2007, 09:58): Ich würde Pogorelich mit einigen Interpretationen durchaus hier in diesem Thread sehen. Nur: bei ihm bleibt es noch irgendwie Musik. Eine Vergewaltigung a la Türkischer Marsch von Gouldzart habe ich von ihm bislang nicht gehört.
ab (13.11.2007, 10:00): Noch so ein paar Sachen, an dem sich die Geister scheiden:
ab (13.11.2007, 10:03): und etwas, woran sich die Geister sicher nicht scheiden:
Foster Jenkins, Florence THE NIGHTINGALE - Der Hölle Rache. Arien und Lieder von Strauß/Die Fledermaus - Mein Herr Marquis, Mozart/Die Zauberflöte - Der Hölle Rache, Liadoff/Die Musikdose, Delibes/Lakmé - Glöckchenarie, McMoon/Serenata mexicana u.a. Cosme McMoon/Klavier. http://www.zweitausendeins.de/www_articles_images/large/601094.jpg
Eindringlicher wurde wohl "Der Höllen Rache" aus der Zauberflöte nie gesungen! Hier wird der Inhalt des Titels wörtlich exakt getroffen!
Das sollte wohl jede Musikliebhaberin und jeder Musikliebhaber zumindest einmal in ihrem oder seinem Leben gehört haben! :B
Jeremias (13.11.2007, 10:06): @ ab: Hierbei sollte man anmerken, dass FFJ aus reichem Hause kam und es ihr Traum war, Sängerin zu werden.... ihre Konzerte waren Jahre im voraus ausverkauft.... schön, dass diese Aufnahmen erhalten sind!
Pollux (13.11.2007, 10:11): Original von Satie Wem das gefällt, der hat entweder einen sehr schrägen Sinn für Humor...
Schuldig im Sinne der Anklage. :D
Beste Grüße, Pollux
satie (13.11.2007, 10:15): Original von Satie Ich würde Pogorelich mit einigen Interpretationen durchaus hier in diesem Thread sehen. Nur: bei ihm bleibt es noch irgendwie Musik. Eine Vergewaltigung a la Türkischer Marsch von Gouldzart habe ich von ihm bislang nicht gehört.
Ich korrigiere mich teilweise: Pogorelichs Bach und sein Scarlatti sind tatsächlich schon sehr miserabel. Seine Chopin-Preludes sind auch eher ein flüchtiger Blick auf den Notentext (wie sonst könnte man etwa im f-moll-Prelude die lange Pause kurz vor Schluss einfach vergessen?). Und selbst bei Mozarts A-Dur-Sonate: zwar nicht der Türkische Marsch, wohl aber der erste Satz ist schon etwas, das man nicht guten Gewissens als Mozart bezeichnen kann. Eine Tongebung, wie sie selbst bei den kantabelsten Nocturnes von Chopin nicht angebracht wäre, und eine Abphrasierung mit Rubatissimo (nach beinah jeder Phrase)...nein danke. Er gehört also mehr in diese Rubrik als ich zuerst gedacht hatte. Ich hatte eben zu lange nicht mehr hingehört. Und ich habe nur Studioaufnahmen...
satie (13.11.2007, 10:23): Lieber ab, ja, Afanassiev! Sein Schubert D 960 bei ECM sollte unbedingt erwähnt werden. Die ersten beiden Sätze sind schon sehr seehr seeeeeeehr seeeeeeeeeeeeeehr gäääääääääääääääääääääääääääääääääääääähn
Und Beethovens fünftes, hach, wie das als herrlich verschleppter Walzer am Ende vor sich hin stolpert, ja, ein ganz Großer der Interpenetrationskunst.
Aber nun gut, mancher ist eben ein phlegmatisches Gemüt.
Rachmaninov (13.11.2007, 10:24): Original von Satie Lieber ab, ja, Afanassiev! Sein Schubert D 960 bei ECM sollte unbedingt erwähnt werden. Die ersten beiden Sätze sind schon sehr seehr seeeeeeehr seeeeeeeeeeeeeehr gäääääääääääääääääääääääääääääääääääääähn
Mir gefällt sein Schubert. Aber die h-moll Sonate mit endlosen 45 min. muss man hier nennen liebe Musikfreunde!
Rachmaninov (13.11.2007, 10:26): Original von Satie Original von Satie Ich würde Pogorelich mit einigen Interpretationen durchaus hier in diesem Thread sehen. Nur: bei ihm bleibt es noch irgendwie Musik. Eine Vergewaltigung a la Türkischer Marsch von Gouldzart habe ich von ihm bislang nicht gehört.
Ich korrigiere mich teilweise: Pogorelichs Bach und sein Scarlatti sind tatsächlich schon sehr miserabel. Seine Chopin-Preludes sind auch eher ein flüchtiger Blick auf den Notentext (wie sonst könnte man etwa im f-moll-Prelude die lange Pause kurz vor Schluss einfach vergessen?). Und selbst bei Mozarts A-Dur-Sonate: zwar nicht der Türkische Marsch, wohl aber der erste Satz ist schon etwas, das man nicht guten Gewissens als Mozart bezeichnen kann. Eine Tongebung, wie sie selbst bei den kantabelsten Nocturnes von Chopin nicht angebracht wäre, und eine Abphrasierung mit Rubatissimo (nach beinah jeder Phrase)...nein danke. Er gehört also mehr in diese Rubrik als ich zuerst gedacht hatte. Ich hatte eben zu lange nicht mehr hingehört. Und ich habe nur Studioaufnahmen...
Darf mir sein Spiel dennoch gefallen ?(
satie (13.11.2007, 10:29): Lieber Richard, Dir darf doch alles gefallen, besonders wenn es mir nicht gefällt, denn dann decken wir schon mal zwei divergierende Geschmäcker bestens ab! Außerdem: wer bin denn ich, dass ich hier die Weisheit mit Löffeln gefressen haben sollte? Ich gebe auch zu, dass ich hier schon ein wenig sehr stichele...aber lasst mich doch auch mal Kritiker sein...
ab (13.11.2007, 10:29): Original von Satie Lieber ab, ja, Afanassiev! Sein Schubert D 960 bei ECM sollte unbedingt erwähnt werden. Die ersten beiden Sätze sind schon sehr seehr seeeeeeehr seeeeeeeeeeeeeehr gäääääääääääääääääääääääääääääääääääääähn
Und Beethovens fünftes, hach, wie das als herrlich verschleppter Walzer am Ende vor sich hin stolpert, ja, ein ganz Großer der Interpenetrationskunst.
Aber nun gut, mancher ist eben ein phlegmatisches Gemüt.
Das hat nichts mit Phlegma zu tun, sondern mit dem Konzert, die Obertöne erstehen zu lassen. Seinen Beethoven schätze ich ganz besonders - nicht als Beethoven, sondern als erklingende Musik natürlich :wink :times10
Das Andantino der d.959-er Sonate gehört für mich zum Großartigesten, was ich an Klängen überhaupt kenne :down :down :down :down :down :times10 - nicht als Schubert natürlich, sondern als hörbare Musik, abseits von Gedanken an Authentizität.
Die Sonatinen muss ich mir aber wirklich nicht anhören...
satie (13.11.2007, 10:35): Einen, den man schon lange nirgends mehr genannt hat, der aber vor Jahren ein regelrechter Shooting-Star gewesen ist:
James Galway, Flöte. Er hat gnadenlos alles verwurschtet, was ihm gefiel, von Schubert-Liedern bis hin zu Bachs Air, welches er von einem polyphonen Satz zu einer Solo-Arie umarbeitete und als wohl einziger Interpret der Welt mit einem sytaktischen Fehldenken verband, das seines Gleichen sucht (der berühmte Vorschlag, den man schwer auf die 1 spielen MUSS, den er aber als auftaktiges Seckzehntel spielte nur als Beispiel). Dick und gefällig gefiel er sich selbst am besten und trällerte auf der Platinflöte allen Leuten die Botschaft ins Ohr, wie toll doch Flötenmucke besonders mit ihm denn sei. Ich glaube, seine beste Leistung war noch sein Beatles-Album, welches ich persönlich als noch größere Blasphemie erachte als das, was er mit der Klassik gemacht hat, denn in der war er wenigstens halbwegs zu Hause. Kennt ihn noch jemand? Oder sollte es etwas gar jemand wagen, Aufnahmen von ihm zu besitzen???
ab (13.11.2007, 10:36): Original von Rachmaninov Original von Satie chubert. Aber die h-moll Sonate mit endlosen 45 min. muss man hier nennen liebe Musikfreunde!
Den Liszt kenne ich leider nicht, aber wirklich misslungen kommt mir die Klaviersonate Op.78 d 894 in G vor:
ab (13.11.2007, 10:40): Original von Satie Einen, den man schon lange nirgends mehr genannt hat, der aber vor Jahren ein regelrechter Shooting-Star gewesen ist:
James Galway, Flöte.
Hieß der nicht Andrea Bocceli und hatte den Publikumsbonus als Mensch mit Behinderung blind zu sein? :ignore
Oder verwechsel ich das mit dem Namen David Helfgott? :ignore
satie (13.11.2007, 10:44): Original von ab
Das hat nichts mit Phlegma zu tun, sondern mit dem Konzert, die Obertöne erstehen zu lassen. Seinen Beethoven schätze ich ganz besonders - nicht als Beethoven, sondern als erklingende Musik natürlich :wink :times10
Das Andantino der d.959-er Sonate gehört für mich zum Großartigesten, was ich an Klängen überhaupt kenne :down :down :down :down :down :times10 - nicht als Schubert natürlich, sondern als hörbare Musik, abseits von Gedanken an Authentizität.
Die Sonatinen muss ich mir aber wirklich nicht anhören...
Lieber ab, dann wüsste ich gerne, warum das Erklingen von Obertönen a) einher gehen muss mit scheußlichsten Rubati b) er nicht lieber Sciarrino einspielt c) wie das seine dafür viel zu flotten Tempi in den schnellen Sätzen erklärt d) warum er bei Schubert nicht auf ein Klavier in mitteltöniger Stimmung zurückgreift, was damals durchaus noch oft vorkam und womit man tatsächlich bestimmte Intervalle so gestimmt hätte, dass überhaupt ein Netz von Obertönen entstehen kann. Der spielt aber auf nem hübsch temperiert gestimmten, neuen Flügel, der nicht einmal die notwendigen Resonanzbedingungen für einen solchen Ansatz mitbringt. e) warum er sich eine Musik dafür aussucht, die definitiv nichts mit dieser "Philosophie" zu tun hat.
Weißt Du darüber mehr? Und findest Du nicht auch, dass es Musik gibt, die per se schon geeignet wäre für ein solches Konzept, besser geeignet als Schubert und Beethoven? Mir drängt sich der Gedanke an eine philosophische Verbrämung einer Marotte auf.
Herzlich, S A T I E
ab (13.11.2007, 11:19): Original von Satie Lieber ab, dann wüsste ich gerne, warum das Erklingen von Obertönen a) einher gehen muss mit scheußlichsten Rubati b) er nicht lieber Sciarrino einspielt c) wie das seine dafür viel zu flotten Tempi in den schnellen Sätzen erklärt d) warum er bei Schubert nicht auf ein Klavier in mitteltöniger Stimmung zurückgreift, was damals durchaus noch oft vorkam und womit man tatsächlich bestimmte Intervalle so gestimmt hätte, dass überhaupt ein Netz von Obertönen entstehen kann. Der spielt aber auf nem hübsch temperiert gestimmten, neuen Flügel, der nicht einmal die notwendigen Resonanzbedingungen für einen solchen Ansatz mitbringt. e) warum er sich eine Musik dafür aussucht, die definitiv nichts mit dieser "Philosophie" zu tun hat.
Weißt Du darüber mehr? Und findest Du nicht auch, dass es Musik gibt, die per se schon geeignet wäre für ein solches Konzept, besser geeignet als Schubert und Beethoven? Mir drängt sich der Gedanke an eine philosophische Verbrämung einer Marotte auf.
Herzlich, S A T I E
(Vorausgesetzt meine Interpretation (mehr ist es nämlich nicht), es gehe hier um das Erstehenlassen von Obertönen, trifft zu) so würde ich antworten, Deine Punkte wären allesamt dadurch zu erklären, dass er Kompromisse eingeht. Dieser Kompromiss ist wohl insbesondere auch darin zu sehen, dass er doch Linien herausarbeitet, statt alle Töne gleichwertig sozusagen clustermäßig herauszuschlagen.
Ich denke auch, dass dieses Vorgehen, etwa bei Cage und wohl überhaupt bei einiger zeitgenösischer(en) Musik, auch die Intentionen der Komponisten besser treffen könnte, wo doch oftmals das Werk aus der Klangvorstellung heraus entwickelt zu werden scheint. Anyway... "Philosophische Verbrämung einer Marotte" klingt pejorativ. Man mag dies so bezeichne oder nicht. Wichtig scheint mir, ob das Resultat für sich überzeugen vermag. Beim Beethoven tut es das auch bei einzelnen Schubert-Sätzen (zumindest für mich); aber nicht überall.
Wie unten zu lesen, mir ist lieber ein Musiker, der sein eigenes Konzept verfolgt als einer, der sich blind einer Tradition einfügt und technisch und musikalisch virtuos bloß Noten spielt. (In diser Hinsicht unterscheidet sich ja Gould und Afanassiev nicht.)
Afanassiev ist übrigens nicht der einzige Obertonkünstler am Klavier, ein anderer ist etwa Claudio Crismani, der allerdings weniger aus der Linie als aus dem Rhythmus heraus die Töne erweckt. Vergleichenswert!
ab (13.11.2007, 11:23): Original von Jeremias @ ab: Hierbei sollte man anmerken, dass FFJ aus reichem Hause kam und es ihr Traum war, Sängerin zu werden.... ihre Konzerte waren Jahre im voraus ausverkauft.... schön, dass diese Aufnahmen erhalten sind!
Ja, es ist schön, dass diese Aufnahmen erhalten sind, aber es sind sicher nicht schöne Aufnahmen :rofl
Allerdings: Eine solche Hingabe hätte ich auch bei profesionellen Sängerinnen und Sängern gerne!
HenningKolf (13.11.2007, 15:32): Original von Satie
ABER:
Das alles träfe zu, wenn dieses Saxophon nicht dabei wäre, und ich meine, in erhöhtem Maße. Warum? Weil rein quantitativ eine Stimme mehr zu einer Komposition zu setzen ihren Grad an Schlichtheit reduziert, zwangsläufig, sofern sie nicht einfach nur eine andere Stimme doppelt. UND: über ein Organum von Perotin zu improvisieren mag möglich sein, nimmt ihm aber musikalisch alles, wenn aus einem Verständnis heraus improvisiert wird, welches ganz offensichtlich gar kein Verständnis für diese Musik ist. Garbarek hört einen d-moll-Akkord und spielt halt eine Skala in d-moll, so wie man sie im Jazz spielen kann (mit großer Septime und ähnlichen tollen Färbungen). Garbarek macht, was ein Jazzmusiker eben macht mit einem Akkord. Nur gar zu blöd, dass die Musik vor 1600 kein akkordisches Verständnis hat, sondern nur ein modales, an Intervalle gebundenes. Diese Musik wird gesprengt, wenn man die Modi so bedenkenlos überschreitet, aus Lust an einer erhöhten Farbigkeit. Die eigentliche Musik wird zum esoterischen Background-Sound für eine streckenweise reichlich narzisstische Selbstdarstellung (ja, ich fange jetzt an zu beißen!) eines Solisten aus einem völlig anderen Bereich der Musik. Die Schuld gebe ich hier keineswegs Jan Garbarek, der einfach nur spielt, wie er eben spielt, nordische Elegien, wie immer. Die Schuld gebe ich dem Hilliard-Ensemble, welches eigentlich besser wissen sollte, was es dieser Musik damit antut. Der Hörer wird hineingeführt in ein Missverständnis von Alter Musik (und ich wette, viele Leute finden jetzt anscheinend "Alte Musik" schön, seit sie diese Scheibe gehört haben; würden sie eine Stunde lang die Musik ohne Saxophon hören, würde ihnen aber wohl etwas fehlen). Für mich ein Beispiel, wie man vermarktet und wie man die Leute noch mehr davon abbringt, sich einmal der Askese, dem Schweigen, der Ruhe, dem Kargen, Einfachen hinzugeben indem man gnadenlos das Crossover-Rezept aufwärmt. Mir kommt es vor, als ob man in einer alten gotischen Kirche unter der Discokugel mit Pfarrer Fliege die mit Gummibärchen verzierten Oblaten in den Latte Macchiato tunkt und dabei auf der gedämpften Orgel "My funny Valentine" oder "Autumn leaves" hört, während man sich in einer Ecke auf dem Designer-Sofa herumfläzt. Und danach ist man einhellig der Meinung: Der war doch total smooth, der Gottesdienst, was?
Darauf noch ein Bier aus der Küche holend, S A T I E. Prost.
da habe ich doch eine CD rausgesucht die gut zum Thema passt.......
Original von Satie Zu Gould und seinen Mozart-Bearbeitungen werde ich mich wohl doch lieber nicht weiter äußern, denn mein Herz brauche ich noch eine Weile, zumindest hatte ich nicht heute vor, ins Gras zu beißen. Wem das gefällt, der hat entweder einen sehr schrägen Sinn für Humor (man kann sich z.B. freuen, dass Plattenfirmen ihr Geld in so was reinstecken oder diverse Hörer gar nicht merken, was der da macht etc.) oder aber einfach keinen Geschmack. Das Argument, hier werde wenigstens nicht so verweichlicht gespielt, hat zwar generell eine Gültigkeit, nicht aber im Fall von Gould, der manche Passagen genau so "standard-delikat" spielt, wie andere, nur muss es ihm eben gerade in den Kram passen. Ich ziehe da einen Andreas Staier bei weitem vor, der uns Mozart stellenweise auch ganz neu erscheinen lässt, aber in einer Lesart, die a) sich nicht einfach keinen Dreck um Artikulation und Tempi schert b) ein gewisses historisches Bewusstsein erkennen lässt c) Mozart überhaupt als Musik gelten lässt d) nicht Interpretation mit Selbstdarstellung verwechselt (zumindest nicht so...) e) dem gesunden Menschenverstand nicht einfach nur Lebwohl sagt
Das reicht.
Herzlich, S A T I E
P.S.: Ich möchte noch eine Interpretation anführen: den Bolero von Ravel durch einmal Emerson, Lake and Palmer und dann auch durch James Last. Beide sind weniger schlimm als Goulds Mozart und weniger schlimm als Garbarek/ Hilliard, aber sie sind natürlich ebenfalls Bearbeitungen und keine Interpretationen. Gould macht meiner Ansicht nach auch eine Bearbeitung, zumindest verwischt die Grenze zwischen Interpretation und Bearbeitung in diesem Fall.
Dass man sich über Gould ereifert kann ich wesentlich besser verstehen. Denn während Hilliard/Garbarek ja nicht unter dem Etikett der bloßen Interpretation auftreten, ist Gould ja als - dann auch noch alles überragender - Klassikinterpret vermarktet worden. Wenn ich also als unbedarfter "Klassik"hörer zu Gould greife erwarte ich eine im üblichen Rahmen liegende Interpretation (und wenn ich nicht "klassikerfahren" bin, glaube ich sogar, das was ich erhalte wäre eine im üblichen Rahmen liegende Interpretation); der Hilliard/Garbarek-Käufer erwartet ja von vorneherein etwas aus dem Rahmen fallendes, welches möglicherweise gefällt, möglicherweise aber verstört.
btw: Satie, sprachst du nicht gestern von gnädiger Rechtsprechung?...gut dass Du nicht als Jurist derart vehement "die reine Lehre" vertrittst, du würdest bestimmt dauernd Exempel statuieren und abschrecken wollen :D :wink (die kleine Stichelei muss jetzt erlaubt sein)
Gruß Henning
satie (13.11.2007, 15:46): Tja, Henning, gut, dass ich die Jurisprudenz nicht gewählt habe. Als kleiner Junge wollte ich ja immer schon Präsident werden oder, noch besser, Papst. Edle Ziele hatte ich freilich damit nicht, sondern bildete mir ein, das wären eben die Möglichkeiten, es sich gut gehen zu lassen und regieren zu können. Das stand in krassem Gegensatz zu den Zukunftswünschen meines Bruders, der eher Müllmann oder Bauarbeiter werden wollte. Wir beide haben dann andere Wege eingeschlagen.. naja, immerhin Vereinspräsident war ich schon zweimal... Für Papst dürfte es aber zu spät sein. Aber das ist nicht schlimm, da würde ich ja dann nur am Ende halb verwest noch immer auf den Balkon zum "Urbi et Orbi" gezwungen. Und am Ende würde dann Boccelli mit Garabarek und Galway aufspielen, und ich müsste immer nur sagen: "Heilig, heilig, heilig..."
Wer jetzt sagt, das sei "off topic", dem sage ich, das kommt nur drauf an, wem die Interpretation gefällt und wem nicht...
Ego te absolvo, Henning,
S A T I E
Pollux (13.11.2007, 16:06): Hallo zusammen, möchte nur kurz daran erinnern, dass das eigentliche Thema des Threads nicht misslungene Interpretationen an sich sind, sondern misslungene Interpretationen, die euch trotz ihrer mehr oder minder offensichtlichen Bizarrerien oder sogar gerade deswegen gefallen - kleiner aber wichtiger Unterschied. Ist vielleicht in meinem Eingangsposting nicht deutlich genug rübergekommen.
satie (13.11.2007, 16:11): Ach Mensch, Pollux, wo es gerade so schön war... aber Du hast Recht. Darf ich trotzdem meckern, wenn mir was nicht gefällt? Sonst halt ich aber auch gern die Klappe, bzw, die Finger still...
Jürgen (13.11.2007, 16:16): Original von ab und etwas, woran sich die Geister sicher nicht scheiden:
Foster Jenkins, Florence THE NIGHTINGALE - Der Hölle Rache. Arien und Lieder von Strauß/Die Fledermaus - Mein Herr Marquis, Mozart/Die Zauberflöte - Der Hölle Rache, Liadoff/Die Musikdose, Delibes/Lakmé - Glöckchenarie, McMoon/Serenata mexicana u.a. Cosme McMoon/Klavier. http://www.zweitausendeins.de/www_articles_images/large/601094.jpg
Eindringlicher wurde wohl "Der Höllen Rache" aus der Zauberflöte nie gesungen! Hier wird der Inhalt des Titels wörtlich exakt getroffen!
Das sollte wohl jede Musikliebhaberin und jeder Musikliebhaber zumindest einmal in ihrem oder seinem Leben gehört haben! :B
Dazu habe ich mal bei DeineTube reingehört, weil ich die Dame noch nicht kannte: Es waren schmerzvolle dreieinhalb Minuten. Ich muß dabei ein Gesicht gemacht haben als würde ich Zitronensaftkonzentrat mit Strohalm trinken. Das muß man mal gehört haben. Aber bitte bitte nur einmal !
@Officium: Finde ich wunderbar, habe dieses Programm auch mal live erlebt. Bei mir: http://www.das-klassikforum.de/images/icons/icon16.gif
@Bolero von Emerson, Lake & Palmer: Die haben doch Ravels Grundidee wunderbar in die Welt der Rockmusik transponiert. http://www.das-klassikforum.de/images/icons/icon16.gif
Was Neues: http://ecx.images-amazon.com/images/I/41DGDBE3MNL._AA240_.jpg Das ist jetzt m.E. voll daneben. Dieses Zerschnippeln der klassischen Musik bekommt ihr überhaupt nicht. Ich habe ständig darauf gewartet, dass ein musikalisches Thema mal weitergeht, da fängt der Schnipsel schon wieder von vorne an. Zum Glück gabs die bei 2001 für nur 2,99 sonst würde ich mich ärgern. So ist es lehrreich. http://www.das-klassikforum.de/images/icons/icon17.gif
Grüße Jürgen
HenningKolf (13.11.2007, 17:04): Original von Satie Tja, Henning, gut, dass ich die Jurisprudenz nicht gewählt habe. Als kleiner Junge wollte ich ja immer schon Präsident werden oder, noch besser, Papst. Edle Ziele hatte ich freilich damit nicht, sondern bildete mir ein, das wären eben die Möglichkeiten, es sich gut gehen zu lassen und regieren zu können. Das stand in krassem Gegensatz zu den Zukunftswünschen meines Bruders, der eher Müllmann oder Bauarbeiter werden wollte. Wir beide haben dann andere Wege eingeschlagen.. naja, immerhin Vereinspräsident war ich schon zweimal... Für Papst dürfte es aber zu spät sein. Aber das ist nicht schlimm, da würde ich ja dann nur am Ende halb verwest noch immer auf den Balkon zum "Urbi et Orbi" gezwungen. Und am Ende würde dann Boccelli mit Garabarek und Galway aufspielen, und ich müsste immer nur sagen: "Heilig, heilig, heilig..."
Wer jetzt sagt, das sei "off topic", dem sage ich, das kommt nur drauf an, wem die Interpretation gefällt und wem nicht...
Ego te absolvo, Henning,
S A T I E
:rofl :rofl :rofl
war Schröders Wunsch Kanzler zu werden nicht ganz ähnlich entstanden ?(
Jimi (13.11.2007, 17:09): Original von Jürgen Original von ab
Eindringlicher wurde wohl "Der Höllen Rache" aus der Zauberflöte nie gesungen! Hier wird der Inhalt des Titels wörtlich exakt getroffen!
Das sollte wohl jede Musikliebhaberin und jeder Musikliebhaber zumindest einmal in ihrem oder seinem Leben gehört haben! :B
Dazu habe ich mal bei DeineTube reingehört, weil ich die Dame noch nicht kannte: Es waren schmerzvolle dreieinhalb Minuten. Ich muß dabei ein Gesicht gemacht haben als würde ich Zitronensaftkonzentrat mit Strohalm trinken. Das muß man mal gehört haben. Aber bitte bitte nur einmal !
Au weia und ich dachte ich kenn schon alles, so kann man sich täuschen.
@Jürgen
Meinen Respekt, dass du die ganze Arie durchgehalten hast, ich musste leider nach einer Minute aufgeben. Da ich dachte das kann nur ein vorgezogener Aprilscherz oder ähnliches sein habe ich mal nach weiteren Stücken gesucht und bin fündig geworden :
Glöckchenarie aus Lakme
Auch nicht schlecht, kommt fast an die Arie aus der Zauberflöte ran, aber nur fast. :down :times10
:hello Jimi
Jürgen (13.11.2007, 17:25): Danke Jimi,
das ist zwar nett von Dir, nochwas rauszusuchen, aber heute stehe ich das nicht nochmal durch.
Ich hoffe, Du bist mir nicht böse.
Jürgen
Cetay (inaktiv) (13.11.2007, 22:46): Original von Satie Einen, den man schon lange nirgends mehr genannt hat, der aber vor Jahren ein regelrechter Shooting-Star gewesen ist:
James Galway, Flöte. Er hat gnadenlos alles verwurschtet, was ihm gefiel, von Schubert-Liedern bis hin zu Bachs Air, welches er von einem polyphonen Satz zu einer Solo-Arie umarbeitete und als wohl einziger Interpret der Welt mit einem sytaktischen Fehldenken verband, das seines Gleichen sucht (der berühmte Vorschlag, den man schwer auf die 1 spielen MUSS, den er aber als auftaktiges Seckzehntel spielte nur als Beispiel). Dick und gefällig gefiel er sich selbst am besten und trällerte auf der Platinflöte allen Leuten die Botschaft ins Ohr, wie toll doch Flötenmucke besonders mit ihm denn sei. Ich glaube, seine beste Leistung war noch sein Beatles-Album, welches ich persönlich als noch größere Blasphemie erachte als das, was er mit der Klassik gemacht hat, denn in der war er wenigstens halbwegs zu Hause. Kennt ihn noch jemand? Oder sollte es etwas gar jemand wagen, Aufnahmen von ihm zu besitzen??? Hier, hier!
Bald ist es wieder so weit und das Ding läuft hier rauf und runter :I :I
satie (13.11.2007, 23:07): Ist ja cool! Und auch noch mit den Domspatzen, na das ist ja beinahe Weihnachten und Geburtstag zusammen! Ich habe ja gelesen, dass er beim Soundtrack zu "Herr der Ringe" mitgespielt hat, ja, er, der "Mann mit der goldenen Flöte", wie man ihn so treffend nennt. Allerdings nicht bei Gollum, sondern nur beim Thema der Hobbits, weit weniger passend. Aber seine Webseite sagt im Grunde alles: http://www.thegalwaynetwork.com/ http://www.thegalwaynetwork.com/assets/jgcollagex2.jpg Auf den Fotos sieht er ja auch aus wie James Last, eigentlich. Da steht auch, es gäbe "historische Videos" mit ihm auf Youtube...hmm...nun gut, der Mann ist 1939 geboren, und als Sir Galway sein erstes Bäuerchen tat, war das wahrscheinlich schon historisch auf Zelluloid festgehalten worden. Unter Karajan war er anscheinend mal erster Flötist der Berliner Philharmoniker, was ich auch gar nicht wusste. Dann hat er sich wohl mit Herby zerstritten und ist rausgeflogen (es wird aber so formuliert, dass er sich dann lieber auf die Solistenlaufbahn konzentriert hat). Die historischen Videos mit ihm können allerhöchstens 30 Jahre alt sein. Vor sechs Jahren hat ihn dann wohl die Queen zum Ritter geschlagen. Naja, das hat sie ja mit Elton John auch gemacht, die müssen ja da zum Ritter schlagen, wen sie nur haben, nicht wahr, denen stirbt ja der Adel nur noch so unter den Fingern weg.
manrico (14.11.2007, 01:50): Also, ich muss gestehen, ich amüsiere mich bei dieser Platte königlich. sie wird so alle paar Jahre einmal hervorgeholt und dann geht die Poat ab (ich hab ja eh auch überlegt, ob ich sie hier vorstellen soll, hab mich dann aber nicht getraut)! Es gab ja auch noch vor ein paar Jahren in Wien ein Lokal, in dem die Besitzerin Opernarien zum besten (ähem,..eigentlich zum schlechten) gab. Das hat sich so ähnlich angehört und war auch immer voll. Und wer gelacht hat, ist rausgeflogen. Manchmal hat man sich da schon sehr auf die Zunge beissen müssen, um drin bleiben zu dürfen. Auf meiner Platte vergewaltigen dann übrigens noch Jenny Williams und Thomas Burns Gounods Faust. Ist das auf eurer CD auch drauf? Auch ein Gusto-Stückerl.
lg
Werner
Gamaheh (19.11.2007, 17:43): Original von Satie Zu Gould und seinen Mozart-Bearbeitungen Wem das gefällt, der hat entweder einen sehr schrägen Sinn für Humor oder aber einfach keinen Geschmack.
Lieber Satie,
auf mich trifft wahrscheinlich beides zu.
Entschuldige - ich wollte Dich nicht schockieren, zumal Du für Dein jugendliches Alter doch schon recht mitgenommen aussiehst, und da Du heute Geburtstag hast, nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil - herzliche Glückwünsche und alles Gute!
Obwohl ... es gibt eine Live-Aufnahme von 1959 aus Salzburg mit der Sonate K. 330, die ich wirklich ganz gerne mag.
Beste Grüße, Gamaheh
satie (20.11.2007, 00:03): Liebe Gamaheh, zunächst herzlichen Dank für die Glückwünsche! Aber Du musst doch nichts zurücknehmen! Es ist ja auch was wahres dran: immerhin nicht so gespielt, wie es alle tun. Wen kümmern denn meine Allergien?
Herzlich, S A T I E
Pollux (12.11.2007, 20:12): Erlaubt ist was gefällt? Nicht doch! Wenn es hin und wieder vorkommt, dass die Neueinspielung eines sattsam bekannten Werks aus dem Rahmen fällt und eine noch nicht dagewesene, extreme Lesart präsentiert, schlagen die Wellen der Empörung mancherorts schnell hoch - bei Ottonormalhörern und Lordsiegelbewahrern der Musik gleichermaßen. Bei besonders eigenwilligen Deutungen wird der Tonfall der Kritik auch schon mal extrascharf. "Das kann man doch nicht machen!" ist da noch eine milde Form der Ablehnung. Andere nehmen's wiederum gelassen.
Wieder andere finden mitunter großes Vergnügen an bizarren Deutungen, wie zum Beispiel ich. In meiner Sammlung befindet sich eine Doppel-CD mit Mozartsonaten, gespielt von Glenn Gould. Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn eingefleischte Mozartianer diese Einspielung als Karikatur oder gar als glatte Verarschung ansehen. Ich bin ja auch selbst der Auffassung, dass diese Lesart daneben ist, aber, und das ist ein großes ABER, es macht mir auch irgendwie höllischen Spaß, das anzuhören. Mozart im Glenn-Gould-Nähmaschinen-Stil auf der Suche nach dem Kontrapunkt - faszinierend daneben! Und ab und zu genieße ich eben solche "verbotenen Freuden".
Wie sieht's in eurem Giftschrank aus? Einschlägige Geständnisse bitte in diesem Thread. Keine Angst, ihr kommt alle mit Bewährung davon.
HenningKolf (12.11.2007, 20:19): ich weiß, dass diese hier
manch Liebhabern alter Musik die Zornesröte ins Gesicht treibt.
Ich mags, bin aber auch kein Liebhaber alter Musik...
Glenn Gould hingegen vermag mich oft reichlich zu nerven
Gruß Henning
Meiner Ansicht nach ist diese Aufnahme in keiner Hinsicht daneben, sondern völlig ernst zu nehmende Musik.
Garbarek beabsichtigt ja hier nicht mit häßlichem Dazwischen-Tröten die Alte Musik in einen Kontext zu stellen, der nichts mit ihr zu tun hat. Sein Saxophon intoniert sehr langgezogene, atmosphärische und schöne Töne - rhythmisches, tänzerisch swingendes Jazz-Saxophon bleibt völlig ausgespart.
Sowohl die alten Kirchenchoräle als auch sein Saxophon verbreiten eine deutlich spirituelle Gestimmtheit. In den spätmittelalterlichen Chorgesängen spiegelt sich allerdings eine kollektive gemeinschaftliche Religiösität wieder, während Garbareks Instrument eine individuelle Einzelstimme darstellt. Diese Einzelstimme versinnbildlicht (für mich) eine auf das Selbst ausgerichtete moderne Spiritualität.
Hier wird nicht in kritischer oder popularisierender Absicht gegen die Kirchenmusik angespielt - vielmehr findet ein Gespräch mit ihr statt.
Wunderschöne und tiefe Musik!
:hello Jörg
satie (13.11.2007, 00:05): Ich habe lange überlegt, ob ich hier etwas schreiben soll. Aber warum nicht, schließlich wollen wir ja der Diskussion nicht aus dem Weg gehen, sondern durch sie einander besser verstehen lernen. Wer also angepflaumt reagiert, der ist selber schuld, wie immer... Diese Garbarek-Hilliard-Sache...nun, zwar kann man Garbarek nichts vorwerfen, er ist ein hervorragender Musiker (ich denke da nur an das tolle Album mit Keith Jarrett (wie hieß es noch???). Ein hervorragender Jazz-Saxophonist, der durch einen kühl-rauen Ton besticht, der ihm ganz eigen ist. Elegien aus dem hohen Norden, das sind seine Balladen fast immer, egal um welche Standards oder was auch immer es sich handelt. Und so ist ja klar, dass Garbarek auch hier seine ihm ganz eigene Art des Saxophon-Spiels einbringt, die zunächst auch gar nicht so schlecht passt zum Gesang des Hilliard-Ensembles. Auch das Hilliard-Ensemble ist hervorragend, eines der Spitzen-Ensembles der alten Vokal-Musik. Unglaublich schön im Klang, ein Wahnsinn, wie die zusammen atmen. Man hat also zwei sehr bekannte, große Namen. Wenn nun jeder davon für Qualität bürgt, so muss die Mischung beider geradezu einen Gipfelpunkt der Musizierkunst, ein nie da gewesenes Klangereignis, eine Freude für Jung und Alt, ein wahrer Quell der musikalischen Erleuchtung sein. Möchte man meinen.
Und tatsächlich, das alles geht zusammen, klingt "schön", "meditativ", "rein", "introvertiert", "atmosphärisch", "tief", "ergreifend", "schlicht" etc. etc. etc. ad infinitum.
ABER:
Das alles träfe zu, wenn dieses Saxophon nicht dabei wäre, und ich meine, in erhöhtem Maße. Warum? Weil rein quantitativ eine Stimme mehr zu einer Komposition zu setzen ihren Grad an Schlichtheit reduziert, zwangsläufig, sofern sie nicht einfach nur eine andere Stimme doppelt. UND: über ein Organum von Perotin zu improvisieren mag möglich sein, nimmt ihm aber musikalisch alles, wenn aus einem Verständnis heraus improvisiert wird, welches ganz offensichtlich gar kein Verständnis für diese Musik ist. Garbarek hört einen d-moll-Akkord und spielt halt eine Skala in d-moll, so wie man sie im Jazz spielen kann (mit großer Septime und ähnlichen tollen Färbungen). Garbarek macht, was ein Jazzmusiker eben macht mit einem Akkord. Nur gar zu blöd, dass die Musik vor 1600 kein akkordisches Verständnis hat, sondern nur ein modales, an Intervalle gebundenes. Diese Musik wird gesprengt, wenn man die Modi so bedenkenlos überschreitet, aus Lust an einer erhöhten Farbigkeit. Die eigentliche Musik wird zum esoterischen Background-Sound für eine streckenweise reichlich narzisstische Selbstdarstellung (ja, ich fange jetzt an zu beißen!) eines Solisten aus einem völlig anderen Bereich der Musik. Die Schuld gebe ich hier keineswegs Jan Garbarek, der einfach nur spielt, wie er eben spielt, nordische Elegien, wie immer. Die Schuld gebe ich dem Hilliard-Ensemble, welches eigentlich besser wissen sollte, was es dieser Musik damit antut. Der Hörer wird hineingeführt in ein Missverständnis von Alter Musik (und ich wette, viele Leute finden jetzt anscheinend "Alte Musik" schön, seit sie diese Scheibe gehört haben; würden sie eine Stunde lang die Musik ohne Saxophon hören, würde ihnen aber wohl etwas fehlen). Für mich ein Beispiel, wie man vermarktet und wie man die Leute noch mehr davon abbringt, sich einmal der Askese, dem Schweigen, der Ruhe, dem Kargen, Einfachen hinzugeben indem man gnadenlos das Crossover-Rezept aufwärmt. Mir kommt es vor, als ob man in einer alten gotischen Kirche unter der Discokugel mit Pfarrer Fliege die mit Gummibärchen verzierten Oblaten in den Latte Macchiato tunkt und dabei auf der gedämpften Orgel "My funny Valentine" oder "Autumn leaves" hört, während man sich in einer Ecke auf dem Designer-Sofa herumfläzt. Und danach ist man einhellig der Meinung: Der war doch total smooth, der Gottesdienst, was?
Darauf noch ein Bier aus der Küche holend, S A T I E. Prost.
Gamaheh (13.11.2007, 00:15): Original von Pollux Mozartsonaten, gespielt von Glenn Gould. Ich habe vollstes Verständnis dafür, wenn eingefleischte Mozartianer diese Einspielung als Karikatur oder gar als glatte Verarschung ansehen. Ich bin ja auch selbst der Auffassung, dass diese Lesart daneben ist, aber, und das ist ein großes ABER, es macht mir auch irgendwie höllischen Spaß, das anzuhören. Mozart im Glenn-Gould-Nähmaschinen-Stil auf der Suche nach dem Kontrapunkt - faszinierend daneben!
Hallo Pollux,
ich liebe Glenn Goulds Mozart (den Gould als den "leider zu spät Verstorbenen" bezeichnete) und finde ihn überhaupt nicht daneben, ganz im Gegensatz zu den seichten, lieblichen Mozart-Kugel-Interpretationen, von denen es viel zu viele gibt. Sein Beethoven vielleicht ...
Und Satie: Ist das Dein Ernst? Vielleicht sollte ich doch mal in die Kirche gehen!
Grüße, Gamaheh
satie (13.11.2007, 00:45): Liebe Gamaheh, schön, mal wieder von Dir zu lesen! Also, in die Kirche kann man schon gehen, allerdings gehe ich lieber hin, wenn kein Pfarrer auf der Kanzel steht (privat hingegen unterhalte mich gern mit ihm). Mit Religion haben alle ihr Problem, und ich weiß auch nicht genau, was das ist. Ich sehe mich irgendwo zwischen Pantheismus und Mystizismus und will eigentlich gar nicht hierüber reden. Mir ist es absolut ernst gewesen mit meinem Beitrag (und letztere Schilderung würde ich zu gerne auch mal live erleben, vielleicht noch mit Hermes Phettberg als Ministrant). Aber ist es mir denn nicht IMMER ernst?
Eine gute Nacht wünscht der nach dem zweiten Bier seltsamerweise irgendwie sich leicht schwummrig fühlende und langsam aber sicher die Tasten nicht mehr so richtig treffende S A T I E
(ich sollte regelmäßiger Alkohol trinken)
P.S.: zu Goulds Mozart werde ich dann wohl auch noch was sagen müssen...seid gewappnet...
Poztupimi (13.11.2007, 01:10): Original von Satie
Für mich ein Beispiel, wie man vermarktet und wie man die Leute noch mehr davon abbringt, sich einmal der Askese, dem Schweigen, der Ruhe, dem Kargen, Einfachen hinzugeben indem man gnadenlos das Crossover-Rezept aufwärmt.
Darauf noch ein Bier aus der Küche holend, S A T I E. Prost.
Lieber Satie,
also, die Vermarktung hat bei mir auch zu dem für die beteiligten Künstler etc. erfreulichen Ergebnis geführt, daß ich die CD erworben habe - und sogar noch "Mnemosyne", lange ist's her. Aber ich habe sie in den letzten Jahren zunehmend seltener gehört, zuletzt eigentlich nur noch von der letzteren die ersten vier Stücke der ersten CD. Und seid ich das wie ich finde wunderbare "Remember me my Deir" in der Fassung mit dem Ensemble "Amarcord" endlich ohne Saxophon besitze, habe ich auch "Mnemosyne" nicht mehr gehört. Ich fand es zuletzt doch einfach nur anstrengend. Und jetzt brauche ich noch "O Lord in Thee is all My Trust" von Tallis ohne Saxophon!
Viele Grüße, Wolfgang
satie (13.11.2007, 09:25): Zu Gould und seinen Mozart-Bearbeitungen werde ich mich wohl doch lieber nicht weiter äußern, denn mein Herz brauche ich noch eine Weile, zumindest hatte ich nicht heute vor, ins Gras zu beißen. Wem das gefällt, der hat entweder einen sehr schrägen Sinn für Humor (man kann sich z.B. freuen, dass Plattenfirmen ihr Geld in so was reinstecken oder diverse Hörer gar nicht merken, was der da macht etc.) oder aber einfach keinen Geschmack. Das Argument, hier werde wenigstens nicht so verweichlicht gespielt, hat zwar generell eine Gültigkeit, nicht aber im Fall von Gould, der manche Passagen genau so "standard-delikat" spielt, wie andere, nur muss es ihm eben gerade in den Kram passen. Ich ziehe da einen Andreas Staier bei weitem vor, der uns Mozart stellenweise auch ganz neu erscheinen lässt, aber in einer Lesart, die a) sich nicht einfach keinen Dreck um Artikulation und Tempi schert b) ein gewisses historisches Bewusstsein erkennen lässt c) Mozart überhaupt als Musik gelten lässt d) nicht Interpretation mit Selbstdarstellung verwechselt (zumindest nicht so...) e) dem gesunden Menschenverstand nicht einfach nur Lebwohl sagt
Das reicht.
Herzlich, S A T I E
P.S.: Ich möchte noch eine Interpretation anführen: den Bolero von Ravel durch einmal Emerson, Lake and Palmer und dann auch durch James Last. Beide sind weniger schlimm als Goulds Mozart und weniger schlimm als Garbarek/ Hilliard, aber sie sind natürlich ebenfalls Bearbeitungen und keine Interpretationen. Gould macht meiner Ansicht nach auch eine Bearbeitung, zumindest verwischt die Grenze zwischen Interpretation und Bearbeitung in diesem Fall.
Jeremias (13.11.2007, 09:35): Dann würden hier auch sämtliche Live-Darbietungen von Pogorelich genannt werden müssen! Für die 6 Moments musicaux von Rachmaninoff op.16 benötigte er einst fast 1 Stunde (normaldauer. 30 Minuten!). Chopins Sonate h-moll war derart auseinander genommen, dass man sie nicht wiedererkannte.... und dennoch fasziniert er auf seine Weise!
satie (13.11.2007, 09:58): Ich würde Pogorelich mit einigen Interpretationen durchaus hier in diesem Thread sehen. Nur: bei ihm bleibt es noch irgendwie Musik. Eine Vergewaltigung a la Türkischer Marsch von Gouldzart habe ich von ihm bislang nicht gehört.
ab (13.11.2007, 10:00): Noch so ein paar Sachen, an dem sich die Geister scheiden:
ab (13.11.2007, 10:03): und etwas, woran sich die Geister sicher nicht scheiden:
Foster Jenkins, Florence THE NIGHTINGALE - Der Hölle Rache. Arien und Lieder von Strauß/Die Fledermaus - Mein Herr Marquis, Mozart/Die Zauberflöte - Der Hölle Rache, Liadoff/Die Musikdose, Delibes/Lakmé - Glöckchenarie, McMoon/Serenata mexicana u.a. Cosme McMoon/Klavier. http://www.zweitausendeins.de/www_articles_images/large/601094.jpg
Eindringlicher wurde wohl "Der Höllen Rache" aus der Zauberflöte nie gesungen! Hier wird der Inhalt des Titels wörtlich exakt getroffen!
Das sollte wohl jede Musikliebhaberin und jeder Musikliebhaber zumindest einmal in ihrem oder seinem Leben gehört haben! :B
Jeremias (13.11.2007, 10:06): @ ab: Hierbei sollte man anmerken, dass FFJ aus reichem Hause kam und es ihr Traum war, Sängerin zu werden.... ihre Konzerte waren Jahre im voraus ausverkauft.... schön, dass diese Aufnahmen erhalten sind!
Pollux (13.11.2007, 10:11): Original von Satie Wem das gefällt, der hat entweder einen sehr schrägen Sinn für Humor...
Schuldig im Sinne der Anklage. :D
Beste Grüße, Pollux
satie (13.11.2007, 10:15): Original von Satie Ich würde Pogorelich mit einigen Interpretationen durchaus hier in diesem Thread sehen. Nur: bei ihm bleibt es noch irgendwie Musik. Eine Vergewaltigung a la Türkischer Marsch von Gouldzart habe ich von ihm bislang nicht gehört.
Ich korrigiere mich teilweise: Pogorelichs Bach und sein Scarlatti sind tatsächlich schon sehr miserabel. Seine Chopin-Preludes sind auch eher ein flüchtiger Blick auf den Notentext (wie sonst könnte man etwa im f-moll-Prelude die lange Pause kurz vor Schluss einfach vergessen?). Und selbst bei Mozarts A-Dur-Sonate: zwar nicht der Türkische Marsch, wohl aber der erste Satz ist schon etwas, das man nicht guten Gewissens als Mozart bezeichnen kann. Eine Tongebung, wie sie selbst bei den kantabelsten Nocturnes von Chopin nicht angebracht wäre, und eine Abphrasierung mit Rubatissimo (nach beinah jeder Phrase)...nein danke. Er gehört also mehr in diese Rubrik als ich zuerst gedacht hatte. Ich hatte eben zu lange nicht mehr hingehört. Und ich habe nur Studioaufnahmen...
satie (13.11.2007, 10:23): Lieber ab, ja, Afanassiev! Sein Schubert D 960 bei ECM sollte unbedingt erwähnt werden. Die ersten beiden Sätze sind schon sehr seehr seeeeeeehr seeeeeeeeeeeeeehr gäääääääääääääääääääääääääääääääääääääähn
Und Beethovens fünftes, hach, wie das als herrlich verschleppter Walzer am Ende vor sich hin stolpert, ja, ein ganz Großer der Interpenetrationskunst.
Aber nun gut, mancher ist eben ein phlegmatisches Gemüt.
Rachmaninov (13.11.2007, 10:24): Original von Satie Lieber ab, ja, Afanassiev! Sein Schubert D 960 bei ECM sollte unbedingt erwähnt werden. Die ersten beiden Sätze sind schon sehr seehr seeeeeeehr seeeeeeeeeeeeeehr gäääääääääääääääääääääääääääääääääääääähn
Mir gefällt sein Schubert. Aber die h-moll Sonate mit endlosen 45 min. muss man hier nennen liebe Musikfreunde!
Rachmaninov (13.11.2007, 10:26): Original von Satie Original von Satie Ich würde Pogorelich mit einigen Interpretationen durchaus hier in diesem Thread sehen. Nur: bei ihm bleibt es noch irgendwie Musik. Eine Vergewaltigung a la Türkischer Marsch von Gouldzart habe ich von ihm bislang nicht gehört.
Ich korrigiere mich teilweise: Pogorelichs Bach und sein Scarlatti sind tatsächlich schon sehr miserabel. Seine Chopin-Preludes sind auch eher ein flüchtiger Blick auf den Notentext (wie sonst könnte man etwa im f-moll-Prelude die lange Pause kurz vor Schluss einfach vergessen?). Und selbst bei Mozarts A-Dur-Sonate: zwar nicht der Türkische Marsch, wohl aber der erste Satz ist schon etwas, das man nicht guten Gewissens als Mozart bezeichnen kann. Eine Tongebung, wie sie selbst bei den kantabelsten Nocturnes von Chopin nicht angebracht wäre, und eine Abphrasierung mit Rubatissimo (nach beinah jeder Phrase)...nein danke. Er gehört also mehr in diese Rubrik als ich zuerst gedacht hatte. Ich hatte eben zu lange nicht mehr hingehört. Und ich habe nur Studioaufnahmen...
Darf mir sein Spiel dennoch gefallen ?(
satie (13.11.2007, 10:29): Lieber Richard, Dir darf doch alles gefallen, besonders wenn es mir nicht gefällt, denn dann decken wir schon mal zwei divergierende Geschmäcker bestens ab! Außerdem: wer bin denn ich, dass ich hier die Weisheit mit Löffeln gefressen haben sollte? Ich gebe auch zu, dass ich hier schon ein wenig sehr stichele...aber lasst mich doch auch mal Kritiker sein...
ab (13.11.2007, 10:29): Original von Satie Lieber ab, ja, Afanassiev! Sein Schubert D 960 bei ECM sollte unbedingt erwähnt werden. Die ersten beiden Sätze sind schon sehr seehr seeeeeeehr seeeeeeeeeeeeeehr gäääääääääääääääääääääääääääääääääääääähn
Und Beethovens fünftes, hach, wie das als herrlich verschleppter Walzer am Ende vor sich hin stolpert, ja, ein ganz Großer der Interpenetrationskunst.
Aber nun gut, mancher ist eben ein phlegmatisches Gemüt.
Das hat nichts mit Phlegma zu tun, sondern mit dem Konzert, die Obertöne erstehen zu lassen. Seinen Beethoven schätze ich ganz besonders - nicht als Beethoven, sondern als erklingende Musik natürlich :wink :times10
Das Andantino der d.959-er Sonate gehört für mich zum Großartigesten, was ich an Klängen überhaupt kenne :down :down :down :down :down :times10 - nicht als Schubert natürlich, sondern als hörbare Musik, abseits von Gedanken an Authentizität.
Die Sonatinen muss ich mir aber wirklich nicht anhören...
satie (13.11.2007, 10:35): Einen, den man schon lange nirgends mehr genannt hat, der aber vor Jahren ein regelrechter Shooting-Star gewesen ist:
James Galway, Flöte. Er hat gnadenlos alles verwurschtet, was ihm gefiel, von Schubert-Liedern bis hin zu Bachs Air, welches er von einem polyphonen Satz zu einer Solo-Arie umarbeitete und als wohl einziger Interpret der Welt mit einem sytaktischen Fehldenken verband, das seines Gleichen sucht (der berühmte Vorschlag, den man schwer auf die 1 spielen MUSS, den er aber als auftaktiges Seckzehntel spielte nur als Beispiel). Dick und gefällig gefiel er sich selbst am besten und trällerte auf der Platinflöte allen Leuten die Botschaft ins Ohr, wie toll doch Flötenmucke besonders mit ihm denn sei. Ich glaube, seine beste Leistung war noch sein Beatles-Album, welches ich persönlich als noch größere Blasphemie erachte als das, was er mit der Klassik gemacht hat, denn in der war er wenigstens halbwegs zu Hause. Kennt ihn noch jemand? Oder sollte es etwas gar jemand wagen, Aufnahmen von ihm zu besitzen???
ab (13.11.2007, 10:36): Original von Rachmaninov Original von Satie chubert. Aber die h-moll Sonate mit endlosen 45 min. muss man hier nennen liebe Musikfreunde!
Den Liszt kenne ich leider nicht, aber wirklich misslungen kommt mir die Klaviersonate Op.78 d 894 in G vor:
ab (13.11.2007, 10:40): Original von Satie Einen, den man schon lange nirgends mehr genannt hat, der aber vor Jahren ein regelrechter Shooting-Star gewesen ist:
James Galway, Flöte.
Hieß der nicht Andrea Bocceli und hatte den Publikumsbonus als Mensch mit Behinderung blind zu sein? :ignore
Oder verwechsel ich das mit dem Namen David Helfgott? :ignore
satie (13.11.2007, 10:44): Original von ab
Das hat nichts mit Phlegma zu tun, sondern mit dem Konzert, die Obertöne erstehen zu lassen. Seinen Beethoven schätze ich ganz besonders - nicht als Beethoven, sondern als erklingende Musik natürlich :wink :times10
Das Andantino der d.959-er Sonate gehört für mich zum Großartigesten, was ich an Klängen überhaupt kenne :down :down :down :down :down :times10 - nicht als Schubert natürlich, sondern als hörbare Musik, abseits von Gedanken an Authentizität.
Die Sonatinen muss ich mir aber wirklich nicht anhören...
Lieber ab, dann wüsste ich gerne, warum das Erklingen von Obertönen a) einher gehen muss mit scheußlichsten Rubati b) er nicht lieber Sciarrino einspielt c) wie das seine dafür viel zu flotten Tempi in den schnellen Sätzen erklärt d) warum er bei Schubert nicht auf ein Klavier in mitteltöniger Stimmung zurückgreift, was damals durchaus noch oft vorkam und womit man tatsächlich bestimmte Intervalle so gestimmt hätte, dass überhaupt ein Netz von Obertönen entstehen kann. Der spielt aber auf nem hübsch temperiert gestimmten, neuen Flügel, der nicht einmal die notwendigen Resonanzbedingungen für einen solchen Ansatz mitbringt. e) warum er sich eine Musik dafür aussucht, die definitiv nichts mit dieser "Philosophie" zu tun hat.
Weißt Du darüber mehr? Und findest Du nicht auch, dass es Musik gibt, die per se schon geeignet wäre für ein solches Konzept, besser geeignet als Schubert und Beethoven? Mir drängt sich der Gedanke an eine philosophische Verbrämung einer Marotte auf.
Herzlich, S A T I E
ab (13.11.2007, 11:19): Original von Satie Lieber ab, dann wüsste ich gerne, warum das Erklingen von Obertönen a) einher gehen muss mit scheußlichsten Rubati b) er nicht lieber Sciarrino einspielt c) wie das seine dafür viel zu flotten Tempi in den schnellen Sätzen erklärt d) warum er bei Schubert nicht auf ein Klavier in mitteltöniger Stimmung zurückgreift, was damals durchaus noch oft vorkam und womit man tatsächlich bestimmte Intervalle so gestimmt hätte, dass überhaupt ein Netz von Obertönen entstehen kann. Der spielt aber auf nem hübsch temperiert gestimmten, neuen Flügel, der nicht einmal die notwendigen Resonanzbedingungen für einen solchen Ansatz mitbringt. e) warum er sich eine Musik dafür aussucht, die definitiv nichts mit dieser "Philosophie" zu tun hat.
Weißt Du darüber mehr? Und findest Du nicht auch, dass es Musik gibt, die per se schon geeignet wäre für ein solches Konzept, besser geeignet als Schubert und Beethoven? Mir drängt sich der Gedanke an eine philosophische Verbrämung einer Marotte auf.
Herzlich, S A T I E
(Vorausgesetzt meine Interpretation (mehr ist es nämlich nicht), es gehe hier um das Erstehenlassen von Obertönen, trifft zu) so würde ich antworten, Deine Punkte wären allesamt dadurch zu erklären, dass er Kompromisse eingeht. Dieser Kompromiss ist wohl insbesondere auch darin zu sehen, dass er doch Linien herausarbeitet, statt alle Töne gleichwertig sozusagen clustermäßig herauszuschlagen.
Ich denke auch, dass dieses Vorgehen, etwa bei Cage und wohl überhaupt bei einiger zeitgenösischer(en) Musik, auch die Intentionen der Komponisten besser treffen könnte, wo doch oftmals das Werk aus der Klangvorstellung heraus entwickelt zu werden scheint. Anyway... "Philosophische Verbrämung einer Marotte" klingt pejorativ. Man mag dies so bezeichne oder nicht. Wichtig scheint mir, ob das Resultat für sich überzeugen vermag. Beim Beethoven tut es das auch bei einzelnen Schubert-Sätzen (zumindest für mich); aber nicht überall.
Wie unten zu lesen, mir ist lieber ein Musiker, der sein eigenes Konzept verfolgt als einer, der sich blind einer Tradition einfügt und technisch und musikalisch virtuos bloß Noten spielt. (In diser Hinsicht unterscheidet sich ja Gould und Afanassiev nicht.)
Afanassiev ist übrigens nicht der einzige Obertonkünstler am Klavier, ein anderer ist etwa Claudio Crismani, der allerdings weniger aus der Linie als aus dem Rhythmus heraus die Töne erweckt. Vergleichenswert!
ab (13.11.2007, 11:23): Original von Jeremias @ ab: Hierbei sollte man anmerken, dass FFJ aus reichem Hause kam und es ihr Traum war, Sängerin zu werden.... ihre Konzerte waren Jahre im voraus ausverkauft.... schön, dass diese Aufnahmen erhalten sind!
Ja, es ist schön, dass diese Aufnahmen erhalten sind, aber es sind sicher nicht schöne Aufnahmen :rofl
Allerdings: Eine solche Hingabe hätte ich auch bei profesionellen Sängerinnen und Sängern gerne!
HenningKolf (13.11.2007, 15:32): Original von Satie
ABER:
Das alles träfe zu, wenn dieses Saxophon nicht dabei wäre, und ich meine, in erhöhtem Maße. Warum? Weil rein quantitativ eine Stimme mehr zu einer Komposition zu setzen ihren Grad an Schlichtheit reduziert, zwangsläufig, sofern sie nicht einfach nur eine andere Stimme doppelt. UND: über ein Organum von Perotin zu improvisieren mag möglich sein, nimmt ihm aber musikalisch alles, wenn aus einem Verständnis heraus improvisiert wird, welches ganz offensichtlich gar kein Verständnis für diese Musik ist. Garbarek hört einen d-moll-Akkord und spielt halt eine Skala in d-moll, so wie man sie im Jazz spielen kann (mit großer Septime und ähnlichen tollen Färbungen). Garbarek macht, was ein Jazzmusiker eben macht mit einem Akkord. Nur gar zu blöd, dass die Musik vor 1600 kein akkordisches Verständnis hat, sondern nur ein modales, an Intervalle gebundenes. Diese Musik wird gesprengt, wenn man die Modi so bedenkenlos überschreitet, aus Lust an einer erhöhten Farbigkeit. Die eigentliche Musik wird zum esoterischen Background-Sound für eine streckenweise reichlich narzisstische Selbstdarstellung (ja, ich fange jetzt an zu beißen!) eines Solisten aus einem völlig anderen Bereich der Musik. Die Schuld gebe ich hier keineswegs Jan Garbarek, der einfach nur spielt, wie er eben spielt, nordische Elegien, wie immer. Die Schuld gebe ich dem Hilliard-Ensemble, welches eigentlich besser wissen sollte, was es dieser Musik damit antut. Der Hörer wird hineingeführt in ein Missverständnis von Alter Musik (und ich wette, viele Leute finden jetzt anscheinend "Alte Musik" schön, seit sie diese Scheibe gehört haben; würden sie eine Stunde lang die Musik ohne Saxophon hören, würde ihnen aber wohl etwas fehlen). Für mich ein Beispiel, wie man vermarktet und wie man die Leute noch mehr davon abbringt, sich einmal der Askese, dem Schweigen, der Ruhe, dem Kargen, Einfachen hinzugeben indem man gnadenlos das Crossover-Rezept aufwärmt. Mir kommt es vor, als ob man in einer alten gotischen Kirche unter der Discokugel mit Pfarrer Fliege die mit Gummibärchen verzierten Oblaten in den Latte Macchiato tunkt und dabei auf der gedämpften Orgel "My funny Valentine" oder "Autumn leaves" hört, während man sich in einer Ecke auf dem Designer-Sofa herumfläzt. Und danach ist man einhellig der Meinung: Der war doch total smooth, der Gottesdienst, was?
Darauf noch ein Bier aus der Küche holend, S A T I E. Prost.
da habe ich doch eine CD rausgesucht die gut zum Thema passt.......
Original von Satie Zu Gould und seinen Mozart-Bearbeitungen werde ich mich wohl doch lieber nicht weiter äußern, denn mein Herz brauche ich noch eine Weile, zumindest hatte ich nicht heute vor, ins Gras zu beißen. Wem das gefällt, der hat entweder einen sehr schrägen Sinn für Humor (man kann sich z.B. freuen, dass Plattenfirmen ihr Geld in so was reinstecken oder diverse Hörer gar nicht merken, was der da macht etc.) oder aber einfach keinen Geschmack. Das Argument, hier werde wenigstens nicht so verweichlicht gespielt, hat zwar generell eine Gültigkeit, nicht aber im Fall von Gould, der manche Passagen genau so "standard-delikat" spielt, wie andere, nur muss es ihm eben gerade in den Kram passen. Ich ziehe da einen Andreas Staier bei weitem vor, der uns Mozart stellenweise auch ganz neu erscheinen lässt, aber in einer Lesart, die a) sich nicht einfach keinen Dreck um Artikulation und Tempi schert b) ein gewisses historisches Bewusstsein erkennen lässt c) Mozart überhaupt als Musik gelten lässt d) nicht Interpretation mit Selbstdarstellung verwechselt (zumindest nicht so...) e) dem gesunden Menschenverstand nicht einfach nur Lebwohl sagt
Das reicht.
Herzlich, S A T I E
P.S.: Ich möchte noch eine Interpretation anführen: den Bolero von Ravel durch einmal Emerson, Lake and Palmer und dann auch durch James Last. Beide sind weniger schlimm als Goulds Mozart und weniger schlimm als Garbarek/ Hilliard, aber sie sind natürlich ebenfalls Bearbeitungen und keine Interpretationen. Gould macht meiner Ansicht nach auch eine Bearbeitung, zumindest verwischt die Grenze zwischen Interpretation und Bearbeitung in diesem Fall.
Dass man sich über Gould ereifert kann ich wesentlich besser verstehen. Denn während Hilliard/Garbarek ja nicht unter dem Etikett der bloßen Interpretation auftreten, ist Gould ja als - dann auch noch alles überragender - Klassikinterpret vermarktet worden. Wenn ich also als unbedarfter "Klassik"hörer zu Gould greife erwarte ich eine im üblichen Rahmen liegende Interpretation (und wenn ich nicht "klassikerfahren" bin, glaube ich sogar, das was ich erhalte wäre eine im üblichen Rahmen liegende Interpretation); der Hilliard/Garbarek-Käufer erwartet ja von vorneherein etwas aus dem Rahmen fallendes, welches möglicherweise gefällt, möglicherweise aber verstört.
btw: Satie, sprachst du nicht gestern von gnädiger Rechtsprechung?...gut dass Du nicht als Jurist derart vehement "die reine Lehre" vertrittst, du würdest bestimmt dauernd Exempel statuieren und abschrecken wollen :D :wink (die kleine Stichelei muss jetzt erlaubt sein)
Gruß Henning
satie (13.11.2007, 15:46): Tja, Henning, gut, dass ich die Jurisprudenz nicht gewählt habe. Als kleiner Junge wollte ich ja immer schon Präsident werden oder, noch besser, Papst. Edle Ziele hatte ich freilich damit nicht, sondern bildete mir ein, das wären eben die Möglichkeiten, es sich gut gehen zu lassen und regieren zu können. Das stand in krassem Gegensatz zu den Zukunftswünschen meines Bruders, der eher Müllmann oder Bauarbeiter werden wollte. Wir beide haben dann andere Wege eingeschlagen.. naja, immerhin Vereinspräsident war ich schon zweimal... Für Papst dürfte es aber zu spät sein. Aber das ist nicht schlimm, da würde ich ja dann nur am Ende halb verwest noch immer auf den Balkon zum "Urbi et Orbi" gezwungen. Und am Ende würde dann Boccelli mit Garabarek und Galway aufspielen, und ich müsste immer nur sagen: "Heilig, heilig, heilig..."
Wer jetzt sagt, das sei "off topic", dem sage ich, das kommt nur drauf an, wem die Interpretation gefällt und wem nicht...
Ego te absolvo, Henning,
S A T I E
Pollux (13.11.2007, 16:06): Hallo zusammen, möchte nur kurz daran erinnern, dass das eigentliche Thema des Threads nicht misslungene Interpretationen an sich sind, sondern misslungene Interpretationen, die euch trotz ihrer mehr oder minder offensichtlichen Bizarrerien oder sogar gerade deswegen gefallen - kleiner aber wichtiger Unterschied. Ist vielleicht in meinem Eingangsposting nicht deutlich genug rübergekommen.
satie (13.11.2007, 16:11): Ach Mensch, Pollux, wo es gerade so schön war... aber Du hast Recht. Darf ich trotzdem meckern, wenn mir was nicht gefällt? Sonst halt ich aber auch gern die Klappe, bzw, die Finger still...
Jürgen (13.11.2007, 16:16): Original von ab und etwas, woran sich die Geister sicher nicht scheiden:
Foster Jenkins, Florence THE NIGHTINGALE - Der Hölle Rache. Arien und Lieder von Strauß/Die Fledermaus - Mein Herr Marquis, Mozart/Die Zauberflöte - Der Hölle Rache, Liadoff/Die Musikdose, Delibes/Lakmé - Glöckchenarie, McMoon/Serenata mexicana u.a. Cosme McMoon/Klavier. http://www.zweitausendeins.de/www_articles_images/large/601094.jpg
Eindringlicher wurde wohl "Der Höllen Rache" aus der Zauberflöte nie gesungen! Hier wird der Inhalt des Titels wörtlich exakt getroffen!
Das sollte wohl jede Musikliebhaberin und jeder Musikliebhaber zumindest einmal in ihrem oder seinem Leben gehört haben! :B
Dazu habe ich mal bei DeineTube reingehört, weil ich die Dame noch nicht kannte: Es waren schmerzvolle dreieinhalb Minuten. Ich muß dabei ein Gesicht gemacht haben als würde ich Zitronensaftkonzentrat mit Strohalm trinken. Das muß man mal gehört haben. Aber bitte bitte nur einmal !
@Officium: Finde ich wunderbar, habe dieses Programm auch mal live erlebt. Bei mir: http://www.das-klassikforum.de/images/icons/icon16.gif
@Bolero von Emerson, Lake & Palmer: Die haben doch Ravels Grundidee wunderbar in die Welt der Rockmusik transponiert. http://www.das-klassikforum.de/images/icons/icon16.gif
Was Neues: http://ecx.images-amazon.com/images/I/41DGDBE3MNL._AA240_.jpg Das ist jetzt m.E. voll daneben. Dieses Zerschnippeln der klassischen Musik bekommt ihr überhaupt nicht. Ich habe ständig darauf gewartet, dass ein musikalisches Thema mal weitergeht, da fängt der Schnipsel schon wieder von vorne an. Zum Glück gabs die bei 2001 für nur 2,99 sonst würde ich mich ärgern. So ist es lehrreich. http://www.das-klassikforum.de/images/icons/icon17.gif
Grüße Jürgen
HenningKolf (13.11.2007, 17:04): Original von Satie Tja, Henning, gut, dass ich die Jurisprudenz nicht gewählt habe. Als kleiner Junge wollte ich ja immer schon Präsident werden oder, noch besser, Papst. Edle Ziele hatte ich freilich damit nicht, sondern bildete mir ein, das wären eben die Möglichkeiten, es sich gut gehen zu lassen und regieren zu können. Das stand in krassem Gegensatz zu den Zukunftswünschen meines Bruders, der eher Müllmann oder Bauarbeiter werden wollte. Wir beide haben dann andere Wege eingeschlagen.. naja, immerhin Vereinspräsident war ich schon zweimal... Für Papst dürfte es aber zu spät sein. Aber das ist nicht schlimm, da würde ich ja dann nur am Ende halb verwest noch immer auf den Balkon zum "Urbi et Orbi" gezwungen. Und am Ende würde dann Boccelli mit Garabarek und Galway aufspielen, und ich müsste immer nur sagen: "Heilig, heilig, heilig..."
Wer jetzt sagt, das sei "off topic", dem sage ich, das kommt nur drauf an, wem die Interpretation gefällt und wem nicht...
Ego te absolvo, Henning,
S A T I E
:rofl :rofl :rofl
war Schröders Wunsch Kanzler zu werden nicht ganz ähnlich entstanden ?(
Jimi (13.11.2007, 17:09): Original von Jürgen Original von ab
Eindringlicher wurde wohl "Der Höllen Rache" aus der Zauberflöte nie gesungen! Hier wird der Inhalt des Titels wörtlich exakt getroffen!
Das sollte wohl jede Musikliebhaberin und jeder Musikliebhaber zumindest einmal in ihrem oder seinem Leben gehört haben! :B
Dazu habe ich mal bei DeineTube reingehört, weil ich die Dame noch nicht kannte: Es waren schmerzvolle dreieinhalb Minuten. Ich muß dabei ein Gesicht gemacht haben als würde ich Zitronensaftkonzentrat mit Strohalm trinken. Das muß man mal gehört haben. Aber bitte bitte nur einmal !
Au weia und ich dachte ich kenn schon alles, so kann man sich täuschen.
@Jürgen
Meinen Respekt, dass du die ganze Arie durchgehalten hast, ich musste leider nach einer Minute aufgeben. Da ich dachte das kann nur ein vorgezogener Aprilscherz oder ähnliches sein habe ich mal nach weiteren Stücken gesucht und bin fündig geworden :
Glöckchenarie aus Lakme
Auch nicht schlecht, kommt fast an die Arie aus der Zauberflöte ran, aber nur fast. :down :times10
:hello Jimi
Jürgen (13.11.2007, 17:25): Danke Jimi,
das ist zwar nett von Dir, nochwas rauszusuchen, aber heute stehe ich das nicht nochmal durch.
Ich hoffe, Du bist mir nicht böse.
Jürgen
Cetay (inaktiv) (13.11.2007, 22:46): Original von Satie Einen, den man schon lange nirgends mehr genannt hat, der aber vor Jahren ein regelrechter Shooting-Star gewesen ist:
James Galway, Flöte. Er hat gnadenlos alles verwurschtet, was ihm gefiel, von Schubert-Liedern bis hin zu Bachs Air, welches er von einem polyphonen Satz zu einer Solo-Arie umarbeitete und als wohl einziger Interpret der Welt mit einem sytaktischen Fehldenken verband, das seines Gleichen sucht (der berühmte Vorschlag, den man schwer auf die 1 spielen MUSS, den er aber als auftaktiges Seckzehntel spielte nur als Beispiel). Dick und gefällig gefiel er sich selbst am besten und trällerte auf der Platinflöte allen Leuten die Botschaft ins Ohr, wie toll doch Flötenmucke besonders mit ihm denn sei. Ich glaube, seine beste Leistung war noch sein Beatles-Album, welches ich persönlich als noch größere Blasphemie erachte als das, was er mit der Klassik gemacht hat, denn in der war er wenigstens halbwegs zu Hause. Kennt ihn noch jemand? Oder sollte es etwas gar jemand wagen, Aufnahmen von ihm zu besitzen??? Hier, hier!
Bald ist es wieder so weit und das Ding läuft hier rauf und runter :I :I
satie (13.11.2007, 23:07): Ist ja cool! Und auch noch mit den Domspatzen, na das ist ja beinahe Weihnachten und Geburtstag zusammen! Ich habe ja gelesen, dass er beim Soundtrack zu "Herr der Ringe" mitgespielt hat, ja, er, der "Mann mit der goldenen Flöte", wie man ihn so treffend nennt. Allerdings nicht bei Gollum, sondern nur beim Thema der Hobbits, weit weniger passend. Aber seine Webseite sagt im Grunde alles: http://www.thegalwaynetwork.com/ http://www.thegalwaynetwork.com/assets/jgcollagex2.jpg Auf den Fotos sieht er ja auch aus wie James Last, eigentlich. Da steht auch, es gäbe "historische Videos" mit ihm auf Youtube...hmm...nun gut, der Mann ist 1939 geboren, und als Sir Galway sein erstes Bäuerchen tat, war das wahrscheinlich schon historisch auf Zelluloid festgehalten worden. Unter Karajan war er anscheinend mal erster Flötist der Berliner Philharmoniker, was ich auch gar nicht wusste. Dann hat er sich wohl mit Herby zerstritten und ist rausgeflogen (es wird aber so formuliert, dass er sich dann lieber auf die Solistenlaufbahn konzentriert hat). Die historischen Videos mit ihm können allerhöchstens 30 Jahre alt sein. Vor sechs Jahren hat ihn dann wohl die Queen zum Ritter geschlagen. Naja, das hat sie ja mit Elton John auch gemacht, die müssen ja da zum Ritter schlagen, wen sie nur haben, nicht wahr, denen stirbt ja der Adel nur noch so unter den Fingern weg.
manrico (14.11.2007, 01:50): Also, ich muss gestehen, ich amüsiere mich bei dieser Platte königlich. sie wird so alle paar Jahre einmal hervorgeholt und dann geht die Poat ab (ich hab ja eh auch überlegt, ob ich sie hier vorstellen soll, hab mich dann aber nicht getraut)! Es gab ja auch noch vor ein paar Jahren in Wien ein Lokal, in dem die Besitzerin Opernarien zum besten (ähem,..eigentlich zum schlechten) gab. Das hat sich so ähnlich angehört und war auch immer voll. Und wer gelacht hat, ist rausgeflogen. Manchmal hat man sich da schon sehr auf die Zunge beissen müssen, um drin bleiben zu dürfen. Auf meiner Platte vergewaltigen dann übrigens noch Jenny Williams und Thomas Burns Gounods Faust. Ist das auf eurer CD auch drauf? Auch ein Gusto-Stückerl.
lg
Werner
Gamaheh (19.11.2007, 17:43): Original von Satie Zu Gould und seinen Mozart-Bearbeitungen Wem das gefällt, der hat entweder einen sehr schrägen Sinn für Humor oder aber einfach keinen Geschmack.
Lieber Satie,
auf mich trifft wahrscheinlich beides zu.
Entschuldige - ich wollte Dich nicht schockieren, zumal Du für Dein jugendliches Alter doch schon recht mitgenommen aussiehst, und da Du heute Geburtstag hast, nehme ich alles zurück und behaupte das Gegenteil - herzliche Glückwünsche und alles Gute!
Obwohl ... es gibt eine Live-Aufnahme von 1959 aus Salzburg mit der Sonate K. 330, die ich wirklich ganz gerne mag.
Beste Grüße, Gamaheh
satie (20.11.2007, 00:03): Liebe Gamaheh, zunächst herzlichen Dank für die Glückwünsche! Aber Du musst doch nichts zurücknehmen! Es ist ja auch was wahres dran: immerhin nicht so gespielt, wie es alle tun. Wen kümmern denn meine Allergien?
Herzlich, S A T I E
HenningKolf (07.03.2008, 12:44): Original von ab und etwas, woran sich die Geister sicher nicht scheiden:
Foster Jenkins, Florence THE NIGHTINGALE - Der Hölle Rache. Arien und Lieder von Strauß/Die Fledermaus - Mein Herr Marquis, Mozart/Die Zauberflöte - Der Hölle Rache, Liadoff/Die Musikdose, Delibes/Lakmé - Glöckchenarie, McMoon/Serenata mexicana u.a. Cosme McMoon/Klavier. http://www.zweitausendeins.de/www_articles_images/large/601094.jpg
Eindringlicher wurde wohl "Der Höllen Rache" aus der Zauberflöte nie gesungen! Hier wird der Inhalt des Titels wörtlich exakt getroffen!
Das sollte wohl jede Musikliebhaberin und jeder Musikliebhaber zumindest einmal in ihrem oder seinem Leben gehört haben! :B
steht zur Zeit im Merheft von 2001, aber ohne Warnhinweis, sondern ganz normal zwischen all den anderen Klassik-CDs - da wird es das eine oder andere böse Käufererwachen geben............
EinTon (07.03.2008, 15:03): Zu Glenn Gould: Furchtbar auch seine (seinerzeit hochgejubelten) Interpretationen der 3 Hindemith-Sonaten.