Franz Schubert: Der Erlkönig - "Ein sichtbares Bild"

Rideamus (07.10.2012, 13:14):
Bei der Recherche einer Rätsellösung stieß ich darauf, dass es hier zwar zwei sehr schöne Threads zur FORELLE und zu DIE SCHÖNE MÜLLERIN gibt, aber nur verstreute Bemerkungen zu seinem Opus 1 DER ERLKÖNIG. Ich möchte daher meinen Rätsellösungen vorgreifen und gleich einen eröffnen. Vielleicht lassen sich daran noch weiter Erörterungen anknüpfen, die sonst zu leicht in diversen Sammelthreads verloren gehen könnten.

Der Ursprung von Goethes Ballade ist wohl die dänische Sage vom „Ellerkong“, also dem Elfenkönig, die auch dem Roman „Le roi des aulnes“ von Michel Tournier zugrunde lag, der manchen vielleicht aus der Verfilmung von Volker Schlöndiorff bekannt ist. Goethe hatte sein Gedicht als Liedeinlage für ein Singspiel namens „Die Fischerin“ gedacht, also von Anfang an als Lied konzipiert. So verwundert es nicht, dass es noch mehrfach vertont wurde, etwa von Carl Loewe oder Ludwig Spohr. Auch von Beethoven gibt es Skizzen für eine Vertonung, die er aber nie fertig stellte – vielleicht, weil er Schuberts Vertonung kennen gelernt und für so unübertrefflich gehalten hatte, wie sie meiner unmaßgeblichen Ansicht nach ist. Das belegt auch Franz Liszts vorzügliche Klaviertranskription, die sogar der Transkriptionsablehner Swjatoslav Richter gelten ließ, wie man hier hören kann: "http://www.youtube.com/watch?v=ZYOqmfiKCNE".

Schubert hat wohl lange überlegt, welcher seiner Kompositionen er die Ehre der Bezeichnung als Opus 1 gibt und sich dann für den ERLKÖNIG entschieden, obwohl zum Beispiel das nicht minder reife Opus 2, GRETCHEN AM SPINNRAD, deutlich früher entstand. Es wurde eines seiner populärsten, woran leider Goethe selbst keinen Anteil hatte, der sich auf seinen minder begabten Liedberater Carl Friedrich Zelter verließ, der sich den, damals 19-jährigen, jungen Konkurrenten mit einer geringschätzigen Bewertung vom Hals hielt, hatte er doch selbst eine mehr als harmlose Vertonung geschaffen, wie man hier hören kann: "http://www.youtube.com/watch?v=ErLnhrjZlkk". Schubert, der glaubte, die Ablehnung ginge auf Goethe selbst zurück, trug lebenslang an dieser Kränkung, da er nie mehr erfahren konnte, dass Goethe, als ihm das Lied viel später von Wilhelmine Schröder-Devrient vorgetragen wurde, immerhin mit der Bemerkung lobte: „So vorgetragen, fügt sich das Ganze zu einem sichtbaren Bilde“. Tatsächlich hängt bei Schuberts Lied sehr viel von seinem Vortrag ab.

Die Entstehung des Liedes wurde von Schuberts Gönner Joseph von Spaun, der es auch zusammen mit rund vierzig weiteren Vertonungen von Gedichten Goethes diesem zugesandt hatte, sehr eindrücklich geschildert. Ich zitiere nach Annette Kolbs lesenswerter Schubert-Biographie: „An einem Nachmittage ging ich mit Mayrhofer zu Schubert, der damals bei seinem Vater auf dem Himmelpfortgrunde wohnte. Wir fanden Schubert ganz glühend, den „Erlkönig“ aus dem Buche laut lesend. Er ging mehrmals mit dem Buche auf und ab, plötzlich setzte er sich, und in der kürzesten Zeit stand die herrliche Ballade auf dem Papier. Wir liefen damit, da Schubert kein Klavier besaß, in das Konvikt, und dort wurde der „Erlkönig“ noch am selben Abend gesungen und mit Begeisterung aufgenommen. Der alte Hoforganist Ruziczka spielte ihn dann selbst ohne Gesang in allen Teilen aufmerksam und mit Teilnahme durch und war tief bewegt über die Komposition. Als einige eine mehrmals wiederkehrende Dissonanz („mein Vater, mein Vater, jetzt fasst er mich an – es-f-ges) ausstellen wollten, erklärte Ruziczka, sie auf dem Klavier anklingend, wie sie hier notwendig dem Text entspreche, wie sie vielmehr schön sei und wie glücklich sie sich löse.“

Die musikalische Analyse des Liedes, die mich überfordern würde, überlasse ich gerne Berufeneren

1860 orchestrierte Hector Berlioz Schuberts Lied nach einer sehr freien, aber rhythmisch korrekten französischen Übersetzung eines gewissen Edouard Bouscatel und brachte seine Version noch im selben Jahr in Baden Baden zur Aufführung. Eine bessere kann hier in einer sehr beeindruckenden Interpretation von Georges Thill mit einem Orchester unter der Leitung von Georges Etcheverry hören. Eine originelle Lösung ist der Einsatz einer Jungenstimme für das Kind. "http://www.youtube.com/watch?v=p6WFRrtDKGY".

Ich weiß nicht, was Berlioz motivierte, dieses Lied zu orchestrieren, abgesehen von seiner offensichtlichen Qualität, die danach zu schreien scheint (womit nichts gegen Schuberts fantastischen Klavierpartv gesagt sein soll). Dass er aber seinen Schubert kannte und ihn sehr schätzte, ergibt sich unter anderem aus folgender Anekdote, die Berlioz genüsslich erzählte: „Eines Abends wurde in einem Salon ein Lied unter dem Namen Schuberts aufgeführt. Zum Publikum zählte ein Musikliebhaber, der einen frommen Abscheu gegenüber meiner Musik empfand. ‚Wundervoll, rief era us. Das ist mal wirklich eine Melodie voller Gefühl, Klarheit und Verstand! Berlioz hätte so etwas nie komponieren können!” Tatsächlich handelte es sich bei dem Stück um Cellinis Arie aus dem zweiten Akt der Oper, die seinen Namen trägt.” Dass sie auch Berlioz‘ Namen trug, brauchte er nicht hinzuzufügen.

Wie schon gesagt, ist dies eines jener Lieder, die besonders stark von einem großartigen Vortrag profitieren. Als Liebhaber von Orchesterliedern lernte Berlioz‘ Bearbeitung durch diese hervorragende cd kennen, die auch eine (schwächere) Orchestration desselben Liedes von Max Reger enthält:



Anne Sofie von Otters Vortrag des Liedes gefiel mir schon sehr, aber als ich diese Version von Thomas Allen unter der Leitung von Charles Mackerras hörte, war ich nur noch hingerissen: "http://www.youtube.com/watch?v=sTYqFzps0i4". Leider ist das Lied nicht in Thomas Allens Sammlung von Schubert-Liedern enthalten, die aber nichtsdestoweniger bei dieser Gelegenheit empfohlen sei:



Erwähnt sei noch eine weitere, extrem freie Bearbeitung des „Erlkönig“, die Hans Werner Henze unter dem Titel „Le fils de l’air“ komponierte. Sie findet sich auf dieser Platte, die ich aber nur von dem Hörschnipsel kenne. Ich danke Mauerblümchen für den Hinweis darauf.



Nun zu Euch: welche Originalfassung des Liedes gefällt Euch am besten?

:hello Rideamus

PS: im CAPRICCIO-Forum wurde ich darauf aufmerksam gemacht, dass die Anekdoten zur Entstehung des Liedes und zu Zelters Ablehnung pure Legendenbildung sind. Das ist wohl tatsächlich so, aber um solkche Legenden zu widerlegen muss man sie erst einmal ansprechen. Deswegen lasse ich sie hier bewusst so stehen.
Heike (07.10.2012, 21:06):
Sehr interessant, ich habe mich noch nie mit der Entstehung dieses Liedes bzw. den Versionen befasst. Ich mag ohnehin am liebsten die Klavierfassung von Schubert.
Danke für die vielen Links, die ich sehr informativ finde.

Viel mehr als die Musik fasziniert mich von jeher der Text des Erlkönigs, der mich schon als Kind ungeheuer gegruselt und beschäftigt hat. Aber wenn ich nur an das Schubertlied DENKE, dann habe ich sofort nachhaltig einige Figuren ohrwurmartig dazu im Kopf, die mir so eindringlich sind, dass man sie nicht mehr loswird (besonders zB das Anfangs- Bassmotiv der linken Hand).
Heike
Severina (07.10.2012, 23:06):
Lieber Rideamus,

vielen Dank für diese fundierte Einführung! Ich besitze den "Erlkönig" nur in einer Einspielung, mit der ich aber sehr zufrieden bin:


lg Severina :hello
Rideamus (09.10.2012, 09:56):
Mit Dank an die Hinweisgeberin: hier ist ein weiteres Beispiel für einen Vortrag des ERLKÖNIG mit verteilten Rollen aus dem Münchener Cuvillés-Theater. Der Erzähler und Erlkönig ist diesmal der Tenor Francisco Araiza. Die Instrumentation stammt diesmal von Franz Lisz. Ich finde interessant, wo und wie er von Berlioz abweicht, obwohl er ihm im Großen und Ganzen recht nahe kommt.

http://www.youtube.com/watch?v=u0O9Kl8xRBk

:hello Rideamus
abendroth (09.10.2012, 21:08):
http://www.youtube.com/watch?v=UWNCbpwC-PQ
Ganz scheusslich finde ich die Transkription für Solovioline von Heinrich Wilhelm Ernst (obwohl Hilary Hahn im youtubelink das beste daraus macht).