Franz Schubert - " Wanderer - Fantasie " C -Dur

Rolf Scheiwiller (04.04.2006, 11:21):
Hallo zusammen.

Ich möchte mal unsere Klavierfreunde fragen ,was sie zu dieser so berühmten Fantasie meinen ?

Für mich schrieb er nie virtuosere Klaviermusik als hier.
Dieses unvergängliche Stück in C-Dur hat auch Franz Liszt fasziniert. Er orchestrierte die Partitur. Und sie setzte sich durch. Bis heute. Sogar G. Solti lieferte eine Einspielung. Obwohl er alles andere als ein Liebhaber seiner Musik ( Liszts)war !

Ist die Wanderer - Fantasie vielleicht weniger tiefgründig als seine Sonaten ?
Wundervolle Musik ist sie auf jeden Fall.


Ich habe mehrere schöne Aufnahmen. Im Moment kann ich mich lediglich an die Einspielung von Maurizio Pollini aus den 70er Jahren erinnern.
Für mich die Wertvollste.

Gruss.
Rolf.
Ganong (07.04.2006, 15:42):
Lieber Rolf ,
die "wanderer-Fantasie" ist für mich k e i n VirtuosenSelbstzweck Werk , sonder unendlich traurig , nachdenklich , psychologisch vielschichtig .
man kann es hören :
Clifford Curzon spielt dieses Schubert-Wunder so wie ich es nachempfinden kann .
In "Great Pianists of the century" .
Viele Grüsse , Frank
Zelenka (07.04.2006, 16:06):
Original von Ganong
Clifford Curzon spielt dieses Schubert-Wunder so wie ich es nachempfinden kann .
In "Great Pianists of the century" .
Viele Grüsse , Frank

Oder auf "Decca Legends". Etwas rauschärmer spielt er dort, klingt dafür aber als ob man ihn in einem großen Schrank aufgenommen hätte.

Gruß,

Zelenka
Walter (07.04.2006, 21:06):
ich habe Demidenko - Hyperion und wie fast immer schafft der es mich in eine andere Welt zu entführen.



Zitat Ganong: unendlich traurig , nachdenklich , psychologisch vielschichtig .

das trifft es wirklich - zum wegfliegen schöne Musik!


Walter
AcomA (08.04.2006, 01:08):
hallo, ihr wanderer,

sind wir nicht alle wanderer ? der mensch befindet sich auf einer wanderung, häufig allein. die wanderer-fantasie greift wohl den einsamen wanderer auf. auch ich liebe dieses werk. sei es der energische kopfsatz, der schöne variationssatz mit dem traurigen thema, das wehmütige trio des dritten satzes oder das fugierte finale, welches nochmals einiges an zugriff vom pianisten erfordert.

live habe ich es nur einmal erlebt. vor wenigen jahren in düsseldorf mit konstantin scherbakov. er spielt pianistisch eindrucksvoll, ja mustergültig. es fehlte jedoch der tiefere emotionale gehalt.

kennengelernt habe ich das werk als schüler mit der berühmten aufnahme des jungen maurizio pollini, welche in der DG-originals-reihe wiederaufgelegt wurde. IMO ist es immer noch eine referenzartige einspielung. die angaben zu den damaligen aufnahmebedingungen sind ja abenteuerlich. fehlerhafte mechanik, fehlende heizung im winter. pollini bringt die ideale kombination aus struktureller freilegung und ausgeklügeltem klangempfinden. so differenziert wie pollini kenne ich den 2. satz sonst bei niemand anderem.

furios, stürmig drängend ist die aufnahme sviatoslav richters bei emi (wohl 60er jahre). es fehlt aber die zartheit im 2. satz.

am stürmischten und raschesten kenne ich die ecksätze mit alfred brendel aus der DDD-zeit. völlig untypisch für den späten brendel, wie er rast. dabei klingt es nicht gehetzt sondern schwungvoll.

nicht zu vergessen die DG-aufnahme des jungen evgeny kissin. sehr reif und virtuos.

die lisztsche fassung für klavier und orchester kenne ich sowohl mit beroff als auch katsaris. ich ziehe die originalversion vor !

http://www.jpc.de/image/middle/front/0/7579378.jpg http://www.jpc.de/image/middle/front/0/8348845.jpg http://www.jpc.de/image/middle/front/0/5179341.jpg http://www.jpc.de/image/middle/front/0/8348845.jpg

gruß, siamak :engel
Jeremias (08.04.2006, 11:05):
vielleicht werdet Ihr es nicht ganz nachvollziehen können, aber ich kann mich mit diesem Werk einfach nicht anfreunden. Für mich ist Schubert der Meister der Melodien, der es schafft ohne jegliche Virtuosität und ohne jegliche Lautstärke zu begeistern. Und dieses Werk passt nun so gar nicht in dieses Schema....
Ganong (08.04.2006, 11:23):
Lieber Jeremias ,
ich kann Dich verstehen . Vor allem , wenn die "Wanderer-fantasie" pompös , als hochvirtuoser Selbszweck gespielt ( nicht interpretiert ! 9 wird . Die sist leider bei sehr vielen Pianisten der Fall .
der Begriff "Melodie" trifft bei Schubert sicherlich in besonderer Weise zu . Aber er ist bis heut eleider imme noch mit alles durchziehenden Süsslichen verbunden . Dabei sind Schuberts Melodien zu dem ganz überwiegenden Teil doch sehr resignativ , traurig , grübelnd , gedankenversunken . Und diese Melodien haben als "lautstärke " einen ganz persönlich aus Schuberts Leben erklärbaren "inneren Schrei" des einsamen Verzweifeltseins . Clifford Curzon und Solomon haben dies einzigartig deutlich gespielt .
das rein Virtuose kommt etwa in Schuberts letzter Sonate doch geradezu beispielhaft vor . Auch hier werden die unendlich vielen Klangschattierungen nur von wenigen Pianisten durch das gesamte Werk aufgefasst und in Töne umgesetzt . ich werde noch an anderer Stelle darauf eingehen ,: Clifford Curzon , Sviatoslav Richter und Rafael Orozco haben diese Sonate faszinierdn eingespielt undlive im Konzert . In Anlehnung an einen Satz Richters würde ich , wäre ich Pianist , sagen :"Was soll ich denn nach dieser Sonate noch spielen (können ) ?".
Viele Grüsse , Frank
Jeremias (08.04.2006, 11:29):
Ich denke, es spielt mit Sicherheit auch eine Rolle, dass C-Dur nicht unbedingt zu meinen Lieblings-Tonarten zählt...
Rolf Scheiwiller (09.04.2006, 10:44):
Original von Ganong
Lieber Rolf ,
die "wanderer-Fantasie" ist für mich k e i n VirtuosenSelbstzweck Werk , sonder unendlich traurig , nachdenklich , psychologisch vielschichtig .
man kann es hören :
Clifford Curzon spielt dieses Schubert-Wunder so wie ich es nachempfinden kann .
In "Great Pianists of the century" .
Viele Grüsse , Frank

Guten Tag Ganong.
Eine dumme Frage meinerseits :
Warum soll diese Fantasie traurig sein ? Ist doch exakt die gleiche Tonart wie seine letzte Sinfonie ? Und die wirkt auf mich lebensbejahend und optimistisch.
Mit C - Dur verbinde ich keine" Traurigkeit " oder ähnliche Gefühle.

Gruss.
R.
AcomA (09.04.2006, 14:33):
lieber Rolf,

ich vermute, Frank meint insbesondere den 2. satz.

gruß, siamak :)
Ganong (09.04.2006, 14:40):
Lieber Rolf ,
die beset Kurzanalyse zur Wandeer-Fantasie hat Matthias Korneman in seiner Besprechung "Great Pianists of the Century" im RONDO - Magazin verfasst als er Clifford Curzons Interpretationen besprach . Dort hat er , ohne meine Meinung vorher zu kennen , tatsächlich exakt meine Analyse des werkes beschrieben .
Grüsse , Frank
Ganong (09.04.2006, 14:43):
Lieber Siamak ,
so ist es .
Auuserdem ist die Zurdnung Tonart = Stimmung serh problematisch .
Jemand , den wir bedie kennen , hat dies wenig überzeugend für mich in 2005 versucht .
Viele Grüsse , Frank
ab (16.05.2006, 10:05):
Original von Ganong

Außerdem ist die Zurdnung Tonart = Stimmung serh problematisch .


Ich bin davon überzeugt, dass Musikwerke, sprich die Kompositionen überhaupt keine solchen expressiven Eigenschaften, Anmutungsqualitäten, emotonale Eigneschaften - oder wie man auch immer sagen möchte - haben: Bloß die hörbare Musik, das also, was interpretiert wird, ist traurig, heiter oder was auch immer. Das ist Sache des Interpreten. Jedes Musikwerk, auch ein solches, das bislang (zufälligerweise/traditionellerweise) immer traurig gespielt worden ist, kann prinzipiell auch anders zum Erklingen gebracht werden (ohne dass es sich deshalb um eine andere Komposition handeln würde!).

Was dankt ihr darüber?
Zelenka (16.05.2006, 14:15):
Original von ab
Original von Ganong

Außerdem ist die Zurdnung Tonart = Stimmung serh problematisch .


Ich bin davon überzeugt, dass Musikwerke, sprich die Kompositionen überhaupt keine solchen expressiven Eigenschaften, Anmutungsqualitäten, emotonale Eigneschaften - oder wie man auch immer sagen möchte - haben: Bloß die hörbare Musik, das also, was interpretiert wird, ist traurig, heiter oder was auch immer. Das ist Sache des Interpreten. Jedes Musikwerk, auch ein solches, das bislang (zufälligerweise/traditionellerweise) immer traurig gespielt worden ist, kann prinzipiell auch anders zum Erklingen gebracht werden (ohne dass es sich deshalb um eine andere Komposition handeln würde!).

Was dankt ihr darüber?

Lieber ab:

Eine interessante These ... Spontan hätte ich aber Bedenken, ob die These z.B. anhand Chopins "Marche funèbre" verifiziert werden könnte ...

Skeptisch,

Zelenka
Ganong (16.05.2006, 14:29):
Lieber ab ,
lieber Zelenka ,

ich widerspreche ab's Hypothese vehement . Nicht nur anhand des Beispieles , das Zelenka mit Chopins "Marche funèbre" gebracht hat .

Ich bin eigentlich , aussser der Komponist lässt die s ausdrücklich zu , ein Anhänger der Notentexttreue . Daraus aber , willkürlich ! , aus einem z.B. tief melancholischen Stück ein "Gaudium maximum" machen zu wollen , halt eich für nicht zulässig , ja völlg falsch !

Viele Grüsse , Frank
ab (16.05.2006, 15:46):
Original von Ganong

ich widerspreche ab's Hypothese vehement .

Ich bin eigentlich , aussser der Komponist lässt die s ausdrücklich zu , ein Anhänger der Notentexttreue . Daraus aber , willkürlich ! , aus einem z.B. tief melancholischen Stück ein "Gaudium maximum" machen zu wollen , halt eich für nicht zulässig , ja völlg falsch !


Da stimme ich Dir zu, Frank, jedoch Notentexttreue sagt nichts über expressive Eigenschaften aus. Die eine spiel es virtuos herunter, der andere macht es traurig der dritte sarkatisch. Solange die Noten gespielt werden, handelt es sich doch um eine Aufführung der Komposition, oder?

Was eine authentische Aufführung sein mag, das ist natürlich eine andere Frage... Man sollte natürlich vielleicht nicht aus einem Stück, von dem man weiß, dass es der Komponist melancholisch wollte, ein Gaudium maximum machen. Doch warum eigentlich nicht? Haben solche singulär anderen Interpretatinen nicht manchmal alle Hörgewohnheiten umgestoßen und eine neue Ära der Interpretationsgeschichte eingeleitet? Hörte man nicht selten von Komponisten selbst, dass die Aufführung viel besser und imponierender sei, obwohl sie ganz anders als beabsichtigt ausgefallen ist?





...
Ganong (16.05.2006, 21:11):
Lieber ab ,

zu dem grössten teil Deines zweiten Absatzes stimme ich Dir zu .

Deswegen halte ich es auch für höchst problematisch , wenn ein Interpret z. B. angespriesen wird als "Enkel" oder gar "Urenkel" z.B. als Pianist eines Komponisten , der zugleich ein sehr guter Pianist gewesen ist .

Da gilt für mich der alte Horowitz - Satz :"Lernen Sie aus Ihren eigenen Fehlern und nicht aus meinen!" .

Dennoch halte ich , wir haben dies ja früher schon im Eregebnis wohl übereinstimmend diskutiert , fest an einer Notentexttreue . Das willkürliche Verändern von Tempovorschriften ist nicht sinnvoll , ja kontraproduktiv . Die Frage des Pedelgebrauche sist ja auch so ein heikles Thema ( spielt bei den verschiedenen Schumann- und Chopinausgaben eine nicht unwesentliche Rolle ) . Dasselbe gilt für das Spielen von Wiederholungen . ich konnte Alfred Brendel hier bei seinen Ausführungen in seinen Büchern zu und über Schubert nie folgen . Dies hat sehr viel mit Spannungsverlust ( Verlorengehen der Dramaturgie ! ) zu tun .

Einfach "runterspielen" ist für mich persönlich niemals notentexttreu noch interpretatorisch intelligent .

Viele Grüsse , Frank

PS.: es gibt bei "Testament" eine herrliche Aufnahme von "Das Mädchen und der Tod" durch "mein" Juilliard String Quartet in der frühen Besetzung !. F.
ab (16.05.2006, 22:36):
Lieber Frank,

dam allen kann ich uneingeschränkt zustimmen. Nur denke ich dennoch, dass im Notentext keinerlei expressiven Eigenschaften festgelegt sind!

Ps. Das mit der Testament-Aufnahmen habe ich auch entdeckt. Eine wunderbare Aufnahme, leider die letzten beiden Sätze nicht in dem wunderbaren Tempo der späteren CBS/Sony-Aufnahme!
AcomA (16.05.2006, 23:28):
lieber ab,

zu einem gewissen teil hast du natürlich recht. der notentext als solcher sieht ja in der regel nicht lustig oder traurig aus. aber durch zwei parameter werden emotionale 'effekte' gebahnt bzw. determiniert:

die tempobezeichnung und anweisungen

die tonart.

eine moll-tonart langsam gespielt erzeugt eher wehmut, melancholie oder traurigkeit und vice versa.

gruß, siamak :)
Cosima (19.10.2007, 11:52):
Ich war mit meinen Aufnahmen (Richter, Rubinstein, Curzon) der Wanderer-Fantasie nicht rundum glücklich. Nun hörte ich endlich die Pollini-Aufnahme, über die Siamak bereits so treffend schrieb:

Original von AcomA
kennengelernt habe ich das werk als schüler mit der berühmten aufnahme des jungen maurizio pollini, welche in der DG-originals-reihe wiederaufgelegt wurde. IMO ist es immer noch eine referenzartige einspielung. die angaben zu den damaligen aufnahmebedingungen sind ja abenteuerlich. fehlerhafte mechanik, fehlende heizung im winter. pollini bringt die ideale kombination aus struktureller freilegung und ausgeklügeltem klangempfinden. so differenziert wie pollini kenne ich den 2. satz sonst bei niemand anderem.


Sie ist wirklich sehr gut, und ich denke, nun werde ich nach keiner Alternative mehr suchen. Wirklich am Herzen liegt mir dieses Werk zudem nicht.

Gruß, Cosima
Rolf Scheiwiller (04.04.2006, 11:21):
Hallo zusammen.

Ich möchte mal unsere Klavierfreunde fragen ,was sie zu dieser so berühmten Fantasie meinen ?

Für mich schrieb er nie virtuosere Klaviermusik als hier.
Dieses unvergängliche Stück in C-Dur hat auch Franz Liszt fasziniert. Er orchestrierte die Partitur. Und sie setzte sich durch. Bis heute. Sogar G. Solti lieferte eine Einspielung. Obwohl er alles andere als ein Liebhaber seiner Musik ( Liszts)war !

Ist die Wanderer - Fantasie vielleicht weniger tiefgründig als seine Sonaten ?
Wundervolle Musik ist sie auf jeden Fall.


Ich habe mehrere schöne Aufnahmen. Im Moment kann ich mich lediglich an die Einspielung von Maurizio Pollini aus den 70er Jahren erinnern.
Für mich die Wertvollste.

Gruss.
Rolf.
Ganong (07.04.2006, 15:42):
Lieber Rolf ,
die "wanderer-Fantasie" ist für mich k e i n VirtuosenSelbstzweck Werk , sonder unendlich traurig , nachdenklich , psychologisch vielschichtig .
man kann es hören :
Clifford Curzon spielt dieses Schubert-Wunder so wie ich es nachempfinden kann .
In "Great Pianists of the century" .
Viele Grüsse , Frank
Zelenka (07.04.2006, 16:06):
Original von Ganong
Clifford Curzon spielt dieses Schubert-Wunder so wie ich es nachempfinden kann .
In "Great Pianists of the century" .
Viele Grüsse , Frank

Oder auf "Decca Legends". Etwas rauschärmer spielt er dort, klingt dafür aber als ob man ihn in einem großen Schrank aufgenommen hätte.

Gruß,

Zelenka
Walter (07.04.2006, 21:06):
ich habe Demidenko - Hyperion und wie fast immer schafft der es mich in eine andere Welt zu entführen.



Zitat Ganong: unendlich traurig , nachdenklich , psychologisch vielschichtig .

das trifft es wirklich - zum wegfliegen schöne Musik!


Walter
AcomA (08.04.2006, 01:08):
hallo, ihr wanderer,

sind wir nicht alle wanderer ? der mensch befindet sich auf einer wanderung, häufig allein. die wanderer-fantasie greift wohl den einsamen wanderer auf. auch ich liebe dieses werk. sei es der energische kopfsatz, der schöne variationssatz mit dem traurigen thema, das wehmütige trio des dritten satzes oder das fugierte finale, welches nochmals einiges an zugriff vom pianisten erfordert.

live habe ich es nur einmal erlebt. vor wenigen jahren in düsseldorf mit konstantin scherbakov. er spielt pianistisch eindrucksvoll, ja mustergültig. es fehlte jedoch der tiefere emotionale gehalt.

kennengelernt habe ich das werk als schüler mit der berühmten aufnahme des jungen maurizio pollini, welche in der DG-originals-reihe wiederaufgelegt wurde. IMO ist es immer noch eine referenzartige einspielung. die angaben zu den damaligen aufnahmebedingungen sind ja abenteuerlich. fehlerhafte mechanik, fehlende heizung im winter. pollini bringt die ideale kombination aus struktureller freilegung und ausgeklügeltem klangempfinden. so differenziert wie pollini kenne ich den 2. satz sonst bei niemand anderem.

furios, stürmig drängend ist die aufnahme sviatoslav richters bei emi (wohl 60er jahre). es fehlt aber die zartheit im 2. satz.

am stürmischten und raschesten kenne ich die ecksätze mit alfred brendel aus der DDD-zeit. völlig untypisch für den späten brendel, wie er rast. dabei klingt es nicht gehetzt sondern schwungvoll.

nicht zu vergessen die DG-aufnahme des jungen evgeny kissin. sehr reif und virtuos.

die lisztsche fassung für klavier und orchester kenne ich sowohl mit beroff als auch katsaris. ich ziehe die originalversion vor !

http://www.jpc.de/image/middle/front/0/7579378.jpg http://www.jpc.de/image/middle/front/0/8348845.jpg http://www.jpc.de/image/middle/front/0/5179341.jpg http://www.jpc.de/image/middle/front/0/8348845.jpg

gruß, siamak :engel
Jeremias (08.04.2006, 11:05):
vielleicht werdet Ihr es nicht ganz nachvollziehen können, aber ich kann mich mit diesem Werk einfach nicht anfreunden. Für mich ist Schubert der Meister der Melodien, der es schafft ohne jegliche Virtuosität und ohne jegliche Lautstärke zu begeistern. Und dieses Werk passt nun so gar nicht in dieses Schema....
Ganong (08.04.2006, 11:23):
Lieber Jeremias ,
ich kann Dich verstehen . Vor allem , wenn die "Wanderer-fantasie" pompös , als hochvirtuoser Selbszweck gespielt ( nicht interpretiert ! 9 wird . Die sist leider bei sehr vielen Pianisten der Fall .
der Begriff "Melodie" trifft bei Schubert sicherlich in besonderer Weise zu . Aber er ist bis heut eleider imme noch mit alles durchziehenden Süsslichen verbunden . Dabei sind Schuberts Melodien zu dem ganz überwiegenden Teil doch sehr resignativ , traurig , grübelnd , gedankenversunken . Und diese Melodien haben als "lautstärke " einen ganz persönlich aus Schuberts Leben erklärbaren "inneren Schrei" des einsamen Verzweifeltseins . Clifford Curzon und Solomon haben dies einzigartig deutlich gespielt .
das rein Virtuose kommt etwa in Schuberts letzter Sonate doch geradezu beispielhaft vor . Auch hier werden die unendlich vielen Klangschattierungen nur von wenigen Pianisten durch das gesamte Werk aufgefasst und in Töne umgesetzt . ich werde noch an anderer Stelle darauf eingehen ,: Clifford Curzon , Sviatoslav Richter und Rafael Orozco haben diese Sonate faszinierdn eingespielt undlive im Konzert . In Anlehnung an einen Satz Richters würde ich , wäre ich Pianist , sagen :"Was soll ich denn nach dieser Sonate noch spielen (können ) ?".
Viele Grüsse , Frank
Jeremias (08.04.2006, 11:29):
Ich denke, es spielt mit Sicherheit auch eine Rolle, dass C-Dur nicht unbedingt zu meinen Lieblings-Tonarten zählt...
Rolf Scheiwiller (09.04.2006, 10:44):
Original von Ganong
Lieber Rolf ,
die "wanderer-Fantasie" ist für mich k e i n VirtuosenSelbstzweck Werk , sonder unendlich traurig , nachdenklich , psychologisch vielschichtig .
man kann es hören :
Clifford Curzon spielt dieses Schubert-Wunder so wie ich es nachempfinden kann .
In "Great Pianists of the century" .
Viele Grüsse , Frank

Guten Tag Ganong.
Eine dumme Frage meinerseits :
Warum soll diese Fantasie traurig sein ? Ist doch exakt die gleiche Tonart wie seine letzte Sinfonie ? Und die wirkt auf mich lebensbejahend und optimistisch.
Mit C - Dur verbinde ich keine" Traurigkeit " oder ähnliche Gefühle.

Gruss.
R.
AcomA (09.04.2006, 14:33):
lieber Rolf,

ich vermute, Frank meint insbesondere den 2. satz.

gruß, siamak :)
Ganong (09.04.2006, 14:40):
Lieber Rolf ,
die beset Kurzanalyse zur Wandeer-Fantasie hat Matthias Korneman in seiner Besprechung "Great Pianists of the Century" im RONDO - Magazin verfasst als er Clifford Curzons Interpretationen besprach . Dort hat er , ohne meine Meinung vorher zu kennen , tatsächlich exakt meine Analyse des werkes beschrieben .
Grüsse , Frank
Ganong (09.04.2006, 14:43):
Lieber Siamak ,
so ist es .
Auuserdem ist die Zurdnung Tonart = Stimmung serh problematisch .
Jemand , den wir bedie kennen , hat dies wenig überzeugend für mich in 2005 versucht .
Viele Grüsse , Frank
ab (16.05.2006, 10:05):
Original von Ganong

Außerdem ist die Zurdnung Tonart = Stimmung serh problematisch .


Ich bin davon überzeugt, dass Musikwerke, sprich die Kompositionen überhaupt keine solchen expressiven Eigenschaften, Anmutungsqualitäten, emotonale Eigneschaften - oder wie man auch immer sagen möchte - haben: Bloß die hörbare Musik, das also, was interpretiert wird, ist traurig, heiter oder was auch immer. Das ist Sache des Interpreten. Jedes Musikwerk, auch ein solches, das bislang (zufälligerweise/traditionellerweise) immer traurig gespielt worden ist, kann prinzipiell auch anders zum Erklingen gebracht werden (ohne dass es sich deshalb um eine andere Komposition handeln würde!).

Was dankt ihr darüber?
Zelenka (16.05.2006, 14:15):
Original von ab
Original von Ganong

Außerdem ist die Zurdnung Tonart = Stimmung serh problematisch .


Ich bin davon überzeugt, dass Musikwerke, sprich die Kompositionen überhaupt keine solchen expressiven Eigenschaften, Anmutungsqualitäten, emotonale Eigneschaften - oder wie man auch immer sagen möchte - haben: Bloß die hörbare Musik, das also, was interpretiert wird, ist traurig, heiter oder was auch immer. Das ist Sache des Interpreten. Jedes Musikwerk, auch ein solches, das bislang (zufälligerweise/traditionellerweise) immer traurig gespielt worden ist, kann prinzipiell auch anders zum Erklingen gebracht werden (ohne dass es sich deshalb um eine andere Komposition handeln würde!).

Was dankt ihr darüber?

Lieber ab:

Eine interessante These ... Spontan hätte ich aber Bedenken, ob die These z.B. anhand Chopins "Marche funèbre" verifiziert werden könnte ...

Skeptisch,

Zelenka
Ganong (16.05.2006, 14:29):
Lieber ab ,
lieber Zelenka ,

ich widerspreche ab's Hypothese vehement . Nicht nur anhand des Beispieles , das Zelenka mit Chopins "Marche funèbre" gebracht hat .

Ich bin eigentlich , aussser der Komponist lässt die s ausdrücklich zu , ein Anhänger der Notentexttreue . Daraus aber , willkürlich ! , aus einem z.B. tief melancholischen Stück ein "Gaudium maximum" machen zu wollen , halt eich für nicht zulässig , ja völlg falsch !

Viele Grüsse , Frank
ab (16.05.2006, 15:46):
Original von Ganong

ich widerspreche ab's Hypothese vehement .

Ich bin eigentlich , aussser der Komponist lässt die s ausdrücklich zu , ein Anhänger der Notentexttreue . Daraus aber , willkürlich ! , aus einem z.B. tief melancholischen Stück ein "Gaudium maximum" machen zu wollen , halt eich für nicht zulässig , ja völlg falsch !


Da stimme ich Dir zu, Frank, jedoch Notentexttreue sagt nichts über expressive Eigenschaften aus. Die eine spiel es virtuos herunter, der andere macht es traurig der dritte sarkatisch. Solange die Noten gespielt werden, handelt es sich doch um eine Aufführung der Komposition, oder?

Was eine authentische Aufführung sein mag, das ist natürlich eine andere Frage... Man sollte natürlich vielleicht nicht aus einem Stück, von dem man weiß, dass es der Komponist melancholisch wollte, ein Gaudium maximum machen. Doch warum eigentlich nicht? Haben solche singulär anderen Interpretatinen nicht manchmal alle Hörgewohnheiten umgestoßen und eine neue Ära der Interpretationsgeschichte eingeleitet? Hörte man nicht selten von Komponisten selbst, dass die Aufführung viel besser und imponierender sei, obwohl sie ganz anders als beabsichtigt ausgefallen ist?





...
Ganong (16.05.2006, 21:11):
Lieber ab ,

zu dem grössten teil Deines zweiten Absatzes stimme ich Dir zu .

Deswegen halte ich es auch für höchst problematisch , wenn ein Interpret z. B. angespriesen wird als "Enkel" oder gar "Urenkel" z.B. als Pianist eines Komponisten , der zugleich ein sehr guter Pianist gewesen ist .

Da gilt für mich der alte Horowitz - Satz :"Lernen Sie aus Ihren eigenen Fehlern und nicht aus meinen!" .

Dennoch halte ich , wir haben dies ja früher schon im Eregebnis wohl übereinstimmend diskutiert , fest an einer Notentexttreue . Das willkürliche Verändern von Tempovorschriften ist nicht sinnvoll , ja kontraproduktiv . Die Frage des Pedelgebrauche sist ja auch so ein heikles Thema ( spielt bei den verschiedenen Schumann- und Chopinausgaben eine nicht unwesentliche Rolle ) . Dasselbe gilt für das Spielen von Wiederholungen . ich konnte Alfred Brendel hier bei seinen Ausführungen in seinen Büchern zu und über Schubert nie folgen . Dies hat sehr viel mit Spannungsverlust ( Verlorengehen der Dramaturgie ! ) zu tun .

Einfach "runterspielen" ist für mich persönlich niemals notentexttreu noch interpretatorisch intelligent .

Viele Grüsse , Frank

PS.: es gibt bei "Testament" eine herrliche Aufnahme von "Das Mädchen und der Tod" durch "mein" Juilliard String Quartet in der frühen Besetzung !. F.
ab (16.05.2006, 22:36):
Lieber Frank,

dam allen kann ich uneingeschränkt zustimmen. Nur denke ich dennoch, dass im Notentext keinerlei expressiven Eigenschaften festgelegt sind!

Ps. Das mit der Testament-Aufnahmen habe ich auch entdeckt. Eine wunderbare Aufnahme, leider die letzten beiden Sätze nicht in dem wunderbaren Tempo der späteren CBS/Sony-Aufnahme!
AcomA (16.05.2006, 23:28):
lieber ab,

zu einem gewissen teil hast du natürlich recht. der notentext als solcher sieht ja in der regel nicht lustig oder traurig aus. aber durch zwei parameter werden emotionale 'effekte' gebahnt bzw. determiniert:

die tempobezeichnung und anweisungen

die tonart.

eine moll-tonart langsam gespielt erzeugt eher wehmut, melancholie oder traurigkeit und vice versa.

gruß, siamak :)
Cosima (19.10.2007, 11:52):
Ich war mit meinen Aufnahmen (Richter, Rubinstein, Curzon) der Wanderer-Fantasie nicht rundum glücklich. Nun hörte ich endlich die Pollini-Aufnahme, über die Siamak bereits so treffend schrieb:

Original von AcomA
kennengelernt habe ich das werk als schüler mit der berühmten aufnahme des jungen maurizio pollini, welche in der DG-originals-reihe wiederaufgelegt wurde. IMO ist es immer noch eine referenzartige einspielung. die angaben zu den damaligen aufnahmebedingungen sind ja abenteuerlich. fehlerhafte mechanik, fehlende heizung im winter. pollini bringt die ideale kombination aus struktureller freilegung und ausgeklügeltem klangempfinden. so differenziert wie pollini kenne ich den 2. satz sonst bei niemand anderem.


Sie ist wirklich sehr gut, und ich denke, nun werde ich nach keiner Alternative mehr suchen. Wirklich am Herzen liegt mir dieses Werk zudem nicht.

Gruß, Cosima
Rachmaninov (14.04.2008, 17:05):
Als ich eben diesen Thread nochmal quer gelesen habe ist mir aufgefallen, daß ich mich hier gar nicht geäußert hatte seinerzeit!

Original von Jeremias
vielleicht werdet Ihr es nicht ganz nachvollziehen können, aber ich kann mich mit diesem Werk einfach nicht anfreunden. Für mich ist Schubert der Meister der Melodien, der es schafft ohne jegliche Virtuosität und ohne jegliche Lautstärke zu begeistern. Und dieses Werk passt nun so gar nicht in dieses Schema....

@Jeremias,

sicherlich hast Du hier recht. Schubert's Sonaten sprühen vor wunderschönen Melodien, von denen man sich "treiben" lassen kann, die einem einziehen und versinken lassen.
Da ist die Wanderer-Fantasie von einem anderen Charakter. Deine Bedenken kann ich durchaus teilen. Die Fantasie strotz doch durch Virtuosität auch durch Laufstärke und Dynamik. Das kann zwar gefallen, aber ich muss auch eher zugeben, daß ich eher die Schubert'schen Sonaten hier bevorzuge.

Gerade höre ich die Aufnahme der Wanderer Fantasie. Natürlich eine Leichtigkeit für Pollini, aber auch eh kann hier den Grundcharakter natürlich nicht beeinflussen.

http://www.jpc.de/image/w600/front/0/0028944745122.jpg

Pollini scheint mir durchaus die virtuose Vorlage zu "nutzen".

Aus dem Gedächniss heraus erscheint mir aber die Aufnahme Demidenko's als schlüssiger. Dies werde ich, sofern ich dazu die Zeit finde, nochmals vergleichen.
Rachmaninov (01.09.2008, 08:28):
Zur Wanderer-Fanatasie habe ich hier einen interessanten Artikeln gefunden.

:D
Rachmaninov (02.09.2008, 18:33):
Original von Walter
ich habe Demidenko - Hyperion und wie fast immer schafft der es mich in eine andere Welt zu entführen.



Zitat Ganong: unendlich traurig , nachdenklich , psychologisch vielschichtig .

das trifft es wirklich - zum wegfliegen schöne Musik!

Walter

Mir ist aufgefallen, dass ich, obwohl ich diese Aufnahme "unendlich" lange besitze, noch gar nicht dazu geschrieben habe.

Wie oben bereits geschrieben ist dieses Werk vielschichtig und genau dies gelingt in der Darstellung von Demidenko.
Demidenko stellt, je nach Stimmungslage dieses Werk in die Näher Beethoven'scher Sonaten bzw. spielt entsprechend virtuous.
Beethoven als (Über)vorbild Schubertklingt hier durch.
Aber auch der Schubert der tief trasurigen Töne.
Beides gelingt Demidenko, und wie Walter gelingt es ihm auch bei mir mich zu entführen, in seine Klanwelten. Auch wenn er durchaus zu einem harten Anschlag neigt, so kann er auch die sanften Töne. Ein zarmer Löwe....

Klanglich ist die Aufnahme definitiv neutraler und wohlklingender als die Pollini Aufnahme. Interpretatorisch ebenso auf hohem, höchstem Niveau!

Mir gefällt wie Demidenko das Werk zusammenhält und dennoch diese Stimmungsschwankungen zu vertonen.
Heike (07.06.2012, 18:29):
Nachdem ich reingehört hatte, hab ich die gleich gekauft - unwiderstehlich, der Klang des Hammerklaviers mit Schubert:



Wanderer-Fantasie/ Impromptus op. 90 und op. posth. 142
Viviana Sofronitsky
auf einer Kopie eines Hammerflügels von Conrad Graf, 1819 in Wien erbaut

Sehr transparenter, voller Klang; fein gestaltet, virtuos gespielt. Ich habe die Wanderer-Fantasie noch nie auf einem Hammerflügel gehört, das eröffnet völlig neue Dimensionen, ich bin begeistert. Die einsamen Passagen klingen doppelt sehnsuchtsvoll und düster, die Variationen und Fugen entrücken einen quasi in ein Labyrinth neuer Wege, überhaupt ist das faszinierend vielschichtig musiziert.
Ein Muss für alle Wanderer- Fantasie- Freunde.
Heike
Sfantu (21.06.2023, 18:35):
Noch innerhalb meiner Begeisterungswelle für Alexander Melnikows jüngstes Album mit verschiedenen Tasteninstrumenten mußte sein erstes Konzeptalbum dieser Art nun selbstredend ebenfalls ins Haus. Darin enthalten das von mir lange nicht mehr gehörte D 780. Heikes Lob der Farbigkeit, der weiten Klangfarbenpalette des Fortepianos kann ich zustimmen - man hört vieles frischer und klarer. Und Melnikow ist auch hier der sensible, mitschöpfende Gestalter, den ich andernorts zu schätzen lernte. Im zweiten Satz bleibt das Donnergrollen in der linken Hand allerdings zu brav.




Alexander Melnikow
Fortepiano von Alois Graff, Wien 1828-35, restauriert von Edwin Beunk - Instrument aus Melnikows Sammlung
(CD, harmonia mundi, 2018)

Allegro con fuoco ma non troppo 5'41
Adagio 6'01
Presto 4'34
Allegro 3'44


Natürlich fixte mich das an, die anderen Wanderer in meiner Sammlung neu zu hören. Es sind - wenn ich es richtig überblicke - zwei:



Swjatoslaw Richter
(LP, EMI, 1963)

Allegro con fuoco ma non troppo 5'45
Adagio 6'52
Presto 4'33
Allegro 3'34

Was mich bei diesem Hördurchgang störte, ist zweierlei:
- Richter geht die meisten Forte-Passagen mit einer wenig differenzierten metallischen Härte an, einem pas d'acier, der mich in diesem Werk (oder eigentlich bei Schubert überhaupt) befremdet.
- Das Adagio wird am Anfang ziemlich zerdehnt und dabei sehr leise genommen. Sollen hiermit Trauer und Mystik hineingeheimst werden? Das zugrundeliegende Lied D 489 dabei im Sinn, wird durch dieses Schleifen alle Sanglichkeit genommen. Auch, wenn Schubert dort (im Lied), rhetorische Pausen benutzt. Ein Spannungsbogen kann sich so garnicht erst aufbauen. Draufgängerisch und effektvoll auftrumpfend dagegen die Rahmenteile des dritten sowie der Schlußsatz.
Mich läßt dieser Richter für dieses Mal ernüchtert zurück.





Wilhelm Kempff
(LP, DG, 1967)

21'02

Kempff ist und bleibt meine Wanderer-Instanz. Ideal empfundene Tempi, eine durchdringende Wärme und eine tiefromantische Gestaltung machen seine feinfühlige Darstellung zum goldenen Schnitt.
Bestens transparent abgebildetes Instrument.
Philidor (07.09.2025, 19:34):
Beim Hören von über 20 Aufnahmen der Wandererfantasie fiel mir zuerst auf, dass der interpretatorische Radius enger zu sein scheint als bei der Waldsteinsonate. Während dort die Unterschiede meiner Meinung nach schnell zu benennen sind, ist die Differenzierung bei Schuberts Werk subtiler, warum auch immer – vielleicht, weil seine Vorgaben geschlossener sind als bei Beethoven. Wo Beethoven eher eine Konfiguration von Tönen niederschrieb, die emotional gefüllt sein will, mag es sein, dass Form und Inhalt bei Schubert einander ungleich stärker bedingen.

Drei Gruppen konnte ich ausmachen:

(1) der Pianist als Lyrisches Ich, der Schubert als Leidenden erkennt und in empathischer Weise mit dem Komponisten durch die Dunkelheiten und Abgründe der Musik wandert (mein Favorit: Richter, zu dieser Gruppe zähle ich auch Edwin Fischer, Katchen, Fleisher und Oppitz),

(2) der Pianist als distanzierter Berichterstatter, der die einzigartige, neuartige Architektur des Werkes souverän vor dem Hörer ausbreitet und einen großen Bogen von Anfang bis Ende spannt (mein Favorit: Pollini, auch in dieser Gruppe: Curzon, Perahia, Schuch und Chamayou),

(3) der Pianist, der das Werk männlich-kraftvoll darstellt und mit fast heldischem Schwung die Herausforderungen meistert (mein Favorit: Paul Lewis, ferner die beiden Aufnahmen von Alfred Brendel).

Dann gibt es Sonderfälle wie Jewgenij Kissin, der einen seelischen Ausnahmezustand nahe am Wahnsinn darstellt und so die großen Gegensätze im Werke auf einen Nenner bringt – einzigartig, neuartig, aber völlig überzeugend, wie ich meine. Eine Ausnahme-Aufnahme.

Damit habe ich meine vier Favoriten benannt (Du hast wahrscheinlich andere, und ich würde mich freuen, darüber zu lesen), zu denen ich nachstehend ein wenig ausführlicher schreiben möchte, bevor Bemerkungen zu den anderen Aufnahmen mache.






Dass Richter und Pollini dabei sind, ist sicher keine Überraschung. In allen Kritiken und Diskografien, derer ich habhaft werden konnte, tauchen diese beiden regelmäßig als empfehlenswert bzw. als Vergleichsmaßstab auf. So weit ich das aus dem Befund herauslesen konnte, sind das wohl die Ikonen der Aufnahmegeschichte.

Natürlich sind die Grenzen zwischen den oben genannten Gruppen nicht scharf, sie sind nur ein erster Orientierungsversuch. Schlussendlich ist jede gelungene Interpretation ein Individuum, das sich der Kategorisierung entzieht.

Darüber hinaus gibt es Aufnahmen, die das Stück unterspielen und emotionale Extreme meiden. Mit Contenance und/oder heiterer Gelassenheit kommt man meiner Meinung nach der Wandererfantasie jedoch nicht bei, jedenfalls hat mich keine dieser Aufnahmen überzeugt.

Ferner ist es auffällig, dass Pianistinnen sich weniger für das Werk zu interessieren scheinen – zumindest auf Platte. Ob aus Zufall, aus Repertoirevorlieben oder aus einer unbewussten Distanzierung vom Werk, bleibt mir eine offene Frage.
Philidor (07.09.2025, 19:37):
Was die Darstellungen eines seelischen Ausnahmezustandes plausibel erscheinen lässt, liegt vielleicht in Schuberts Zeit und Umfeld begründet. Unter dem Metternich-Regime wurden viele Errungenschaften der Französischen Revolution wieder eingeschränkt, und Schubert wie sein Freundeskreis zogen sich in eine Art innere Emigration zurück.

In diesem Kontext erscheint es kaum zufällig, dass ihn das Gedicht „Des Fremdlings Abendlied“ – alternativ „Der Wanderer“ – so stark anzog: Zeilen wie „Die Heimath ist so fern, so fern“, „Ich bin ein Fremdling überall“ und das berühmte „Da, wo du nicht bist, ist das Glück!“ sprechen von Entfremdung und existenzieller Sehnsucht.

Ähnlich vermitteln die Gedichte der „Winterreise“ von Wilhelm Müller eventuell weniger eine unglückliche Liebesgeschichte als das Gefühl, im eigenen Land heimatlos geworden zu sein, und Randfiguren wie die besungenen "Krähen" (ein Spottname für Metternichs Spitzel) und "Irre Hunde" sind wohl zu dechiffrieren. Vor diesem Hintergrund erscheinen Interpretationen, die Schuberts Musik als Ausdruck innerer Zerrissenheit und existenzieller Einsamkeit lesen, nachvollziehbar und fast zwingend.
Philidor (07.09.2025, 19:38):
Jewgenij Kissin: Verrücktwerden an der Welt
(aufgenommen im Dezember 1990)

Wenn ich nur eine Aufnahme zur einsamen Insel mitnehmen könnte, dann wäre es vielleicht diese.



Kissin geht über die Darstellung existenzieller Not hinaus und überschreitet die Grenze zum Wahnsinn. Von der ersten Akkorden an ist klar, dass es hier nicht um ein Alltagsgeschehen geht. Wo fast alle anderen anfangs ein selbstsicheres C-Dur auf die Klangbühne stellen, da taumelt Kissins Wanderer schon. Der Rhythmus ist um Millimeterbruchteile nicht präzise, das Stück fällt nach vorne, hat keinen sicheren Halt. Pianissimi wirken psychotisch, die Welt ist unheimlich, Abgründe lauern an jeder Ecke, hier ein Zögern, da ein Weiterhasten, man kann der vordergründigen Einfachheit der Tonart nicht trauen. – Ist dieser Ansatz Kissins erst einmal klar, so offenbart sich die Andersartigkeit seiner Darstellung. Aus dem C-Dur-Virtuosenstück wird die Angstfantasie am helllichten Tag. Jedenfalls im ersten Teil.

Das Adagio irritiert dann erst einmal in seiner Geradlinigkeit und Ruhe. Kissin macht ja nix, er spielt einfach den Text … er baut Spannung auf für das, was kommt. Tolle Dramaturgie! Erster Ausbruch – aha. Doch dann wieder „dolce“ in den Noten, Cis-Dur, quasi exterritorial, bis es mit dem Thema wieder nach cis-Moll geht, mit Unruhe in den Nebenstimmen, die noch unter der Decke bleiben. Irgendwie muss da noch etwas kommen, Kissin hält uns noch hin. Da, die Abwärtsskalen ... immer noch nicht … die Unisono-Passagen, jetzt! Dabei ist es weniger der Ausbruch als vielmehr das bedrohliche Pianissimo danach. Angst, nicht Drama ist sein Thema.

Das Presto klingt vergleichsweise normal und gefasst. Erst in der Reprise des Prestos knüpft Kissin wieder an das Außer-sich-Sein an. Das setzt sich in der Schlussfuge fort, insbesondere, wenn Gestalten aus dem ersten Teil wieder auftreten.

Den Ansatz dieser Aufnahme finde ich singulär. Etliche Aufnahmen bieten Darstellungen von Leid, Einsamkeit, Verlassenheit, Verzweiflung, Wut und Zorn. Doch den Wanderer als einen zu zeichnen, der an der Welt verrückt geworden ist, das habe ich nur hier gehört. Ein singulärer Ansatz – und ich fand ihn vollkommen überzeugend, ja, sogar näher am Kern des Werkes als manche andere pianistisch herrliche Aufnahme. Mit diesem hochindividuellen Zugang und seiner hinreißenden Umsetzung gerät diese Aufnahme in die Nähe von Ikonen der Aufnahmegeschichte wie die Goldberg-Variationen mit Gould, wie Così fan tutte mit Jacobs, wie die Appassionata mit Richter oder wie Celibidaches Bruckner-Feiern in München. Eigenwillig, vielleicht polarisierend, jedenfalls ein wahnsinniger Ritt und mein Favorit für dieses Werk.
Philidor (07.09.2025, 19:39):
Svjatoslav Richter: Gestaltung des Leidens aus der Ich-Perspektive
(aufgenommen im Februar 1963)



Svjatoslav Richters Wanderer durchmisst eine breite Skala von Emotionen. Wut, Zorn, Verlassenheit, Verzweiflung, das alles ist zu hören. Doch jene imaginäre Grenze zum Wahnsinn, die überschreitet er nicht. Richter behält in allen Ausnahmezuständen die Kontrolle. Das Adagio ist vielleicht sogar noch abgründiger als bei Kissin, zumal in den ruhigen Abschnitten,und die Ausbrüche sind noch dramatischer. Packend, großartig, doch eben nicht zwischen Tag und Traum schwankend.

Versteht mich nicht falsch: Richters Aufnahme halte ich für eine der ganz wichtigen des Werkes, Top 5, wenn nicht Top 3. Richter entfesselt vielleicht sogar die noch größeren Energien im Presto als Kissin. Es ist einfach ein anderer Ansatz, Richters Wanderer ist bei gegebenem Ausnahmezustand immer noch Herr der eigenen Sinne.
Philidor (07.09.2025, 19:41):
Maurizio Pollini: Entfalten der Herrlichkeit des Werkes
(aufgenommen im November 1973)



Pollini erzählt keine Geschichte. Er breitet die Architektur des Werks aus wie einen kostbaren Teppich und zeigt die Schönheit der einzelnen Muster ebenso wie ihre Integration in das große Ganze. Ein überlegender Gestalter, vielleicht zu sehr aufs Vorzeigen fokussiert. Denn die emotionale Ausdeutung kommt bei aller Freude an der Strukturpräsentation und an der phänomenalen Pianistik für meine Wünsche zu kurz. Das klingt in meinen Ohren eher distanziert als involviert. Geschmackssache!

Pollini spielt einfach so hinreißend und entfaltet die Logik des Ablaufs derart stringent, dass genug übrig bleibt, um sich begeistern zu lassen.
Philidor (07.09.2025, 19:43):
Paul Lewis: Der Wanderer als kraftvoller Held
(aufgenommen im Dezember 2011 und/oder im März 2012)



Mein Wandererfantasien-Olymp hat einen weiteren Bewohner: Paul Lewis. Nach Kissins Wahnsinn, Richters empathischem Mit-Leiden und Pollinis kostbarer Strukturschau bietet er einen weiteren Ansatz, der mich voll überzeugt: Er liest das Stück kraftvoll-viril, geradezu draufgängerisch und stellt sich den pianistischen wie emotionalen Herausforderungen mit großer Verve. Das verleiht dem Werk eine Dringlichkeit, die ich anderswo kaum höre. Sozusagen ein früher Vorläufer von Strauss‘ Heldenleben, nur ohne Verklärungs-Schluss.

Dabei ist Lewis‘ Wanderer kein Jung-Siegfried, der sich den Weg mit dem Schwert durchkämpft. Die Musik ist charmant, der Beginn kraftstrotzend-fröhlich. Wunderbar. Die dramatischen Stellen klingen hier nicht nach Leid, Einsamkeit, Ausweglosigkeit, sondern nach Schwierigkeiten, denen sich der imaginäre Held stellt, um sie zu überwinden. Eine optimistische Lesart.

Im Adagio bleibt ein leichter Zug nach vorne, der Impetus aus dem ersten Teil geht nicht ganz verloren. Sehr schön, das verleiht dem Stück Kontinuität. Ähnlich wie Kissin lässt sich Lewis weitgehend an der Darstellung des Notentextes genügen, ohne viel zwischen den Zeilen herauslesen zu wollen. Das Drama hebt früh genug wieder an – und die Ruhephase, dieda entsteht, tut dem Stück gut, meine ich. (Zumindest schadet sie nicht.) Vor allem aber gestaltet Lewis einen wunderbaren Übergang zum zweiten Ausbruch im Unisono und dann wieder zurück in die Tremoli im Pianissimo.

Das Presto ist dann erwartbar kraftvoll wie der erste Teil. In lyrischen Abschnitt nimmt Lewis nur wenig Fahrt raus. – Meine Güte, der Schluss des Presto ist einfach hinreißend, und diesen Schwung nimmt Lewis in die Fuge mit. Wow.


Die Bevorzugung von Paul Lewis gegenüber den beiden Aufnahmen Brendels ist nur ein Hauch. Lewis spielt einen Tick präziser, und Brendels (sicherlich gewollte) Ungleichmäßigkeiten nehmen eine Kleinigkeit vom Schwung weg. (Außerdem kommt mir das Spiel bei Brendel kopfgesteuerter vor, aber da bin ich wohl Opfer meiner Vorurteile.) Und ich mag den „großen Wurf“, den großen Bogen, die Stringenz, die Kontinuität des Werks bei Lewis, wo Brendel dem einen oder anderen Detail schon mal liebevoll nachgeht. Geschmackssache.
Philidor (09.09.2025, 08:08):
Der Pianist als Lyrisches Ich, …

… der Schubert als Leidenden erkennt und in empathischer Weise mit dem Komponisten durch die Dunkelheiten und Abgründe der Musik wandert.

Zu dieser Gruppe gehört mMn nicht nur der oben genannte Svjatoslav Richter, sondern auch die unten kommentierten Einspielungen.

Edwin Fischer
(aufgenommen 1934, dies ist die älteste Aufnahme des Werks, die ich finde konnte. Eine Aufnahme mit Arthur Schnabel wäre freilich großartig …)



Das klingt eingangs zunächst energisch vorwärtsschreitend, die Linie Edwin Fischer – Alfred Brendel – Paul Lewis ist hier bestens erkennbar. Im zweiten Thema fällt auf, wie deutlich die Nebenstimmen dazwischen quatschen. Vor allem ist der Rhythmus im Folgenden nicht stabil, das Stück schwankt, der imaginäre Protagonist ist nicht der, der das Heft des Handelns in der Hand hält, sondern erweist sich im Verlauf des ersten Teils immer mehr als Getriebener in vordergründig harmloser C-Dur Umgebung. – Ich kann gar nicht so genau beschreiben, was nun die Unterschiede zu Brendel und Lewis sind, die mich deren Darbietungen als kraftvoll-heldisch wahrnehmen lassen, Fischers Spiel aber als das eines Gejagten, es ist tatsächlich nur ein Gesamteindruck.

Das Adagio klingt hier insgesamt sehr verhalten. Sehr schönes Timing in diesem äußerlich engen Rahmen. Fischer zieht das Tempo bei der ersten Akkordstelle kaum an, so steht’s in den Noten. Überhaupt: Dasselbe gilt für die Dynamik – er ist halt fast alles Pianissimi, und so ist das hier zu hören. Auch bei der zweiten Akkordstellen lässt er sich nicht zum brausenden Sturm hinreißen. Es bleibt alles in der Sphäre des Traumhaften, Irrealen. – Im Presto hören wir wieder den Gejagten, Fortsetzung des ersten Teils mit anderen Mitteln. Auch die Fuge ist auf der schnellen Seite.

Edwin Fischer steht irgendwo zwischen den Darstellungen der Not und denen des Helden und wäre in der Gruppe von Lewis und Brendel sicher nicht deplatziert. Wegen des ersten und dritten Satzes höre ich insgesamt mehr Not als Heldentum. – Pianistisch ist das keine einwandfreie Darbietung. Trotzdem halte ich die Aufnahme für einen sehr starken Beginn der Aufnahmegeschichte.

Julius Katchen
(aufgenommen im November 1956 und im Januar 1957)



Auch Katchen wandert nicht, um seine ästhetischen Bedürfnisse auszuleben. Anfangs ist es nur zwischenzeilig zu hören, doch spätestens im Durchführungsabschnitt des Allegro con fuoco lässt er das Leid und das Getriebensein in dieser Musik hören. Das setzt sich im Adagio fort, Katchen durchschreitet im ersten Pianissimo-Abschnitt einen spürbar größeren emotionalen Radius im als etwa Kissin, Fischer oder Lewis und erlaubt sich auch eine hohe Bandbreite des Tempos, insbesondere bei den Skalen. Spannend, aber für meine Ohren nicht ganz so rund wie die überzeugendsten Aufnahmen.

Das Presto überzeugt weniger durch Zug nach vorne als durch scharfe Akzentuierungen. In den Trio-Abschnitten gibt es verhaltene Momente. Auch hier strebt Katchen offenbar keine Kontinuität an. Ein ähnliches Bild in der Fuge: Tempo eher verhalten, aber Akzente sind sehr deutlich herausgearbeitet.
Der emotional aufgeladene Zugang Katchens hat meine Sympathie, doch die Stringenz des Werkes bleibt für meinen Geschmack ein wenig auf der Strecke. Die Zerrissenheit der Abläufe als Konzept? Vielleicht – doch ich fand es nicht so überzeugend wie Richter oder Kissin.

Leon Fleisher
(aufgenommen in September und Oktober1963)



Bei Fleisher ist mir irgendwie von Anfang klar, dass er die Emotionalität des Werkes formal überzeugend mitteilen wird. (Klingt das widersprüchlich? Was soll Ordnung in seelischen Extremlagen? Ich habe keine gute Antwort, doch wenn ein Pianist sich an die Tasten setzte und seinen Emotionen improvisierend freien Lauf ließe mit Faustschlägen, Clustern, wilden Skalen ohne erkennbare Ordnung, dann wäre zwar erkennbar, dass da jemand außer sich ist, aber das wäre es dann auch schon. Ausnahmezustände, die bei den Zuhörenden gerade nicht gegeben sind, müssen vielleicht umso mehr mit einem nachvollziehbaren Vokabular und in einer nachvollziehbaren Form mitgeteilt werden.) Jedenfalls fühle ich mich bei der Aufnahme prima mitgenommen auf diesem dunklen Weg, sowohl im Allegro con fuoco als auch in den Fährnissen des Adagios.

Das Presto und die Schlussfuge nimmt Fleisher stürmisch. Wahnsinn.

In dieser Aufnahme wird wie in sonst nur wenigen greifbar, dass es um Existenzielles geht. Sie bestärkt mich in der Auffassung, dass ein solcher Ansatz dem, was in der Wandererfantasie stecken mag, viel eher auf die Spur kommt als diejenigen, die die Schönheiten des Werkes ausdrucksvoll entfalten. – Eine gültige Alternative zu Richters klassischer Aufnahme.

Gerhard Oppitz
(aufgenommen in 2013 )



Oppitz spielt die Härten im einleitenden Allegro con fuoco ma non troppo deutlich aus und erhöht mit kleinen Beschleunigungen hier und da immer wieder den Puls. Unerhört fetzig, dabei keineswegs eindeutig auf der selbstsicheren Seite. – Im Adagio sind die subjektiven Anteile zunächst geringer gehalten, das kommt mir vor wie ein Nachhall der apollinischen Spielweise deutscher Klavierschule. Allerdings ist das auch nicht unbedingt ein Pianissimo. Doch im bewegten Abschnitt gibt er die Beherrschung auf und entfesselt wieder starke Energien. Da klinke ich mich gerne ein! Dasselbe gilt für das meiner Meinung nach wunderbar gelungene Presto. Im Finale geht es abermals mit (relativ) verhaltener Intensität los und steigert sich dann.

Oppitz sucht und findet das Beste der strukturorientierten und emotional eher distanzierten Ansätze einerseits und der dramatischen und emotional involvierten Zugänge andererseits. Sie hätte auch in der Pollini- oder in der Lewis-Gruppe ihren Platz finden können. - Egal: Eine sehr intensive Aufnahme. Das finde ich als Idee überzeugend.

Dass es beim hörbaren Ergebnis vielleicht nicht ganz funktioniert, liegt meiner Meinung nach vor allem daran, dass die ganze Aufnahme in Hall ersäuft. Das geht zu Lasten der drastischen Anteile der Darstellung. Ich könnte mir vorstellen, dass eine weniger entfernte Abnahme des Klavierklangs mit weniger Hallanteilen die Stärken dieser Wiedergabe deutlich unterstützt hätte.
Philidor (10.09.2025, 19:39):
Struktur und Schönheit der Wandererfantasie

Nicht alle haben die Dramatik von D. 760 existenziell gelesen. Sie spielen lieber ein wunderbares Klavierstück – was es natürlich auch ist. Und die neuartige Architektur, die Liszt zur „Sonate in einem Satz“ weiterentwickeln sollte, in aller Klarheit aufzuzeigen, ist durchaus verdienstvoll.

Maurizio Pollini gelang dies großartig, doch auch andere Pianisten haben einen solchen Ansatz vertreten. Zu diesen zähle ich die unten Genannten.

Clifford Curzon
(aufgenommen im Juli 1949)



Diese halte ich für eine wunderbar klare Aufnahme, fast schon klassizistisch, die dem Zuhörer das Werk auf sehr verständliche und nachvollziehbare Weise präsentiert. Sie ist sozusagen ein geistiger Vorläufer von Pollinis Aufnahme.

Curzon fand offensichtlich keine existenzielle Not in dieser Musik, nicht in der Verwicklungen der Durchführung des ersten Teils, nicht in den Ausbrüchen und nachfolgenden unheimlichen Pianissimi des Adagio. Zumindest war ihm der Befund im Text kein Anlass, größere emotionale Energien zu investieren.

Das Presto klingt hier elegant und leicht, fast schon witzig. Dem schließt sich die Fuge mit fröhlichem Grundton an.

In ihrer Klarheit ist mir diese Aufnahme die zweitliebste nach Pollini in der Gruppe der strukturell und ästhetisch fokussierten. Ich mag ihren klassizistischen Ansatz und das klare Spiel.

Murray Perahia
(aufgenommen 1986?)



Perahia geht das Werk von der lyrischen Seite an. Einmal mehr höre ich eher „ma no troppo“ anstatt „con fuoco“. Klingt wunderschön (ist das Wort noch statthaft?) in den pianissimo-Stellen des ersten Themas, dann im zweiten Thema … Ästhetik ist Trumpf. Auch die dramatischen Stellen sind durchaus wohlklingend. Man weiß, was sich gehört. Das Stück erscheint mir schon hier bei aller Schönheit nivelliert, da mich auch die dramatischen Stellen nicht packen. Irgendwie ist es an wichtigen Parametern beschnitten. Schön, aber harmlos.

Und so passiert eben auch nichts im Adagio. – Gut gefallen hat mir das Presto. Hier legt Perahia seine kultivierte Zurückhaltung ein wenig ab. Und die Arpeggien am Schluss sind einfach hinreißend. – Die Fuge beginnt gesittet, und auch in ihren Zuspitzungen passiert dann nicht mehr das Unerwartete, das der Darstellung die rettende Wendung geben könnte.

Gepflegte Langeweile, höchst kulinarisch präsentiert. Wir erwandern uns die Landschaften mit der klimatisierten Limousine. Betrachtend, nicht beteiligt. Irgendwo tut es weh, weil Perahia so herrlich spielt. Was für tolle Abtönungen, was für tolle Gewichtsverteilungen in den (nicht leichten) Akkorden, welche Fülle von Möglichkeiten der Akzentuierung eines Dreivierteltaktes im Presto, das ist aus meiner Sicht fantastisches Klavierspiel. Umso schmerzlicher, dass es zur Umsetzung eines unangemessenen Konzeptes verwendet wurde.

Herbert Schuch
(aufgenommen im August 2012)



Bei Herbert Schuch dachte ich erst, er würde auf den Spuren von Paul Lewis wandeln, auch, wenn er erst in der „Durchführung“ des Allegro con fuoco ma non troppo anfängt, die Pranke auszufahren. Doch in den folgenden Abschnitten finde ich sein Spiel gar nicht mal so außergewöhnlich viril und kraftvoll. Das Adagio nimmt er behaglich, Abgründe tun sich nicht auf, es bleibt in den Tremolo-Stellen bei vorübergehenden Schatten. Bewundernswert die Fähigkeit, im Pianissimo-Rahmen noch zu differenzieren.

Das Presto klingt alert und ist auf der fröhlichen Seite, und dieser Grundton trägt auch die ein wenig flügellahme Fuge.

Wirklich schön gespielt, im ersten Satz auch mitreißend. Eine Freude beim Zuhören. Es bleibt das Wissen, dass mehr in dem Stück ist. Doch wenn man Pollini und Curzon schätzt, aber oft genug gehört hat, dann ist diese bestimmt erfreulich.

Bertrand Chamayou
(aufgenommen im November 2013)




Ich gebe zu, dass ich beim ersten Hören dieser Aufnahme ziemlich hingerissen war. Beim wiederholten Hören scheint sie mir ein klein wenig zu verlieren. Chamayou erzählt die Geschichte der Wandererfantasie gelassen und kultiviert, vergleichsweise undramatisch. „Im Großem“ wirkt seine Wiedergabe auf mich überlegen und klar. Fündig wird Chamayou eher im Kleinen, unerwartet leise Einsätze reizen zum genauen Hinhören, kurzes Verzögern hier und da zeigt sein bevorzugtes Spielfeld der persönlichen Gestaltung. Sehr schön, sehr hörenswert, mit vielen Anteilen in Richtung der "kraftvollen" Aufnahmen.
Philidor (15.09.2025, 07:59):
Kraftvolle, fast heldische Darstellungen

Neben dem Aufzeigen existenzieller Dramatik oder alternativ der Struktur und Schönheit des Werks gibt es Ansätze, die das Werk grundsätzlich optimistisch lesen. Dies führt zu Herausarbeiten der kraftvollen Aspekte.

Ganz wunderbar und sehr überzeugend ist dies für meine Begriffe Paul Lewis gelungen (siehe oben), aber auch sein Lehrer Alfred Brendel wählte in seinen beiden Aufnahmen für Philips diesen Weg. – Historisch kann man Edwin Fischer, den Lehrer Brendels, als Vorläufer der Idee sehen.

Alfred Brendel
(aufgenommen im November 1971 bzw. im Juli 1988)



1971: 6:08/6:50/4:50/3:30
1988: 6:00/6:31/4:48/3:26

Dass Brendel in seinen beiden Aufnahmen einen kraftvollen Weg wählt, ist am Anfang nicht ganz klar. Ja, die erste Vorstellung des Themas lässt da keine Wünsche offen, doch in der Pianissimo-Wiederholung wird es schon ganz nachdenklich und verhalten, geradezu intim, und bietet im Folgenden viel Zwischenzeiliges. Vor allem in der Durchführung wird sein Ansatz gut erkennbar. – Dass Brendel das anfangs recht verinnerlichte Adagio gut in Fluss hält, unterstützt dies bestens. Kraftvoll wird es dann vor allem im zweiten Ausbruch.

Das Presto nimmt er geradezu stürmisch, und hier erhält die Musik ein ganz anderes Gesicht als in den eleganten, leichten und fröhlichen Lesarten. Ein Gesicht, das dem Stück für meine Begriffe viel besser steht, und mir drängt sich der Eindruck auf, dass man manchmal beweisen könne, dass ein Ansatz falsch ist. (Natürlich ist der Eindruck nicht richtig.) Großartig dann der Schluss.

Guess what – naklar geht es schwungvoll in die Fuge, doch nicht mit voller Fahrt, Brendel lässt Raum für Steigerungen. Raum, den er dann auch nutzt. Einzug in die Schlusstakte im Triumph.

Wo liegen die Unterschiede zwischen beiden Aufnahmen? Meiner Meinung nach sind sie gering. Die ältere präsentiert das Stück vielleicht noch stringenter, noch kohärenter, und arbeitet die kraftvollen Aspekte noch stärker heraus. Dies, obwohl in der jüngeren Einspielung das Adagio sogar von Anfang an zügiger ist und die Ausbrüche darin nivellierter sind (ich will den Einfluss möglicher Unterschiede der Lautstärke beim Hören nicht ausschließen), was den Gesamtzusammenhang stärken könnte. Dennoch ist die Gesamtwirkung des digitalen Remakes auf mich geringer. – Ich ziehe die ältere Aufnahme vor.
Philidor (18.09.2025, 07:53):
Historisches Geflügel

Während bei den Klaviersonaten Beethovens auf historischen Instrumenten mittlerweile ein wenig Auswahl gegeben ist, finden sich bei der Wandererfantasie leider nur zwei Aufnahmen – mit frappierendem Unterschied zwischen den Instrumenten.

Alexander Melnikov
Erschienen 2018
Fortepiano von Alois Graff, etwa 1828–1835



Auf seiner CD „Four Pieces, Four Pianos“ mit Werken von Schubert, Chopin, Liszt und Strawinsky spielt Melnikov die Wandererfantasie auf einem Instrument von Alois Graff, das in der Zeit zwischen 1828 und 1835 erbaut wurde, also kurz nach Schuberts Tod.

Der Ton seines Instrumentes ist längst nicht so kurz wie der Nachbau eines Graf–Flügels, den Viviana Sofronitsky einsetzte. Letzterer ist qua Baujahr historisch korrekter, doch Melnikovs Instruments scheint dem Interpreten deutlich weniger Grenzen aufzuerlegen. Oder Melnikov weiß diese Grenzen besser in Stärken zu verwandeln.

Er ist eilig unterwegs: 5:42/6:02/4:35/3:44 sind zumindest für die ersten beiden Teile rekordverdächtig. Vor allem das Adagio wirkte auf mich ungewohnt zügig. Dabei hat Melnikov genug Zeit, um im Mikrobereich fündig zu werden. Gepaart mit einer überzeugenden Gesamtdramaturgie finde ich das allemal hörenswert.

Was die Zahlen wert sind, zeigt das Finale: Der Papierform ist das Tempo mainstreamig, doch ist die Fuge der verrückteste Abschnitt und wirkt wie ein ironisch-wahnwitziger Kommentar zum Vorangegangenen. Fantastisch.

Eine in meinen Ohren sehr gute Aufnahme, die sich der Kategorisierung in besonderer Weise entzieht. Mag ich.

Viviana Sofronitsky
aufgenommen im Juli 2010
Fortepiano von Paul McNulty nach Conrad Graf op. 319 (1819)



Das ist eine Aufnahme, die exemplarisch zeigt, wie sehr Instrument und Interpretation einander bedingen. Der Ton des verwendeten Fortepianos ist so kurz, dass das Tempo hoch sein muss, um Linien nicht zu isolierten Punktereignissen werden zu lassen. Einfach mal den Anfang des Adagios hören. Oder in der Schlussfuge – da gibt es Akkorde im Diskant, die klingen nach „Plong“, und dann ist der Ton weg. Das scheint nur in hohem Tempo noch zu etwas Sinnvollem zu werden.

Ich mag bei der Wandererfantasie ja tendenziell eher die zupackenden Ansätze und komme hier durchaus auf meine Kosten. Dennoch habe ich hier ein paar Hördurchgänge gebraucht, um die Aufnahme wertzuschätzen. Es ist sehr anders als auf dem Steinway.

Nun bin ich der Versuchung erlegen, die Aufnahme von den Schwächen des Instrumentes her zu beschreiben, welche Defizite gibt es und wie geht die Pianistin notgedrungen damit um. Dabei gibt es auch Neuartiges. Beispielsweise hat das Instrument offenbar die Möglichkeit, einen etwas „verhangenen“ Klang zu erzeugen, und Viviana Sofronitsky macht davon Gebrauch. – Auf der Webseite von Paul McNulty gibt es eine Beschreibung von op. 318 aus dem Hause Conrad Graf, da ist von einem Moderator und einem Doppel-Moderator die Rede. Das wird das wohl sein.

Zu entdecken gibt es freilich vieles, und ich möchte ausdrücklich die Ekstase am Ende des Presto hervorheben. Doch so ganz glücklich bin ich mit der Aufnahme nicht, es ist für mich eher interessant als aufregend. Somit bleibt dies eine exotische Angelegenheit. Komisch, dass gerade die authentischsten Instrumente bisweilen diesen Eindruck hervorrufen.
Philidor (25.09.2025, 07:23):
Umdeutungen und Missverständnisse (Anfang)

Ähem – das könnte Ärger geben. Dass ich mit denjenigen Aufnahmen, die „nur“ die Schönheit des Werks und seine neuartige Architektur offenlegen, nicht ganz einverstanden bin, habe ich ja schon gesagt. Das bedeutet konsequenterweise allerdings, dass ich einige Aufnahmen für geradezu misslungen halte – falsches Konzept. Bei einem Aufsatz würde man „Themaverfehlung“ sagen.

Dabei gibt es wenigstens zwei Fälle:
Jemand riskiert bei vollem Bewusstsein eine Umdeutung des Werkes und spielt an Schuberts Vorgaben eindeutig vorbei. Hier wäre Ugorski mein Kandidat. Eigentlich macht er etwas Ähnliches wie Kissin, er bietet eine völlig neue Lesart. Nur meine ich, dass diese weit weniger überzeugt. Und da ist sie, die Subjektivität. Klar kann ich mir vorstellen, dass Ugorskis Aufnahme für jemanden die Inselplatte schlechthin ist – denn ich finde das Konzept pianistisch hinreißend umgesetzt. (Nur gefällt mir halt das Konzept nicht.) Vermutlich würde dieser imaginäre Musikfreund dann Kissins Aufnahme ablehnen. So ist das halt.
Aufnahmen, die das emotionale Potenzial des Werkes für meine Begriffe völlig unterspielen. Arrau, Rubinstein, Kempff, Schiff, Kirschnereit. Ja, hier werden heilige Kühe geschlachtet. Das ist kein böser Wille, sondern Befund. Ich habe gewarnt …
Nach dem wiederholten Hören dieser Aufnahmen meine ich, dass gerade diese Aufnahmen, die auf hohem und höchstem Niveau scheitern (freilich nur aus meiner bescheidenen Perspektive), Gelegenheit bieten, sich als Hörender weiterzuentwickeln. Manche Aufnahme schlägt uns sofort in ihren Bann und wir geben uns ihrer Anziehung hin, Reflexion unnötig. „Verweile doch …“. Andere tun dies eben nicht, sie irritieren uns geradezu – aber warum? Dem möchte ich nachgehen.

Und, um es nochmal zu sagen: Es sind Missverständnisse nur aus meiner Sicht. Deine Sicht ist vermutlich eine andere. Ich freue mich, wenn Du mich darauf hinweist, welche Stärken der einen oder anderen hier genannten Aufnahme ich überhört habe.

Anatol Ugorski, Klavier
(aufgenommen im September 2012)



Ugorski deutet den ersten Abschnitt um – senza fuoco. Das ist in meiner Wahrnehmung weit entfernt von dem, was Schubert notiert hat. Natürlich kann der Pianist die Vorgaben lesen und verstehen. Wenn er es also anders macht, dann bewusst, und ich frage mich: Was geht bei diesem Ansatz verloren und was tritt an dessen Stelle? Der Schwung ist weg, klar. Doch wie unter einem Vergrößerungsglas erscheinen die Figuren und Abläufe nun neu, sind nicht mehr nur Mosaiksteinchen im großen Bild. Das sehr verhalten gespielte Adagio fügt sich wunderbar in dieses Konzept ein, auch in den Ausbrüchen. Die ersten beiden Teile scheinen dem Presto den Rahmen vorgegeben zu haben: Es bleibt auf der beherrschten Seite, und Ugorski nutzt die lyrischen Abschnitte wieder zu breiterer Darstellung. Dass die Fuge sehr bedächtig anhebt, ist da keine Überraschung mehr.

Ugorski setzt seinen Außenseiter-Ansatz für meine Begriffe sehr überzeugend um, es steht tatsächlich ein neues, in sich stimmiges Ganzes. Das muss man erst einmal können. Einfach etwas anders zu machen, ist kein Problem, dass dieses andere eine innere Stringenz hat, schon. – Mein Geschmack ist es nicht ganz, bei den emotional und äußerlich intensiveren Wiedergaben spricht mich das Werk mehr an.

Claudio Arrau
(aufgenommen im Oktober 1957)



Arrau verzieht virtuell keine Miene im ersten Abschnitt. Das ist ganz wunderbar gespielt, jede Note ist zur richtigen Zeit mit dem richtigen Gewicht an ihrem Platz, zumindest entsteht diese Illusion bei mir, doch es klingt völlig unterkühlt. Tragen die Noten irgendeinen Sinn oder genügen sie sich selbst als „tönend bewegte Formen“? Genauso geht es im Adagio weiter, nur wird es da im Verhältnis zum Grundtempo noch schleppender. Minute um Minute zieht sich das Stück hin und hört nicht auf …

Vielleicht bin ich einfach nicht in der Lage, die aberhundert Abschattierungen zu erkennen und wertzuschätzen und die höchst subtil erzählte Geschichte zu verstehen, ok, dann bin ich halt zu blöd. Doch für mich sind das Meditationen eines Eremiten, der es gelernt hat, seinen Gefühlsregungen zu entsagen. – Dass das Presto sich korrekt und völlig unaufgeregt vollzieht, wird niemanden wundern. Am Ende der Fuge lässt Arrau los – zu spät. Leider.

Artur Rubinstein
(aufgenommen 1965)



Sehr gemessenen Schrittes wandert Rubinstein durch das „Allegro con fuoco, ma non troppo“. Wie viel „Allegro con fuoco“ wäre „troppo“? Und wenn es so ruhig wäre, dass vom „fuoco“ nichts mehr übrigbliebe, wie bei Rubinstein, wäre es dann „richtig“?

Der Beginn des Adagios bringt kaum eine Tempoveränderung … nuff said. Nicht ganz: Das Adagio ist wohl der Höhepunkt der Aufnahme. Herrliches Mini-Rubato, irgendwo zwischen Mozart und Chopin, der Zauber der Andeutung. Dazu fein abgestufte Versionen von Pianissimo. Alles mit Contenance – das ist wohl die Attitüde, die den zweiten Abschnitt mit dem Kopfsatz verbindet. Und so geht es weiter, im Presto, in der Schlussfuge.

Ich denke an die Geschichte, wo ein Vater mit seinem Sohn in den Plattenladen geht. Er greift nach einer Platte mit Artur Rubinstein. Der Sohn sieht das Cover und fragt: „Papa, ist das der liebe Gott?“ – „Aber nein, mein Sohn, das ist doch nur ein Pianist“.

Nein, ich denke nicht, dass ein solcher aristokratischer, distanzierter Zugang zum Kern des Werks führt. Freilich kann man es genau so mögen.
Philidor (25.09.2025, 07:45):
Umdeutungen und Missverständnisse (Fortsetzung und Ende)

Wilhelm Kempff
(aufgenommen 1967?)



Auch bei Kempff kann ich das „con fuoco“ eigentlich nur ahnen. Es klingt eher nach einem gemütlich dahinschreitenden Kraftprotz. – Der Anfang des Adagio ist voll deutscher Mystik. Geheimnis im Nebel. Doch die Abläufe finde ich dynamisch und agogisch gut gestaltet. Bei der ersten Stelle mit Akkorden lässt Kempff abermals die Muskeln spielen. – Das Presto erscheint stark gebremst, auch in seinen Emotionen. Das ist freilich konsistent mit seiner Rolle als Quasi–Reprise des ersten Abschnitts. Es macht das Missverständnis der Auffassung jedoch nur umso deutlicher. Das ist sehr schade, da mir die Gestaltung innerhalb dieses verfehlten Konzepts gut gefällt. – Die Fuge kommt ebenso gehemmt daher.

Emotionale Extremwerte bietet Kempff bestimmt nicht, seine Darstellung des Werks ist beherrscht und kontrolliert, stellenweise wirkt sein Spiel auf mich geradezu dozierend und dogmatisch. Viel feines Klavierspiel, aber für meine Begriffe am Stück vorbei.

András Schiff
aufgenommen im Dezember 1998



Ich schätze András Schiff außerordentlich, zum einen wegen seiner klaren Haltung zu den Vorgängen in seinem Land, zum anderen freilich auch als Musiker. Ob Bach, ob Mozart-Konzerte, da finde ich Etliches hinreißend. Nicht zuletzt auch bei Schubert als Liedbegleiter (mit Peter Schreier) oder kammermusikalisch im Forellenquintett (mit dem Hagen Quartett).

Wie Ugorski widersagt Schiff im ersten Teil einem stürmischen Zugang, ignoriert das „con fuoco“ und sucht nach dem bezaubernden lyrischen Moment. Um es gleich zu sagen: Leider nicht mit so überzeugendem Ergebnis wie Ugorski. Das klingt einfach entkernt, bisweilen auch ein wenig schematisch. Das Drängende ist weg, ok, doch worin das Neue besteht, das Schiff an seine Stelle setzt, wird mir nicht klar. Langweilig. Besser wird es später auch nicht. Eine der unbefriedigendsten Aufnahmen, die ich kenne.

Matthias Kirschnereit
aufgenommen 2012 (?)



Bei aller Dringlichkeit irritiert mich im Allegro con fuoco die Nervosität der Wiedergabe. Von Anfang an. Könnte ein toller Außenseiteransatz sein, denke ich mir, ein Außenseiteransatz ist es auch, mich überzeugt er jedoch schon in der Exposition nicht. Ohne die existenzielle Not fehlt mir der Unstetigkeit die Glaubwürdigkeit.

Den Wunsch, die eine oder andere Blume am Wegesrand ausführlicher zu würdigen, als es dem Zusammenhalt des Werks gut tut, höre ich ebenfalls. Im einleitenden Allegro wie auch im Adagio. Abgesehen davon zieht sich Letzteres für meine Begriffe ziemlich ereignisarm hin. Den Pianissimi mit Triller- und Tremolofiguren fehlt mir das Unheimliche, auch die Akkordstellen im Forte sind kein echter Gegenpol in der Seelenlandschaft.

Da auch Presto und Fuge mehr Kinderszenen als Winterreise sind, ist diese Aufnahme nicht so meins.
Andréjo (25.09.2025, 12:36):
Vielen Dank an Philidor!

Mit dieser veröffentlichungsreifen Serie bekomme ich Lust auf die Wandererfantasie, selbst wenn ich als CDs nur zwei oder drei Aufnahmen finde und - wie schon gesagt, meine ich - bislang der Halbstünder nicht so im Zentrum meines Interesses stand.

Brendel ist auf CD dabei, das weiß ich, und, so glaube ich, noch eine hippe Aufnahme. Dann könnte das Badura-Skoda sein, aber schon wieder bin ich mir überhaupt nicht sicher.

Ich gehöre bei der Klaviermusik von Schubert zu den Spätzündern. Was ich vielleicht auch schon gesagt habe: Ich konnte die Moments Musicaux und die Impromptus als Achtzehnjähriger für mich vollkommen zufriedenstellend klimpern. Dadurch kam noch deutlich später das Interesse an professionellen Produktionen nicht wirklich auf. Erst die letzten zwanzig ist es wieder da - wenn man sich auch theoretisch über Buch und Internet bestens informieren kann. Eigentlich seltsam ...

Kirschnereit hat ja mit den Bambergern den kompletten Mozart gemacht. Die Einspielungen sind sehr passabel und überraschen mit manchen Details. Freilich ist die Konkurrenz riesig und nicht selten halt noch einmal stärker oder renommierter.

:hello Wolfgang
Joe Dvorak (26.09.2025, 07:54):
Vielen Dank an Philidor!

(...) veröffentlichungsreife Serie (...)
So etwas in der Art war ich auch geneigt zu schreiben, bevor mir einfiel, dass das ja schon hier veröffentlicht ist. :thumbsup:

@Philidor Hoechst lesens- und nachdenkenswerter Stoff. Dank auch von mir.