Französische Komponisten aus der Epoche der Klassik
ab (23.03.2009, 00:26): Kürzlich hörte ich im Konzert eine Bearbeitung für Bläserphilharmonie einer "Ouvertüre in C" von Charles Simon Catel. Dadurch wurde mir schlagartig zum allerersten Mal bewusst, dass ich nicht nur eine Wissenslücke in puncto französischer Komponisten aus der Epoche der Klassik habe, sondern auch, dass mir solche peinlicherweise bislang nicht einmal abgegangen sind.
Als einziger Komponist aus Paris aus der Klassik-Zeit fiele mir spontan Luigi Cherubini ein, und der stammt ja ursprünglich aus Florenz.
Wer sind sie also, die französischen Komponisten der Klassik-Epoche? Was zeichnet sie aus? Welche davon sind interessant(er)?
Wer kann mir auf die Sprünge helfen?
Danke!
Sarastro (23.03.2009, 23:16): Hallo ab, von französischen Meistern aus der Zeit der Klassik kenne ich leider nur wenig, aber vielleicht können Dir die folgenden Angaben ein wenig weiterhelfen, Auf dieser Doppel-CD der Cappella Coloniensis (ich habe eine Ausgabe mit identischem Programm vom selben Label WDR, aber anderem Cover und abweichendem Titel „Sinfonien der Mozart-Zeit of the Mozart Era“ (sic), ist von François-Joseph Gossec (1734-1829) die Symphonie B-Dur op. 6 Nr. 6 und von einem mir sonst völlig unbekannten Antoine Mahaut (ca. 1720-ca. 1785) die Streichersymphonie Nr. 4 c-Moll mitenthalten. Den letzteren als Zeitgenossen Mozarts und der Klassik zu bezeichnen, geht aber wohl auch nur wegen der Lebensdaten; das in besagter Aufnahme eingespielte kurze dreisätzige, Werk kann jedenfalls aus stilistischen Gründen kaum später als in den 50er Jahren entstanden sein (die mir vorliegende CD hat leider kein Booklet):
Weitaus interessanter und ansprechender ist zweifellos die genannte Symphonie von Gossec mit fünf(!) Sätzen: I. Allegro molto; II. Larghetto poco lento; III. Largo con sordini; IV. Fuga: Menuetto I, II. Stilistisch ebenfalls ein Frühwerk; nach meinem Konzertführer Orchestermusik 1650-1800, Leipzig 1991, 273 um 1762 entstanden (auf die 60er Jahre hatte ich dem Stil nach sowieso getippt). Zwei dreisätzige Symphonien von Gossec (op. 12 Nr. 4 B-Dur; op. 12 Nr. 2 G-Dur) sowie drei Symphonien des in Frankreich wirkenden gebürtige Mannheimers Franz Ignaz Beck (1734-1809) sind bei Naxos eingespielt worden. Bei jpc werden mehrere Werke von Gossec angeboten, leider fast durchwegs im Hochpreisbereich. Gossec war bis gegen Ende des Jahrhunderts aktiv und komponierte auch etliche Revolutionsmusik (kenne ich nicht, und ich weiß auch ehrlich gesagt nicht, ob ich das kennen will ...).
Reizvoll sind die in Instrumentation und Melodik mozartesk anmutenden, recht virtuos wirkenden Violinkonzerte von Joseph Boulogne, Chevalier de Saint-Georges (ca. 1745-1799). Der Komponist war der Sohn eines französischen Kolonialpflanzers und einer senegalesischen Sklavin. Um 1749 ließ sich seine Familie in Paris nieder. Saint-Georges tat sich als Athlet, Schwertkämpfer, Violinvirtuose und Dirigent hervor. Die meisten seiner Instrumentalkompositionen, darunter mehrere Violonkonzerte, wurden zwischen 1772 und 1779 in Paris gedruckt, also gerade die Zeit, als auch Mozart im letzteren Genre aktiv war. Bei Naxos gibt es die Violinkonzerte auf 2 CDs (ich habe derzeit leider nur die zweite davon, mit Qian Zhou und der Toronto Camerata); im Booklet heißt es zum Konzert Nr. 10 G-Dur immerhin: „Das brillante Werk ist eines der attraktivsten und vorzüglichsten Violinkonzerte seiner Zeit. Mozart hätte sicher viele bewundernswerte Dinge darin entdeckt, wenn er Saint-Georges während seines Aufenthalts in Paris von 1778 hätte spielen hören“.
Zu nennen wäre auch Francois Devienne (1759-1803), der sich vor allem als Flötenkomponist einen Namen machte (Werke in verschiedenen Besetzungen).
Gar nichts aus eigener Erfahrung sagen kann ich zu André Ernest Modeste Grétry (1741-1813), der als bedeutender französischer Opernkomponist gilt.
Jetzt hätte ich doch fast den berühmten Geigenvirtuosen Giovanni Battista Viotti (1755-1824) vergessen. Der Piemontese ging 1782 nach Paris; im Zuge der Revolution verließ er die Stadt 1792 und ging nach London. Später trat er dann noch gelegentlich in Paris auf. Bei jpc gibt´s zahlreiche Werke von ihm. Ich hatte mal vor Jahren ein Violinkonzert vom Radio auf Kassette aufgenommen, konnte mich damit aber nicht recht anfreunden (vielleicht sollte ich ihm nochmal eine Chance geben).
Na, und Étienne-Nicolas Méhul (1763-1817) sollte auch erwähnt werden, wie Gossec ein Komponist der Französischen Revolution. In "Wikipedia" heißt es zu ihm: "Auf ihn gehen einige kühne Neuerungen in der Orchestrierung zurück, und Méhul gilt als Pionier in der Verwendung von Leitmotiven. Méhuls Meisterschaft im Umgang mit sinfonischen Formen und rein orchestralen Werken kommt bereits in den Ouvertüren zu seinen Opern zum Ausdruck. Aus Ludwig van Beethovens Briefen ist zu ersehen, dass er den Kompositionen Méhuls großes Interesse entgegengebracht hat; der Einfluss des Franzosen auf seine Oper Fidelio ist unverkennbar."
Hör´ mal hier rein, da gibt es bei jpc es günstig zwei Méhul-Symphonien: Ich kann mir in der Tat vorstellen, daß Beethoven daran Gefallen gefunden hat.
Das wär´s füs erste!
Schöne Grüße, Sarastro
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Poztupimi (25.03.2009, 20:14): Hallo ab,
eine gute Frage, die kann ich so eigentlich auch stellen.
Wenn ich als Geburtsjahr frühestens 1700 ansetze und mal rechne, daß spätestens die ab 1800 geborenen schon eher in die Romantik zu zählen sind (Berlioz 1803, Mendelssohn 1809) bleibt bei einem Blick in meine DB, in der alle Komponisten auftauchen sollten, die wenigstens mit einem Stück oder einer Arie etc. auf einem meiner Tonträger vertreten sind, 115 Komponisten (angefangen 1699 bei Hasse – der übrigens heute Geburtstag hat – und endend 1799 bei Halevy), die in dem z.B. bei wikipedia genannten Zeitaum der "Wiener Klassik" (ca. 1780–1827) koponiert haben könnten.
Vielleicht fällt der 1799 geborene Halévy gerade noch in die Klassik, bleiben bei mir außerdem noch:
Daniel-François-Esprit Auber (1782-1871) François-Adrien Boildieu (1775-1834) Pierre Rode (1774-1830) Etienne Nicolas Méhul (1763-1817) Claude Joseph Reouget de Lisle (1760-1836) François Joseph Gossec (1734-1829) (ich hoffe, die sind jetzt wirklich alle auch Franzosen)
Und lediglich von Auber (Manon Lescaut), Halevy (La Juive) und Rode (Violinkonzerte Nr. 7, 10, 13) besitze ich mindestens ein/e Werk/CD.
Ich werde also mal aufmerksam verfolgen, welche Empfehlungen über die von Sarastro genannten hinaus noch so kommen.
Viele Grüße, Wolfgang
Sully (09.11.2011, 13:30): Hallo,
Sarastro hat ihn schon namentlich erwähnt : François Devienne (1759-1803).
Seine Biographie ist nachzulesen in Wikipedia unter http://de.wikipedia.org/wiki/Fran%C3%A7ois_Devienne
Devienne komponierte auch 5 Fagott-Konzerte.
Ein Genuss sind die 4 Fagott-Konzerte auf dieser CD:
Gruss Sully
Sully (09.11.2011, 13:57): Hallo,
ein weiterer ziemlich unbekannter fanzösischer Komponist ist Alexis de Castillon (1838-1873)
Kurzbiographie aus http://www.klassika.info Bei Alexis de Castillon handelt es sich um einen französischen Komponisten des 19. Jahrhunderts, der mit Camille Saint-Saëns bekannt war. Bereits in der Jugend erhielt er eine umfassende musikalische Ausbildung. Im Jahre 1856 wurde er zur Militärakademie in Saint Cyr gesendet und widmete sich nach dem Ende des Militärdienstes 1861 dem Komponieren. Er ist ein Schüler C. Delioux, César Francks und Victor Massés. Joël-Marie Fauquet stellt die formalistische Tendenz der Kompositionen dar, welche sich durch die Originalität, die besonders in der Violinsonate op. 6 und dem Klavierquartett op. 7 erkennbar sei, auszeichneten. Die Klavierwerke, beispielsweise Cinq Pièces dans le style ancien op. 9, weisen teilweise eine archaische Gestaltung auf. Mit Saint-Saëns gründete er die Société Nationale de Musique. Er versuchte vergeblich, sich mit der Aufführung des Piano Concertos op. 12, das Saint-Saëns gewidmet war, im Rahmen der Pasdeloup’s Concerts Populaires zu etablieren. Seine Kompositionen umfassten hauptsächlich kammermusikalische Werke, Symphonien und Vokalmusik, jedoch keine Opern. Alexis Castillon wurde erst posthum aufgrund seiner formalen und melodischen Innovation und der Modifikation des klassischen Tonalitätsplans erfolgreich. Für die Schüler César Francks stellte er besonders aufgrund der groß angelegten Form ein Vorbild dar.
Eine sehr empfehlenswerte CD ist:
Sein Pianokonzert von 1871 auf dieser CD ist für mich ein Genuss. Er hat es Camille Saint-Saëns gewidmet.
Interpreten: Aldo Ciccolini Piano; Monte Carlo Philharmonic Orchestra, cond. Georges Pretre Aufgenommen 1986; CD 1992