Franz Alexander Pössinger - im Kleinen ganz groß!

Sfantu (24.03.2021, 23:49):

Von 1798 bis zu seinem Tode 1827 war er als Geiger & Bratschist Mitglied der Wiener Hofkapelle. Ähnlich Schubert verließ Pössinger das heimatliche Wien kaum. Nach Studien bei Albrechtsberger trat er im Alter von 20 Jahren die erste von zwei Anstellungen als Violinist an. Kompositorisch fand er seine Spezialisierung im Arrangieren größerformatiger Werke für Kammermusik: Den Figaro & Don Giovanni für zwei Violinen, Rossini-Opern für Flöte & Streichtrio, Beethovens Sinfonien & die Fidelio-Ouvertüre für Streichquartett. Beethoven selbst beauftragte Pössinger mit der Erstellung eines Arrangements seines 4. Klavierkonzertes (noch vor dessen Drucklegung) für Klaviersextett. Der Schwerpunkt der Eigenkompositionen liegt auf der Kammermusik. & dort wurde insbesondere auch die Gattung Streichtrio von ihm bedacht.
Das Violinkonzert von 1805 scheint sein einziges Werk größeren Rahmens zu sein. Bei der Überarbeitung / Revision der Urfassung von Beethovens Violinkonzert hatte Pössinger maßgeblichen Anteil. Ob auch bereits - neben Clement - bei der Urfassung, ist offen.

Wie beantworte ich die Frage nach der Berechtigung von Pössingers "Schattendasein" - das ist schließlich der roten Faden dieser Fäden hier?
Ein bahnbrechender Neuerer war er wohl nicht. Seine Musiksprache bewegt sich in bester Wiener Klassiktradition mit Charme & elegantem Konversationston. Extreme des Ausdrucks werden nicht touchiert. Gelegentlich weht ein prä-oder frühbiedermeierlicher Duft herüber.
Also: heraus aus dem Schatten? Ich finde, ja.

Die Datenlage zu Pössinger ist allenhalben recht dünn & enthält praktisch deckungsgleiche Inhalte (Biographisches Lexikon des Kaiserthums Österreich, Österreichisches Biographisches Lexikon, Katalog der Deutschen Nationalbibliothek sowie Wikipedia (nur auf Deutsch). Wikipedia ziehe ich persönlich nur dann als Quelle heran, wenn ich partout keine anderen finde - die Angaben sind immer mit Vorsicht zu genießen. Kennt man sich selbst nicht gut aus, entdeckt man inhaltliche Fehler nur mit Mühe oder garnicht. Hier daher seriösere Quellen.

*um 1767 in Wien † 19. August 1827 daselbst. Pössingers Jugendzeit liegt im Dunkel. Im Jahrbuch der Tonkunst von Wien und Prag wird er 1796 unter den Wiener Komponisten und als Geiger im Orchester des Hof-und Nationaltheaters genannt. Am 26. März 1798 wurde er nach einem Probespiel "vorzüglich geeignet befunden", um als Geiger und Bratschist mit 150 Gulden Gehalt in die Hofkapelle aufgenommen zu werden.
Pössinger war nicht nur ein guter Instrumentalist sondern auch ein handwerklich geschickter Komponist und Bearbeiter, der die in Wien erfolgreichen Opern für sich zu nutzen wußte. Ein Zeichen für sein Ansehen war es, daß er 1803 im Streit Beethovens mit Artaria wegen Korrekturen zum Streichquintett op. 29 von der Behörde als Sachverständiger zugezogen wurde.

Sylvie Kraus im Booklet zu den Streichtrios
MGG, 1. Aufl. 1962/1989, Band 10, S. 1367
Sfantu (25.03.2021, 00:02):

Trio concertante Es-dur op. 36 Nr. 1
Trio concertante D-dur op. 36 Nr. 2
Serenata in Trio concertante op. 10

kontraste köln:
Sylvie Kraus, Violine
Christian Goosses, Bratsche
Werner Matzke, Violoncello
(CD, Capriccio, 2004)

Die geistreichen, eloquenten Werke (3-resp. 4sätzig (Serenata)) besitzen Esprit & Selbstbewußtsein. Nichts wirkt vordergründig, (fast) nichts lotet Abgründe aus. Leichtigkeit & Formsinn gehen Hand in Hand. Zum Ausklang wählt Pössinger gern Variationensätze.
Als Stiefgeschwister der Beethoven-Trios macht dieser Pössinger eine gute Figur.

Tadellose historisierende Darbietung, klares Klangbild.
Sfantu (25.03.2021, 00:21):

Konzert für Violine & Orchester G-dur op. 9

Anton Steck,
L'arpa festante - Matthew Halls
(CD, Accent, 2017)

Das Orchester besteht aus Streichern, 2 Oboen, 2 Fagotten & 2 Hörnern & entspricht damit etwa den Mozart-Konzerten. Der Solo-Part ist laut Anton Steck von hohem Anspruch. Mir als Hörer vermittelt er sich aber nicht als ausgesprochen virtuos, will sagen: reißerisch. Thematisch bewegen wir uns mehrheitlich auf der geerdet-lebensbejahenden Seite. Allein der Mittelsatz (für mich der Kern des Werkes) dringt in dunklere, raisonierende Bereiche vor.
Der Solist wie auch das (historisierende) Orchester liefern erlesene Feinkost ab, adeln dieses Werk mithin.
Plastischer Klang, tendenziell vielleicht dezent schwach an Tiefen.